Trance - Veronika Serwotka - E-Book

Trance E-Book

Veronika Serwotka

0,0

Beschreibung

Eine dystopische Welt, die kein Erbarmen zeigt. Eine Regierung, die sich selbst betrügt. Eine Frau, die die Zeit befreit. Warum wir damals unter die Erde flüchten mussten, weiß heute niemand mehr. Wir besitzen nur noch Legenden – und unsere Existenz. Unsere Erinnerungen, unsere Identität, unsere Lebenslust tauschten wir gegen kleine weiße Tabletten ein. Ein Medikament, das sich Elysium nennt und zwar ewiges Leben verleiht, uns jedoch in eine Art Trance fallen ließ. Doch als ich das Tagebuch finde, verändert sich für mich alles. Ich stelle wieder Fragen. Wer bin ich? Warum wollte ich vergessen? Wer tut uns all das hier an? Ich heiße Kimberly. Und ich bin aus der Trance erwacht.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 434

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Jessica Strang

Stapenhorststraße 15

33615 Bielefeld

www.tagträumerverlag.de

E-Mail: [email protected]

Buchsatz: Laura Nickel

Lektorat/ Korrektorat: Martina König

Umschlaggestaltung: Asuka Lionera

www.asuka-lionera.de/wordpress/

Bildmaterial: © Shutterstock.com

Illustrationen: © Shutterstock.com

Druck: Printed in Germany

ISBN: 978-3-946843-24-5

Alle Rechte vorbehalten

© Tagträumer Verlag 2018

Veronika Serwotka & Laura Schmolke

Die Autoren

Veronika Carver ist 25 Jahre alt, gelernte medizinisch-technische Analytikerin der Funktionsdiagnostik und studierte Drehbuchautorin. Sie wohnt mit ihrer Frau und zwei Hunden in einem kleinen Dorf bei Tübingen, wo sie teils als MTAF, teils als Autorin arbeitet. Sie hat einige Semester Deutsch und Biologie auf Lehramt studiert, bis sie sich entschlossen hat, sich ausgiebiger mit dem Schreiben zu beschäftigen.

Laura Schmolke wurde 1994 in Burghausen, Bayern, geboren. Inzwischen studiert sie Psychologie in Bamberg und hat vor, im Sommer die Approbationsausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin zu beginnen. Geschichte schreibt sie seit ihrem zehnten Lebensjahr. Fünf ihrer Fantasy-Romane wurden bisher veröffentlicht.

Prolog

Cold wings rustle

As the angel’s wings hustle

Yet only to guide you

Into something new

(Tasmin Carver: Oh Seraphin!)

Niemand weiß mehr, was genau in der Nacht geschah, in der sie uns das Licht stahlen. Uns unter die Erde verbannten, in dieses düstere, nächtliche Dasein, in dem ein Tag dem anderen gleicht und wir wie Schatten durch die Zeit huschen.

Es gibt nur Legenden.

Wie so oft sind sie der Staub, der von dem großen Feuer übrig blieb.

Manche sagen, die Oberweltler seien riesige Bestien. Raubkatzen von einem anderen Planeten, die eines Tages plötzlich auftauchten.

Andere erzählen, sie seien spinnenhafte Kreaturen, die die Menschen in ihren unsichtbaren Netzen fingen und sie zum Abendbrot verspeisten.

Und dann gibt es noch die Theorie von den kleinen grünen Männchen, die aufgrund ihrer hohen Intelligenz die menschliche Rasse unter die Erde drängten, sie zu Gefangenen machten.

Zu Unterweltlern.

Wie viel Wahres in diesen Legenden steckt, weiß ich nicht. Vermutlich nicht sehr viel. Denn nur wenige von uns lebten damals schon. Und die, die es taten, erinnern sich kaum noch.

Sicher ist nur, dass wir uns mit dem Leben hier unten abfinden mussten. Denn egal, um was für Wesen es sich bei den Oberweltlern tatsächlich handelt, fest steht, dass sie gefährlich sind.

Deswegen verstecken wir uns hier. Und warten.

Worauf, wissen wir nicht mehr genau.

Vielleicht auf ein Wunder.

Vielleicht auch einfach nur darauf, dass die Tage vergehen.

Die Zeit ist eine träge graue Masse, die festhält und klebt wie zäher Sirup. Sie begleitet jeden Schritt, wacht über jede Bewegung und ist doch nur ein leises Ticken im Hintergrund. Nichts Weltbewegendes mehr, so wie früher. Der Menschen vernichtende Sturm ist zu einer sanften Brise geworden, gezähmt und betrogen.

1.

Deine Augen schau’n mich müde an,

völlig ausgelaugt und leer.

Bist ausrangiert schon viel zu lang,

kein Funken Glut, kein bisschen Feuer mehr.

(Schandmaul: Ein Stück vom Regenbogen)

Wie jeden Nachmittag sitze ich auf dem kalten grauen Boden, die Beine eng an den Körper gezogen und den Kopf auf die Knie gebettet. Und wie jeden Nachmittag beobachte ich die leise glucksenden Wellen des unterirdischen Kanals.

Ich kann die Geräusche der Stadt hören: das Hupen der Autos, das Brummen der großen Fabriken. Aber hier wirkt alles so weit weg.

Das Licht der grellen Lampen an den Wänden fängt sich in dem dunklen Wasser und zeichnet verworrene Muster an die hohe Decke.

Früher habe ich diesen Platz wunderschön gefunden. Ich habe eine Art Magie gespürt, ein tiefes Kribbeln in meiner Brust, das mir die Einsamkeit und die Geborgenheit dieses Ortes geschenkt haben.

Aber wenn man über Jahrzehnte, Jahrhunderte hinweg jeden Tag hierherkommt, erlischt der Zauber.

Ja, irgendwann erlischt jeder Zauber. Auch wenn man verzweifelt versucht, ihn festzuhalten, mit sich zu tragen und nie loszulassen.

Doch das ist der Preis.

Die Tage verschwimmen und werden zu einer grauen Masse. Gleich den Wellen im Kanal, plätschern sie träge vor sich hin, ohne ein klares Ziel.

Arbeiten. Das ist alles, was wir noch tun.

Was sollten wir auch sonst machen?

Wir haben alles gesehen, alles gehört, und doch hat es keine glücklicheren Menschen aus uns gemacht. Das einzige Glück, das wir noch haben, ist Elysium.

Das Medikament verhindert, dass unsere Zellen altern, hält uns auf ewig jung. Es nimmt uns die Angst vor dem Tod und gibt uns den Mut, zu leben.

Mehr brauchen wir nicht.

Und auf mehr können wir auch nicht hoffen.

Ich summe leise, ohne zu wissen, welches Lied. Ich kenne so viele.

Ich beuge mich ein wenig vor und tauche meine Hand in das kühle Wasser. Betrachte das verschwommene Spiegelbild eines Mädchens mit langen schwarzen Haaren und grünen Augen, das eigentlich längst kein Mädchen mehr ist.

Nie hätte ich gedacht, dass noch etwas passieren würde. Dass sich alles ändern könnte. Denn zu lange schon lebe ich mein Leben, sehe den Zeigern der Uhr zu, wie sie sich drehen, scheinbar so endlos langsam und doch in Wahrheit schneller und schneller, ohne je etwas zu bewirken.

Aber heute ist da dieser Mann.

Das Wasser um seinen Körper ist rot gefärbt, lange Schlieren ziehen sich aus einer dunklen Wunde an seiner Brust. Seine blauen Augen sind weit aufgerissen und auf einen verborgenen Punkt an der Decke gerichtet.

Ein Arm ist ausgestreckt, als erwarte der Mann jemanden, den er an sich drücken kann. Doch der entsetzte Ausdruck in seinen Augen, der aufgerissene Mund sagen etwas anderes.

Der Mann ist tot, zweifellos.

Aber das ist nicht das Schlimmste.

Ich sehe die Falten. Das schlohweiße Haar, die runzeligen Hände.

Es dauert einige Sekunden, bis ich es realisiere. Dann springe ich auf und weiche so weit wie möglich zurück, bis ich mit dem Rücken an die Wand stoße.

Dieser Mann ist nicht nur tot, er ist alt.

Noch niemals in meinem ganzen langen Leben habe ich einen alten Menschen gesehen. Tote Menschen, ja. Aber niemanden mit Falten im Gesicht und weißen Haaren. Mit dünnen, gebrechlichen Beinen und verschrumpelter Haut.

Dieser fremdartige Körper weckt eine seltsame Faszination in mir, der Anblick des Mannes stößt etwas an, tief in meinem Inneren, ohne es jedoch an die Oberfläche zu holen. Eine Weile kann ich nur reglos verharren und zusehen, wie der alte Mann im ruhig plätschernden Kanal weitertreibt. Fast wirkt es friedlich, wie er von den Wellen fortgetragen wird. Wohin seine Reise ihn wohl führt?

Ich trete einen Schritt vor, näher an den Kanal heran. Meine Knie fühlen sich ganz weich an. Wie von selbst setzen meine Beine sich in Bewegung, folgen dem Mann. Der Gedanke, ihn einfach in diesem schmutzigen Wasser zu lassen, umgeben von seinem eigenen Blut, erscheint mir auf einmal unerträglich.

Ja, er ist tot, und vermutlich macht es für ihn keinen Unterschied. Aber wenn ich irgendwann sterben sollte … Allein der Gedanke lässt mein Herz schneller schlagen und auf meiner Brust liegt auf einmal ein Gewicht, das mir das Atmen schwer macht.

Es dauert einige Augenblicke, bis ich mich so weit beruhige, dass ich wieder vortrete, mich hinknie und versuche, den Mann aus dem Kanal zu ziehen.

Er trägt einen blauen Mantel mit goldenen Knöpfen. Sein weißes Leinenhemd ist mit Wasser und Blut vollgesogen. Aus seiner Brust, direkt über dem Herzen, quillt es noch immer rot aus einer sauberen Schusswunde.

Ich wuchte den schweren Körper neben mich auf den Steinboden und einige Herzschläge lang kann ich ihn einfach nur anstarren. In meinem Kopf wirbeln die Gedanken, versuchen, an die Oberfläche zu kommen, und entziehen sich doch knapp meinem Bewusstsein.

Mit zitternden Händen schließe ich dem Mann die Augen. Gern würde ich ihm jetzt ein Gebet sprechen, irgendwie Anteil an seinem Schicksal nehmen. Aber ich glaube nicht an einen Gott und deswegen kommt mir keine Bitte an ihn über die Lippen.

»Mögest du Frieden finden«, sage ich deshalb nur. Ich weiß selbst, wie abgedroschen und künstlich diese Worte klingen. Aber sie sind besser als nichts.

Ich überlege gerade, was ich nun mit dem Mann machen soll, als ich bemerke, dass eine seiner Manteltaschen ungewöhnlich ausgebeult ist.

Vielleicht hätte ich wirklich gehen sollen. Die Ruhe eines Toten stört man nicht.

Außerdem ist dieser Mann alt. Vielleicht hat Elysium nicht gewirkt, weil seine Zellen von einer seltenen Krankheit befallen sind. Von so etwas habe ich schon mal gehört, aber genau erinnern kann ich mich nicht daran.

Dennoch ist meine Neugier größer als meine Vernunft. Schließlich passiert nicht alle Tage etwas Unerwartetes.

Ich stecke mir eine Haarsträhne in den Mund und kaue darauf herum. Dann schiebe ich meine klammen Finger in die Tasche des Mannes und taste vorsichtig, bis ich auf etwas Hartes stoße.

Meine Finger zittern, als ich den Gegenstand vorsichtig herausziehe. Er ist halbherzig in eine weiße Tüte gewickelt und ich brauche einige Augenblicke, bis ich ihn daraus befreien kann. Dann erkenne ich, um was es sich handelt: ein Buch. Der Umschlag ist hellblau und das Wasser, das in die Tüte eingedrungen ist, hat ihn schmutzig und die Blätter wellig gemacht.

Immer wieder drehe ich meinen Fund in den Händen. Es steht kein Titel darauf, doch als ich es aufschlage, sind die einzelnen Seiten eng in einer ordentlichen schrägen Handschrift beschrieben. Teilweise hat das Wasser sie verwaschen, doch größtenteils ist sie noch lesbar.

Ich will mich gerade daranmachen, die erste Seite zu entziffern, als ich Schritte höre. Schnell schiebe ich das Buch in die Innentasche meiner Jacke und springe auf.

Seltsam. Normalerweise ist dieser Ort verlassen. Niemand nimmt den anstrengenden Weg auf sich, um hierherzulangen.

Aber normalerweise treiben auch keine Leichen im Kanal.

Panisch sehe ich mich um. Hier gibt es nur einen einzigen Fluchtweg in Richtung Stadt und einen schmalen Steg am Kanal entlang. Ohne lange zu zögern, wage ich mich auf den Steg und taste mich eng an die Wand gedrückt vorwärts, bis der Kanal mitsamt Steg eine leichte Biegung macht und ich hinter der Kurve in Deckung gehen kann.

Die Schritte kommen näher.

»Komm schnell!«, ruft jemand. Ein Mann.

Wieder hastige Schritte. Dann folgt Stille.

»Ist er tot?«, fragt eine zweite männliche Stimme.

»Sieht ganz so aus«, stellt der Erste fest.

Eine Weile schweigen sie beide, vermutlich untersuchen sie den toten Mann.

Vorsichtig krieche ich ein wenig vor und luge um die Ecke. Zwei Männer in grauen Anzügen beugen sich über die Leiche und betrachten sie.

Unwillkürlich beschleunigt sich mein Atem.

Grauhemden. Männer der Regierung. Wenn sie mich hier finden, kann ich mit einer Menge Ärger rechnen. Oder mit einem einfachen Schuss in die Brust.

»Zieh den Ärmel nach oben und sieh nach, ob er einer von ihnen ist«, befiehlt einer der Grauhemden seinem Kollegen. Dann wendet er sich um und lässt den Blick über die kahlen Mauern und die grellen Lampen schweifen. Schnell kauere ich mich hin und ziehe den Kopf zwischen die Schultern. Direkt unter mir plätschert verheißungsvoll das Wasser des Kanals. Im Notfall könnte ich springen.

»Der Engel …«, flüstert einer der beiden Männer ehrfürchtig.

»Also ist er tatsächlich einer von ihnen«, stellt der andere nüchtern fest. »Durchsuch seine Taschen. Dann bringen wir ihn weg.«

»Aber was ist mit den anderen, die von ihm wissen? Jemand muss ihn aus dem Wasser gezogen haben. Und vor allem muss ihn jemand umgebracht haben …«

Kurz herrscht Schweigen.

»Er kann noch nicht lange hier liegen. Trotzdem macht es keinen Sinn, nach demjenigen zu suchen, der ihn rausgeholt hat. Immerhin könnte dieser längst zurück in der Stadt sein, und dort haben wir keine Chance, ihn zu finden. Und was den betrifft, der ihn erschossen hat … um den mache ich mir keine Sorgen. Schließlich scheint er unsere Engel auch nicht sonderlich zu mögen. Oder das war eines dieser verfluchten Monster … Irgendwas in den Taschen?«

Monster … Das Wort brennt sich in meine Gedanken, berührt die beinahe vergessenen Legenden aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt.

»Nein.«

»Dann hilf mir, ihn zum Auto zu bringen. Morgen durchsuchen wir die Gegend südlich der Stadt nach dem Rest. Wenn sie wach sind, machen sie zu viel Ärger.«

Als sich die Schritte entfernen, riskiere ich noch einen Blick. Der alte Mann hängt in den Armen der Grauhemden und wird gnadenlos mitgeschleift. Einer seiner Arme baumelt herab und da der Ärmel des Mantels hochgeschoben ist, erkenne ich auf seinem Unterarm ein Tattoo. Das schwarze Bild eines Engels. Und darüber … nackte, leere Haut. Keine Narben.

Ich schiebe meine zerschlissene Jacke ein Stück nach oben, betrachtete die unzähligen weiß vernarbten Einstichstellen. Als ich mich von diesem Anblick losreiße und noch einmal um die Ecke spähe, sind die Grauhemden mitsamt dem alten Mann verschwunden.

»Engel«, flüstere ich ehrfürchtig. Das Wort stößt Erinnerungen an, die irgendwo in meinen Gedanken vergraben sind. Doch es hat nicht genug Macht, sie heraufzubefördern. Ich weiß nur, dass meine Mutter mir früher von Engeln erzählte. Dass sie wunderschön sein sollen. Und dass ich selbst mal einer war. Vor langer Zeit. Bevor ich mit dem Nähen begann. Denn Engel können schließlich fliegen, oder etwa nicht?

Es dauert einige Zeit, bis ich mich aus meinem Versteck wage. Immer wieder bleibe ich stehen und sehe mich um, denn zwei Grauhemden kommen selten allein. Und doch scheint es, als hätten gerade diese beiden keine Verstärkung mitgebracht.

Während ich langsam zurück in Richtung Stadt schlendere, fühle ich eine Art Erleichterung, nicht entdeckt worden zu sein. Was habe ich mir nur dabei gedacht, diesen Mann aus dem Kanal zu ziehen? Es wäre viel einfacher gewesen, ihn weitertreiben zu lassen. Und nicht zu riskieren, dass sich etwas ändert. Mich nicht in Gefahr zu bringen.

Hatte ich Angst? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist das, was ich jetzt gerade wahrnehme, gar keine Erleichterung, sondern nur ein schwacher Widerhall davon.

Ich lebe schon so lange, dass die Gefühle ihre Intensität verloren haben. Dass die Gedanken vor sich hin plätschern, ein nie abreißender Fluss, der keine neuen Erkenntnisse mehr bringt. Dass ich manchmal schreiend aufwache und mich frage, wo all die Tage hin verschwunden sind. Aber es ist egal, dass sie so schnell und monoton vergehen. Denn es liegen noch ebenso viele vor mir. Mindestens.

Ich steige die endlosen Stufen zur Stadt hinab und merke, wie sich die Luft verändert. Sie wird wärmer. Erzählt Geschichten von qualmenden Schornsteinen, rumpelnden U-Bahnen und eng aneinandergepressten Leibern. Geschichten von grauen Tagen ohne Sonne und voll von Gleichgültigkeit.

Ich bin ein Teil dieser Geschichten geworden.

Und das, obwohl ich früher ein Engel war.

Ja, früher konnte ich fliegen. Aber die schillernden Erinnerungen verblassen mit jedem Tag mehr. Oft wünsche ich, ich könnte sie irgendwie festhalten. Doch im Grunde ist es egal. Denn Erinnerungen sind nicht wichtig. Sie erzählen von vergangenen Ereignissen, die man nie wieder zurückholen kann.

Trotzdem schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht, als ich versuche, zurückzudenken. An grelles Scheinwerferlicht, leuchtende Augen im Publikum. An das Kribbeln in meinem Bauch, teils ängstlich, teils aufregend, als ich mich immer höher hinaufschwinge. Manchmal spüre ich das glatte Holz des Trapezes in meinen Händen. Dann schließe ich die Augen und erlebe den Moment, in dem ich loslasse. Meterweit durch die Luft segele. Ich trage einen engen grün-goldenen Gymnastikanzug und mein langes Haar ist wie immer zu einem Dutt zusammengefasst. Ich fühle den Wind und die bewundernden Blicke der Menschen. Spüre, wie sie alle die Luft anhalten, bis ich das nächste Trapez zu fassen bekomme.

Aber irgendwann ist das Leuchten in den Augen der Menschen verschwunden. Ihre Anteilnahme, ihre Begeisterung. Zuletzt sind schließlich die Menschen selbst ausgeblieben. Zu sehr waren sie gefangen in ihrem Alltag, in ihrer Teilnahmslosigkeit. Zu grau war ihre Realität, um die leuchtenden Farben im Zirkus zu ertragen.

Ich habe den Job als Näherin angenommen. Seitdem arbeite ich jeden Tag zwölf Stunden. Es macht mir nichts aus. Ich habe schließlich Zeit und wüsste sowieso nicht, was ich sonst tun sollte.

Wie immer achte ich kaum auf den Weg, so vertraut ist er mir inzwischen. Erst als ich um eine enge Kurve biege, erwache ich kurz aus meinen Tagträumen.

Vor mir erhebt sich die Stadt. Ihre düsteren grauen Fabriken recken sich in die Höhe, Rauch drängt sich aus Schornsteinen, nur um schließlich wieder in den breiten Schächten, die in die Decke eingelassen sind, zu verschwinden.

Unzählige steinerne Fassaden von Hochhäusern lassen nur schmale Gassen. Ich erinnere mich noch schwach daran, dass ich früher, wenn ich hindurchgegangen bin, den Kopf in den Nacken gelegt habe. Ich habe nach dem Himmel gesucht.

Aber hier gibt es keinen Himmel.

Nicht für uns Unterweltler.

Ich kenne nur Geschichten über die Sterne, die Sonne und die Wolken. Manchmal frage ich mich, ob es sie wirklich gibt, irgendwo, und wenn ja, ob sie genauso aussehen, wie sie beschrieben werden.

Doch im Grunde meines Herzens habe ich das Fragen längst aufgegeben. Was bringt es auch? Ich werde die Oberwelt sowieso nie zu Gesicht bekommen. Und das ist auch besser so, wenn ich an die alten Legenden und die Monster denke, die darin beschrieben werden.

Plötzlich spüre ich bleierne Müdigkeit. Ich schleppe mich durch die schmalen Straßen. Unter mir rumpeln die U-Bahnen. Um mich herum drängen sich die Menschen. Mit gesenkten Köpfen gehen sie ihres Weges, keiner achtet auf den anderen. Früher habe ich darüber nachgedacht, was jeder Einzelne von ihnen wohl erlebt hat. Was sie zu dem gemacht hat, der sie heute sind. Doch inzwischen ist mir klar geworden, dass ich auf ungestellte Fragen keine Antworten erhalten werde.

Grob schiebe ich mich zwischen zwei Männern hindurch. Sie sehen mich nicht einmal an. Es heißt, früher seien alle Menschen unterschiedlich gewesen. Individuen oder so ähnlich. Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich kann es mir auch nicht vorstellen, denn heute sind alle gleich. Grau und traurig.

Und größtenteils ohne Erinnerungen.

Sie sind da, natürlich. Treiben irgendwo in unseren überfüllten Gehirnen, zu weit weg, um sie zu greifen, und zu nah, um sich von ihnen zu lösen. Wir haben so viel erlebt, dass einzelne Momente nichts mehr wert sind. Sie sind Staub. In dieser einen Hinsicht haben wir die Zeit noch nicht gebändigt. Denn wenn sie uns nicht holen kann, nimmt sie sich unsere Erinnerungen.

Wir lassen es zu. Wir sind furchtlos. Unbesiegbar. Sicher, selbst vor dem Tod.

Für unser ewiges Leben bezahlen wir mit unseren Erinnerungen. Nur wenige sind intensiv genug, um sie den Klauen des Nebels zu entreißen, der sich langsam unseres Geistes bemächtigt.

2.

Leaving all behind, living in the shade

Nothing’s what you wished for

When visions fade!

(Circus of Fools: Visions Fade)

Ich muss in die U-Bahn steigen, die alle zweieinhalb Minuten fährt, und danach noch neun Minuten und achtunddreißig Sekunden laufen. Zumindest wenn ich in einem flotten Schritt gehe.

Mit dem Aufzug fahre ich hinauf in den vierzehnten Stock und schließe meine schäbige Wohnungstür auf. Sofort werfe ich einen Blick auf die Uhr. Nicht, dass sie noch etwas bedeuten würde. Ich muss nur wissen, wann die vierundzwanzig Stunden um sind. Wann es wieder Zeit ist, Elysium einzunehmen. Aber ich habe noch eine Stunde.

Deswegen gehe ich zu meiner Stereoanlage und wühle in meinen CDs. Obwohl ich genau neunundfünfzig Stück besitze, habe ich jedes einzelne Lied inzwischen so oft gehört, dass ich es nicht mehr ertragen kann.

Seufzend lasse ich mich auf die quietschende dunkelblaue Couch fallen. Etwas pikst unangenehm in meine Seite – nein, es ist keine der abstehenden Federn meines Sofas – und ich greife in meine Jackentasche.

Zu meinem Erstaunen ziehe ich ein hellblau eingebundenes Buch heraus. Erst als ich es genauer betrachte, erinnere ich mich an die seltsamen Ereignisse heute am Kanal. An den toten alten Mann, die Grauhemden, den Engel.

Schon verrückt. Ich habe das Gefühl, je länger ich lebe, umso schneller vergesse ich Dinge.

Sofort fällt mir einer der Slogans ein, die eine Zeit lang von jeder Hausfassade gehangen haben: Die Vergangenheit ist vergangen, in der Gegenwart leben wir, für die Zukunft arbeiten wir.

Jetzt muss ich fast lächeln. So schlecht kann mein Gedächtnis also doch noch nicht sein.

Wieder werfe ich einen Blick auf die Uhr. Meine Arbeitsschicht beginnt erst um vier Uhr morgens, was bedeutet, dass ich noch einige Stunden totschlagen muss. Natürlich könnte ich mich ein wenig hinlegen, aber mir ist nicht nach schlafen. Zu sehr kreisen all die Dinge, die ich heute erlebt habe, in meinem Kopf und lassen meinen Magen rumoren.

Mit den Fingern fahre ich über den Einband meines Fundstücks. Er fühlt sich glatt an und am unteren Rand wellt er sich ein wenig. Weil ich sowieso nichts Besseres zu tun habe, schlage ich das Buch auf und beginne, zu lesen.

26. 10. 2163

Wer hat ihn nicht, den Traum von Unsterblichkeit? Ewige Jugend – keinerlei Depressionen aufgrund des Alters. Man wäre frei, all das zu tun, was man sich jemals wünschen kann. Ohne Zeitdruck. Ohne Stress.

Seit ich zum ersten Mal davon gehört habe, lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los.

Es heißt, sie stünden kurz vor dem Durchbruch. Die Pille des ewigen Lebens. Okay, keine Pille, mehr eine Spritze, aber derlei Haarspalterei interessiert mich nicht. Nur die Wirkung.

Was sich daraus für Möglichkeiten ergeben!

Ich muss unbedingt dabei sein, wenn sie Probanden suchen. Kein Risiko ist mir zu groß – wir sind alle zum Tode verurteilt. Früher oder später kommt er uns holen, sucht uns heim, jagt uns im Schlaf und winkt uns schon von Weitem zu.

Ich habe mich nie zuvor getraut, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen.

Wenn sie es nur rechtzeitig schaffen würden … Ich könnte alles tun! Angefangen damit, mir überhaupt erst mal zu überlegen, was ich mit meinem neuen endlosen Leben machen würde.

15. 12. 2163

Ich habe mich überall beworben, auch wenn niemand gesucht wird. Wahrscheinlich machen es Tausende wie ich. Oder mehr. Ich hoffe insgeheim, dass sie zu viel Angst vor möglichen Nebenwirkungen haben. Es sei denn, sie sind wie ich – haben nichts zu verlieren.

Die neuen Blutwerte sind da. Wieder schlechter. Noch spüre ich kaum etwas, aber die Ärzte wirken nie besonders glücklich, wenn sie mit mir reden.

Bisher war mir das egal. Ich habe nie gehofft, alt zu werden oder etwas Besonderes zu erleben. Ich hatte keine Träume. Habe mir immer nur angehört, was die anderen erzählten.

Manchmal bin ich völlig apathischdurch die Welt gegangen, völlig gleich, ob ich gerade durch einen Wald lief oder eine vielbefahreneStraße überquert habe, ohne nach rechts und links zu schauen.

Ich blicke nie nach rechts und links. Nur wenige meiner sogenannten Freunde halten es länger als ein paar Wochen mit mir aus. Ich bin die Einzige, der egal ist, wie langweilig und deprimierend ich bin.

Vielleicht sollte ich etwas daran ändern. Eine Liste schreiben, verrückte Dinge erleben. Die Apathie besiegen, die hinter meinen glänzenden Augen sitzt – dort, wo sie schon immer gelauert hat.

Sie wollen es Elysium nennen. Aber der Name interessiert mich am wenigsten. Auch wenn ich damit zu einem Zombie mutieren sollte, ist es immer noch besser, als in wenigen Jahren qualvoll an meiner Leukämie zu krepieren.

Wie befohlen war ich nach dem obligatorischen Krankenhausbesuch im Rosengarten. Zugegeben, er ist schön. Schmerzhaft schön. Und saukalt. Ich brauche unbedingt eine wärmere Jacke. Wird ja auch gerade Winter.

Ich höre auf, zu lesen. Starre auf dieses eine Wort. Winter. Und merke, wie es etwas in mir auslöst. Ein sanftes Kitzeln im Bauch, ein Duft von Kälte, der mir durch die Nase in die Lunge dringt, aber nicht schlecht ist. Weiß. Ganz weiß.

Ich kannte den Winter. Kurz versuche ich, mich zu erinnern, aber als ich den Nebel in meinem Kopf nicht durchdringen kann, lasse ich es frustriert bleiben und lese weiter.

28. 12. 2163

Der Wetterdienst versagt immer öfter. Von wegen bessere Technik. Wer kann sich schon mit der Wildheit der Natur anlegen? Wenn die Welt uns damit sagen will, dass sie keine Lust mehr auf uns hat, finde ich das ganz schön gerissen. Wenn ich keine Lust auf etwas habe, tue ich so, als existiere ich gar nicht. Klappt wirklich gut. Meine Familie zerfließt fast vor Mitleid. Kein Wunder also, dass ich den Ärzten inzwischen verboten habe, ihnen Auskunft zu geben.

Sie sollen glauben, dass es mir gut geht. Auch wenn es gelogen ist, denn es ging mir in meinem ganzen Leben noch nie gut.

Also, Anweisung der Psychotante: Naturbeschreibung.

Der Rosengarten bietet sich dafür an. Der Wind war schneidend kalt. Ich hab es nicht lange ausgehalten, aber die riesigen Mammutbäume mit ihren meterdicken Stämmen in einem verspielten Dunkelbraun sind einfach gigantisch. Manfühlt sich so klein und unbedeutend, wenn man den Kopf in den Nacken legt und versucht, durch die dichten Äste bis zur Spitze dieser Bäume zu schauen. Fast wie bei Hochhäusern. Der Unterschied liegt darin, dass Hochhäuser eisige Giganten aus Glas und Metall sind. Tote, unbewegliche Riesen, überheblich und unnahbar. Mammutbäume versprühen auch zur kalten Jahreszeit noch ihre Lebensfreude. Das Rauschen des Windes, das durch ihre kahlen Kronen geht, ist erhabener als alles andere, was mir im Moment einfällt.

Es ist selten, dass ich so viel nachdenke. Und seltsam, so viel davon aufzuschreiben. Meine Hand beginnt schon jetzt, zu schmerzen.

Aber es fehlt noch etwas.

Wenn man an der Gabelung des Schotterwegs in der Mitte des Rosengartens links abbiegt, kommt man nach einer Weile zu einer alten Kapelle. Ich liebe ihren antiken Touch, ihr Anblick versetzt mich jedes Mal in eine andere Zeit. In eine andere Welt.

Der raue Stein der ansonsten glatten Wände ist voller Muster. Sie sind so unklar, dass ich sie nicht beschreiben, nicht an sie denken kann, ohne dass mir dabei schwindelig wird. Deshalb bewundere ich meistens nurdie gusseiserne Tür, in die Tausende keltische Ornamente eingeritztsind. Zumindest glaube ich, dass es keltische Muster sind. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Habe mich nie dafür interessiert. Wäre vielleicht mal eine Option.

Ich wüsste ja gern, ob die Tür zu dieser Kapelle offen ist. Mir fällt erst jetzt auf, dass ich das nie ausprobiert habe.

Merke, Joy: Nächstes Mal schaust du nach!

Wieder zögere ich. Genieße das Bild, das Joys Beschreibungen mir in den Kopf gepflanzt haben. Ich weiß zwar nicht, was ein Rosengarten ist, aber es klingt schön. Es klingt wie … Frühling. Im Gegensatz zu den Hochhäusern, die mich auf all meinen Wegen begleiten, darf Joy Mammutbäume sehen. Und Kapellen und einen Rosengarten.

Wieder breitet sich etwas in meiner Brust aus. Das Gefühl ist schmerzend und stechend. Seltsam. Es ist lange her, dass ich das letzte Mal so etwas gefühlt habe. Vielleicht denke ich deswegen auch zuerst, dass es Neid ist. Eifersucht. Aber als ich mich daranmache, weiterzulesen, merke ich, dass der bittere Geschmack auf meiner Zunge Verlust bedeutet.

07. 01. 2164

Über Nacht ist fast ein Meter Schnee gefallen. Völlig unmöglich, das Chaos zu durchdringen, welches draußen herrscht, und zur Uni zu fahren. Jetzt sitze ich hier fest, allein mit mir und meinen Gedanken. Gefährliche Mischung mit dem Potenzial einer tickenden Zeitbombe.

Ich würde ja gern rausgehen, ein wenig spazieren, aber all meine Gelenke schmerzen. Es ist immer besonders schlimm, wenn es kalt ist. Dabei sieht die Welt richtig friedlich aus. Begraben unter einer eisigen Decke, die alles gleichmacht. Für den Augenblick steht die Zeit still. Erst wenn der Schnee geschmolzen ist, kommt all der Schmutz wieder ans Tageslicht. Ich will gar nicht wissen, wie viele Eisleichen sie dieses Mal finden werden. Aber wie heißt es von gewissen Politikern immer? All die Penner und Obdachlosen schaden dem touristischen Bild der Stadt.

Wie geschmacklos.

Und wahr.

Es gibt kaum etwas, was mich so nervt wie betrunkene Neandertaler, die sich um Feuer in Ölfässern scharen und ihre dreckigen, stinkenden Leiber aufwärmen. Über ihnen hängt eine imaginäre Gaswolke, die in mir das Gefühl auslöst, mich übergeben zu müssen.

Gerade bekomme ich Schüttelfrost. Zeit, ein heißes Bad zu nehmen.

Ich habe übrigens noch keine Nachricht bekommen. Bleibt nur die Hoffnung.

Wie seltsam, das aufgeschrieben zu sehen. Ich habe noch nie so gehofft wie jetzt. Es ist, als würde mein Leben nun, wo es sich langsam, aber sicher dem Ende zuneigt, erst kostbar für michaufblühen.

19. 02. 2164

Immer noch nichts Neues von Elysium.

Aber deswegen bin ich nicht so wütend. Ich hasse es, mit meinen Eltern zu kommunizieren, aber heute haben sie das Fass echt zum Überlaufen gebracht!

Ohne mich vorzuwarnen, sind sie einfach hier aufgetaucht! Haben geklingelt, standen auf der Matte und sind an mir vorbei in meine Wohnung gegangen. Wie diese verblödeten Zwerge in dem uralten Fantasyfilm mit dem Ring.

Ich kann ihre Gesichter einfach nicht ertragen. Diese besorgten Blicke machen mich wahnsinnig! Als wäre ich schon tot!

Und wenn wir reden, ist es das perfekte Beispiel für Unbehagen aller Sinne. Jeder zwingt sich, etwas zu sagen, ohne wirklich zu wissen, wieso er sich das antut. Weil Blut dicker ist als Wasser – ha! Wenn es darum ginge, würde ich mir eigenhändig das Blut aus dem Körper waschen und durch Salzwasser austauschen – damit es auch richtig brennt!

Endlich sind sie weg. Trotzdem ist mir noch immer schlecht.

27. 02. 2164

Warten kann einem ganz schön auf den Keks gehen. Vor allem, wenn man wieder einen Tag zu Hause verbringen muss.

Meine Finger tun weh, so wie alles andere auch. Kann mich kaum bewegen. So wird das nichts mit dem Studium. Vielleicht kann ich hier ja etwas von dem ganzen Kram durchlesen. So langsam macht sich ein ganz seltsames Gefühl in mir breit. Ein Kribbeln in meiner Brust …

16. 03. 2164

Heute ist ein erstaunlich schöner Tag. Die Sonne hat sich seit Langem endlich mal wieder hervorgetraut und ich lasse mir ihre warmen Strahlen auf dem Balkon ins Gesichtscheinen. Ein nettes Gefühl, das mir gerade so etwas wie ein Lächeln entlockt.

Der Winter ist wohl endgültig vorüber. Ich sehe schon die ersten Knospen an den Zweigen der Sträucher wachsen. Später werde ich in den Park gehen und den Kindern beim Spielen zusehen, statt zu lernen. Denn darauf habe ich gerade wirklich keine Lust.

Sogar die Luft schmeckt nicht so schmutzig wie sonst.

Vor ein paar Tagen war ich wieder im Rosengarten, bin zielstrebig zur Kapelle gegangen und habe versucht, ob man die Tür öffnen kann.

Man kann!

Innen befindet sich ein kleiner, niedriger Raum voller brennender Kerzen an den Seiten. Halb heruntergebrannt, verteilen sie ihr Wachs auf runden Messingschalen. Ich habe mich auf eine der beiden Bänke aus altem, angefressenen Holz gesetzt und den Flammen dabei zugesehen, wie sie Schatten auf die steinernen Wände gemalt haben. Es roch nach Weihrauch und hatte etwas … Magisches. Als wäre ich nicht allein, sondern mit einer fremden Macht außerhalb jeglichen Raum-Zeit-Kontinuums.

Als ich mich irgendwann wieder dazu aufgerafft habe, zu gehen, war es draußen schon dunkel. Gelegentlich konnte ich hinter den hellen Schlieren der Wolken Blicke auf die Sterne erhaschen. Der abnehmende, aber fast noch volleMond war besonders gut zu sehen. In seinem silbernen Licht wirkte der Garten mystisch. Ich habe nur darauf gewartet, dass Nymphen zwischen den Bäumen auftauchen, um die Statuen am Wegesrand zu umtanzen und dabei durchscheinende Bänder durch die Luft zu schwingen. Ist nicht passiert, aber in meiner Vorstellung war es trotzdem schön. Es hat mich vor allem überrascht, dass ich zu solchen Gedanken und Bildern noch fähig bin.

Ich sollte öfter im Dunkeln rausgehen. Oder frühmorgens, wenn der Nebel noch über den Feldern hängt und die Spinnennetze im Gras voller Tautropfen sind, in denen sich die Sonnenstrahlen des neuen Tages brechen. Wenn es noch still ist und alles schläft.

Stattdessen erwische ich meistens irgendwelche Stoßzeiten, die Luft voll hupendem Lärm, geschwängert von Ruß und Staub und Gestank. Wenn Flüche wie Pistolenschüsse losgelassen werden und der Asphalt vor Hitze weiß flimmert.

Stille? Was ist das? Ich weiß, was das Wort bedeutet. Oft genug bin ich zum Kanal gegangen und habe danach gesucht. Aber die Geräusche der Stadt verstummen nie ganz. Hier ist es niemals still. Wie sich Stille wohl anhört?

09. 06. 2164

Inzwischen sind einige Monate vergangen. Noch immer keine Nachricht. Ich falle zurück ins alte apathische Muster. Schlimmer noch: Je schlechter es mir geht, desto deprimierter bin ich. Ich vergesse bereits, wie es war, Glück gefühlt zu haben. Hoffnung. Lebenslust.

Ich werde sterben, und das in absehbarer Zeit. Den einzigen Punkt auf meiner Liste habe ich abgehakt.

Ich war schon seit ein paar Wochen nicht mehr im Rosengarten. Ich habe einfach keine Lust mehr. Keine Lust zu gar nichts. Schon das Schreiben ödet mich an …

19. 07. 2164

Ein Brief. Eine Nachricht. Ich bin dabei!!

Werde auf unbestimmte Zeit weggehen. Noch keine Details.

Ich glaube es einfach nicht. Ich bin so aufgeregt!

3.

I know that you’re breathing

And it’s written in the waves when you’re dancing in the moon

I know it ain’t easy

And the stars are gonna weep

Once you’re leaving your cocoon, your cocoon, your cocoon

(Thomas Godoj: Cocoon)

Ich schlage das Buch zu, starre auf die Uhr, ohne sie wirklich zu sehen, und weiß, dass es längst zu spät ist.

Und doch bin ich unfähig, mich zu bewegen.

In meinen Gedanken glaube ich, den Rosengarten zu sehen. Was sind Rosen? Was ist ein Garten? Ich weiß es nicht, aber es klingt schön. Wie ein Ort, an dem ich gern sein möchte.

Einiges in diesem Buch klingt so fremd und zugleich so verlockend.

Die Kapelle mit den keltischen Ornamenten, Mammutbäume.

Erst jetzt erinnere ich mich auch schwach daran, dass ich selbst mal in langweiligen Vorlesungen gesessen habe.

Vorsichtig lege ich das Tagebuch auf den eingestaubten Glastisch, als sei es ein wertvoller Schatz. Dann stehe ich auf. Langsam und mit schlafwandlerischer Sicherheit bewege ich mich auf die Schublade zu und öffne sie. Dort, auf roten Samt gebettet, liegen die Tabletten. Elysium. Die Packung ist nur noch halb voll. Allein bei dem Gedanken, mich bald wieder in die lange Schlange vor dem Ausgabezentrum einreihen zu müssen, beginnen meine Beine zu schmerzen.

Geübt drücke ich eine Tablette aus der silbernen Folie, schiebe sie mir in den Mund und spüle mit etwas Wasser nach. Der Geschmack ist längst so vertraut, dass ich ihn kaum noch wahrnehme.

Nur durch die Einstichstellen in meinem Arm und das Tagebuch erinnere ich mich wieder daran, dass es früher keine Tabletten gab. Damals musste man sich Elysium mit einer Spritze in den Arm einführen.

Es schüttelt mich, wenn ich nur daran denke. Aber Elysium war es wert. Elysium ist es wert!

Trotzdem danke ich den Forschern im Stillen jeden Tag dafür, dass es ihnen gelungen ist, den Wirkstoff in eine Kapsel zu verpacken. Tabletten sind so viel leichter einzunehmen und allein beim Gedanken an die Nadel wird mir übel. Natürlich ging es der Regierung damals nicht um das komfortablere Einnehmen. Soweit ich mich erinnern kann, gab es eine Epidemie, weil sich viele Menschen keine neuen Spritzen leisten konnten und deswegen nicht so sehr auf die gängigen Hygienevorschriften achteten.

In Gedanken versunken schlendere ich zum Sofa zurück. Mein Kopf ist so voll, dass es mir nicht gelingt, ein einziges Bild zu fassen, das darin herumgeistert.

Erneut greife ich nach dem Buch, lege es dann jedoch zurück auf den Tisch. Ich muss schlafen, um morgen in der Arbeit nicht zu müde zu sein. Schließlich könnte ich es mir nicht erlauben, meinen Job zu verlieren. Irgendwie muss ich ja meine Wohnung finanzieren.

Wie ich an meine Arbeitsstelle gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Vermutlich auf dieselbe Art wie jeden Tag. Schon seltsam, manchmal verschwinden ganze Stunden aus meinem Gedächtnis.

Und wenn sie länger her sind, auch ganze Tage, Wochen oder Jahre. Meistens merke ich noch nicht einmal, dass sie fehlen.

Ich spüre einen Stich nahe meinem Herzen, so etwas Ähnliches wie Mitleid, als ich an das Mädchen aus dem Tagebuch denke. An Joy.

Sie wusste, dass sie bald sterben würde. Und sie lebte ein schreckliches Leben.

Und doch … Ich habe das Gefühl, als hätte sie mehr gelebt als ich. Und das, obwohl ich schon so viele Jahre zähle …

Bin ich jemals in einem Rosengarten gewesen?

Vielleicht.

Vielleicht auch nicht.

War ich mal in einem Krankenhaus? Bin ich wütend gewesen? Hatte ich eine Familie?

Verzweifelt durchforste ich mein Gedächtnis, stoße aber nur auf denselben zähen Nebel, der mich jedes Mal dort empfängt.

Hilfe suchend sehe ich mich um. Lasse den Blick über all die leeren Gesichter schweifen. Die starren Blicke der unzähligen Frauen sind auf die Stoffe in ihren Händen gerichtet, obwohl sie sie längst nicht mehr sehen. Sie erledigen nur ihre Arbeit, sind in Gedanken ganz woanders. Wenn ihr Kopf nicht völlig leer ist, genau wie ihre Gesichter.

Automatisch lasse ich meinen Stoff durch die Nähmaschine laufen. Nebenbei betrachte ich das Mädchen links von mir. Die Narben an seinen Armen zeigen deutlich, dass es auch schon vor langer Zeit damit begonnen hat, Elysium einzunehmen. Genau wie alle anderen hier.

»Hallo.« Das Wort kommt mir über die Lippen und bleibt laut und falsch zwischen dem Tackern der Nähmaschinen in der Luft hängen. Meine Stimme klingt rau und kratzt in meinem Hals. Gott, ist es lange her, seit ich sie das letzte Mal benutzt habe!

Das Mädchen neben mir sieht mich aus fernen Augen an und widmet sich dann wieder seiner Arbeit. Haben wir in all den Jahren, die wir nun schon nebeneinandersitzen, jemals ein Wort miteinander gewechselt? Ich kann mich nicht erinnern.

»Weißt du, was ein Rosengarten ist?«, frage ich.

Wieder wendet sich das Mädchen mir zu. In den Tiefen seiner grauen Augen blitzt so etwas wie Überraschung und Erkennen auf. »Ich habe einmal Rosen geschenkt bekommen.« Ihre Stimme klingt monoton. »An einem Valentinstag, von meinem Freund.« Dann schweigt sie wieder.

»Wie sehen Rosen aus?«, frage ich, bekomme aber keine Antwort mehr.

Mir wird klar, dass sie mir eben eine der wenigen wertvollen Erinnerungen mitgeteilt hat, die sie noch besitzt.

»Mein Name ist Kimberly«, erkläre ich langsam. Noch immer fühlt sich das Sprechen so furchtbar ungewohnt an. »Aber alle nannten mich Kim.«

Ich habe gehört, dass es sogar Menschen gibt, die sich noch nicht einmal an ihren eigenen Namen erinnern können. Die bereits das letzte bisschen Identität verloren haben.

Auf einmal bin ich so froh, mich an meinen noch zu erinnern, dass ich das Bedürfnis habe, meiner schweigsamen Nachbarin noch viel mehr von mir zu erzählen. Denn wenn sie ebenfalls von meinen Erinnerungen erfährt, sind sie dann nicht doppelt vor dem Vergessen geschützt?

»Früher habe ich in einem Zirkus gearbeitet. Als Trapezturnerin. Irgendwann kamen keine Zuschauer mehr und ich …«

Weiter komme ich nicht, weil in diesem Moment der Chef hinter mir auftaucht. »Du sollst arbeiten und nicht deine Lebensgeschichte erzählen!«, knurrt er. Dann geht er weiter, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und beobachtet uns Frauen gleichgültig beim Nähen.

Ein seltsames Gefühl steigt in mir auf, so etwas wie ein Drücken gegen meinen Magen. Kurz wundere ich mich darüber, dann spanne ich den nächsten Stoff ein und beginne, tagzuträumen.

Ich weiß nicht genau, wie lange ich das schon nicht mehr getan habe.

Träumen, meine ich.

Vielleicht tue ich es die ganze Zeit.

Aber heute ist es das erste Mal, dass ich von einem Garten voller Blumen träume. Vielleicht sind es Rosen.

Ich muss Überstunden machen, denn ich bin mit den fünfzig Jeans, die ich heute herstellen sollte, nicht rechtzeitig fertig geworden. Aber Zeit ist doch nur noch ein Wort und was bedeuten schon die paar Stunden?

Ich nähe weiter und setze meinen Gedankenspaziergang im Rosengarten fort.

Nach der Arbeit gehe ich nicht zum Kanal. Zu groß ist die Angst, erneut Grauhemden über den Weg zu laufen, und zu verirrt sind meine Gedanken im Leben einer anderen.

So schlendere ich einige Minuten – oder sind es Stunden? – durch die Stadt, während ich die Szenen im Tagebuch wieder und wieder erlebe. Es ist seltsam: Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr erscheint es mir, als sei das darin beschriebene Leben gar nicht Joys, sondern mein eigenes. Der Rosengarten, in dem ich den ganzen Vormittag verbracht habe, die Verzweiflung und die Hoffnung, die in schwarzen Buchstaben auf weißen Seiten stehen, wirken viel realer als alles um mich herum.

Zum ersten Mal seit Langem hebe ich den Blick. Autos fliegen durch grauen Nebel, die im grellen Licht leuchtenden Fassaden der Hochhäuser recken sich scheinbar endlos weit in die Höhe.

Ich drücke eine Hand auf mein schmerzendes Herz, als sich in meiner Brust ein neues, fremdes Gefühl ausbreitet. Ein ganz leichtes Kribbeln nur, mehr nicht. Und doch so atemberaubend neu. Warum fühle ich auf einmal wieder? Warum denke ich so viel nach? Es war so einfach, einen Tag nach dem anderen zu leben, ohne sie wirklich wahrzunehmen.

Doch plötzlich scheint mir der Gedanke, einfach weiterzumachen wie bisher, unerträglich. Ich will fühlen. Ich will denken. Und ich will in einen Rosengarten.

Wie aus dem Nichts taucht in meinem Kopf ein Satz auf. Das ist schon eine verrückte Sache mit den Erinnerungen: Auch wenn man Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte vergisst, taucht manchmal ein Bild auf. Ein Satz. Der schwache Nachklang eines Dufts.

Wenn sie wach sind, machen sie zu viel Ärger.

Mir wird bewusst, dass ich diese Worte erst vor Kurzem gehört habe. Gestern, am Kanal. Als die Grauhemden über die Engel sprachen. Wenn sie wach sind …

Im Vorübergehen nehme ich einen Mann wahr, der mit geschlossenen Augen am Straßenrand kauert. Die Knie fest an den Körper gepresst, lehnt er an der Wand. Nicht nur seine Arme, sondern auch seine nackte Brust ist voller Einstichstellen. Er muss alt sein. Neben ihm, auf dem Boden, liegt eine Packung Elysium.

Ich sehe mich weiter um. Entdecke noch mehr Menschen am Straßenrand. Sie haben vor der unerträglichen Wirklichkeit kapituliert. Warum sind sie mir früher nie aufgefallen? Werde ich auch mal so enden wie sie? In ein paar Jahrhunderten, Jahrtausenden … Vielleicht ist mir dann auch alles egal.

Auf einmal finde ich den grässlichen Lärm der Stadt, die verlorenen Blicke der Menschen und vor allem meine eigenen Gedanken so furchtbar, dass ich zu rennen beginne. Wie von selbst tragen meine Füße mich durch die Straßen, während ich alles ganz genau wahrnehme. Die eingestaubten Glasfassaden. Die langen Schlangen vor den Ausgabestellen für Elysium. Die Hast, mit der die Menschen gehen, auch wenn sie eigentlich nichts zu verlieren haben. Jeder in seiner eigenen Welt.

Als ich endlich zu Hause ankomme, bin ich über den Zustand meiner Wohnung entsetzt. Der Tisch ist voll von ungespültem Geschirr, die Couch sieht aus, als würde sie jeden Moment zusammenfallen, und meine CDs, meine Schätze, sind über den ganzen Boden verstreut.

Auf dem Glastisch neben dem Sofa liegt das Tagebuch. Es ist Ordnung im Chaos, Farbe im Grau, Erinnerung im Nebel.

Ich zwinge mich dazu, abzuspülen, dann setze ich mich und lese weiter.

15. 05. 2167

So viel ist geschehen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Seit der Zeit, als ich als Probandin für Elysium gedient habe, sind fast drei Jahre vergangen. Wir mussten alle in einem großen Containerkomplex wohnen,solange die Tests liefen. Nichts durfte an die Öffentlichkeit gelangen. Ich durfte keine privaten Dinge mitnehmen. Es war wie in einem Film.

Ich fühle mich wie neugeboren! Als hätte Elysium dazu geführt, dass all meine Zellen erneuert wurden. Was laut den Forschern nicht ganz so passiert ist, genau verstehe ich den Prozess aber sowieso nicht.

Ich kann es immer noch nicht glauben. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich mich noch nicht so freuen kann, wie ich gehofft hatte. Was, wenn ich rückfällig werde? Die Langzeitfolgen von Elysium sind noch nicht bekannt. Die Nebenwirkungen auch nicht – selbst wenn bis jetzt kaum welche aufgetreten sind. Müdigkeit und Lethargie, diese beiden wurden genannt, aber in keiner nennenswerten Prozentzahl. Und damit könnte ich ehrlich gesagt gut leben, wenn ich dadurch überhaupt leben kann.

Trotzdem, es war so furchtbar aufregend, ich will unbedingt alles aufschreiben! Wo fange ich an?

Wow, es fällt mir verdammt schwer, mich zuerinnern.

16. 05. 2167

Wieder sitze ich hier, den Stift in der Hand, und kann keinen wirklichen Anfang finden. Alles ist so diffus, als wäre mein Gehirn ein feuchter Schwamm, der zwar alles aufsaugt, den ich aber erst drücken muss, damit alles wieder heraussprudelt.

Die meisten Probanden waren wie ich: verzweifelt und kurz davor, zu krepieren. Nicht gerade das, was die wissenschaftliche Abteilung sich gewünscht hat, aber noch gibt es Gesetze, die es verbieten, an Menschen ohne deren Einwilligung zu forschen.

An den meisten Tagen habe ich nicht wirklich etwas gemacht. Gelesen, ferngesehen, gegessen, wenn wir etwas bekommen haben. Ziemlich viel Sport, aber das gehörte dazu. Von den ganzen Tests, die wirklich extrem viel Zeit eingenommen haben, weiß ich nichts mehr. Irgendwie wurde alles, was man untersuchen kann, untersucht. Ich habe überall Einstichstellen und wenn mein Gewebe von den ganzen Röntgenuntersuchungen nicht vollkommen verstrahlt ist, liegt das einzig und allein an Elysium.

Waren es wirklich drei Jahre?

Irgendwann habe ich nicht mehr zwischen der Schlappheit durch meine eigene Krankheit und der Erschöpfung durch die ganzen Messungenunterscheiden können. Vielleicht waren es auch Nebenwirkungen von Elysium …

Ich weiß also überhaupt nicht, wann ich geheilt wurde, nur dass es mir irgendwann ganz beiläufig aufgefallen ist.

19. 05. 2167

Meine Eltern waren seltsam reserviert, als ich sie heute besucht habe. Wir sind uns völlig fremd geworden. Ich musste ihnen Lüge um Lüge auftischen, warum ich mich in den letzten drei Jahren nicht blicken ließ. Ich fürchte, meine Versuche, ihnen irgendetwas Plausibles in den Briefen, die wir verschicken durften, zu schreiben, sind kläglich gescheitert. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um mich damit auseinanderzusetzen, was ich ihnen erzählen soll.

Es ist mir verboten, ihnen zu sagen, weshalb es mir wirklich so gut geht. Sie halten meine Heilung für ein Wunder.

Ich kann mit ihnen einfach nichts mehr anfangen, sie regen mich auch nicht mehr auf. So vieles ist zwischen uns geschehen, was uns voneinander getrennt hat …

Ich werde meinen neuen Körper erst einmal an seine Grenzen treiben. Von dem Geld, das ich als Versuchskaninchen bekommen habe, werde ich reisen. Reisen, bis es völlig aufgebraucht ist. Und dann habe ich, wenn alles so positiv bleibt, noch immer mehr als genug Zeit, etwas Brauchbares zu lernen.

21. 05. 2167

Ich sehe gerade, dass mein Bericht über die letzten drei Jahre lächerlich kurz geworden ist. Das soll sich in Zukunft ändern. Ich habe mir fest vorgenommen, ein Reisetagebuch zu führen, damit ich nicht mehr so viele Einzelheiten vergesse. Die ersten Etappen sind bereits geplant und gebucht, in ein paar Tagen geht es los. Ich schätze, das Kribbeln in meinem Unterleib ist Aufregung.

22. 05. 2167

Auf meiner ersten selbstständigen Reise will ich nicht gleich die höchste Schwierigkeitsstufe in Angriff nehmen. Ich habe mir ein relativ nahes Ziel ausgesucht, das ich durch meine Krankheit aber nie erleben konnte.

Das Meer.

Unendliche Wassermassen … Ich will sie endlich sehen! Will den salzigen Wind in meinem Haar spüren und hinausschwimmen, so weit ich kann.

Meer. Auch dieses Wort weckt ein Gefühl. Es riecht nach der Geborgenheit einer warmen Jacke und nach Salz in der Luft.

Garten Eden.

Ich erinnere mich an riesige Pflanzen. An bunte Blumen und ihren süßen, flüchtigen Geruch. Ich erinnere mich an eine Hand auf meiner Schulter, Hoffnung und Sehnsucht.

25. 05. 1967

Als ich noch zur Schule gegangen bin, haben die anderen Schüler immer davon erzählt, wo sie mit ihren Eltern in den Ferien gewesen sind. Wenn die Lehrer mich – aus purer Höflichkeit – fragten, nannte ich nur die Namen von berühmten Kliniken. Betrachtet man mein Leben auf diese Art, bin ich schon extrem viel herumgekommen.

Ich war bereits auf jedem Kontinent, doch mehr als Flughäfen, an unserem Taxi vorbeiziehende Gebäudemonstren und Krankenhäuser habe ich nie gesehen.

Irgendwann haben die Lehrer aufgehört, nachzufragen. Ihr entschuldigendes Lächeln ging mir richtig auf den Keks, mehr noch die mitleidigen Blicke meiner Mitschüler.

An der Uni habe ich es niemandem erzählt, auch wenn ich ihnen angesehen habe, dass sie wussten, dass mit mir etwas nicht stimmt. Und wenn jemand mutig genug war, ein Gespräch mit mir anzufangen, habe ich ihn schneller abgewimmelt, als er bis zehn zählen konnte.

Das ist jetzt endgültig vorbei. Ich habe keinen Grund mehr, die Leute auf Abstand zu halten, um mir ihr geheucheltes Interesse zu ersparen.

Ich habe hier Kisten voll mit Elysium. Genug für viele Jahre, bevor ich mich selbst darum werde kümmern müssen, mir die Spritzen zu besorgen.

Das Ticket für die Zugfahrt in den Norden liegt neben mir. Kurz habe ich überlegt, ob ich mit der 1. Klasse fahren soll, aber obwohl ich mehr als genug Geld habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich das Leben ab jetzt in vollen Zügen erleben will. Und mit der 1. Klasse fahren nur die, die sich vom gemeinen Volk abheben wollen.

Ich verstehe, dass ältere Menschen diese Reiseart bevorzugen, aber ich werde niemals alt sein. Ich wurde neugeboren, in einem starken, jungen Körper, der vor Energie beinahe überquillt.

In der Zeit, in der ich als Probandin für Elysium gedient habe, musste ich täglich Sport treiben. Inzwischen könnte ich ohne Probleme einen Triathlon absolvieren.

Ob Elysium wohl als Doping gilt?

Als würde das irgendeinen Unterschied machen. Die Weltmeisterschaften, egal welcher Sportart, sind so korrupt und löchrig wie Schweizer Käse. Sportler zu sein, ist schon lange kein Beruf mehr, es ist eine Berufung zur Selbstzerstörung.

Vielleicht ändert sich das jetzt. Mit Elysium. Ich liebe dieses Wort. Es klingt wie »Erlösung« und bedeutet nichts Geringeres als das Paradies auf Erden. All die Jahrtausende, in denen die Menschen einen metaphysischen Gott erfunden und angebetet haben, lagen sie falsch. Die Zeitalter mit Göttern waren nur wenig fortschrittlicher als die Zeitalter primitiver Neandertaler.

Jetzt beginnt eine neue Ära. Der Mensch hat die Grenze zum Göttlichen überschritten.

02. 06. 2167

Ich verstehe jetzt, warum man in Versuchung kommen kann, mit der 1. Klasse zu fahren. Obwohl ich mir einen Platz reserviert hatte, musste ich durch den halben Zug wandern, um meinen Koffer irgendwo unterzubringen. Neben mir saß natürlich schon jemand, auf der Gepäckablage war kein Platz und im Gang durfte der Koffer aus »Sicherheitsgründen« nicht stehen.

Wenn ich auf die Fahrt zurückblicke, wird mir ganz heiß. Der Bahnhof auf dieser ach so schönen Insel, von der ich bisher nur langweilige Felder und viel Dreck gesehen habe, liegt irgendwo mitten in der Pampa. Es hat eine halbe Ewigkeit gedauert, bis der Taxifahrer mich abgeholt hat.

Immerhin sitze ich jetzt auf dem Bett in meinem kleinen Hotelzimmer mit eingebauter Küche, wo gerade Nudeln kochen. Im Laden um die Ecke gab es frischen Lachs, der ebenfalls gleich vernichtet wird. Ich hatte eigentlich vor, mir ein wenig die Gegend anzusehen oder zumindest den Weg zum Meer anzutreten, aber bis ich gegessen habe, ist es wahrscheinlich dunkel und ich bin jetzt schon völlig fertig.

Morgen also.

03. 06. 2167

Das Frühstück war ein Traum. Es gab alles, was man sich nur wünschen kann – auch wenn man nie im Leben darauf kommen würde. Am liebsten hätte ich alles probiert, aber nach zwei Brötchen mit Käse, Schinken, Salami, Marmelade und Pastete, Rührei mit Speck und Schnittlauch, Melonenwürfeln und einem Pfannkuchen war einfach Schluss. Den Walnussmuffin und den Honigdonut habe ich mir als Wegzehrung eingepackt.

Das einzige Manko an diesem Morgen waren die Horden von Wespen, die mich von meinem Sonnenplatz am Teich ins Innere des Restaurants vertrieben haben.

Anschließend musste ich erst mal eine Stunde Pause machen, bevor ich zum Fahrradverleih gegangen bin, um mir einen roten Drahtesel und eine Karte der Insel zu besorgen.

Das Meer ist ganz in der Nähe, ich muss nur etwa dreihundert Meter durch den Wald fahren, bis ich an die Klippen komme. Eine Steintreppe führt steil hinab, aber zuerst blickt man unter den grünen Ästen eines Ahornbaumes hindurch auf das saphirblaue Wasser.

Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich an diesen atemberaubenden Ausblick denke. So weit habe ich noch nie schauen können. Der Horizont neigtesich an den Seiten ellipsenförmig hinab: der Beweis dafür, dass die Welt eine Kugel ist.

Mich wundert es nicht, dass man daran Zweifel hegen kann, wenn das Gewaltigste, was man je gesehen hat, ein Wolkenkratzer ist.

Meine Beine haben fürchterlich gezittert, als ich die Treppe hinabgestiegen bin. Auf der letzten Stufe habe ich meine Schuhe ausgezogen.

Es war schon früher Nachmittag und angenehm warm, aber nichts konnte sich mit dem Gefühl des federweichen Sandes zwischen meinen Zehenmessen. Ich war so fasziniert, dass ich einige Kilometer über den Strand gelaufen bin und dabei immer wieder die Küste mit der Unendlichkeit des Wassers verglichen habe.

Mir ist dabei ein wundervoller Gedanke gekommen. So weit und endlos wie das Meer ist nun auch mein Leben. Völlig losgelöst von allen Beschränkungen, ungestüm und frei.