Trans*Later - Bennet Bialojahn - E-Book

Trans*Later E-Book

Bennet Bialojahn

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Beschreibung

Ausgerechnet am CSD-Wochenende wird ein Toter im Hinterhof des Kölner Szeneclubs Trans*Later aufgefunden. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Lara Fricke ermittelt Kriminalhauptkommissarin Frieda Leippold in diesem ungewöhnlichen Fall und entdeckt gleich, dass es sich bei der vermeintlich männlichen Leiche um eine biologische Frau handelt. Vor den Mülltonnen lag ein Mann mit einem gepflegten Dreitagebart. Kein Blutfleck oder Schmutz auf dem T-Shirt störte die Symmetrie seiner Erscheinung. Seine Gesichtszüge waren jugendlich und wirkten weich, sodass Frieda den Impuls, sanft über seine Wange zu streichen, bewusst unterdrücken musste. „Susanne Lippens. Aus Köln.“ Sie sah von dem Foto im Ausweis zu dem jungen Mann und zurück. Susanne Lippens hatte lange blonde Haare, die Leiche trug einen modernen Kurzhaarschnitt. „Außer der Haarfarbe haben sie nicht viel gemein.“

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Die Handlung, die Figuren und manche Schauplätze dieses Romans sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.

Erste Auflage September 2016

Lektorat: Lara Ledwa

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale

unter Verwendung eines Fotos von Reinhild Beermann.

ISBN 978-3-89656-634-8

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

„Leichenfund in der Breughelgasse, im Hinterhof vom Trans*Later.“

„Wie bitte?“ Kriminalhauptkommissarin Frieda Leippold versuchte sich zu konzentrieren.

„Ein Toter im Bermudadreieck. Der Club heißt Trans*Later, Breughelgasse 7, Hinterhof. Die Spurensicherung ist unterwegs, Ihre Kollegin Fricke habe ich bereits angerufen.“ Die Stimme aus der Zentrale hatte aufgelegt, bevor Frieda Leippold noch etwas fragen konnte.

„Scheiße.“ Sie quälte sich aus dem Bett. Es war 5.30 Uhr am Sonntagmorgen.

Sie putzte sich im Eiltempo die Zähne und zog sich ebenso schnell frische Klamotten an. Im Hinausgehen griff sie nach ihrem Pistolenholster und stolperte die Treppe hinunter. Im Auto nahm sie ihr Navigationsgerät in Betrieb. Sie lebte erst seit einem halben Jahr in Köln, eine Beförderung hatte sie von der regionalen Kriminalinspektion Koblenz nach Köln gebracht. Ihr Aufgabenbereich in Koblenz hatte Straftaten der mittleren bis schweren Kriminalität im Kommissariat fünf für Eigentumsdelikte umfasst. Ihr damaliger Vorgesetzter hatte ihr für Köln die Polizeiinspektion eins empfohlen, aber sie hatte einige Zeit für die Wahl des Kommissariats gebraucht. Sie war zwischen den Kommissariaten, die unterschiedliche Gewaltdelikte bearbeiteten, geschwankt: Tötungsdelikte, Sexualdelikte, Erpressung und Freiheitsberaubung, Durchführung von Brandermittlungen, Umweltkriminalität, Waffen- und Sprengstoffdelikte, Raubdelikte, Hehlerei, Eigentums- und Vermögensdelikte. Friedas Wahl war schlussendlich auf das Kriminalkommissariat elf für Tötungsdelikte gefallen. Sie fragte sich in den letzten Tagen allerdings häufiger, ob es eine so gute Entscheidung gewesen war, sich nach Köln versetzen zu lassen. Sie ertappte sich immer wieder bei wehmütigen Gedanken an Koblenz und ihre Kolleginnen und Kollegen.

„Bermudadreieck, Breughelgasse.“ Sie rieb sich die Augen und gähnte herzhaft. „Die Fricke ist garantiert wieder vor mir da.“ Mit ihrer Kollegin Lara Fricke, die ihr schon mehrmals zugeordnet worden war, konnte sie nicht so recht warm werden. Eine Mischung aus Coolness und überraschender Empfindlichkeit mit einem Hang zu Sarkasmus und Ironie machte Lara nicht zur Wunschkollegin Friedas. Sie wusste einfach nicht, woran sie bei Lara war. Deren Lächeln konnte dazu verleiten, ihr mehr zu erzählen, als einem hinterher lieb war. Außerdem war Frieda die plötzliche Distanz, die Lara zwischen sich und anderen Menschen aufbauen konnte, einerseits befremdlich, andererseits aber übte dieses Verhalten auch eine gewisse Faszination auf sie aus. Sie beobachtete Laras scheinbare Launen aus sicherer Entfernung und beschränkte sich auf die notwendigen dienstlichen Kontakte. Dies würde nun ihr erster gemeinsamer Fall als eigenverantwortlich arbeitendes Ermittlungsduo werden und sie hoffte, dass sie sich zusammenraufen konnten und ein gutes Team bilden würden. Tief in ihrem Inneren bezweifelte sie dies allerdings.

Frieda atmete durch und verließ eilig ihre Wohnung.

Dank des frühen Sonntagmorgens mit wenig Autoverkehr bog sie gegen sechs Uhr in die Schaafenstraße ein und das Navigationsgerät führte sie über den Mauritiuswall, die Rubensstraße, vorbei an der Balduinstraße, zur Breughelgasse.

„Das ist ja mal tatsächlich eine Gasse, fast wäre ich vorbeigefahren.“ Frieda Leippold haderte nicht nur mit ihrer Kollegin, sondern auch mit der Kölner Straßenführung, die es immer wieder unmöglich machte, so abzubiegen, wie es ihr sinnvoll erschien.

Die Rubensstraße war ab der Breughelgasse bis Am Rinkenpfuhl abgesperrt, einige wenige Anwohner lagen in ihren Fenstern und beobachteten das Schauspiel, das die Polizei lieferte. Frieda Leippold ließ ihren Wagen auf der Straße stehen und kletterte unter dem Absperrband hindurch, nachdem sie sich ausgewiesen hatte. Noch bevor sie nach dem genauen Fundort fragen konnte, eilte ihre Kollegin Lara Fricke bereits auf sie zu.

„Guten Morgen, Frieda. Der Tote liegt da hinten. Zum Hinterhof gibt es einen Zugang vom Trans*Later oder durch dieses Tor hier.“ Lara Fricke schlängelte sich an dem Wagen der Rechtsmedizin vorbei und wies mit der Hand nach vorn. „Da liegt er. Dr. Schneider ist vor einer Minute gekommen.“

Der Hinterhof wimmelte von Menschen in weißen Schutzanzügen.

„Ist schon bekannt, wer der Tote ist?“ Frieda griff nach dem Schutzanzug und den Füßlingen, die in einem offenen Metallkoffer für alle bereitlagen.

„Nein. Der Doc starrt noch auf die Leiche.“ Lara Fricke sah hinüber zu den Mülltonnen.

„Geht es dir nicht gut? Du bist so blass.“ Frieda sah ihre Kollegin besorgt an.

„Nein, nein, alles okay“, war die hastige Antwort.

„Na, dann wollen wir mal.“ Frieda atmete tief durch.

„Ich hör mich schon mal in dem Club um, die Putzfrau, die ihn gefunden hat, wartet da drin.“ Lara wies mit dem Daumen über die Schulter und wartete die Reaktion ihrer Vorgesetzten nicht ab, sondern verschwand durch den Hintereingang in den Club.

War Lara Fricke nur übereifrig oder hatte sie ein Autoritätsproblem? Frieda wollte sich zu einem späteren Zeitpunkt Gedanken dazu machen.

Vor den Mülltonnen lag ein Mann mit einem gepflegten Dreitagebart, kein Blutfleck oder Schmutz auf dem T-Shirt störte die Symmetrie seiner Erscheinung. Seine Gesichtszüge waren jugendlich und wirkten weich, so dass Frieda den Impuls, sanft über seine Wange zu streichen, bewusst unterdrücken musste.

Sie ging in die Hocke, um ihn eingehender zu betrachten. Etwas an ihm ließ sie an ein Baby denken.

„Er sieht so unschuldig aus, findest du nicht?“ Damit wandte sie sich an Dr. Schneider, der eine Brieftasche aus der Jeans gezogen hatte.

„Na, ganz so unschuldig scheint er nicht zu sein.“ Er hielt ihr einen Ausweis hin. „Er hat die Papiere einer Frau bei sich.“

„Susanne Lippens. Aus Köln.“ Frieda sah von dem Foto im Ausweis zu dem jungen Mann und zurück. Susanne Lippens hatte lange blonde Haare, die Leiche trug einen modernen Kurzhaarschnitt. „Außer der Haarfarbe haben sie nicht viel gemein. Wieso hat er fremde Ausweispapiere dabei?“ Sie richtete sich auf. „Was meinst du, wie lange ist er tot?“

„Das lässt sich schwer sagen. Eine heiße Julinacht, kein Regen und jetzt schon Temperaturen um die 22 Grad. Vielleicht eine Stunde, maximal zwei.“ Dr. Schneider war ebenfalls aufgestanden und machte seinen Mitarbeitern ein Zeichen, die daraufhin mit der Zinkwanne kamen, um die Leiche abzutransportieren.

„Die Todesursache?“

„Liebe Frieda, ich bin Mediziner und kein Hellseher“, brummte er ärgerlich.

„Ich meine ja nur, vielleicht gibt es einen Hinweis auf eine Tatwaffe, nach der wir dann suchen könnten.“ Frieda räusperte sich. „Und dass du kein Hellseher bist, ist der besonderen Erwähnung nicht wert.“

Dr. Schneider warf ihr einen schnellen Blick zu, bevor er sich wieder auf seine Arbeit konzentrierte. „Okay, die Einblutungen in den Augen deuten auf Ersticken hin. Keine Würgemale oder Strangulierungsspuren am Hals. Der Fundort ist vermutlich auch der Tatort. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass der Tote bewegt wurde. Mehr kann ich dir im Moment wirklich nicht sagen.“

„Hast du eine Ahnung, was die Tatwaffe gewesen sein könnte?“

„Das Einzige, was ich dir im Moment mit Gewissheit sagen kann, ist, dass es an der Leiche keine Kampf- oder Abwehrspuren gibt. Und jetzt machen wir beide in Ruhe unsere Arbeit!“

„Okay, Lars, ich komme zu dir ins Institut, wenn wir uns hier einen Überblick verschafft haben.“

„Bis später, Frieda.“ Er nickte ihr kurz zu und Frieda folgte ihrer Kollegin in den Club. Nach der Hintertür kam zunächst ein schmaler Gang, der an den Toiletten vorbei in einen Raum führte, der hell beleuchtet war. Sie zuckte zurück, weil das Licht sie blendete, und es dauerte einen Moment, bis sie ihre Umgebung erfasste. An der schmalen Seite des Raumes schlängelte sich eine Theke entlang. Auf einem der Barhocker saß Lara Fricke und lachte mit einem Mann in den Dreißigern, der einen Hahn der Zapfanlage polierte und dabei seinen Bizeps spielen ließ. Er trug ein T-Shirt, das verriet, wie viel Zeit er in die Pflege seines sportlichen Körpers investierte. Das kurze Haar trug er mit Gel aufgepeppt, was ihm ein leicht verwegenes Aussehen gab. Frieda bemerkte seine manikürten Hände und war sich sicher, dass er viel Wert auf seine Erscheinung legte. Eine ältere, stark geschminkte Frau stand neben ihm und starrte mit trübem Blick in ein leeres Glas.

„Hallo.“ Lara Fricke sprang auf. „Meine Chefin, Frau Kriminalhauptkommissarin Leippold.“ Sie wies auf den Mann und die Frau. „Conny Frantzen, der Eigentümer des Clubs, und Lilly.“

„Lilly, wer?“ Frieda sah zu der Frau.

„Lilly arbeitet hier als Bardame und ist die Seele des Clubs“, antwortete Conny Frantzen. Er lächelte Frieda an. „Es nimmt sie sehr mit, vielleicht könnten Sie sie zuerst befragen, damit sie nach Hause gehen kann?“

Mit hochgezogenen Augenbrauen wandte sich Frieda an Lara Fricke.

„Die Putzfrau hat die Leiche gefunden und geschrien wie am Spieß, so dass Lilly nach draußen stürzte, um zu sehen, was los war.“ Lara holte Luft für ihren nächsten Satz, doch Lilly sagte mit leiser Stimme: „Der arme Junge, er war doch noch so jung.“

Tränen liefen über ihre Wangen, als sie Frieda ansah.

„Wir versuchen herauszufinden, was mit ihm geschehen ist, Frau …?“

„Wagner. Lilly Wagner.“ Wieder antwortete ihr Chef für sie.

„Hast du schon die Putzfrau befragt?“ Frieda wandte sich von der Theke ab.

„Nein, sie wird noch von einem Arzt versorgt. Kann nicht aufhören zu heulen. Steht unter Schock, aber wir haben ihre Personalien und könnten sie auch später anhören.“

Frieda blickte zu einer der Plüschecken, in der ein Notarzt gerade eine Spritze aufzog. Die Frau neben ihm schüttelte in einem Weinkrampf heftig die Schultern.

„Frag ihn, in welches Krankenhaus sie gebracht wird, damit wir sie vernehmen können. Ich möchte nicht so viel Zeit verlieren.“ Frieda fühlte Ungeduld in sich aufsteigen.

„Okay.“ Lara Fricke rutschte erneut von ihrem Barhocker.

„Möchten Sie einen Kaffee?“

Ehe Frieda sich versah, stand eine Tasse mit dampfendem Kaffee vor ihr. „Hm, der riecht gut.“ Sie nahm einen Schluck. „Der schmeckt auch gut.“

Conny Frantzen lächelte nur.

„Wann hat die Putzfrau angefangen zu arbeiten?“ Sie stellte die Tasse ab.

„Semra kommt immer gegen fünf Uhr am Morgen, dann ist normalerweise niemand mehr hier.“

„Und heute ist es nicht normal?“

„Es ist CSD-Wochenende, wir haben, kurz bevor Semra angefangen hat zu schreien, die letzten Gäste verabschiedet.“ Conny Frantzen wirkte sehr zufrieden.

„CSD-Wochenende?“

„Ja, Christopher-Street-Day. Wir feiern hier in Köln zwei Wochen lang im Rahmen des ColognePride. Unter anderem ein Straßenfest an diesem Wochenende und heute findet zudem die CSD-Demo mit großer Parade statt.“

„Demo?“

„Ja, Frau Kommissarin.“ Conny Frantzen sah Frieda kritisch an. „Der Höhepunkt ist die Parade mit bis zu 140 Wagen, vielen Fußgruppen und bis zu 900.000 Zuschauerinnen und Zuschauern am Wegesrand. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle demonstrieren für ihre Rechte und gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.“

„Können Sie uns eine Liste der Gäste machen?“ Frieda nahm noch einen Schluck Kaffee.

„Sie sind wohl nicht von hier?“ Er sah zu Lara. „Woher kommen Sie? Vom Land?“

Frieda blickte den Wirt irritiert an. „Ich verstehe nicht.“

„Wie ich schon sagte, es ist CSD-Wochenende. Die Stadt ist voll von Touristen, die nur deswegen kommen. Aus der ganzen Welt reisen zum Beispiel Schwule und Lesben zu einem der größten Events in Europa an, um es hier richtig krachen zu lassen.“

Frieda fühlte seinen mitleidigen Blick auf ihr, er musste sie wirklich für ein Landei aus der tiefsten Provinz halten.

„Um es, wie Sie sagen, richtig krachen zu lassen, kommen die Menschen in Ihr Lokal?“

„Das ist hier ein Szene-Club, Frieda.“ Lara schaute den Wirt entschuldigend an.

„Sie haben keine Stammgäste?“ Frieda überhörte die Bemerkung ihrer Kollegin.

„Doch, natürlich, von denen leben wir schließlich. Aber in der letzten Nacht waren viele hier, die ich noch nie im Leben gesehen habe, geschweige denn kenne ich ihre Namen und Adressen.“ Conny Frantzen legte das Poliertuch beiseite. „Vielleicht möchten Sie jetzt Lilly befragen?“

Lara Fricke kletterte zurück auf den Barhocker und bekam auch eine Tasse gereicht.

Conny Frantzen sah zu Frieda, die sich verunsichert fragte, was dieser Blick zu bedeuten hatte. Sie wandte sich schnell der Bardame zu. „Frau Wagner, wie spät war es, als Sie den Schrei hörten?“

„Ich glaube, es war so um kurz nach fünf. Ja, es war fünf Uhr fünfzehn. Semra hatte sich umgezogen und wollte, wie sonst auch, die Mülleimer aus den Toiletten leeren. Das macht sie immer zuerst. Conny war dabei, die Vordertür abzuschließen, und ich wollte noch zur Toilette, bevor ich nach Hause gehe.“ Lilly Wagner sprach so leise, dass Frieda sich anstrengen musste, um zu verstehen, was sie sagte. Auch Lara Fricke beugte sich auf ihrem Hocker nach vorn. Nach einer Pause fuhr die Angestellte fort. „Wie gesagt, ich stand im Toilettenraum, als Semra schrie. Ich bin sofort rausgelaufen in den Hof und sah sie vor den Mülltonnen stehen. Sie hielt sich die Hände vor den Mund. Den Eimer, den sie leeren wollte, hatte sie fallen gelassen und der ganze Mist ergoss sich auf den Boden. Ich bin zu ihr gegangen und sah den Burschen auf dem Boden liegen.“

„Haben Sie sonst noch jemanden gesehen oder gehört?“ Ihre Frage sollte beiläufig klingen.

„Darauf habe ich nicht geachtet, ehrlich gesagt.“ Lilly Wagner hob entschuldigend die Schultern. „Ich bin sofort reingelaufen, um den Krankenwagen zu verständigen.“ Sie wies zu dem Notarzt, der den Abtransport der Putzfrau begleitete. „Er hat dann die Polizei gerufen und sich um Semra gekümmert.“

„Danke, Frau Wagner, das wäre es für den Moment. Wir melden uns wieder bei Ihnen, wenn wir weitere Fragen haben. Sie können jetzt gehen.“ Frieda sah die Bardame aufmerksam an, die sich mit einem dankbaren Lächeln verabschiedete.

„Bis heute Abend, Lilly. Du kommst doch?“ Frantzen goss sich noch eine Tasse Kaffee ein.

„Ja, sicher. Bis heute Abend.“ Mit einem zögerlichen Kopfnicken verschwand Lilly Wagner durch die Hintertür.

„Gewohnheit, wir gehen immer zur Hintertür raus“, erklärte Frantzen.

„Bevor wir uns anschließen, möchten wir uns gern mit den Örtlichkeiten vertraut machen.“

„Natürlich.“ Conny Frantzen sah Frieda offen an. „Sind Sie eher der Typ Forscherin und Entdeckerin und wollen sich auf eigene Faust umsehen oder darf ich Sie begleiten und Ihnen mein Lokal zeigen?“

Frieda blickte unschlüssig zu Lara, die keinerlei Reaktion zeigte.

„Ich werde Sie führen“, entschied Conny Frantzen und kam hinter der Theke hervor. „Wenn Sie mir folgen wollen.“ Er wies einladend auf die Treppe, die nach unten führte.

Auf dem Weg hinunter geriet Frieda leicht ins Straucheln und Conny Frantzen fasste sie schnell am Oberarm. „Das fehlt mir noch, dass Sie sich hier verletzen.“ Er lächelte und Frieda nahm für einen kurzen Moment ein teures Parfüm wahr.

„Danke, aber ich komme schon alleine klar.“ Sie zuckte mit dem Arm und Conny Frantzen ließ sie augenblicklich los.

„Natürlich, Frau Kommissarin.“

Lara, die auf der Treppe hinter ihnen gegangen war, überholte sie und blickte sich aufmerksam in dem großen Kellergewölbe um. Auf der Bühne an der rückwärtigen Wand standen Musikinstrumente und einiges technisches Gerät.

„Hier haben bis um zwei Uhr drei Livebands gespielt. Die Stimmung war sehr gut und die Leute haben ausgelassen gefeiert.“ Conny Frantzen sah von Frieda zu Lara. „Hier unten haben wir außerdem auch Toiletten und eine eigene Bar, die die Versorgung der Gäste während der Veranstaltung übernimmt.“

„Wo ist das Personal?“ Lara wedelte mit ihrem Block.

„Das habe ich um drei Uhr nach Hause geschickt. Wie schon gesagt, bis zwei Uhr spielten die Bands, danach machte die Bar zu und die Gäste kamen nach oben oder zogen weiter.“

„Sie haben oben auch Musik?“ Frieda stieg die Treppe wieder hinauf.

„Ja.“ Conny Frantzen und Lara folgten ihr. „Wir haben oben eine Musikanlage, die von der Theke aus gesteuert wird. Gestern war allerdings nicht besonders viel Platz zum Tanzen.“

Oben angekommen, wies der Wirt in den Raum. „Das kennen Sie bereits, der Weg in den Hof ist Ihnen auch bekannt, ebenso die Toilettenräume. Dann kann ich Ihnen nur noch unsere Baustelle zeigen.“ Conny Frantzen öffnete eine Tür. „Unser Darkroom. Er wird in den nächsten Tagen offiziell eingeweiht.“

Frieda blickte in einen stockdunklen Raum. „Gibt es hier kein Licht?“

„Frau Leippold, das ist Sinn und Zweck eines Dark­rooms, aber für Sie mache ich eine Ausnahme.“ Er ging zurück zur Theke und wenige Augenblicke später flackerten zwei Neonröhren auf und tauchten den kahlen Raum in ein fahles Licht.

„Danke, Herr Frantzen.“ Frieda und Lara gingen zurück an die Theke.

„Wir brauchen noch Ihre Anschrift.“ Lara klappte den Block auf.

„Ich wohne oben.“ Conny Frantzen wies mit dem Daumen zur Decke.

Frieda machte Lara ein Zeichen, die sofort von ihrem Barhocker sprang. „Was wir Frau Wagner gesagt haben, gilt für Sie natürlich auch. Wir melden uns wieder. Und bitte, machen Sie uns bis morgen eine Gästeliste. Danke.“ Frieda hob ihre Hand zu einem Gruß und wandte sich zur Hintertür.

„Wissen wir eigentlich etwas darüber, ob einer der vielen Nachbarn etwas gesehen oder gehört hat?“ Frieda stand nun im Hinterhof und sah an den Häusern rundum empor.

„Nein, bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet.“

„Dann wissen wir ja, was wir jetzt machen werden. Ruf doch bitte in der Zentrale an und fordere einige Streifen an, die uns unterstützen können. Sonst dauert das ewig.“

„Okay, mache ich. Wann treffen wir uns wo wieder?“ Lara sah ihre Vorgesetzte abwartend an.

„Wir bleiben einfach im Handykontakt, spätestens aber in zwei Stunden im Institut der Rechtsmedizin. Ich fahre vorher noch zu der Wohnung, vielleicht gibt es Angehörige dort, die unterrichtet werden müssen.“

• • •

Das Institut für Rechtsmedizin mit der Forensischen Pathologie lag unmittelbar am Melaten-Friedhof. Frieda Leippold fragte sich bei jedem Besuch, ob die Lage des Institutes wohl ein Kölner Scherz war. Sie bog auf den Parkplatz ein, der an diesem Sonntagmittag nicht überfüllt war, so dass es kein Problem darstellte, einen regulären Parkplatz zu finden. Sie blickte sich suchend um, von Lara Fricke war weit und breit nichts zu sehen. Zufrieden betrat sie das Gebäude, ignorierte den Aufzug und nahm stattdessen die Treppe in das Untergeschoss. Nach der Hitze, die inzwischen draußen herrschte, genoss sie die angenehme Kühle hier unten. Sie betrat den Seziersaal, in dem sie den Rechtsmediziner vermutete.

„Hallo, Lars, guten Tag, Herr Seibel.“ Sie lächelte dem Assistenten zu, der mit Dr. Schneider vor dem Seziertisch stand. Das Lächeln verschwand allerdings schnell aus ihrem Gesicht, als sie näher herantrat. Sie würde sich vermutlich niemals an den Anblick eines aufgeschnittenen menschlichen Körpers gewöhnen, ebenso wenig an seinen Geruch. Gerade wurde das Herz aus dem Rumpf gehoben und auf eine Waage gelegt. Sie schluckte heftig und hoffte, dass ihr von der aufsteigenden Übelkeit nichts anzumerken war.

„Wir haben sie ausgezogen, ihre Sachen registriert und dort drüben auf den großen Tisch gelegt.“ Der Assistent wies mit einem blutigen Daumen über seine Schulter.

„Sie? Ihre Sachen?“ Frieda blickte Lars erstaunt an.

„Ja, Frieda. Er ist eine Frau. Es waren tatsächlich ihre eigenen Ausweispapiere, die wir gefunden haben.“

Erst jetzt bemerkte Frieda Leippold das halblange, blonde Haar der Toten.

„Hallo, ich bin hoffentlich nicht zu spät?“ Lara Fricke stürmte in den Seziersaal und die anderen zuckten zusammen.

„Frau Fricke, wir sind hier nicht auf der Kirmes, wie oft muss ich Sie noch bitten, sich in meinem Seziersaal angemessen zu bewegen?“, knurrte der Rechtsmediziner.

„’tschuldigung, Doc, ich bin halt ein stürmischer Typ.“ Sie stutzte und fügte munter hinzu: „He, das ist ja eine Frau. Ist das unsere Leiche?“

„Ja, Frau Fricke, das ist Ihre Leiche. Susanne Lippens, eine Frau, 175 Zentimeter groß und 61 Kilogramm schwer.“

„Wir werden die Sachen durchsehen, Lara.“ Frieda wandte sich um.

Sie war nie erbaut davon, in den intimen Sachen einer wie auch immer verstorbenen Person zu wühlen, aber jetzt fühlte sie sich wie im falschen Film. Säuberlich eingetütet lagen vor ihnen Utensilien, die Frieda vorher noch nie gesehen hatte und die sie nicht einzuordnen wusste. Sie wollte sich auf keinen Fall die erneute Blöße eines Provinzeis geben und fragte stattdessen nach der Liste der Gegenstände.

„Liegt hier.“ Lara griff nach der Klarsichthülle. „Wir können sie eben gemeinsam durchgehen und schauen, ob auch alles aufgenommen ist. Also, ein Personalausweis ausgestellt auf Susanne Lippens, geboren am 18.09.1981. Bargeld in Höhe von 95 Euro in Scheinen und 7,20 Euro in Münzen. Ein Schlüsselbund mit zwei einzelnen Schlüsseln. Eine Kurzhaarperücke, ein T-Shirt der Marke Levi’s, ebenso eine Jeans der Marke Levi’s. Chelseaboots und Socken. Eine Brustbinde, ein Packer mit einem Gurt, ein PackStick, eine Herrenunterhose…“

„Was ist ein Packer?“ Frieda hatte keine Ahnung.

„Das ist der Silikonpenis direkt vor dir, ein realistisch aussehender und sich anfühlender Dildo aus hautfreundlichem Material. Dieser hat ausgeprägte Hoden und eine spezielle Öffnung, durch die uriniert werden kann.“

„Okay, und was ist ein PackStick?“

„Das ist das unschuldige Gerät direkt daneben.“ Lara hob eine Plastiktüte hoch. „Dieser biegsame Stab kann vorsichtig in die Öffnung des Packers reingeschoben werden und ihn damit zum Stehen bringen, um munter zu ficken.“ Lara Fricke lächelte ihre Kollegin unschuldig an. „Natürlich erst, nachdem er mit einem Gleitgel eingerieben wurde. Offensichtlich haben wir es mit einem Transmann zu tun oder mit einer Frau, die schlicht Spaß am Verkleiden hat. Das werden wir vermutlich wissen, wenn wir uns ihre Wohnung genauer ansehen.“

„Ja, aber vorher kannst du uns vielleicht etwas zur Todesursache und zum Todeszeitpunkt sagen.“ Damit wandte sich Frieda wieder zum Seziertisch.

„Kann ich, ist zwar erst in der schriftlichen Fassung endgültig, aber so viel jetzt: Tod durch Ersticken, herbeigeführt durch einen heftigen und gezielten Schlag auf den Kehlkopf. Der Kehlkopf ist infolge der Gewalteinwirkung gebrochen. Wie schon gesagt, es gibt keine Abwehrverletzungen an der Toten. Das lässt darauf schließen, dass sie entweder überrascht wurde oder den Angreifer kannte. Alles Weitere in meinem Bericht.“ Der Rechtsmediziner wollte sich gerade abwenden, als er noch hinzufügte: „Den Schlüsselbund könnt ihr übrigens mitnehmen, die Fingerabdrücke, die darauf zu finden waren, sind gesichert.“

„Können Sie den Todeszeitpunkt genauer eingrenzen, Doc?“

Frieda wunderte sich über Lars’ genervten Gesichtsausdruck, als er antwortete: „Frau Fricke, ich bin mit meiner Arbeit noch nicht fertig! Aber, wenn es Ihnen hilft, wage ich die Prognose, den Todeszeitpunkt auf die Zeit zwischen vier und fünf Uhr am Morgen einzugrenzen.“

„Danke, Lars. Dann wollen wir mal in die Wohnung fahren. Vorhin hat niemand aufgemacht.“ Frieda griff nach dem Schlüsselbund.

„Die Befragung der Nachbarn in der Breughelgasse hat übrigens keine neuen Erkenntnisse gebracht. Niemand hat etwas gesehen, einige wenige haben den Schrei gehört und sind davon aufgewacht.“

„Das bringt uns wirklich nicht weiter. Ich schlage vor, dass wir mit einem Wagen weiterfahren, das erleichtert die Parkplatzsuche.“ Frieda glitt hinter das Steuer.

„Wir müssen nach Lindenthal, nicht allzu weit von hier entfernt. Uhlandstraße.“ Lara ließ sich auf den Beifahrersitz fallen.

„Ich weiß. Ich war vorhin doch schon mal da.“

Wenige Minuten später hatten sie ihr Ziel erreicht und auf Anhieb einen Parkplatz gefunden. „So darf es weitergehen.“ Frieda sah sich um. „Wie ist die Wohngegend?“

„Bildungsbürgertum, so in der Art.“ Lara warf die Autotür zu. „Die Nähe zum Stadtwald ist bei Familien mit Kindern sehr beliebt.“

„Oder mit Hunden.“ Frieda sah einer Gruppe von Hunden nach, die von einer Frau mittleren Alters ausgeführt wurden.

Sie standen vor einer schmalen Eingangstür und Lara studierte die Namensschilder an den Klingeln. „Hier, Lippens. Vielleicht ist ja jetzt jemand da.“ Sie drückte beherzt auf den Knopf.

Als sich nichts tat, nahm Frieda die Schlüssel und sie traten in einen schmalen, kühlen Hausflur. Im Haus herrschte absolute Stille.

„Entweder schlafen die hier alle noch oder sie sind im Urlaub.“ Lara blickte das Treppenhaus hinauf. „Womöglich wohnen hier nur Lehrer.“

„Du hast ja wohl gar keine Vorurteile, was?“ Frieda schüttelte den Kopf. „Komm, wir müssen in die erste Etage.“

Sie lauschten an der Wohnungstür. „Bleibt alles ruhig. Also gehen wir rein.“ Frieda schloss auf und sie betraten einen kleinen Flur, der mit Holzparkett ausgelegt war.

Eine Katze kam ihnen laut maunzend entgegen.

„Was ist denn das für ein Staubwedel?“ Lara blickte das Tier kritisch an.

„Das ist eine Norwegische Waldkatze. Meine Eltern haben auch so eine. Die Norweger sind eine wild aussehende Katzenrasse, die intelligent und erfinderisch ist.“

„Meinetwegen.“ Lara wandte sich ab.

„Na, du hast wohl Hunger?“ Frieda streichelte die Katze, die sich um ihre Beine schlängelte. „Ich füttere sie, du kannst dich umschauen.“

In der Küche fand sie schnell das Katzenfutter und versorgte das Tier, das sich auf das Schüsselchen stürzte, als hätte es wochenlang nichts zu essen bekommen.

„Ein schönes Tier.“ Frieda sah der langhaarigen Katze eine Weile zu, dann konzentrierte sie sich auf die Küche. Alles war penibel aufgeräumt, kein schmutziges Geschirr stand herum, kein benutztes Glas befand sich auf der Spüle. Die Spülmaschine war zur Hälfte befüllt, der Kühlschrank enthielt ausgewählte Köstlichkeiten bis hin zu französischem Champagner.

„Nobel, nobel.“ Frieda sah noch kurz zu der Katze, dann ging sie in das Wohnzimmer, in dem Lara gerade in einer kleinen Kladde blätterte.

„Ich habe hier das Adressbuch. Eine Heidrun und ein Helmut Lippens wohnen praktisch um die Ecke, das sind womöglich die Eltern.“

„Ja, womöglich. Um die Ecke sagst du?“

„Ja, Landgrafenstraße. Sollen wir zusammen hingehen?“ Frieda wusste, dass Lara es hasste, die Nachricht vom gewaltsamen Tod eines Angehörigen überbringen zu müssen.

„Nein, du machst hier weiter und ich werde gehen.“ Frieda setzte ein schiefes Lächeln auf und wandte sich zur Tür. Als es klingelte, schraken beide zusammen.

„Da wollen wir doch mal sehen, wer hier aufläuft.“ Frieda drücke den Türöffner und öffnete die Wohnungstür. Ein schwarzer Mops keuchte die Treppe herauf, gefolgt von einer Frau, die Frieda erstaunt ansah.

„Guten Morgen, ich möchte zu meiner Tochter.“ Die Frau schob sich nebst Mops an Frieda vorbei. Die Katze begrüßte den Hund freudig, indem sie ihr Gesicht an seinem rieb. Die Frau blickte sich suchend um. Als sie auch noch Lara Fricke entdeckte, herrschte sie: „Wer sind Sie, wo ist meine Tochter?“

„Nehmen Sie bitte Platz, Frau Lippens.“ Frieda schloss leise die Wohnungstür. „Ich bin Kriminalhauptkommissarin Leippold, das ist meine Kollegin, Kriminalkommissarin Fricke.“

„Kriminalpolizei?“ Mit entsetzt aufgerissenen Augen ließ sich die Frau auf einen der zwei Küchenstühle fallen. „Was ist passiert?“

„Ich muss Ihnen leider sagen, dass Ihre Tochter Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist.“ Frieda wurde von einem Schrei, der einem Aufheulen glich, unterbrochen. „Wir haben sie heute Morgen tot aufgefunden.“

„Nein!“ Frau Lippens verlor sämtliche Farbe aus dem Gesicht. „Nein, das kann nicht sein. Es muss sich um eine Verwechslung handeln. Vermutlich ist es ein schlechter Scherz!“ Die Frau versuchte, sich zu sammeln.

„Ich habe hier den Ausweis, den wir gefunden haben.“ Frieda legte ihn auf den Tisch.

„Ja, das ist der Ausweis meiner Tochter. Er ist ihr sicher gestohlen worden.“ Trotzig reckte die Frau ihr Kinn vor.

„Vielleicht können Sie mich in die Rechtsmedizin begleiten, um die Tote zu identifizieren.“

„Nein, das mache ich auf keinen Fall!“ Die Frau stand abrupt auf, so dass der Mops erschrocken zur Seite sprang. Von der Katze war nichts zu sehen. „Ich gehe jetzt nach Hause, mein Mann wird sich beschweren!“ Sie blickte Frieda aggressiv an.

„Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich Sie begleiten.“ Frieda folgte der Frau, die zur Tür stampfte.

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Arnold, komm!“ Frau Lippens zerrte den sich sträubenden Hund ins Treppenhaus.

Frieda erntete einen mitleidigen Blick ihrer Kollegin. Bis zu dem Haus, in dem die Eltern wohnten, sagte Frau Lippens kein Wort. Als sie in die Wohnung traten, rief sie mit erstickter Stimme nach ihrem Mann, der aus der Küche kam. Sie warf sich in seine Arme und weinte hemmungslos. Ihr Mann sah Frieda fragend an.

„Ich bin Kriminalhauptkommissarin Leippold, ich habe Ihre Frau in der Wohnung Ihrer Tochter getroffen. Ich muss Ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen.“

Herr Lippens hob die Hand und Frieda verstummte. Er strich seiner Frau beruhigend über den Rücken und küsste sie leicht auf den Kopf.

„Nehmen Sie bitte im Wohnzimmer Platz, ich komme zu Ihnen, wenn ich mich um meine Frau gekümmert habe.“

„Natürlich. Lassen Sie sich Zeit.“ Frieda ließ die beiden allein und betrat den Raum, auf den sie hingewiesen worden war.

Na, jedenfalls kein Gelsenkirchener Barock, schoss es Frieda durch den Kopf, als sie an einer Schrankwand aus heller Eiche vorbeiging und die Fotos in Augenschein nahm, die dort aufgereiht waren. Ein Mädchen im weißen Kommunionskleid, die Taufkerze fest mit der kleinen Hand umschlossen, fiel Frieda sofort auf. Das Mädchen blickte wild entschlossen in die Kamera, hatte die Lippen zu einem schmalen Strich aufeinandergepresst und die Schultern fast bis zu den Ohren hochgezogen. Offensichtlich war das kein glücklicher Tag im Leben des Kindes gewesen. Die anderen Fotos zeigten alle eine ernste Susanne Lippens in den unterschiedlichsten Lebenslagen. Mit dem Abiturzeugnis, mit einer Medaille um den Hals in einer Schwimmhalle, am Steuer eines Autos.

„Da hatte meine Tochter gerade den Führerschein gemacht und durfte uns zu einem Ausflug in die Eifel kutschieren.“ Herr Lippens tauchte lautlos neben Frieda auf. „Meine Frau sagt, dass Sie den Ausweis meiner Tochter gefunden haben?“

„Ja, bitte.“ Frieda zeigte das Dokument vor.

„Das ist meine Tochter. Sie haben ihn bei einer Toten gefunden?“

„Ja. Ist es Ihnen möglich, die Tote zu identifizieren?“

„Ich werde Sie begleiten, sobald unser Hausarzt gekommen ist. Meine Frau ist völlig aufgelöst.“ Herr Lippens sah Frieda hilflos an. „Ich hoffe, dass es sich um einen schrecklichen Irrtum handelt. Ich weiß gar nicht, was sonst werden soll.“

In dem Moment klingelte es und Helmut Lippens entschuldigte sich bei Frieda, um die Tür zu öffnen. Sie nutzte den Moment, um in der Rechtsmedizin anzurufen und ihr Erscheinen anzukündigen.

Eine Viertelstunde später saß sie mit dem Vater in ihrem Wagen.

„Susanne ist unser einziges Kind.“ Der Vater sprach leise, wie zu sich selbst. „Wir haben sie erst spät bekommen, wir waren beide schon über vierzig.“ Er lächelte. „Sie war so ein hübsches Mädchen, intelligent und fleißig. Sie hat uns viel Freude gemacht.“ Er schwieg, bis sie vor der Bahre standen, auf der die Leiche abgedeckt lag. Frieda gab Lars mit einem kurzen Nicken das Zeichen, das Tuch vom Gesicht zu nehmen.

Helmut Lippens schluchzte auf, seine Verzweiflung war mit Händen zu greifen. „Ja, das ist mein kleines Mädchen“, flüsterte er tonlos.

Lars wollte das Tuch wieder über das Gesicht ziehen, doch Herr Lippens hielt seine Hand fest. „Bitte, ich möchte einen Moment mit ihr allein sein, um mich zu verabschieden.“

Er stand zehn Minuten stumm neben der Toten, der er immer wieder zart über die Wange strich. Frieda Leippold beobachtete ihn durch eine Scheibe.

Anschließend fuhr sie ihn zurück nach Hause.

„Wissen Sie, was Ihre Tochter gestern gemacht hat?“

„Nein, wir hatten uns bestimmt drei Wochen nicht gesehen. Wir waren heute zum Mittagessen verabredet. Als sie nicht kam, ist meine Frau nachsehen gegangen, ob sie vielleicht verschlafen hat.“

„Wir müssen die Wohnung versiegeln, bis die Spuren­sicherung mit ihrer Arbeit fertig ist. Können Sie die Katze nehmen?“

„Die Katze?“ Er sah sie erstaunt an. „Sie hat eine Katze?“

„Ja, wir haben eine Katze vorgefunden.“ Jetzt war es an Frieda, erstaunt zu sein.

„Davon wusste ich gar nichts.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie wollte doch immer einen Hund haben.“

„Waren Sie denn nicht in ihrer Wohnung?“

„Nein. Susanne ist immer zu uns gekommen.“ Er blickte starr nach vorn.

„Und Ihre Frau? Ist sie auch nicht in der Wohnung gewesen?“