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Der Transhumanismus verfolgt das Ziel, die Grenzen der menschlichen Natur zu überschreiten - körperlich wie geistig. Durch den Einsatz verschiedener Technologien sollen die Leistungsfähigkeit erhöht, verlorene Fähigkeiten ersetzt oder gar neue erfunden werden. Aber ist diese Erweiterung des Menschen tatsächlich eine Verbesserung oder nicht viel eher eine Abkehr vom gerade Menschlichen und so Hinwendung zur Maschine? Während Stefan Lorenz Sorgner davon überzeugt ist, dass in dieser Überschreitung die Chance einer besseren Welt und eines optimierten Lebens liegt, warnt Philipp von Becker vor den Gefahren eines technologiegetriebenen Transhumanismus als letztem großem Traum eines sinnentleerten, autoritären Kapitalismus, der Überwachung und Entmenschlichung auf die Spitze treibt. Wer sich eine kritische und fundierte Meinung zu den drängenden Fragen unserer Zeit bilden will, kommt an der Reihe "Streitfragen" nicht vorbei!
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Ebook Edition
Stefan Lorenz Sorgner Philipp von Becker
Transhumanismus?
Herausgegeben von Lea Mara Eßer
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www.westendverlag.de
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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ISBN 978-3-86489-889-1
Streitfragen
Originalausgabe
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2023
Motiv: Westend Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Umschlag: Buchgut, Berlin
Satz: Publikations Atelier, Dreieich
Titel
Vorbemerkungen
Stefan Lorenz Sorgner: Transhumanismus bedeutet Freiheit
Einleitung
Transhumanismus als errungene Freiheit
Morphologische Freiheit
Erziehungsfreiheit
Reproduktionsfreiheit
Keine Freiheit ohne Gesundheit
Keine Freiheit ohne globale soziale Absicherungen
Conclusio
Philipp von Becker: Transhumanismus als Abschied vom Individuum
Einleitung
Der vollkommen berechenbare Mensch
I. Pränatales gentechnisches Enhancement. Der Mensch als Designobjekt I
Steigerung von Ungleichheit und Konkurrenz
Was ist eine wünschenswerte genetische Ausstattung?
Politik wird überflüssig, Technik übernimmt die Herrschaft
II. Vermessene Welt. Zur Dialektik des Optimierungszwangs in der kapitalistischen Moderne
Mehr Optionen, aber keine Zeit
Totale Selbstvermessung oder Genug ist nie genug
Transhumanismus als Versprechen der Erlösung vom Optimierungsdruck
There is no alternative – Transhumanismus und totale Computerisierung als Ideologie
III. Das Ende von Subjekt und Politik: Menschen als Algorithmen und die totalitäre Schließung
Herrschaft mit Maschinen. Der Mensch als Designobjekt II
KI als neuer Gott und das Ende des Individuums
Freiheit durch die Befreiung von Entscheidungen
Eine Frage der Macht
Computerisierte Herrschaft als Todesmaschine
Der programmierte Mensch als idealer Untertan
Schluss – das Ende der Moral
Unverfügbarkeit als Quelle des Begehrens
Anmerkungen
Titel
Inhaltsverzeichnis
Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. […] Das gilt für alles Handeln. Einfach ganz konkret, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, dass dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem – schwer genau zu fassenden, aber grundsätzlichen – Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Anders könnte man es nicht.
Hannah Arendt
Dies ist der Versuch, Sie in die Frage zu verführen. Das Bild der Schlange, das Sie auf dem Titel sehen, ist keineswegs Zufall: In der Genesis ist sie es, die die Frage in die Welt bringt, die dazu verführt, das Selbstverständliche zu prüfen, dazu, sich ein ganz eigenes Urteil zu bilden. Auf diesem Weg bringt sie zugleich die Gefahr dieses Fragens in die Welt, denn zu fragen heißt immer, dem allzu Selbstverständlichen seine vermeintliche Alternativlosigkeit – und somit die darin liegende trügerische Sicherheit – zu nehmen.
Die Reihe Streitfragen stellt umstrittene Themen und Debatten zur Diskussion. Sie möchte Lust am Selberdenken und dem Entwerfen einer eigenen Position wecken wie auch das offene Gespräch verteidigen. Es ist ein großes Gut und Zeichen von Freiheit, dass es andere Standpunkte gibt, die den eigenen in Frage stellen. Nur so können Gedanken sich formen und umformen, nur so kann Neues entstehen, kann Gesellschaft wachsen und sich entwickeln.
Woran es unserer Zeit nicht mangelt, sind Formate des Streits, die in Lager einteilen und Kontrahenten in die Arena treten lassen. Diese Art der Debatte befördert eine Vertiefung und Verfestigung nicht mehr übertretbarer Frontlinien, sie zieht diese sogar oftmals erst. Auf diese Weise wird zur Linie verkürzt, was Gesellschaft und Öffentlichkeit einzig ermöglicht, nämlich der gemeinsame Raum des Gesprächs. Eine vielstimmige Gesellschaft ist aber weder selbstverständlich noch natürlich, sie bildet sich einzig im Dialog und endet, sobald ein solcher nicht mehr möglich ist, sobald es nur noch darum geht, den anderen mit allen Mitteln zu übertrumpfen, sobald Debatte zum Wettkampfspektakel verkommt.
Diese Reihe möchte dem entgegenwirken. Bei dem hier ausgetragenen Streit soll es nicht um Angriff und Verteidigung gehen, sondern darum, beiden Standpunkten ausreichend Platz zur Entfaltung zu lassen. Aus diesem Grund werden beide Beiträge ohne Kenntnis des jeweils anderen verfasst, und damit ohne dem (unterschwelligen) Zwang zu unterliegen, sich für seine eigene Position rechtfertigen zu müssen.
Nach der Lektüre sollen sich beide Standpunkte erheben wie die Teile eines Vorhangs und so den Platz eröffnen, der Ihren Gedanken, Ihrer Meinung zukommt. Der so entstehende Zwischenraum für eine eigeneSichtweise ist es, der eine lebendige Gesellschaft hervorbringt: die Leerstelle, die offene Frage, die auffordert zu Austausch, Diskussion und Überprüfung der eigenen Überzeugungen.
Lea Mara Eßer, Frankfurt am Main 2023
Ich überwinde die Grenzen meines Körpers, um mich mit einem größeren Schöpferkollektiv zu verbinden. Ich überwinde Weiß oder Schwarz, um einfach ein Mensch zu sein. Ich überwinde das Fleisch, um ein Bewusstsein zu sein. Ich überwinde die Erde, um Teil der Galaxie zu sein. Ich überwinde Grenzen, um unbegrenzt zu sein.
Martine Rothblatt
Vor etwa 14 Milliarden Jahren ereignete sich der Big Bang. Das Universum entstand und expandierte. Sonnensysteme formierten sich. Unsere Erde formte sich vor etwa 4,5 Milliarden Jahren, es dauerte noch eine weitere Milliarde Jahre bis zur Entstehung erster Lebensformen. Hierbei handelte es sich um einen faszinierenden Vorgang: Plötzlich gab es etwas, das zur Selbstbewegung in der Lage war und sich allein mit Energie versorgen konnte, weil es einen eigenen Metabolismus besaß. Aus Wasser, Luft und Blitzen ergab sich Leben, aus etwas Anorganischem entstand in einem wundersamen Vorgang Organisches. Das Phänomen Leben fasziniert uns noch heute. Spannend ist, dass sich aus unbelebter Materie Lebensformen entwickeln konnten. Wenn dies damals geschehen konnte, dann könnte es erneut geschehen. Könnten sich so auch siliziumbasierte Lebensformen entwickeln? Ist Leben auf einer Festplatte möglich? Gibt es hierfür nicht bereits erste Anzeichen? Ein Computervirus etwa ist zur Selbstbewegung in der Lage. Er benötigt jedoch einen Wirt, um mit Energie versorgt zu werden, hat also keinen eigenen Metabolismus – was ebenso auf nicht siliziumbasierte Viren zutrifft. Aus diesem Grund gelten beide als nicht lebendig. Sind sie aber nicht aufgrund ihrer vorhandenen Eigenschaften bereits so etwas wie »quasilebendige« Wesen? Ist der Schritt hin zum digitalen Leben nicht vielleicht viel kleiner als oftmals angenommen? Wenn vor 3,5 Milliarden Jahren aus unbelebter Materie Leben entstehen konnte, dann könnte diese Entwicklung prinzipiell auch auf Siliziumbasis geschehen. Der Transhumanist Ray Kurzweil geht davon aus, dass ein solcher Entwicklungsschritt nahe bevorsteht.1 Aber auch wenn dies nicht der Fall sein sollte, bedeutet dies nicht, dass ein solcher Prozess unplausibel ist. Ist der Google Chatbot LaMDA2 bereits ein erstes Anzeichen für eine derartige Entwicklung?
Vor etwa 530 Millionen Jahren entwickelten sich Säugetiere, Amphibien, Reptilien, Fische und Vögel. Seitdem ist es bereits fünf Mal zu einem Massenaussterben gekommen, vor 440, 372, 252, 202 und 66 Millionen Jahren. Zuweilen starben hierbei 95 Prozent aller maritimen Lebensformen aus. All dies geschah, lange bevor sich der erste Mensch überhaupt entwickelt hatte. Die entscheidende evolutionäre Abkopplung der Entwicklungslinien von Menschen und heutigen Menschenaffen geschah vor etwa 6 Millionen Jahren; wir stammen also nicht von den heutigen Menschenaffen ab. Vielmehr haben wir und sie gemeinsame Vorfahren. Der homo sapiens entstand letztendlich vor etwa 300 000 Jahren.3 Entscheidend war hierbei eine Genmutation, die die organische Voraussetzung dafür darstellte, dass sich Sprache entwickeln konnte. Damit ist etwas Wundersames geschehen: Denn es ist die Sprache, die ganz eng mit unserer Vernunft verquickt ist. Um aber tatsächlich sprachfähig zu werden, bedarf es zusätzlich eines elterlichen und eines kulturellen Upgrades. Es ist diese kulturelle Steuerung, die uns zu sprachfähigen Wesen macht. Der Steuermann eines Schiffes wird im Altgriechischen als kybernaetes bezeichnet. Sprache ist als gesteuertes Upgrade unseres Organismus zu verstehen. Wir sind in diesem Sinne mit Sprache gesteuerte kybernetische Organismen. Wir erhalten eine stets idiosynkratische Sprachfähigkeit und damit auch eine spezielle Vernunft mittels eines elterlichen Upgrades. Durch das sprachliche Upgrade sind wir zu Cyborgs, kybernetischen Organismen geworden. Seitdem sind wir mit Sprache ausgestattete und damit vernunftfähige Cyborgs.4
