Träume aus Asche und Eisen - Anja Grevener - E-Book

Träume aus Asche und Eisen E-Book

Anja Grevener

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Beschreibung

Das entstehende Ruhrgebiet 1845. Johanna Mohr trägt ihr jüngstes Kind zu Grabe, das die Strapazen des Hungerwinters nicht überlebt hat. Die verzweifelte Mutter kann das Elend und die Ungerechtigkeit nicht länger ertragen und trifft eine waghalsige Entscheidung: Um den Ärmsten zu helfen, legt sie sich mit den Reichen und Mächtigen an. Inmitten der rebellischen Stimmung des Vormärz und der Wirren der industriellen Revolution gründen sie und ihr Mann eine Räuberbande. Doch die gedemütigte Obrigkeit sinnt bald auf Rache …

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Seitenzahl: 711

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Anja Grevener

Träume aus Asche und Eisen

Rebellin des Ruhrpotts

Zum Buch

Räuberische Revolte 1845. Die mittellosen Einwohner einer kleinen Stadt sind einem gnadenlosen Hungerwinter ausgesetzt. Auf die Hilfe der preußischen Obrigkeit warten sie jedoch vergebens. Das schürt die Wut in den schäbigen Hütten. Als die fleißige, aber verarmte Hausangestellte Johanna Mohr ihr jüngstes Kind verliert, kann sie ihr Schicksal nicht länger tatenlos hinnehmen: Sie wird zum weiblichen Robin Hood des entstehenden Ruhrpotts. Gemeinsam mit ihrem Mann gründet sie eine Räuberbande und bestiehlt die Reichen, darunter ihren ehemaligen Arbeitgeber, um den Ärmsten zu helfen. Johanna erntet Ruhm und Dankbarkeit. Doch ihr Mut hat seinen Preis, denn die Mächtigen lassen sich nicht von einer Frau vorführen, schon gar nicht im gärenden Klima des Vormärz. Arroganz und zwielichtige Gestalten drohen ihre Familie zu zerbrechen …

Anja Grevener lebt mit ihrer zwei- und vierbeinigen Familie zwischen Sauerland und Ruhrgebiet und arbeitet als Redakteurin, Lektorin und Dozentin. Seit ihrer Kindheit ist sie fasziniert von der Buntheit der Geschichte und versucht, diese in Romanen und Kurzgeschichten lebendig werden zu lassen.

Impressum

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Valeria Marino

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Bilder von: © ana / stock.adobe.com; Rainer Halama, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eisenheim5875cropped2.jpg; Adolphe Maugendre, Public domain, via Wikimedia Commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zinkwerke_M%C3%BClheim_(Ruhr).jpg

ISBN 978-3-7349-3192-5

Widmung

Für meinen Cowboy und meine Räubertochter

Hilf mir!

Zwar zeigte sich der Himmel am östlichen Horizont, an dem sich die ersten sanften Berge hinzogen, bleigrau, der Regenguss war jedoch flussaufwärts weitergezogen und überließ es der zögerlichen, frühsommerlichen Sonne, die Perlen an den Grashalmen zum Strahlen zu bringen. Diese schmückten die Wiese ebenso festlich wie die besten Kleider die Menschen, die tadellosen Uniformen und polierten Stiefel die Offiziere und die Sonntagsschürzen über den weiten Röcken und die fein über den Schläfen gekringelten Locken die Frauen.

Am Arm ihrer Mutter staunte Hanne über das Festzelt, aus dem trotz des vorherigen Regens und der dadurch abgekühlten Mailuft weiter Musik schepperte. Unbewusst strich sie sich über die streng geflochtenen braunen Haare, die sich in ihrem Nacken zu einem Dutt vereinten und nur durch die glänzenden Schläfenlöckchen etwas von ihrem unbändigen Charakter preisgaben. Ihre Mutter hatte eine Stunde gebraucht, um Hanne einigermaßen präsentabel aussehen zu lassen, war sichtlich stolz auf die wohlgeratene Tochter, auf die sie sich beim Gehen stützen konnte. Viele der Männer zogen ihre Zylinder vor Hanne und erkannten scheinbar zum ersten Mal, dass ein weiteres Mädchen zu einer Frau herangereift war. Die Blicke legten sich wie kostbare Seide auf ihre Brust, auch wenn sich Hanne nicht als Frau fühlte. Sie war sich trotzdem sicher, dass sie heute mit den Wasserperlen um die Wette glitzerte.

In diesem Moment fiel ihr der Mann auf, der schwankend wie ein Seemann bei Windstärke zehn über die Wiese torkelte. Im Zickzackkurs steuerte er auf sie zu und fokussierte seine Füße, damit sie sich nicht vollends seiner Kontrolle entzogen. Kurz bevor er in sie hineinlief, räusperte sich Hannes Mutter lautstark, um ihn auf Kurs zu bringen.

»Guten Tag, Herr Pötichen!«

Der Angesprochene richtete den Blick der blutunterlaufenen Augen nach oben und befahl seinen Füßen den Stopp. Als er sah, dass er zwei Frauen vor sich hatte, erinnerte sich sein Rücken an einen letzten Rest der Manieren, die er vor einer Stunde auswendig hatte hersagen können. Mühsam schwang er aus der Hüfte in eine Verbeugung. Sein biergeschwängerter Kopf kam mit der Bewegung nach unten nicht zurecht und hebelte ihn aus dem Gleichgewicht. Mit rudernden Armen und einem feuchten Klatschen landete er auf der matschigen Wiese.

Amüsiert kiekste Hanne auf und fing sich umgehend einen Knuff in die Seite ein. Ihre Mutter warf ihr einen vernichtenden Blick zu, löste sich vom Arm ihrer Tochter und hielt dem Mann zu ihren Füßen die Hand hin. Hanne bemerkte, dass sie zitterte. Ihre Mutter würde niemals die Kraft aufbringen, einen Mann auf die Füße zu ziehen. Einmischen durfte sie sich dennoch niemals in den Willen der Mutter.

»Geht es Ihnen gut, Herr Gendarm?« Die Hand blieb ausgestreckt.

»Ich hatte wohl ein Bier zu viel, Frau Evers. Das passiert mir sonst nie«, lallte er und rieb sich die rotgeäderte Nase.

Mit großer Geste lehnte er die weibliche Hilfestellung ab und kämpfte sich auf die Füße. Den Versuch einer weiteren Verbeugung unterließ er, nickte den Frauen knapp zu, rückte sich die Kappe zurecht und klopfte den grünen Uniformrock ab.

»Ich muss zum Dienst, wünsche den Damen ein vergnügliches Fest.« Gendarm Pötichen tippte sich an seine schwarze Dienstmütze, die schief auf dem pomadisierten Scheitel saß.

Hannes Mutter nickte ihm zu, als er davonwankte. Nicht ohne Sorge verfolgte sie den weiteren Weg des Gesetzeshüters von der Festwiese.

»Und der will zum Dienst … Er sollte besser seinen Rausch ausschlafen. In dem Zustand fängt er gewiss keinen Übeltäter.« Ihre Mutter schüttelte den Kopf und blickte Hanne in die Augen. »Hör auf zu grinsen, Hanne! Wir können froh sein, dass es in dieser Gegend keine Schwerverbrecher gibt – der Feuereifer, einer Sache auf den Grund zu gehen, wird beim Herrn Gendarm Pötichen lediglich mit einem Bier- oder Schnapsglas in der Hand geweckt. Gnade uns Gott, wenn jemand ein echtes Verbrechen begehen sollte! Das Opfer würde bis zum Jüngsten Tag auf Aufklärung und Wiedergutmachung hoffen müssen.«

»Ach, Mutter. Herr Pötichen ist eben ein fröhlicher Zecher! Und heute ist Schützenfest. Da darf auch ein Staatsdiener über die Stränge schlagen.«

Ihre Mutter seufzte. »Jaja, unser Pöttchen … Bei dem Namen muss er ja gefüllte Becher lieben! … Aber nun muss ich dringend deine Schwester suchen. Sie ist seit Stunden mit ihrem Kavalier auf dem Fest. Genug Spaß für heute, sie hat schließlich Pflichten im Haus zu erledigen. Jetzt bist du dran, dich zu amüsieren. Lauf schon, ich suche deine Schwester – und deinen Vater, und zerre beide an ihren Ohren Richtung Heimat. Der Hof arbeitet leider nicht ohne uns.« Sie lächelte und tätschelte ihrer Tochter die Wange. »Mach mir keine Schande, du bist ein anständiges Mädchen – und viel zu hübsch für diese verrußten Nagelschmiede und Bergmänner.«

Hanne erwiderte ihr Lächeln. »Ich weiß, was sich gehört. Immerhin hat mir die Staatsmacht ein leuchtendes Vorbild hinterlassen. Au!« Ein weiterer Knuff ihrer Mutter. Hanne lachte und gab ihr einen flüchtigen Kuss, sie hatte es eilig – am Schießstand würde gleich das große Böllern losgehen. Das Ausschießen des Königs wollte sie nicht verpassen.

An der Seite seiner Begleitung stand Dolf am Schießstand und begrüßte Freunde, die er seit dem Beginn seines Militärdienstes nicht mehr gesehen hatte. Wie eine Trophäe hielt er die Hand des Mädchens neben sich, was ihm weitere Blicke einbrachte. Dolf genoss die Ehrerbietung, in deren Zen­trum er sich befand. Die Rückkehr nach Hause und zu seinen alten Erfolgen beim Schießen waren Balsam für seine Seele – nach all den Jahren, in denen er Preußen als einfacher Soldat gedient hatte. Im gewaltigen Mechanismus des preußischen Staates war er ein winziges Rädchen gewesen, Kanonenfutter, sollte Napoleon sich einmal mehr anschicken, die Grenzen der eigenen Herrschaft in Richtung Preußen auszudehnen. Das war jetzt zunächst ausgestanden. Auf dieser Wiese war Dolf ein König, zumindest ein freier und angesehener Mann, der tun und lassen konnte, was ihm beliebte.

»Komm, Dolf! Du warst früher ein Held an der Donnerbüchse – das wirst du beim Militär nicht etwa verlernt haben?«, rief der Brudermeister lachend und mit geröteten Wangen, strubbelte ihm durch die dunklen und ungebändigten Haare und bedeutete mit einem Rucken seines Kopfes, dass man Dolf eine der Waffen übergeben sollte. Gewaltige Kaliber, die den Schützenadler in seinem Kasten zum Zerbersten bringen konnten. Einer der Schützenbrüder drückte ihm eine solche in die Hand.

»Hier, du langer Kerl! Bei uns gibt es allerdings keine Franzosen, sondern gewöhnliche Pappkameraden.«

Die Menge quittierte diesen Scherz mit bierseligem Gelächter. Dolf ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und überprüfte den Lauf der Waffe, strich fast zärtlich mit seinen Fingern darüber. Er schien gerade gezogen zu sein. Von hinten legte sich eine zierliche Hand auf seine Schulter und braune Locken kitzelten seine Wange.

»Zeig’s ihnen, Adolph.«

Er liebte es, wie Elsabenas Zunge mit dem L spielte und sie das klingende F am Ende seines Namens in die Länge hauchte, sodass ihn ein wohliger Schauer durchströmte. Über die Schulter hinweg zwinkerte er ihr zu.

»Willst du etwa, dass ich Schützenkönig werde?«

»Wäre ja nicht das erste Mal.« Sie lächelte. »Ich wollte schon immer eine Königin sein. Ich wäre die Deine …«

Ein Kribbeln breitete sich in seinem Körper aus. »Für dich.«

Dolf legte an und visierte den hölzernen Adler an. Sein Blick wanderte am öligen Metall des Laufs entlang und richtete sich auf das Ziel im Kasten über dem Boden. Er presste sich das Holz des Kolbens in die Schulter, sein rechter Zeigefinger bewegte sich von der Seite der Donnerbusse, wo er locker aufgelegen hatte, in Richtung Abzug. Er atmete einmal tief aus, sein Finger krümmte sich, wie er es Hunderte Male auf dem Übungsplatz der Kaserne getan hatte. Dort war es um nichts gegangen, aber hier, auf dem Schützenplatz, konnte er ein Held sein, ein König sogar! Ein Treffer konnte ihm mehr schenken, als ein gewöhnlicher Mann von seinem Leben erwarten konnte. Respekt, Anerkennung, Freude. Die Welt für ein vergnügliches Wochenende um sich kreisen zu sehen. Oder als Zugabe eine höchst zufriedenstellende Viertelstunde in den Armen Elsabenas. Vor ihm explodierte die durch sanften Fingerdruck entfesselte Gewalt des Schwarzpulvers in einer Fontäne aus Funken, als das Pulver auf der Pfanne zündete und sich in beißenden Rauch verwandelte.

Dolf kniff die Augen zusammen und spürte den Schlag, der die Kugel aus dem Rohr schleuderte, bis auf sein Schultergelenk prallen, roch den Gestank, der sich um ihn niederlegte. Er lächelte, während der Donner seine Trommelfelle vibrieren ließ, er war sich sicher, getroffen zu haben.

Keinen Moment später zersplitterte das gekrönte Haupt des Schützenadlers in einer Kaskade aus bunten Holznadeln. Der Körper brach durch die Wucht von der Haltestange und krachte auf den Boden unter dem Kasten. Jubel brandete auf und ließ seine Ohren stärker klingeln. Halb taub vom Donnerschlag und halb blind von den ätzenden Pulverschwaden riss Dolf die Arme in die Höhe und stieß einen Freudenschrei aus, der sofort von einem Paar weicher Lippen erstickt wurde. Elsabenas Arme schlangen sich um seinen Nacken und zogen ihn in ihren Kuss. Seine Schützenbrüder grölten. Dolf legte die rauchende Donnerbusse ab und grub seine Finger in Elsabenas Taille. Er hatte sich auf weiche Rundungen gefreut, ertastete lediglich knochige Härte, die nicht bloß vom Korsett stammen konnte. Unbewusst zuckte er mit den Schultern. Besser der magere Spatz in den Armen als das üppige Täubchen im Kopf, dachte er.

Starke Arme entzogen ihn Elsabenas Küssen und hoben ihn auf Schultern. Von oben herab sah er ihr Schmollen, lachte aber aus vollem Hals, ließ sich herumtragen und genoss die Hochrufe, die ihm allein galten. Ein Schuss, ein Treffer. Dieses Schützenfest hatte sich bereits ausgezahlt.

Kopfschüttelnd beobachtete Hanne das Treiben unter der Vogelstange. So ausgelassen und offen kannte sie ihre Schwester zu Hause nicht. Meist war Elsabena ein miesepetriges Biest, das seine Laune an seiner Schwester kühlte und ihre Eltern gegeneinander aufbrachte. Jetzt hatte sie ohne eigenes Wissen eine winzige Trumpfkarte in Hannes Hand gespielt. Wenn ihre Mutter sie beim öffentlichen Poussieren mit einem Soldaten erwischt hätte, hätte Elsabena eine Woche lang nicht auf ihrem Hintern sitzen können. Doch Hanne hatte nicht vor, ihre Mutter darüber zu informieren. Das Druckmittel würde in wenigen Stunden keines mehr sein, dafür gab es zu viele Zeugen des Benehmens ihrer Schwester, sodass es ihre Mutter spätestens in ein paar Stunden ohnehin erfahren würde. Jeder kannte hier jeden.

Mit stolz geschwellter Brust tippelte ihre Schwester hinter dem Zug her, der ihren Galan ins Festzelt trug. Musik erscholl und Jubelrufe empfingen den frisch gebackenen Schützenkönig von Schwerte. Kein großes Königreich, aber ein fröhliches. Hanne schlüpfte ebenfalls ins Zelt, um mitzuerleben, ob Elsabena Königin werden würde. Sie kannte den neuen Verehrer ihrer Schwester nicht gut, hatte flüchtig mitbekommen, wie er sie mit ein paar Blumen abgeholt hatte, deren Stängel zerfasert gewesen waren. Er hatte kein Geld investieren wollen oder können und hatte sie mit beherztem Griff aus einem Beet der Nachbarschaft gerissen. Seit Tagen war Elsabena dennoch wie auf Wolken durch das Haus geschwebt und hatte die Arbeit an Hanne weitergereicht, um sich nicht die Fingernägel schmutzig zu machen oder sie abzubrechen. Allein dafür hasste Hanne sie.

Die mitreißende Melodie des Königswalzers erscholl und beförderte sie zurück in die Gegenwart. Der Schützenkönig streckte ihrer Schwester die Hand hin und geziert ergriff Elsabena sie, ließ sich als Erste der Damen auf dem Tanzboden herumwirbeln. Dieser Dolf – das war der Name des dunkelhaarigen Soldaten, das hatte sie mitbekommen, da Elsabena ständig seinen Namen summte – lächelte breiter als ihre Schwester. Hanne musste zugeben, dass ihm das gar nicht schlecht stand. Einmal mehr hatte Elsabena in ihrem Leben mehr Glück als Verstand, dass sich ein so glänzendes Schmuckstück an ihre knochige Brust presste.

Nach und nach wagten andere Männer einen Vorstoß und forderten Damen zum Tanz auf. Hanne hatte genug vom Glück ihrer Schwester, traute sich weder die Tanzschritte noch das Aushalten der Nähe eines betrunkenen Mannes zu und stahl sich in Richtung der Zeltplane. Dieses Getue fand sie albern: Frauen, die sich wie willenlose Püppchen in die Arme der Männer legten, die ihrerseits taten, als seien sie die Helden der Nibelungensage persönlich. Sie kam nicht weit, denn eine behandschuhte Hand schob sich in ihr Blickfeld und hielt sie auf. Vor ihr stand ein Mann wie der König der Burgunder aus eben dieser Sage, zumindest war er der König ihrer kleinen Welt. Ihr Lohngeber – Anwalt, Investor und Besitzer des Adelssitzes, auf dem sie jeden Tag seiner Frau zur Hand ging. Ein Schnösel, der selbst beim Schützenfest in seinem teuersten Zwirn steif wirkte wie eine alte Eiche.

»Darf ich bitten, Fräulein Johanna?«

Hanne zwang sich zu einem Lächeln. »Es tut mir leid, Herr Thalberg. Ich kann nicht tanzen und würde auf Ihren feinen Lederschuhen herumtrampeln«, wich sie ihm aus und wollte ihrem Arbeitgeber die Hand entziehen. Als wäre der Handschuh aus Eisen, hielt er sie fest.

»Machen Sie einem gestandenen Mann die Freude, Fräulein Johanna. Meine Frau liegt zu Bett, da ihr nicht wohl war, und hat mich ohne Begleitung in diese Veranstaltung entlassen. Ich weiß, es ist sicher keine Freude für einen Bediensteten, in seiner spärlichen freien Zeit seinem Arbeitgeber zu begegnen, aber ich bitte Sie, tanzen Sie mit mir. Ich werde mich für die Rettung aus der Einsamkeit erkenntlich zeigen.«

Aus der Nähe fiel ihr auf, wie kalt seine Augen in ihrem hellgrauen Ton waren. Selbst bei diesen freundlichen Worten stockte ihr Herz unter ihrem Winter. Heute lag nichts Stechendes in ihnen wie sonst, wenn er sein Personal schimpfte und auf es herabsah. Dennoch lag etwas anderes in diesem Spiegel aus Quecksilber, das ihr Unbehagen bereitete. Was sollte sie tun? Wies sie ihn ab, würde sie es bei der Arbeit zu spüren bekommen. Kleine Lichter wie sie waren der Gutsherrenmentalität dieser Neuadligen zu jeder Stunde untertan. Sie nickte mit einem schmerzenden Pochen in der Brust. Ein Lächeln kam ihr nicht mehr über die Lippen.

Als hätte er die größere Beute als der Schützenkönig erlegt, führte Carl Thalberg sie auf den Tanzboden. Die anderen wichen ihm aus und bildeten eine Gasse, damit sich der Mann mit Geld ungehindert vergnügen konnte. Mochten sie auch sturzbetrunken sein, sie wussten genau, was der Zorn der Reichen anrichten konnte. Hanne schluckte, fühlte die Blicke der Nachbarn auf ihrem Körper sieden. In allen Augen stand die Frage, wie sie sich derart benehmen konnte. Am Arm ihres Herrn zum Tanz zu schreiten wie eine hohe Dame! Fast ein Skandal – hätten sie nicht alle die Launen Thalbergs gekannt. Hanne machte sich klein und betrachtete die groben Dielen des Zeltbodens. Jetzt hatte sie das Problem ihrer Schwester geerbt, ihrer Mutter eine unangemessene Situation erklären zu dürfen.

»Lächeln Sie für mich, Johanna«, forderte seine Stimme sie auf, die einen scharfen Unterton hatte, der sie an das raue, zischelnde Rascheln von Banknoten in gierigen Händen erinnerte.

»Herr Thalberg, ich fühle mich nicht wohl dabei. Dieser Tanz könnte Gerede bringen.«

Er lachte, entblößte seine gepflegten Zähne unter der Haut, die wie ein Theatervorhang in Falten zur Seite gezogen wurde.

»Jeder weiß, dass ich glücklich verheiratet bin, Johanna. Sie arbeiten lediglich für mich. Was würde ein alter Kauz wie ich mit einem jungen Reh wie Ihnen anfangen wollen?«

Das Quecksilber seiner Augen strahlte auf, zog sie in einen Strudel, der sie schwindelig machte. Seine Finger strichen ihr über den Rücken und sie schauderte.

»Werden die Leute nicht trotzdem reden? Ich würde lieber aufhören, Herr Thalberg«, unternahm sie einen letzten Versuch, aus der Situation zu entkommen, aber ihr Herr zog sie näher an sich heran. Penetranter Biergeruch stieg ihr in die Nase, als sich sein Mund an ihre Schläfe presste und sich ihrem Ohr näherte.

»Brauchen Sie Ihre Stelle etwa nicht mehr? Es gibt einige vielversprechende Kandidatinnen, die bei meiner Frau vorstellig geworden sind.«

Hanne unterdrückte ein Würgen und beschloss, den sauren Atem, die Hand auf ihrem Rücken und sein Gesicht, in dem sie jede Zornesfalte aus der Nähe betrachten konnte, für diesen einen Tanz zu erdulden. Thalberg hatte recht: Würde sie ihm vor allen Anwesenden eine Szene machen, würde es noch mehr Gerede geben und ihre Anstellung wäre dahin. Sie brauchte ihren Lohn für ihre Familie. Die paar Minuten in seinen Armen würde sie überleben, und ihr Ruf würde keinen dauerhaften Schaden nehmen.

Ein letztes Mal wurde Hanne von Carl Thalberg herumgewirbelt, bevor dieser zum Stehen kam.

»War das nicht erbaulich, Fräulein Johanna?« Er tupfte sich die Stirn mit einem bestickten Taschentuch ab. »Ich spendiere Ihnen eine Kleinigkeit. Heute bin ich nicht Ihr Herr, sondern ein freundlicher Schütze.« Galant bot er ihr seinen Arm. Um weiterhin kein Gerede zu schüren, hakte sie sich unter, und er führte sie vom Tanzboden.

Selbst draußen machte Thalberg keine Anstalten, Hanne aus ihrer Dienstpflicht zu entlassen. Stattdessen ging er mit ihr zu einem kleineren Zelt, an dem eine Frau kleine Knabbereien, Zuckerstangen und Bonbons verkaufte. Ohne zu fragen, steckte Thalberg der Verkäuferin eine Münze zu und reichte Hanne eine der süßen Stangen.

»Kosten Sie, Johanna. So etwas Gutes haben Sie noch nie gegessen.« Er lächelte sie an, führte sie weiter herum wie eine preisgekrönte Stute, die in seinen Stall gehörte.

Hanne traute sich kaum zu atmen. Dachte Thalberg wirklich, dass ihre Eltern ihr nie Kandis gekauft hatten? Dass sie arm wie Kirchenmäuse waren, weil sie nicht auf einem ehemaligen Adelssitz lebten? Natürlich musste sie zugeben, dass es nicht jedes Jahr auf dem Schützenfest oder einem Jahrmarkt eine Leckerei gegeben hatte, aber ab und an hatten sich ihre Eltern hinreißen lassen, ihren Kindern diese klebrige Freude zu machen. Und nun klebte sie dank dieser knallroten Süßigkeit am Arm eines alten Mannes, der zudem ihr Arbeitgeber war. Vorsichtig knabberte sie daran. Die Süße war fast widerlich und die Zuckermasse kaum zu knacken, ohne sich die Zähne zu ruinieren.

»Seht sie euch an, ihr Mund ist röter als ihre Wangen«, strahlte Thalberg sie an. Der Stoff seiner Handschuhe glitt über ihre Haut abwärts bis zu ihrer Halsbeuge, wo seine Hand kurz verharrte, bevor er sie weiter zog.

Hanne hatte kaum bemerkt, dass er sie an den Rand der Festwiese gelotst hatte, wo der Wald mit einem Saum aus wuchernden Büschen begann. Er nahm sie von seiner Seite und drückte sie zurück, tiefer in die Büsche hinein, vollkommen abgeschirmt von dem Fest. Äste stachen ihr in den Rücken. Seine Rechte hob sich und seine Finger fuhren ihr über den Mund, der Handschuh färbte sich rot und blieb kleben.

»Hmm, damit bekommen wir dich nicht sauber und hergerichtet, dass du unter Leute gehen kannst, Kind«, säuselte er und zog sie mit einem Ruck an sich.

Wie gelähmt ließ Hanne ihn gewähren, erstarrte zu einem Eisblock, der ihre Gedanken einschloss. Sie wusste nicht, wie sie ihren Herrn abschütteln sollte, ohne die dringend benötigte Stelle zu verlieren – und diese Abhängigkeit und Hilflosigkeit kannte Thalberg.

War sie nicht eben im Festzelt gewesen? Wie kam sie hierher? Was sollte sie tun?

Die Finger ihres Herrn wurden gieriger, gruben sich in ihr Haar, zerzausten die Frisur, auf die sie so stolz gewesen war, und strichen abwärts. Kurz vor dem Ansatz ihrer Brüste hielt er inne, doch seine Blicke bohrten sich in Hannes Augen.

»Ich weiß, dass du mich machen lassen wirst, Johanna. Niemand wird davon erfahren. Ich sehe dich jeden Tag durch mein Heim wandeln und wünsche mir nichts sehnlicher, als dich einmal ganz für mich zu haben. Du bist hübsch, aber was nützt dir das, wenn ich dir deine Stelle kündige? Wer wird dich nehmen, wenn ich überall herumerzähle, dass du eine diebische Elster bist und ich dich nicht mehr in meinem Haus wollte? Du wärst ruiniert … Du weißt, was das bedeutet, nicht wahr?«

Das Eis in ihr erlaubte ihr nur zu nicken.

»Gutes Kind.«

Thalbergs Hände tasteten über den Saum ihres Korsetts, zwängten sich unter den Stoff und streiften ihre weiche Haut. Sein Körper, ähnlich dem einer Spinne mit aufgedunsenem, fettem Leib, aber dürren Gliedmaßen, presste sich gegen ihren, trieb sie tiefer zwischen die Zweige. Hanne schloss ihre Augen und betete, dass es schnell vorbei sein würde. Ihre Kraft schwand und die angebissene Süßigkeit fiel ins Gras. Wie gerne hätte sie geschrien, aber die Angst hatte ihre Stimmbänder eingefroren und wehren durfte sie sich ohnehin nicht.

»Hier bist du.«

Die sanfte Stimme entzündete sofort ein Licht der Hoffnung in ihrem Herzen. Es war tatsächlich jemand gekommen! Hanne riss ihre Augen auf und sah, wie Thalberg einen Schritt zurücktrat und von ihr abließ. Ihm gegenüber hatte sich ein Mann mit breiten Schultern aufgebaut, im Gegenlicht war er jedoch kaum zu erkennen.

»Deine Schwester sucht dich. Du solltest mit mir kommen, ich bringe dich zu ihr.«

»Wer bist du, Bursche, dass du es wagst, uns zu stören?«, keifte Thalberg, sichtlich bemüht, seine Körpergröße der seines Widersachers anzugleichen. Wie eine Fessel umschlossen seine Spinnenfinger Hannes Handgelenk.

»Hier bin ich der König, du Hanswurst! Sieh zu, dass du in dein Schlösschen verschwindest, damit ich niemandem erzählen muss, dass du kleine Mädchen belästigst.«

In Hanne kochte leise Wut auf, weil der Kerl, dieser Dolf, sie als kleines Mädchen bezeichnet hatte. Dennoch war sie froh, dass er sich nicht von der allseits bekannten Macht ihres Peinigers verscheuchen ließ.

»Herr von und zu Thalberg, ich glaube, deine Frau wäre entzückt über die Nachricht, dass eine andere die ehelichen Pflichten gegenüber dir Ziegenbock übernehmen soll. Oder was meinst du?« Ohne jeglichen Respekt, ohne die übliche Ehrerbietung redete Hannes Retter mit dem mächtigen Industriellen.

Das kalte Quecksilber der Augen erhitzte im Hochofen des blanken Zorns, der in Thalberg tobte. »Ich merke mir dein Gesicht, Bürschchen! Du solltest besser in den Arsch deiner Kompanie zurückkriechen, statt ehrenwerte Menschen zu belästigen. Hier in der Gegend wirst du nach diesem Affront keinen Fuß mehr auf die Erde bekommen!«

Nach einem letzten schmerzvollen Druck ließ Thalberg Hannes Handgelenk los, stapfte davon wie ein gerupfter Gockel und bog nach einigen Metern in den Wald ab, um nicht auf der Festwiese gesehen zu werden.

»Geht es dir gut?«

Hanne konnte noch immer nur nicken.

»Der tut dir nichts. Entlassen wird er dich nicht, keine Sorge. Sonst machen wir ihm gemeinsam die Hölle heiß.« Dolf legte ihr sanft die Hand auf den Arm. »Das verspreche ich dir als Herrscher von Gottes Gnaden, der für diese Wiese verantwortlich ist.« Er lächelte sie an.

Hanne stolperte einen Schritt nach vorn und warf sich in die starken Arme, die vor wenigen Minuten ihre Schwester zur Königin erhoben hatten. Tränen lösten sich aus ihren Augen und sickerten in die graue Uniform. An das Bild, das sie für ihre Schwester abgeben mussten, dachte sie nicht.

»Schon gut, schon gut.« Unbeholfen klopfte Dolf ihren Rücken. Sie hatte etwas in ihm geweckt, das ihn mehr reizte als an ihrer Schwester Elsabena. Schutz suchend schmiegte sich ihr Körper an den seinen. Kein Wunder, dass sich der alte Köter von dem Mädchen angezogen fühlte. »Ich bin Adolph. Gerne Dolf, so nennen mich alle. Ich habe deine Schwester aufs Schützenfest begleitet.«

Hanne schniefte. »Ich weiß, ich habe gesehen, wie du sie abgeholt hast. Ich bin Hanne, falls mich Elsabena nicht erwähnt haben sollte«, sagte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn behutsam auf die Wange. »Danke!«

Sie war ihm so nah, dass er es kaum ertrug, sie nicht zu berühren, nicht ihre Lippen zu spüren. Dolf wusste, dass er die Nähe einer hübschen Frau nicht lange aushalten konnte, ohne sie besitzen zu wollen. Unsicher wollte er sie von sich wegdrücken, als er sich dabei ertappte, wie er pochenden Herzens ihre Lippen suchte. Sie hatte gerade Gewalt von einem anderen Mann erfahren, und er dachte daran, sie zu küssen! Das gehörte sich nicht in solch einer Situation. Er schämte sich.

»Es tut mir leid, was dir geschehen ist.«

Dolf wollte sich gerade von ihr wegdrehen, als sie ihr Gesicht erneut hob und er eine Süße auf seinen Lippen schmeckte. Das konnte kaum die Zuckerstange sein, die als grelle Erinnerung an das Geschehen neben ihren Füßen im Gras lag. Vielmehr fühlte es sich wie ihre gemeinsame Zukunft an, die sich wie Honig um seine Seele schmeichelte. Hannes plötzliche Stärke übermannte ihn. Sie war scheinbar kein kleines Mädchen mehr, sondern auf dem Weg zu einer willensstarken Frau. Ein König brauchte eine würdige Königin. Das war Elsabena nie gewesen.

»Du warst also beim Militär und bist gerade erst nach Hause zurückgekehrt?« Hanne musterte den Verehrer ihrer Schwester von der Seite, froh, dass er zugestimmt hatte, nicht sofort zum Fest zurückzukehren. Das Eis, das Thalberg um ihre Seele gesponnen hatte, wich nur langsam zurück, aber es machte Spaß, mit Dolf im feuchtwarmen Gras zu sitzen und den Schützen beim Torkeln, Lachen und Raufen zuzusehen.

Dolf nickte und kaute auf dem Grashalm herum, den er sich ausgerupft hatte. Ihm fehlte der Kautabak, den er in seiner Kammer liegen gelassen hatte, um einen guten Eindruck bei Elsabenas Familie, den Evers, zu hinterlassen.

»Zum Glück ist diese Schinderei zu Ende. Die Offiziere sind Sadisten, selbstverliebt und blöde Schnösel, für die wir Schmutz unter ihren Stiefeln sind.«

»Warum bist du dann dorthin gegangen?«

Er lachte. »Du bist goldig! Ich musste! Wehrpflicht. Aber ich wäre so oder so abgehauen, selbst ohne die Ehre, meinen König in seinem Schloss in Berlin verteidigen zu dürfen. Auch zu Hause gab es so einen Sadisten. Nur hat der nicht mit seinem Offiziersstöckchen zugeschlagen, sondern mit dem Gürtel oder dem Ochsengeschirr. Mein Vater wollte mit Prügeln auf dem Rücken einen aufrechten Mann aus mir machen.«

»Wie schrecklich. Da bin ich mit meiner Familie gesegnet. Obwohl Gottes Segen bei meiner Schwester versagt hat …« Hanne biss sich auf die Lippe. »Entschuldige, du bist ihr Kavalier und wirst eine gute Meinung von ihr haben. Immerhin ist sie deine Königin.«

Da flog aus wenigen Metern Entfernung eine Stimme zwischen ihre Worte: »Wir haben dich überall gesucht, Eure Majestät. Vor allem deine Königin ist am Boden zerstört, dass du verschwunden scheinst.«

Als Hanne zu dem Sprecher hinübersah, war sie überrascht, dass sich dieser Mann derart unvermittelt in ihre Unterhaltung hatte mischen können, denn er war mindestens einen Kopf größer als Dolf, breitschultrig und mit stämmigen Beinen ausgestattet. Ein wahrer Koloss, der selbst aus einer dicht gedrängten Menschenmasse herausgestochen wäre. Auf der weiten Festwiese hatte sein gewaltiger Körper noch mehr Raum, sich zu entfalten. Dolf, offenkundig ebenfalls harte Arbeit gewöhnt, wirkte neben ihm beinahe schmächtig.

Dolf zuckte die Achseln. »Na schön, Heinrich. Ich komme. Aber ich werde dir nie verzeihen, dass du diesen Moment so rüde unterbrochen hast!«

Koloss Heinrich streckte ihm seine Pranke entgegen. »Lieber ich als deine Begleiterin. Die andere, meine ich.« Obwohl seine Worte nach Tadel klangen, zwinkerte er Hanne zu, grinste und wandte sich wieder an seinen Freund. »Bist wohl zu voreilig bei der Wahl deiner Königin gewesen, was?«

Dolf ließ sich von ihm auf die Füße ziehen. »Vielleicht tanzt du mit der Dame, damit der Platz an der Seite ihres Herzens nicht auskühlt, solange ich weg bin?«

Heinrich grummelte etwas, das sich anhörte wie »Halt doch dein Maul!«, ganz sicher war sich Hanne jedoch nicht. Für heute hatte sie jedenfalls genug Ärger auf sich gezogen.

»Niemand muss sich um mein Herz kümmern. Ich werde nach Hause gehen. Morgen muss ich in aller Frühe aufstehen, um pünktlich bei diesem Scheusal von Thalberg anfangen zu können. Nach dem Zwischenfall kürzt er mir sonst den ganzen Tageslohn. Wenn nicht Schlimmeres.«

»Komm wenigstens mit ins Festzelt. Wir suchen deine Mutter. Du solltest nicht allein nach Hause müssen«, hielt Dolf sie auf. Heinrich stimmte mit einer ausladenden Kopfbewegung zu.

Dankbar, dass sich die beiden Männer Gedanken um sie machten, nickte sie und schloss sich ihnen an.

Die Luft im Festzelt glich einem Herbsttag, an dem der Nebel aus den Wassern der Ruhr emporgestiegen war, allerdings fehlte den Dunstwolken aus Schweiß, Bier und Tabakrauch die kühle Frische der kälter werdenden Tage. Überall durch den Dunstschleier leuchteten rote Gesichter, feucht von Schweiß und Bier. Selbst bei den Frauen, die sich zwischen die Schützen gemischt hatten, klebten die Löckchen an den rosigen Wangen, deren Glühen vom einen oder anderen Gläschen stammen mochte oder vom Rausch des Tanzes und der Feierstimmung. Im Zentrum dieser Nebelgeister strahlte ein Gesicht besonders grell: Hochmütig thronte Elsabena am Tisch des Hofstaats, als wäre sie die Königin von Preußen höchstselbst und nicht die Schützenkönigin von Schwerte, lachte, scherzte, wehrte geziert Komplimente ab. Sie war ein Naturtalent im nonchalanten Abwimmeln der Audienzsuchenden und lediglich das Trommeln ihrer Finger auf dem Tisch verriet ihre Ungeduld, dass der König nicht an ihrer Seite Hof hielt.

Als Dolf das Zelt betrat, wurde er mit Hochrufen empfangen. Hanne war froh, neben dem hünenhaften Heinrich völlig in der Menge unterzugehen, denn so musste sie keine Angst haben, in den strengen Blick ihrer Mutter zu geraten.

Der neue König trat in die Mitte des Tanzbodens und nahm mit weit ausgebreiteten Armen den Jubel der Festgemeinschaft entgegen. Auf Dolfs Zeichen hin spielte die Kapelle auf und er drehte sich im Kreis. Zufrieden grinsend stemmte Elsabena sich von ihrem Stuhl, als Dolf sich weiterdrehte und seine Hand in Richtung des Zeltausganges streckte. Sofort richteten sich alle Augen nach hinten, suchten denjenigen, den Dolf mit dieser Geste auserwählt hatte. Tuscheln mischte sich unter die Musik, als die Feiernden die Schwester ihrer Königin an der Seite des Kolosses, des besten Freundes ihres Schützenkönigs, stehen sahen, auf die Dolf deutete. Augenbrauen wanderten in die Höhe und Köpfe neigten sich zueinander, um zu mutmaßen, was das alles zu bedeuten hatte. Seltsamerweise kümmerte Hanne das nicht. Etwas in ihr hatte sich verändert. Ihr war es gleich, was andere denken mochten. Was ihre strenge, auf die gute Sitte bedachte Mutter zu all dem sagen, ob Elsabena verletzt werden würde. Hannes Herz traf seine eigenen Entscheidungen und es war nicht albern, sich jemandem wie Dolf hinzugeben, sich von ihm führen zu lassen. Seine Stärke leuchtete beinahe verschmitzt und natürlich in seinen Augen und forderte sie auf, sich ihm anzuvertrauen, und ihr wurde klar, dass sie genau das wollte. Dass sie ihn wollte, wie niemanden zuvor. Der zu zahlende Preis dafür war ihr egal. Langsam setzte sie sich in Bewegung, und die Menge teilte sich vor ihr. Auf der Tanzfläche begab sie sich in Dolfs Arme und ihr gemeinsames Lächeln flutete strahlend das Festzelt. Beim Anblick der erstarrten und bleichen Elsabena, die mit ihren Fäusten die Leinentischdecke zerknitterte, musste Hanne besonders schmunzeln.

Die Funken aus dem Schwarzpulver, die den König gemacht hatten, kreisten nun um sie beide und brachten Hannes Herz zum Bersten. Sie war erfüllt von der Freude auf ihre Zukunft, die als neue Königin ihren Anfang nahm. Doch eine leise Befürchtung ließ einen anderen Weg erahnen.

Die Versprechen der Zukunft

1841

Seine Pferde Grete und Meta, beide mit braunem Fell und schwarzen Mähnen, zockelten die Straße entlang, und Dolf ertappte sich dabei, wie er ihre schaukelnden Kruppen fixiert hatte. Die Straße und die lang gezogenen Hügel, deren kahle Blöße der Gier nach Brenn- und Baumaterial zu verdanken war, waren an ihm vorübergezogen, ohne dass er es bemerkt hatte. Er räusperte sich und strich sich über den Bart, den er seit seiner Hochzeit trug, um seine Gedanken aufzuwecken. Mit einem Blick nach hinten versicherte er sich, dass mit seiner Ladung alles in Ordnung war. Seine Augenlider fühlten sich schwer und geschwollen an. War er eingeschlafen? Dieses Gefühl des mühsamen Schwebens war ihm vertraut geworden. Der Alltag zermürbte ihn: früher als beim Militär aufstehen, schuften und am Abend zu den immer gleichen Gesichtern und Sorgen im eigenen Haus zurückkehren. Das ständige Klagen über die Rotznasen, die teuren Preise für das Lebensnotwendigste, dazu die Vorwürfe, warum er nicht mehr tat. Seit Hanne und er Eltern geworden waren, drehte sich alles nur um die Kinder, den kleinen Hof, die Sorgen und Nöte. Er war so erschöpft. Innerlich und äußerlich. Seinen deprimierenden Gedanken konnte er nicht weiter nachhängen, denn der Fahrer eines entgegenkommenden Wagens grüßte, indem er sich an die Krempe des Hutes tippte.

»Morgen, Dolf! Zur neuen Hütte?«, rief er ihm zu. Dolf nickte, seine Stimme döste noch vor sich hin. »Dann viel Erfolg!« Jeder kämpfte hier für sich selbst.

Immer häufiger fuhren in der Nähe der winzigen Stadt Karren an ihm vorbei und zahlreiche Menschen waren auf den Beinen, um ihr Tagwerk zu beginnen und zur Arbeit zu eilen. Darum ermahnte sich Dolf, sich endlich auf sein eigenes Fuhrwerk zu konzentrieren, damit ihm niemand vor die Pferde lief. Trotz seiner Müdigkeit zwang er sich, gerade zu sitzen und die Augen auf die schmale Straße zu lenken. Er konnte froh sein, dass er keine Dampfmaschine ohne Seele vor dem Wagen gespannt hatte und ihm seine beiden dunkelbraunen Gefährtinnen einen Teil der Arbeit abnahmen. Er schnalzte und sofort wandten sich ihm vier Ohren zu.

»Meta, Grete, gleich sind wir da. Drückt uns die Daumen – ach, die habt ihr zwar nicht, aber na ja –, dass wir einen Auftrag einsacken können, damit sich die Fuhre lohnt«, krächzte er, um die Stimme in Schwung zu bringen. Er würde sie brauchen.

Als hätten ihn seine Stuten verstanden, schnaubten sie und zogen etwas an. Dolf lächelte und dankte ihnen im Stillen, versank jedoch gleichzeitig in sein dumpfes Brüten, das seinen Blick von seinem Weg zog. Was raubte ihm seit Wochen derart seine Energie, dass er kaum etwas von seinen Fahrten mitbekam? Es kam immer häufiger vor, dass er sich wunderte, plötzlich schon auf dem Kornmarkt in Herdecke oder vor den Toren der alten Burg zu stehen, wohin er gerade unterwegs war. Wurde er krank? Das würde ihm Hanne niemals gestatten, und leisten konnte er sich das ohnehin nicht. Seine Familie war auf jede einzelne Fuhre angewiesen, um zu überleben. Vielleicht war es das: der Druck, Tag für Tag neue Aufgaben zu suchen und sie wie eine Maschine abzuarbeiten. Ständig auf der Suche nach neuen, um ja nicht stehenzubleiben. Jeden einzelnen Tag. Jede Stunde des Lebens. Für die anderen, nicht für sich selbst. Dieser Druck lastete inzwischen deutlich schwerer auf ihm.

Langsam zogen seine Pferde sein Fuhrwerk durch die Straßen, die sich an eine längst vergangene Zeit klammerten. Fachwerkhäuser neigten ihm ihre Köpfe zu und hielten das Sonnenlicht fern. Er kam an einer der zahlreichen offenen Schmieden vorbei, die dem Städtchen seit jeher ein Auskommen beschert hatten. Ein Mann hämmerte auf einem glühenden Metallstab herum, formte ihn zu einer Spitze, wie es bereits seine Ahnen getan hatten. Bald würde er diese vom Stab abtrennen und ihr einen Kopf schmieden. Ein weiterer Nagel würde entstehen. Neben dem Schmied ließ ein jüngerer Mann mit dem Luftstrom des Blasebalgs zischend die Esse aufglühen.

Dolf tippte sich an den Hut, und der Schmied grüßte mit einem Nicken zurück. Dieses Mal hatten beide keine Stimme übrig. Wie auch? Das Gewerbe der Nagelschmiede, das diese Stadt geprägt hatte, starb aus, eine neue Zeit war bereits angebrochen – die Zeit der Maschinen. Dieser Mann konnte am Tag zwar Hunderte Nägel in seine Holzkiste rieseln lassen, würde aber niemals das leisten, was sich wenige Meter weiter in den wachsenden Fabriken zutragen würde. Schuldig fühlte Dolf sich nicht, er war nur ein Rädchen im Getriebe, winzig und eher unbedeutend, verdiente als Fuhrmann für die Großen sein Geld. Und die Großen! Das waren jetzt nicht mehr die Ritter und Könige, sondern die Fabrikbesitzer. Einer von ihnen, von diesen neuen Machthabern, hatte die alte Burg gekauft, die als Sitz einer Adelsfamilie seit langer Zeit über das Wohl der Stadt gewacht hatte. Ihr Glanz war wie ihr Putz im Laufe der Zeit abgebröckelt und das alte Gemäuer sah heute schäbig aus, fast verblichen wie die Blütezeit des Adels, der mit allen Mitteln darum kämpfte, nicht an Einfluss zu verlieren – dennoch seine Schlösser und Burgen abtreten musste, um sich das Leben in dieser neuen Zeit leisten zu können, wo alles in die wuchernden Städte zog. Wie sie sich aufspielten, nachdem sie diesen Franzosen aus dem Land gejagt hatten! Ob die Preußen mit ihrem König im fernen Berlin, die die Franzosen hier ersetzt hatten, besser waren – wer konnte das schon sagen? Dolf musste zugeben, dass ihm nicht gerade wohl dabei war, für diese neuen Könige auf den Baustellen ihrer modernen Paläste des sogenannten Fortschritts zu arbeiten, denn er sah jeden Tag, wie sich hinter der Fassade der alten Burg Hördes etwas breitmachte, das das Grün auffraß, das er liebte und das in seiner Kindheit bis in die Ferne gereicht hatte. Davon war vieles verschwunden, begraben unter den Ziegeln und dem Metall einer neuen Zeit. Neuerdings roch es nach Kohle, Feuer, Asche und Eisen, verödet und verbrannt. Die Straßen wurden erweitert, befestigt und zu pulsierenden Adern des Lebens gezogen. Bei all dem Streben Richtung Zukunft war es für Dolf ein Wunder, dass sie die alte Burg stehen gelassen hatten, die ein Unternehmer aus dem nahen Sauerland gekauft hatte, um auf den Ländereien eine Eisenhütte aufzubauen. Wie gerne wäre Dolf ein Ritter gewesen, wie die Männer, die einst über seine Heimat gewacht hatten. Doch das war die Kindheit mit ihren Fantastereien. Jetzt war jetzt, und jetzt war er ein Familienvater und musste die Nase nach dem Wind drehen, der aus einer anderen Richtung wehte und nach blutiger Asche schmeckte.

Als er an der alten Burg vorbeiholperte, umfing ihn Baulärm, und seine Pferde horchten auf. Sie blieben dennoch ruhig und zogen brav weiter, bis er sie anhalten ließ. Ein Mann mit einer Liste kam auf ihn zu, wollte wissen, was er geladen hatte, und Dolf erteilte bereitwillig Auskunft. Der Mann wies ihn zur Baustelle eines Gebäudes, wo er die Steine abladen lassen sollte. Ein weiteres Fuhrwerk wurde eben vor den halbfertigen Mauern entladen. Dolf grüßte dessen Fahrer knapp und lenkte seine Pferde so, dass er auf jeden Fall als Nächster an die Reihe kam, denn er hatte es eilig.

Dolf nutzte die Pause, um einen Schluck verdünntes Bier aus seiner Flasche zu nehmen und in seine Scheibe Brot zu beißen. Trocken klebte ihm die Pampe am Gaumen. Butter war in letzter Zeit keine mehr zu finden gewesen. Das lag nicht an Hannes Wirtschaften. Dennoch wurde er wütend, dass sie ihm nichts Ordentliches auf den Tisch brachte. Er würgte den trockenen Kanten herunter und spülte mit dem Bier nach. Dabei beobachtete er die Bauarbeiter, die wie er Teil des Getriebes waren. Sie zogen Mauern hoch, ihre Schornsteine wuchsen in den Himmel, andere schaufelten Erde für einen Graben weg. Es roch nach glühendem Metall wie vor der Nagelschmiede, bloß stärker, eindringlicher.

Seine Aufmerksamkeit wurde auf einen untersetzten Mann gelenkt, der mit einem Hofstaat wuselnder Menschen aus einem Gebäude in der Nähe kam. Dolf wurde wach und richtete sich auf, der Dicke mit der Glatze und den Koteletten, die den Mangel an Haaren auf seinem Kopf mehr als ausglichen, war einer, der das Sagen hatte. Vielleicht konnte er den Ingenieur in ein Gespräch verwickeln, damit dieser ihm etwas zuschanzen konnte. Dolf mochte ihn, denn er war nicht annähernd so arrogant wie ihr gemeinsamer Auftraggeber, der sich meistens nur eilig den Fortschritt auf dem Gelände zeigen ließ, wenn er denn einmal Zeit fand, nach seiner Investition zu sehen. Dolf hatte den Piepenstock, wie er den Inhaber Hermann Diedrich Piepenstock nannte, kaum je zu Gesicht bekommen, obwohl er jeden Tag irgendetwas zur Baustelle transportierte. Der Ingenieur hingegen war aus einem anderen Holz geschnitzt – oder in seinem Fall: aus einem anderen Metall gegossen.

»Guten Morgen, Herr Dobbs!«, rief Dolf freundlich und winkte dem Mann zu, der trotz seiner Leibesfülle wie ein umtriebiges Eichhörnchen wirkte. Das Lächeln des pausbackigen Gesichts offenbarte ihm schiefe Zähne, und Dobbs zog seine Entourage wie erhofft in Dolfs Richtung.

»Good Morgen, Herr Adolph. Wie geht es heute?«, fragte Samuel Dobbs, die Glatze in der Sonne glänzend und bereits arg verbrannt. Als Engländer und Meister der Konversation erledigte er das Gespräch gleichzeitig mit einem Blick in seine Pläne, ohne unhöflich zu wirken.

»Wie immer besorgt, Herr Dobbs. Zu Hause warten hungrige Mäuler und eine nörgelnde Ehefrau. Ganz zu schweigen von den beiden Damen da vorne, die am liebsten nur Hafer zu futtern bekämen.«

Damit hatte Dolf seine Aufmerksamkeit. Der Engländer schaute auf, trat zu Meta und hielt ihr die Hand hin, strich ihr über die Nüstern. Neben seiner Leidenschaft für Dampfkraft und Maschinen vergötterte Dobbs Pferde und liebte Pferderennen, das wusste Dolf. »Als Engländer you must love horses«, hatte der einmal erklärt und Meta ein Stück Zucker zugesteckt. Daran schien sich die Stute zu erinnern und so schnaubte sie enttäuscht in die Handfläche, die leer blieb.

»Keine leichte Zeit. Nirgendwo, Herr Adolph. Überall Unzufriedenheit. Aber Ihre Pferde und Familie müssen sich keine Sorgen machen. Immerhin schicke ich Sie auf die Reise, mir die besten Steine zu bringen, damit meine Maschinen ein Dach über dem Kopf haben.«

»Es geht gut voran?«, traute Dolf sich zu fragen, als Dobbs eine goldene und reich verzierte Uhr aus seiner Westentasche zog und den Deckel aufschnappen ließ.

Er brummte etwas Unverständliches, als wäre ihm die Frage des Fuhrmanns zu indiskret. »Jaja, gut, gut. Wir sind bald fertig. Alles nach Plan. Ich muss weiter, Herr Adolph. Melden Sie sich im Büro. Noch gibt es Aufträge.« Er winkte Dolf bereits abwesend zu und zog mit seinem Hofstaat von dannen.

Das Fuhrwerk vor Dolf war entladen und wendete, kam dann neben Dolf zum Halten, bevor der nach vorne aufrücken konnte. Die Miene des Fahrers sprach Bände. »Glaubst du, die Vertraulichkeit mit dem Engländer sichert dir die Aufträge? Vergiss nicht, wo du stehst. Wir wissen alle, dass die Baustelle bald abgegrast ist, egal, was die feinen Herren sagen. Also mach dich nicht wichtig, du Spinnewipp!« Der Konkurrent schnalzte mit einem letzten bösen Blick zum Abschied und rumpelte davon.

Das Gespräch mit dem Ingenieur hatte den Druck in Dolfs Kopf erhöht wie einer dieser Dampfkessel, die Dobbs errichten ließ. So höflich und ermunternd es vom Engländer geklungen hatte – zwischen den Zeilen hatte Dolf begriffen, dass es auf dieser Baustelle bald nichts mehr zu holen geben würde. Bald würden hier Dampfmaschinen zischen, Maschinen zetern und Öfen brodeln. Fuhrleute würden da nicht mehr gebraucht, vor allem bei den Gerüchten über ein stählernes Ross, das deren Arbeit übernehmen sollte und das Kohle statt Heu fraß. Wie sollte er das Hanne erklären? Eigentlich wollte er gar nicht nach Hause zurück.

Tränen hinter der Hecke

Hanne strich sich eine lose Strähne aus der Stirn und schob sie zurück unter das Tuch, das sie sich für die Arbeit umgebunden hatte. Es war kühl, darum hatte sie mit der Gartenarbeit begonnen, bevor die Sonne auf sie herunterbrennen würde. Ebenso früh war Dolf mit dem Auftrag einer Fuhre aufgebrochen. Sie seufzte. Wie eifrig ein grauer Alltag eine frische Liebe zum Verblühen bringen konnte, hatte sie nicht erwartet, als sie in seinen Armen die Königin gewesen war. Das alles schien ein Jahrtausend zurückzuliegen. Nach dem Schützenfest kam schnell der Losbrief, den ihr Pfarrer ausschrieb, damit sie in Dolfs Gemeinde gehen und sich mit ihm verheiraten konnte. Carl Thalberg hatte sie nicht mehr wiedergesehen, Dolf hatte ihr verboten, weiter für diesen Widerling zu arbeiten. Dolfs Brautgeschenke waren die Arbeit auf seinem Hof und Hannes erste Schwangerschaft gewesen. Der Acker war ihr Brautbett und schien nur darauf zu warten, sie mit schlechten Ernten zu ärgern. Jahr für Jahr war es schlimmer geworden. Fast glaubte Hanne, dass Elsabena eine eifersüchtige Zauberin wie aus einem Märchen sein musste und sie verflucht hatte, da Hanne sie bis auf die Knochen blamiert und gedemütigt hatte. Ihre Mutter zwang sie beide, sich bei Familienfesten die Hand zu geben. Zu mehr Freundlichkeit zwischen den Schwestern war es seit dem schicksalsträchtigen Schützenfest nicht mehr gekommen, auch nicht, als Elsabena kurz nach Hannes Hochzeit ihren Diedrich unter weitaus größerem Pomp zum Altar geschleppt hatte. Diedrich war ein gutmütiger Kerl, doch er konnte mit Elsabenas Temperament nicht mithalten und hatte wahrscheinlich erst nach dem »Ja« verstanden, was er sich eingebrockt hatte. Die Sorgen ihrer Schwester waren aber nicht die ihren und sie musste sich um das Überleben ihrer eigenen Familie kümmern. Zumindest verdiente Dolf als Fuhrmann etwas dazu, sodass sie sich bis jetzt hatten über Wasser halten können, das konnte sich jedoch mit jedem Tag ändern. Nichts war mehr sicher. Es fühlte sich an, als würde der Tanz der Mücken ein ganz anderes Gewitter ankündigen – der Beweis für nahendes Ungemach lag in der aufgebrochenen Erde hinter Hannes Rücken. Sie brauchte nun kein Tagblatt mehr, das über kranke Ernten berichtete. Es half nichts, sie musste weitermachen, für ihre Familie.

Vorsichtig schob sie ihre Forke unter eine der Kartoffelpflanzen und hob sie aus ihrer Ruhestätte. Als sie die Erde abschüttelte, seufzte sie enttäuscht. Die Hälfte der Knollen war zusammengeschrumpelt und matschig. Auch die nächste Pflanze brachte kaum mehr als die Saat, die für ihr Leben in die Erde gegeben worden war. Hanne fluchte. Wenn es so weiterging, würde das ein harter Winter werden. Die Angst vor dem Hunger begann, an ihr zu nagen. Das erinnerte sie daran, dass ihre Kinder sicher wach geworden waren und auf das Frühstück lauerten. Nur noch eine weitere Pflanze, vielleicht sah die besser aus! Kratzend fuhren die Zinken in den Ackerboden, als ein anderes Geräusch sie aus ihren Gedanken riss. Hanne hielt inne, doch es war nichts Ungewöhnliches mehr zu hören. Die winzigen Häuser ihrer Nachbarschaft mit den verwitterten Dächern lagen verschlafen und ruhig da. Nur ein Hammerschlag dröhnte irgendwo im gleichförmigen Takt und untermalte die Stille.

»Eine letzte Reihe«, munterte sie sich beim Anblick der nächsten verrotteten Kartoffel auf, als sie es erneut hörte, dieses Mal viel klarer: ein Schluchzen.

Hanne legte die Forke beiseite und wischte sich die Hände an ihrer ausgeblichenen Arbeitsschürze sauber. Dann stieg sie über die gehegten Gemüsepflänzchen zur Hecke, die ihren Garten einfriedete und aus deren Richtung sie das Geräusch vernommen hatte. Sie musste nicht lange suchen, bis sie, auf Zehenspitzen stehend, eine Gestalt mit mausbraunem Scheitel ausmachen konnte, die auf den Knien saß und hilflos zitterte.

Die Ästchen des Gebüschs knisterten, als Hanne sich da­­rüber lehnte, um einen näheren Blick auf die Person zu erhaschen. Die Frau fuhr aufgeschreckt hoch und starrte Hanne an. Eilig wischte sie sich die Tränen aus den Augen und strich ihren löchrigen Rock glatt.

»Guten Morgen, liebe Nachbarin«, versuchte Hanne, deren peinliche Berührtheit unverfänglich zu mildern.

»Guten Morgen, Hanne«, räusperte sich die Frau, die nur wenige Häuser entfernt wohnte. »Du bist schon so früh draußen zugange?«

»Dolf musste zu einem Kunden und die Kinder schliefen. Da hatte ich Gelegenheit, im Garten nach dem Rechten zu sehen.«

»Ich meine, alle Liebesmüh mit diesen elenden Gewächsen ist vertan«, erwiderte die Nachbarin bitter. Tränen stiegen auf, ihr Mund verzog sich abschätzig. Dann räusperte sie sich erneut. »Tut mir leid, dass ich flenne. Mir ist schlecht geworden, da musste ich mich hinsetzen. Im Moment … wird mir alles etwas zu viel, weißt du? Du bist jung und hast einen stattlichen Kerl an deiner Seite. Aber ich …«

Hanne bedeutete ihr zu warten und ging zum Gartentor. Nach wenigen Schritten hockte sie sich neben die Frau an den Straßenrand.

»Elisabeth, was ist los? Ich habe es gestern bei euch ziemlich spät scheppern hören.«

»Das konnte man hören? Ach herrje, wie peinlich!«, schluchzte Elisabeth auf und vergrub ihr Gesicht in den Händen, die von der lebenslangen, schweren Schufterei ganz zerfurcht waren.

»Mach dir keinen Kopf. Erzähl einfach. Du siehst schon länger blass um die Nase aus.« Hanne tätschelte ihr den Arm.

Elisabeth schluckte, richtete sich auf und wischte sich die laufende Nase am Ärmel ab. »Wir … haben uns gestritten, wieder mal. Im Moment gibt es nur ein Thema: das liebe Geld! Es langt vorne und hinten nicht mehr zum Leben. Alles ist schrecklich teuer geworden und mein Mann ist kein guter Wirtschafter und Ernährer. Die Arbeit wird weniger und bringt nicht mehr so viel ein. Im Garten will es auch nicht mehr recht wachsen, die Ernte sieht schlecht aus … Außerdem verbringt er plötzlich dermaßen viel Zeit bei Haselhoff am Tresen! Das letzte Geld gibt er für Schnaps und Bier aus, und ich habe keine Ahnung, wo ich was zu beißen hernehmen soll! Gestern vor dem Abendessen hat er den Brotkorb sogar so hoch gehängt, dass nicht mal ich rangekommen bin. Die Kinder plärren durchgehend, weil ihnen die Bäuche schmerzen vor Hunger. Und ich muss die Suppe noch mehr strecken! Ich sage es dir ganz offen, Johanna: Um uns steht es nicht zum Besten. Ich weiß nicht, wie ich meine Kinder satt machen soll! Er steht daneben und weiß auch nicht weiter, dieser Tagedieb! Darum ist gerade alles über mir zusammengebrochen. Ich würde mich am liebsten ertränken, um meine Kinder nicht länger hungern sehen zu müssen!« Elisabeths Stimme brach ab, sie schniefte auf und saß still, erschrocken über die Düsternis der eigenen Worte.

Hannes Herz vibrierte unter dieser finsteren Kraft. Niemandem ging es mehr gut. Sie hätte ein ähnliches Liedchen davon singen können – die Kartoffeln waren durch Krankheiten nicht gut gewachsen, die Fuhraufträge für Dolf fielen magerer aus, das Geld wurde weniger. Selbst das Wetter schien verrückt zu spielen und sich gegen die Menschheit verschworen zu haben. Jetzt wurde, so stand es in den Zeitungen, zu allem Überfluss das Getreide knapp. Doch es war nicht Hannes Art, sich in hoffnungslosen Gedanken zu verlieren. Sie kämpfte eher, als sich zum Sterben hinzulegen. Wie eine Löwin hätte sie um den Brotkorb für ihre Kinder gekämpft und den Kerl an den Ohren aus der Kneipe gezogen! Die Nachbarschaft mochte arm sein, derart kraftlos hatte sie jedoch noch niemanden sprechen hören.

»Es steht nicht nur bei euch schlecht. Wenn du kein reicher Bauer mit weiß Gott wie viel Hektar Land bist, hast du verloren! Ich muss strecken, was das Zeug hält. Sei unbesorgt. Es mag zwar ein Rattenloch sein, aber wir auf dem Sommerberg halten zusammen.« Hanne stand auf. »Warte kurz.«

Leise trat sie ins Haus und steuerte die Speisekammer an, wo der Brotkasten stand. Mit einem Seufzer nahm sie einen halben Laib heraus und wickelte ihn in ein Küchentuch. Danach war der Kasten bis auf ein paar Krümel leer. Sie machte sich keine Sorgen darüber, was Dolf dazu sagen mochte.

Als sie nach draußen trat, befreite sich die Sonne aus den Wolken und es wurde sofort merklich wärmer. Vielleicht gab es doch Hoffnung, dass das Gemüse sprießen würde.

Sie drückte Elisabeth das Brot in die Hand. »Mach den Kindern Frühstück. Sie brauchen was. Vor allem brauchen sie ihre Mutter. Also iss eine dicke Scheibe, Elisabeth.«

Elisabeths Augen weiteten sich unter dem See ihrer Tränen. »Das … kann ich nicht annehmen! Ihr braucht das genauso nötig!«

Hanne biss sich auf die Lippe. »Geht schon. Nimm es, für deine Kinder und für dich zur Stärkung, damit du deinem Kerl in den Allerwertesten treten kannst. Hoffentlich reißt er sich dann endlich zusammen! Der Winter kommt schneller, als wir denken.«

Elisabeth rappelte sich auf, nahm den Laib und zog Hanne ungelenk in eine Umarmung. »Das ist … du bist so großzügig! Damit rettest du meine Familie! Adolph hätte keine bessere Frau heimführen können.«

Elisabeth löste sich von ihr und nickte ihr erleichtert zu, als sie die Straße in Richtung ihres Hauses davonlief. Sorgenvoll blickte Hanne ihr nach. Seit Wochen sah Elisabeth ausgezehrt und dürr aus. Ihre durchlöcherten, verwaschenen Röcke schlackerten wie graue Raubvögel, die ihre Beute in den Himmel reißen wollten, um die mageren Beine. Sie war ein Abbild der Not, die auf dem Sommerberg um sich griff, und dennoch hatte bisher niemand etwas dagegen unternommen: Niemand ging zum Bürgermeister, niemand setzte sich zusammen, um zu beraten, wo man schnellstmöglich etwas zu essen herbekommen konnte, gerade jetzt, wo der Winter sich in jedem kühleren Lufthauch ankündigte. Bald würden Menschen ringsum verhungern, da sich keiner von den Mächtigen um das arme Rattenpack scherte, dessen Kartoffeln in der Erde vermoderten und das nicht einmal zum Überleben genug verdiente, ohne auf Almosen angewiesen zu sein. Vielleicht würde sie sogar um ihre eigenen Kinder trauern müssen … Eine dunkle Wolke schob sich vor die Sonne und sofort fröstelte es sie. Dieser Gedanke passte nicht zu ihr, und Hanne verbat ihn sich. Hätte sie ihn, wie Elisabeth es tat, zugelassen, wäre sie auf der anderen Seite der Hecke niedergesunken und hätte sich nicht mehr fortbewegt. Aber nicht Hanne. Nicht mehr. Damals, nach dem Schützenfest, hatte sie sich etwas geschworen: Im Angesicht einer Bedrohung würde sie nie wieder zu Eis erstarren. Noch konnte sie die nächste Pflanze ausheben und auf das Beste hoffen. Vielleicht sah es in der letzten Reihe besser aus. Hanne schob die Betrübnis zur Seite und krempelte die Ärmel hoch. Gemeinsam schafften sie es schon. Dolf war kräftig, wie zehn Männer. Hanne vertraute auf ihn und seine starken Arme.

Die Bedeutung des Eisens

Dieser Tag konnte nur schlimmer werden. Erst die Entmutigung durch Samuel Dobbs, dann die Fehler der Arbeiter beim Entladen, die Dolf wertvolle Zeit auf dem Weg zu neuen Aufträgen gekostet hatten, und jetzt die Schlange aus Fuhrwerken vor dem Werksbüro in der alten Burg, die sich zur Mittagszeit scheinbar bis zum wachsenden Schornstein hinauf stapeln wollten. Zu allem Übel hatte seine Meta irgendwo ein Eisen verloren und stakste unglücklich vor dem Wagen, entlastete das Bein, wo es ging. Dolf würde sie schnellstens beschlagen lassen müssen, um eine Lahmheit und damit den Ausfall ihrer Arbeitskraft zu verhindern. An die Kosten, die dadurch auf ihn zukamen, wollte er nicht denken.

Er grummelte unentwegt in seinen Bart, und seine Stimmung stieg nicht unbedingt, als der Fuhrmann, der ihn nach dem Gespräch mit dem Ingenieur derb angefahren hatte, mit einem Blatt Papier wedelnd aus dem Büro kam. Er hatte einen der begehrten Aufträge erhalten. Dolf war sich sicher, dass der Kerl gehässig in seine Richtung gegrinst hatte. Seine Laune sank auf den Tiefpunkt.

»Blöde Ratte …«, fluchte er und spielte mit den Zügeln, um sich zu beruhigen. Seine Pferde verstanden dies als Aufforderung und zogen an. Erschrocken durch den Ruck brachte Dolf sie hastig wieder zum Stehen. Zu spät. Es krachte, und die vordere Ecke seines Wagens donnerte in das vor ihm wartende Gefährt.

»Hömma! Kannst du nicht aufpassen?«, brüllte ihn dessen Fahrer an.

Dolf murmelte eine Entschuldigung. Er fühlte die Blicke der anderen auf sich ruhen, ihr Kopfschütteln musste er gar nicht sehen, um zu wissen, was sie dachten.

»Du solltest deine Träumereien in die Pausen verlegen, du Idiot! Muss ich rüberkommen und dir zeigen, wie man ein Fuhrwerk lenkt?«

»Reg dich nicht auf! Ist nichts passiert«, knurrte Dolf. Seine Faust ballte sich auf seinen Oberschenkeln. Zum Glück stieg der Mann entgegen seiner Ankündigung nicht ab, um nach dem Schaden zu sehen und Dolf weiter anzugiften, sondern zeigte ihm nur den Vogel. Die vertraute Wut, die ihn seit der Kindheit wie ein über ihm kreisender Rabe verfolgte, brodelte in seinen Eingeweiden. Sie würde sich erst durch den Einsatz seiner Faust entladen. Er hoffte, dass der Kerl weiter auf seinem Bock blieb, damit Dolf nichts tun würde, was ihm schadete – erst recht nicht vor den Augen seines Auftraggebers.

Endlich öffnete sich die Tür zum Büro und einer der Angestellten trat heraus. Die Aufmerksamkeit aller richtete sich auf den Mann, der auf die oberste Stufe trat. Dolfs Faust pulsierte, er zwang sich jedoch, den Worten des Mannes zu lauschen, um mitzubekommen, wohin ihn sein nächster Auftrag führen würde.

»Es tut mir leid, für heute sind alle Fuhren vergeben! Versucht es morgen noch mal!«, lautete die knappe Ansprache des Mannes, die ein Murren rundherum aufbrausen ließ. Der Bote der schlechten Kunde floh danach schnellstens wieder in die Sicherheit der Burgmauern.

»Na bravo.« Dolf sackte vollends in sich zusammen, die Wut sickerte aus ihm heraus in den grauen Staub. Wirklich, was für ein Tag!

Mutlos reihte er sich in die Schlange der Fuhrleute ein, die ihre Wagen von der Baustelle lenkten und sich mit enttäuschter Mine durch die engen Straßen davonmachten.

Dolf brauchte einen Plan. Als Erstes würde er zum Hufschmied in der Nachbarschaft fahren und Meta beschlagen lassen. Das würde zwar etwas kosten, was er eigentlich nicht hatte, aber ihm die Arbeitskraft des Tieres erhalten. Der Schmied war zudem so etwas wie das Wochenblatt auf dem Sommerberg und hatte stets ein Füllhorn an interessanten Geschichten und Neuigkeiten parat, die er neben seinen Hufeisen gerne an den Mann brachte. Vielleicht hatte der für seinen Stammkunden eine Idee, wo es etwas zu holen gab. Das Geld für diesen Besuch würde Dolf gerade noch zusammenkratzen können.

»Ach, da ist ja mein Lieblingskunde!«, begrüßte ihn eine Stunde später der Schmied Overkamp. Sein muskulöser Oberkörper, versteckt hinter der Lederschürze, quetschte sich durch die Tür seiner Werkstatt auf den Hof, gefolgt von seinem sympathischen Lächeln im glatt rasierten Gesicht.

»Und mein Lieblingsschmied ist tatsächlich daheim. Wie schade, das wird bei seinen überzogenen Preisen wieder ein teures Vergnügen für mich!«, erwiderte Dolf den Gruß und sprang vom Bock, um seine Pranke zu schütteln. Von der körperlichen Arbeit hatte Dolf zwar kräftige Hände, sie wirkten in denen Overkamps dennoch winzig und weich wie die eines Bürohengstes.

»Für diese Unterstellung schlage ich was beim Preis auf, du Gauner. Wie kann ich dir helfen?«

Dolf zeigte ihm Metas Huf. Der Schmied rief nach seinem Gehilfen, damit der das Pferd ausspannte und es an einem der eisernen Ringe in der Wand anband.

»Das wird schnell gehen. Das Eisen ist weg, vermute ich? Sonst hätte ich es wieder drankloppen können. Der letzte Beschlag ist ja noch nicht lange her. Sei beruhigt, es wird nicht allzu teuer. Willst du was trinken?«, zwinkerte Overkamp Dolf zu und dieser bejahte.

»Ich hatte heute kaum eine Pause. Gebracht hat der Eifer am Ende nichts«, beklagte er sich, während er sich auf eine Holzbank neben der Schmiede fallen ließ, in der Overkamp abtauchte.

Schnell kehrte der Schmied mit einer Flasche und zwei Bechern zurück. »Dein Gesicht ist so lang wie das deines Pferdes«, beschied er und reichte Dolf den einen, in dem bereits eine klare Flüssigkeit schwappte. »Trink, das macht dich munter. Was bedrückt dich?« Er ließ sich neben Dolf fallen und blinzelte in die Sonne.

»Irgendein Idiot hat mir den letzten Auftrag für heute vor der Nase weggeschnappt, dann bin ich einem anderen drauf gefahren. Dazu habe ich mit dem Engländer gesprochen. Dachte, er muntert mich auf und schanzt mir einen Auftrag zu … tja, falsch gedacht.«

»Ich kann mir denken, was dieser Dobbs gesagt hat. Man hört überall, dass die Piepenstock-Hütte bald ihren Betrieb aufnehmen wird. Der Sauerländer, der Piepenstock, kommt bald her, um zu hören, wann es losgehen wird mit dem Kochen seines Eisens. Einer meinte, in wenigen Wochen. Dann ist Schluss mit Fuhrleuten, die Steine herankarren. Dann leuchtet der Himmel von Piepenstocks Feuer.«

»Genau das ist mein Problem. Ich habe hungrige Mäuler zu stopfen. Vielleicht kann ich Kohle- oder Eisenfuhren für die Hütte übernehmen.«