Trautes Heim - Christine Nöstlinger - E-Book

Trautes Heim E-Book

Christine Nöstlinger

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Beschreibung

Trost und Rat mit Weisheit und Witz: noch mehr Geschichten über das Leben unter Mitmenschen, Männern und Kindern. Liebe macht blind - das macht sie auch so schön. Weil man nachsichtig wird, wenn man nicht weiter sieht als bis zu der rosaroten Brille, die sie einem aufsetzt, oder bis zu den Gurkenscheiben, die man vor Augen hat, damit die Liebe auch schön frisch bleibt. Aber die Welt jenseits davon ist natürlich voller Ecken und Kanten, voller Hindernisse und Hürden. Wer den Blick dafür verliert, stolpert dann bald durch ein Leben zwischen Haushalt und Beziehungskisten, zwischen Ehealltag und Kinderkram. Christine Nöstlinger erzählt Geschichten aus diesem Leben, über die sie gestolpert ist, und sie tut das, wie es keine andere kann: mit klarem Blick, bissig, ironisch, aber immer auch liebevoll.

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Seitenzahl: 37

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Christine Nöstlinger

Liebe macht blind –

manche bleiben es

Teil 4 Trautes Heim

Herausgegeben von Hubert Hladej

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.residenzverlag.at

© 2012 Residenz Verlag

im Niederösterreichischen PressehausDruck- und Verlagsgesellschaft mbHSt. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub (Einzelgeschichte):978-3-7017-4322-3

ISBN ePub (Gesamtausgabe):978-3-7017-4302-2

ISBN Printausgabe:978-3-7017-1600-5

4. Trautes Heim

Eigentümliche Eigentumsverhältnisse

In einer Familie, die freundlich und friedlich funktionieren soll, darf der Eigentumsbegriff der einzelnen Familienmitglieder kein allzu ausgeprägter sein. Schwestern, die die Schlüssel zu ihren Kleiderschränken an Halsketten herumtragen, Mütter, die Weinkrämpfe bekommen, wenn ihre Töchter nach ihrem Parfüm duften, und Väter, die in verbitterten Gram verfallen, weil ihre Söhne ihre Krawatten umgebunden haben, sind unleidliche Familienmitglieder.

Aber ein bisschen „mein“ und ein bisschen „dein“ braucht ein jeder, auch das im Familienverband lebende Individuum. Und meistens sehen das die anderen Verbandsmitglieder auch anstandslos ein.

Mir – zum Beispiel – gehören als ganz private Besitztümer: der Mistkübel, die leeren Flaschen, die alten Zeitungen und der Einkaufskorb. Mir gehören auch meine Blusen und Hosen und Röcke, mir gehört überhaupt meine gesamte Kleidung, wenn sie schmutzig ist und der Reinigung bedarf.

Mir gehören die schmutzigen Fensterscheiben und die Schallplatten, wenn sie hüllenlos auf dem Teppich liegen. Und mir – ich bitte um Pardon für die genierliche Erwähnung – gehört das WC, ganz gleich, in welchem Zustand der Verschmutzung es auch immer sein mag.

Überhaupt alles, was der Wartung, der Betreuung, der Pflege und der Fürsorge bedarf, ist mein Eigentum, das als solches von jedermann geachtet und respektiert wird.

Einzige Ausnahme, und das merke ich seit nun fast zwanzig Jahren, sind meine Töchter. Die sind nämlich manchmal „meine Töchter“ und manchmal „seine Töchter“.

Mir haben sie immer gehört, wenn sie gebrüllt und getobt haben, wenn sie Schulschwierigkeiten hatten und Unordnung machten und gegen sämtliche Regeln des kommoden Zusammenlebens verstießen.

Meinem lieben Partner gehörten sie, wenn sie den Führerschein gleich im ersten Anlauf ergatterten, im frühkindlichen Alter hohe, geistige Leistung vollbrachten und Ansätze zu edler Charaktergrundhaltung zeigten. Dann waren die guten Geschöpfe „seine“ Kinder.

Die guten Geschöpfe hingegen haben im Laufe der Jahre immer wieder betont, dass sie weder ihrer Mutter noch ihres Vaters Eigentum seien, sondern ausschließlich „sich selber“ gehörten!

Schön wäre es, wenn auch mein Mistkübel, mein Fußboden und mein WC diesen Standpunkt so eisern vertreten würden.

Heizkrieg im Herbst

Das Gefühl „Mir ist kalt“ und das Gefühl „Mir ist heiß“ entsteht leider nicht bei allen Menschen unter gleichen Temperaturbedingungen.

Im Sommer ist das eine Angelegenheit, die jeder allein mit sich und der herrschenden Wetterlage auszumachen hat. Aber nun ist schön langsam wieder die Zeit angebrochen, wo die divergenten Auffassungen darüber, was ein „wohltemperierter Raum“ ist, zum Familienproblem werden können.

Es soll ja Familien geben, wo sich alle Familienmitglieder in Sachen Raumtemperatur einig sind. Die sind glücklich zu preisen!

Und die Unterabteilung dieser glücklichen Familien, die, wo sich alle Familienmitglieder bei 18 Grad Celsius wohl fühlen, ist natürlich doppelt und dreifach glücklich zu preisen, wegen der minimalen Heizkosten.

Aber in den meisten Familien, die ich kenne, bricht jeden Herbst der „Heiz-Krieg“ aus. Immer fröstelt einer vor sich hin, und einer bekommt Beklemmungen, weil eine „Affenhitze“ herrscht.

Einer redet von Energiekrise und Gas-Strom-Koks-Kosten, und einer sagt, bevor er erfriert, isst er lieber trockenes Brot und trinkt nur mehr Wasser.

Einer schleicht heimlich zum Thermostaten und schiebt den Regler listig gegen die 30-Grad-Grenze, einer schleicht noch listiger hinterher und drückt den Regler hämisch grinsend auf die Null-Markierung herab.

Ich zum Beispiel, ich friere leicht. Ich heize gern und gut ein. Schöne 25 Grad sind mir recht. 26 oder 27 Grad stören mich auch nicht. Sogar für das 28-Grad-Zimmer meiner Mutter kann ich Verständnis aufbringen. „Die alte Frau ist eben schlecht durchblutet“, sage ich. „Die braucht das!“

Für die Schweißperlen auf der Stirn meines Mannes jedoch bringe ich nicht das geringste Verständnis auf. Der soll sich doch bloß nicht so anstellen! Was hat er denn? Er kommt um vor Hitze? Lächerlich! – Und jetzt reißt er zwei Fenster auf! Er will mich in den Erfrierungstod treiben! Einwandfrei! – Was sagt er? Hitzeschlag sagt er? Blödsinn! Den gibt es doch gar nicht!

Zur Rede gestellt, hält er dann einen Vortrag über die braven Rotchinesen, die bei 16 Grad glücklich ihrem Tagwerk nachgehen.