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Ulrike Matter

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Beschreibung

"Berufsbedingt hatte Schneider schon einige Tote gesehen. Natürlich Gestorbene, Ermordete, selbst Ermordete, Überfahrene, Zerquetschte, Zerschossene und auch mal einen strangulierten Auto-Erotiker, der den richtigen Zeitpunkt für das Lösen seiner Fesseln offenkundig verpasst hatte. Aber der Typ, der da in dem grossen Gewächshaus vor dem Ventilator baumelte, bot einen neuartigen Anblick. Sein Mörder hatte ihn recht übel zugerichtet, das konnte Schneider sogar aus der Froschperspektive erkennen. Aber was auch immer geschehen war, der Tote hatte es jetzt hinter sich." »Treibsand« ist ein ebenso leichtfüssig wie schwarzhumorig erzählter Krimi, in dem der ermittelnde Kommissar auf der Suche nach dem Täter mit seiner eigenen traumatischen Vergangenheit konfrontiert wird. Und als wäre das nicht genug, hat er auch noch eine neue Partnerin an seiner Seite - ein weiterer Affront seines ihm ohnehin böswillig gesinnten Schicksals.

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EPUB
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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapitel XXIII

Kapitel XXIV

Kapitel XXV

Kapitel XXVI

Kapitel XXVII

Kapitel XXVIII

Kapitel XXIX

Kapitel XXX

Kapitel XXXI

Kapitel XXXII

Kapitel XXXIII

Kapitel XXXIV

Kapitel XXXV

Kapitel XXXVI

Kapitel XXXVII

Kapitel XXXVIII

Kapitel XXXIX

I

Schneider warf noch schnell einen Blick in das Zimmer seines Vaters, dem der Pfleger gerade beim Aufstehen half.

»Ah, Christian«, krächzte sein Vater, »du musst deiner Mutter sagen, dass sie unbedingt noch Fleischpastetchen kaufen soll. Die sind nämlich nur noch heute im Angebot.«

»Mach ich, Papa«, antwortete Schneider freundlich. Er schnappte sich noch eine Banane aus der Küche, heute musste das als Frühstück reichen, und dann ging er aus dem Haus und zog die Tür hinter sich zu. Seine Mutter war seit acht Jahren tot. Zum Glück.

Der Morgen war eigentlich wunderschön, das hatte er vorhin schon beim Joggen festgestellt. Frisch nach dem nächtlichen Gewitter und warm zugleich, versprach dieser Tag ein angenehmer Sommertag zu werden, nicht so elend heiss wie die vorangegangene Woche, in der Schneider manchmal das Gefühl gehabt hatte, sein Gehirn sei nun wirklich gut durchgegart.

Er sprang in seinen alten, klapprigen Golf, für ein anderes Auto hatte es nach den Scheidungen nicht mehr gereicht. Denn, obwohl kinderlos, hatten beide Frauen einen Haufen Geld bekommen. Und an seine Zweite zahlte er immer noch. Sie selbst sah sich »ausserstande« zu arbeiten. Schneider hingegen hielt sie für ein faules, verlogenes Miststück. Das war zu Ehezeiten nicht wirklich anders gewesen, da war sie sich treu geblieben. Mit der ehelichen Treue hingegen hatte sie es nicht ganz so genau genommen.

Wie auch immer, mittlerweile lebte sie mit einem Grossverdiener zusammen, was allerdings keinen Richter interessierte, sodass er regelmässig zum Weiterzahlen verdonnert wurde. Vielleicht schwang da auch der unmotivierte Hass der Judikative gegen die Exekutive mit. Polizisten, Kriminalbeamte und andere, die sich täglich mit dem Abschaum der Menschheit herumärgern mussten, waren Richtern immer suspekt. Anders war es auch nicht zu erklären, warum diese Idioten jeden noch so dringend Tatverdächtigen wieder auf freien Fuss setzten, damit dieser weiterhin seinen »Geschäften« nachgehen konnte.

Autos waren Schneider aber ohnehin egal. Der letzte Gegenstand, für den er viel Geld ausgegeben hatte, war sein Mountainbike gewesen. Leider hatte er dafür nur wenig Zeit und so stand es meistens allein in der Garage und langweilte sich.

Als Schneider am Tatort – einem Gewächshaus in einem der tristen Vororte– ankam, war sogar er etwas erstaunt. Berufsbedingt hatte er schon einige Tote gesehen. Natürlich Gestorbene, Ermordete, selbst Ermordete, Überfahrene, Zerquetschte, Zerschossene und auch mal einen strangulierten Auto-Erotiker, der den richtigen Zeitpunkt für das Lösen seiner Fesseln offenkundig verpasst hatte. Aber der Typ, der da in dem grossen Gewächshaus vor dem Ventilator baumelte, bot einen neuartigen Anblick. Sein Mörder hatte ihn recht übel zugerichtet, das konnte Schneider sogar aus der Froschperspektive erkennen. Aber was auch immer geschehen war, der Tote hatte es jetzt hinter sich.

Seine neue Partnerin starrte bleich und entsetzt auf den Toten, den Dracula von der Decke hatte nehmen lassen. Draculas Assistentin sammelte schon die ersten Maden von der Leiche ein und machte sich offenbar einen Spass draus, Lisa damit zu erschrecken. Dracula, als alter Kavalier, schob sich schliesslich dazwischen und Lisa flüchtete. Schneider ignorierte den strengen Blick des Gerichtsmediziners, der anscheinend glaubte, er, Schneider hätte sich um Lisa kümmern können. Hätte er können, wenn er denn als Babysitter arbeiten würde.

Schneider liess sich kurz von Dracula erklären, was es wo an der Leiche zu sehen gab, bevor er sich nach den Leuten am Rande des Gewächshauses umschaute. Eine Handvoll Mitarbeiter stand da und starrte mit bleichen, hilflosen Gesichtern in seine Richtung. Schneider musterte einen nach dem anderen. Allem Anschein nach waren sie ehrliche und hart arbeitende Leute. Aber wenn er eines in seinen langen Dienstjahren gelernt hatte, dann dass den Menschen nicht zu trauen war. Einfach deswegen, weil Menschen verlogen und hinterhältig waren. Gerade diejenigen, die am unschuldigsten aussahen, waren zu allen möglichen Sauereien fähig.

Zu seinem grossen Unmut bemerkte er, dass Lisa schon zu den Leuten gegangen war und sie befragte. Das passte Schneider gar nicht, denn die ersten Fragen und Reaktionen wollte er stellen und sehen. Hinzu kam, dass Lisa ahnungslose Anfängerin war. Höchstwahrscheinlich sah sie in den Leuten dort nur einen Haufen verstörter, trostbedürftiger Gestalten und wollte nun alle wieder glücklich machen. Warum sie sich für eine Karriere bei der Polizei entschieden hatte, war ihm nach wie vor ein Rätsel. Eigentlich war sie viel zu weichherzig und gutgläubig für den Job.

Als kleine Streberleiche hatte sie zwar alle Aufnahmeprüfungen und Eingangstests mit Bestnoten bestanden, was sie ihm nicht sympathischer machte. Doch Lisa fehlte, neben der nötigen Hartherzigkeit, der Glaube an das Böse im Menschen. Sie hatte nicht den Blick für das, was unter der zivilisierten Oberfläche schlummerte, an dem keine Erziehung etwas ändern konnte. Bei den einen bedürfte es weniger, bei den anderen mehr, damit es ausbrach. Aber es existierte in allen.

Missmutig vor sich hin brummelnd machte er sich auf den Weg durch die Radieschen zu ihr.

II

Als Lisa am Tatort eintraf, waren schon alle Achtsamkeitsübungen und Ommms vom frühen Morgen Schnee von gestern. Einmal mehr hatte sie feststellen müssen, dass ihr Freund ein menschlicher Totalausfall war – er hatte ihr aufgetragen, auf dem Rückweg von »dieser Mordsache« noch Kaffee und Klopapier mitzubringen – und somit einmal mehr sein totales Desinteresse an ihrem Job signalisiert. Wahrscheinlich mit voller Absicht.

Abgesehen davon war das Gewächshaus mit Leiche nicht gerade ihre Wunschdestination, fand sie doch Morde und alles, was damit zu tun hatte, beängstigend, abschreckend, kurz: einfach furchtbar. Vielleicht eine eher ungünstige Einstellung für ihre Arbeit im Morddezernat.

Sie war aber pflichtbewusst losgefahren, hatte sich beeilt, denn ihr Partner war von der ungeduldigen Sorte und es gab sicher eine Menge zu tun. Ausserdem war es wichtig, Angehörige wie Mitarbeiter zu befragen, solange sie noch unter Schock standen und ihre Geschichten noch nicht miteinander hatten absprechen können. Das war grundlegendes Ermittler ABC, welches sie schon in ihrer Ausbildung immer wieder vorgebetet bekommen hatte. Weiterführendes Fachwissen hatte Lisa sich reichlich in den vergangenen Wochen angelesen. Denn das Schicksal hatte sie Christian Schneider zugeteilt. Sie war sich immer noch nicht ganz sicher, ob es das Schicksal dabei gut mit ihr gemeint hatte. Was beispielsweise Schneiders Umgangsformen betraf, gab es noch viel Luft nach oben.

Er hatte bereits über zwanzig Jahre Berufserfahrung und selbstverständlich schon alles gesehen und gehört. Egal wie übel eine Leiche zugerichtet war, Schneider hatte sicher schon Schlimmeres erlebt.

Der Tote heute war allerdings erst Lisas zweite Leiche. Vor ein paar Wochen, sie war erst drei Tage im Dienst, da war jemand ermordet worden, ein älterer Obdachloser. Lisa hatte sich noch nicht einmal von dem Schock erholt, dass sie nun tatsächlich in einer Mordsache ermitteln sollte, da hatte Schneider, sie keines Blickes würdigend, die Ermittlungen im Alleingang durchgezogen. Sie hatte einfach dumm daneben gestanden, beziehungsweise im Büro gesessen. Damals hatte sie sich geschworen, dass ihr so etwas nicht noch mal passieren würde. Ergo hatte sie sich mit Fachliteratur eingedeckt und alles gelesen und gelernt, was es so zu lesen und lernen gab. Jetzt war sie wild entschlossen, ihr theoretisches Wissen bei diesem Fall in die Praxis umsetzen. Dieser Entschluss geriet, einmal am Gewächshaus angekommen, ein wenig ins Wanken ob des sich ihr bietenden Horrorszenarios. Der Ermordete hing mit einem Strick um den Hals vor einem der grossen Ventilatoren, die das Gewächshaus belüfteten. Jetzt belüftete der Ventilator die Leiche, auf diese Weise den widerwärtigen Geruch von Tod und Verwesung im gesamten Gewächshaus verbreitend. Demnach schien der Tote schon etwas länger zu hängen, lang genug auf jeden Fall, um zu riechen. Und das Schlimmste war, dass die anderen da herumliefen, als seien sie mit ihren weissen Anzügen auf einer lockerlustigen Kostümparty.

Lisa schluckte schaudernd. Sie musste sich sehr zusammenreissen, um ihren Partner zu der Leiche zu begleiten. Doch im Büro sitzend Stühle warmhalten, war dieses Mal keine Option. Sie atmete so flach wie nur möglich, um dem Hauch des Todes zu entkommen.

»Du kannst auch da vorne warten«, bot Schneider ihr an. Offenbar war ihm nicht entgangen, wie sehr Lisa sich ekelte. Lisa nahm an, dass er das weniger aus Rücksichtnahme sagte, sondern eher die Gelegenheit nutzen wollte, um sie wieder aufs Abstellgleis zu schieben. Sie warf ihm einen eisigen Blick zu: »Auf keinen Fall!«

Noch einmal würde sie sich nicht zur Bürodeko degradieren lassen und damit würde Schneider sich jetzt abfinden müssen. Lisa richtete sich auf und sah Schneider so professionell an, wie es ihr in diesem Moment eben möglich war. Offenbar reichte das, denn Schneider zuckte mit den Schultern und ging dann vorneweg. Dracula und seine Assistentin waren auch schon da. Die beiden Gerichtsmediziner liessen die Leiche gerade herunternehmen. Das war einfach grauenhaft. Der Tote war ziemlich übergewichtig und vier Leute waren angetreten, um ihn am Bodenin Empfang zu nehmen. Sie liefen unter der Leiche hin und her und vermittelten so den Eindruck, der Tote sei ein etwas dickerer Rugbyball und nicht ein menschliches Wesen, ein ermordetes noch dazu. Währenddessen hockte einer oben auf dem Metallgestänge und mühte sich damit ab, das Kabel zu lösen.

»Mehr nach links, nee, nach rechts, nee, doch links, ach Scheisse, ich krieg das Kabel nicht durch …«

Lisa hatte kurz das Schreckensbild vor Augen, dass der Tote herunterfallen und auf ihr landen würde. Sie läge dann plattgequetscht in den faulenden Eingeweiden der Leiche. Von der Seite spürte sie bereits Schneiders verächtlichen Blick und die sich auf ihrer Oberlippe bildenenden Schweissperlen. Doch der Körper landete punktgenau in den acht Armen, die ihn vorsichtig auf einer Plane auf dem Boden betteten. Lisa bewunderte die beiden Gerichtsmediziner für ihre Professionalität. Sie begutachteten den Toten wie eine tote Mastgans, fassten ihn an, drehten und wendeten an ihm herum. Lisa hingegen würgte an einem exorbitant grossen Frosch im Hals. Der Tote lag einfach da, für immer verloren – für seine Familie, Freunde und die Freuden dieser Welt.

Draculas Assistentin Katja hatte sich währenddessen mit Feuereifer daran gemacht, alle Insekteneier und -maden von der Haut der Leiche einzusammeln. Ihr absolutes Spezialgebiet war es, mithilfe der Insekten den Todeszeitpunkt zu bestimmen. Sie war unglaublich schlau, allerdings auch etwas merkwürdig. Redete fast nie mit ihr oder mit sonst jemandem, sondern hockte einen Grossteil des Tages in ihrem Labor und schob ihre Maden von A nach B. Immerhin hatte Katja wohl den für sie richtigen Beruf gewählt, bei all der Begeisterung, die sie für diese ekelhaften kleinen Viecher aufbrachte. Völlig enthusiastisch zeigte sie Lisa immer wieder die sich windenden, winzigen Würmer. Sie meinte es sicher gut, aber Lisa wurde es flau im Magen. Dracula stand schliesslich auf und schob Katja weg. Lisa zog es vor, sich um die Mitarbeiter zu kümmern, die am Eingang des Gewächshauses standen, sichtlich geschockt. Die waren sich immer sicher gewesen, dass ihnen so etwas nie passieren würde. Schreckliche Dinge passierten nur im Fernsehen oder anderen Leuten, bis sie einem irgendwann selbst passierten.

Sie stellte sich den Angestellten vor, schüttelte Hände, kondolierte und zog ihr Smartphone heraus, um das Diktiergerät zu starten. Sie hatte noch nicht einmal auf den Startknopf gedrückt, da kam Schneider angelaufen. Er wirkte etwas ungehalten, war wohl ärgerlich, dass sie schon ohne ihn angefangen hatte. Er war einfach schwierig. Sie versuchte, nicht zu viel über Schneider nachzudenken, denn das hätte sie womöglich zu sehr frustriert.

Bis vor zwei Monaten hatte er mit Peter Willi zusammengearbeitet, einer Ermittlerlegende. Nun genoss dieser seinen vorgezogenen Ruhestand in Südfrankreich. Schneider hingegen hatte sie zur Seite gestellt bekommen. Jung, ahnungslos und nicht wirklich hart genug für den Job.

Er liess sie auch jeden Tag spüren, dass sie nicht gut und erfahren genug war, um neben ihm zu bestehen. Lisa versuchte, das Positive zu sehen und möglichst viel von Schneider zu lernen. Nichtsdestotrotz könnte er ein bisschen netter sein, wie sie fand.

III

Dracula hätte sich fast die Zunge am Kaffee verbrannt.

Der war nämlich sauheiss. Und schwärzer als die Seele eines Serienkillers. Pures Koffein. Angestrengt versuchte Dracula, sein hektisch flatterndes Herz und die Schweissperlen auf seiner Stirn zu ignorieren. Das Alter war einfach erbarmungslos: Als er noch jünger gewesen war – ach Gott, war das schon lange her – hatte er locker fünf Tassen am Morgen weggekippt. Heute musste er aufpassen, dass er nicht nach der Dritten einen Herzinfarkt erlitt.

Vorsichtig und in winzigen Schlückchen an dem Gebräu nippend, ging er langsam mit der Tasse in der Hand von der Küche zur Haustür. Dabei starrte er so konzentriert auf den Inhalt der Tasse, um ja nichts zu verschütten, dass er im Wohnzimmer fast über seine Mutter Mirja gestolpert wäre. So wie es aussah, war sie wohl irgendwann in den frühen Morgenstunden mit dem Pinsel in der Hand auf dem Fussboden eingeschlafen. Sie lag, bekleidet mit einem schwarzen Kaftan mit Pfauenstickerei, vor einem Albtraum in Öl, schwarz-weiss und düster. Mit roten Flecken darauf. Drachen, die Totenschädel in wildem Durcheinander in ihren Krallen hielten. Und viele Flecken schreiend roten Blutes. Der Hang seiner Mutter zum Morbiden hatte sich eindeutig zu ihm durchgemendelt: Dracula war Gerichtsmediziner. Er beschäftigte sich tagein, tagaus mit Toten und deren Geschichten. Und es bereitete ihm so viel Freude. Er empfand die Toten als eine sehr angenehme Gesellschaft. Sie erzählten ihm die Dramen ihrer vorzeitig beendeten Leben, hatte er dergleichen genug, konnte er sie wieder im Kühlfach verstauen.

Dracula überlegte gerade, wie er seine Mutter auf die Couch bugsieren konnte, ohne sie zu wecken, als ihr linkes Auge einen Spalt weit aufflatterte: »Drago«, murmelte sie verschlafen, »mussu wech?«

»Ja, Mama«, antwortete Dracula.

»Toter?«

»Ja. Soll ich dir auf die Couch helfen?«

»Kannichalleindanke«, murmelte sie und krabbelte mit dem Pinsel in der Hand auf das Sofa. Dracula zog eine Decke über sie, was Mirja gar nicht mehr mitbekam, sie schlief direkt weiter.

Direkt vor dem linken Vorderrad sass der grosse rote Kater seiner Mutter und blinzelte in die aufgehende Sonne. Arturo hiess das Monster, nach irgendeinem von Mirjas verflossenen Lovern benannt. Genauso benahm sich der Kater auch: Er war eifersüchtig, besitzergreifend und verachtete Dracula aus tiefster Seele. Dementsprechend belastet war auch der Umgang der beiden miteinander. Dracula schob Arturo mit dem rechten Fuss vom Vorderrad weg, denn seine Mutter liebte Arturo schliesslich sehr. Der Kater dankte diese potenziell lebensrettende Massnahme mit einem Pfotenhieb. »Grenzdebiler Kretinkater«, murmelte Dracula. Er öffnete die Tür seines schwarzen Sportwagens und quetschte sich auf den Fahrersitz. Der Wagen war eher für mittelgrosse Supersportler konzipiert und nicht für grosse, dürre Sofabewohner. Dracula programmierte das Navi und fuhr über die noch nahezu leeren Strassen zu seiner Leiche. »Mord im Gewächshaus« hatte es geheissen, und das bedeutete Arbeit für ihn.

»Wo ist mein Kunde?«, fragte Dracula, an seinem Einsatzort angekommen, mit der Nonchalance vieler Berufsjahre.

»Der hängt noch.«

Einer der Kriminaltechniker deutete mit seiner Rechten an die Decke des Gewächshauses.

»Aha.«

Dracula schaute nach oben. Sein Toter baumelte vor einem der grossen Ventilatoren, die das Gewächshaus belüfteten und die darin wachsenden Pflanzen so vor Pilzbefall schützen sollten. Das Kabel, an dem der Körper hing, genauer gesagt, dessen Hals, scharrte leise an dem Metallgestänge des Daches. Dracula verzog den Mund. Da hatte wohl jemand besonders schlau sein wollen. Die Sache mit dem Ventilator im Gewächshaus war ganz klar ein plumper Versuch, den Zeitpunkt des Todes zu vertuschen. Der Täter hatte offenbar übersehen, dass es vielfältige Methoden gab, diesen Zeitpunkt zu bestimmen und dass ein halbwegs geschickter Gerichtsmediziner die klimatischen Bedingungen mit einberechnen konnte. Eigentlich war die Situation sogar vorteilhaft, denn Temperatur und Feuchtigkeit hatten für beste Bedingungen gesorgt: Zahlreiche Insekten hatten es sich auf dem Toten schon gemütlich gemacht und warteten nun ungeduldig darauf, eingesammelt, in Alkohol eingelegt und analysiert zu werden. Die Kriminaltechniker in ihren weissen Anzügen schossen ihre Bilder und schliesslich waren sie so weit, den Toten aus seiner etwas misslichen Lage befreien zu können. Nicht dass das viel genützt hätte. Denn selbst wenn er den Strick um seinen Hals überlebt hätte – die vielen Messerstiche, die Dracula an seinem Bauch sah, hätten seinem Leben so oder so ein Ende bereitet.

»Krass«, sagte Katja, seine Assistentin, mit ungesunder Anerkennung in der Stimme.

Dracula schaute sich nach Schneider und Lisa um. Schneider hatte sein »Alles-schongesehen«-Pokerface aufgesetzt. Lisa wirkte nicht ganz so abgeklärt. Ihr Gesicht war leichenbleich und sie kniff die Lippen zusammen. Katja fing an, die Insekten einzutüten.

»Hey, schau mal«, rief sie immer wieder und hielt Lisa Larven, Maden und Eier unter die hübsche Nase. Lisa sah aus, als wollte sie gerade den Tatort mit ihrem Frühstück verunreinigen. Dracula schob sich schliesslich dazwischen, und Lisa trat dankbar den Rückzug an. Dracula schaute sich den Toten näher an und stellte erstaunt fest, dass Teile der Kleidung im Bereich der Körpermitte feucht waren. Trotz Ventilator.

»Mein lieber Freund«, murmelte er anerkennend, »das ist mal ein Abgang.«

Schneider trat hinter ihn.

»Und?«, fragte er.

Dracula fühlte sich immer sehr intellektuell neben Schneider. Alles an diesem Mann war durchtrainiert, bemuskelt und optimiert. Dracula hingegen ging zu Fuss vom Parkplatz ins Institut. Und er fuhr einen Sportwagen. Das musste genügen.

Nichtsdestotrotz er freute sich sehr, dass Schneider den Fall bearbeiten würde. Und dass er seine neue Partnerin mitgebracht hatte. Die war nämlich eine echte Schönheit. Und sehr klug noch dazu. Ausserdem warmherzig und witzig. Dracula war gespannt, wie lange es wohl dauern würde, bis sie um ihre Versetzung ersuchen würde. Denn Schneiders Klagen nach zu urteilen, lief es zwischen ihnen beiden nicht besonders gut, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Wie Dracula das einordnete, war aber nicht Lisa das Problem, egal, was Schneider jammerte. Allerdings war jetzt nicht der Zeitpunkt, darüber zu spekulieren. Jetzt war Arbeiten angesagt.

»Der Verstorbene«, begann Dracula, während er sich neben den Toten kniete, »der Verstorbene hat einen recht interessanten Exitus hingelegt. Da«, er zeigte mit seinen langen, dünnen Dracula-Fingern auf die Körpermitte des Toten, »ist die Kleidung immer noch feucht. Am restlichen Körper hat der Luftzug die Kleidung schon getrocknet. Anscheinend war er aber mit seinen Kleidern im Wasser, bevor er da oben gelandet ist.«

Dracula deutete auf das Metallgestänge. »Und die Messerstiche, naja, die kann man ja nicht übersehen, nicht wahr …?«

»Hmpf«, stimmte Schneider zu. »Die Flüssigkeit ist kein Blut?«, wollte er wissen.

»Nein, nein, da bin ich sicher«, Dracula versuchte, nicht ungeduldig zu klingen. Zwischenfragen schätzte er nicht.

Nicht einmal dann, wenn sie von Schneider kamen.

»Die Messerstiche sind nicht sehr tief, aber das müssen wir natürlich noch genauer anschauen.«

Dracula blickte zu Schneider auf, der den Toten hochkonzentriert betrachtete.

Dracula wandte sich wieder dem Leichnam zu: »Den Abdrücken am Hals nach zu urteilen, war der Tote noch ein bisschen lebendig, als er da oben hingehängt wurde.«

»Hm«, machte Schneider.

»Meine Mutter haut auf die Fliegen in der Küche auch immer mehrmals mit der Klatsche drauf, um sicher zu sein, dass sie nicht wieder auferstehen«, bemerkte Katja.

Schneider verdrehte die Augen und ging zu Lisa. Dracula dachte sich, dass Katja zwar wirklich sehr, sehr intelligent, sozial und emotional gesehen allerdings doch eher die Inkompetenz in Person war. Dazu war sie schlichtweg kein bisschen hübsch anzuschauen. Pummelig, teigig, kurze Haare, Brille … irgendwie ging ihr all das ab, was Schneiders neue Partnerin Lisa im Überfluss hatte. Sehr zu Draculas Leidwesen war er leider zu alt für Lisa. Und zu unsportlich.

»War sicher einer von der Familie«, mutmasste Katja.

»Wie kommen Sie denn darauf?«, fragte Dracula interessiert und schob seine dunklen Haare aus der Stirn.

»Naja, Familien sind ja per se Horte allen Schreckens«, antwortete Katja, während Draculas Augenbrauen sich gen Sonne bewegten, »und so viel Hass, dass man jemanden gleich mehrmals umbringt, das gibt es nur in Familien.«

»Aha«, murmelte Dracula, »interessant.« Von nichts kommt nichts, lag ihm auf der Zunge, doch da er ein wohlerzogener Mensch war, behielt der das für sich. Katja war für einen Psychoanalytiker sicher ein gefundenes Fressen. Nun, demnächst würde er einen neuen Assistenten haben. Katja hatte gekündigt und würde bald Chefin eines grösseren gerichtsmedizinischen Instituts werden. Fachlich war sie absolut geeignet. Und menschlich? Nicht sein Problem, befand er und begann den Toten für den Transport vorzubereiten.

Bevor er mit seinem Team und dem Toten im Schlepptau die Gärtnerei verliess, ging er noch kurz zu Schneider und Lisa. Die beiden standen in einer Ecke des Gewächshauses und sprachen mit den sichtlich schockierten – nun ehemaligen – Mitarbeitern des Toten.

»Kommt ihr trotzdem heute Abend?«, erkundigte sich Dracula.

»Klar«, antwortete Lisa und strahlte ihn an, »ich freue mich sehr darauf, deine Mutter kennenzulernen.«

»Sicher«, sagte Schneider und drückte ihm kurz die Hand. Dracula ging zu seinem Wagen zurück. Auf dem Weg prüfte er kurz, ob seine Mittelhandknochen noch alle dort waren, wo die Evolution sie ursprünglich einmal hingeplant hatte. Schneiders Händedruck glich eher einem Wrestling Griff denn einer freundschaftlichen Verabschiedung.

IV

Katja irrte seit fast einer Viertelstunde auf der Suche nach ihrem Auto durch die Strassen ihres Wohnviertels. Die Augen halb geöffnet, die Jeans nicht ganz geschlossen, das T-Shirt auf links und das Hirn noch nicht auf Betriebstemperatur. Ganz sicher hatte sie ihr Auto doch gestern da bei dem weissgrauen Elektrokasten mit dem unleserlichen Graffiti geparkt. Zumindest fast ganz sicher.

Oder eher doch nicht, denn da stand jetzt ein schwarzer Porsche und der gehörte ganz bestimmt nicht ihr. Vielleicht war ihr Auto am Eingang des Parks. Ganze zwei Minuten lang war Katja davon fest überzeugt. Aber dort hockten lediglich ein paar Junkies. Diese starrten Katja mit glasigen Augen an, und sie machte, dass sie weiterkam, wohlwissend, dass sie mindestens einen von denen bald auf ihrem Tisch haben würde, denn erfahrungsgemäss wurden Junkies nicht besonders alt.

»Verdammt, verdammt«, fluchte sie vor sich hin, während sie über Bordsteine und Gullideckel stolperte. Einige Minuten später tauchte ihr Auto doch noch auf. Der kleine Schlingel war da in einer Parklücke, wo sie ihn gestern Abend doch gar nicht hingestellt hatte, und tat so, als wäre nichts. Katja seufzte und fuhr sich durchs Gesicht. Sie war einfach kein Morgenmensch.

Ausserdem hatte sie eigentlich andere Sorgen als zu irgendeinem Idioten zu fahren, der es geschafft hatte, sich umbringen zu lassen: Tarantella, ihre geliebte Vogelspinne, war gestern Abend in ihrem Terrarium von einem Kletterast gefallen, und hatte sich am Hinterleib verletzt. Sozusagen der Vogelspinnen-Super-GAU. Panisch um Tarantella bangend musste sie heute irgendwie noch die Zeit finden, mit ihr zum Tierarzt zu gehen.

Der Tote war immerhin kreativ gestorben und hing sicherlich schon ein oder zwei Tage unter der Decke. In dem feuchtwarmen Klima des Gewächshauses hatten sich reihenweise Schmeissfliegen und andere Insekten an dem Körper gepaart und ihre Eier hinterlassen. Ein Eldorado für Katja, die mit Leidenschaft die einzelnen Entwicklungsstufen ebendieser Insekten erforschte. Forensische Entomologie hiess dieses Gebiet, auf dem sie auch promoviert hatte. Katja mochte ihre Maden und Würmer, denn denen war es nicht wichtig, wie sie aussah, was sie sagte oder ob sie gute oder schlechte Laune hatte. Auch Tarantella legte da nicht so hohe Massstäbe an. Katja seufzte, als sie an sie dachte. Doch der Tote und die sich darauf befindenden Maden liessen sie die Sorgen für den Moment vergessen und der Morgen war plötzlich nicht mehr ganz so furchtbar.