Trinity - Bittersüße Träume - Audrey Carlan - E-Book
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Beschreibung

Sie ist die Frau seines Lebens. Doch er darf sie nicht lieben. Der vierte Band der Trinity-Serie Das Leben von Maria de la Torre liegt in Scherben: Thomas, die Liebe ihres Lebens, wurde als Polizist im Dienst getötet, als er Marias beste Freundin Gillian Callahan vor einem irren Stalker retten wollte. Thomas‘ Zwillingsbruder Redding sieht Maria auf der Beerdigung zum ersten Mal und versteht sofort, warum sich Thomas in die temperamentvolle Tänzerin verliebt hatte. Doch die Verlobte seines toten Bruders ist für ihn tabu. Bis plötzlich der Mann auftaucht, der vor Jahren beinahe Marias Tanzkarriere zerstört hätte. Redding will alles tun, um Maria zu beschützen. Doch je näher er ihr kommt, umso stärker wird seine Leidenschaft ... Die neue Serie von der Autorin des Mega-Bestsellers Calendar Girl!

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Seitenzahl:0


Das Buch

Das Leben von Maria de la Torre liegt in Scherben: Thomas, die Liebe ihres Lebens, wurde als Polizist im Dienst getötet, als er Marias beste Freundin Gillian Callahan vor einem irren Stalker retten wollte. Thomas’ Zwillingsbruder Red sieht Maria auf der Beerdigung zum ersten Mal und versteht sofort, warum sich Thomas in die temperamentvolle Tänzerin verliebt hatte. Doch die Exfreundin seines toten Bruders ist für ihn tabu. Bis plötzlich der Mann auftaucht, der vor Jahren beinahe Marias Tanzkarriere zerstört hätte. Red will alles tun, um Maria zu beschützen. Doch je näher er ihr kommt, umso stärker wird seine Leidenschaft ...

Die Autorin

AUDREY CARLAN

TRINITY

Band 4

BITTERSÜSSETRÄUME

Roman

Aus dem Amerikanischen von

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ISBN 978-3-8437-1486-0

Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Juli 2017

© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017

© 2015 Waterhouse Press, LLC

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Trinity – Life

Für meine Seelenschwester Dyani Gingerich.

Ohne dich gäbe es keine Maria De La Torre.

Ohne dich würde unserem perfekten Freundinnenkreis eine Seelenschwester fehlen.

Ohne dich wäre diese Liebesgeschichte nie geschrieben worden.

BESOS

KAPITEL 1

Ich werde nicht weinen. Ich kann nicht weinen. Würde ich jetzt meinen Schmerz zeigen, wäre das ein Zeichen von Schwäche. Und ich will auf gar keinen Fall als schwach gelten. Vor zehn Jahren war ich machtlos, lediglich ein Produkt meiner Umgebung. Aber jetzt, fünf Jahre später, bin ich eine Überlebende. Selbstbewusst und stark. Von meiner schwachen Seite habe ich mich an dem Tag verabschiedet, an dem ich beschloss, zu leben.

Heute, vor all diesen vielen hundert Trauergästen, läuft mein Überlebensprogramm auf Hochtouren. Ich werde mich zusammenreißen. Für Tommy. Auch wenn mein Herz gebrochen, mein Hirn ein Klumpen Brei und mein Körper nur noch eine Ansammlung von Knochen, Gewebe und Muskeln ist, die auf Autopilot funktioniert … Ich muss einfach. Tommy würde wollen, dass ich weitermache und mein Leben lebe.

Ein Leben ohne ihn.

Die Trauer ist ein heimtückisches Biest. Niemand kann sich vor ihr verstecken oder sie ignorieren. Sie schleicht sich an wie ein Schattenkrieger, egal, ob Tag oder Nacht. Ich stelle sie mir wie ein unsichtbares Monster vor, das mir mitten in der Nacht seine säuregetränkten Klauen ins Herz schlägt. Man sehnt sich nach Frieden, aber stattdessen fühlt man sich niedergeschmettert und leidet wie ein Hund.

Der Schmerz ist mir nicht fremd. Im Moment ist mir seine tödliche Spitze sogar willkommen. Der Dolch in meinem Herzen verhindert wenigstens, dass ich völlig in der Gefühllosigkeit versinke, in die ich mich so gerne fallen lassen würde. Das absolute Nichts wäre eine Erleichterung in einer Zeit, in der alles um mich herum nur noch Chaos ist.

Wohin ich auch blicke, sehe ich Männer in schwarzen Anzügen oder Uniformen, die langsam die Kirche betreten. Ihre glänzenden Dienstabzeichen funkeln in der Morgensonne. Die Flagge in Rot, Weiß und Blau, die über den Sarg vor mir gebreitet ist, sollte mich eigentlich stolz machen. Ein Held ist gefallen, und die riesige Menschenmenge, die hier zusammengekommen ist, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, sollte eine Art Schlusspunkt für mich bilden. Aber das funktioniert nicht. Tommy ist meinetwegen tot. Er ist in Erfüllung seiner Pflicht gestorben, um meine beste Freundin zu beschützen.

Das Schlimmste daran ist, dass ich es nicht anders gewollt hätte. Tief in meinem Herzen bin ich mir sicher, dass ich mich gerade erst in Tommy verliebt hatte. Aber Gillian, meine beste Freundin, ist nun mal die einzige Familie, die ich je gekannt habe. Und das wusste Tommy. Sonst hätte er sich wohl nicht in den Kampf gegen einen geistesgestörten Killer gestürzt. Er hat meiner Seelenschwester das Leben gerettet und dafür mit seinem eigenen bezahlt.

Wie soll ich damit weiterleben? Es gibt kein Buch, das ich lesen könnte und das mich von meinem Herzschmerz und meiner Schuld freisprechen würde. Und kein Gebet kann etwas daran ändern, dass der Mann, den ich gerade begonnen hatte zu lieben und der vielleicht der erste Mann gewesen wäre, dem ich wieder hätte vertrauen können, für immer fort ist.

Gillian drückt meine Hand und hält sie ganz fest. Sie sitzt zu meiner Linken – an der Seite meines Herzens. Sie und meine beiden anderen Seelenschwestern sind der einzige Grund, warum das zerschundene Organ immer noch weiterschlägt. Bree sitzt rechts von mir und streichelt über meinen Schenkel. Eine beruhigende Geste schwesterlicher Unterstützung. Ihre andere Hand liegt auf ihrem gerundeten Bauch. Ein Leben ist vergangen, ein anderes steht kurz vor der Geburt. Ein abergläubischer Mensch würde jetzt vielleicht sagen, dass das der Lauf der Dinge ist. Yin und Yang. Leben und Tod. So einem pinchazo würde ich am liebsten ins Gesicht schlagen. Ihm alles wegnehmen und noch auf ihn drauftrampeln.

Ich starre auf meine Finger – die fest mit denen meiner Freundinnen verschlungen sind – und denke an die Seelenschwester, die heute nicht bei uns sein kann. Kathleen. Sie ist immer noch im Krankenhaus. Der zweite Mensch, den ich im Stich gelassen habe. Wenn ich nur schneller bei ihr gewesen wäre, hätte sie möglicherweise nicht ganz so schlimme Verbrennungen erlitten. Dann wäre ihre Lunge vielleicht nicht kollabiert. Und sie könnte heute bei uns sein und wir würden uns gegenseitig stützen. Stattdessen liegt sie in einer Spezialklinik für Verbrennungen und kämpft um ihr Leben.

Ich fahre mit der Zunge über die raue Haut meiner trockenen, aufgesprungenen Lippen und denke an jene Nacht zurück. Ich hätte bei ihr sein sollen. Ich hatte zwar versucht, die Bretter vor dem Fenster von Kathleens Arbeitsraum im Theater einzutreten, aber ich kam zu spät. Die Schnitte an meinen Fußsohlen jucken in den flachen Stiefeln, die ich trage. Das unangenehme Gefühl kommt mir gerade recht. Nachts schmerzen diese Schnitte, und die klaffenden Wunden, die ich mir am Bauch zugezogen habe, als ich durch das zerbrochene Fenster kletterte, um meine Freundin zu retten, sind auch noch nicht ganz verheilt.

Drei Wochen sind vergangen, seit Kat und ich nach dem Brand im Theater ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Und zwei Wochen ist es her, dass der Mann, den ich geliebt habe, aus dem Fenster eines historischen Turms gestoßen wurde und sechzig Meter tief in den Tod stürzte. Nach dem, was mir erzählt wurde, hat mein Tommy noch eine Kugelsalve abgefeuert, während er durch die Luft flog. Er hat den Täter direkt am Hals erwischt. Was Daniels Schreckensherrschaft ein für alle Mal ein Ende setzte.

Ein Schauer durchläuft mich, während ich meine ganze Aufmerksamkeit auf den Sarg vor mir richte. Tommys Eltern sitzen auf der anderen Seite des Ganges, neben weiteren Verwandten. Sobald ich eintraf, haben sie mich umarmt, als wären sie meine Eltern – nicht dass ich das Gefühl wirklich kennen würde. Seine Mutter flüsterte mir sogar ins Ohr, dass ich in ihrer Familie immer willkommen wäre. Und sein Vater führte mich in die erste Reihe, wo normalerweise eine Ehefrau an der Seite der Familie sitzen würde, als hätte ich diese Ehre verdient. Nicht ansatzweise.

Doch jetzt tritt der Priester an den Altar, und das bringt mich in die Gegenwart zurück. Er beginnt den Trauergottesdienst in Gedenken an Thomas Redding, Mitglied der San Francisco Police, Sohn, Bruder … der Mann, dem ich niemals meine Liebe gestehen konnte. Tommy starb, ohne je die Wahrheit erfahren zu haben. Und mit dieser Erkenntnis muss ich jetzt den Rest meines Lebens verbringen.

***

Ich spüre, wie sich eine warme Hand von hinten auf meine Schulter legt, während ich reglos auf den Sarg starre. Ich genieße die Stille. Da erst bemerke ich, dass die Kirche leer ist. Offensichtlich sind alle Trauergäste bereits auf dem Weg zu dem Empfang, der auf dem Anwesen von Thomas’ Familie abgehalten wird.

»Maria, es hora de ir.« Es ist Zeit zu gehen, sagt Chase auf Spanisch, meiner Muttersprache. Ich nicke und stehe auf. Ein scharfer Schmerz schießt von den zerschnittenen Fußsohlen meine Beine hinauf. Der Arzt hatte mir für drei bis vier Wochen Ruhe verordnet, damit meine Füße heilen können. Nur leider bin ich eine sehr ungeduldige Patientin, so dass die Genesung am Ende wohl länger dauern wird als gedacht.

»Kann ich noch einen Moment allein sein?« Ich blicke über die Schulter. Chase Davis hält Gillian, meine beste Freundin, im Arm. Tränen strömen ihr übers Gesicht. Ich glaube, sie hat seit dem Brand nicht ein Mal aufgehört zu weinen. Sie ist noch blasser als sonst und in ihrem Blick liegt eine gewisse Leere. Ich mustere Gillian von oben bis unten. Sie hat wieder etwas Gewicht zugenommen, das sie während der Zeit, in der uns der Psycho terrorisierte, abgenommen hatte. Aber es ist nicht viel. Eigentlich ist sie nur noch Haut und Knochen. Abgesehen von der schwangeren Bree haben wir alle mehr Gewicht verloren, als wir uns eigentlich leisten können. So was passiert bei Schicksalsschlägen.

Chase hat eine Hand auf Gillians Bauch gelegt. Es ist eine beschützende und etwas seltsame Geste, aber er ist auch ein extrem besitzergreifender Mann. Das habe ich auf die harte Tour gelernt. Doch selbst wenn er seine Fehler hat, er ist das Beste, was meiner Freundin jemals passiert ist, und ich freue mich sehr, dass sich die beiden gefunden haben. Ich hatte gehofft, dass es für uns alle ein Happy End geben würde, genau wie im Märchen. Gillian mit Chase. Bree mit Philipp. Kat mit Carson. Und ich mit Tommy. Das ist vorbei. Ich bin jetzt die einsame Seele in der Gruppe.

Chase atmet tief ein und seufzt. »Natürlich. Wir warten vor der Kirche.« Er drückt meine Schulter und ich schließe die Augen.

Schließlich gehe ich zum Sarg hinüber. Eine lebensgroße Porträtaufnahme von Tommy in seiner Polizeiuniform steht daneben. Ich lege meine Hand auf die Flagge, die den Sarg bedeckt, und senke den Kopf.

»Tommy, es tut mir so leid. Nichts von alldem hätte passieren sollen. Es hätte dich niemals erwischen dürfen«, flüstere ich und jedes meiner Worte kommt aus tiefstem Herzen. Der Schmerz seines Verlustes quält und zerfleischt mich von innen nach außen.

Tränen steigen mir in die Augen und laufen mir über die Wangen. Ich gebe ihnen nach, weil ich sowieso keine Chance habe, der Trauer standzuhalten. Sie hat ihre abscheulichen Klauen in mich geschlagen und überwältigt mich. Auf einmal schaffe ich es nicht mehr, die Fassung zu bewahren. Mein Körper zittert vor Anstrengung. Ich muss meine ganze Kraft aufbieten, um nicht zusammenzubrechen und völlig zu verzweifeln. Jede Träne, die aus meinen Augen fällt und von meinem Kinn auf den Boden rinnt, ist wie glühend heißes Magma, das mich mit jedem Tropfen verbrennt.

»Wenn ich könnte, würde ich mit dir tauschen.« Ich berühre den Sarg und hoffe, dass mich Tommy irgendwo, irgendwie hört.

»Ahhh, schöne Frau, das wäre aber wirklich eine Schande«, erklingt eine tiefe, feierliche, nur allzu bekannte Stimme hinter mir und schreckt mich auf.

Ich kenne diese Stimme.

Ich habe sie in den letzten zwei Wochen jede Nacht in meinen Träumen gehört. Sie erklingt in meinem Kopf und beruhigt mich, wenn die Schuldgefühle und der Kummer kaum noch auszuhalten sind. Er ist es. Die Härchen an meinen Armen stellen sich auf. Ich schlucke und versuche, den riesigen Kloß in meinem Hals loszuwerden. Langsam hole ich Luft und schließe die Augen, während ich mich umdrehe. Bitte, lieber Gott …

Das kann nicht sein.

Es ist unmöglich.

Könnte es sein?

Tommy.

Ich blinzele heftig und sehe genauer hin. Er ist hier. Lebendig. Espléndido. Seine Augen haben dasselbe leuchtende Grün wie in meiner Erinnerung. Während er mich betrachtet, scheint er tief in mich hineinzublicken, bis in mein gebrochenes Herz. Es klopft so schnell, dass ich seinem Rhythmus nicht mehr folgen kann. Ich lege eine Hand auf meine Brust.

»Das gibt’s nicht …«, bringe ich mühsam heraus. Meine Tränen führen ein Eigenleben, sie strömen über mein Gesicht und tropfen heiß auf meine Brust. Zitternd strecke ich eine Hand aus. Sein Kopf ist von einem Lichtschein umgeben, aber sein Haar ist dunkel und gestuft und an den Seiten kürzer geschnitten. Was? Ich blinzele mehrmals und versuche zu begreifen, was ich da sehe. Tommy hatte keine Haare.

»Alles in Ordnung?«, fragt er, aber seine Stimme ist tiefer und hat nicht ganz das gewohnte Timbre.

Er packt mich unter den Armen und zieht mich an seinen muskulösen Körper, als ich zu taumeln beginne und das Gleichgewicht verliere. Die Brust, gegen die ich gedrückt werde, ist viel breiter als die, die ich im vergangenen Jahr liebkost, geküsst und umarmt habe.

»Oh Gott! Was ist nur los?«, schluchze ich, während ich mich an seine tätowierten Arme klammere.

Tätowierte Arme? Tommy hatte keine Tattoos. Ich mustere jeden Zentimeter, den ich erkennen kann, mit scharfem Blick. Mein Körper bebt immer noch wie ein Blatt im Zentrum eines Hurrikans.

»Tommy?« Ich streichle den Bart an seinem Kinn. Bart?

Der Mann reißt den Kopf zurück. »Tommy? Nein … oh, nein. Miss, da haben Sie was verwechselt.«

»Aber, aber du bist es. Du hast dieselben Augen. Dein Gesicht …« Ich wische mir über die Wangen, löse mich aus seinem Griff und weiche zurück, bis ich rückwärts gegen den Sarg stoße. Er hält mich aufrecht, so wie es Tommy getan hätte. Verständnislos schüttele ich den Kopf. »Ich werde verrückt. Endlich ist es passiert. Ich bin loco en la cabeza!«, kreische ich. Ich kann mich kaum mehr auf den Beinen halten und starre Tommys Doppelgänger einfach nur an.

Der Mann hebt besänftigend die Hände. Es sind Tommys Hände, nur dass sie etwas größer wirken. Alles an diesem Mann wirkt größer. Ich verliere ganz offiziell den Verstand.

»Sie sind nicht verrückt.« Er lacht leise, ein tiefes Grollen, das mir das Herz zerreißt. Es klingt wie Tommys Lachen, aber auch wieder nicht.

»Ich verstehe das nicht. Du bist tot. Und du bist nicht du!« Ich drehe den Kopf zur Seite und suche nach dem Notausgang oder meinen Freunden. »Chase! Gillian!«, schreie ich, so laut ich kann. Ist das alles ein Traum? Ein weiterer wirrer Alptraum, aus dem ich nicht aufwachen kann?

Hinten in der Kirche öffnet sich eine Tür und ein Lichtstrahl fällt herein, vor dem sich die Silhouette des Fremden abzeichnet.

Schritte nähern sich. »Du bist tot.« Kopfschüttelnd zeige ich mit dem Finger auf den Mann.

»Ich bin nicht Thomas«, beeilt er sich zu sagen und lässt die Hände fallen.

Die Schritte auf dem Holzboden werden lauter. »Maria!«, höre ich Chase’ Stimme und sie ist wie Balsam auf meinen offenen Wunden.

Chase ist jetzt bei uns angelangt, die feuerroten Haare meiner Freundin folgen ihm in einiger Entfernung. »Ria!«, ruft sie.

Ich fliege in Chase’ Arme und weine – tiefe, stoßweise, herzzerreißende Schluchzer an seiner warmen Brust. »Tommy!«, stoße ich hervor, während ich innerlich zusammenbreche.

»Wer sind Sie?« Chase’ Stimme ist wie eine tödliche Waffe. Sie verlangt nach Antwort. »Oh mein Gott, Sie sehen ja genauso aus wie er!« Er schnappt nach Luft, als hätte er erst jetzt den Mann bemerkt, der ein paar Meter neben uns steht. Ich wende den Kopf und mustere den Fremden erneut.

Gillian kommt auf ihren Stilettos angestakst und hat die Arme ausgebreitet, um das Gleichgewicht zu halten. Der Mann reicht ihr eine Hand, um sie zu stützen. Sie umklammert sein Handgelenk, dann holt auch sie hörbar Luft, als sie sein Gesicht sieht. »Oh Gott, du bist es …« Sie schlägt sich die Hand vor den Mund und bedeckt ihre Pfirsichlippen mit zarten weißen Fingern.

Der Mann schüttelt den Kopf. »Ich wollte es ihr erklären, bevor sie total ausgeflippt ist«, sagt er in meine Richtung. Ich klammere mich immer noch an Chase. »Mein Name ist Elijah Redding, aber alle nennen mich ›Red‹.«

»Wer bist du?« Mühsam bringe ich die Worte heraus, trotz all der Angst, die jede Facette meines Wesens beherrscht.

Er fährt sich mit der Hand durch sein dunkles Haar. »Ich bin Tommys Zwillingsbruder.«

»Zwillinge?«, wiederhole ich mit rauer Stimme und löse mich von Chase’ Brust. Tommy hat nie erwähnt, dass er ein Zwilling ist.

Elijah nickt. »Eineiige Zwillinge.«

»Ich würde sagen«, fügt Gillian hinzu, »Sie sind die Hulk-Version von ihm. Das ist ja unheimlich.«

Chase reißt den Kopf herum und bedenkt seine Frau mit einem scharfen Blick.

»Was? Schau ihn dir doch an, Baby. Er sieht aus wie Tommy, nur mit fünfzig Pfund mehr Muskeln und Tattoos. Ein richtig harter Junge.« Man kann sich darauf verlassen, dass Gigi einen heißen Typen erkennt.

Chase lässt mich los, wendet sich seiner Frau zu, legt ihr einen Arm um die Taille und zieht sie an sich. »Wir besprechen das später«, raunt er, dann sagt er zu Tommys Bruder: »Wieso hat Maria Sie nie zuvor getroffen?«

Genau diese Frage hätte ich ihm auch gestellt, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, einen klaren Satz herauszubringen. Im Moment kann ich meinen Blick nicht von dem Bruder losreißen. Gillian hat recht. Er ist die aufpolierte Version meines Tommys. Dieselbe Größe, dieselben Augen und derselbe Mund. Das Haar ist anders. Tommy war kahl und im Gesicht glatt rasiert, während Elijah einen rauen Dreitagebart trägt. Er hätte ihn ja auch abrasieren und einen auf trauernden Bruder machen können, wenn er gewollt hätte. Aber offensichtlich war die Beziehung der beiden nicht sehr eng, wenn er erst jetzt in meinem Leben aufgetaucht ist.

»Haben uns in den letzten Jahren auseinandergelebt. Bin vor kurzem wieder in die Stadt zurückgekehrt«, erwidert Elijah gepresst. »Und in welcher Beziehung standen Sie zu meinem Bruder? Ich habe Sie in der ersten Reihe sitzen sehen. Woher kannten Sie ihn?«

Ich runzle die Stirn. Wenn er zur Familie gehört, warum wusste er nichts von mir? Tommy und ich waren fast ein Jahr zusammen.

Aus demselben Grund, weshalb ich nichts von ihm wusste.

»Ich war mit deinem Bruder zusammen.«

Elijah schließt die Augen, grinst schief und schüttelt den Kopf. »War ja klar, dass er eine scharfe Braut zur Freundin haben würde.« Bei diesen Worten lässt er seinen Blick über mich gleiten, von meinem schwarzen Einteiler bis hinunter zur Spitze meiner Stiefel. »Hätte ich wissen müssen.« Er reibt sich mit dem Daumen über die Unterlippe. »Er hatte schon immer ein Händchen für Frauen.«

Ich verschränke die Arme vor der Brust. Chase reicht mir eine Hand und ich nehme sie. Als ich neben ihm stehe, legt er mir einen Arm um die Schultern. »Bist du so weit?«

»¿Listo para decir adiós? No.« Nein, ich bin nicht bereit, Lebewohl zu sagen.

Chase nickt traurig, und Gigi streichelt meine Wange. »Wir verabschieden uns niemals wirklich, Liebes. Sie leben in uns und in allen, die sie geliebt haben, weiter.« Gillian blickt Elijah an. »Unser herzliches Beileid. Tommy ist gestorben, als er mir das Leben rettete. Das werde ich nie wiedergutmachen können, aber wenn Sie irgendwie Hilfe brauchen, wäre es meinem Mann und mir eine Ehre, Sie zu unterstützen.«

Elijahs breite Schultern spannen sich sichtlich an. »Vielleicht können wir uns demnächst mal treffen und, äh, Sie erzählen mir, wie er Ihnen das Leben gerettet hat«, sagt er und verkrampft seine Hände ineinander.

Das Lächeln meiner Gigi ist so strahlend, als würde der Himmel selbst ein Licht auf sie werfen. »Ich würde Ihnen zu gerne erzählen, was für ein Held Ihr Bruder war.«

Bei ihren Worten zuckt Elijah zusammen und wendet den Blick ab. »Ja, danke.«

»Haben Sie eine Visitenkarte?«, fragt Chase, und die Frage wirkt so absurd, dass ich ein Kichern nicht unterdrücken kann.

Elijah schüttelt lachend den Kopf. Dachte ich mir.

Chase runzelt auf eine Art die Stirn, die ich mittlerweile nur zu gut an ihm kenne, und zieht etwas aus seiner Anzugtasche. »Hier haben Sie meine. Und wie meine Frau schon sagte, wir würden Sie gerne auf einen Drink oder zum Essen einladen. Bitte kontaktieren Sie uns. Es würde meiner Frau bestimmt guttun.« Er streckt die Hand aus und Elijah schüttelt sie kurz. Chase beugt sich rasch vor, so dass Gigi ihn nicht hören, ich ihn aber verstehen kann. »Ihre Schuldgefühle wegen seines Todes quälen sie schrecklich«, flüstert er. Dann tritt er zurück und sagt: »Also, bitte melden Sie sich.«

Elijah stopft die Karte in die Tasche seiner schwarzen Jeans. »Das tue ich.«

»Ich danke Ihnen.« Dann reicht Chase mir den Arm und sagt: »Wollen wir?«

Ich drehe mich noch einmal zu Elijah um. »Tut mir leid, dass ich so überreagiert habe …« Ich blicke ihm fest in die Augen, die mir von einem anderen Mann her so vertraut sind.

Er legt mir eine Hand an die Wange. »Kein Problem. Mach dir keine Sorgen.«

Elijah wischt sich eine Träne aus den Augen.

»Tut mir leid wegen deines Bruders.« Ich atme ein, atme aus und dränge wieder einmal meine Tränen zurück.

»Ja, mir auch«, sagt er ernst, ehe er seine Hand fallen lässt.

Ich berühre meine Wange, die noch warm ist von seiner Berührung. Seine Hand fühlte sich so sehr wie Tommys an und gleichzeitig ganz anders.

Chase führt mich den Kirchengang hinunter, auf das große hölzerne Portal zu.

»Hey!«, ruft Elijah.

Wir drei wenden uns um.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Maria. Maria De La Torre.«

»Nett, dich kennenzulernen, Maria De La Torre«, sagt er, ehe er sich in die erste Reihe setzt. Ich beobachte ihn einen Moment. Er stützt seine Ellbogen auf die Knie und birgt den Kopf in den Händen. Als würde ihn ein riesiges Gewicht niederdrücken, so traurig und hoffnungslos wirkt diese Geste.

»Jetzt komm«, drängt Gigi, aber aus irgendeinem Grund möchte ich noch bleiben, um ihn zu trösten und um diesen Mann kennenzulernen, der meinem Tommy so sehr ähnelt.

Sein Zwilling. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass er einen Zwillingsbruder hatte, von dem ich nichts wusste. Warum hat mir Tommy nie von Elijah erzählt? Und auch seine Familie nicht? Ich war zu zahllosen Abendessen in der casa familia de la Redding. Es gibt keine Erklärung dafür, warum sein Name nie erwähnt wurde. Wir haben Thanksgiving und Weihnachten zusammen verbracht, und nichts. Kein Wort.

Das ergibt doch alles keinen Sinn. Ich weiß nur, dass ich das Gefühl hatte, Tommy würde aus dem Grab zu mir sprechen, als Elijah mich von hinten anredete. Und als ich mich umwandte, erschien er mir wie ein lebendiger, atmender Geist. Nur dass Elijah kräftiger ist und auf eine rauere Art gut aussieht. Elijah wirkt wie ein Mann, der niemals lange am selben Ort bleibt. Er ist ziemlich in Form, nach dem schwarzen T-Shirt zu urteilen, das sich über die gewaltigen Muskeln spannt. Seine dunklen Jeans, die Motorradstiefel und seine breitbeinige Haltung machen deutlich, dass es ihm völlig egal ist, was andere von seinem Kleidungsstil halten. Er zieht sich nicht an, um anderen zu gefallen. Nicht einmal bei einer Beerdigung. Wenn alle in ihrem Sonntagsstaat kommen, erscheint Tommys eigener Bruder in Jeans und T-Shirt, nachdem der Gottesdienst vorbei ist. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich den Typen umarmen oder ihm den Stinkefinger zeigen soll.

Als wir draußen sind, hält mich Gillian vor der Limo auf. »Mensch, Ria. Alles klar bei dir?« Sie packt mich an den Armen und starrt mit ihren leuchtend grünen Augen in meine blauen.

Ich schüttele den Kopf. »Ich weiß nicht. Ja. Nein. Das war vielleicht verrückt.«

Chase zupft an seinen Manschetten und glättet sie. »Da hast du recht. Du hast gar nicht gewusst, dass er einen Zwilling hat, oder?«

»Nein. Was für eine Überraschung! Tommy und seine Familie haben ihn während des ganzen letzten Jahres nicht ein Mal erwähnt. Ich würde mich daran erinnern, wenn mir mein Freund gesagt hätte, dass er einen Zwillingsbruder hat. Einen eineiigen!«

Gillian zieht mich in ihre Arme. »Gott, was für ein Tag. Sollen wir uns im Penthouse betrinken?«

Chase nimmt Gillian in die Arme, flüstert ihr etwas ins Ohr und legt ihr beide Hände auf den Bauch. Was. Zur. Hölle. Soll das. Normalerweise macht er in meiner Gegenwart nicht einen auf superbesitzergreifend – das passiert eher, wenn er das Gefühl hat, dass ein anderer Mann an seiner Liebsten interessiert ist. Und auch wenn die letzten Wochen Fegefeuer und Verdammnis über unsere kleine Gruppe gebracht haben, nimmt sein Beschützerverhalten inzwischen wirklich epische Ausmaße an.

Gillian tätschelt seine Hand, schaut mir wieder in die Augen und antwortet ihm gleichzeitig: »Keine Sorge, ich bin nicht in der Stimmung für ein Besäufnis, Baby. Ich trinke nie, wenn ich traurig bin. Aber Ria und du, ihr solltet auf jeden Fall einen heben. Was meint ihr?« Sie lächelt mich lieb an und schiebt sich eine rote Locke hinters Ohr.

»Das klingt, als würde ich heute in der casa Davis übernachten. Chase, du spendierst uns am besten la buena mierda.«

»Den guten Stoff.« Er grinst. »So machen wir das. Und jetzt steig bitte ein und schnall dich an.«

Ich verziehe das Gesicht. »Du kommandierst mich immer rum.«

»Schwester, du hast ja keine Ahnung«, seufzt Gigi.

»Das kannst du mir gleich alles bei einem Tequila erzählen«, erwidere ich leise und leicht genervt und öffne die Tür der Limousine. Ich blicke zurück zu der Kirche, die ich nie wieder betreten werde. »Auf Wiedersehen, Tommy«, flüstere ich, als plötzlich Elijah aus der Tür tritt. Ich halte den Atem an, als sein Blick auf mich fällt. Er hebt eine Hand und winkt.

Ein frischer Wind zerzaust mir die Haare und lässt mich erschauern. Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus und meine Zähne beginnen unkontrolliert zu klappern. Noch einmal sehe ich zur Kirche und winke der einsamen Gestalt zu, ehe ich den Kopf einziehe und ins Auto steige.

KAPITEL 2

»¿Y entonces qué pasó?«, murmle ich undeutlich in meinen Margarita. Himmel, dieser Typ mixt wirklich tolle Drinks. Benty? Benito? Nein, nein … Bentley. Genau, so heißt er. Er ist increíble.

Gigi schlägt mir auf den Schenkel. »Auf Englisch!«, tadelt sie mich kichernd.

Ups. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich Spanisch gesprochen hatte. Die Drinks schmecken einfach zu gut. »Und was passierte dann?, habe ich gesagt.«

Meine beste Freundin sitzt im Schneidersitz neben mir auf der Couch. Chase grinst und lehnt sich auf der gegenüberliegenden Couch zurück. Normalerweise ist er die Ruhe selbst, aber seit Daniel McBride seine geliebte Gillian gestalkt und entführt und meinen Tommy umgebracht hat, ist er eindeutig wachsamer geworden und hat seitdem fast etwas Eisiges an sich. Allerdings merke ich, dass er auftaut, je mehr Whisky er intus hat.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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