Trouble auf Wolke 6 1/2 - Allyson Snow - E-Book

Trouble auf Wolke 6 1/2 E-Book

Allyson Snow

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Beschreibung

Amor kann einpacken, jetzt kommt Ruben. Rubens Job ist nervig, aber wenigstens hat man einen guten Ausblick. Seine Chefin sieht alles, aber selten durch. Mit ihr coacht er Paare, die es nur auf Wolke Sechseinhalb geschafft haben, in den Siebten Himmel. Eine halbe Wolke – Kleinigkeit, sollte man meinen. Weit gefehlt! Seine Chefin ist von der optimalen Performance besessen und erwartet auch bei seinem aktuellen Fall hundertprozentigen Erfolg. Doch Fenja greift auf der Suche nach der großen Liebe ständig ins Klo, erweist sich als beratungsresistent und besitzt einen grauenhaften Musikgeschmack. Besondere Härtefälle erfordern besondere Maßnahmen. Ruben wirft all seine Fähigkeiten in den Ring, sogar sein eigenes Herz. Doch damit verstößt er gegen den wichtigsten Paragrafen der Engelverordnung: Verliebe dich nie in deinen Schützling. Die himmlisch schräge Komödie umfasst ca. 285 Taschenbuchseiten.

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Seitenzahl: 348

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Trouble auf Wolke 6 1/2

Alica H. White

Allyson Snow

© Copyright: 2019 – Alica H. White, Allyson Snow

c/o AutorenServices.de

Birkenallee 24

36037 Fulda

Cover created by © Michaela Feitsch / Premade Cover & more Lektorat, Korrektorat: Kooky Rooster

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Über den Wolken …

… muss der Ärger wohl grenzenlos sein

Kann denn Liebe tödlich sein?

Keep calm and listen to the music

Schlafende Schönheiten …

… und Schlägerlillys

Zweite Versuche gehen

selten besser aus

Technik, die versagt

Im Kreuzfeuer der Liebe

Neue Runde, altes Elend

Die Liebe zur Fleischeslust

Nach dem vierten Kerl sollst du ruh’n

Love and kill me

Fachkundige Einbrecher sind selten

Zurückgewiesene Männer morden länger

Liebe, die selbst den Himmel durcheinanderwirbelt

Das vertrottelte Gericht Salomons

Über den Wolken brechen Herzen lauter

Zur Hölle mit den Engeln!

Zwischen Himmel und Liebe

Danke

Über den Wolken …

»Ruuuben!«

Obwohl die Wolken einiges an Lautstärke schluckten, ließ ihn der schrille Ton zusammen-zucken. Ruben stöhnte fast unhörbar und sandte ein Stoßgebet an seinen Chef. Bitte, lass seine Fachvorgesetzte einfach an spontaner Demenz erkranken. Oder schick ihr einen Schmetterling vorbei, der sie ablenkt.

»Ruuuuben!«

Verflixt. Schmetterlinge schafften leider nicht die erforderliche Flughöhe, um Engel ablenken zu können. Wo waren nur Rubens Ohrenstopfen?

»Ruben!!! Wo steckst du schon wieder?!«

Gleich war es mit der Beschaulichkeit vorbei, die Stimme kam unaufhaltsam näher. Eilig ließ sich Ruben tiefer in seinen watteweichen Hängemattenersatz sinken. Doch es war leider nur eine dieser weißen Federwolken, die keinen ausreichenden Sichtschutz boten. Er fluchte leise, denn seine Flügelspitzen ragten verräterisch über die Wolkenwatte hinaus. Mit möglichst wenigen Bewegungen sah er sich nach einem besseren Versteck um. Die einzige Alternative war eine graue, aufgetürmte Nimbostratus. Völlig ungeeignet für ein kleines Powernapping. Wer wollte schon in einer inkontinenten Schlechtwetterwolke pennen?

»Ach, hier bist du! Schon wieder am Faulenzen!«, schimpfte Kassandra.

Ruben zuckte zusammen und verkniff sich ein Seufzen. Hier im Himmel konnte man sich aber auch nirgends richtig verstecken.

Kassandra durchstieß seinen weichen Kokon, packte ihn am Arm und zog ihn auf die Beine. »Wie oft habe ich dir gesagt, dass du dich nicht so tief in die Wolken hängen sollst? Es gibt schon genug Unwetter auf der Erde.«

Hallo?! Mach mal die Augen auf, dachte Ruben im Stillen. »Das hier ist nur eine kleine Federwolke. Ich bin doch nicht für die Unwetter zuständig! Ich will hier nur in Ruhe chillen«, verteidigte er sich.

»Schluss mit Chillen!«, fauchte Kassandra. Aus ihrem Mund entwichen Blitze, wie immer, wenn sie verärgert war.

»Ich hab aber ein Recht auf eine Pause«, grummelte Ruben.

»Wo steht das denn? In den Zehn Geboten?«, zischte sie.

Ruben hob den Zeigefinger. »Am siebten Tage sollst du ruhen.«

Kassandra winkte ab. »Ach, papperlapapp, das gilt nur für den Fall, dass neue Welten erschaffen werden. Hast du eine neue Welt erschaffen?«

Sah er aus, als würde er sich noch mehr Arbeit ans Bein binden wollen? »Natürlich nicht.«

»Dann hast du auch kein Recht auf Sonderurlaub«, erklärte Kassandra mitleidslos.

Noch immer umklammerten ihre dürren Finger Rubens Arm. Ruben bog sie langsam auf, einen nach dem anderen. »Jeder braucht doch mal ’ne Pause!«

Er war gerade beim Mittelfinger angekommen, als sie seine Hand wegschlug und ihn stattdessen am Kragen packte. »Ich kann nichts dafür, dass hier so viel zu tun ist. Wie oft denn noch?! Ein ganz klarer Fall einer proportionalen Zuordnung.«

»Musst du dich immer mit deinen Mathekenntnissen so wichtigmachen?«, maulte Ruben.

»Warum nicht?«, fragte Kassandra. »Es ist wichtig. Du gibst ja auch mit deinen Sprachkenntnissen an.«

»Die brauche ich, um meinen Job zu machen«, verteidigte sich Ruben energisch.

»Ich auch«, gab sie schnippisch zurück.

Ruben schnaubte. »Um vorm Chef anzugeben.«

»Na und?« Kassandra zuckte mit den Schultern. »Es ist wichtig, um unseren Erfolg darzustellen.«

»Sag ich doch: angeben. Um deinen Erfolg darzustellen. Wenn du wenigstens diese blasierten Fachausdrücke lassen würdest.«

»Blasiert? Das ist doch ganz einfach. Die Anzahl der Menschen auf der Erde nimmt zu, während der Anteil derer, die in Sachen Liebe Mist bauen, nicht kleiner wird. Lineare Regression, eine ›Je mehr, desto mehr‹-Zuordnung. Klar?«, schnaubte Kassandra und rollte wild mit den Augen. Kein Wunder, dass sie immer schlechter sah.

Warum zerknitterte sie eigentlich den Kragen seines Hemdes? Das war frisch gebügelt. Außerdem lief er schon nicht weg. Vor Kassandra in die Hölle zu flüchten, klang zwar verführerisch, aber dieses penetrante Weib trieb ihn nicht ins Fegefeuer. Auch wenn Kassandra verflucht nah dran war. Ruben riss sich aus ihrer Umklammerung und zupfte sein Hemd zurecht.

»Okay, also du denkst, dass die Menschen immer mehr werden, aber nicht schlauer?«

Ihre viel zu großen Lippen kräuselten sich zu einem spöttischen Lächeln. »Bingo.«

»Um das zu wissen, brauche ich keine Mathematik.«

»Du willst nicht verstehen, worauf ich hinauswill.« Kassandras Nasenflügel weiteten sich. »Vergiss es einfach.«

»Sehr gut, dann kann ich ja weiter chillen«, grummelte Ruben und drehte sich weg, um schnell das Weite zu suchen.

»Untersteh dich! Wir bekommen einen neuen Fall«, zischte sie und packte ihren Mitarbeiter am Flügel.

»Au! Du reißt mir schon wieder die Federn aus. Das ist doch hier kein SM-Studio.«

»Es ist aber auch nicht der Siebte Himmel. Du trägst hier eine Verantwortung.«

»Ein neuer Fall? Schon wieder?« Ruben rieb sich über die müden Augen. »Der letzte war so anstrengend! Die Frau wusste ja noch nicht mal, wie man sich die Pickel wegschminkt und mit Männern flirtet. Ich musste es ihr vormachen. Den einen Kerl musste ich bewusstlos schlagen, ehe er mir noch die Hosen runterzerrte. Du hast selbst gesagt, es werden immer mehr Fälle, die wir betreuen müssen. Ich brauch jetzt wirklich eine Pause. Nur einen Sonnenaufgang lang. Auf ein paar Minuten wird es doch nicht ankommen!«

»Das geht aber nicht. Wie oft soll ich dir das denn noch erklären?«, schimpfte Kassandra. Erneut schlugen Blitze aus ihrem Mund. Sie zuckten um sie herum, versengten die Haare an Rubens Handrücken und ein besonders vorwitziger Blitz kokelte seine Flügelspitze an. Aua!

Die beständig steigende Energie ließ mehrere Federwolken zu einer Gewitterwolke zusammenballen. Dunkel und bedrohlich türmte sie sich vor den beiden auf und wogte über sie hinweg. Der Wind frischte auf. Zugegeben, es war beeindruckend, und ja, Ruben wich respektvoll einen Schritt zurück. Zu Menschen, die beim Reden spukten, hielt man ja auch Abstand. Es fiel ihm schwer, bei diesem Gedanken nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen.

Stattdessen straffte er die Schultern und starrte seiner Chefin ungerührt in die glühenden Augen. »Dann will ich geregelte Arbeitszeiten. Verhandle endlich mit dem Big Boss! Ist mir egal, wie du das durchsetzt.«

»Im Himmel gibt es keine Stempeluhren«, giftete seine Chefin unbeirrt weiter.

»Wie wär’s denn dann mit einem neuen Mitarbeiter?«, schlug Ruben vor.

»Bei dem Fachkräftemangel? Wie stellst du dir das vor? Du bist für die harten Fälle zuständig! Es ist dein Job! Und wenn du den engagiert machst, dann läuft’s!«, donnerte Kassandra. »Nur muss man dich immer erst mal treten, damit der werte Herr endlich in die Puschen kommt!«

»Von wegen. Irgendwann wird hier gar nichts mehr laufen und daran bist du schuld!«, presste er hervor.

»Hör du endlich auf zu meckern. Die Wolke vibriert schon. Sonst gibt’s wegen dir auch noch ein Unwetter«, schnauzte seine Chefin.

»Mit diesem ganzen Gekeife produzierst du ein Jahrhundert-Unwetter. Ist dir das überhaupt klar?«, wetterte Ruben zurück und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber wahrscheinlich gefällt es dir, wenn du in den Nachrichten der Menschen auftauchst. Sturm-warnung, bitte bleiben Sie im Haus, Kassandra hat wieder ihre monatlichen Leiden. Ach nein, sie ist ja schon in den Wechseljahren. Deswegen werden auch die Sommer so heiß, wegen der Hitzewe–«

Kassandra knirschte mit den Zähnen und dazu gehörte bei ihr eine Menge. »Halt die Klappe!« Ihre Augenbrauen zogen sich bedrohlich zusammen und ihr Oberkörper kippte nach vorne. Sie stieß ihren Fingernagel immer wieder gegen Rubens Brust. »Du bist respektlos! Ich hätte dir das ›Du‹ nie anbieten dürfen. Das war schon immer ein großer Fehler.«

Ruben prustete verächtlich. Als ob er beim ›Sie‹ mehr Respekt gehabt hätte. »Dann hättest du auf der letzten Weihnachtsfeier nicht so viel Met trinken dürfen. Da hast du praktisch jedem das ›Du‹ angeboten. Dem Barkeeper ist der Krug aus der Hand gefallen, als du ihm einen Heiratsantrag gemacht hast. Der arme Kerl konnte nicht schnell genug rennen, als er begriff, dass du dich auf ihn setzen wolltest.«

Es war ein interessantes Phänomen, wenn sich Kassandra für etwas schämte. Auf ihren Wangen bildeten sich rote Flecken, die immer größer wurden, sich über die Nase ausbreiteten, die Stirn hinaufkrochen, bis ihr gesamter Kopf glühte wie eine Tomate.

»Dafür konnte ich nichts, diese germanischen Götter sind echt versoffen«, nuschelte sie.

Ruben hob blasiert die Nase und schüttelte den Kopf. »Tsss. Immerhin hättest du es kommen sehen können.«

»Theoretisch schon, wenn man nicht von Thor eingewickelt wird.«

»Du meinst, seinen Bad-Boy-Charme?«, fragte Ruben süffisant und verkniff sich gerade rechtzeitig das schadenfrohe Grinsen.

»Blödsinn, mach du es doch besser«, antwortete Kassandra schnippisch.

»Kein Bedarf.« Ruben zuckte die Schultern. »Aber du passt doch eigentlich ganz gut zu Thor.«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst!«

Ruben liftete erstaunt die Augenbrauen. »Dann sei doch einfach dankbar für deinen integren Assistenten, der dich damals sicher zurück auf deine Schlafwolke gebracht hat, und lass mich endlich auch mal ein bisschen schlafen.«

Kassandra lachte zynisch. »Integer? Du? Benimm dich lieber wie ein brauchbarer Assistent und heb deinen Hintern.«

»Und da heißt es immer: Ausruhen kann man sich, wenn man tot ist …«, brummte Ruben. »Der wahre Himmel liegt auf Erden.«

»Als Arbeitsloser, oder was? Du bist hier aber auch nicht im Himmel, mein Lieber, sondern in dessen Vorgarten. Sei froh, dass du hier gelandet bist! Letztens ist einer von deiner Sorte, ein Münchner, direkt in den Himmel gekommen. Wäre er nicht schon tot gewesen, hätte er sich bestimmt zu Tode gelangweilt.«

Ruben seufzte. Dem konnte er nicht viel entgegensetzen, denn die Geschichte vom Münchner im Himmel hatte er auch gehört. Die Engel kicherten heute noch hinter vorgehaltener Hand darüber. Ruben seufzte. Diese anstrengende Frohlockerei in den ewigen Sphären hatte dem grantigen Bajuwaren den letzten Nerv geraubt.

»Aber ein bisschen gemütlicher könnte es hier schon zugehen«, maulte Ruben. »Du neigst eindeutig zu operativer Hektik. Deinen ganzen Ehrgeiz muss am Ende ich ausbaden. Wer macht denn hier die ganze Arbeit?«

»Vorsicht, mein Lieber!«, warnte Kassandra. »Wenn du mein Assistent bleiben willst, solltest du kleinere Brötchen backen, sonst stelle ich dich wieder zum Harfenputzen ab. Du weißt genau, dass man als Göttin besser sein muss als die männlichen Kollegen.«

»Wofür willst du besser sein? Big Boss wirst du sowieso nie werden, auch wenn dir das Delegieren noch so liegt. Als griechische Gottheit ist für dich nicht mehr als Fachbereichsleitung drin. Finde dich damit ab!«

»Wenn der Allmächtige delegiert, will ich wenigstens die besten Aufgaben erwischen! Das muss doch auch in deinem Sinne sein!«

»Wie wäre es dann mit Verstärkung für mich?«, fragte Ruben. Wenn er nur oft genug nörgelte, bekam er, was er wollte, und sei es auf der nächsten Weihnachtsfeier.

»Verstärkung? Wie oft denn noch: nein! Außerdem mindert es die Effektivität der Performance.«

Schade. »Dann mache ich jetzt wenigstens eine Zigarettenpause.« Ruben drehte ihr den Rücken zu, doch Kassandra zog ihn an der Schulter wieder zurück.

»Engel rauchen nicht!«

»Okay, dann ein Schlückchen Nektar … oder Ambrosia?«

»Den gibt es erst nach Feierabend. Davon wirst du doch immer so müde, damit hast du ja jetzt schon zu kämpfen. Und jetzt komm schon, sonst such ich mir einen neuen Assistenten«, tadelte Rubens Fachvorgesetzte und wedelte ungeduldig mit den Händen.

»Du weißt, dass das mittlerweile keine Drohung mehr ist.«

»Ruben! Hol jetzt endlich die Gadgets!«, forderte sie barsch.

»Alle? Weißt du, was für eine Schlepperei das ist?«, fragte Ruben entsetzt und spielte mit der angekohlten Flügelspitze. Das war eine Angewohnheit, die ihn immer heimsuchte, wenn er überfordert war. »Das ist nicht dein Ernst.«

»Ausnahmslos alle!«, wies ihn Kassandra gnadenlos an. »Und dann erzähle ich dir, was ich über den Fall weiß.«

Ruben setzte ein falsches Lächeln auf. »Ich kann’s kaum erwarten.«

Die Blitze hatten sich gelegt, dafür drang jetzt Rauch aus Kassandras Ohren, als hätte sie eine kubanische Zigarre verschluckt. Ruben seufzte innerlich, er kannte seine Chefin zu genau. Wenn das geschah, brauchte es nur noch den kleinsten Auslöser, um sie zur Detonation zu bringen. Ein Ausbruch, der den Erdenbewohnern unerwartete Hagelschauer bescherte. Wer dürfte sich dann um die unerwarteten Neuzugänge der Erschlagenen kümmern? Er natürlich!

»Der Erfolg der Mission soll nicht an der Ausrüstung scheitern. Das ist auch in deinem Sinne.« Mit einem »Es ist ja so schwer, heute gutes Personal zu bekommen!«, schwebte sie davon.

Pah, zu bedauerlich, dass man hier im Himmel nicht am Stuhl der Vorgesetzten sägen konnte. Ruben wäre es ein Fest, Kassandras Hochmütigkeit ins Wanken zu bringen. Bei ihrem Gewicht brauchte es eh nicht viel, damit alles unter ihr zusammenbrach.

… muss der Ärger wohl grenzenlos sein

Fenja fröstelte. Trotz der zugezogenen Vorhänge zog es aus irgendeiner Ecke wie Hechtsuppe. Nur das Teelicht unter dem Tischkessel und die Kerzen auf der Kommode hinter Fenja gaben ein wenig Licht und Wärme ab.

Xenia, die Hexe, verschmolz beinahe vollständig mit der Dunkelheit. Nur in ihren unzähligen Ketten und den kleinen, gierig leuchtenden Augen, spiegelte sich der Kerzenschein. Die alte Frau rührte leise vor sich hinmurmelnd im Topf herum. Der Geruch nach verbrannten Tannennadeln, Honig und Teppichreiniger durchzog den Raum. Das Blubbern der Flüssigkeit, die sich in dem Topf befand, mischte sich mit ihrem Raunen zu einem unverständlichen Gewirr. So ging das jetzt schon seit mindestens einer halben Stunde. Raunen, Geblubber, Kälte und Muff, der Fenja fast ersticken ließ. In jedem fünftklassigen Hollywoodfilm waren die Hexen spannender.

Zwar versuchte Xenia mit ihrem verlotterten Aussehen, der schwarzen Katze und einer durch Räucherstäbchen verpesteten Luft, jedes Klischee zu erfüllen, aber der winzige Kessel auf dem Teelicht hatte Fenja stutzig gemacht und sie war kurz davor gewesen, ihr Geld zurückzuverlangen.

Gut, mit Teelichtern und etwas Geduld bekam man auch Essen warm und keine Feuerwehr wollte alle nasenlang in den neunten Stock eines zehngeschossigen Altbaus eilen müssen, bloß, weil wieder mal der Feuermelder anschlug. Aber Fenja fragte sich dennoch, ob das hier wirklich die zweihundert Mücken wert war.

Je mehr undefinierbares Zeug diese Alte in die Flüssigkeit warf, umso mulmiger fühlte sie sich. Angst vor der eigenen Courage. Warum war sie noch mal hier? Das war doch kein Mann wert, oder? Fenja schloss die Augen. Doch! Dieser Mann war es wert!

Hinter Fenjas Lidern erschien das schöne Gesicht ihres Geliebten. Kaspers blaue Augen erinnerten sie an einen Bergsee bei schönstem Sommerwetter. Der geschwungene, sinnliche Mund fesselte ihren Blick jedes Mal. Sie hatte nie einen hübscheren Mann getroffen. Aber er war nicht nur attraktiv, sondern auch klug. Er wusste zu allem etwas zu sagen, und wenn sie nicht gerade ihr Bett zu Schrott vögelten, erklärte er ihr die Welt. Politik, Aktien, Physik. Seine Meinung zu den neuesten Entwicklungen in Europa. Es gab nichts Schöneres, als ihm zuzuhören, seiner rauen Stimme, die ihr bei jedem Wort ein Ziehen zwischen den Schenkeln bescherte.

Fenja stellte sich vor, wie er sie küsste. Sie spürte seine weichen Lippen, die zarte Berührung, die mit jeder Sekunde leidenschaftlicher wurde. Sie war besessen von seinem Geschmack, süchtig nach diesem Duft. Sein Hemd glitt ihm über die Schultern abwärts und legte den gestählten Oberkörper frei. Sanft strich sie über die weiche Haut, fühlte die harten Muskeln. Er zog sie an sich, fuhr mit seinen starken Händen ihren Rücken entlang und unter ihr Shirt. Die Gänsehaut, die von dieser Berührung ausging, zog sich bis zum Steißbein.

Fenja seufzte wohlig, wünschte sie sich doch gerade seine Hände herbei, die ihren Po kneteten. Er sagte etwas, aber sie war viel zu sehr von dem Pochen zwischen ihren Beinen abgelenkt. Sie verstand ihn nicht. Fenja schüttelte den Kopf und wieder gab er etwas von sich: »Miau.«

Hä? Überrascht riss Fenja die Augen auf. Wieso miaute ihr schöner Geliebter? Sie zuckte zusammen, als sich verfilztes Fell an ihrem Bein rieb.

»Sscht, geh weg«, zischte Fenja.

Die Katze hakte ihre Krallen in Fenjas Jeans, bevor sie sich hochmütig abwandte, um unter dem Tisch zu verschwinden, bis nur noch ihre glühenden Augen im Schatten leuchteten. Die alte Hexe starrte mit weit aufgerissenem Mund in die kochende Flüssigkeit. Speichel rann ihr Kinn entlang, die Augen geschlossen wiegte sie ihren dürren Körper vor und zurück. War das normal? Bekam die Alte ausgerechnet jetzt einen Herzinfarkt? Oder einen Schlaganfall? Nein, sie bewegte die Lippen in einem unablässigen Gemurmel.

Erleichtert schloss Fenja wieder die Lider und dachte erneut an ihren Liebsten. Sie hatte vom ersten Augenblick an gewusst: Dieser Mann war perfekt für sie. Er besaß nur einen Makel, einen winzigen – er war verheiratet. Wie könnte ein solcher Mann auch Single sein? Natürlich lief ein Mann wie Kasper A. Dam nicht als Freiwild in Kopenhagen herum. Fenja war seiner Frau dankbar. Dankbar dafür, dass sie all die Jahre gut auf ihn aufgepasst hatte, bis er Fenja begegnete.

Aber jetzt war sie an der Reihe. Kasper liebte Fenja, allerdings wollte er seine Frau nicht verlassen. Nicht jetzt. Sie machte gerade eine schwere Zeit durch. Sie hatte ihren Job verloren, den sie eigentlich gar nicht brauchte, weil Kasper Geld genug für zwei verdiente, und ihre Mutter war gestorben. Kasper wollte ihr mit der Trennung nicht den nächsten Schlag versetzen. Das bewies nur sein reines Herz und seine Sanftmütigkeit, Fenja nahm es ihm nicht übel. Sie hatte einen anderen Weg gefunden, wie sie nachhelfen konnte.

Sie erschrak, als die verfluchte Katze auf ihrem Schoß landete und ihr den haarigen Schwanz ins Gesicht drückte. Bäh, so wollte sie bestimmt nicht liebkost werden! Nachdrücklich schob sie das Tier von ihrem Schoß.

Die Alte erhob sich, stolperte über die fauchende Katze und rempelte gegen den Tisch. Nur Fenjas beherzter Zugriff rettete den Tischkessel davor, heruntergefegt zu werden. Xenia sog erschrocken die Luft ein, presste sich eine Hand auf die Brust und murmelte: »Verflixte Brut Satans.« Dann griff sie nach einer Phiole und füllte mit einer Kelle etwas von der zischenden Flüssigkeit in das Gefäß. »Also, ungefähr die Menge eines Teelöffels kippst du ihm in ein Getränk. Am besten Kaffee, denn der Trank ist etwas bitter.« Die Alte lächelte schief. »So ungefähr eine Viertelstunde später setzt die Wirkung ein. Die Frau, die ihn dann verführt, wird seine Gedanken vollkommen beherrschen. Er wird geradezu besessen von dir sein. Überlege dir also gut, ob du das willst.«

»Ja, ja, natürlich.« Fenja riss ihr die warme Phiole aus den knorrigen Fingern. Die Ratschläge konnte sich die Alte schenken. Fenja wusste genau, was sie tat. Er sollte genauso besessen von ihr sein, wie sie von ihm. Und, er sollte sich von seiner Frau trennen!

»Moooment!« Mit einer schnellen Handbewegung stoppte Ruben die Holografie.

»Warum unterbrichst du die Aufzeichnung?«, fuhr Kassandra ihn an. »Es gibt hier keine Fragen! Also weiter, und zwar grígora!«

»Musst du eigentlich immer so mit deinem Altgriechisch rumprahlen?«, fauchte Ruben. »Das ist sicher noch so eine Sache, mit der du den Chef zur Weißglut treibst. Der ist doch Lateiner«, maulte er. »Außerdem klingt es auf der Erde wie Donner. Du weißt ganz genau, dass der Big Boss gesagt hat, du sollst dich zusammenreißen.«

Kassandras wütender Blick ließ ihn einen kurzen Moment erstarren.

»Koróido!« Trottel. Ein kalter Hauch umströmte bei diesem Wort Rubens Ohren. Das gab auf der Erde sicher wieder eine Sturmbö. Ja, wenn sie böse war, machte sich Kassandras Kinderstube bemerkbar. Deshalb verstand er mittlerweile die altgriechischen Schimpfwörter und die gängigen Befehle seiner Chefin. Sie war leicht in Rage zu bringen – zumindest in Rubens Augen – und er war sich nicht sicher, ob Götter derart schimpfen durften.

Ruben holte tief Luft. Er war ein Mann. Der Teufel sollte ihn holen, wenn er diesem keifenden Wesen von Chefin nicht die Stirn bieten konnte. Gleichberechtigung einmal anders herum, der Equal Pay Day sollte auch im Himmel eingeführt werden. »Ich bin kein Trottel!«, schnaubte er entrüstet.

»Nicht? Warum hast du dann die Holografie abgebrochen?«, zischte Kassandra. »Oder willst du zur Sexfantasie zurückspulen?«

Ruben spürte, wie sein sonst so kühler Kopf heiß wurde. Die Gedanken dieser Fenja waren furchtbar unanständig. Ihr Seufzen allein bei dem Gedanken, wie ihr Liebster sie berührte … Die Zeiten, in denen Ruben Frauen derart den Kopf verdreht hatte, waren viel zu lange vorbei. Ständig in Kassandras Nähe zu sein, konnte einem ja nur den Sex-Appeal ruinieren.

»Warum sollen wir uns das Zeug weiter ansehen? «, fragte Ruben. »Sie ist kein Fall für uns. Du predigst doch selbst immer, dass Manipulation ein K.-o.-Kriterium ist. Wenn sie diesen Typen mit einem Zaubertrank rumkriegen will, hat sie es nicht verdient, in den Siebten Himmel zu kommen.«

»Wenn uns der Chef dieses Filmchen zukommen lässt, wird es schon seinen Sinn haben.« Kassandra zuckte mit den Flügeln. »Er meinte, ich könnte daraus noch etwas lernen. Das ist ein Lehrauftrag.«

»Lehrauftrag«, spuckte Ruben das Wort verächtlich aus. »Bei dieser Frau sind doch Hopfen und Malz verloren, das pfeifen selbst die Spatzenengel von den Wolken. Die kommt nie über die Hölle hinaus!« Also, er fand seine Argumente einleuchtend.

»Wenn bei jemandem Hopfen und Malz verloren ist, dann bei dir, mein Lieber!«, fauchte seine Chefin. »Wiederhole die K.-o.-Kriterien, grígora.«

Ruben grummelte. Was sollte dieses ständige Abfragen der Gebote zur Glückseligkeit? »Sag mir lieber, warum ich so einen sinnlosen Auftrag erfüllen soll. Du hast die Gabe der Weissagung«, gab Ruben zurück.

»Genau, ich weiß schon, was da kommt. Außerdem weiß ich, dass dir dein aufsässiges Verhalten noch mal das Genick brechen wird, und dann ist für dich die Hölle näher als die ewige Glücksseligkeit.«

»Das werden wir ja sehen.«

Kassandra wedelte mit der Hand in Richtung Holografie. »Mach schon weiter, sonst streiche ich dir deinen Met für heute Abend.«

Himmel, dieses Gekeife erzeugte sicher mal wieder das schönste Unwetter auf der Erde. Thor und Kassandra waren ein Traumpaar. Bei dieser Vorstellung musste Ruben lachen.

»Was kicherst du so blöd? Willst du den Met für die ganze Woche gestrichen haben?«

Ruben konnte das Grinsen immer noch nicht unterdrücken. »Nein, ich bestehe auf Wolkenarrest«, gackerte er.

»Das könnte dir so passen. Also, einen Monat lang keinen Met für dich.«

Ein Kloß blockierte plötzlich Rubens Hals. Warum konnte er bei seiner Chefin nie den Mund halten? Wie sollte er diesen Narrenkäfig hier bloß ohne seinen geheiligten Feierabendmet überleben?

»Nein! Halt! Ich fang ja schon an!«, versicherte er eilig.

»Dann nenn mir doch zur Sicherheit noch mal die K.-o.-Kriterien, mein Lieber.« Kassandra kreuzte triumphierend die Unterarme und lächelte süßlich.

»Lügen, Mord, Vorteilsnahme, Ehebrechen, Voodoo, Verfluchen und andere Manipulationen bringen niemandem die ewige Liebe«, ratterte er herunter.

»Dann weißt du ja auch, warum du mein Gehilfe bist, und dir auf ewig der Siebte Himmel verweigert wird.«

»Wieso auf ewig? Davon hat der Allmächtige nichts gesagt. Wenn ich gelogen habe, waren es nur winzige Notlügen.«

»Ja, Notlügen wegen Notgeilheit«, fauchte Kassandra. »Wie viele Frauen hast du auf der Erde durch deine Schwindeleien in dein Bett gelockt? Wie vielen Ehemännern hast du Hörner aufgesetzt?«

»Die waren doch auch nicht besser …«

»Sünden werden nicht besser, wenn sie von allen begangen werden!«

»Ich kann doch nichts für meinen unwiderstehlichen Charme. Habe ich auch nur eine der zweihunderteinundsiebzig Frauen gezwungen, mich zu lieben? Nein. Vielleicht hätte ich mich auf eine beschränken sollen, aber wer sagt einem das schon vorher?«, protestierte Ruben.

»Die Bibel?«, warf Kassandra süffisant ein. »Der Menschenverstand?«

Pah. Ruben hatte früher weder das eine noch das andere besessen. Er konnte bis heute nicht richtig lesen. Warum sollte er es auch lernen, wenn ihm Kassandra jede verflixte Anweisung entgegenkreischte? Was gäbe er darum, mal einen einzigen Auftrag schriftlich zugewiesen zu bekommen. Es wäre zwar anstrengend, die Buchstaben in Worte wandeln zu müssen, aber die Ruhe dabei wäre himmlisch und ein Schriftstück würde den Respekt gegenüber seiner Arbeit zeigen.

»Ich kann meine Schuld hier abarbeiten … hat er gesagt«, verteidigte sich Ruben trotzig. Wer wollte schon auf ewig Kassandras Assistent sein? Kassandra stellte locker Xanthippe in den Schatten. Da war es ihm herzlich egal, wie übel ihr damals von Apollon mitgespielt worden war.

»Ohne ein gutes Zeugnis von mir kannst du hier verschimmeln«, drohte Kassandra ungerührt.

»Der Allmächtige weiß schon, warum er dir immer diese schrägen Fälle zuschanzt«, murrte Ruben.

»Weil er weiß, dass wir das Team mit der besten Performance sind.« Mit einem Schlag wurde ihre Stimme um mehrere Oktaven tiefer und sanfter. Sie streichelte sein kantiges Kinn mit dem ewigen Dreitagebart. »Komm schon. Du bist mein klügster und bester Assistent. Wir beide, wir machen das schon.«

Rubens Augenbrauen zogen sich zusammen. Auf diese Schmeichelei fiel er nicht herein. Er war der einzige Assistent, der es so lange mit Kassandra ausgehalten hatte. Er liebte nun einmal die Herausforderung, nach der er schon im Leben süchtig gewesen war. Kassandra war eine harte Nuss und dieser Auftrag würde es nicht minder sein. »Was führst du im Schilde? Mich manipulierst du nicht mit deiner Schönheit. Ich bin nicht so naiv wie Apollon.«

»Naí! Schönheit ist ein Fluch, lass dir das gesagt sein. Man wird zwar mit den wertvollsten Geschenken überhäuft, aber nur, weil einem die Kerle an die Wäsche wollen. Wie schnell ihre Anbetung in bitterste Verachtung kippt, wenn man die kostbaren Gaben zwar annimmt, aber Körbe verteilt.«

»Zu Recht! Denn das nennt man dann nämlich Ausnutzen, oder auch Vorteilsnahme. Apollon war zu Recht sauer, schließlich hat er dich geliebt.«

»Und du bist zu Recht mein Assistent. Eine weitere Strafe für mich. Da halten die Kerle zusammen.« Kassandra öffnete die Faust Richtung eingefrorenes Hologramm. Ein heller Strahl setzte die Figuren wieder in Bewegung.

Die Szene wechselte. Ein Mann bezog eine Gardinenpredigt vom Allerfeinsten. »Du bist mein Ehemann! Du wirst dich von diesem Luder trennen! Auf der Stelle!« Die Forderung unterstrich die holde Gattin mit einem harten Schlag in seinen Nacken. Der Mann duckte sich wie ein Würstchen im Glas. »Natürlich. Wie du willst, Liebling. Sie hat mir sowieso nie etwas bedeutet. Aber bitte, schlag mich nicht mehr«, jammerte er.

Die Frau schnaubte und holte tief Luft. Ihr gewaltiger Busen hob und senkte sich. »Das kann ich dir nur raten, sonst stehst du in kürzester Zeit auf der Straße! Ohne eine beschissene Krone! Vater wird dich auch entlassen«, keifte das Frauenzimmer. War es Zufall, dass sie verblüffende Ähnlichkeit mit Xanthippe hatte?

»Was? Soll das etwa der Mann sein, den diese Fenja verzaubern will? Das ist doch der größte Schlappschwanz, den ich je gesehen habe«, sagte Ruben entsetzt.

»So schlapp wird sein Schwanz schon nicht sein, wenn er eine reiche Frau zur Ehe überreden konnte«, erklärte Kassandra.

Ruben zuckte die Schultern. »Vielleicht hast du Recht.«

»Oh! Dass ich das noch erleben darf! Ein Mann gibt mir recht!«, verkündete Kassandra pathetisch und hob die Hände in die Höhe.

Seine Chefin war ihm manchmal peinlich. »Hast du schon mal überlegt, warum dazu sonst nie jemand bereit ist?«, erwiderte Ruben leicht angepisst.

»Halt den Mund und konzentrier dich. Fenja ist jetzt mit dem Zaubertrank auf dem Weg zu diesem Wicht – Kasper A. Dam, so heißt er. Wenn man ihr die Option auf den Siebten Himmel erhalten will, muss jemand sie davon abhalten.« Kassandra blickte Ruben herausfordernd an. »Oder wie siehst du das?«

»Waaaas? Ich? Du meinst, ich soll …«

Kassandra stöhnte. »Was passt dir denn jetzt schon wieder nicht?«

»Dafür habe ich die ganzen Gadgets hierherschleppen müssen?«

»Ja.«

»Du kannst froh sein, dass ich keine Bandscheiben mehr habe!«, knurrte Ruben.

»Du musst vorbereitet sein.« Die Chefin zog die Stirn kraus.

»Also, wenn ich eins kann, dann ja wohl Frauen bezirzen«, behauptete Ruben. »Dazu brauche ich kein einziges von diesen technischen Geräten hier.«

»Typisch Mann, prall gefüllt mit Selbstüberschätzung. Wenn ich auf meine Fähigkeit zur Weissagung zurückgreifen darf, schlage ich vor, du bedienst dich wohl doch besser der Gadgets. Je mehr, je besser«, gab Kassandra zu bedenken.

»Typisch Frau, traut einem Mann nichts zu«, maulte Ruben beleidigt.

»Und wieder einmal verhallen meine Rufe«, schnaubte Kassandra frustriert. »Da kann ich noch so viele Führungsseminare belegen, wenn sich die Mitarbeiter Wolken in die Ohren stopfen, ist alles verloren.«

»Warte ab, Chefin. Ich werde das Fräulein von ihrem unmoralischen Plan abhalten. Du wirst stolz auf mich sein.«

»Unterschätze niemals eine liebende Frau«, warnte Kassandra.

Ruben ballte die Fäuste und drückte seinen Brustkorb nach vorn. »Unterschätze niemals deinen Assistenten!«

»Nichts wäre mir lieber, als wenn es diesmal auf Anhieb klappen würde«, schnaubte Kassandra. »Das würde meiner Statistik unheimlich guttun. Also versau es nicht. Wir treffen uns zur Erfolgsanalyse.«

»Mach ich, Chefin. Du kannst dich auf mich verlassen.«

»Schön wär’s«, seufzte Kassandra.

Kann denn Liebe tödlich sein?

»Lass ab von deinem schändlichen Tun!«

Entsetzt starrte Fenja den zerlumpten Mann an, der auf dem Boden hockte und den Zipfel ihres Mantels umklammerte. Sein plötzlicher Griff hatte sie beinahe aus dem Gleichgewicht gebracht. Zum Glück war sie nicht auf ihn gestürzt, sondern nur gegen die Mauer getaumelt. Der Becher, mit dem er bettelte, war umgefallen und ein paar Münzen herausgekullert. Sein Schild, auf dem er um Spenden bat, lag geknickt daneben. Fenja war versehentlich draufgetreten.

»Schande über dich. Verführerin.«

Zwischen seinem strähnigen weißen Haar blitzten Fenja klare, helle Augen entgegen, so blau wie das Wasser im Kopenhagener Hafen. Himmel, nicht einmal Kasper hatte solch blaue Augen. Zum Glück war der Rest von Kasper wesentlich ansprechender als dieser zerlumpte Geselle. Irgendwie roch dieser Kerl komisch. Nicht wie ein ungewaschener Mann, der neben Müllkippen pennte, wie man erwarten würde, sondern süß, wie eine Nascherei … Ach, das bildete sie sich gewiss nur ein. Widerwillig sah sie auf seine Faust, die noch immer ihren Mantel gepackt hielt.

»Würden Sie bitte meinen Mantel loslassen?«, fragte sie. Zu ihrem eigenen Ärger überschlug sich ihre Stimme. Fenja zog die Augenbrauen zusammen, um mit mehr Autorität noch einmal zu fordern: »Lassen Sie sofort meinen Mantel los!«

»Metze! Nimm dem rechtmäßigen Weibe den Mann nicht. Sündenpfuhl. Die Hölle wird dich holen.«

Fenja schrak zurück. Woher wusste der Penner das? Hatte er Kasper und sie zusammen gesehen? Kannte er Kasper?

Mit zitternden Fingern kramte Fenja ihr Portemonnaie aus der Handtasche. Sie streckte dem abgerissenen Kerl einen Zehn-Kronen-Schein hin. »Hier, kaufen Sie sich etwas zu trinken!«

Doch der Obdachlose grinste nur dreckig. »Kauf dich damit lieber von deinen Sünden frei.«

Fenja riss an ihrem Mantel und der Penner öffnete die Faust. Plötzlich ohne Halt stolperte Fenja und prallte gegen eine Straßenlaterne. Sie schlug sich den Ellenbogen an. Der Schmerz und die Scham über die Begegnung trieben ihr die Tränen in die Augen. Warum verhöhnte der Landstreicher sie so? Weil sie einen Mann liebte? Dann käme nahezu jede Frau in die Hölle, ob verheiratet oder nicht. Kaspers Ehefrau war nicht die Richtige für ihn. Sie war eine bösartige, fette Pute. Fenja war ihr einmal begegnet und es war nicht nur die Liebe zu Kasper, die ihre Ablehnung gegenüber diesem Weib geschürt hatte, sondern dieses hohe, gackernde Lachen, sowie die kleinen zusammengekniffenen Augen über den dicken Wangen, dunkel und heimtückisch. Diese Frau genoss es, ihren Ehemann wie einen Lakaien zu behandeln. »Kasper, hol mir dies. Kasper, hol mir das. Kasper, hol mir einen Schal. Ich brauche noch einen Drink, schließlich muss ich heute Nacht neben dir liegen.« Fenja war dabei übel geworden. Kasper hatte eine solche Frau nicht verdient. Niemals.

Fenja hingegen liebte Kasper mit jeder Faser ihres Herzens. Sie war seine Seelengefährtin. Sie fühlte es. Sie gehörten zusammen und mit Xenias Hilfe würden sie auch endgültig und für immer zusammen sein. Ihre Zukunft würde wunderschön werden. Kasper ließ sich scheiden und führte Fenja zum Altar. Sie hatten bereits über Kinder gesprochen. Seine Frau wollte keine. Kasper und Fenja hingegen schon. Musste man noch mehr sagen?

Fenja drückte ihre Handtasche an sich und wollte dem Obdachlosen eine gewaschene Erwiderung entgegenschleudern. Doch die Stelle, wo der Mann gesessen hatte, war leer. Kein Schild lag mehr dort, auch der Becher und die Münzen waren fort. Nur sein Geruch, süß wie Honig, hing noch in der Luft. Wo war er so plötzlich hin? Er konnte unmöglich in den drei Sekunden, die sie sich an die Laterne geklammert und gegen die Tränen angeblinzelt hatte, seine Sachen gepackt haben und weggelaufen sein. Nun, scheinbar doch. Sie hatte sich schließlich nicht geträumt, noch halluziniert. Oder doch?

Fenja zog die Schultern hoch und spähte über die Straße, erst nach links, dann nach rechts. Blaue, rote, gelbe und grüne Häuserfassaden reihten sich hinter den Gehwegen aneinander. Unter einer Kastanie parkte der blaue Lieferwagen der Post. Der Bote rannte aus einem der Häuser, sprang hinein und düste davon, um das nächste Paket auszuliefern. Sonst war der Gehweg bis auf zwei alte Männer mit ausgebeulten Jutebeuteln leer. Die nächste Abzweigung befand sich erst in hundert Metern. Wenn der Penner weggerannt wäre, müsste sie ihn noch sehen. Doch sie konnte ihn nirgends entdecken. Das war seltsam. Fenja rieb sich über die Stirn und schüttelte den Kopf über sich selbst. Sie sollte ihn einfach vergessen.

Diesmal setzte sie ihren Weg wesentlich vorsichtiger und langsamer fort. Die Vorfreude auf den Abend war verflogen. Sie fühlte sich bloßgestellt und schändlich. Wie konnten ihr die Worte eines Obdachlosen nur so zusetzen? Sie tat nur das, was getan werden musste. Sie half Kasper auf die Sprünge. Es war zu ihrer aller Besten. Kasper war nicht glücklich mit seiner Frau und sie nicht mit ihm.

Mit Fenja konnte er es sein.

Er würde es sein.

Ruben streifte die zerrissenen Klamotten ab, schüttelte die Federn aus und streckte sich. Das Leben als Penner war ganz schön unbequem, selbst für fünf Minuten. Hoffentlich hatte ihn sein himmlischer Geruch nicht verraten. Er hatte es einfach nicht über sich gebracht, sich vorher in einer Mülltonne zu wälzen.

Kassandra stand vor dem Hologramm, die Hände in die Hüften gestemmt und eine steile Falte zwischen den Augenbrauen. Pah, da regte sie sich über ihre Falten auf, zog allerdings so ein Gesicht. Aber Apollon stand ja anscheinend auf die Mariannengräben in ihrem Antlitz.

»Bist du bereit, dir anzusehen, welche Performance du diesmal abgeliefert hast?«, fragte sie süffisant.

Hm, so unzufrieden, wie sie die Lippen aufeinanderpresste, waren seine Bemühungen wohl nicht von Erfolg gekrönt. Das war … enttäuschend. Penner mit biblischen Drohungen funktionierten doch sonst auch immer.

»Sag mir nicht, dass sie es getan hat«, stöhnte er.

»Gut, ich sag’s dir nicht«, schnaubte Kassandra. »Besser du setzt dich.«

Das musste sie ihm nicht zweimal sagen! Eilig formte sich Ruben aus einer vorbeischwebenden Federwolke einen bequemen Sessel mit Fußablage. Und gleich einen zweiten, der mehr wie ein Bürostuhl aussah, als seine Chefin ihn fordernd anblickte.

»Okay, es kann losgehen«, sagte er tapfer und faltete die Hände vor dem Bauch.

Kassandra nickte, setzte sich mit wichtigem Gesichtsausdruck und startete die Holografie.

Fenja bereitete den Abend sorgfältig vor. Sie zündete die Kerzen an und verteilte Rosenblätter auf dem liebevoll gedeckten Tisch. Sie hatte Kaspers Lieblingsgericht gekocht. Alles sollte perfekt sein. Alles war perfekt.

Der Tisch konnte mit einem Fünf-Sterne-Lokal mithalten. Sie hatte das Licht gedämmt und der Geruch von Schweinebraten mit Schwarte, einer dänischen Spezialität, die Kasper so gern mochte, zog durch die Wohnung.

Fenja richtete gerade noch einmal das Besteck, als es klingelte. Sie zog die Schürze aus und eilte in den Flur. Vor dem Garderobenspiegel fuhr sie noch einmal durch ihr gewelltes Haar. Fenja hatte zwei Stunden für eine Frisur gebraucht, die eine natürliche Lockenmähne ergeben sollte. Sie hatte sich etliche Haare ausgerissen, weil sich einer der billigen Lockenwickler nicht mehr hatte lösen lassen. Aber Kasper war es wert.

Lächelnd öffnete sie die Wohnungstür. Kasper trat ein und küsste sie flüchtig, kaum spürbar, auf die Wange. Ein bitteres Gefühl der Enttäuschung kroch ihre Speiseröhre hoch, doch seine raue Stimme versöhnte sie. »Guten Abend, Darling. Ich habe uns eine Flasche Champagner und Amarettini mitgebracht.«

Sein Lächeln war breit und strahlend und doch war etwas an ihm seltsam. In Kaspers Augen funkelte nicht die übliche Begierde. Er schien abwesend, fast schon kalt. Vor Fenjas innerem Auge wandelte sich sein Gesicht zu einer verzerrten, bösartigen Fratze. Sie bildete sich ein, die Stimme des Obdachlosen zu hören, der sie erneut aufforderte, von ihrem schändlichen Tun abzulassen. Himmel, sie wurde noch verrückt.

Sie schüttelte den Kopf. Kasper bemerkte es nicht. Er stellte die Champagnerflasche achtlos im Flur auf die Kommode unter dem Spiegel. »Ach ja, und hier deine Karten.« Er zog zwei Tickets aus der Tasche und legte sie neben die Flasche.

Mit einem jubelnden Aufschrei schlang ihm Fenja die Arme um den Hals und küsste ihn auf die Wange. Einmal, zweimal, ach fünfmal.

Kasper zog die Schulter hoch und den Kopf ein, wehrte ihre stürmische Freude ab. Er lächelte leicht. »Keine Ahnung, warum du dir die Ausstellung unbedingt ansehen willst. Die Bilder sind die reinste Schandtat. Wer bezahlt für zwölf bunte Kreise? Das konnte ich im Kindergarten schon besser.« Kasper deutete auf die Tickets und die Abbildung der Concentric Circles von Wassily Kandinsky.

Fenja kicherte. »Kunstbanause.«

»Wenn diese Kringel wenigstens ein Bild ergeben würden, wie eine Figur oder eine Landschaft«, spottete Kasper.

Fenja kniff ihn spielerisch in den Bauch. »Also wirst du mich nicht zur Ausstellungseröffnung begleiten?«

»Nur tot!«, rief Kasper aus und wandte ihr den Rücken zu.

Schade. Das war das einzig Bedauerliche an Kasper. Er besaß nicht den geringsten Sinn für Kunst. Die Drucke von Wassily Kandinsky oder Paul Klees, die Fenjas Wände schmückten, hatten ihm noch nie gefallen.

Fenja nahm die Flasche und als sie die Küche betrat, sah sie ihn in den Topf lugen. Unweigerlich lächelte sie. Wenn er in ihre Töpfe spähte, erinnerte er sie immer an einen zu groß geratenen Jungen. Einen, der einfach nur geliebt werden wollte.

Sie stellte die Flasche auf den Tisch, schlang die Arme von hinten um Kasper und drückte das Gesicht gegen seinen Rücken. Sanft streichelte sie seinen Bauch und fuhr mit den Händen über den Stoff hinab bis zu seinem Gürtel.

Er sog scharf die Luft ein und drehte sich in ihren Armen herum. »Erst essen«, forderte er und küsste sie auf die Stirn. Dann löste er ihre Umarmung.

Wieder kochte die Enttäuschung bitter wie Galle in Fenja hoch. Aber sie schluckte sie herunter. Es sollte ein schöner Abend werden und vielleicht war er in Gedanken einfach noch bei seiner Arbeit. An manchen Tagen fiel es ihm schwer, abzuschalten.

Kasper setzte sich auf den Stuhl und sie servierte ihm das Essen, dann setzte sie sich selbst. Er griff nach dem Besteck. Ohne aufzusehen oder ihr wie üblich mit einem Luftkuss zu danken, schaufelte er das Essen in sich hinein. Fenja sah ihm dabei zu und der Kloß in ihrem Magen wurde immer größer. Sie selbst stocherte nur lustlos in dem Braten und dem Rotkohl herum. Das Rezept hatte sie von ihrer Mutter, es roch köstlich, doch Kaspers eisige Ignoranz verhagelte ihr den Appetit.

»Wie war es denn auf der Arbeit?«, fragte sie leise.

Kasper schob sich ein großes Stück Schweinebraten in den Mund. Ein bisschen Soße rann über sein Kinn. »Gut.«

»Gab es Ärger?«

»Nein.«

Das war alles. Einfach nur ›Nein‹ und dann wieder Schweigen.

»Es ist ein schöner Tag. Die Sonne hat für März schon viel Kraft«, versuchte Fenja erneut, ein Gespräch in Gang zu bringen.

»Kann sein.«

Fenja lächelte bemüht. »Ich hätte mal wieder Lust, zum Nyhavn zu gehen.«

»Zu viel Wind, der Hafen stinkt immer nach Fisch.« Kaspers Stimme klang schleppend, distanziert, und wenn er den Blick hob, dann sah er überall hin, zum Herd, aus dem Fenster, auf die Wand, nur nicht zu ihr. Liebte er sie nicht mehr? Wollte er mit ihr Schluss machen?

Sie rief sich zur Räson. Bis gestern war zwischen ihnen noch alles gut gewesen. Sie hatten sich bis zum Morgengrauen geliebt. In den zwölf Wochen, die sie sich nun kannten, hatten sie sich nie gestritten. Warum sollte er also mit ihr Schluss machen? Nein, es war sicher etwas anderes, das ihm die Stimmung verhagelte. Vielleicht doch etwas auf der Arbeit und er wollte sie nur nicht damit belasten. Sein Nacken schien verspannt zu sein. Er bewegte sich ruckartig und steif.

Kaum hatte er das Essen beendet, stellte sie die Teller in die Spüle und trat hinter ihn. Mit sanftem Druck begann sie, seinen Nacken zu massieren. Kasper stöhnte und seine Finger strichen federleicht über ihre Hand.

»Geh ins Wohnzimmer«, hauchte sie ihm ins Ohr. Er nickte und stand auf. Schnell schenkte sie den Champagner ein und folgte ihm. Auf dem Tisch standen Erdbeeren, eine Ergänzung zum sündigen Nachtisch, den sie im Sinn hatte. Den Champagner stellte sie daneben, dann setzte sie sich auf seinen Schoß.

Sie angelte nach einer Beere und hielt sie Kasper an die Lippen. Er lächelte müde, öffnete aber brav den Mund. Langsam biss er ab und kaute bedächtig. Dann hielt sie die Erdbeere vor ihre eigenen Lippen. Kasper sah mit halb geschlossenen Lidern zu. Langsam nahm sie einen Bissen und kaute genießerisch darauf herum. Die Süße der Beere schmeichelte ihrem Gaumen.

Kasper zog ihren Kopf zu sich und küsste sie leidenschaftlich. Tief drang seine Zunge in ihren Mund und schickte ihr einen wohligen Schauer durch den Körper. Ihr Atem ging schnell, als er wieder von ihr abließ. Er beugte sich mit ihr nach vorn, was ihr ein albernes Kichern entlockte, und nahm eines der Champagnergläser, um es ihr zu reichen.

»Zur Abkühlung«, sagte er und griff nach dem anderen.

Ein Lächeln auf den Lippen stießen sie mit der klaren, perlenden Flüssigkeit an und sahen sich tief in die Augen. Dann setzten sie die Gläser an. Fenja genoss das kühle Kitzeln der Kohlensäure auf ihrer Zunge. Mit einem Zug leerte sie das Glas und das Prickeln breitete sich in ihrem Magen aus.