Trugbild der Schatten - Helmut Aigner - E-Book

Trugbild der Schatten E-Book

Helmut Aigner

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Beschreibung

Aus Verbündeten werden Verräter - Freunde zu gnadenlosen Feinden, in einer Welt, in der das Wirken von Magie ein unsagbares Verbrechen darstellt. Ein einfacher Auftrag gerät für eine Söldnerin aus Courant zu einem Desaster. Ein fanatischer Ritterorden macht Jagd auf eine Gemeinschaft von Verstoßenen. Und die letzte Elfenzivilisation Aedon-Vohrns steht kurz vor ihrem endgültigen Zerfall. Sie alle sind verbunden durch den Konflikt alter Mächte. Einer Fehde der Gefallenen.

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EPUB

Seitenzahl: 870

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Trugbild der Schatten

Trugbild der SchattenImpressumVorwortEine Reise nach Aedon-VohrnKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49Kapitel 50Kapitel 51Kapitel 52Kapitel 53Kapitel 54Kapitel 55Kapitel 56Kapitel 57Kapitel 58Kapitel 59Kapitel 60Kapitel 61Kapitel 62Kapitel 63Kapitel 64Kapitel 65Kapitel 66Kapitel 67Kapitel 68Kapitel 69Kapitel 70Kapitel 71Kapitel 72Kapitel 73Kapitel 74Kapitel 75Kapitel 76Kapitel 77Kapitel 78Kapitel 79Kapitel 80Kapitel 81Kapitel 82Kapitel 83Kapitel 84Kapitel 85Kapitel 86Kapitel 87Kapitel 88Kapitel 89Kapitel 90Kapitel 91Kapitel 92Kapitel 93Kapitel 94Kapitel 95Kapitel 96Kapitel 97Kapitel 98Kapitel 99Kapitel 100Kapitel 101Kapitel 102Kapitel 103Kapitel 104Kapitel 105Kapitel 106Kapitel 107Kapitel 108Kapitel 109Tribus Buch & Kunstverlag empfiehlt

Trugbild der Schatten

Helmut Aigner

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Veröffentlicht im Tribus Buch & Kunstverlag GbR

Januar 2021

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2020 Tribus Buch & Kunstverlag GbR

Texte: © Copyright by Helmut Aigner

Lektorat: Lisa Gausmann

Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Coverdesign: Verena Ebner

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und wird strafrechtlich verfolgt.

Tribus Buch & Kunstverlag GbR

Mittelheide 23

49124 Georgsmarienhütte

Deutschland

Vorwort

Wer durchschreitet blind die Nacht?

Hält dir als Letzter die Totenwacht?

Verkleidet Fluch in edle Pracht?

Baut sein Reich auf Niedertracht?

Bis alle Feuer hell entfacht!

König Mord, in finstrer Tracht.

Die Aschenkrone ihm vermacht.

Eine Reise nach Aedon-Vohrn

Aedon-Vohrn bezeichnet den einzig bekannten Erdteil jener Welt, in der die Geschichte dieses Buches spielt.

Außer den Frostbanninseln im Norden, umgeben den Kontinent nur kleinere Eilande.

In der Frühgeschichte beherrschten die mysteriösen Chiani das Festland, sie teilten ihre Macht mit den Elfenkönigreichen, wenn auch nur in geringen Maßen, und ihre Herrschaft beschränkte sich nicht nur auf die eine Erde, sondern auf verschiedene Welten, wie es in der „Aedon-Vohrn Trilogie“ erzählt wird.

Nach dem Verschwinden dieses Volkes zerfielen die Königreiche der Elfen und es entstanden Fürstentümer. Menschen spielten nur eine untergeordnete Rolle in diesem Teil der Geschichte, da sie zum Großteil als Nomaden und Jäger umherzogen, keine Städte bauten und nur selten zum Handel mit den Elfen des letzten und größten Reichs, dem Orseon, Kontakt aufnahmen.

Allerdings gibt es Legenden, die von einem Menschenvolk, der damaligen Zeit berichten. Es wurde die Taras-Ulta genannt, die Mondscheingeborenen.

Dieses Volk von untersetzten Leuten baute Städte aus Stein. Die wenigen Gelehrten, die es kannten, schreiben über sie, dass sie nach einem verlorenen Krieg unter die Erde geflohen seien. Dort hatten sie ein Bündnis mit einem Wesen geschlossen, der sich der Steinwanderer nannte.

Er führte das Volk tiefer in die Stollen hinein. Durch die Kräfte des Steinwanderers veränderten sich die Nachkommen der Taras-Ulta, sie wurden kleinwüchsiger, zäher und um einiges langlebiger.

Sie selbst nannten sich in ihrer neuen Heimat fortan die Kharam-Kun, von anderen wurden sie schlicht Zwerge genannt.

Zurück zur Welt unter der Sonne:

Der Begriff der Kernlande entstand in diesen Tagen. Er benennt den Schmelztiegel, aus dem die Kultur und Zivilisation der Elfen hervorging und über ihre Nachbarvölker bis heute nachwirkt.

Die Kernlande haben keine feste Grenzlinie, ihre Ausdehnung ist seit vielen Jahrhunderten ein Streitthema unter den Gelehrten der Völker.

Nur ein Fakt ist unbestritten, die Kernlande enden dort, wo die Thärden anlandeten und sich ihre Ländereien eroberten. Die Küstenstriche rund um das Festland waren ursprünglich den Menschen vorbehalten.

Die Thärden, das ist der Name für einen losen Stammesverband dieser kurzlebigen Geschöpfe, die von den äußeren Inseln kamen, nahe dem Yar`thal.   

Um zu erklären, was das Yar’thal ist, muss man weiter zurückgehen als vor dem Verschwinden der Chiani.

Nämlich zur Schöpfung der Welt selbst.

Zwei Götter waren an der Vervollständigung des Planeten beteiligt gewesen.

Warnas, der Weltenschmied, schmiedete mit einem Hammer einen glühenden Ball am Firmament. Als die Erdmassen aushärteten, zog Hypron, der Herr über das Chaos, mit seinem Speer einen großen Kreis um den Kontinent, der viel später als Aedon-Vohrn bekannt werden sollte.

Danach verschwanden die Schöpfer für immer.

So lautet jedenfalls der Mythos für diese Erscheinung.

Dieser Kreis um die Meere des Festlandes ist das Yar’thal, eine Manifestation von Aufruhr und Wirrnis eines Gottes in Form von Nebel, Strudeln, Gefällen und Zauberwerk, nur schwer durchdringbar für Elfen, Menschen und Orks.

Aus dem äußeren Bereich, dem Anfangsgebiet des Yar’thal, setzten die Thärden mit ihren Langbooten zum Festland über.

Es gab keinen Oberbefehl über sämtliche Stämme, kein gemeinsames Ziel, sie folgten den Spuren der Götter. Der Flug von Feuervögel soll die Thärden auf ihre Schiffe gelockt und zur Seefahrt bewegt haben, auf der Suche nach einem besseren Ort fürs Leben.

Als die ersten Thärden an den Fjorden des Festlandes ankerten, begann eine neue Zeitrechnung. Die einheimischen Stämme wurden mit der Zeit verdrängt. Es gab Krieg zwischen Eingeborenen und den Seefahrern.

In diesen Tagen spielt „Die Stätte im Wald“, die Hauptgeschichte aus dem gleichnamigen Buch, daneben ist die Legende von Königreich Drohn enthalten, sie spielt etwas später.

Diese beiden Geschichten sind Fragmente einer alten Welt, in der ein Umbruch einsetzte, eine Art Völkerwanderung und Neuordnung der Machtverhältnisse.

Die letzte Geschichte aus „Die Stätte im Wald“ spielt erst Jahrhunderte später. „Jeshels Tagebuch“ ist in der Zeit anzuordnen, in der auch die „Aedon-Vohrn Trilogie“ spielt.

Das Tagebuch des Proviantmeisters Jeshel ist das letzte Bindeglied, um davon zu berichten, was mit dem Gebiet geschah, das einst Drohn hieß und seit langer Zeit unter dem Einfluss des blinden Gottes steht.

Die Aedon-Vohrn Trilogie handelt von einem neuen Umbruch, das Zeitalter der erstarkten Magie, die sogenannte arkane Renaissance, knüpft an. Wieder verschieben sich Grenzen, Schlachten werden geführt und ein neuer Gott nimmt seinen verlorenen Thron ein, eine Gottheit der Magie - Ornetha genannt.

Mehre Kurzgeschichten behandeln aus verschiedenen Perspektiven die Veränderungen, die auf Aedon-Vohrn vor sich gehen, zwei weitere Bücher spielen in diesem neuen Zeitalter der Wunder und Schrecken, das eine heißt „Land der Asche“ und ist Ende 2019 erschienen. Es enthält mehrere Texte. Das andere Werk wird ein längeres Epos, das die einzelnen Geschichten und Bücher miteinander verbindet und sie zu einem Abschluss bringt.

Viel Spaß beim Lesen wünscht der Autor.

Kapitel 1

Andauernd, jede Nacht, plagten sie düstere Albträume. Es blieb falsch, egal wie oft sie es durchlebte.

Unerklärliche Bilder verblassten nach dem Erwachen. Mit rasendem Herzen suchte sie nach einer Erklärung.

Im Schlaf wurde Etaila zu jemand anderem, einer Frau, die in Furcht lebte, vor ihren Verfolgern.

Sie rannte durch einen dichten Wald, gehetztvon einem Jäger, einen Mann ohne Gesicht, der sie drohte einzuholen.

Doch wenn sie sich umdrehte, war da nichts, nichts außer der Kälte zwischen den Ästen, dünnem aufsteigendem Rauch und purer Einsamkeit. Sie landete an einem anderen Ort, herausgerissen aus der verstörenden Vergangenheit.

Grübelnd sah die Träumerin eine Siedlung, klein, friedlich und abgelegen in den Bergen, die sie nie bereist hatte. Sie erspähte eine alte Frau mit sorgenvollem Blick, die Sorgfalt galt allein dem Schicksal der Besucherin - Etaila.

Der Tod kam in diese kleine Siedlung.

Die Vorsteherin wurde erstochen von einem Mann, bewaffnet mit einem schlichten Dolch. Er wechselte sein Angesicht, war erst jung, später alt und wieder umgekehrt.

Doch das war nur der Beginn. Die Eindrücke änderten sich rasch, sie konnte kaum folgen.

Sie sah ein Heer von Angreifern, keine Menschen. Sie brachten das Leid in die entlegenen Täler des Grenzlandes der Thärden, den kriegerischen Clansleuten und verhassten Nachbarn der Elfen.

„Es sind Orks, flieht, wenn Ihr sie bemerkt, sonst ist es um Euch geschehen", flüsterte eine leise ängstliche Stimme ihr in den Nächten zu.

Diese Warnung flößte ihr Angst ein und machte sie panisch.

Wieder befand sie sich in dem lichtlosen Wald unter schiefen Baumreihen. Sie zitterte vor Angst und Kälte, und als sich Etailas anderes Ich umwandte, stand jener, der seine Form wechselte, hinter ihr, mit gezogenen Dolchen und einem frostigen, mordgierigen Glitzern in den Augen.

Die ängstliche Stimme in ihr begann zu sprechen. Sie flüstere nur einen Namen. Es war derselbe, den die alte Frau kurz vor ihrem Tod gehaucht hatte. Ein mächtiger Name, so althergebracht wie die Sagen ihres Volkes

„Viondars".

Dann wachte sie auf, den Klang ihres eigenen Schreis in den Ohren. Der wirre Traum riss sie aus dem Schlaf. Sie setzte sich auf ihre einfache Schlafstätte - Säcke, gefüllt mit Stroh.

Die Söldnerin brauchte eine Weile, um frei durchatmen zu können. Es waren nur Spukbilder gewesen, sagte sie sich. Und doch war sich Etaila unsicher. Sie hatte eine völlig andere Person gemimt, jemanden mit anderer Vergangenheit, mit sensiblem Charakter, das komplette Gegenteil ihrer selbst.

Anfangs grübelte sie über den Irrsinn nach, den sie empfand, dann betrachtete sie die junge aufgehende Sonne durch die geöffnete Dachluke. Und der Traum der vergangenen Nacht verschwand im hintersten Winkel ihres Unterbewusstseins.

Es gab Wichtigeres zu tun. Sie sprang auf und kleidete sich an. Hose, Gürtel, Wams - einfache Kleidung zum Arbeiten, geeignet für viele Berufe in Courant, ihrer erwählten und ebenso schäbigen Heimatstadt. Berufe, bei denen das Schwert das wichtigste Werkzeug darstellte.

Sie wusch sich das Gesicht in einer hohen Schüssel, gefüllt mit eiskaltem Wasser.

Zum Frühstück setzte sie sich an einen schiefen Tisch, der kaum sein eigenes Gewicht tragen konnte. Es gab Haferbrei, schal wie üblich, zu mehr reichte das Geld kaum aus.

Man konnte nicht behaupten, dass sie in Luxus schwelgte.

Jetzt, so früh am Morgen, lag der kleine Raum fast in völliger Dunkelheit. Ihr Ruhelager, ein schiefer Schrank und eine Truhe, alles war nur spärlich beleuchtet. Ein Kienspan spendete ein wenig Helligkeit, damit die junge Frau sich im Inneren zurechtfand.

Sie bereitete sich auf ihren neuen Arbeitstag vor.

Die Eskorte von Händlern und anderen Kunden war im unruhigen Süden keine Seltenheit. Einige Abgesandte aus der örtlichen Händlergilde hatten sie angeworben, als Begleitung, zum Schutz ihrer Leben und ihrer Waren.

Ihr guter Ruf war ausschlaggebend gewesen. Sie wurde als Söldnerin zu den wenigen Personen gerechnet, die an untätigen Tagen nicht schon am frühen Mittag betrunken in ihrem eigenen Erbrochenem lagen.

Sie nahm ihr Handwerk ernst.

Sie würde stundenlang neben einem Kutschbock sitzen und einige Dutzend Fässer bewachen; Abenteuer sahen anders aus, von Spannung konnte man kaum reden.

Dafür gab es dann am Ende des Tages einige Münzen.

Das war besser, als mit knurrendem Magen schlafen zu gehen, dachte sie nüchtern. Als Frau gab es in Courant nur zwei Möglichkeiten: Entweder man wurde die Ehefrau eines Halsabschneiders, oder man wurde selbst einer. Das hatte ihr Vater ihr einst als Rat mitgegeben. Sie machte es anders. Denn sie hatte schon viele Halsabschneider gesehen, die am Strick endeten.

Sie ging einige Schritte, griff in die Dunkelheit hinein.

Aus der Truhe nahm sie ihr Kopis heraus, einen Schildbrecher der Rundschilde mit Wucht durchdrang und zu Kleinholz verarbeitete. Eine gut geschmiedete Waffe, wenn man bedachte, dass ihr alter Herr, der Hufschmied eines Dorfes nah der Marschen, es damals aus Altmetall hergestellt hatte. Fieber im Winter hatte ihr den Vormund geraubt, ihre Mutter kannte sie kaum, sie war noch während ihres Kindesalters fortgegangen.

Nicht ungewöhnlich; das raue Land um Courant raffte jedes Jahr genug Menschen dahin.

Das Schwert war das einzige Erinnerungsstück, das von ihrem Vater blieb, und es hatte ihr in ihrer Jugend genügend ausgehungerte Wölfe aus den Bergen vom Leib gehalten.

Sie hatte es gestern Abend vorsorglich geschliffen.

Alles war vorbereitet. Die einfache Schutzkleidung, in der sie steckte, war vor einer Woche geflickt worden. Sie fuhr in einem Wagen heraus aus dieser großen Ansammlung von heruntergekommenen Hütten, die sich eine Stadt nannte. Vielleicht kam sie sogar für längere Zeit heraus.

Sie machte sich Mut für die Zukunft, als sie ihr Häuschen verließ und in den grauen morgendlichen Himmel hinausspähte.

Die Sonne blieb eine kleine matte Scheibe am Horizont, die heute kaum Licht gab.

Die Straßen sollten zu dieser Uhrzeit menschenleer sein, selten hatte einer der Bewohner einen Grund, so früh seine Behausung zu verlassen. Diesmal war es ähnlich. Nur Irna, die alte Vettel, die auf der Veranda ihrem Haus gegenübersaß, war schon wach und reckte sich in einem Schaukelstuhl. Ihre Vermieterin, ein schrecklich geiziges Weib, das sie am ausgestreckten Arm verhungern ließe, nur um sich ein paar Geldstücke zu sparen. Sie grüßte das böse Weib und erntete aus der Entfernung ein herablassendes Grinsen, fehlte nur die Aufforderung, die Miete rechtzeitig zu begleichen.

Aber sie suchte keinen Ärger mit ihr, die Anwohnerin bezahlte bisher immer pünktlich und machte selten Schwierigkeiten. Die Söldnerin grinste zurück, fluchte in Gedanken laut auf und ging die matschige Straße entlang.

Alte Schlampe, soll dich doch der Teufel holen.

Ein bis zwei Wochen nicht hier zu sein, würde ihr guttun.

Etaila, die junge Frau mit dem jugendlichen Gesicht, dem blonden Haar und der insgesamt müden Erscheinung, ging an einem verschlammten Tümpel vorbei, passierte eine schmale Brücke, nur ein breites Brett über einem schlammigen Weiher. Die Wolkendecke am Firmament färbte sich weiter grau, ein leichter Schauer kündigte sich an. Kaum ungewöhnlich in dieser Ecke der Welt, die raue See der Frostbanninseln brachte reichlich schlechtes Wetter in südliche Bereiche.

Entfernt hörte sie Reiter. Sie besaß kein Pferd und durfte nicht zu spät zur Handelsstation gelangen, man würde nicht wegen einer einzelnen Person die Karawane warten lassen. Zeit war Geld und sie nahm die Beine in die Hand.

Sie rannte an weiteren, immer gleich aussehenden Rundhütten vorbei, jederzeit darauf bedacht, nicht im Schlamm oder Pferdemist auszurutschen oder stecken zu bleiben.

Großartig, der Tag begann mit einem Sprint, hoffentlich war sie nicht überfällig, so einfache Arbeit gab es in den nächsten Tagen nicht erneut.

Sie hörte das Gebrüll hinter sich, ein Bote spornte sein Ross zu mehr Geschwindigkeit an und nahm dabei keine Rücksicht auf Fußgänger. Die junge Frau wurde beinahe über den Haufen geritten, nur um Haaresbreite entkam sie den ausscherenden Hufen, ein Sprung zum Wegrand in eine Pfütze rettete sie zumindest vor einer schmerzhaften Verletzung. Sie kroch ein Stück voran und wischte sich den Schlamm aus dem Gesicht. Sie hörte lautes Gelächter. Der Reiter hatte Freude an seinem Sprung gehabt.

Wenig später erreichte sie den Handelsposten, zu früh. Die Händler dachten gar nicht daran, überstürzt aufzubrechen, Etailas Hose und Mantel waren von Matsch verkrustet und ihre Laune war morgendlich bereits verdorben.

Ein alter Mann mit langem grauem Bart und einer erstaunlich intensiven Bierfahne empfing sie vor dem Kutschbock.

„Ihr müsst Etaila sein.“ Ihm war dies klar, weil sie die einzige Frau auf der Reise sein sollte.

„Wer sonst", lautete ihre knappe Antwort.

Man blieb trotzdem höflich zu ihr und übergab, wie vereinbart, drei Silbermünzen als Vorschuss.

Wenigstens sind die Pfeffersäcke nicht knickrig. Sie haben wohl Muffensausen, die große Fahrt mit zu wenigen anzutreten.

Grübelnd bestieg sie den ersten Karren, der mit bauchigen Fässern beladen wurde. Eine Gruppe weiterer Bewaffneter begrüßte sie wortkarg, sie brummte ein Hallo zurück. Das reichte, mehr Worte musste man innerhalb der Zunft nicht wechseln.

Währenddessen verstaute man Bier, eine wichtige Handelsware für viele Dörfer im Umkreis von Meilen.

Jemand reichte ihr einen Becher mit dunklem Gerstensaft. Sie nahm einen Zug. Nicht das schlechteste Zeug.

Vielleicht wird der Tag ja doch noch vernünftig,versuchte sie sich Mut zu machen.

Kapitel 2

Selbst als der Verfluchte sich auf den Boden warf, im Dreck und Sand vor der Schenke hin und her rollte, vermochte er nicht, die Flammen um sich herum komplett zu löschen.

Der Schmerz im Nacken und Hinterkopf stach unerbittlich durch das Fleisch seiner Kopfhaut. Tränen rannen ihm über das Gesicht und aus der Taverne heraus konnte er aufgeregte Rufe vernehmen.

Sie wollten ihn schnappen, ihn gefangen nehmen.

Es stand nicht gut um ihn. Das Feuer hatte seinen Haarschopf versenkt, sich bis zur Stirn gefressen und erlosch nun plötzlich, als hätte man einen Kübel Wasser auf ihn ausgeleert. Der Funke magischer Energie war aufgebraucht.

Eilig zog er sich hoch und rannte davon. Die neu errichtete Kathedrale zu seiner linken verfolgte ihn mit ihren scharfkantigen Schatten. Arbeiter türmten die letzten Blöcke, unter Einsatz eines Gerüsts und mithilfe eines Krans, zum nördlichen Spitzdach auf. Doch die nervösen Augen des Verwünschten richteten sich stur auf den Boden.

Die Öffentlichkeit erkannte sofort, was mit ihm los war. Sie sahen die Verbrennungen auf seinem Schädel, rochen den Rauch des verbrannten Haarschopfs. Ein Magusketzer, eine Gefahr für alle Menschen Mondaves war unter ihnen. Er hätte die Spuren der Zauberei kaum verbergen können.

Die Bewohner jedes Ortes erkannten die Anzeichen eines fehlgeleiteten Gebrauchs von Magie - Verbrennungen, Verstümmelungen, Fälle von Wahnsinn, seltsames Verhalten, um die Schuld zu verbergen, die auf einem Ketzer lastete. Nur wenige konnte ihre verheerenden Kräfte steuern, sie nutzen, er hatte bis vor Kurzem zu dieser Minderheit gezählt.

Er brachte weitere unliebsame Verfolger auf sich an.

Mutige versuchten ihn zu stoppen und zu Fall zu bringen, doch der Verfluchte war schnell, er sprang hastig über aufgetürmte Holzstapel und brachte einige Fässer zum Stürzen ehe er in einer Nebengasse verschwand. Stickige Luft und haufenweise Müll erwarteten ihn dort.

Das Armenviertel. Der Gesuchte blieb dort verborgen vor den Blicken seiner Verfolger. Er wurde langsamer und suchte sich einen schattigen Weg durch den Abfall. Hier wohnten, in den verschlungenen nischenreichen Gassen, die Alten und die Armen in ihren kleinen Quartieren. Sie kamen in den unsicheren Zeiten, in denen die Silberne Garde die Führung übernommen hatte, kaum noch aus ihren Absteigen heraus.

Er musste kurz verschnaufen, sich in einer dunklen Nische verbergen.

Bei allen Heiligen, was war mit ihm passiert?

Sein Morgen hatte mit einer guten Menge Bier begonnen. Wie gewohnt. Heute war ein Feiertag zu Ehren des Ordens. So konnte er sich an diesem Tag vor der Arbeit in den Pferdeställen drücken. Er hatte sich vorgenommen, den Tag in der Taverne zu bleiben, seine Saufkumpane hatten ihn dazu angestiftet.

Nach weiteren Bieren hatte sich ein Streit zugetragen. Beim besten Willen konnte er sich nicht mehr an die Ursache erinnern.

Er hatte herumgeschrien, stand kurz vor einer Schlägerei und dann war das Feuer ausgebrochen, ohne Vorwarnung, ohne Beherrschung. Es hatte sich von einem Tisch bis zu seinem Kopf gefressen. Er war sofort wieder nüchtern geworden.

Aber da war noch etwas, ein Fremder hatte ihn in Spelunke beobachtetet, ein alter Kerl mit weißsilbriger Mähne und einem narbigen Gesicht, er hatte ihn böse angegrinst, bevor diese ganze Sache begann, und war dann plötzlich verschwunden.

Was für ein irrer Tag, das kann nicht passiert sein!

Er glaubte, aufgeregte Stimmen hinter seinem Rücken zu hören und drängte sich mehr in die dunklen Gassen hinein. Über ihn entleerte jemand einen Kübel mit Schmutzwasser. Ein Schwall der dunklen und stinkenden Flüssigkeit glitt seinem Rücken herunter. Er musste sich zusammenreißen, um nicht lautstark loszuschreien.

Je tiefer er sich in das Labyrinth der Gassen vorwagte, desto kühler und leiser wurde es.

Er dachte wieder über seine Lage nach.

Viele seiner Bekannten waren bereits vor ihm herausgelaufen. Die Sache würde sich schneller verbreiten, als er in der Lage war, es aufzuhalten.

Eindeutig Magie, ein Fall für die Silberne Garde, wenn man ihn schnappte.

Er war jetzt ein Ketzer, ein Feind des Ordens, man würde ihn unerbittlich jagen.

Das nach all den Mühen, seine Essenz, das Magicka zu verbergen.

Erneut packte ihn Grausen. Die Garde hatte viel Übung entwickelt, Magiewirker zu erkennen und zu töten, wenn es die Pflicht verlangte. Als Kind hatte er auf dem Marktplatz eines Dorfes nicht weit von hier entfernt, beobachten können, wie ein Bannerträger eine alte Frau aus der Menge herausgepickt hatte.

Unzählige hatten sich auf dem Richtplatz versammelt und der Ordensmann hatte nicht einen Atemzug lang gezögert.

Die Gesuchte hatte sich durch ihr Äußeres in keiner Weise von den anderen unterschieden, zielsicher war der Paladin auf sie zugegangen und nach einigen Fragen musste sie ihn begleiten. Das war alles so zügig passiert und eine Aura der Angst hatte sich über die Bewohner gelegt, denn wenn die Garde jemanden holte, dann sah man diesen niemals wieder.

In Kolonnen brachte man die Gefangenen irgendwo ins abgeschottete Thetyr, der Ordensstadt im Land der Thärden, dort, wo niemand bei klarem Verstand enden wollte.

Er musste fliehen.

Sollte er diesen Tag überleben, würde er das Saufen bis zum Lebensende sein lassen.

Er preschte sich wie ein Verrückter durch die Winkel der schmalen Gänge, erreichte den überfüllten Marktplatz, stieß mit anderen zusammen, wurde angepöbelt. Noch hörte er nicht das Klimpern von metallischen Rüstungen um sich herum und das gab ihm Hoffnung. So rasch konnten seine schlimmsten Feinde nicht handeln.

Er lief eine Allee entlang und glaubte, wie ein Wahnsinniger aussehen zu müssen und lag nicht falsch dabei. Verschwitzt und völlig außer Atem erreichte er seine Bleibe. Eine Absteige in den letzten Hinterhöfen der Arbeitergassen. Er schaute sich um, die Umgebung war menschenleer.

Die Arbeitergassen um ihn herum waren wenigstens sauber, weil die Bewohner ihre Unterkünfte meistens nur zum Ausruhen am späten Abend aufsuchten. Tagsüber war das Viertel verlassen wie eine Geisterstadt, denn entweder wartete die Arbeit oder man suchte zur Zerstreuung bessere Örtlichkeiten auf.

Seine Lunge brannte, er war außer Atem und immer noch in wilder Panik.

Sein Heim war bescheiden und so klein, dass selbst eine Person nicht mit zu viel Freiraum angeben konnte. Und doch war es seit Jahren seine bescheidene Zuflucht, ein Ort, den er schon jetzt vermisste. Er stieß die Tür auf, sie war nicht abgeschlossen - wozu auch - und ging hinein. Eilig lief er zur Truhe, holte einen Mantel mit Kapuze heraus und zog ihn gleich an. Die Brandspuren auf seinem Schädel würde die Kopfbedeckung verbergen, gut so, er brauchte jetzt alles, was Hilfe leisten konnte.

Venya, ich weiß, dass du mir das eingebrockt hast, ich verfluche dich, du alte Krähe.

Er zitterte und flüchtete mit seinen düsteren Gedanken bereits zu der Brücke am Tor. Er kroch unters Bett, öffnete ein Geheimversteck unter den morschen Holzdielen und holte einen Beutel mit Silber heraus. Das war übertrieben, vielleicht drei oder vier Münzen befanden sich darin, und die Hälfte davon war die Miete für den nächsten Monat, die er jetzt ohne Zweifel nicht mehr bezahlen musste. In kürzester Zeit bewegte er sich zur Tür und spähte durch den Spalt hinaus, keine besondere Regung draußen, eine Gelegenheit, tief durchzuatmen und wenigstens etwas Mut zu fassen.

Er stieg hinab und ging den schnellsten Weg zum hintersten Stadttor. Er mied dabei offene Straßen und Alleen.

Er kletterte über Mauervorsprünge in private Gärten und hörte nicht selten hinter sich wütendes Gebrüll wegen des unverschämten Eindringens. Dieses Verhalten war ihm allerdings lieber, als von einer Patrouille der Silbernen vor der Wegkreuzung angehalten zu werden und unangenehme Fragen wegen seiner Brandwunden zu beantworten.

Er kam zu einer Kreuzung, von hier aus führten mehrere Wege hinaus aus Mondave. Das gewaltige hintere Tor, erbaut im Altertum, blieb immer geöffnet. Der Weg vor ihm, den der Fliehende nicht nahm, leitete Reisende ins Hochland; er würde jetzt nicht wie ein geschlagener Hund zu Venya eilen, nicht nur sein Stolz hinderte ihn daran. Er eilte am Hafen vorbei und nahm den anderen Pfad durch heruntergekommene Teile der Stadt.

Seine Hast sorgte dafür, dass seine Lungen wieder schmerzten, kalter Schweiß lief über sein Gesicht herab.

Aber endlich...!

Er hatte die Stadtgrenze unbeschadet erreicht.

Jetzt lag die Brücke vor ihm, der gepflasterte Weg dahinter führte nach einer Gabelung zum östlichen Hain. Dieser war dicht und schattig und abgelegen genug für diejenigen, die unentdeckt bleiben wollten. Ein guter Unterschlupf. Aber selbst vor diesem eher unwichtigen Übergang tummelten sich die Städter. Einige Händler verkauften gleich hinter den dicken Stadtmauern ihre Waren. Nur Schwachköpfe kauften außerhalb der Mauern ein. Billige Hehler Ware war noch das Beste von den Angeboten. Handwerker und Holzfäller marschierten zusammen mit dem Magusketzer zu ihrer Arbeit und wurden unbehelligt gelassen. Doch verlangten sie wie immer vor Arbeitsantritt an denselben Ständen ihre Getränke und Mahlzeiten.

Hier und da willigte auch einer der Waldarbeiter in ein Geschäft anderer Art ein und beanspruchte die Dienste einer Dirne, die meist aus den verarmten Gemeinden östlich des Brückenübergangs stammten. Genau die richtige Gegend für ihn, denn die Hüter des Ordens ließen sich hier im Brückenviertel eher selten blicken.

Er stellte sich unauffällig neben einen Fischhändler. Der dezente Gestank, den der Laden verbreitete, sorgte alleine dafür, dass er im Verborgenen blieb. Er versuchte, die Gegend in Ruhe zu überschauen.

Ja, tatsächlich keine Spur von den Silbernen. Nicht ein Mann mehr Bewachung bei dem Wachposten als üblich, vielleicht hatte er Glück, ausnahmsweise. Die Gardisten des Provinznestes waren schon gar nicht für ihre Disziplin bekannt. Die meisten der Wachen, die er von dem Steg aus sah, wirkten nicht weniger abgefüllt, als es an einem Feiertag üblich war.

Er wollte einfach nur heraus, notfalls mit Bestechung. Im Hain wuchsen wilde Obstbäume und zwei Tagesmärsche entfernt in Richtung Schwarzschilfsee gab es Gehöfte in der er mit einer passenden Geschichte für einige Tage untertauchen könnte.

Eine Scheune zum Unterkriechen, ein paar Becher Bier, (zum Teufel mit seinen vorherigen Versprechen). Ein gutes Programm für die nächsten Tage und wenn er es geschafft hatte, nahm er sich vor, nie wieder ein Wort mit Venya zu wechseln. Er würde ebenfalls alles, was mit der Gemeinschaft gewesen war, aus seinem Verstand verdrängen.

Er versuchte, möglichst unbemerkt hinter eine Gruppe von Tagelöhnern zu gelangen. Sie liefen in Lumpen und stanken von den vielen Tagen harter Arbeit, an denen kein Tropfen Wasser zum Waschen zur Verfügung stand und es auch sonst keinen Bedarf dafür gab.

Das Untertauchen gestaltete sich nicht einfach, wenn man der einzige fast Nüchterne in einer Truppe war, der verkrampft probierte, normal zu wirken.

Aber er konnte darauf hoffen, dass man ihn in den Reihen der Tagelöhner in Ruhe passieren ließ. Der Verfluchte zog die Kapuze dicht über seinen Kopf, bis über die Augenbrauen, und blickte aufgeregt von rechts nach links. Jeder Schritt auf der verschmutzten Brücke Richtung Tor verursachte Anstrengung. Hin und wieder schaute er hinter seine Schulter, für ihn interessierte sich kein Mensch. Die Posten stützten sich auf ihre Lanzen und dösten im hellen Sonnenschein, uninteressiert wie immer an solchen behäbigen Tagen.

Mondave kannte keine Feinde, seit Langem keinen Krieg.

Für alle Vorübergehenden um ihn herum war es ein üblicher Tag, nur er wirkte aufgeregt und konnte seinen Zustand kaum verbergen. Ungewollt schreckte er zurück, als man ihn höflich ansprach. Erst dachte er, hätte eine falsche Person auf sich aufmerksam gemacht, bis er einen Bekannten neben sich vorfand, der gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnte und ihn auf ein Getränk einlud. Der Kerl war in fröhlicher Stimmung und in Ausgeberlaune, ein seltener und jetzt ebenso unpassender Charakterzug seines Bekannten.

„Kommt mit, es ist ein schöner Tag, lasst uns einen heben, ich schulde Euch sowieso ein paar Kupfer.“

Der Gesuchte machte ein paar Schritte zurück und setzte eine übel gelaunte Miene auf. Eine verflucht unpassende Situation für ihn. Er lehnte barsch ab und sorgte für ein nachdenkliches Stirnrunzeln seines Gegenübers, solch ein Betragen kannte man von ihm nicht.

„Dann lass uns später treffen, stellst dich sonst doch nicht so an.“

Er bekam keine Antwort. Der Nachbar sah nur den Rücken und den sonst so trinkfreudigen Bekannten davoneilen. Der Mann benahm sich äußerst seltsam heute.

Der Ketzer ging vorwärts, hastiger, noch nervöser. Er hatte die Brücke fast überquert und sah eine Anzahl von Tannen knapp hinter einem Pfad. „Endlich geschafft“, so dachte er, als plötzlich, hinter der Ecke eines Verschlags der Brückenwacht, eine Gestalt auftauchte und sich ihm blitzschnell in den Weg stellte, viel zu flink, um auch nur im Ansatz reagieren zu können.

Der Entflohene schaute nur dumm aus der Wäsche.

Der Mann hatte sich beim Verstecken nicht mal besondere Mühe gegeben, sondern hatte nur die Rückwand der Kate aufgesucht und geduldig gewartet, auf sein Glück gehofft - mit gutem Ergebnis.

Einen verzweifelten Versuch war die Sache noch wert. Der Gesuchte versuchte, die Person zu ignorieren und weiter zu gehen, sich entweder nach links oder rechts vorbei zu drängen. Er wurde wuchtig von dem Bannerträger zurückgestoßen und mit seinem Namen angesprochen; und ab da wusste der Verfolgte, dass es für ihn keine Flucht mehr gab.

„Nach Eurem Vergehen werdet Ihr hier nicht einfach unbemerkt hinausspazieren, Ihr glaubtet doch nicht wirklich an das Gelingen?“, fragte ihn die energische Stimme von Mestio, dem Bannerträger dieser Provinz.

Dass die Silbernen im Aufspüren um einiges geübter waren, hatte er gewusst, dass sie hellsehen konnten war neu für ihn.

So oder ähnlich war es bereits vielen vor ihm ergangen.

Der Gesuchte schaute auf das Gesicht des Paladins, dieser sah nicht jung aus, aber seine harten Züge und eine Spur Traurigkeit machten ihn noch älter als die verstrichenen Jahre vorherbestimmten. Der Ketzer blickte den Bannerträger an und erkannte erneut, dass der Begriff Silberne Garde keine Übertreibung war. Die Gestalt steckte in einer silbern glänzenden Plattenrüstung, selbst das mächtige Zweihänder Schwert war bis auf die Schneide aus Stahl ganz mit einer Silberlegierung überzogen. Zum Trotz dagegen trug der Offizier darüber eine Schwarze staubige Kutte, die von viel Bewegung und Reisen zeugte. Der Mut des Verfluchten, schon vorhin im Keller, veranlasste ihn total ergeben, seine Kapuze vom Kopf zu streifen und hervorzutreten.

Finstere harte Augen schauten ihn an, doch die Stimme des Silbernen klang jetzt gütig, ja, fast eine Spur freundlich.

„Mestio, Bannerträger", stellte der Paladin sich vor.

„Hättet ihr nicht augenblicklich die Flucht ergriffen, würde Euer Urteil milder ausfallen, aber so habt ihr Euch als unmittelbare Gefahr bewiesen, ein Magusketzer mit Fluchtgedanken, den ich innerhalb der Mauern nicht dulden kann.“

Oder sonst wo, dachte der bereits Verurteilte traurig weiter.

mit mir.Es ist vorbei

Die Menge um den armen Teufel stockte bei dem Wort Ketzer und betrachtete die vermeintliche Bestie wie etwas, das aus einem Käfig entlaufen war. Ein Missgestalteter, der Schaden über die Gemeinschaft brachte.

Eine mildere Strafe, er konnte sich vorstellen, was der Bastard damit meinte, lebenslange Gefangenschaft in einem Turm in Thetyr oder Verbannung auf eine Insel hinter dem Faulschlangenmeer, was auf dasselbe hinauslief.

Der Bannerträger war nicht allein erschienen, fast unbemerkt schloss sich ein Kreis um den Verfluchten. Gestalten der Kirche, ebenfalls gekleidet in ihrem Silber, wenn auch nicht so prächtig wie ihr Anführer, fassten den Ketzer, zogen ihm Ketten über Arme und Beine und schleiften ihn emotionslos hinterher.

Wo hatten sie sich nur versteckt, er war nicht so dumm oder unaufmerksam wie die meisten seiner Bekannten. Wie konnten nur Ordensleute in silbernen Rüstungen sich so gut verborgen halten?

Gleichgültig erduldete er seine Gefangennahme, sein Widerstand war gebrochen.

Der Bannerträger führte ihn mit Abstand zum Marktplatz zurück, dort, wo am Wochenende die beliebten Hinrichtungen stattfanden. Der Anführer wirkte übermäßig ausgezehrt, gebeugt bewegte er sich fort, der Gefangene hatte das Gefühl, einen Greis zu beobachten, der von Minute zu Minute weiter alterte.

Ja, ein schwächliches Alterchen hatte ihn geschnappt, das war purer Wahnsinn.

Und Mestio war nur einer von vielen, der seine Pflicht erfüllte und nicht besonders aus seinem Amt hervortrat.

Der Magen des Gefangenen sackte spürbar ab, der Gedanke, dass dieser schlechte Tag nun mit seinem Tod enden sollte, ließ ihn schlottern.

Bei Magusketzern machte man eine Ausnahme und wartete nicht bis zum Wochenende.

Am Mittag hängten sie den Ketzer in Beisein von Zeugen der Kirche vor der Kathedrale zur heiligen Erlösung. Vom Gefangenen kam keine Gemütsregung mehr, er hatte sich vollkommen aufgegeben. Der Bannerträger von Mondave schien durch sein bloßes Auftreten dem zum Tode Verurteilten den Rest seines Lebensmuts zu rauben. Er blieb über den Zeitraum der Vollstreckung anwesend, auf einer aufgebauten Tribüne betrachtete er ungerührt das Schauspiel. Ein ganzer Haufen anderer Bürger versammelte sich in Windeseile für die Vollstreckung des Urteils.

Wenn ein Magusketzer verurteilt wurde, wollte sich keiner deren Bestrafung entgehen lassen.

Es sollte ein Spaß werden für die Zuschauer, aber der Mann blieb stumm, gestand nicht, flehte nicht, die Leute schauten gebannt und mit offenen Mündern zu, als sich der Strick um den Hals legte.

Eine zierliche Gestalt mischte sich unbeobachtet unter die Menge, sie war dünn, leichtfüßig und trug unter einem abgetragenen Reisemantel eine graue Lederrüstung elfischen Ursprungs, die spitzzulaufenden Ohren verbarg die Elfin unter einer Kappe. Teline schaute aufmerksam zu, als ein Hebel sich löste und sich unter den Füßen des Ketzers eine Klappe öffnete, an Halt verloren, stürze er und brach sich das Genick.

Der Tod trat gnädig und schnell ein.

„Der hat ja am Strick nicht mal gezuckt, wie öde!“, beschwerte sich einer.

„Ja, der davor hat ne bessere Vorstellung gebracht, Eintritt solltet ihr für den Mist nicht verlangen“, gab ihm ein anderer Zuschauer recht. Weitere pfiffen den Henker aus, der nur mit den Achseln zuckte.

Die Spionin wunderte sich nicht mehr über die Verrohung der Städter, nur aus Spaß schnitt sie ihnen die Geldbeutel vom Gürtel ab, stahl ihnen so einige Münzen und warf sie später als Denkzettel in die Kloake. Es war eine Leichtigkeit, tumbe Menschen zu bestehlen. Die Menge buhte weiter, als sie sich unbemerkt davonschlich. Ein verstecktes Pferd wartete auf einer Anhöhe nahe der Stadtgrenze auf sie und die Spionin wollte keine Zeit vergeuden.

Die Unzufriedenheit breitete sich unter den Städtern aus, als man die Leiche beseitigte, die Hinrichtung war keine große Sache gewesen.

„Schweigt alle, die Hinrichtung dient nicht eurer Belustigung.“ Rief Mestio der Menge laut von der Tribüne zu.

Wenig später löste sich die Zuschauermenge murrend auf, keiner wagte es mehr, zu protestieren.

Diesmal gab Mestio mit freundlicher Stimme Anweisung, den Toten rasch zu verbrennen und seine Asche abseits von den Stadtmauern auf einer Lichtung zu vergraben. Es sollte kein Risiko eingegangen werden. Magiewirker konnten, wenn ihre Leiche intakt blieb, in seltenen Fällen zurückkehren, so verbreitete es der Orden immerzu als Warnung für alle.

Jeder, der Magicka in sich trug, musste nach seinem Tod zu Asche verbrannt werden, das war eine der wichtigsten Regeln, man brach sie nie, sofern man dem Orden diente.

Mestio rief nach einem Diener, der herbeieilte, als würde sein Leben davon abhängen.

Der Beauftragte war ein Jüngling, dem man erst vor Kurzem den Rang eines Adepten zugewiesen hatte. Die Anstellung bereitete ihn keine Freude.

Der Junge hielt immer die Luft an, wenn er mit diesem seltsamen, freudlosen Herrn zu tun hatte, und war umso mehr erleichtert, wenn er für lange Zeit nicht von ihm hören oder Befehle empfangen musste.

„Schafft ihn weg, ihr wisst, wie ihr mit den Überresten umzugehen habt.“

Er nickte beharrlich und suchte, mit den Zügeln eines Pferdekarrens in der Hand und den Überresten des armen Teufels darauf, das Weite. Außerhalb der Mauern gab es extra für spezielle Fälle das Krematorium.

Der Bannerträger überschritt den nun leeren Marktplatz, nahm im bedächtigen Schritt die Holztreppe, die ihn bis vor das Portal des größten Gebäudes der Stadt führte, der gewaltigen Kirche.

Im Vorraum des Kirchenschiffs hatte er vor nachzudenken, die Fälle von magischen Ereignissen häuften sich in letzter Zeit für sein Empfinden zu oft.

‚Oft‘ bedeutete in Wahrheit nur ein paar Mal im Jahr - es gab kleinere Angelegenheiten dieser Art wie in jeder anderen größeren Stadt auch.

Die Dreistigkeit der Flucht des letzten Ketzers hatte ihn verunsichert.

Mestio stieß eine robuste Holztür auf, im Halbdunkel des Inneren hörte man umso deutlicher das Säuseln von Fürbitten der Gläubigen. Weiter vorne war Licht, entzündet aus einem Halbkreis von Kerzen, die einen grellen Widerschein zur Nordwand warfen.

Ringsherum standen aufgereiht die Büsten der größten Paladine, die in den letzten Jahrhunderten zügig den Glauben in die Provinz gebracht hatten. Mestio blickte in ihre beharrlichen steinernen Gesichter, der Ort erfüllte ihn mit Stolz und Andacht.

Der Bannerträger verschwand zum Gebet in eine hintere Ecke, setzte sich auf eine grobe Holzbank. Er blieb abgeschieden. Eine Menge Leute, die sich zuvor noch in seiner Gegenwart befunden hatten, atmeten erleichtert auf.

Kapitel 3

Das Wetter wurde am jungen Abend schlecht. Eine graue Wolkendecke fegte über die Ebene und brachte reichlich Wind und diesige Luft mit sich. Mondaves Straßen leerten sich, weil sich ein Gewitter näherte und die einzige Wache, die man entbehren konnte und einsam auf dem Friedhof das frische Grab bewachte, fühlte sich unwohl in ihrer Haut.

Die Bewachung einer eingebuddelten Urne war blamabel, geradezu überflüssig.

Er war ein Pechvogel, hatte das falsche Zündholz beim Ziehen gezogen.

Man sagte ihm, dass ein Magusketzer in der Grube beigesetzt war. Der Soldat, der Stadtwache, der sonst pflichtbewusst seiner Arbeit nachging, hielt sich selbst für verrückt, weil er an diesem Tag nicht blaumachte. Er tröstete sich mit dem Gedanken, diese Standardprozedur nur bis zum frühen Morgen ertragen zu müssen. Das sind nun mal die Regeln. Wurde ein Ketzer erwischt und bei außerordentlichen Fällen gerichtet, so musste man wenigstens einen Tag und eine Nacht auf die Gebeine aufpassen. Mochte sich ein Geist aus dem Grab erheben, so musste man sofort Bericht erstatten.

Der Wächter war ein wenig verwirrt über diese Anweisungen, schließlich wusste keiner, wie man die zornige Erscheinung eines hingerichteten Ketzers bannen sollte.

Aber er glaubte, noch nie von einem Beigesetzten gehört zu haben, der sich jemals in seinem Grab regte. Der Orden würde solche Dinge bestimmt ohne Umstände verbreiten. Er hielt es also für die oberste Pflicht und gleichzeitig für dummen Aberglauben.

Nach drei Stunden taten ihm die Beine weh und da kein Zeuge ihn verpfeifen konnte, setzte er sich auf einen Grabstein, der bequem genug aussah, und stützte sich gegen seinen Speer. Die Rüstung saß unbequem und rieb die Schultern und andere Körperstellen wund.

Er fragte sich, warum zur Hölle er nicht einfach verschwinden sollte.

Und doch blieb er.

Er zog an den Ledergurten und löste seinen Brustharnisch, daraufhin kratzte sich die Stadtwache ausführlich den juckenden Oberkörper, wenigstens gab es keine Zuschauer zu dieser Uhrzeit.

Nach weiteren Stunden interessierte es ihn einen Dreck, ob der Leichnam sich unter der Erde regen würde. Hauptsache die Nacht war für ihn schnell überstanden, ohne dass ihm die Augen zu fielen.

Nachdem sich wieder Zweifel bei ihm meldeten, begann wie auf Befehl, ein prasselnder Regenschauer den Boden zwischen den Grabdenkmälern aufzuweichen.

Tropfen fielen gleichmäßig auf seinen Helm, er seufzte und zog seinen Mantel um den Oberkörper.

Er fluchte knurrend über sein Pech, dann musste er niesen.

Als sich das Wetter ein bisschen besserte, lähmte ihn die Müdigkeit und seine Augen fielen zu, ohne dass er in der Lage war, sich dagegen zu wehren.

„Aufwachen, Tölpel!"

Spät in der Finsternis weckte ihn eine kehlige, unfreundliche Stimme. Der Mann war schlagartig wach und versuchte festzustellen, woher der Klang kam, der ihn wachgerüttelt hatte. Die Stimme des Fremden raunte durch seinen Schädel, wie die Drohung eines Dämons aus der Unterwelt.

Es jagte ihm Angst ein und das nicht wegen der nackten Dunkelheit, die ihn dicht umgab.

Er fühlte eine gefährliche Präsenz.

Er drehte und wendete sich, aber da gab es keine Gestalt, er war völlig allein.

„Ihr werdet hier nicht mehr benötigt, verschwindet!“

Plötzlich meldete sich mit wütender Sprechweise ein groß gewachsener Greis aus nächster Nähe.

Der Bewaffnete antwortete mit einem lang gezogenen Ausruf des Schreckens.

Er verspürte Beklemmung, doch der Tonfall kam nicht aus dem Grab, wie ihm sein schlaftrunkener Verstand einreden wollte, sondern von einer verhüllten Erscheinung direkt vor ihm. Der Mann musste sich angeschlichen haben, lautlos wie ein Schatten. Dem Soldaten war es nicht möglich, das Gesicht unter der Kopfbedeckung zu sehen, nur dunkle, aufgeweckte Augen, die ihn gezielt anfunkelten. Pflichtgefühl meldete sich zurück, ausgerechnet jetzt, als er das am wenigsten gebrauchen konnte.

Er sprang auf und ging dem Störenfried zwei Schritte entgegen, „Gebt Euch zu erkennen, sofort, Ihr stört eine Wache Mondaves beim Dienst!“

Seine eigenen Worte kamen ihm dumm vor.

„Schweigt!“, raunte es der Wache entgegen.

Der Unbekannte wollte nicht gehen und schüttelte den Kopf. Er zog seine Kapuze zurück, silbrig weißes Haar, wie das kranke Gefieder eines Raben, kam zum Vorschein. Er hatte eine kalte, ausgeblichene Miene, vom Alter stark gebeutelt. Vor allem die linke Hälfte seines Gesichtes war von Narben übersät, dazu kamen noch schlecht verheilte Brandwunden hinzu, die den Kerl auch nicht schöner machten.

Überbleibsel von unzähligen Auseinandersetzungen, einige davon mit großen Opfern gewonnen. Der Mann wirkte vom Aussehen sehr vergreist. Doch die Bewegungen, die von ihm ausgingen, waren die eines impulsiven Raubtiers. Er hob die Hand scheinbar zum Gruß gerichtet, aber der Ausdruck, der in seinem Gesicht lag, war hassgetränkt. So viel Hass, wie man unmöglich in einem einzigen Leben erlangen konnte.

„Es ist mir egal, welche Pflicht ihr zu haben glaubt oder wen ich störe, ich muss einen Bekannten besuchen und ihr seid mir dabei im Weg.“

Zu spät erkannte der Soldat, dass Magie im Spiel war.

Ein Spruch wurde gewirkt.

Der Weißhaarige übermittelte ihm einige düstere Bilder, sie geisterten nur verkürzt durch den Kopf der Wache, genügten aber, um ihn komplett auszuschalten.

Es war der pure Schrecken, den der Alte für diesen Fall ausgesucht hatte, zu viel für eine einzige jämmerliche Gestalt, um bei Bewusstsein zu bleiben.

Nur eine dürftige Demonstration der Kräfte des Magiers, eine dunkle Gabe, kaum eine Mühe für ihn, unbesonnene Menschen kostete es dagegen fast den Verstand. Der Gardist brach auf der Stelle zusammen, seine Lanzenschaft mit dem schweren bleiernen Endstück sauste knapp nach dem Fall auf den eigenen Schädel zu und schlug mit Wucht auf. Er würde viel später mit einer ordentlichen Beule auf den Kopf erwachen, mit schlechter Laune und, zum Glück für ihn, ohne Erinnerung an die Begegnung.

Der Magier berührte ihn kurz am Hals, fühlte nach dem Puls und stellte fest, dass er sich nicht geirrt hatte. Das Blut zirkulierte nach wie vor, die Atmung blieb flach, viel Sorge um das Leben eines Einzelnen hatte er jedoch nicht.

Es ging nur um den Plan und alle Möglichkeiten eines Scheiterns zu verhindern.

Er näherte sich dem gesuchten Grab, einer einfachen Aufschüttung ohne Erkennungszeichen. Der Besucher wusste allerdings genau, wer dort einen guten Meter unter der Oberfläche lag.

„Armes Schwein, reicht wohl nicht mehr dazu, ein Held zu werden.“

Er machte eine kurze Pause und spie auf den Erdhügel aus, Respekt für den Kerl konnte der Magier nicht empfinden.

Eine magische Geste folgte, die verhüllte Gestalt umschloss beide Hände und zog sie dann ruckartig auseinander. Der Hügel vor ihm riss sogleich entzwei und zeigte seinen Inhalt.

Die Urne, die darin lag, wurde nun nass von Nieselregen.

Er hatte Glück, die Seele war noch vorhanden, er wusste, dass dies oft der Fall war, wenn Menschen abrupt aus den Leben gerissen wurden.

Dann trennten sich Körper und Geist nur mühsam voneinander.

Für das Ritual benötigte man nicht viel Zeit und es beanspruchte keine Mühe.

Er berührte die halb verrostete Urne und verschloss das Grab auf gleiche Weise, wie er es geöffnet hatte.

Um ein Leben zu stehlen, brauchte der Magier kaum etwas Verbliebenes von der Person.

Nachdem er fertig war, entfernte er sich vom Friedhof, bemerkte die äußerliche Änderung an sich und war zufrieden.

Nun brauchte er nur noch neue Kleidung.

Kapitel 4

Die freie Stadt Mondave wurde vor Jahrhunderten von ihren Vorfahren nicht unweit der Mündung eines langen Flusses vorgefunden. Sie hatten die Metropole nicht selbst erbaut, das Wissen für den Bau der riesigen Mauern fehlte noch in diesen Tagen.

Je weiter man dem Lauf des Dyfro folgte, desto eher ging er in die Breite und Tiefe und schlängelte sich im Zickzack wie eine eingegrabene Wüstenschlange.

Nach einigen Kilometern mündete eine Biegung von ihm im Meer, eine weitere verlief geradeaus weiter. Zur linken Seite hatten sich in den letzten Jahrhunderten mehrere Dörfer an dem Ufer angesiedelt, die das ganze Frühjahr bis zum Sommer nur damit beschäftigt schienen, ihn leer zu fischen, und immer noch von ihm lebten.

Sie befolgten ihre eigenen Gesetze und sprachen ihr eigens Recht, was nicht für jeden einen Vorteil darstellte.

Die Flussleute kamen mühelos durch den Winter und nutzten die Abgeschiedenheit ihrer kleinen Ortschaften aus, indem sie dem meisten Ärger fernblieben. Aber auch unter ihnen gab es Menschen, die sich von heute auf morgen zu Magiewirkern verwandelten. Es konnte jeden treffen, vom einfachen Fallensteller bis hin zum Dorfvorsteher, und egal, um wen es sich handelte, war das Recht immer unerbittlich.

Die Dörfler kümmerten sich meist selbst um ihre Angelegenheiten. Sie trafen Beschlüsse in einem Rat der Ältesten und der, der das Pech hatte, als Ketzer verurteilt zu werden, wurde meist verbannt. Die Ausstoßung aus der Dorfgemeinde bedeute damit den Tod der betreffenden Person, das Verhungern im Winter oder ähnlich Schlimmes waren die Folgen.

Die von Strömen und Flüssen durchzogene Ebene war das Grenzgebiet der Kernlande, die weiter im zivilisierten Norden die zwanzig freien Städte beherbergten. Darunter eine nicht mindere Anzahl an Räubern und anderen Halsabschneidern, wie fast überall auf dem Festland.

Ebenfalls fremde Völker siedelten in den Kernländern, des Handels wegen. Dieser florierte ungestört und meist frei von Zöllen und ohne Beschränkungen für die Parteien. Selbst Thärden lebten in diesem Teil des Festlandes, allerdings nicht zu weit von ihrer Heimat entfernt, man mochte sie nicht allzu sehr, wenn es über das Geschäftliche hinausging.

Und sämtliche Bürger der freien Städte wären sofort bereit, sich gegen sie in einem Bündnis zusammenzuschließen. Jedes Kind wusste, was geschehen war, als die Rikeh-Jar die Unabhängigkeit der zwanzig Städte ausgerufen hatten.

Das Söldnerheer, das einst aus der östlichen Steppe gereist war und gegen eine erhebliche Menge Goldes ein gemeinsames Bündnis gegen die Übermacht der Thärden und ihre Machtbestrebungen darstellte.

Die folgenden Kriege zogen Jahrzehnte des Todes unendlich vieler nach sich. Vor allem das Steppenvolk verlor viele seiner berühmten Reiter und erst vor einer Dekade endete der Konflikt.

Die Rikeh-Jar wanderten in einer langen Kolonne zurück in die Steppe; man hörte nie wieder etwas von ihnen.

Die freien Städte dagegen blühten in ihrer Unabhängigkeit erheblich auf.

Ging die Reise voran, gelangte man auf eine offene Ebene und der Dyfro, der längste Fluss des Festlandes, ebbte in einer morastigen Zone ab. Weiter südöstlich, parallel zum Meer, erstreckte sich eine baumlose, umfangreiche Landschaft. Wilder Weizen wuchs, eine große Anzahl nicht domestizierter Pferdeherden galoppierte ungestört über die Gräser unter einem grenzenlos blauen Himmel.

Die Menschen waren nicht zahlreich, es gab nur wenig Einkommen und man wagte nicht, die Bergketten im äußersten Osten zu überqueren, um vielleicht doch noch tiefe, fruchtbare Wälder zu finden. Die Missionare Thetyrs hatten behauptet, dass das Land nicht den Gläubigen der Kirche gehöre. Die Landbevölkerung gab diese Idee auf, eine Expedition zu organisieren.

Vor einer dieser wenigen Ortschaften von geringer Größe, vor einem Sumpf, aus dem es Tag und Nacht über stank, standen zwei Schweinebauern, die angestrengt eine auf dem Untergrund liegende Gestalt betrachteten.

Ein Unbekannter, eingewickelt in seinen Mantel, der sich in Braun nur gering von der Färbung des schlammigen Bodens abhob, blieb regungslos liegen. Es musste eine harte Nacht für ihn gewesen sein.

Aus dem Moor hörte man lautes Quaken und andere aufgeregte Geräusche. Eine unangenehme Gegend, kaum ein Fremder wollte da hineingehen, geschweige denn, dass einer von den wenigen Verrückten wieder herauskam.

Korren, der Beleibtere von den beiden und der, der den Reisenden gefunden hatte, stellte Mutmaßungen an:

„Der bewegt sich nicht mehr, vielleicht ist er tot umgefallen, die Viecher, die im Morast hausen, können einen ja schon durch einen Biss umhauen, hab ich gehört.“

Dieser Morast hieß bei den Einheimischen nur der Moderschlund. Obwohl mit einigen Bohlenwegen versehen, war die Durchquerung nicht angenehm und überhaupt kein Spaziergang.

Darren betrachtete seinen Begleiter ungläubig,„Du redest von Gift, wer hat dir denn erzählt, dass ein paar Biester mit giftigem Speichel einen ausgewachsenen Menschen in den Boden rammen können.“

Sein dicklicher Freund setzte eine Miene auf, die verriet, dass er bereit war, zu einem längeren Vortrag auszuholen. Im Anschluss daran schaute er wieder auf den im Schlamm Liegenden und berichtete bloß, dass der alte Großbauer, dessen Hof hier ganz in der Nähe hinter einer Biegung stand, ihm einst eine solche Geschichte erzählt hatte.

Ratten, so groß wie Hunde, lähmten übermütige Reisende und verspeisten diese anschließend.

Aber selbst er, der neben dem Sumpf lebte, hielt sich trotzdem möglichst fern von ihm, und falls es dann doch einen Grund für eine Reise gab, umging man ihn weiträumig. Sogar wenn eines der Kinder der örtlichen Nachbarn in ihm verloren ging, suchte man nur am Rand der Schlammgrube und beließ immer den Blick in Richtung der letzten Hütten, damit man nicht Gefahr lief, sich zu verlaufen.

In das unsichere Labyrinth aus schwankendem Untergrund und knorrigen, dichten Sumpfpflanzen, das die Sicht auf wenige Meter beschränkte, traute man sich nur hinein, wenn man einen wirklich guten Grund hatte. Trotzdem wollte Korren nicht jeden Mist, den man ihm auftischte, glauben.

„So ein Quatsch von diesem Säufer. Der hier schläft ganz einfach seinen Rausch aus, denk ich“, meinte Darren und provozierte so beinahe einen Streit mit seinem sturen Freund.

„Wer sollte bloß so dämlich sein und sein Lager ausgerechnet hinter diesem widerlichen Drecksloch aufschlagen? Ich weiß nicht, was genau mit dem da geschehen ist, aber auf jedenFall ist er hinüber.“

Sein Blick fiel nun auf einen zugeschnürten Beutel neben dem Fremden und sein noch angezogenes Paar Stiefel, die brauchbar wirkten. Vernünftiges, kaum abgenutztes Leder, das konnte man sehen. Der Wicht war zu Lebzeiten kein armes Schwein gewesen oder hatte zumindest einmal Geld an der richtigen Stelle ausgegeben.

Korren betrachtete dagegen seine eigenen Füße, die verschmutzt in keinem Paar Stiefeln steckten. Die braucht man nicht in einem Stall, seinem üblichen Arbeitsplatz. Aber man dürfte ihn zu jedem Anlass einen Dummkopf nennen, wenn er nicht die Gelegenheit ausnutzen würde.

Jedoch wollte Darren auf Nummer Sicher gehen. Er schritt skeptischen Blickes zu einem Busch am Wegesrand, brach einen Ast ab und überreichte ihn seinem Freund, der ergriff ihn entschlossen und wusste genau, was er mit dem Stock anstellen sollte.

„Wenn der Kerl sich nur eine Handbreit bewegt, dann schwöre ich dir, bin ich weg. Das ist mir einfach zu eigenartig.“

„Mach du nur, wasdu für richtig hältst“, brummte der Dicke zurück.

„Ich für meinen Fall erkenne, sobald mir etwas in den Schoß fällt.“

Er ging näher zu dem Liegenden, wog bereits ab, ob ihm das Schuhwerk passen würde. Ein bisschen zu klein waren sie schon auf den ersten Blick, aber egal. Er überlegte sofort, was er dagegen bei Bekannten eintauschen könnte. Hier draußen bei den Gehöften musste man einfallsreich sein, um über die Runden zu kommen. Sein Gemüt war auf nichts anderes eingestellt.

Seinem Freund reichte es jedenfalls. Er schnappte sich den Beutel, der mit einer Schnur verschlossen war; Neugierde hatte ihn gepackt. Korren drehte sich zu der Beute um und entriss sie den schmalen, schwieligen Händen. Sofort war die Kordel abgewickelt, er schaute hinein und erschrak, ein Schwall von Gestank schlug ihm entgegen.

„Widerlich, tote Mistviecher liegen darin.“

Er ließ seinen Fang schneller fallen, als Darren registrierte, ihn verloren zu haben.

„Was für ein kranker Kerl ist das? Geht in den Sumpf und zerhackt diese fetten Giftratten.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass es sie hier draußen gibt“, gab er besserwisserisch zu verstehen.

Er ignorierte das vom Ekel verzogene Gesicht seines Freundes und näherte sich bewaffnet mit einem Stock der eingerollten Gestalt, angespannt und verharrend.

Einen Wimpernschlag später packte eine Hand den Ast, brach ihn in der Mitte ab und schleuderte das unnütze Ende davon; es hätte nicht einmal als Ersatz für einen Knüppel hergehalten.

Der Fremde war aufgestanden, ein junger Mann mit fremdländischem Aussehen, rotem Haar und grünen stechenden Augen, die von der einen zur anderen Sekunde ihre Wut verloren. Ein seltsamer Typ mit genug Muskeln, um sie alle ohne Probleme unbewaffnet zu verdreschen.

Instinktiv wichen die beiden Siedler zurück, schauten sich gegenseitig verdutzt an und sprachen kein einziges Wort mehr.

Für diese mögliche Wendung hatten sie sich keinen Plan zurechtgelegt.

„Was hattet ihr vor, ich kenne zwar nur wenige der Menschen, die hier leben, aber dass man in dieser Wildnis nicht mal übernachten könne, ohne ausgeraubt zu werden, hätte ich mir nicht vorgestellt.“

Von beiden kam fast gleichzeitig ein verdutztes „Äh?!“ und dann noch ein als Frage gestelltes:

„Wir?!“

Korren schaute ihn sich genauer an. Es sah so aus, als brachte der Fremde eine weite, mühselige Reise hinter sich, mit dem letzten Abschnitt quer durch den Sumpf. Der Unbekannte hatte dreckverkrustete Kleidung an, unter dem Mantel kleidete er sich mit einem Wams einschließlich beschlagener Nieten. Eine solide Arbeit aus besserem Leder, verziert mit Silber. Er trug aber dafür keine Waffen am Gürtel. Der Bauer musterte ihn so unhöflich, dass er eine barsche Antwort erhielt.

„Bin ich etwa ein dressierter Oger?

Die beiden verneinten, „Dann glotzt mich gefälligst auch nicht so an. Verstanden?!“

Der Rothaarige machte sich daran, seine Habe zu packen, nahm den Beutel entgegen, verschnürte ihn wieder sorgfältig und warf ihn sich über den Rücken.

Eine Frage konnte sich der Schmale unter den Schweinehütern nicht verkneifen:

„Wieso tragt ihr die toten Dinger mit Euch rum?“

Er klang zaghaft und doch neugierig. Coldwyn, der schnell und grußlos an den beiden vorbeigelaufen war, wandte sich um.

„Das gehört zu meinem Beruf“, meinte er schlicht dazu und ging weiter einen beengten Pfad entlang, der ins Grüne führte.

Also war er eine Art Kammerjäger, nur seltsam, dass er für sein Gewerbe in die Wildnis ziehen musste. Erstaunliche Leute gab es doch im Siedlerland und es kamen immer wieder neue hinzu.

Kapitel 5

Weil die beiden Bauern niemals einen Fuß in das verbotene Gebiet hinter den Gehöften setzten, hatten sie nie im Zentrum des durch Stege verbundenen Labyrinths das Götzenbild entdeckt. Das Bauwerk verbreitete einen grässlichen Anblick.

Mit seinen eingeschnitzten, zackigen Zähen, einem großen Maul und kreisrunden tiefen Augen darüber, herausgearbeitet aus einem halb versenkten Baumstamm, den Coldwyn damals eigens ausgesucht hatte, sah es furchterregend aus, war aber für alle Unbeteiligten äußerst harmlos und absolut nicht magisch.

Genau genommen eine reine Tarnung, ein Übergabepunkt für die Gemeinschaft, für die Gesuchten des Ordens der Silbernen Garde.

Coldwyn hatte den Pfahl selber geschnitzt und ihn so bösartig aussehen lassen, sodass er für alle Leute, die von Neugierde getrieben waren und diesen fanden, äußerst abschreckend wirkte und diese zur Umkehr bewegte.

Im weiträumigen Maul befand sich eine Ausbuchtung. Das war zwar keine einfallsreiche Idee für ein Versteck, jedoch brauchte sich sein Kontaktmann bei dieser Lage kaum Mühe für einen besseren Ort geben.

Zwischen den Fangzähnen lag zu abgesprochenen Zeiten ein Pergament oder ein Blatt Papier, auf dem der Ort und der Zeitpunkt des nächsten Treffens standen, verschlüsselt und einfach dechiffriert. Aber der Verfasser glaubte nicht, dass dieses Verschleiern wirklich notwendig war.

Es war so oft passiert, er hatte aufgehört zu zählen. Klopfte es während der Nacht bei ihm an der Tür dreimal lang, wusste er, dass er so zügig wie möglich diesen Ort erreichen musste. Pochte es mehr als dreimal, war es dringend, dann ging es um Leben oder Tod. Vorletzten Abend hatte es wie wahnsinnig gegen seine Tür gehämmert, ein Zeichen, das er nicht einen Augenblick verweilen durfte. Er hatte sich das schnellste Pferd aus einem Mietstall genommen und war geritten wie der Teufel persönlich. Seitdem hatte ihn das Pech verfolgt. Mit müden Knochen hatte er vergangene Nacht das Schreiben aus dem Götzenmaul gezogen, nur um zu erkennen, dass der nächste Treffpunkt ausgerechnet das Heim seines Kontaktmannes war. Wie unvorsichtig, wie dumm von ihm. Er hatte am frühen Morgen die Angelegenheit mit den Ratten abgewickelt und war außerhalb des Moores einfach vor lauter Müdigkeit umgefallen.

Zusammengekauert hatte er sich einen Platz gesucht, den er für abgeschieden hielt.

Nun wusste er, dass im Siedlerland keiner ungestört im Freien rasten sollte, der nach ein paar Münzen in der Börse aussah.

Ein wirklich hässliches Fleckchen Erde hatte sich Roderik da zu seinem Zuhause gemacht und die Meinung von Coldwyn über die Gegend würde sich nicht bessern.

Das Gehöft nach der Kreuzung konnte man nur als nahezu völlig zerfallen bezeichnen und das war noch freundlich ausgedrückt. Fleißige Menschen wohnten nicht auf dem Gut, urteilte der Magier geringschätzig, wie es hinter einer Flut von Obstbäumen anmutete. Er öffnete das Tor zu einem wackeligen Holzzaun, es war unverschlossen. Sein Blick fiel auf eine windschiefe Scheune, einige Beete sowie eine Hütte, die so schäbig aussah, als würde sie jeden Moment in sich zusammenfallen. Der Besitzer konnte damit vielleicht durch den Winter kommen, dachte sich der Magier und ging zu einem Apfelbaum, der selbst im Spätsommer noch nicht abgeerntet war. Er nahm sich eine Frucht, biss hinein, verzog das Gesicht vor Ekel und schmiss sie weg. Eine weitere wollte er nicht probieren.

Coldwyn kam zum Schluss, dass Roderik nicht weit in die Zukunft plante. Wenn er denn überhaupt Pläne für sein Überleben schmiedete.

Aus einem Verschlag in der Nähe von Roderiks Unterkunft buddelte sich ein großer Hund durch eine schmale Öffnung, dieser rannte laut bellend auf den Besucher zu, stoppte kurz vor ihm und besann sich lieber dazu, den Bekannten aufgeregt und freudig zu begrüßen, statt ihn anzuknurren. Der Magier tätschelte dem Mischling, der locker einem Zugpferd glich, den riesigen Kopf.

Danach ging er voran zu einem Platz, auf dem eine Menge Holzstämme aufgeschichtet herumlagen. Roderik hackte bereits jetzt Holz für den kommenden Winter, so sah es wenigstens aus, und der lag noch in weiter Ferne. Kein Wunder, dass der kauzige Bauer als hoffnungsloser Spinner abgestempelt galt.

OK, er arbeitet also doch, obwohl er ziellos wirkt.

Der Farmer schien seinen Besuch nicht einmal zu beachten, selbst als Coldwyn näher herankam und ihn eher kleinlaut grüßte.

Schweiß rann dem Alten von Stirn und Oberkörper, er war ganz in zerschlissene Arbeitskleidung gehüllt und hatte wohl keine so kurzzeitige Störung erwartet oder keine erwarten wollen.

Coldwyn begrüßte den Bekannten mit einem lauten Ruf. War der Mann etwa taub geworden?

Erst hetzen sie mich hier her und dann will der Bursche mich nicht mal anschauen. Was ist bloß los mit ihm?

Der Magier geriet kurz ins Grübeln.

Endlich drehte sich Roderik um und wie nicht anders zu erwarten, schien der Siedler in einer miserablen Verfassung zu sein. Ein zotteliger schwarzer und ungepflegter Bart hing ihm bis auf die Brust, seine Augen funkelten mal skeptisch, mal misstrauisch-ängstlich. Er wirkte so, als hätte sich seit Langem kein Mensch mehr bei ihm blicken lassen und er sich auch bei ihnen nicht.

Armer alter Kauz.

„Wie steht´s um Euch“, fragte der Magier freundlich und scheinbar blind für das Offensichtliche.

„So wie immer“, brummte Roderik lügend. Er legte Holzscheite aufeinander, wischte sich Hände, Gesicht und Oberkörper an einem dreckigen Lappen ab und zeigte auf den Beutel über Coldwyns Schulter.

„Was soll'n das sein? Bringst doch sonst auch keine Geschenke mit.“

„Tarnung. Ihr habt mich beauftragt, diese übergroßen Ratten, die sich in der Nähe zu eurem Grund und Boden tummeln, zu töten. Natürlich erzähl ich‘s nur jemanden, wenn er fragen sollte. Übrigens Ihr lebt unter der widerlichsten Nachbarschaft, die mir je untergekommen ist.“

Die Antwort war nur ein uninteressiertes Brummen als Bestätigung.

Der Alte verscheuchte seinen Hund mit einem Fußtritt und beäugte sein Tagwerk.

Erst danach schaute er seinen Besucher böse an und meinte nur, er solle die Kadaver wieder mitnehmen, auf eine Tarnung brauche er im Siedlerland nicht zu achten. „Hier kümmert sich eh nur jeder um seinen eigenen Kram, und falls jemand das Maul zu weit aufreißt, kriegt er eben ein paar drauf, so läuft das hier.“

Wie dumm ließ ihn der Plan erscheinen, als wenn er sich selbst nicht um Ungeziefer kümmern könne, die Idee war lachhaft.

Der Siedler hatte wirklich nicht die beste Laune an diesem Tag, wie Coldwyn feststellen musste. Trotzdem wurde er hineingebeten. Roderik nahm einen Schlüssel aus seiner Tasche und öffnete die Tür zu seiner Hütte. Scheinbar war das Schloss sein teuerster Besitz und das hatte seine Gründe.

Der Anblick überraschte den Magier - magische Artefakte, achtlos in die Ecke auf Regale gestellt, zahlreiche staubige Bücher über das Wirken von alten Zaubersprüchen, Tränken und Ähnlichem. Die Symptome und Geschichten einer Krankheit, aufgereiht und geordnet, ein unheimlich großer Vorrat an selbst gezogenen Kerzen. Der Zauberwirker musste sich unzählige Nächte um die Ohren schlagen, die er nur damit verbrachte, den Fluch, unter dem er litt, zu ergründen. Leider mit schlechtem Ergebnis für alle Beteiligten, ein Heilmittel für diese Plage gab es bisher nicht.

Die Gründe für das Studium erschienen auf den ersten Blick begreiflich, denn die Folgen der Verwünschung waren klar erkennbar. Coldwyn sah auf Arbeitsgeräte, die verbogen und entstellt vor ihm standen. Holz hatte sich wirr verdreht, ein metallischer Pflug, eine sehr teure Anschaffung, war in sämtliche Richtungen verzerrt und gestaucht und unbrauchbar für jede Art von Arbeit. Sein Bekannter hatte die vermeintliche Gabe, Gegenstände, die er berührte, zu zerstören. Sie zerfielen unter seiner Berührung zu Staub oder wurden in eine andere Form verwandelt. Fähigkeit konnte man das nicht nennen. Roderik war wirklich, wie es die Kirche von Thetyr sagte, verdammt. Ob weitere Menschen unter dem gleichen Fluch litten, wussten sie beide nicht. Der Ketzer lebte so zurückgezogen, wie es nur ging.

Gelassen setzte sich der Magier vor eine Tafel. Ihm wurde ein Becher Milch aufgetischt, den er dankend entgegennahm. Sehr großzügig vom Gastgeber, der nur noch eine Kuh besaß, die allerdings keinen guten Eindruck mehr machte, kränklich und alt konnte sie jeden Moment tot umfallen.

Der Mann brauchte unbedingt Hilfe für den Fall, dass sein Hof nicht in den nächsten Jahren komplett verkommen sollte. Er lehnte aber ungeachtet aller Nöte die Angebote ab, die von Venya kamen. Wenn sie ihn auf Unterstützung ansprach, stellte er sich stur.

Venya, die Anführerin der Gemeinschaft, die viele, die sich dem Verstoß der Magiewirkung ausgesetzt hatten, aufnahm, meinte es wie immer nur gut.

Coldwyn vermutete Stolz hinter der Unfähigkeit, Hilfe anzunehmen.

„Es erscheint und geht, wie es will, und in letzter Zeit wird es immer schlimmer, ich komme kaum noch dazu, das Land zu bestellen. Vielleicht wäre es besser, wenn ich fortziehe? Wohin denn? Nein nicht mit mir.“

Roderik hatte mehr zu sich selbst gesprochen, doch nickte der Magier und platzte gleich darauf mit einer schlechten Nachricht heraus.

„Mir wurde auf dem Weg hier her aufgelauert, im Schwarzrabenhain, ein kleiner Trupp Kleriker hat mich aus dem Nichts angefallen und hartnäckig waren sie. Erschossen das Pferd und beinah auch mich, dann kam es zum Kampf. Ich konnte gerade so fliehen und sie vor der Grenze abschütteln.“

„Hättest du so etwas nicht früher bemerken und sie einfach töten können?“, Roderik spielte auf die Kräfte des Magiers an.

„Was sollte ich tun, sie alle umbringen und damit eine noch größere Spur hinterlassen? Ich habe, glaube ich, ein oder zwei erwischt, das muss genügen für Eure Blutgier.“ Sein Gegenüber nickte stumm und verstand erst durch die folgende Erklärung richtig.

„Sie hätten den Verlust schnell bemerkt und vielleicht Truppen bis zu Euch ausgeschickt. Das Risiko war zu groß und ich denke, ich habe den Orden in die falsche Richtung gelockt.“

„Wo entdeckten sie Eure Fährte zuerst?“

Der junge Magier überlegte gezielt.

„Keine Ahnung wo genau! Wir sollten uns lieber fragen, wie sie in den Kernländern so schnell Wind von mir bekommen konnten. Es wird in letzter Zeit immer gefährlicher für uns alle.“

„Das klingt überhaupt nicht gut, aber das, was ich Euch zu berichten habe, ist weitaus bedeutender als das groß angelegte Vorgehen des Ordens.

Roderik setzte sich zu ihm, und während der Magier einen weiteren Schluck Milch nahm, erzählte der Magusketzer dem Magier von dem eigentlichen, wichtigen Thema des Treffens, das äußerst schwer auszumachen war.

„Venya glaubt, der Frau endlich nahe zu sein: Ornethas Blut, ein erhoffter Abkömmling.“

„Verdammter Dreck.“

Coldwyn stellte sein Glas ab und fluchte deswegen laut auf, weil er vor Schreck Milch verschüttete.

„Wir sind deswegen in größerer Gefahr als jemals zuvor, falls sie richtigliegt.“

Der Besucher schaute verblüfft durch den Raum, genau auf das unrasierte Gesicht von Roderik. Eine unerwartete Wendung.

„Ihr müsst zu unserer Vorsteherin, wenn uns einer helfen kann, dann seid Ihr das.“

Der Einsiedler meinte es ernst, er erzählte seinem Freund von einer Angelegenheit, die alles betraf, was ihnen wichtig erschien.

„Sie sucht mehr als zwanzig Jahre, ich hätte nie geglaubt, dass es so weit kommen würde. Hat sie die Frau schon gefunden, kennen sie sich bereits?“, fragte Coldwyn voller Neugier.

Sein Gegenüber schüttelte den Kopf und schaute den Magier ernst an.

„Nein, aber sie hat sich vor einer Woche mit mir im Versteck im Wald getroffen. Sie ist davon überzeugt, sie in den nächsten Tagen aufzufinden. Sie hat mir von Visionen erzählt. Ihr wisst ja, dass sie eine hellseherische Gabe hat. Vor vielen Jahren, als junge Frau, war sie eine geachtete Seherin dort, wo die Kirche erst spät Einfluss erlangte."

„Das muss fast vor einem Jahrhundert gewesen sein, wenn Venya damals noch taufrisch war“, dachte Coldwyn böse und stellte gleich darauf die nächste Frage.

Wo ist sie jetzt überhaupt? Am Pass?“

„Sie musste ihr Lager splitten. Sie ist mit einem Teil der Gemeinde dem Dyfro südlich gefolgt, in der Nähe der Berge, westlich von der Burg Sturmfels. An den Rand der Kernländer, wo die Kirche schwach ist.“

Aber wo es auch nicht ungefährlicher ist als hier.Lautete der Gedanke des Zauberers und er sprach seine Zweifel laut aus.