Trümmergöre - Monika Held - E-Book

Trümmergöre E-Book

Monika Held

4,8
8,99 €

Beschreibung

Jula ist ein kleines Mädchen in der Hamburger Nachkriegszeit. Für sie sind Trümmer und halbe Häuser normal. Sie spielt "Der Russe kommt", "Wir bauen ein KZ" oder "Opa hat sein Bein verloren". Am liebsten ist sie auf dem Platz, wo ihr Onkel Gebrauchtwagen verkauft, ihre Schularbeiten macht sie in der Kneipe auf der Reeperbahn. Als sie zwölf wird, holt sie ihr Vater - der im diplomatischen Dienst und deshalb abwesend war -, um aus der "versauten Göre" eine höhere Tochter zu machen. Und Jula beginnt ein perfektes Doppelleben zwischen Alstervilla und Ganovenkiez.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 356




Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Trümmergöre

Danksagung

Über die Autorin

Monika Held: Aufgewachsen in Hamburg und Cuxhaven. Lehre als Verlagskauffrau, Volontariat bei der Hannoverschen Presse. Arbeit fürs Radio, Autorin der Zeitschrift Brigitte. Für ihre publizistische Arbeit über das Kriegsrecht in Polen und die Hilfstransporte zu den Überlebenden von Auschwitz wurde sie mit der polnischen Solidarnosc-Medaille ausgezeichnet. Bei Eichborn erschienen die Romane „Augenbilder“, „Melodie für einen schönen Mann“ und zuletzt der hochgelobte „Der Schrecken verliert sich vor Ort“. Monika Held lebt in Frankfurt am Main.

Monika Held

TRÜMMERGÖRE

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright: © 2014 by Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Doris Engelke, Frankfurt

Umschlaggestaltung: Christiane Hahn, Frankfurt. www.christianehahn.de

Einband-/Umschlagmotiv: Regina Kramer, Berlin

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-5834-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Die Reise in die Zeit beginnt mit einer Kartoffel, einem scharfen Messer und der Zeitung von gestern. Ich schäle die Kartoffel wie meine Großmutter. Von oben nach unten, immer im Kreis herum, ohne das Messer abzusetzen. Am Ende liegen zwischen sandigen Girlanden Wortreste, Buchstaben und Silben, aus denen wir kranke Tiere machten. Großmutter erfand die Karpfenkolik, das Dackeldelirium und den Taubentyphus. Ich fügte Buchstaben und Silben zu Ameisenasthma und Möwenmelancholie zusammen. In unserer Sammlung gab es Hühnerhusten, Rabenrheuma, Wanzenwahn und Mäusemumps. Auch jetzt werfe ich einen Blick zwischen die Kartoffelschalen und finde den Namen eines Stadtteils, den ich kenne: Eilbek. Ich sehe eine Straße und ein Haus. Ich sehe die Küche, in der Großmutter dem Wellensittich einen Namen einpaukt: Hansi. Ich stehe vor den Türen, hinter denen mein Onkel wohnt. Ich höre seine Stimme.

Jula, hast du Mut?

Ja!

Dann spring!

Ich schiebe die Kartoffelschalen beiseite und lege die Anzeige frei. Viereinhalb Zimmer. Altbau. Kleiner Garten. Parterre. Parkett. Mein Herz klopft. Ich stürze zum Telefon, entschuldige mich für die späte Störung und frage den Makler nach dem Namen der Straße.

Wielandstraße.

Und die Nummer?

Drei.

Ich sehe meinen Onkel, der die Arme nach mir ausstreckt, spüre den Schwindel im Magen, bevor ich springe, höre sein Lachen. Dann fängt er mich auf.

In Großmutters Küche steht blauer Dunst, auf dem Eisenherd braten vier Fische in einer schweren Pfanne. Sobald die Fische auf einer Seite braun sind, öffnet sich die Wand und ein Mädchen in kostbaren Kleidern tritt heraus. Es trägt goldene Ohrringe und ein Halsband mit schimmernden Perlen. Auf den Armbändern sitzen Rubine, mit dem Myrtenzweig berührt sie einen der Fische.

Fisch, tust du deine Pflicht?

Weil der Fisch stumm bleibt, wiederholt das Mädchen die Frage noch einmal streng.

Fisch, tust du deine Pflicht?

Nun heben alle Fische die Köpfe und erwidern: Ja, ja, wir tun ebenso unsere Pflicht wie Ihr. Indem wir unsere Pflicht tun, sind wir zufrieden. Nach diesen rätselhaften Worten stößt das Mädchen die Pfanne um. Die Fische fallen in die Glut und werden schwarz wie die Kohlen im Keller. Das Mädchen schreitet durch die Wand, die sich hinter ihm schließt.

Großmutter, warum stößt sie brave Fische in die Glut?

Weiß nicht, Kind, dafür haben wir kein Lexikon.

Ich lege das Messer aus der Hand und wähle die Nummer des Mannes, der ernst machen will mit dem Umzug nach Norden. Ich frage nicht nach seinem Arbeitstag, berichte nicht von meinem Tag, erzähle nichts von dem Fahrschüler, der noch immer Gas und Bremse verwechselt und das Auto wie einen Bock durch die Straße springen lässt, ich frage nicht nach entzündeten Zähnen und geschwollenen Backen, sage nur, wie außer Atem: Erik, es gibt eine Wohnung für uns. Viereinhalb Zimmer, Parterre, Parkett. Kleiner Garten. Wielandstraße 3. Und weißt du was? Die Bügelkammer neben dem Herd kennt nicht einmal der Makler.

Und Erik, der Mann, mit dem ich seit fünf Jahren jeden Abend über unbegabte Fahrschüler, kranke Zähne und verlorene Gebisse lachen kann bis es Mitternacht wird, bleibt lange stumm, bevor er sagt: Jula, über diese Wohnung denkst du nach? Wirklich?

Dr. med. dent. Erik Brunner, Zahnmedizin und Kieferchirurgie – er war der erste Fremde, mit dem ich über Hans sprach, meinen Onkel, der mir nicht den ersten Schmerz meines Lebens zufügte, aber den größten. Der mich vom Schrank springen ließ und mich mit vier Jahren in die Welt seiner Freunde einführte: Ingemusch, die in der Nissenhütte wohnte und später auf dem Boot. Jeanette und Manon, Francine, Julien und Juanita, die Flittchen von St. Georg. Schuten-Ede und Trümmer-Otto. Ich war siebzehn, als wir meinen Onkel begruben. Danach vergingen fünfzehn Jahre, bis ich wagte, nach dem Ort zu suchen, von dem er nur drei Menschen berichtet hatte: seiner Mutter, als er ihr noch traute, Ingemusch, weil er sie liebte, und mir, als er zum Leben kein Vertrauen mehr hatte. Der Ort lag irgendwo im Schwäbischen, zwischen Stuttgart und Emmendingen und hieß Eichdorf oder Eichhof oder Eichwalden. Kein Ort mit vielen Häusern, eher wohl ein einsam gelegener Hof in der Nähe von Eichhof, Eichwalden oder Eichdorf.

Der Zug, in dem ich die Reise unternahm, fuhr von Hamburg nach München mit Halt in Stuttgart. Dort hatte ich einen Leihwagen bestellt. Im Autoatlas gab es keine Orte mit diesen Namen, ich wollte mich durchfragen, irgendein Tankwart oder Polizist würde mir weiterhelfen. In Hannover begann mein rechter Weisheitszahn zu klopfen, in Kassel glühte die Wange, in Frankfurt nahm ich mir vor, den hämmernden Schmerz auszuhalten, aber als ich in Stuttgart aussah, als hätte ich einen Tennisball im Mund, ging ich in die Bahnhofsapotheke und bekam statt eines Schmerzmittels die Adresse des Notarztes, der um die Ecke wohnte. Dort saß ich im Behandlungszimmer und wimmerte. Die Helferin band mir ein Lätzchen um den Hals. Alles wird gut, sagte sie, unser Doktor ist ein Zauberer.

Ich schloss die Augen. Das Surren des Bohrers im Nebenraum und die Vorstellung, das Geräusch würde sich in wenigen Minuten in meinem Mund wiederholen, trieben mir den Schweiß auf die Stirn. Ich war 32 Jahre alt und kurz davor, in Tränen auszubrechen wie ein Kind. Dann kam der Mann im weißen Kittel und sagte etwas in weichem Schwäbisch, das den Schmerz sofort zu dämpfen schien. Koi Angscht. Seine Bewegungen waren konzentriert. Er bettete meinen Kopf in seine Hände, bevor er ihn zu sich drehte. Er betäubte den Schmerz mit zwei Spritzen, danach hatte ich Zeit, mir das Gesicht einzuprägen, das sich so nah über meinem Gesicht aufhielt, dass ich seinen Atem spürte. Ich sah in grüne Augen. Ich sah kräftige Brauen und rotblonde Locken. Koi Angscht. Seine Lippen waren schmal. Wenn er lächelte, bildete sich rechts neben seinem Mund ein Grübchen. Ich hatte noch nie so viele Sommersprossen über mir gesehen. Nach einer Stunde stand ich mit zitternden Knien, aber ohne Schmerzen in der Praxis. Zunge und Lippen waren betäubt, sodass ich nur lallend den Grund meiner Reise erklären konnte.

Am Ende des Tages wusste ich, warum ich mich in diesen Mann verlieben musste. Er hatte Zeit. Er war fürsorglich. Er verbot mir das Autofahren. Er hatte keine Termine, war nicht verabredet, es war, als hätte er darauf gewartet, einer fremden Patientin die Suche nach einem Ort abzunehmen, von dem sie nicht einmal den Namen wusste. Eichhof oder Aichhof? Eichwalden oder Aichwalden? Eichdorf oder Aichdorf? Er fragte an Tankstellen und in Cafés. Er fuhr mich zwischen Stuttgart und Emmendingen von einem einsamen Hof zum nächsten, als ginge ihn meine Suche etwas an. Mir gefiel sein Wagen. Ein grüner Peugeot 304, der alte mit der eckigen Schnauze, die man Löwenmäulchen nannte. Vielleicht verliebte ich mich auch nur in den Satz, den er sagte, als ich die Suche aufgeben wollte. Wir standen auf einem Hügel und sahen auf ein Tal hinunter, in dem das geschehen sein könnte, was mich hierher getrieben hatte. Ein einzelner Bauernhof. Nicht zu groß, nicht zu klein. Keine Nachbarn. Vor den Fenstern Blumentöpfe mit Geranien. Ein Schuppen mit schiefer Tür. Hinter einer Stalltür leises Muhen, die Idylle, der mein Onkel vertraut hatte. Im Garten stand ein mächtiger Baum, der vor fünfunddreißig Jahren jung gewesen war und dann weiterwuchs, als sei er nicht derselbe Baum, der mit ansehen musste, wie sie dem Onkel das Lachen hatten beibringen wollen. Da war er 23 Jahre alt und der Krieg war überall zu Ende. Nur hier nicht, nicht in diesem Tal – wenn es denn hier war. Als wir stumm auf diesen Hof schauten, sagte der Mann neben mir die Sätze, die mich verführten, an diesem Abend nicht zurückzufahren. Er sagte: Beschließen Sie einfach, dass es dieser Hof war und kein anderer. Gönnen Sie dem Geschehen einen Ort. Sehen Sie ihn an, prägen Sie ihn sich ein. Böse Geschichten kommen nur zur Ruhe, wenn sie sich irgendwo niederlassen dürfen.

Und er? Warum hatte sich der Kieferchirurg Dr. med. Erik Brunner aus Stuttgart in eine zufällig in seine Praxis geratene Patientin mit dicker Backe verliebt, deren Sätze, solange die Betäubung anhielt, kaum zu verstehen waren? Er wusste es nicht.

Durch ein paar Buchstaben zwischen Kartoffelschalen auf der Zeitung von gestern habe ich die Wohnung wiedergefunden, in der man mich als Kind abgegeben hatte. Großmutter wird das nicht wundern. Es ist, wie es ist, wird sie sagen, es kommt, wie es kommen muss, da beißt die Maus keinen Faden ab. Schuten-Ede wird es, wie alles, was geschieht, für den ›Wind des Lebens‹ halten, Trümmer-Otto sehe ich hintergründig lächeln. Und was glaubst du, frage ich Erik.

Lange ist es still zwischen ihm und mir. Ich höre ihn atmen. Ich sehe sein Gesicht, als er langsam, als hätte er den Namen noch nie gehört, sagt: Wielandstraße 3 – du willst mit mir in deine Vergangenheit ziehen?

Am Morgen hatte es angefangen zu schneien und mittags, als er sagte, jetzt müssten die Koffer gepackt werden, stand ein großer Schneemann auf der anderen Seite der Straße. Seine Augen waren blasse Rosenkohlknospen, die Nase eine Mohrrübe, der Mund ein Brikett. Ich hatte zum Geburtstag einen Schlitten bekommen und mein Vater, der das Geschenk in einem braunen Sack unter dem Bett versteckt hatte, sagte zum dritten Mal an diesem Tag: Du bist jetzt vier und sehr vernünftig. Als wir am späten Nachmittag aufbrachen, waren die Schneeflocken doppelt so dick wie am Morgen. Die Stadt war still, ich sah keine Autos und keine Menschen, nur mattes Licht hinter den Fensterscheiben. Ich wurde von einem Hut und einem langen Mantel durch die Straßen gezogen, einem grauen Schatten, der durch eine Kordel mit mir verbunden war. Zwischen uns das Muster seiner Sohlen – fünf Wellen und ein Kreis. Der Schlitten folgte ihm wie ein Hund seinem Herrn. Wenn ich mich umdrehte, sah ich die Fußabdrücke zwischen den Spuren der Kufen. Sie liefen hinter uns her, sie wollten uns nicht verlieren.

Unsere Spur verband zwei Stadtteile miteinander, aber in Wahrheit zwei Leben. Eines, das ich kannte, und eines, von dem ich nichts ahnte. Ich saß auf dem Schlitten, eingeklemmt zwischen zwei Koffern, auf denen mein Name stand: Jula. Ich sehe den Abdruck, den wir hinterließen, so deutlich, als wäre er unser Familienwappen. In der Schule habe ich dieses Muster gezeichnet, ich habe es in Pullover gestrickt, in Topflappen gehäkelt und in Servietten gestickt. Fünf Wellen und ein Kreis zwischen den Kufen des Schlittens. Als der Mathematiklehrer behauptete, dass sich zwei Geraden in der Unendlichkeit treffen, habe ich gesagt: Das ist gelogen. Die treffen sich nie.

Mein Vater hatte mich in die braune Wolldecke gewickelt, die er aus dem Sanatorium mitgenommen hatte. Er gab mir Handschuhe, die mir zu groß waren. Er sagte: Zieh sie an, sie haben Carla gehört. Auf dem Kopf trug ich eine Kappe aus Fell, die zu groß war, auch die hatte meiner Mutter gehört. Ich legte den Kopf in den Nacken, sperrte den Mund auf und zählte die Schneeflocken, die auf der Zunge landeten. Hundert, rief ich, und wie weiter? Der Hut drehte sich um. Fang bei eins an. Wenn es wieder hundert sind, hast du zweihundert Flocken geschluckt.

Wie viele noch, bis wir da sind?

Dreihundertfünfzig.

Er klopfte sich den Schnee vom Hut, stampfte den Schnee von den Schuhen und zog mich weiter hinter sich her.

Großmutter wohnte in Eilbek, die Wohnung, aus der wir kamen, lag in Uhlenhorst, in der Nähe der Alster. Hätte ich die Schneeflocken auf der Zunge von Anfang an gezählt, wüsste ich, wie lang der Weg vom alten zum neuen Zuhause war.

Zweihundert, rief ich. Wann sind wir da?

Noch einmal hundert und dann fünfzig.

An den Abschied habe ich nur wenige Erinnerungen, er muss schnell gewesen sein. Mein Vater wollte den Mantel nicht ausziehen, behielt den Hut auf dem Kopf, lehnte Suppe und Kaffee ab, wollte auch keinen Bratapfel aus dem Kachelofen. Willst du deinen Bruder nicht begrüßen, fragte die Großmutter. Er beugte sich zu mir herunter und sagte: Du bist jetzt vier und sehr vernünftig. Er zog an meinen Zöpfen und drückte mir einen Abschiedskuss auf den Mittelscheitel, an dessen Wärme ich mich erinnerte, solange ich Sehnsucht nach ihm hatte. Der Kuss saß lebendig auf meinem Kopf wie eine kleine, warme Maus. Ich konnte sie berühren und streicheln. Sie ging beim Waschen nicht verloren und ließ sich nicht auskämmen. Sie hatte braune Augen und ein weiches Fell.

Großmutter hob mich auf die Fensterbank. Wir sahen ihm nach. Ein langer Mantel und ein Hut. Eine große Fledermaus ohne Schlitten. Zwei Mal sagte Großmutter streng: Dreh dich um, Rudolf! Tu es für das Kind! Ich flüsterte: Dreh dich um, Vati, du hast mich hier vergessen, bitte dreh dich um. Ich winkte wild mit beiden Händen, das müsste er, dachte ich, im Rücken spüren. Ich schlug die Fäuste gegen die Scheibe. Er verschwand im Schnee, er löste sich vor unseren Augen einfach auf. Ich aß an diesem Abend keine Suppe, den Bratapfel ließ ich auf dem Teller stehen. Er roch süß. Ich sah, wie der Zucker auf der roten Schale schmolz und auf den Teller tropfte. Probier ein Stückchen, sagte Großmutter und schob mir eine lauwarme, klebrige Masse in den Mund, die traurig schmeckte und nach Verrat. Ich lief ins Bad, spuckte den süßen Brei in die Kloschüssel und aß nie wieder einen Bratapfel. Schon das Wort dreht mir den Magen um.

Ich durfte in dem leeren Bett neben der Großmutter schlafen. Ich starrte in das dunkle Zimmer und faltete die Hände. Lieber Gott, sag ihm, dass er umkehren muss. Wenn er schläft, weck ihn auf. Ich habe noch Schleifen in den Zöpfen und niemand hat mir die Haare gebürstet.

Großmutter schnarchte. Ich kroch unter die Decke und weinte so leise wie ich konnte. Auch in der nächsten Nacht und in der übernächsten. Ich war vier Jahre alt, sehr vernünftig und wusste, wie man bis dreihundertfünfzig zählt. Gut, dass ich die Zukunft nicht sehen konnte. Ich hätte vor Angst geschrien, wenn ich gewusst hätte, dass nur dreihundertfünfzig auf der Zunge geschmolzene Schneeflocken und eine Schlittenfahrt in ein neues Zuhause nicht nur mein Leben, sondern das Leben vieler Menschen verändern würde. Damals hatte sich noch kein Schutzengel an meine Seite gestellt, der mir hätte sagen können: Keine Angst.

Die Lebenszeichen meines Vaters bestanden aus bunten Postkarten und Briefen mit Geld. Wir hatten einen Globus, in dem man Licht machen konnte, und später kamen vier dicke Bücher dazu, die Brockhaus hießen. So lernten wir die Welt kennen. Die Mongolei und die Türkei, Indien, Afrika, Afghanistan. Dein Vater arbeitet beim Auswärtigen Amt, sagte Großmutter und wollte sagen, dass es seine Aufgabe war, immer sehr weit weg zu sein.

In der Wohnung war ich wie ein Zwerg im Schloss. Man hätte vier von meiner Größe aufeinanderstellen müssen, um die Zimmerdecken zu erreichen. Von der Diele gingen zwei verwinkelte Korridore ab. Schmale Schläuche. Einer führte in die Dienstbotenkammer, die, als ich beim Zählen der verheulten Nächte, die ich neben Großmutter schlief, bei elf angekommen war, mein Kinderzimmer wurde. Der andere Schlauch endete in der Küche. Dort stand ein alter Herd, an den Wänden hingen schwere, schwarze Pfannen, in denen Großmutter die Heringe briet, um sie dann in einem Topf mit Essig und Zwiebeln, Salz, Pfefferkörnern und Rosinen zu versenken. Im Wohnzimmer stand ein grüner Kachelofen, der bis zur Decke reichte, mit einem Fach, in dem Reis und Kartoffeln warm gehalten werden konnten und im Winter meine Füße. Großmutters Schlafzimmer hatte Fenster zur Straße, weil sie hören wollte, ob nachts nur Autos oder schon wieder Panzer am Haus vorbeifuhren. An zwei Türen ging sie nie anders als sehr schnell vorbei.

In den ersten Tagen verirrte ich mich ständig. Ich suchte die Dienstbotenkammer und stand im Schlafzimmer. Vor dem Weg in die Küche fürchtete ich mich, weil es im Flur immer dunkel war. Wozu Licht, sagte Großmutter, ich breite die Arme aus, spüre zwei Wände und am Ende ist die Küche. Sie bedachte nicht, dass meine Arme so lang noch nicht waren. Ich wollte mich am Kachelofen im Wohnzimmer wärmen und rüttelte an einer der beiden Türen, die zu Zimmern führten, die sie mir nicht gezeigt hatte. Sie waren verschlossen.

Wer ist da, rief eine Stimme, die nicht unfreundlich klang.

Ich.

Wer ist ich, fragte die Stimme. Ich rief: Na, ich bin das doch, Jula.

Wer ist Jula?

Ich suchte die Großmutter. Sie stand in der Bügelkammer und besprengte die Wäsche mit Lavendelwasser.

Oma, wer ist Jula?

Du.

Die Antwort verwirrte mich. Wie sollte ich dem Mann hinter der Tür sagen, dass ich du bin. Ich lief zurück.

Ich bin du.

Na, so was, sagte die Stimme. Ich lief zurück. Er hat ›na, so was‹ gesagt.

Typisch, sagte Großmutter, viele Worte sind noch nie aus ihm herausgekommen.

Was soll ich sagen, damit er die Tür aufmacht?

Er macht sie nicht auf. Niemals.

Vielleicht doch.

Sag ihm, du seiest die Nichte, die Tochter seines Bruders.

Ich lief zurück, klopfte und rief: Ich bin die Nichte der Tochter seines Bruders.

Ich hörte Schritte, die sich der Tür näherten und lief zurück in die Küche. Großmutter, wer ist der Mann?

Mein Sohn.

Dein Sohn ist Vati.

Ich habe zwei Söhne, mein Kind. Er ist der Bruder deines Vaters.

Wie heißt der Mann?

Hans.

Ich lief zurück, rüttelte noch einmal an einer der verschlossenen Türen und rief durch das Schlüsselloch: Ich bin die Nichte seines Vaters.

Da hörte ich zum ersten Mal dieses Lachen. Es war tief und laut und schien gar nicht mehr aufzuhören. Es gab viele Anlässe, es ausbrechen zu lassen. Manchmal genügte ein Wort. Oder ein Satz, den er anders verstand, als er gemeint war. Unheimlich klang das Lachen, wenn es scheinbar ohne Grund aus ihm herausplatzte. Ich hätte Onkel Hans in jedem Kinosaal gefunden, auf jeder Versammlung. Sogar im Park hinter der hohen Mauer, hinter der er gesund werden sollte, gab es Anlässe für ihn, lange und laut zu lachen.

Ich lief zur Großmutter: Hans lacht.

Ungeduldig sagte sie: Du bleibst jetzt hier, wir falten Wäsche. Da hörte ich, wie sich leise ein Schlüssel im Schloss bewegte. Großmutter griff nach meiner Hand. Ich riss mich los und rannte auf den Mann zu, der im Türrahmen stand und mir entgegensah.

Er war kräftig, viel kleiner als mein Vater. Ich brauchte lange, um zu verstehen, warum es so aussah, als stünden seine Augen verloren im Gesicht. Es waren große, hellbraune Kugeln, denen das Dach fehlte. Onkel Hans hatte hauchfeine Augenbrauen, kaum sichtbar, wie mit einem dünnen Pinsel hingetuscht. Fräulein Jula, sagte er, treten Sie ein. Er verbeugte sich. Ich bin der kleine Bruder Ihres Vaters. Über sein Alter habe ich mir nie Gedanken gemacht. Wenn man vier ist und bis dreihundertfünfzig zählen kann, sind Zahlen geheimnisvoll und haben mit dem Alter eines Menschen nichts zu tun. Ich wusste nicht, wie ein Mensch mit dreißig aussieht oder mit fünfzig. Für mich gab es nur Kinder und Erwachsene und alt waren alle, die erwachsen waren. Alt und vernünftig – bis auf Onkel Hans, der ein Erwachsener war, mit dem man spielen konnte. Nicht Mensch-ärgere-dich-nicht, Halma oder Mühle-auf-Mühle-zu, sondern Spiele, die er erfand. ›Besuch kommt‹ war so ein Spiel: Kommen Sie herein, Fräulein Jula. Was darf ich servieren – Schokolade, Tee, Kaffee?

Er schloss die Tür hinter mir ab und bat mich, in einem der Polstersessel Platz zu nehmen. Sein Zimmer war ernst. Vor den Fenstern hingen schwere, samtgrüne Vorhänge, sie reichten von der Decke bis zum Boden. Er hatte einen Schreibtisch aus dunklem Holz, der auf dicken Tatzen stand. Die Schublade zog man an einem Messinggriff heraus, der in einem Löwenmaul hing. In der Ecke stand ein weißer Kachelofen, groß bis zur Zimmerdecke. Nirgendwo war es gemütlicher als auf den weichen Kissen, die im Winter auf der Ofenbank lagen. Der zweite Raum, den er durch eine Schiebetür abtrennen konnte, war sein Bad, seine Küche und sein Schlafzimmer. Für mich war die Wohnung des Onkels eine Wundertüte. Ich durfte Schubladen aufziehen, Schranktüren öffnen, Kissen hochheben, unters Sofa kriechen. Das Spiel hieß ›Jula, such‹. Bei Onkel Hans gab es Schinken und Käse, Pudding, Schokolade, Kekse, Lakritzstangen und Negerküsse. Wenn uns von den Negerküssen übel war, aßen wir saure Gurken aus der Dose. An besonderen Tagen stellte Onkel Hans zwei Gläser auf den Tisch, die so zart waren, dass ich mich kaum traute, sie in die Hand zu nehmen. Er holte eine runde Flasche aus dem Schrank, schraubte sie auf und ich sah zu, wie sich die goldgelbe Masse langsam vom Flaschenhals löste und schwerfällig auf den Grund des Glases fiel. Wir stießen immer auf etwas Besonderes an: einen Sonntag ohne Arbeit, ein gutes Geschäft, einen Tag, an dem er das Rabenaas vergaß, mit dem er die Wohnung teilte. Die Gläser waren wie der Himmel in der Nacht. Dunkelblau mit winzig-weißen Sternen. Als mich mein Vater hier wegholte, weil ich ein versautes Kind geworden war, schenkte mir Onkel Hans eines dieser Gläser. Ich nannte es Hans, sein Glas hieß Jula. Wenn ich die dünne Schale anfasse, habe ich noch heute den Geschmack von Eierlikör auf der Zunge. Auch, wenn ich an das Glas nur denke. Entdecke ich in einem Supermarktregal Eierlikör, sehe ich die Gläser, die unsere Namen tragen.

Bei Onkel Hans gab es alles, was sich Großmutter nicht leisten konnte. Er ließ mich Kaffee und Kakao probieren, kochte Hühner und Rindfleisch, briet Rühreier mit Speck und Zwiebeln in der Pfanne. Der Duft zog durch die Türritzen in die Diele, kroch von dort in die Räume der Großmutter. Bevor ich den Teil der Wohnung verließ, in der mein Onkel lebte, musste ich mit dem Zeigefinger über den Lippen schwören, nichts zu verraten, dabei rochen meine Haare, mein Pullover, einfach alles an mir nach Rühreiern, Speck und Zwiebeln. Onkel Hans schenkte mir Buntstifte, einen Block mit weißem Papier und einen Tuschkasten mit vierundzwanzig Farben und zwei Pinseln. Ich gehörte zu den ersten Kindern in Eilbek, die Schlittschuhe und Rollschuhe hatten. Geld, das er mir schenkte, legte ich heimlich in Großmutters Portemonnaie. Warum schloss er sich ein? Ich habe nicht gefragt. So war es eben. Die Häuser in den Straßen hatten keine Mauern und keine Fenster, man sah in leere Höhlen mit verbrannten Tapeten und Balkone, die abgestürzt zwischen den Etagen hingen. Das kommt vom Krieg, sagte Großmutter. Ich hatte die Welt kaputt vorgefunden und nichts daran auszusetzen. Wenn die Kaninchen, statt im Stall, auf den Bäumen geschlafen hätten, und Großmutter hätte gesagt, das käme vom Krieg, wäre das in Ordnung gewesen. Es gab keinen Grund, sich zu wundern.

Nie aß Onkel Hans mit uns in der Küche. Wenn er nicht in seinem Zimmer kochte, ging er irgendwo in der Stadt essen oder rührte sich Mahlzeiten in der Holzbude auf seinem ›Platz‹ zusammen. Mutter und Sohn lebten in einer Wohnung und sind sich, solange ich bei ihnen war, nie begegnet. Es gab eine Übereinkunft, ein Regelwerk, das sie perfekt beherrschten. Keiner hatte Interesse an einer Lockerung, vielleicht, weil beide nicht wussten, was dann geschehen würde. Ich nahm das hin wie alles, was ich hier vorfand. Ich hatte mit den Regeln nichts zu tun, sie waren lange vor mir da. Aber ich wusste, dass der Ort, vor dem sich beide fürchteten, die Diele war. Viereckig, zwanzig Quadratmeter, eine Bühne, die sie zwar mit mir, aber nie gemeinsam betraten. Wenn Großmutter die Wohnung verlassen wollte, ging sie mit schnellen Schritten an den Türen des Onkels vorbei, klapperte mit dem Schlüsselbund oder rief mir, wenn ich in der Wohnung blieb, mit lauter Stimme zu: Jula, ich gehe kurz mal einkaufen. Oder: Jula, willst du mit? Oder: Ich bin in einer Stunde wieder da. Manchmal ließ sie das Schlüsselbund fallen, dann wusste mein Onkel, dass sie in der Nähe seiner Türen war. Ihre Angst vor einer Begegnung muss größer gewesen sein als seine. Sie sicherte sich ab, sie hatte mehr Signale als er. Ich habe sie singen hören, während sie den Mantel von der Garderobe nahm. Sie hatte eine helle, klare Stimme. Sie sang gerne und oft, aber ich konnte nach einer Zeit der Eingewöhnung genau unterscheiden, ob sie aus Freude sang oder um ihren Sohn zu warnen. Die ›Achtung-ich-gehe-fort-Lieder‹ klangen hohl wie eine Autohupe, während die Lieder, die sie aus Freude sang, Flügel hatten, ganz leicht waren und sehr melodisch. Diese Lieder sang sie im Garten, in der Küche, im Bad oder in ihrem Wohnzimmer. Nie in der Diele.

Mein Onkel hustete, bevor er die Diele betrat. Er warf die Zimmertür kräftig zu, schloss geräuschvoll hinter sich ab und sprach, damit nichts schiefgehen konnte, in der Diele mit sich selbst. Wo ist denn mein Hut, war so ein Satz oder: Nun wird’s aber Zeit. Oder: Höchste Eisenbahn. Oder: Jula, kommst du mit? In den wenigen Minuten, die mein Onkel brauchte, um die Wohnung zu verlassen, wirkte Großmutter, als sei sie verhext worden. Sie hob den Kopf, wurde starr, bestand aus Horchen, nur aus Horchen. Vielleicht hielt sie sogar den Atem an. Schlug die Haustür zu, war der Spuk vorbei. Die Starre löste sich, das Leben ging weiter. Auch Onkel Hans registrierte die Signale seiner Mutter, sie lösten aber keine Veränderungen bei ihm aus.

Ich weiß nicht, wie das Vorwarnsystem beim Heimkommen entstanden war. Vielleicht so zufällig und wortlos wie das Vorwarnsystem beim Verlassen der Wohnung. Wer von draußen kam, drückte auf die alte Dienstbotenklingel im Treppenhaus, der schnarrende Ton war die Botschaft: Achtung, ich komme. Diele meiden. Was mir auffiel, mich damals aber nicht irritierte: Sie benutzten in der Diele dieselbe Garderobe. Ihre Mäntel hingen nebeneinander an zwei Haken. Links der bodenlange, beige Staubmantel von Onkel Hans, rechts der schwarze, knielange Mantel der Großmutter. Und obendrüber: sein heller Borsalino neben ihrem Kapotthütchen. Zeigten die Knöpfe der Mäntel zur Wand, sah es aus, als hätten sich die beiden zum Spaziergang aufgemacht. Berührten die Rücken der Mäntel die Wand, war es, als kämen sie von einem Ausflug zurück. Ohne Köpfe, ohne Beine, aber nah beieinander wie eingehakt. Manchmal sah ich von seinem Mantel den Rücken und von ihrem die Knöpfe – dann spazierten sie aneinander vorbei. Als ich älter war und mehr von diesem Spiel verstand, steckte ich Großmutters rechten Ärmel in die linke Manteltasche von Onkel Hans und seinen linken Ärmel in ihre rechte Manteltasche und stellte mir vor, die beiden würden sich mögen.

Er nannte sie ›Rabenaas‹. Ich wusste nicht, was ein ›Rabenaas‹ war, aber so, wie er den Namen aussprach, war es nichts Schönes.

Großmutter, was ist ein Rabenaas?

Kommt drauf an.

Auf was?

Ob der Rabe zu Aas wird oder ob Aas herumliegt, das der Rabe frisst.

Und was ist Aas?

Wenn ein Tier tot ist und verfault, nennt man es Aas. Es ist ein ekelhaftes Wort, woher hast du das?

Aufgeschnappt.

Großmutter nannte ihren Wellensittich ›Hansi‹. Hansi gehörte zur Küche. Abends wurde er auf die Fensterbank gestellt und mit einem karierten Geschirrhandtuch zugedeckt. Morgens stellte ihn Großmutter auf den Küchentisch, damit er mit uns frühstücken konnte. Wenn es draußen kühl war, hängte sie den Käfig, während sie kochte, an den Haken, der über dem Ofen in die Decke gedreht worden war. Dort gefiel er mir am besten. Aus den Töpfen stieg der Dampf, die Kacheln beschlugen, und mittendrin schaukelte der blaue Sittich schnatternd im weißen Nebel. Er soll es mollig haben, sagte Großmutter und passte auf, dass der Dampf nicht zu heiß wurde, das Feuer nicht loderte, der Haken stabil blieb. Der Vogel hatte keine Sittichsprache mehr, er rief einen Namen: Hansi. Zehnmal, hundertmal. Großmutter nahm ihn aus dem Käfig, setzte ihn auf den rechten, gekrümmten Zeigefinger und führte seinen Schnabel an ihren Mund. HansiHansiHansi. Der Sittich war ein kleiner, blauer Automat, der, wenn er ins Reden kam, nicht mehr abzustellen war. Großmutter war eine stolze Frau. Sie bettelte nicht beim großen Hans um Liebe, sie ließ den Vogel seinen Namen rufen. Außer ihr hat niemand meinen Onkel Hansi genannt.

Sie mochte nicht, dass ich ihren Sohn in seinen Räumen besuchte, verbot es aber nicht. Ich liebte das Rennen über den Flur und das Spiel vor seiner Tür und die Stimme, die mit mir spielte.

Wer ist denn da?

Ich.

Und wer ist ›ich‹?

Weil ich ihn gerne lachen hörte, sagte ich: Die Nichte des Bruders der Schwester seines Vaters. Oder: Die Tochter des Bruders seines Onkels.

Kommen Sie herein, Fräulein Jula.

Neben ›Jula, such‹ hatte er ein Spiel erfunden, das wir ›Jula hat Mut‹ nannten.

Er stellte mich auf den Löwenschrank, der so hoch war, dass mein Kopf an die Zimmerdecke stieß und der Teppich sehr weit von mir entfernt war.

Jula, hast du Mut?

Mein Herz klopfte, und im Magen drehte sich ein Karussell. Unten stand mein Onkel und breitete die Arme aus.

Jula, hast du Mut?

Ja.

Dann spring.

Ich kniff die Augen zusammen und sprang. Er fing mich auf und lachte.

Noch mal?

Ja.

In der Schule war ich die erste, die ohne Angst vom Dreimeterbrett ins Wasser sprang, und noch heute höre ich vor jeder Entscheidung seine Stimme: Jula, hast du Mut?

Ja.

Dann spring.

Mein Onkel zeigte mir, wie man mit Buchstaben rechnet und mit Zahlen schreibt. Er sagte, das Alphabet sei ein gutes Versteck, das beste, das er kenne. Als ich den Abgrund begriff, in den er mithilfe der Zahlen und Buchstaben stürzte, konnte ihn niemand mehr befreien. Auch ich nicht, obwohl ich wusste, wo er sich verloren hatte.

Großmutter begann den Tag, bevor es hell wurde. In der Nacht bist du nackt, sagte sie, du siehst nichts, du hörst nichts, du bist eine Schnecke ohne Haus, ein Igel ohne Stacheln, ein Vogel ohne Flügel. Nachts passieren Dinge, gegen die du dich nicht wehren kannst. Herzen hören auf zu schlagen, der Atem stockt, die Nacht zwischen drei und vier ist die Zeit der Räuber und Mörder. Und der Gestapo. Die Nacht ist eine fiese Zeit, und weißt du, warum? Weil ein Hirn, das träumt, nicht bei dir ist und dich nicht warnen kann. Am liebsten hätte Großmutter den Schlaf abgeschafft. Sie empfand ihn als Verbannung in doppelte Finsternis, weil zur Dunkelheit der Nacht die geschlossenen Augen kamen. Dass Menschen sich nachts auch noch Rollos vor die Fenster zogen – die dreifache Verdunklung war ihr unheimlich. Wenn du läufst, trainierst du die Muskeln, sagte sie, wenn du schläfst, übst du sterben. Ich dachte, ich müsste wach bleiben, um Großmutter zu beschützen, aber mein Onkel beruhigte mich: Schlaf ruhig, Jula, nach der greift niemand, nicht in der schwärzesten Nacht.

Meine Kammer war karg wie eine Zelle. Ein Schrank, ein Waschtisch, ein Stuhl. An der Decke hing eine Birne ohne Schirm. In der Stube war es nachts still, als habe der Raum mit dem Rest der Wohnung nichts zu tun. Später machen wir es hier schön, versprach Großmutter, du bekommst einen Sessel ganz für dich alleine, einen Schrank für Bücher und ein Schreibpult. Das erste Buch meines Lebens bekam ich von ihr. Tausend und eine Nacht, dreihundertvierundvierzig Seiten. Nicht zum Geburtstag, nicht zu Weihnachten, sie zog es an einem ganz normalen Nachmittag aus dem Einkaufskorb, zeigte mir, wie man meinen Namen schreibt, und ich schrieb: Jula. Buch Nummer 1. Als ich aufhörte, Bücher zu nummerieren, ging ich in die dritte Klasse und hatte fünfunddreißig Bücher im Schrank. Das Schreibpult brauchte ich nicht. Ich machte die Schularbeiten in der Küche, am Wohnzimmertisch oder am schweren Schreibtisch von Onkel Hans, später auch in Schuten-Edes Spelunke oder bei Ingemusch auf dem Nuttenboot.

Ich verstand nicht jeden Satz, den Großmutter sagte, aber dass die Nacht eine schwere Zeit ist, wusste ich. Wenn ich traurig war, suchte ich Trost bei dem Taschenspiegel, den ich unter das Kopfkissen gelegt hatte. Ich stellte mir vor, das kleine Gesicht, das mich ansah, gehöre einem fremden Kind. Es hatte meine Nase, meine Stirn, meinen Mund und meine feinen Augenbrauen, es sah mir ähnlich wie ein Zwilling. Es bewegte die Lippen, wenn ich mit ihm sprach, es lachte, wenn ich lachte, und wenn ich weinte, weinte es auch, bis ich sagte: Wir dürfen nicht weinen, wir haben es gut hier. Dann kniff ich die Augen zusammen, versuchte, mit den Fäusten die Tränen zurück in den Kopf zu drücken und schnell einzuschlafen. Wachbleiben ohne Angst muss man lernen. Der Holzboden im Flur knarrte und ich stellte mir Gespenster vor. Großmutter sagte: Es gibt keine Gespenster in der Wohnung, nachts erinnert sich der Boden an die Tritte, die er am Tage abbekommen hat. Ein Boden, der sich nachts an Tritte erinnert, war das Unheimlichste, was ich mir vorstellen konnte.

Am schönsten waren Träume, in denen ich mitspielen durfte. Ich musste mir die Prinzessin nicht, wie beim Lesen, vorstellen, ich war die Prinzessin. Ich hatte Macht, nichts geschah, was ich nicht wollte. Ich kam in einem goldenen Kleid aus der Wand und fragte: Fische, tut ihr eure Pflicht? Und wenn sie sagten: Ja, wir tun ebenso unsere Pflicht wie Ihr, nahm ich die Pfanne vom Herd und trug sie mit den Fischen zum Teich, in dem sie gefangen worden waren. Ich rettete sie vor dem Feuertod in der Glut, beobachtete, wie sie sich im Wasser wälzten, um das Bratöl abzuspülen und zu werden, was sie einmal waren: weiße, rote, blaue und gelbe Fische. Gelang es mir nicht, schnell einzuschlafen, war ich das Mädchen auf dem Schlitten, das von einem langen Mantel und einem Hut durch den Schnee gezogen wurde. Vor den Augen fünf Wellen und ein Kreis. Zwei Koffer, auf denen mein Name stand. Um dieses Kind weinte ich, bis es in meinen Augen brannte wie Feuer.

Kaum war sie wach, ging Großmutter in die Küche, kochte Ersatzkaffee für sich und Milch für mich. Die Tassen stellte sie auf die Nachttische im Schlafzimmer, schlurfte in Pantoffeln über den krummen Flur, blieb vor der Mädchenkammer stehen, klopfte und rief meinen Namen, als glaubte sie nicht wirklich, dass hinter der Tür ihre Enkelin schlief. Jula? Ich mochte das Fragezeichen hinter meinem Namen, es gab mir das Gefühl, dass ich jemanden traurig machen konnte, wenn ich nicht antwortete, oder froh, wenn ich rief: Ja, ich bin da. Dann stieg ich aus dem Bett und wir gingen in unseren langen Nachthemden in ihr Schlafzimmer. Ich machte alles so, wie es Großmutter machte. Ich stopfte mir das Kissen in den Rücken, nahm meine Tasse, pustete hinein und schlürfte die Milch in vorsichtigen Schlucken.

Wenn sie den Kaffee getrunken hatte, ging Großmutter ins Bad, wusch sich mit zwei verschiedenen Waschlappen, dem hellen für ›Oben‹, dem dunklen für die ›unteren Regionen‹, und zog sich über Hemd, Hose und BH die Kittelschürze, ihr Alltagskleid. Ich hörte ihr Stampfen in der Diele, stellte mir vor, wie sie den Mantel vom Haken nahm und über den geblümten Kittel zog, hörte das Rasseln der Schlüssel. Großmutter war jeden Morgen die erste beim Bäcker. Sie holte warme Brötchen und frische Milch in der Kanne. Bleib’ im Bett, bis ich wieder da bin, rief sie in der Diele, dann warf sie die Tür hinter sich zu und ich verfolgte die Geräusche, die sie in der Wohnung zurückgelassen hatte. Sie kamen aus den Zimmern von Onkel Hans. Es waren Schritte. Manchmal lachte er schon früh am Morgen, obwohl ich keine Stimme hörte, die ihn zum Lachen hätte bringen können. Wenn zwei Stimmen in seinen Zimmern waren, eine dunkle und eine helle, verließ ich das Bett und schlich in die Diele. Am Anfang hielt ich nur mein Ohr an die Türen, später versuchte ich, den Onkel und seine Freundinnen durchs Schlüsselloch zu beobachten. Er muss es gewusst haben. Das Schlüsselloch in der Schlafzimmertür war von innen mit einem Pflaster verklebt. Den Blick ins Löwenschrankzimmer schien er mir zu gönnen, aber da waren beide schon wieder angezogen oder hatten sich noch gar nicht ausgezogen, denn dass es ums Ausziehen, Baden, Duschen und Anziehen ging, hatte ich schnell verstanden. Danach trugen sie Bademäntel, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als mich auf nackte Frauenfüße, Zehen und Fußnägel zu konzentrieren. Und Nagellack. Es gab Fußnägel, die waren hellrot wie Möhren, und andere, die schwarz waren wie die Erde im Tomatenbeet oder silbrig wie das Perlmutt in einer Muschel. Als ich gelernt hatte, dass kein Fuß einem anderen glich, versuchte ich, mir vorzustellen, wie die Gesichter dazu aussahen. Die meisten Wetten, die ich mit mir abschloss, verlor ich. Manchmal hatten dicke Frauen zarte Fesseln und schlanke Zehen. Es gab zierliche Frauen, die auf plumpen Füßen über den Teppich gingen, und große Frauen mit zarten, kleinen Zehen und hübsche Frauen mit groben Füßen und alle benutzten Nagellack. Einmal sah ich einen verkrüppelten Fuß, der später in einem hohen Stiefel versteckt wurde. Die Frau sah wie ein Kind aus und brauchte zum Gehen einen Stock. Das war Anneliese. Diesen Fuß würde ich überall wiedererkennen. Er hatte einen Buckel wie ein Schwan und war stark nach außen verdreht, als hätte er nach einem Krampf nicht mehr zurückgefunden. Seine Nägel waren hellrot lackiert. Durch das Schlüsselloch betrachtet, wirkten die Füße wie Wesen ohne Kopf und Körper. Ich kannte damals nur zwei Menschen, bei denen die Füße zum Rest passten. Ingemusch und Onkel Hans. Ingemusch hatte lange, gerade Zehen, auch die äußersten, kleinsten waren keine Stummelchen. Ingemusch hatte große Hände und ein Gesicht, das größer war als das von Onkel Hans. Die Füße meines Onkels sahen seinen Händen ähnlich, sie waren klein und kräftig. Wenn ich diese vier Füße über den Teppich gehen sah, wünschte ich, ich dürfte meine dazustellen.

Ich bettelte viele Wochen, bis mir Großmutter aus der Drogerie eine kleine Flasche Nagellack mitbrachte, dunkelrot wie der von Ingemusch. Meine winzigen Nägel sahen wie Marienkäfer aus. Großmutter nannte Frauen mit lackierten Fußnägeln Flittchen. So gesehen, waren alle Frauen, die Onkel Hans besuchten, Flittchen, auch ich. Ich mochte das Wort, es klang so freundlich, als nähme der Onkel die Frauen, die ihn besuchten, unter seine Fittiche. Wenn ich meinen Onkel fragte, ob am Abend oder am Morgen ein Flittchen zu Besuch käme, lachte er. Es ist mir nie gelungen, sie kommen oder gehen zu sehen, obwohl sie keinen Schlüssel hatten und nicht klingelten. Vielleicht wusste der Onkel, wann sie kamen, oder er stand am Fenster, sah sie kommen und öffnete die Tür. Besuch war eine Schwachstelle in der Übereinkunft, sich in der Diele nicht zu begegnen. Dennoch wusste ich, wann Onkel Hans Besuch bekam. Dann hing ein Duft in der Diele, als hätte Großmutter Plätzchen gebacken. Wie ein Staubsauger saugte ich diese Düfte ein. Wenn ich voll davon wäre, dachte ich, würde ich so betörend riechen wie die Flittchen. Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will, sagte Großmutter.

Bitte, Großmutter, bitte …

Parfüm bekommst du nicht.

Was nachts hinter den Türen des Onkels geschah, konnte ich nicht hören, weil die Kinderkammer zu weit entfernt und ich zu ängstlich war, in einem dunklen, knackenden Flur zu lauschen. Wenn die Flittchen morgens kamen, presste ich in der Zeit, in der Großmutter einkaufte, mein Ohr fest an die Tür, hinter der sein Bett stand. Es war wie im Zoo, wenn die Affen schrien, aber es machte mir keine Angst, weil es zwischendurch dieses laute, lange Lachen meines Onkels gab. Ich stellte mir nichts Konkretes vor, spürte aber, dass dort etwas geschah, was ein kribbelndes Gefühl im Bauch entstehen ließ. Wer horchte, war kein guter Mensch. Großmutter sagte: Der Horcher an der Wand hört seine eigne Schand. Aber was war Schand? Wer durch Schlüssellöcher guckt, ist ein Spion. Vom Spion zum Galgen ist der Weg nicht weit, sagte Großmutter.

Beim Schnarren der Dienstbotenklingel lief ich ins Schlafzimmer, kroch in das Bett, das sie ›Dein-Opa-Bett‹ nannte und schaute auf das Bild an der Wand – eine kolorierte Fotografie in einem silbernen Rahmen. Elf junge Frauen und ein altes Paar. Die Frauen trugen grau-weiß gestreifte Kittel und hatten die Haare im Nacken zusammengebunden. Die siebente von rechts oder die fünfte von links war Großmutter. Sie war die Schönste. Sie trug auf dem Kopf einen Turm aus wilden Locken. Die Gruppe stand vor einem Geschäft, in dem Schaufensterpuppen in Hochzeitskleidern ausgestellt waren. Sie spreizten die Arme wie Tänzerinnen, ihre Finger waren elegant verbogen. Wenn ich in Großmutters Schlafzimmer saß, übte ich, die Finger so weit nach hinten zu dehnen, dass der Mittelfinger den Handrücken berührte. Ich schaffte es durch eisernes Training, dass sich die beiden näher kamen, bis zur Berührung schaffte ich es nie. Eher wäre der Mittelfinger abgebrochen, als den Zentimeter, der mir fehlte, nachzugeben. Leichter war es, den Daumen an den Unterarm zu drücken. Ich bewunderte diese Puppen. Alles an ihnen war schöner als an mir. Sie hatten große Augen, lange, geschwungene Wimpern und die Haare schimmerten wie gebügelte Seide. Über der Eingangstür stand in geschwungenen Lettern: Jonathan und Jette Lecour – feinste Brautmode seit 1874.

Großmutter hängte ihren Mantel neben den von Onkel Hans, den Hut neben seinen Hut, kam ins Schlafzimmer, hatte die Milchkanne und die Brötchen in der Hand, sah, dass ich im Bett saß, und folgte meinem Blick – das war der Beginn unseres Rituals. Sie setzte sich zu mir auf den Bettrand und sagte, wie immer, wenn sie etwas erzählen wollte, was zur Vergangenheit gehörte: Zeiten waren das, Zeiten … Dann seufzte sie, und wenn ich Glück hatte, nahm sie das Bild von der Wand, wischte mit dem Ärmel das Glas blank und wenn sie dann noch einmal sagte: Zeiten waren das … war ich fast so glücklich, als wäre ich wieder zuhause. Wenn mir Großmutter etwas aus ihrem Leben anvertraut, dachte ich, dann muss ich ihr wichtig sein und mehr als nur die nasse Schneeflocke, die man auf einem Schlitten zu ihr gebracht hatte. Wenn ich Großmutter mit einem Blick auf das Foto zum Erzählen bringen konnte, musste sie mich gernhaben. Sie saß mit der duftenden Brötchentüte auf der Bettkante, holte tief Luft und blies beim Ausatmen den Satz über die Fotografie, der für mich wie der Anfang eines Märchens war. Zeiten waren das …

Wir wiederholten das Ritual so oft, dass daraus ein Stück für zwei Personen wurde. Sie sagte: Ein Gespenst schlich damals durch die Straßen. Pause. Dieses Gespenst, musst du wissen, suchte sich schwache Menschen, die es nur antippen musste – und schon fielen sie um.