Trümmerwelten - Das Geheimnis der Alice Sparrow - Ann-Kathrin Karschnick - E-Book
Beschreibung

Noemi lässt Probleme verschwinden. Charlie ist Geheimnisträger. Beide verfolgen dasselbe Ziel, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen und ohne voneinander zu wissen, denn sie beide wollen die verschollene Insel Anker im Wolkenmeer finden. Eine sagenumwobene Insel der Weisen, auf der alle Geheimnisse der früheren Herrscher zu finden sein sollen. Ihr einziger Hinweis lautet: Alice Sparrow. Wer ist diese Frau und was hat sie mit der verschollenen Insel zu tun? Ein spannungsgeladener Roman im High Fantasy-Setting vor einem neuartigen Hintergrund. Erstklassige Unterhaltung aus der Feder von Ann-Kathrin Karschnick und Felix A. Münter - zwei der besten deutschen Phantastik-Autoren.

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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Designomicon // elmstreet.org

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-328-5

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Inhaltsverzeichnis
Trümmerwelten – Das Geheimnis der Alice Sparrow
Impressum
Kapitel 1 – Am Sterbebett – Charlie
Kapitel 2 – Das Medaillon – Noemi
Kapitel 3 – Zukunftspläne – Charlie
Kapitel 4 – Das Wirtshaus – Noemi
Kapitel 5 – Auf dem Unterdeck – Charlie
Kapitel 6 – Der Auftrag – Noemi
Kapitel 7 – Der alte Meister – Charlie
Kapitel 8 – Der Name – Noemi
Kapitel 9 – Das Tribunal – Charlie
Kapitel 10 – Recherche – Noemi
Kapitel 11 – Ausgestoßen – Charlie
Kapitel 12 – Die Reise nach Exoria – Noemi
Kapitel 13 – Im Leuchtturm – Charlie
Kapitel 14 – Nekropathen – Noemi
Kapitel 15 – Das schwarze Schiff – Charlie
Kapitel 16 – Das Grab der Alice Sparrow – Noemi
Kapitel 17 – Exoria – Charlie
Kapitel 18 – Die Anderen – Noemi
Kapitel 19 – Alice Sparrow – Charlie
Kapitel 20 – Segel setzen – Noemi
Kapitel 21 – Piraten – Charlie
Kapitel 22 – Anker – Noemi
Kapitel 23 – Auf uralten Pfaden – Charlie
Kapitel 24 – Der Tempel – Noemi
Kapitel 25 – Konfrontation – Charlie
Kapitel 26 – Der Bruch – Noemi
Ann-Kathrin Karschnick
Felix A. Münter

Am Sterbebett

Charlie

Als ich Joacim kennenlernte, damals, vor fast zwanzig Jahren, war er schon alt gewesen. Viele Bilder aus der Kindheit verblassten mit den Jahren, aber jener Moment, an dem sein Segler die grauen Nebelschwaden durchbrochen und er majestätisch auf unser Dorf zugetrieben war, der hatte sich in meinen Kopf eingebrannt.

Joacim hatte aufrecht am Bug gestanden, den Rücken gerade, der graue Bart wogte im Wind. Eine Hand auf der Reling, die andere an einem Tau, hatte er das Dorf abgesucht. Unsere Blicke hatten sich getroffen und ich, damals kaum vier Jahre alt, wusste sofort, dass der alte Mann auf dem Schiff nach mir suchte. Ich erinnere mich bis zum heutigen Tag an den Schauer, der mir über den Rücken gelaufen war. Es war ein seltsames Gefühl gewesen – aber es war keine Angst. Mein kindliches Ich hatte wohl verstanden, dass etwas Großes bevorstand, etwas, was mein Leben verändern und von da an bestimmen würde. Und es lief nicht weg, es blieb standhaft, und kaum hatte der Segler am Wolkenpier angelegt, kam es dem grauhaarigen Mann entgegen.

Und in den Jahren, die seit diesem schicksalhaften Tag vergangen waren, wurden Joacims Haare letztlich dünn und weiß, der Rücken etwas krummer, die Augen müde. Wenn ich ehrlich war, habe ich ihn nie gefragt, wie alt er war – und er selbst feierte auch keine Geburtstage. Mir war wohl bewusst, dass die Spannkraft des alten Geheimnisträgers langsam nachließ – gleichwohl er gut darin gewesen war, das zu verbergen. Es waren die kleinen Dinge, an denen es mir auffiel: dass er irgendwann länger brauchte, um aus seinem geliebten Ohrensessel aufzustehen, dass er jedes Mal seufzte, wenn er sich setzte und dass er für das Studium seiner Folianten einen schweren Zwicker – und Licht – brauchte. Joacim war zäher als die meisten Menschen, die ich bisher kennengelernt hatte. Ein strenger, zugleich aber wohlmeinender Meister. Der Beste, den sich ein Lehrling nur wünschen konnte. Doch so sehr er sich auch gegen die Zeit warf, so sehr er dem Verfall trotzen wollte: Am Ende musste er sich geschlagen geben.

Seit vier Wochen war er inzwischen nicht mehr in der Lage, das Bett zu verlassen. Zu Beginn hatte ich es für einen kurzen Schwächeanfall gehalten, ein Leiden seiner alten Knochen. Doch mit jedem Tag wurde die Gewissheit in mir größer: Es ging dem Ende entgegen. Der Mann, von dem ich mein Leben lang angenommen hatte, dass er immer da sein würde, der für mich so unverrückbar zur Welt gehörte wie der Wind zum Wolkenmeer, dieser Mann glitt seinen letzten Atemzügen entgegen. Während Joacim zu Beginn dieser Phase noch gesprächig gewesen war und über dieses und jenes geflucht hatte, wurde die Zahl der Worte, die er von Tag zu Tag verwendete, überschaubarer. Drei oder vier Tage ist es nun her, dass ich ihn zum letzten Mal ein Wort hatte murmeln hören. Welches genau, das weiß ich nicht einmal. Seitdem schwieg er. Und ich traute mich nicht, den Platz neben seinem Bett zu verlassen, hatte mich dort eingerichtet. Ich hatte keine Vorstellung von dem, was bevorstand, aber ich wusste, dass ich es meinem Meister schuldig war, bei ihm zu sein. Denn er war immerhin fast zwei Jahrzehnte mein Mentor gewesen.

Seit dem Morgen ging sein Atem rasselnd und pfeifend, verwandelte sich manchmal in einen bellenden Hustenkrampf, dessen Nachwehen mich an das Blubbern in einem Kupferkessel erinnerten. Ich hatte wenig geschlafen, aber die offensichtliche Verschlimmerung seines Zustands ließ mich das alles vergessen. Ich war hellwach und tat, was ich konnte. Immer wieder griff ich nach seiner Hand, die im Gegensatz zu meiner wie die eines Kindes wirkte. Ich wollte ihm zeigen, dass ich da war, dass ich ihn nicht im Stich gelassen hatte – aber vielmehr nutzte ich diese Berührungen, um nach seiner Lebensflamme zu suchen. Sie war noch in ihm und brannte, stemmte sich gegen die Böen, ganz so, als hätte er noch eine Aufgabe. Ich verstand es nicht. Was war es, das Meister Joacim noch am Leben hielt? Warum klammerte er sich mit dieser Inbrunst an eine Welt voller Leid und Schmerz?

»Charlie …?«

Seine Stimme war dünn und brüchig, kaum mehr als ein kratzendes Geräusch, das zwischen den rasselnden Atemzügen unterging.

»Ja, Meister. Ich bin hier«, keuchte ich und beugte mich vor. Seine Augenlider öffneten sich schwerfällig, sie flatterten, den Pupillen fehlte der Glanz. Er brauchte drei lange Atemzüge, um mich in den Schemen vor seinen Augen zu erkennen. Ein Lächeln glitt ihm über das eingefallene Gesicht und ich wusste, dass ihn diese Regung viel Kraft kostete.

»Da bist du ja, Junge.«

»Ich war die ganze Zeit hier.«

»Danke«, nuschelte er und schloss wieder die Augen.

Einen Herzschlag lang glaubte ich, dass dies seine letzte Regung war, dass es genau dieser Dank war, den Joacim noch aussprechen musste, bevor er endlich gehen konnte. Doch dann spürte ich seine knochigen Finger in meiner fleischigen Hand zucken.

»Was ist es, Meister? Was kann ich tun?«

»Der Anker, Junge.«

Ich legte die Stirn in Falten. Joacim war sein ganzes Leben lang auf der Suche nach dem Anker gewesen. Dem schicksalhaften, mystischen Ort, an dem die Welt, wie wir sie heute kennen, ihren Ursprung genommen hatte. Es muss ihn rasend gemacht haben, dieses eine Geheimnis nicht lüften zu können.

»Was ist damit?«

»Es gibt ihn! Es gibt ihn wirklich, Junge!«

Er hatte die Augen weit aufgerissen und fixierte mich. Ein Teil des alten Feuers, des eisernen Willens, war zurück und brannte darin.

»Nur Narren würden daran zweifeln, Meister«, versicherte ich ihm. »Irgendwo im Wolkenmeer liegt er. Das wissen wir alle.«

»Sparrow … Sparrow kannte die Antwort«, wisperte Joacim. »Er kannte den Weg.«

Ich blinzelte verständnislos, merkte, wie mein Mund trocken wurde. War etwas an seinen Worten oder war es das wahnhafte Gerede eines Sterbenden, geplagt von den Echos seiner tiefsten Wünsche?

»Sparrow?«, wiederholte ich. »Ich verstehe nicht …«

»Alice Sparrow. Er kannte den Weg.«

Für den Bruchteil eines Moments hatte ich das Verlangen, den alten Mann zu schütteln, um aus seinen Worten klug zu werden.

»Meister! Ich verstehe nicht! Woher … Wie …?«

»Ich habe die ganze Zeit nach dem falschen Geheimnis gesucht, Junge.« Meister Joacim lachte kratzend und das Lachen ging in einen neuerlichen Hustenkrampf über. Erneut suchte ich Blickkontakt, doch seine Augen waren weiterhin klar, frei von Wahn.

»Wenn Ihr … wenn Ihr etwas wisst, Meister, dann …« Ich verstummte. War das der Grund, warum er sich so lange an das Leben geklammert hatte? Hatte er selbst im Tode noch ein Enigma entziffert und wollte mir die Lösung verraten? Unwillkürlich rückte ich näher an ihn heran, schob mein Ohr dicht an seinen Mund, um kein Wort zu überhören.

»Ich habe …«, begann er und schüttelte sich unter Krämpfen. »Ich habe nach einem Lebenden gesucht. Aber jetzt – jetzt ist mir klar: Es geht nicht um einen Lebenden. Sparrow hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen.«

Joacim lächelte breit und ich kannte diese Regung. Er zeigte sie selten, immer nur dann, wenn er in den Besitz eines großen Geheimnisses gekommen war. Doch was für ihn, der sein ganzes Leben mit der Suche nach dem Anker verbracht hatte, klar sein mochte, entzog sich meinem Verstand.

»Toten kann man keine Geheimnisse entlocken, Meister«, murmelte ich. »Das liegt jenseits unserer Gaben.«

»Deshalb sollst du mir ja jetzt zuhören, Charlie.«

Seine Stimme, so kraftlos sie auch sein mochte, hatte den gestrengen Unterton, den ich in der Vergangenheit genau zu erkennen gelernt hatte. Und ich verstand. Joacims Kraft schwand, seine Zeit war begrenzt, und wenn ein junger Tölpel wie ich ihm andauernd ins Wort fiel, ihn unterbrach, würde er sein Geheimnis unweigerlich mit ins Grab nehmen. Also nickte ich.

»Wenn du den Anker suchst, dann ist Alice Sparrow der Schlüssel. All die Jahre bin ich von Insel zu Insel geflogen und habe ihn gesucht. Und je größer die Rückschläge waren, umso mehr sah ich es als Mythos an. Als ein Gespenst, an dem ich meine Zeit verschwendete.« Er seufzte wehmütig und schloss mehrere Atemzüge lang die Augen. Nachdem er genug Kraft gesammelt hatte, sprach er weiter. »Nur eine Insel habe ich nie angesteuert. Exoria. Dort wirst du ihn finden.«

Exoria. Die Insel der Toten. Ein riesiger Friedhof, der ein Stück unterhalb der Arche in den Wolken und in ewigem Schatten lag. Exoria war tabu. Kein Lebender hatte die Insel betreten und lange genug überlebt, um davon zu berichten. Ein Blitz durchzuckte meine Gedanken. Welchen besseren Ort gab es, um ein Geheimnis zu verstecken?

»Aber …«, begann ich und beendete mein Vorhaben, ihn nicht mehr zu unterbrechen. »Aber wenn Alice Sparrow dort ist, ist er tot. Dann nützen seine Geheimnisse nichts.«

»Hast du denn in all den Jahren nichts gelernt?«, jammerte Joacim. »Geheimnisse können sich überall verstecken. Menschen können sie tragen und durch sie Macht erlangen. Aber viel öfter werden sie niedergeschrieben. In Stein gehauen. Für den nächsten Mutigen bereitgehalten.«

»Dann liegt das Geheimnis des Ankers in seiner Grabkammer verborgen?«

»Das hoffe ich«, keuchte Joacim. »Das hoffe ich sehr.«

Ich hob den Kopf. Durch das Fenster fiel das erste Licht des Tages. Es brannte in meinen Augen und erinnerte mich daran, wie müde ich doch eigentlich war. Der Schlafmangel der letzten Tage, das andauernde Sitzen auf dem viel zu kleinen Stuhl und nicht zuletzt die Informationen der vergangenen Minuten sorgten dafür, dass sich alles in meinem Kopf drehte. Ich war mir sicher: Wenn ich die Augen in diesem Augenblick schloss, würde mir nicht nur schwindelig, sondern speiübel werden. Ein Brummen kam mir über die Lippen, dann räusperte ich mich. »Wenn Ihr wollt, Meister, dann gehe ich nach Exoria.« Ich senkte meinen Kopf wieder, suchte Zustimmung in den Augen meines Meisters.

Doch sein Blick war leer, starrte an mir vorbei, seine Hand wurde schlaff. Auf seinen Lippen hatte sich ein letztes Lächeln gelegt. Und meine Augen füllten sich mit Tränen.

Es war ein trüber, nebliger Tag. Er wollte zu meiner Stimmung passen, nicht aber zur Sonnzeit, in der die Arche eigentlich dahintrieb. Hatten sich die Wolken in den letzten Tagen mit dem Morgengrauen immer wieder geöffnet und uns den blauen Himmel beschert, so blieben sie an diesem Tag geschlossen. Ein abergläubischer Mensch hätte dies vielleicht als ein Zeichen – und ganz sicher nicht als gutes Omen – interpretiert, doch jeder hier oben in der Akademie wusste es besser. Das Wetter war ein Mysterium für sich, das zu verstehen mehr als eine Lebensspanne Studium bedurfte – aber es hatte nichts mit Vorzeichen zu tun.

Während sich die Geheimnisträger allesamt schweigend auf der Terrasse versammelten, um Joacim die letzte Ehre zu verweisen, legte ich den Kopf in den Nacken. Die Sonne war nur als fahler Punkt zwischen den Wolken zu erkennen. Wie sich Joacim diesen Tag gewünscht hätte? Hatte er sich überhaupt Gedanken darum gemacht? Ich atmete die frische, klare Luft durch die Nase ein und mit ihr breitete sich Entspannung aus. Mittlerweile waren sie alle da. Auf der Terrasse, auf den alten, wunderschönen Mosaiken standen sie so ordentlich, wie ich sie in all den Jahren noch nicht erlebt hatte. Geheimnisträger und ihre Lehrlinge in engen Reihen zu beiden Seiten. Scholaren in langen Roben neben Gestalten in einfachen Kleidern. Trotz der Ernsthaftigkeit der Situation konnte ich mir nur schwer ein Lächeln verkneifen. Das alles erinnerte an eine Parade des Militärs, wirkt getragen und förmlich. So sehr viele der Geheimnisträger bei Fragen, die die Welt betrafen, doch uneins waren und oft Jahre, manchmal gar Jahrzehnte erbittert stritten und diskutierten: Sie hatten Anstand. Ich hingegen wusste in diesem Moment nicht, was man von mir verlangte. Sollte ich lächeln? Sollte ich weinen? Sollte ich keine Miene verziehen? Kurzum: Die ganze Situation überforderte mich zunehmend. Noch nie in meinem Leben war ich mir so fehl am Platz vorgekommen, wie an diesem Morgen. Ich spürte, wie mich die Blicke der Versammelten streiften.

»Alles in Ordnung, Junge?«

Es war Gurney, der da zu mir gesprochen hatte. Er stand neben mir, war mehr als doppelt so alt wie ich und kein Geheimnisträger, weswegen ihn jeder in der Akademie argwöhnisch begutachtete. Doch wo ich hinging, da musste auch Gurney hin. So war es der Wunsch meiner Mutter gewesen, damals, als Joacim mich mit auf sein Schiff genommen und zur Arche gebracht hatte. Vielleicht hatte sie dem graubärtigen Geheimnisträger nicht getraut, vielleicht wusste sie auch, dass es für Gurney das Beste gewesen war, die Heimat zu verlassen.

Gurney war kein schlechter Mensch, zuweilen aber störrisch und streitsüchtig, und diese Eigenarten hatten ihm mehr als ein paar blaue Flecken eingebracht. Soviel ich verstanden hatte – in all den Jahren hatten wir nie darüber gesprochen – stand er meinem Vater nah und schuldete ihm etwas. Und nachdem der Sturm, der Grendal, meinen Vater zu sich genommen hatte, ging diese Schuld wohl auf meine Mutter über. Gurney war am Anfang also Kindermädchen gewesen, später Aufpasser. Der Umstand, dass ich natürlich auch älter geworden war und selbst auf mich aufpassen konnte, zählte für ihn nicht. Er war eben ein Sturkopf, und ein Mann, der zu seinem Wort stand. Jetzt jedenfalls legte er seine Hand auf meinen Rücken und sah mich durchdringend an. Ich schluckte und strich mir eine Träne von der Wange.

»Ja, Gurney. Ich schaffe das.«

»Gut, Junge. Du hältst dich tapfer. Er wäre stolz auf dich.«

Ich nickte nur und lächelte schief, doch allein die Andeutung reichte für die nächsten Tränen aus.

»Wir stammen von Thumbria, Junge«, flüsterte er. »Wir sind stolz und mutig. Zeig ihnen nicht, dass du schwach bist.«

Für einen Mann wie Gurney war das einfach gesagt. Er hatte sein ganzes Leben nichts anderes getan, als Streit zu suchen und diesen in den meisten Fällen auch zu gewinnen. Ich hingegen war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Zwist war mir ein Graus und Gewalt verabscheute ich. Wie konnte diese Welt eine bessere werden, wenn wir uns der Gewalt hingaben? Eine Ironie des Schicksals. Da stammte ich von Thumbria, einer Insel, die im Wolkenmeer für ihre zähen Bewohner bekannt war und erinnerte eher an einen Bären, als an einen Schwächling. Und dann steckte ein solches Wesen in meiner Brust.

»Das werde ich, Gurney«, versicherte ich ihm und reckte die Schultern.

Er nickte, war offenbar zufrieden und strich eine Falte seines Kilts glatt. Gurney trug, wie an jedem anderen Tag auch, die klassische Tracht Thumbrias, einen Kilt aus schwerem Stoff, einen Überwurf aus dem gleichen Material und ein ausgeblichenes Hemd. Auf dem Kopf eine breite Mütze mit einem prächtigen Bommel in der Mitte. An diesem Tag jedoch war die Kleidung so sauber, wie es eben ging, die roten Quadrate auf seinem dunklen Kilt leuchteten kräftig. Er hatte sich sogar den Backenbart gestutzt. Gurney hatte nie eine besondere Verbindung zu Joacim gehabt, aber er wusste, was sich gehörte. Ich hatte mir ein Beispiel an ihm genommen, vor allem deswegen, weil ich selbst kaum in der Lage gewesen war, einen klaren Gedanken zu fassen.

Mein Kilt trug die Farben meiner Familie, eine Mischung aus grünen und blauen Karos auf Schwarz, dazu ein schneeweißes Hemd. Auf einen Überwurf hatte ich verzichtet, die Ärmel waren bis zu den Ellbogen hochgekrempelt – mir war erst viel zu spät aufgefallen, wie unpassend meine Angewohnheit bei einem solchen Anlass war. Aber da war es bereits zu spät, die Ärmel verknittert und ich beließ sie, wo sie waren.

Im Gegensatz zu Gurney trug ich ein Schiffchen auf dem Kopf. Es saß ein wenig schräg, zwei dunkle Bänder flatterten im Wind. Gurney und ich hätten verschiedener nicht sein können, und das betraf nicht nur unsere Wesen. Er war einen halben Kopf kleiner als die meisten Männer, hatte breite Schultern, kräftige Arme und einen Blick, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Ich hingegen war mit mehr als zwei Schritten Körperhöhe größer als die meisten der Versammelten. Trotz aller Ratschläge und Flüche von Gurney hatte ich mich nie dafür interessiert, meinen Körper zu stählen – und mein gesunder Appetit wiederum hatte mir mehr als nur ein paar Stein zu viel Gewicht beschert. Daher war es schlicht unmöglich, an einem Tag wie diesem nicht aufzufallen.

»Es ist so weit«, räusperte sich Gurney und nickte zur anderen Seite der großen Terrasse. Dort schob sich etwas durch den Wolkenschleier heran. Zuerst war es nur ein dunkler Schatten, dann durchbrach das Schiff die Wolkendecke und glitt an den Steg heran. Schon oft in meinem Leben hatte ich die Wolkenschiffe mit den schwarzen Segeln gesehen, doch jetzt und hier spürte ich, wie sich etwas eisig um mein Herz legte und mir gleichzeitig die Luft zum Atmen nahm. Die gespenstischen Schiffe brachten die Toten nach Exoria. Ein letztes Mal also sollte sich Joacim auf die Reise begeben.

»Es geht los, Junge«, murmelte Gurney und wechselte die Position. Wir standen an Joacims Sarg, einer schmucklosen Kiste aus einfachem, unbehandeltem Holz. Er hatte sich Zeit seines Lebens nicht viel aus Prunk gemacht und so war es auch im Tode. Gurney ging auf die andere Seite des Sargs und umfasste den Griff, am Rascheln von Stoff erkannte ich, dass die anderen vier Lehrlinge es ihm gleichtaten. Meine Hand zitterte, doch ich zwang mich ebenfalls dazu zuzugreifen. Behutsam hoben wir den Sarg an, dann begann der letzte Gang. Ich weiß nicht, wie ich es schaffte. Mein Blick war nur geradeaus gerichtet, Leere in meinem Kopf und Trauer in meinem Herzen. Ich hatte keinen Blick für die Versammelten, starrte auf das schwarze Schiff, das ein Stück oberhalb des Stegs schwebte. Das Fallreep senkte sich herab und eine Gestalt in schwarzer Kutte, das Gesicht von einer Kapuze verborgen, marschierte herab, gefolgt von vier kräftigen Burschen mit blasser Haut.

Mit jedem Schritt wurde der Kloß in meinem Hals fetter. Irgendwann erreichten wir das Ende der Terrasse und der unerträgliche Spießrutenlauf neigte sich dem Ende entgegen. Die Gestalt in Schwarz erwartete uns reglos, die Hände in die Ärmel ihres weiten Gewandes gesteckt und vor der Brust verschränkt. Der Nekropath versperrte uns den Weg und machte deutlich, dass das Schiff für uns tabu war. Wir ließen den Sarg langsam zu Boden. Unter der Kapuze des Nekropathen war kein Gesicht zu erkennen, aber ich spürte seinen Blick.

»Nimm Abschied, Charlie«, raunte mit Gurney zu. Der Fährmann jagte selbst dem alten Haudegen Respekt ein. Ich schluckte schwer und wandte mich dem Sarg zu.

»Leb wohl, Meister.« Mein Mund stand offen, während ich darüber nachdachte, was ich ihm sagen, was ich ihm wünschen konnte. »Möge deine Überfahrt ruhig verlaufen und mögest du Ruhe im Exil finden.« Ich hielt inne, holte tief Luft. »Danke. Danke, dass du dagewesen bist.«

Einen Augenblick stammelte ich, dann aber schloss ich den Mund, kniff die Augen zusammen und machte einen Schritt rückwärts. Sogleich schwärmten die kräftigen Burschen des Nekropathen herbei, hoben den Sarg an, als hätte er kein Gewicht und trugen ihn das Fallreep hinauf. Der Fährmann hingegen blieb reglos stehen und ich spürte seinen stechenden Blick. Erst als der Sarg unter Deck gebracht worden war, drehte er sich wortlos um und schritt zurück auf das Totenschiff. Das Fallreep wurde eingezogen und mit einem Knarren der Taue und einem sanften Knattern der Segel legte das Schiff ab. Ich verharrte und wartete, bis die Wolken es verschluckt hatten.

»Brauchst du noch Zeit?«

Ich zuckte zusammen. Gurney war wieder neben mich getreten, stand dort mit verschränkten Armen und starrte hinaus in die Wolken.

»Ich weiß es nicht«, gestand ich mit flüsternder Stimme.

»Davon wird es auch nicht besser«, erklärte er und klopfte mir auf den Oberarm. »Trauer ist eine gute und zugleich eine üble Sache. Sie erinnert uns daran, was wichtig war. Aber wir können uns auch in ihr verlieren.«

Unsere Blicke trafen sich und ich verstand, was er meinte.

»Mit dir an meiner Seite wird das wohl kaum passieren.«

»Du bist alt genug«, lächelte Gurney schwach. »Aber deine Mutter dreht mir den Hals um, wenn sie erfährt, ich hätte zugelassen, dass dich die Trauer erstickt.«

Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und schaffte es sogar wieder, ehrlich zu lächeln. Joacim hatte eine Lücke in mir hinterlassen, aber jetzt, da sein Sarg auf dem Weg zur letzten Ruhestatt war, schien es mir, als wäre ein bitterer Knoten in mir geplatzt.

»Das würde sie«, pflichtete ich ihm bei und streckte mich. In diesem Moment knurrte mein Magen. Ich warf ihm einen weiteren Blick zu. »Ich habe Hunger.«

»Und ich dachte schon, du fragst nie, Junge«, brummte er erleichtert. »Weißt du, auf Thumbria veranstalten wir nach dem Tod eines lieben Menschen ein großes Gelage. Wir fressen und saufen, bis die Trauer erdrückt ist. Genau danach ist mir!«

»Vielleicht nicht ganz so überschwänglich, Gurney. Aber die Richtung stimmt.«

Jemand klopfte hinter uns mit einem Stab auf das Mosaik und ich drehte mich um. Es waren Keylen, Janara und Liccio – die drei ältesten Geheimnisträger, die die Akademie besaß. Ihr Wort war Gesetz, sie gaben den Kurs vor. Und ihr ganzes Verhalten, ihre strengen Blicke und ihre Körpersprache sorgten dafür, dass man immer das Gefühl hatte, einen Fehler gemacht zu haben. Genau so ging es auch mir in diesem Moment. Was war? Wie viel hatten sie von unserem Gespräch gehört? Oder gab es etwas anderes, jetzt, da Joacim nicht mehr da war?

»Charlie Mooreland?«, fragte Meisterin Janara.

»Ja?«, fragte ich unsicher und senkte den Kopf.

»Wir bedauern den Tod deines Meisters sehr. Seine mahnende Stimme und sein kluges Wesen werden der Akademie fehlen«, sprach Liccio, ein augenscheinlich blinder Weißbart.

»Doch jeder Tod ist auch der Beginn von etwas neuem«, führte Meister Keylen aus. »Aus dem Baum, der stirbt, sprießen neue Pflanzen. Jedes Leben wird zu Erde und Staub, nur um wieder neuen Nährboden zu geben.«

»Joacim hat uns über deine Ausbildung unterrichtet, Charlie. Und du warst schon lange weit genug. Erfahren genug, um kein Lehrling mehr zu sein«, sprach Meisterin Janara weiter.

»Und so ist es bei uns Brauch«, schnarrte der blinde Liccio, »dass ein Lehrling mit deinen Talenten nach dem Tod seines Meisters seinen Platz einnimmt. Du hast dich als würdig erwiesen. Du suchst die Geheimnisse und wenn du sie gefunden hast, bewahrst du sie.«

»Und damit hast du alles«, sagte Keylen, »um dich von nun an auch wahrhaftig ›Geheimnisträger‹ zu nennen. Es ist uns eine Ehre, Meister Mooreland.«

Die drei nickten gleichzeitig und alles, was ich tun konnte, war zu blinzeln. Mein Verstand war nicht in der Lage zu begreifen, was passiert war. Ich hatte von der Prozedur gehört, aber nie angenommen, dass sie auf mich zutraf. »Ich … ich danke euch …«, keuchte ich. Die Meister wandten sich um, entfernten sich gemessenen Schrittes.

»Wundervoll!«, brummte Gurney, als sie außer Hörweite waren. »Jetzt darf der Bengel sich auch noch Meister nennen!«

Das Medaillon

Noemi

Das Blut des Mannes klebte an meinen Händen. Und auf dem Boden. Und wenn ich es genau nahm, auch auf dem Stuhl, an den er gefesselt war. Aber da es weder mein Stuhl, noch mein Boden war, konnte es mir egal sein.

Meine Hände hingegen reinigte ich mit einem feuchten Lappen, der über einem zerbeulten Metalleimer hing. Das Wasser im Eimer roch abgestanden, doch es entfernte die rote Flüssigkeit von der Haut.

»Warum tun Sie das?«, stotterte der Mann vor mir. Blut lief ihm aus dem Mundwinkel. Er hustete immer wieder, bekam kaum Luft.

»Ich brauche Informationen und Sie sind scheinbar der Einzige, der sie mir geben kann.« Ich trat in das Licht der Laterne, die auf dem Tisch neben dem Mann stand. Sie flackerte, als ein Windhauch durch das gebrochene Fenster drang.

Ich mochte diese Fabrikhalle. Sie befand sich auf dem Unterdeck und daher weit abgelegen von der nächsten Wohneinheit. Niemand hörte sie – nennen wir sie mal Interviewpartner – schreien. Niemand rief die Wachen. Und ganz sicher unterbrach mich niemand.

»Noemi, kannst du dich beeilen? Wir haben eine Verabredung zum Mittagessen mit dem Leiter der Segelakademie.«

Ich verdrehte die Augen. Außer Trent. Mein Assistent, der dafür sorgte, dass ich meine Termine einhielt und keinen verpasste. Er war meine gute Seele. Eine mit einigen schwarzen Flecken, aber eine gute Seele.

»Ein paar Minuten wird er warten können. Immerhin will er etwas von uns und nicht anders herum«, erwiderte ich und griff nach einem Messer, das neben der Laterne lag. Es blitzte im Schein der Flamme und blendete meinen Interviewpartner. Er wandte den Blick ab.

»Ich frage dich ein letztes Mal: Wieso hast du das Medaillon erkannt?« Zur Erinnerung hielt ich ihm das runde Stück Metall vor das Gesicht. Seitdem ich denken konnte, trug ich es um den Hals. Es war schon immer in meinem Leben gewesen. Selbst als ich zeitweise auf den Straßen des Unterdecks gelebt hatte, war es mein einziger Besitz gewesen, von dem ich mich nie getrennt hatte.

Doch ich hatte keineswegs herausgefunden, woher es stammte oder was es bedeutete. Es ließ sich nicht öffnen, es gab keine Zeichen oder Haarbüschel, die darin eingefasst waren. Nur ein paar Kratzer auf der Rückseite und eine detaillierte Gravur in Form eines Segelschiffs auf der Vorderseite. Jedoch keines, wie ich es je gesehen hatte. Es war ein Dreimaster mit den üblichen Aufwindsegeln, um zwischen den Inseln hindurchzufliegen. Doch abgesehen davon war das Schiff breiter und stämmiger als jedes andere der Flotte der Arche.

Der Mann, dem ich das Medaillon vor die Nase hielt, wollte jedoch nicht reden. »Es sah hübsch aus. Ich habe es nicht erkannt.«

Ich schüttelte den Kopf und rammte ihm das Messer in den kleinen Finger. Der Schrei dröhnte in meinen Ohren, aber ich wandte mich nicht ab. »Du sagtest, es wäre ein schönes Familienerbstück. Woher weißt du, dass ich es von meiner Familie habe?«

Der Mann verwickelte sich in Widersprüche, seitdem ich mich mit ihm unterhielt. Ich hatte ihn auf dem Schrottmarkt des Unterdecks getroffen. Er hatte versucht, mir minderwertige Segeltücher zu verkaufen. Beim ersten stärkeren Wind wären sie gerissen, hätten erst recht keinen Grendal überstanden. Und mein Kunde verlangte explizit nach Stoffen, die sogar einen der berüchtigten Stürme aushalten würden.

»Es war geraten. So wie Sie es tragen …« Der Mann wurde von einem Hustenanfall geschüttelt und brauchte ein paar Momente, um sich zu fangen. »… ging ich davon aus, dass es ein Familienerbstück wäre.«

Erneut schüttelte ich den Kopf und steckte das Medaillon zurück in meine Westentasche. Dort war es vorerst in Sicherheit. Später würde ich es um meinen Hals hängen. Das vertraute Gewicht fehlte mir sonst. »Nicht einmal ich weiß, woher ich das Medaillon habe. Und bei allen Weisen dieser verfluchten Inselwelt: Sie wissen es, also raus mit der Sprache!«

Der Mann biss die Lippen aufeinander und legte den blutigen Kopf schräg. In den zugequollenen Augen blitzte es für einen Augenblick auf, ehe die Flamme der Laterne seine Aufmerksamkeit wieder in eine andere Richtung lenkte.

»Sie glauben an die Weisen?«, fragte er unter Anstrengung.

Ich rümpfte die Nase. »Die Weisen sind die einzig wahre Religion. Sie haben uns jahrhundertelang gerecht angeführt und sind die wahrhaftigen Herrscher der Welt.« Die Hitze meines Glaubens stieg mir zu Kopf und brannte auf meiner Haut. »Die Weisen haben für Frieden gesorgt und die Insel vor dem Bruch stark und klug regiert.«

Ein Lächeln huschte über die blutigen Lippen meines Interviewpartners. »Ehre sei den Weisen.«

Erstaunt zog ich das Messer aus seinem Finger und richtete mich auf. »Ehre sei den Weisen«, erwiderte ich den Gruß. »Sind Sie ein wahrer Gläubiger oder wollen Sie mich nur um den Finger wickeln, damit ich Milde walten lasse?«

Trent stellte sich neben mich und zeigte mir seine Taschenuhr. Ich wedelte mit der Hand, scheuchte ihn davon. Das Gespräch wurde gerade interessant, da wollte ich nicht gestört werden.

»Ein wahrer Gläubiger«, sagte er mit fester Stimme. Er wandte den Blick nicht ab, hielt meinem stand. Das konnten nur wenige von sich behaupten. Die meisten wagten es nicht, mir länger in die Augen zu schauen. Sie behaupteten, in ihnen läge das Feuer der Verderbtheit.

Ich schnaubte. In mir brannte nur ein einziges Feuer. Und das war das für meinen Glauben. Kein Mann, kein Essen und auch keine Liebe konnten mit dieser Leidenschaft mithalten.

Und genau weil er mir in diesem Moment in die Augen sehen konnte, wusste ich, dass er log. Zur Strafe rammte ich ihm das Messer in den Oberarm. Niemand durfte den Glauben ausnutzen.

Ich ließ die Klinge stecken, solange er schrie. Währenddessen ging ich zu Trent und nahm ihm die Taschenuhr aus der Hand, die er mir ständig unter die Nase hielt. »Wir holen die Zeit auf dem Weg zum Oberdeck wieder auf.« Ich warf die Uhr in hohem Bogen durch die leerstehende Fabrik. Sie schlug in einiger Entfernung auf dem Metallboden auf und verursachte ein dumpfes Kullern, das sogar das Jammern meines Interviewpartners übertönte.

»Es ist ein Frevel, dem Glauben der Weisen nur in einem opportunistischen Augenblick zu folgen. Nur die wahren Gläubigen werden ihre Macht und Güte erfahren.« Ich schlenderte zurück zu dem Mann und stellte mich vor ihn. »Und du wirst mich nicht anlügen. Hast du das verstanden?«

»Zieh es heraus, zieh es raus!«, winselte er, als ich mich vor ihn beugte.

»Oh, das würde ich mir an deiner Stelle nicht wünschen.« Amüsiert strich ich mit dem Finger über den ledernen Griff des Messers. »Ich habe deine Hauptarterie getroffen. Alles was zwischen deinem Leben und einer verdammt großen Blutlache auf dem Boden steht, ist dieses Stück Stahl.«

Die Farbe wich aus dem Gesicht des Mannes. »Das ist nicht Ihr Ernst!« Seine Stimme versagte und er versteifte sich.

»Wenn es um die menschliche Anatomie geht, mache ich niemals Scherze. Sie haben zwei Möglichkeiten.« Ich stützte mich mit den Händen auf den Armlehnen seines Stuhls ab und kam ihm so nahe, dass ich die Poren auf seiner Nase hätte zählen können. »Sie können mir sagen, was ich wissen möchte und rechtzeitig zu einem Arzt kommen. Oder ich ziehe das Messer raus und werde mir die etwa dreißig Sekunden Zeit nehmen, um Ihnen beim Ausbluten zuzuschauen.« Ich ruckte mit dem Kopf in Trents Richtung. »Dann ist mein Assistent auch glücklich, weil ich meinen Termin einhalten kann.«

Trent schnaubte einige Schritte hinter mir, enthielt sich aber ansonsten eines Kommentars.

»Wie entscheiden Sie sich?«, fragte ich und ließ meinen Interviewpartner nicht aus den Augen.

Der Schweiß auf seiner Stirn floss, vermischte sich mit den Tränen und dem Blut auf seinen Wangen. Ich hob meine Hand und wischte mit dem Daumen eine einzelne Träne weg.

Er schluchzte laut und begann zu zittern. »Verdammt noch mal!«, brüllte er. »Was interessiert Sie so ein dämliches Medaillon?«

»Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Was wissen Sie darüber?«

Für einen Moment wirkte es so, als ob er nicht antworten wollte. Doch schließlich sackte er mit einem tiefen Schluchzen in sich zusammen. »Ich habe nicht gelogen. Zumindest nicht vollständig.« Er zuckte, als er den Arm bewegte.

»Ich bin ganz Ohr.«

»Mein Vater war ein Anhänger der Weisen und hat auch versucht, mich zu einem zu machen. Aber ich gebe nichts auf Religion.« Er schnaufte und blinzelte, als ob er mich nicht mehr richtig sehen konnte.

Ich gab ihm eine Ohrfeige, so dass er die Augen aufriss. »Weiter!«, zischte ich.

»Er erzählte mir vom Anker und der Legende um die verschollene Insel. Vollkommener Blödsinn«, zischte er. »Eine Insel, die niemand finden kann und auf der die Geheimnisse der Weisen versteckt liegen?«

Ich hob erneut die Hand, um ihn zu schlagen. Der Mann holte tief Luft und biss die Zähne zusammen, duckte sich, so gut er konnte. »Er erzählte mir etwas von einem Medaillon, auf der die Form der Insel vermerkt sein soll. Es wurde angeblich nach dem Bruch vom Obersten der Weisen an seinen Sohn gegeben, der gerettet werden konnte, ehe die Welt auseinanderbrach. Gekennzeichnet ist der Anhänger mit einem Segelschiff.«

Ich lachte. »Davon gibt es Tausende auf der Arche. Warum sollte ausgerechnet mein Medaillon diese Karte enthalten? Und hätte ich dann nicht wissen müssen, was es ist?«

Mein Interviewpartner leckte sich über die Lippen und durchbrach damit für einen Augenblick den Blutfluss. »Aber das Segelschiff …«, er deutete mit dem Kopf auf meine Tasche, »… ist anders, nicht wahr?«

Ich stieß mich von dem Stuhl ab und legte den Zeigefinger auf seinen Mund. Der Mann hatte recht. Als er mich während unseres Verkaufsgesprächs angesprochen hatte, war ich zunächst verwirrt gewesen. Das Medaillon war aus meiner Bluse gefallen, unter der es normalerweise hing. Mein Interviewpartner hatte es bewundert und genauer betrachtet. Dabei war ihm der Satz entwichen, wegen dem er vor mir saß.

Niemand hatte mich in den letzten Jahren darauf angesprochen. Zumindest nicht auf diese Art. Es war ein Gefühl, das in meinem Bauch angefangen hatte und inzwischen meinen gesamten Körper ausfüllte.

Der Verkäufer wusste mehr über das Medaillon. Meine Neugierde war geweckt worden. Also hatte ich ihn hergelockt.

Nun wollte er mir weismachen, dass ich das Erbstück eines einstigen Obersten der Weisen bei mir trug? Ich zog das Schmuckstück hervor. Hatte dieses Metall die Haut eines Weisen berührt? Die Ehrfurcht breitete sich in meinem Herzen aus und ließ mich den Anhänger mit anderen Augen sehen. Wenn das wirklich stimmte, war es eine Reliquie meines Glaubens. Andere würden dafür morden, um an die geheimen Schriften zu gelangen, die im Tempel der Weisen liegen sollten. Und dieser Tempel sollte sich auf der Insel Anker befinden.

»Trent?«, rief ich meinen Assistenten. Sofort eilte er zu mir. »Glaubst du ihm?«

»Er hat keinen Grund zu lügen. Du hast eindrucksvoll bewiesen, was du von Unwahrheiten hältst.« Er wedelte mit seiner dürren Hand im Kreis. »Was mich zu dem Schluss führt, dass er die Wahrheit sagt. Was sie allerdings für dich bedeutet, musst du selbst herausfinden.«

»Danke. Ich werde dich wissen lassen, ob mich seine Erklärung zu Tränen rühren wird.« Ich stieß ihn davon. »Los, such deine Taschenuhr und lass mich einen Moment mit ihm alleine.«

Trent murmelte etwas, das ich nicht verstand, während er das Licht verließ und in der Fabrikhalle verschwand.

Mein Interviewpartner zitterte schlimmer als ein Segeltuch bei einer Brise aus dem Osten. Trent hatte recht: Dieser Mann hatte keinen Grund zu lügen. Und ich kannte die Legende um das Wissen der Weisen. Angeblich sollte es in einem Tempel auf dem Anker verborgen sein. Aber ich hatte noch nie von dem Medaillon gehört, das die Form vom Anker darstellte. Die Kratzer auf der Rückseite, dachte ich. Ich brauchte Sicherheit. Und der Verkäufer war der Einzige, der sie mir liefern konnte. Zumindest, wenn er leben wollte.

»Was genau soll es darstellen?« Ich hielt das Schmuckstück an der Kette vor seiner Nase. »Was ist das für ein Segelschiff? Und wie kann ich mehr dazu herausfinden? Lebt Ihr Vater noch?« Die Fragen sprudelten aus mir heraus, während ich dem Mann näherkam. Er zuckte zusammen, als ich bis auf wenige Zentimeter an sein Gesicht herankam.

»Er lebt nicht mehr, ist vor Jahren gestorben und hat all sein Wissen mit ins Grab genommen. Auch seine Kollegen, mit denen er sich ab und an getroffen hat, leben nicht mehr.«

»Scheiße!«, brüllte ich und trat gegen den Eimer. Das konnte nicht sein. Warum hatte er mir erst Hoffnungen gemacht, wenn ich doch ohne Informationen nach Hause gehen würde? Wieso hatte er es erwähnt, wenn er nichts wusste?

Ich atmete einmal tief durch, lockerte meine Fäuste und baute mich mit verschränkten Armen vor ihm auf. »Es sind alle tot?«, hakte ich nach.

Der Mann nickte, zögerte und schüttelte den Kopf. »Bis auf den Schankwart, bei dem sie sich immer getroffen haben.«

»Wie lautet der Name der Gaststätte?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht mal, ob er wusste, worüber mein Vater gesprochen hat. Vielleicht weiß er gar nichts«, stotterte der Verkäufer, der auf einmal einen Rückzieher machen wollte, aber das ließ ich nicht zu. Ich klammerte mich an jedes noch so kleine Tau.

»Das werde ich herausfinden, wenn ich ihm einen Besuch abstatte.« Ich legte eine Hand an den Dolch. »Name?« Langsam wurde ich ungeduldig.

»Der segelnde Anker«, gab mein Interviewpartner schließlich nach.

»Wie passend für so ein Treffen. Muss ich noch etwas wissen? Haben Sie mir etwas verschwiegen?« Unsere Nasenspitzen berührten sich fast. Der Geschmack seiner Angst legte sich auf meine Zungenspitze, als ich mir damit über die Lippen fuhr. Ich liebte es, wenn die Menschen nachgaben und sich meinem Willen beugten.

»Das ist alles, was ich weiß. Ich schwöre es bei meiner Ehre als Geschäftsmann.«

Einen Moment lang studierte ich seine Mimik, suchte nach Anzeichen für eine Lüge, fand jedoch keine. Ich stieß mich vom Stuhl ab und drehte ihm den Rücken zu. Seine Ehre als Geschäftsmann war in etwa so viel wert, wie ein Taschentuch bei einem Grendal. Sobald man es aus den Augen ließ, suchte es sich eine neue Heimat.

»Trent?«, rief ich in die Dunkelheit hinein.

»Ja, Noemi?« Die Stimme war weiter von mir entfernt, als ich erwartet hatte und ich wandte mich in seine Richtung. Die unbeleuchtete Fabrikhalle auf dem Unterdeck war so rabenschwarz wie die Nacht selbst. In den Ecken konnten Obdachlose hocken, die uns stumm zuschauten. Oder Krabbler, die nur darauf warteten, dass wir verschwanden. Dieses Gewürm wollte vermutlich ihre übliche Kundschaft an der Außenseite der Insel hinauf zum Oberdeck bringen, um sich ein paar Münzen zu verdienen. Ich hingegen würde den Aufzug nutzen, der den privilegierteren Schichten zur Verfügung stand. Es musste ja keiner wissen, dass ich einen gefälschten Ausweis benutzte, damit niemand erfuhr, wenn ich auf dem Unterdeck etwas zu erledigen hatte. Das Geheimnis meines Erfolgs lag schließlich in der Diskretion. Ohne Diskretion war mein Beruf keinen Bierkrug wert. Wer vertraute schon einer Frau geheime Aufträge an, die genauso bekannt war wie der Held des großen Inselkriegs, Admiral Kenton?

Ein blecherner Klang ertönte und gleich darauf ein leiser Fluch von Trent. Ich stöhnte. Diskretion war für Trent auch eher ein Glücksspiel.

»Wissen wir, was der Leiter der Segelakademie von uns möchte?« Ich ging erneut zu dem Wassereimer und reinigte ein letztes Mal meine Hände.

»Es gehen Gerüchte um, dass er von einer Geliebten mit verfänglichen Briefen erpresst wird. Da er sich in die Verwaltung des Inselrats wählen lässt, vermute ich, dass wir diese verschwinden lassen sollen.«

Ich lachte. »Die Geliebte oder die Briefe?«

Trent stellte sich neben mich und räusperte sich. »Das sollten wir den Leiter fragen. Allerdings ist das nur möglich, wenn wir sofort aufbrechen.«

Ich seufzte und marschierte zu meinem Interviewpartner. Dessen Farbe war vollkommen aus dem Gesicht gewichen und er saß zusammengesackt auf dem Stuhl. »Es tut mir leid. Ich habe einen weiteren Termin, der meine Aufmerksamkeit verlangt, aber es war nett, mit Ihnen zu plaudern.«

Mit einem Ruck zog ich das Messer aus seinem Arm und wandte mich zum Gehen. Er schrie wie am Spieß.

»Wie lange brauchen wir zum Oberdeck?«, fragte ich Trent, während ich die Klinge mit dem Tuch reinigte, das zuvor meine Hände getrocknet hatte.

»Etwa eine halbe Stunde. Mit etwas Glück kommen wir noch pünktlich an.«

Die Schreie des Mannes verfolgten uns, wurden jedoch mit jedem Schritt schwächer. Ich schleuderte das Tuch über meine Schulter in die Dunkelheit der Halle.

Ich tätschelte Trents Wange. »Du hast doch sicher wieder einige Minuten Reserve in unsere Zeitplanung eingebaut, nicht wahr, Trent?« Er reichte mir den Mantel und ich warf ihn mir über die Schultern.

»Wie jedes Mal, Noemi.« Trent lächelte, öffnete mir die Tür und ließ mir den Vortritt. Der feuchte, ewig anwesende Nebel umfing mich. Bevor ich meinen Mantel schloss, zog ich das Medaillon aus der Westentasche und betrachtete es in der Dämmerung des Nebellichts.

»Was für Geheimnisse verbirgst du vor mir?«, murmelte ich, während ich mit einem Fingernagel die Kratzer auf der Rückseite entlangfuhr. Die Frage würde ich in diesem Moment nicht beantworten können, aber vielleicht, wenn ich den Wirt des segelnden Ankers befragte. »Trent, heute Abend besuchen wir ein Wirtshaus.«

»Aber du bist mit der Frau vom Bierbrauer zum Essen verabredet«, erwiderte Trent. »Ihr wolltet über die Lieferungen beraten, die er an deinen Privatvorrat schickt.«

Ich blieb stehen und packte ihn am Kragen. »Prioritäten, Trent. Bier kann warten. Kann ich mehr über die Weisen herausfinden, steht das an erster Stelle. Das steht immer an erster Stelle.«

Trent löste meinen Griff und richtete seine Krawatte. »Ist mir bewusst, aber du hast mich eingestellt, weil ich dich an jeden Termin erinnern sollte. Egal wie die Prioritäten aussehen. Das tue ich hiermit. Bestrafe mich nicht dafür, dass ich deine Anweisungen exakt ausführe.«

Ich presste die Lippen aufeinander. Dieser dämliche Mistkerl hatte leider recht. »Verzeihung. Erledige das bitte für mich. Ich treffe mich ein anderes Mal mit ihr. Sag ihr …«, ich überlegte, welche Ausrede ich nutzen konnte. »Sag ihr, ich hätte mit den Problemen einer Frau zu kämpfen.« Ich wedelte mit der Hand. »Das wird sie akzeptieren. Schließlich ist sie trotz ihrer doch sehr männlichen Statur ebenfalls eine Frau.«

Trent zückte sein Notizbuch und einen Stift, um sich etwas zu notieren. »Wird erledigt.«

Die Schreie des Mannes aus der Fabrikhalle waren verstummt. Ein einzelner, weißer Vogel flatterte aus der Halle und über meinen Kopf hinaus in die Weite des Unterdecks. Vielleicht suchte er sich einen Weg über den Rand der Insel hinweg, flog hinauf zum Oberdeck oder nistete in einem der Häuser an den Märkten. Dort gab es immer Essen und man fand Wärme an Tagen des Nebellichts.

Ich schnürte den Mantel fester um den Bauch und marschierte voran. Ich wollte zum Oberdeck zurück, wo zumindest ab und an das Licht der Sonne den Boden der Arche erreichte. Die Sonne war das Einzige, was mich an Tagen wärmte, an denen mich die Kälte meines Herzens übermannte.

Ich richtete den Blick nach vorn. Dieser Tag war keiner davon.

Zukunftspläne

Charlie

Gurney schob den Teller von sich, wischte sich mit dem Handrücken das Fett aus dem Gesicht und hämmerte sich dann mit der Faust gegen die Brust, woraufhin er herzhaft rülpste. Er grinste zufrieden und sah mich kopfschüttelnd an, denn im Gegensatz zu ihm war mir der Hunger noch lange nicht vergangen. Ich winkte die Bedienung herbei und bestellte eine weitere Portion Zwiebelfleisch.

Kaum war die dralle Frau verschwunden, räusperte sich Gurney. »Und, Charlie? Wie geht es jetzt weiter?«

Ich machte eine Pause, kaute einige Male und legte den Kopf schief. »Nun, Meister Joacim, er …« Weiter kam ich nicht. Denn als ich den Namen aussprach, griff Gurney sogleich zum nächsten Glas mit dem schweren, bernsteinfarbenen Schnaps – einer Spezialität aus der Heimat – und reckte es in die Höhe.

»Auf Joacim! Ein guter Mann!«

Er stürzte den Inhalt des Glases in einem Zug hinunter, ohne eine Miene zu verziehen, knallte es auf die Tischplatte und goss sogleich nach. Ich musste wirklich aufpassen. Für Gurney gab es an diesem Abend vor allem eine Regel: Immer wenn der Name meines Meisters ausgesprochen wurde, war es ein willkommener Grund zu trinken. Er behauptete, es war seine Art, Respekt zu zollen, ich wusste es aber besser. Gurney hatte sich einfach viel zu lange nicht mehr ordentlich betrunken. »Er sprach vom Anker, Gurney.«

Der Haudegen grunzte und verdrehte die Augen.

»Natürlich. Wie hätte es auch anders sein können?«

»Er hat sein ganzes Leben danach gesucht.«

»Und ihn nicht gefunden!«, merkte er an und hob den Finger. »Und eins musst du zugeben: Er ist ziemlich alt geworden – und hatte trotzdem keinen Erfolg.«

»Er stand kurz davor«, flüsterte ich und beugte mich vor.

Gurney hob eine Augenbraue. Nachdem die Totenfeier vorbei war, hatte er mich auf das Unterdeck geführt, zu einer Taverne, die, wie er sagte, genau richtig für uns sei. Das Schwarze Schaf war eine Kneipe, die man eher auf Thumbria als auf der Arche erwartet hätte. Sie wurde von einem unserer Landsmänner betrieben und erfreute sich großer Beliebtheit bei den hart arbeitenden Menschen der Docks. Der Ton war rau, das Essen gut, das Bier billig und der Schnaps ein Import aus der Heimat. Eine Kapelle spielte auf, in erster Linie Lieder, die sich um das Trinken drehten. Die Gäste tanzten und grölten zu den Klängen aus Gitarre, Fiedel, Flöte und Trommel. Irgendwo in der Menge klapperte jemand mit Löffeln im Takt der Musik.

»Du musst keine Angst haben, Geheimnisträger!«, lachte er. »Hier unten interessiert sich niemand für die Dinge, die ihr da oben in der Akademie macht.«

»Man kann nie vorsichtig genug sein, mein Freund«, erklärte ich und begann wieder zu kauen.

»Dann lass mal hören, was er gesagt hat, Junge.«

Ich schmunzelte.

»Du willst doch nur, dass ich oft genug seinen Namen sage, Gurney. Weißt du was? Hör mir einfach zu und trink nur so viel, dass du mir noch folgen kannst.«

»Da habe ich aber noch eine ganze Menge Platz.« Er bleckte herausfordernd die Zähne.

»Kein Zweifel«, stimmte ich zu und begann, ihm von den letzten Worten meines Meisters zu erzählen. Anders, als ich erwartet hatte, hielt Gurney sich mit dem Alkohol zurück. Tatsächlich hörte er aufmerksam, ja, interessiert zu und nippte nur hin und wieder an seinem Schnaps. Als ich geendet hatte, verzog er das Gesicht abfällig und schnaubte.

»Klasse. Dann hättest du ja gleich mit dem Nekro auf das Schiff steigen können.«

»So einfach ist das nicht, Gurney. Exoria ist nicht gerade klein. Und jeder Meter darauf ist Teil des Friedhofs. Hast du eine Vorstellung, wie viele Gräber es dort geben muss? Es wäre eine Lebensaufgabe, einfach auf gut Glück dort etwas finden zu wollen.«

»Na ja, und wenn du es dann gefunden hast und selbst deine Reise ins Exil antrittst, Junge, kannst du deinem Lehrling ja das Geheimnis sagen.« Er lachte heiser und kippte den Schnaps hinunter.

»Ich wollte eigentlich nicht so lange brauchen.«

»Und ich wollte nur einen Scherz machen«, brummte er, massierte sich die Wangen und goss sich nach.

»Ist mir nicht entgangen, Mann.«

»Und wie willst du es dann angehen, Charlie? Ich sehe dir doch an, dass du schon einen Plan hast.«

»Ja. Ich verstehe bis heute nicht, wie sie mich zum Geheimnisträger machen konnten«, grinste ich schief. »Ja, jetzt, da klar ist, wo wir suchen müssen, ist es eigentlich ganz einfach.«

»Da bin ich aber gespannt«, meinte Gurney und beugte sich vor.

Ich vergaß immer wieder, das Gurney Praktiker war. Nichts nervte ihn mehr, als seinen Kopf in staubige Bücher zu stecken. Er gehörte zu jener Gruppe von Menschen, die erst handelten und dann nachdachten. Mein Vorschlag würde ihm sicher nicht gefallen.

»Wir können im Zensus anfangen.«

»Zensus? Nie davon gehört. Was soll das sein? Irgendeine der feinen Kneipen auf dem Oberdeck?«

Ich prustete vor Lachen. »Ernsthaft, Gurney?«

»Was denn?«, zischte er. »Was war daran jetzt so lustig?«

»Der Zensus ist eine Behörde. Dort sammeln sie … Daten. Informationen. Wer wo geboren wurde, an welchem Tag, unter welchem Namen, wann er geheiratet hat und wen, wie seine Kinder geboren wurden und wie sie genannt werden.«

»Und wie soll uns das helfen, Junge?«

»Vielleicht hast du doch schon zu viel getrunken«, meinte ich. »Sie schreiben dort auch auf, wann jemand gestorben ist und wohin man ihn auf Exoria gebracht hat.« Ich machte eine Pause, um den Moment auszukosten. »Wo sein Grab ist.«

Es dauerte eine Weile, dann hellte sich der Blick des Haudegens auf. »Ah!«, rief er aus. »Du meinst, dass wir dort auch Angaben zu diesem Alice Sparrow finden?«

»Haargenau.«

»Vielleicht ist ja doch etwas aus dir geworden!«, kicherte Gurney und prostete mir zu. »Nun, was hält uns dann noch hier?«

Ich verstand zwar nicht genau, wie das plötzliche Interesse meines langjährigen Begleiters zu erklären war, aber ich war bereit, es als eine günstige Wendung des Schicksals zu akzeptieren.

»Mein Hunger und der Alkohol in deinem Blut«, antwortete ich knapp.

»Pah!«, dröhnte Gurney und sprang mit einem Satz auf. »Solange ich noch auf dem Boden liegen kann, ohne mich festzuhalten, bin ich noch nicht betrunken, Junge!« Um mir seine Aussage zu beweisen, begann er, zur wilden Musik zu tanzen. Er hielt sich auf den Beinen, aber ich nahm die schwankenden Bewegungen sehr wohl wahr.

»Genieß den Abend, Gurney. Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es auch nicht an.«

Das riesenhafte Gebäude des Zensus lag auf halbem Weg zwischen Unter- und Oberdeck, ein massiger, quadratischer Turm, der sich an den Hängen der Arche erhob. Der neue Tag war weitaus freundlicher als der vergangene, die schweren Wolkenschleier waren aufgerissen und eine gelbe Sonne schickte ihre wärmenden Strahlen auf die schwebende Insel.

Der Abend war lang gewesen und Gurney hatte es tatsächlich noch geschafft, sich wegen eines verschütteten Biers mit einer Gruppe Hafenarbeiter anzulegen. Normalerweise war es meine Aufgabe, in solchen Fällen einzugreifen und zu schlichten, doch in jenem Moment war ich einfach zu träge, mein Kopf noch zu vernebelt wegen der Trauer. Die Prügelei war glimpflich ausgegangen, abgesehen von einem blauen Auge und einer aufgeplatzten Lippe, war Gurney nicht viel passiert. Die Mischung aus dumpfem Schmerz und alkoholbedingtem Kater machten ihn jedoch griesgrämiger als sonst. Schwerfällig hob er also im Schatten des Turms den Kopf und brummte verächtlich.

»Warum musste ich noch einmal mitkommen, Charlie?«

»Weil du mich nirgendwo alleine hinlässt, Gurney. Weil du es meiner Mutter versprochen hast.«

»Oh. Ja, stimmt«, pflichtete er mir bei, als hätte er es wirklich für einen Moment vergessen.

Der Platz vor dem Zensus war belebt. Die Arche war die Heimat von so unglaublich vielen Menschen, dass der Andrang auf die Behörde stetig war. Und da jedem, der valide Informationen lieferte, einige Münzen als Belohnung winkten, nahmen die Bürger der Arche den Gang zum Zensus nicht als leidige Pflicht wahr. Die Wachen am großen Tor jedenfalls hatten redliche Mühe damit, Ordnung in den Menschenstrom zu bringen.

»Dann wollen wir mal«, raunte ich Gurney zu und setzte mich in Bewegung. Normalerweise überließ ich es ihm, den Weg frei zu machen, doch ich hatte es im Blut, dass das an diesem Morgen keine sonderlich gute Idee war. Gurney war immerhin mit einer Klinge bewaffnet, von seiner Steinschlosspistole ganz zu schweigen. Und nach dem letzten Abend war seine Laune nicht die beste. Doch auch wenn wir diesmal die Rollen tauschten, erwarteten mich kaum Probleme. Die Menschen wichen uns aus, was entweder daran lag, dass ich mit meiner Größe und der Körpermasse Eindruck schindete oder aber daran, dass mein Lächeln so entwaffnend wirkte. Joacim hatte immer behauptet, dass ich die meisten Menschen mit dieser Kombination verunsicherte – doch mir konnte das nur recht sein. Wir arbeiteten uns also bis zum Einlass vor, wo die Wachen die Menschentraube fein säuberlich in drei Schlangen aufgeteilt hatten.

»Dein Anliegen, Bürger?«, blaffte die Wache und stützte sich auf ihre geladene Muskete.

Ich beließ es bei meinem freundlichen Lächeln, griff mir an die Brust und zog das Hemd zur Seite. Darunter kam, großflächig, die Tätowierung zum Vorschein, die mich als Geheimnisträger auswies. In Momenten wie diesen war sie besonders hilfreich. Die Wache zog die Augenbraue nach oben und mühte sich dann, Haltung anzunehmen.

»Oh, wenn das so ist …« Sie lächelte verlegen. »Geht nur. Geht einfach vor, Geheimnisträger.«

»Danke.« Ich nickte und drückte mich an den Wartenden vorbei. An ihren Gesichtern konnte ich sehen, dass sie meine Sonderbehandlung nicht guthießen, doch wieder waren es meine Größe und der grimmige Blick von Gurney, die uns Probleme ersparten. Sie raunten und murmelten, tuschelten hinter unseren Rücken, doch ich schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Angekommen an dem breiten Tresen stellte ich mich auf, lächelte freundlich und wartete, bis man sich unserer annahm.

»Dein Anliegen, Bürger?«, schnarrte ein Beamter des Zensus. Es war ein kleiner Mann mit Halbglatze und faltigem Gesicht, der völlig humorlos wirkte.

»Guten Tag, werter Herr«, begann ich freundlich. »Wir sind auf der Suche nach Informationen.«

»Dafür bin ich nicht zuständig«, krächzte das kahlköpfige Männchen und deutete mit seiner dürren Hand zu anderen Ende des Tresens. »Da musst du dich an meinen Kollegen wenden.«

»Ihr versteht nicht …«, hob ich an.

»Ich verstehe sehr gut. Du hast dich in der falschen Schlange angestellt, das ist alles«, beharrte der Beamte und versuchte an mir vorbeizublicken. »Der Nächste!«

»Das ist ein Missverständnis«, meinte ich freundlich. »Wir …«

»Der Nächste, habe ich gesagt!«, forderte der Beamte des Zensus lauter.

Gurney brummte, verdrehte die Augen und hämmerte mit seiner Faust auf den Tresen. Stille breitete sich aus, das geschäftige Treiben um uns herum kam zum Erliegen. »Entweder«, knurrte er und funkelte den Beamten böse an, »lässt du meinen Freund hier aussprechen oder ich werde dir deine verdammten Falten aus dem Gesicht prügeln!«

Das kleine Männchen blinzelte fassungslos und ich sah mich genötigt, meine Hand beschwichtigend auf die Schulter des Haudegens zu legen.

»Bitte, Gurney. Der gute Mann hat mich sicher bei dem ganzen Lärm hier nur falsch verstanden, oder?«

Mein freundliches Lächeln blieb und wahrscheinlich war es wieder diese Kombination, die den Mann vollends aus der Fassung brachte. Er schüttelte sich und nickte hastig.

»W… wie kann ich helfen, Herr?«

»Wie ich schon sagte: Wir kommen, weil wir Informationen suchen.« Wieder glitt meine Hand zum Kragen des Hemds und ich zog daran. Diesmal musste ich ihm gar nicht meine ganze Tätowierung zeigen, er wusste beim ersten Blick Bescheid.

»Warum habt Ihr das denn nicht gleich gesagt?«, fragte das kleine Männchen. »Einem Geheimnisträger stehen unsere Archive immer offen! Ich werde Euch einen unserer Bibliothekare zur Seite stellen!«

»Das ist überaus gütig«, stimmte ich zu.

»Das ist wohl das Mindeste!«, zischte Gurney.

Der Beamte lächelte scheu und winkte einen seiner Kollegen heran. Es war ein junger Beamter, offensichtlich aus besserem Hause. Entweder brannte er für seine Arbeit oder er war faul, jedenfalls waren seine Gewänder seltsam ordentlich. Die beiden Männer flüsterten miteinander, der jüngere nickte und trat an den Tresen heran.

»Ich bin Aakash«, stellte er sich vor. »Wie kann ich Euch helfen, Geheimnisträger?«

»Mein Name ist Charlie Mooreland«, erklärte ich und klopfte meinem Begleiter auf die Schulter. »Und dieser nette Zeitgenosse hier ist Gurney. Wir haben da ein paar Fragen. Und ich würde sie gerne in einer etwas … ruhigeren … Umgebung stellen.«

»Aber natürlich, Meister Mooreland.« Aakash nickte dienstbeflissen und machte eine ausholende Geste zu einer Tür, die tiefer in den Zensus führte. »Wenn mir die Herren dann bitte folgen wollen?«

»Aakash!« Gurney schüttelte den Kopf, als wir dem Beamten folgten. »Was ist denn das für ein Name?«

»Der, den mir meine Eltern gegeben haben«, meinte der Mann freundlich. »Aber ihr könnt mich auch Akki nennen.«

Der junge Beamte führte uns in einen Lesesaal und hörte sich an, weswegen ich gekommen war. Mit ausufernder Höflichkeit und unter andauerndem Nicken bekräftigte er, genau verstanden zu haben, wies uns einen Tisch zu, an dem wir warten sollten, und verschwand in die Eingeweide des Zensus.

»Was dauert das denn so lange?«, murrte Gurney bereits nach wenigen Minuten. »Es kann doch nicht so schwer sein, hier etwas zu finden!«

Tatsächlich hatte Gurney keine Ahnung davon, wie eine Bibliothek funktionierte und dass mit der Größe eines Archivs auch der Verwaltungsaufwand stieg. Für ihn waren die Zusammenhänge ganz einfach: Die Informationen mussten sich in den Regalen des Zensus befinden und von Akki wurde nicht mehr verlangt, als sie zu holen und uns zu präsentieren. Dass der junge Kerl tatsächlich ellenlange Bestandslisten und Register wälzen musste, bevor er auch nur wusste, wo er zu beginnen hätte, war kein Konzept, das dem Haudegen näherzubringen war.

»Ein bisschen Geduld, Gurney.«

»Geduld!«, knurrte er. »Charlie. Mein Schädel brummt, mein Körper tut mir weh und ich fühle mich, als hätte ich mich mit einem halben Dutzend viel jüngerer und kräftigerer Kerle geprügelt.« Gurney grinste breit und präsentierte mir seine schiefen Zähne. »Warte! Das war wirklich so!«

»Irgendwann«, meinte ich kopfschüttelnd, »irgendwann wirst du an jemanden geraten, der kräftiger und zäher ist als du. Und der bricht dir dann wirklich ein paar Knochen, alter Freund.«

»Ach! So jemand muss erst noch geboren werden. Und da unter den letzten Generationen nichts Ordentliches mehr dabei ist – ich meine: Schau dich doch mal an – hab ich eigentlich wenig Angst!« Gurney ließ sich auf einer der Holzbänke nieder.

»Natürlich. Wie hätte es auch anders sein können?«, entgegnete ich trocken. »Ich meine es ernst, Gurney. Pass ein bisschen auf dich auf. Du bist auch nicht mehr der Jüngste. Und du wirst uns beide damit irgendwann in Schwierigkeiten bringen.«

Der Haudegen grunzte unverständlich und reckte mir seine Hand zu einer unflätigen Geste entgegen. Dann begutachtete er die hölzerne Bank, zuckte mit den Schultern und streckte sich darauf aus. »Mach dir mal keine Sorgen um mich, Junge.« Er schloss die Augen und schob sich seine Mütze tief ins Gesicht.

Ich rieb mir die Hände und ging zu dem schmalen Fenster. Wenn ich ehrlich war, machte ich mir auch weniger Gedanken um Gurneys oder meine Gesundheit, sondern vielmehr darum, dass er irgendwann bei einem solchen Gerangel jemanden ernstlich verletzen oder gar umbringen würde. Seine Einstellung zur Gewalt war eben eine andere als meine. Wenn ich in die Enge getrieben wurde, begann ich zu diskutieren und zu verhandeln – ich suchte Lösungen. Gurneys Reaktion war anders: Setzte man ihn unter Druck, so reagierte er ohne zu zögern mit Gewalt. Eine durchaus gefährliche Mischung.

»Also wenn der Hampelmann nicht gleich auftaucht, mache ich einen Moment die Augen zu, Charlie«, erklärte Gurney und unterbrach mich in meinen Gedankengängen. Eigentlich schien es mir unangebracht, in einem Leseraum einer Behörde ein Schläfchen zu machen, aber auch dies war wahrscheinlich eines der Konzepte, die man Gurney nicht näherbringen würde.

»Hmhm. Mach das. Aber versuch, nicht so laut zu schnarchen.«

Er antworte schon nicht mehr, verschränkte die Arme vor der Brust und hatte es sich auf der harten Bank bequem gemacht. Ich hingegen blieb am Fenster stehen und spähte hinaus. Wie an jedem Tag zog die Arche, die größte der schwebenden Inseln, die aus dem Bruch hervorgegangen waren, ihre Bahnen durch das Wolkenmeer.

Im Laufe der Jahrhunderte hatten sich die Menschen an diesen großen Felsen geklammert und ihn zu ihrer Heimat gemacht, und so war eine schier unüberschaubare Stadt entstanden, die jeden Winkel der schwebenden Insel zu füllen schien. Das einfache Volk drängte sich auf dem Unterdeck, jeder mit Rang, Namen, Einfluss und Geld lebte auf dem Oberdeck – den steilen Felshängen oberhalb des städtischen Molochs. Von diesem Fenster des Zensus jedenfalls hatte man einen guten Blick auf das Unterdeck, das gleichermaßen chaotisch und doch einem größeren Plan folgend gestaltet zu sein schien. Es war ein hypnotisches Gewirr aus Gassen und Plätzen, aus breiten Straßen und verwinkelten Hinterhöfen. An der einen Stelle wuchsen turmhohe Häuserzeilen in den Himmel, an der anderen Stelle waren es schäbige Gebäude mit Flachdach, dazwischen erhoben sich imposante Kuppeln in den Himmel. Gleichwohl die Akademie der Geheimnisträger auf dem Oberdeck untergebracht war, fühlte ich mich jedoch mehr mit den Leuten auf dem Unterdeck verbunden. Auch wenn die meisten Gelehrten der Meinung waren, dass die einfachen Leute nicht der richtige Umgang waren: Mir jedenfalls waren sie lieber als die hochnäsigen Taugenichtse, die das Oberdeck bevölkerten.

Das quietschende Geräusch einer Tür sorgte dafür, dass ich mich umdrehte. Akki war eingetreten und nickte mir zu. Er ging zum Tisch, doch was mich verwunderte war, dass er kein einziges Schriftstück bei sich trug. Sogleich bekam meine Vorfreude einen herben Dämpfer.

»Meister Mooreland?«

»Bibliothekar Aakash?«

»Ich habe leider keine guten Nachrichten für euch.«