Beschreibung

Alice Sparrow bestimmt scheinbar das Schicksal der gesamten Trümmerwelten. Während Noemi und Charlie lernen müssen, ihre neugewonnenen Kräfte zu kontrollieren, und dabei nicht auch noch das zerstören dürfen, was von den Trümmerwelten übrig ist, wird von mehreren Inseln aus Jagd auf sie gemacht, denn offensichtlich will sich tatsächlich jeder den einzigen Dreimaster im ganzen Wolkenmeer aneignen. In dem Bestreben, sich gegen die Übermacht an Feinden zu wehren, beginnt für die vierköpfige Crew eine waghalsige Irrfahrt mit einem ungewissen Ausgang. Ein spannungsgeladener Roman im High Fantasy-Setting vor einem neuartigen Hintergrund. Erstklassige Unterhaltung aus der Feder von Ann-Kathrin Karschnick und Felix A. Münter – zwei der besten deutschen Phantastik-Autoren.

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Inhaltsverzeichnis
Trümmerwelten – Die Odyssee der Alice Sparrow
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Ann-Kathrin Karschnick
Felix A. Münter

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

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ISBN 978-3-95962-330-8

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Heimkehr

Charlie

Der Wind frischte auf, doch er konnte nicht viel daran ändern, dass wir nur langsam und behäbig durch die Wolken schwebten. Überhaupt kam es einem Wunder gleich, das zu fassen ich nicht richtig in der Lage war. Denn als wir die Alice Sparrow, diesen stolzen, prachtvollen Dreimaster, in den Ruinen von Anker hinter uns gelassen hatten, deutete nichts darauf hin, dass das Schiff jemals wieder abheben würde. Angeschlagen wie ein waidwundes Tier hatte es im Nebel gelegen, seine Präsenz hatte beinahe anklagend, ja, vorwurfsvoll gewirkt. Hätte dieses alte Meisterwerk der Handwerkskunst sprechen können, so hätte es uns gefragt, was wir ihm nur antaten.

Die Alice Sparrow hatte Jahrhunderte überstanden, wahrscheinlich sogar den Bruch selbst, hatte die Dunkle Zeit überlebt. Bis wir sie fanden. Von der Welt nahezu vergessen hatte der Dreimaster unter Exoria gelegen und gewartet. Das Relikt war die wahrscheinlich letzte Verbindung in ein längst vergangenes Zeitalter, so weit entfernt, dass das Wissen darüber mit Mythen und Legenden durchsetzt war. Sie war der Schlüssel, der uns ins Zentrum des Wolkenmeers gebracht hatte, die Antwort auf Fragen, die wir uns noch gar nicht gestellt hatten. Und was hatten wir getan? Wir hatten dieses Schiff beinahe zugrunde gerichtet.

Doch jetzt flog sie wieder. Entgegen all meinen Vermutungen glitt sie durch die Wolken. Die Alice Sparrow war ein zähes und widerstandsfähiges Biest, das sich gegen die Zeiten und alle Gefahren gestemmt hatte. Von Baumeistern konstruiert, deren Genialität längst vergessen war. Ja, sie stammte aus anderen Zeiten. Vielleicht sogar aus besseren Zeiten. Und nun? Nun brachte sie uns zurück in die uns bekannte Welt, vielleicht sogar zurück in bessere Zeiten.

Die Segel knatterten, die Taue knarrten und der alte Schiffskörper ächzte. Der Wind war aufgefrischt, griff vollends in die Segel – doch die Alice Sparrow schien davon völlig unbeeindruckt zu sein. Sie gewann nicht an Fahrt, sie glitt in ihrem eigenen Tempo dahin, so, als hätte die Seele des alten Schiffes einen Pakt mit dem Wind geschlossen.

Ich stand mittschiffs an der Reling und blickte hinaus auf das wabernde Grau und Weiß. Die Wolken zauberten ein wunderschönes Schauspiel, türmten sich an der einen Stelle auf, zogen sich an der anderen auseinander. Sie bildeten Formen und Figuren, wurden vom Wind getrieben oder stemmten sich gegen die Böen. Wir waren mittendrin, und mich überkam das Gefühl, lediglich meine Hand ausstrecken zu müssen, um den Vogelkopf, den ich in den Umrissen einer Wolke zu erkennen glaubte, berühren zu können. Tatsächlich war die Wolke natürlich weit entfernt, aber inmitten des Himmels vergisst man das schnell.

Früher, als ich mit Joacim von Insel zur Insel geflogen war, hatte der alte Meister immer dieses Spiel mit mir gespielt. In einem ruhigen Moment der Überfahrt hatten wir uns einen Platz gesucht, in die Wolken gestarrt und uns gegenseitig von den wunderbaren Figuren und Wesen erzählt, die wir darin sahen. Doch Joacim war nicht mehr und die Erinnerungen an diese Momente schienen aus einer anderen Zeit – vielleicht sogar einem ganz anderen Leben – zu stammen.

»Da, das ist eindeutig eine Flasche!«

Ich blinzelte irritiert. Die Stimme meines Begleiters hatte mich aus den Gedanken gerissen, die Erinnerungen lösten sich sprichwörtlich in Luft auf. Ich drehte den Kopf zu Gurney, der es sich auf einer Taurolle bequem gemacht hatte. »Was?«

»Die Wolke da«, erklärte er mir und deutete in den Himmel. »Die sieht aus wie eine Flasche!«

»So?« Ich musste schmunzeln, sah mir die Formation an, auf die der alte Haudegen wies. Selbst mit viel Fantasie konnte ich beim besten Willen keine Flasche darin erkennen. »Und sie ist mit Schnaps von Thumbria gefüllt, was?«

»Dem besten Schnaps im ganzen Wolkenmeer«, stimmte er mit einem Nicken zu.

»Und lass mich raten.« Wahllos deutete ich auf einige Wolkenfetzen oberhalb der Alice Sparrow. »Diese da erinnern dich an eine Frau, oder?«

»Oh ja.« Er legte den Kopf in den Nacken, lächelte erst breit und lachte dann lauthals. »Mit einem Hintern, so breit wie ein Brauereipferd und einem Vorbau, der dich erschlagen könnte.«

»Natürlich.« Ich spielte mit. »Und einen Kilt trägt sie auch.«

»Ja. Thumbria hat eben auch die schönsten Frauen weit und breit.«

»Seitdem wir Anker hinter uns gelassen haben, redest du kaum noch von etwas anderem, mein Freund.«

»Das ist nicht richtig«, bemerkte er. »Aber wäre es dir lieber, wenn ich die ganze Zeit hiervon sprechen würde?« Demonstrativ deutete er mit dem Zeigefinger auf den Stumpf seines rechten Beins, das unterhalb der Kniescheibe einfach aufhörte.

»Hast du noch Schmerzen?«

»Immer, wenn ich einen Blick darauf werfe und daran denke, nicht mehr ordentlich tanzen zu können.« Er bleckte die Zähne einen Augenblick angriffslustig. »Und dann denke ich daran, dass mir das alles erspart geblieben wäre, wenn du einmal auf mich gehört hättest.«

»Dann wäre alles anders?«

»Natürlich!« Seine Stimme senkte sich. »Hätten wir diese …«, mein strenger Blick sorgte dafür, dass er das nächste Wort überdachte, bevor er es aussprach, »… die beiden ins Nebelmeer geschmissen, als wir die Gelegenheit dazu hatten, dann …«

»Gurney. Schluss damit!«

»Ist doch wahr!«

»Am Lauf der Dinge können wir nichts mehr ändern. Es ist verschwendete Energie, darüber nachzudenken, was hätte sein können, wenn man sich in diesem oder jenem Moment anders entschieden hätte. Aber wir können die Zukunft ändern.«

»Junge«, schnaubte mein Begleiter. »Hast du vergessen, dass sie uns umbringen wollten?«

Ich holte tief Luft und sah wie beiläufig zum Steuerrad und den zwei Gestalten am Heck des Dreimasters. Noemi und Trent. Sie, eine Fanatikerin, die einem alten und gefährlichen Kult anhing, er, ihr Begleiter mit einem bemerkenswerten Organisationstalent. Ja, sie hatten uns umbringen wollen, keine Frage. Aber die Wahrheit war wie immer komplizierter. »Das wollten wir auch«, erinnerte ich Gurney.

»Sie hat damit angefangen!«, beharrte er, schnaubte und warf Noemi einen zornigen Blick zu. »Auf Exoria!«

»Spielt das jetzt noch eine Rolle?«

»Hörst du mir nicht zu? Ich finde …«

»Gurney, vielleicht ist es wirklich besser, wenn du wieder über Wolken sprichst«, stöhnte ich. »Ich dachte, das Thema wäre durch. Wir haben beide versucht, uns auf dem Anker umzubringen. Was dann passierte, ist dir doch noch gut im Gedächtnis, oder?« Ich nickte in Richtung seines amputierten Beins.

»Aber das hier ist nicht mehr Anker!«

»Nö, natürlich nicht«, entgegnete ich mit einem Anflug von Zynismus. »Aber willst du wirklich riskieren, dass dieses Schiff mitten im Wolkenmeer auseinanderbricht, wenn wir es versuchen? So wie der Anker?«

»Das ist nicht bewiesen!«

»Und ich werde den Beweis auch nicht antreten. Falls du es vergessen hast: Ohne die beiden wären wir nie wieder von der Insel runtergekommen.«

»Ohne die beiden hätten wir niemals in diesem Schlamassel gesessen!«, brummte er verärgert.

»Gurney«, setzte ich noch einmal geduldig an. »Die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Wären die beiden nicht gewesen, hätten wir das Ruder nicht mehr instand setzen können. Und ob wir alleine die Alice Sparrow in die Lüfte bekommen hätten, wage ich zu bezweifeln.«

»Charlie Mooreland«, hob Gurney in einem Tonfall an, der mir nur allzu bekannt war. Er legte ihn immer dann auf, wenn er mir in beinahe väterlicher Art und Weise erklären wollte, dass er richtig lag. »Dieser Frau und ihrem schmierigen Gehilfen dort ist nicht zu trauen! Ich begreife nicht, was dich hat vergessen lassen, wie gefährlich beide sind. Aber da du nicht auf mich hörst, will ich es jetzt gesagt haben: Sie werden noch Probleme machen. Und dann wirst du dir wünschen, auf den alten Gurney gehört zu haben!« Er verschränkte die Arme vor der Brust und nickte, um seine eigene Aussage zu unterstreichen.

»Die Dinge liegen jetzt anders, Gurney.«

»Ach, hör mir doch auf von diesem Gefasel über Macht und eine gemeinsame Bestimmung!«, tat er meinen Einwand ab. »Du hast einfach ein weiches Herz!«

Einen Moment überlegte ich, ihm zu antworten, ihn von meiner Sicht der Dinge – der anderen Wahrheit – zu überzeugen. Doch ich wusste ganz genau, dass es vergebliche Mühe war. Im Moment war Gurney nicht von seinem Kurs abzubringen, so wie ein grimmiger Kapitän, der sich in einem Grendel an das Steuer seines Kahns gebunden hatte. Und konnte ich es ihm denn wirklich verübeln? Ich hatte den alten Haudegen kopfüber in ein Abenteuer hineingezogen, das niemals für ihn bestimmt gewesen war, hatte ihn Gefahren ausgesetzt und an Orte gebracht, die für Lebende eigentlich tabu waren. Er hatte gegrummelt, er hatte gemeckert, doch war er mir in seiner unendlichen Treue – und ich fragte mich, ob sie mir oder meiner Mutter gegenüber bestand – überall hin gefolgt. Und was hatte er dafür bekommen? Ein zertrümmertes Bein, das zu heilen ich auch mit all der neuen Macht in mir nicht mehr imstande war. Ob es mir jetzt, nachdem einige Tage vergangen waren, wohl gelingen würde? Jetzt, da ich über etwas mehr Klarheit verfügte, glaubte ich zumindest überblicken zu können, was auf dem Anker passiert und was Teil aus Noemi und mir geworden war? Aber ich wusste es nicht. Also ja, der alte Haudegen hatte jedes nur erdenkliche Recht dazu, schlecht gelaunt zu sein, und ich akzeptierte, dass es noch eine Weile dauern würde, bis sich dies ändern würde. Um mich nicht weiter mit ihm streiten zu müssen, ließ ich mehrere Atemzüge vergehen, deutete dann auf den Stumpf unterhalb seines Knies. »Wir werden dafür sorgen, dass du wieder ordentlich laufen kannst.«

»Oh, ja«, flüsterte er bissig. »Ein Holzbein! Genau das ist es, was ich mir schon immer gewünscht habe!«

»Mehr haarsträubende Geschichten, die du in der nächsten Kneipe erzählen kannst.«

»Was?« Seine Laune hellte sich auf. »Die Geschichte vom Anker, dem Zentrum der Welt, das unter meinen Füßen auseinanderbricht ist noch nicht haarsträubend genug?«

»Ich glaube«, dabei deutete ich auf die Wolkenformationen, in denen Gurney eine Frau gesehen haben wollte, »du imponierst mehr damit, wenn du erzählst, dass du dein Bein in einem wilden Kampf mit einem Luftpiraten verloren hast.

»Mit einem? Mit einer ganzen Flotte von Freibeutern!«

Die Stimmung auf der Alice Sparrow war seit dem Verlassen des Ankers seltsam und sie hellte sich auch in den darauffolgenden Tagen nicht auf. Ein Grund dafür war sicherlich das, was meinen Begleiter umtrieb: Immerhin hatten wir – Gurney und ich auf der einen Seite, Noemi und Trent auf der anderen – versucht, einander umzubringen. Der andere – und vielleicht viel bedeutendere – waren die Ereignisse, die wir in den Ruinen erlebt hatten.

Noemi und ich waren gemeinsam von Bord gesprungen, unsere Füße hatten im selben Moment den Boden der fliegenden Insel berührt. Und dabei musste es passiert sein. Die Macht dieser Insel – vielleicht gab es einen besseren, treffenderen Namen, ich hatte ihn nur noch nicht gefunden – war zu gleichen Teilen auf uns übergegangen. Seit diesem Augenblick bildeten wir eine Schicksalsgemeinschaft, untrennbar über die alten Energien miteinander verbunden. Doch warum? Aus welchem Grund war diese Macht, die ich in einigen Momenten sogar physisch, als Kribbeln von jeder Faser in mir wahrnahm, auf uns übergangen? Welches Geheimnis lag darin verborgen? Mein Geist arbeitete auf Hochtouren, um das zu ergründen. Doch ich fand keine Antwort. War es letztlich vielleicht nur eine Laune des Schicksals? Purer Zufall? Wenn, dann musste das Schicksal über eine bitterböse Art von Humor verfügen, denn es verband Noemi, die mit allen Wassern gewaschene Fanatikerin, die bereit war, über Leichen zu gehen, mit mir, einem friedliebenden, tollpatschigen Geheimnisträger, der eigentlich nicht mehr wollte, als den letzten Wunsch seines alten Meisters erfüllen. Ich konnte mir kaum unpassendere Verbindungen vorstellen.

Noch mehr als die Frage, was eigentlich genau mit uns passiert war und warum es geschehen war, trieben mich aber die Gedanken an die Zukunft an. Es hatte immer geheißen, dass der Anker voller Geheimnisse steckte, dass seine genaue Lage an sich schon ein so großes Enigma darstellte, um unvorstellbare Macht zu verleihen. Nur was bedeutete das? Ja, mit jedem Tag, der seit unserem Ablegen vergangen war, spürte ich, wie etwas mehr Ruhe in das kam, was meinen Kopf, nein, mein ganzes Wesen geflutet hatte. Ich redete mir ein, mit jedem Moment einen Funken mehr Verständnis zu erhalten – und mit dem Verständnis würde irgendwann auch die Kontrolle kommen. Das hatte sich schon darin gezeigt, dass ich in der Lage gewesen war, Gurneys zerschmettertes Bein zu versorgen, ohne dass er viele Schmerzen gehabt hätte oder sogar verblutet wäre. Wie weit aber würde das gehen? War die Macht, die das Geheimnis um den Anker mir nun verlieh, tatsächlich grenzenlos? Und welche Aufgabe war mir daher angedacht? Die Welt zu einem besseren Ort machen? Und was bedeutete das eigentlich?

Gerade in Bezug auf diese Fragen stolperten meine Gedanken immer wieder über diesen einen Namen: Noemi. Was hatte sie mit der Macht vor, die nun auch ein Teil von ihr geworden war? Ich wusste nicht, ob ihre rudimentäre Ausbildung zum Geheimnisträger ihr die gleichen Fähigkeiten gab wie mir. Was ich natürlich bezweifelte. Wahrscheinlich war es besser so, denn zu was die Fanatikerin in der Lage gewesen wäre, wenn sie die Kraft der Geheimnisse hätte wirklich kanalisieren und fokussieren können, wollte ich mir gar nicht vorstellen. Doch auch wenn ihr diese Fähigkeiten fehlten, war sie dennoch gefährlich. Ich hatte nämlich keinen Zweifel daran, dass sich ihre Vision von einer neuen und besseren Welt ganz anders darstellte als meine. Früher oder später – wahrscheinlich früher, als mir lieb war – musste das zwangsläufig zum Problem werden. Wie aber damit umgehen? Ich fand keine Antwort. Mir blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten. Und ein verschwindend kleiner Teil in mir glaubte auch noch daran, dass ich mich irrte. Vielleicht hatten die Ereignisse auf Anker ihren Geist geklärt, Dinge zum Vorschein gebracht, die vorher unter dem Konstrukt des Fanatismus verborgen, beinahe erstickt worden waren. So sehr Gurney mich für diesen Gedanken auch einen Narren und Idioten schrie, glaubte ich immer noch daran, dass in jedem Menschen etwas Gutes steckte. Warum dann nicht auch in ihr?

Meine einander jagenden Gedanken brachten mich jedenfalls nicht weiter. Und auch die Gespräche mit Gurney drehten sich irgendwann ganz automatisch immer nur um drei Dinge: Alkohol, Frauen oder seine Wut auf Noemi und Trent. Die Enge auf einem Schiff, gerade bei einer langen Überfahrt, brachte nur zu oft das wahre Ich eines Menschen zum Vorschein. Dass sich gute und langjährige Freunde an die Gurgeln sprangen, wenn sie nur lange genug auf relativ beengtem Raum miteinander zu tun hatten. Das waren kein Fluch und auch keine Magie – es war der Natur der Sache geschuldet. Es gab eben kaum Ablenkung, kaum Platz, um einander aus dem Weg zu gehen. Auf der Alice Sparrow genossen wir zumindest noch das Glück, dass der Dreimaster im Vergleich zu den anderen Himmelsschiffen riesig war. Und dennoch stellte sich langsam das ein, was man wohl den Schiffskoller nennt. Wir brauchten unbedingt wieder festen Boden unter den Füßen.

Was Noemi und Trent anging: Wir sprachen auf der Überfahrt kaum miteinander. Dann, wenn sie Hilfe bei den Arbeiten auf dem Schiff brauchte – dem Reffen der Segel beispielsweise – sprachen wir miteinander. Gurney war mit lediglich einem Bein ja nicht zu gebrauchen, doch das hielt ihn nicht davon ab, unsere Arbeit mit dem einen oder anderen spitzen Kommentar zu versehen. Immer wenn ich Noemi ansah, hatte ich das Gefühl, dass auch ihre Gedanken einander jagten, dass auch sie Zeit brauchte, um sich voll und ganz über das klar zu werden, was zwischen den Ruinen passiert war. Entweder das oder sie war eine gute Schauspielerin. Manchmal trafen sich unsere Blicke und verharrten aufeinander, so, als versuchten wir, die Seele des jeweils anderen zu ergründen, seine Gedanken zu lesen. Ich wusste, wie so etwas funktionierte, aber ich war mir sicher, dass sie mittlerweile mindestens in der Lage war, es zu bemerken, wenn nicht sogar, sich dagegen zu wehren. Eine weitere Eskalation war das Letzte, was ich wollte. Vielleicht dachte sie in diesen Momenten das Gleiche. Jedenfalls nutzten wir beide diese Gelegenheiten nicht, miteinander zu sprechen. Wenn wir uns bewusst wurden, dass wir einander anstarrten, wandten wir uns wieder anderen Dingen zu.

So ging es tagein, tagaus. Die Alice Sparrow trieb behäbig dahin und wäre auf dieser Fahrt eine leichte Beute für jeden Freibeuter gewesen. Doch vielleicht würden wir diesmal wirklich Glück haben. Vielleicht hatte sich das Schicksal dazu entschieden, dass wir für den Moment tatsächlich gebeutelt genug waren und wir uns diese Atempause wirklich verdient hatten.

Doch unsere Reise sollte nicht ewig dauern. In wenigen Sätzen informierte mich Trent eines Morgens darüber, dass wir uns der Arche näherten. Ganz automatisch fragte ich mich, wie er, wie Noemi sich da so sicher sein konnte, denn wenn ich hinaus in das Wolkenmeer blickte, gab es für mich nichts, was sich verändert hatte. Links, rechts, über und unter uns schwebten die weißen Schwaden dahin, es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt. Wir hätten seit Tagen an der gleichen Stelle unbeweglich schweben können – ich hätte es nicht bemerkt. Und doch zeigte sich, dass es anders war. Zwei Stunden, nachdem Trent mich geweckt hatte, tauchte ein riesenhafter Schemen zwischen den Wolken auf. Der Koloss wurde immer größer, reichte beinahe über den gesamten Horizont. Und dann, dann rissen die Wolken auf. Die Alice Sparrow trieb aus einer Wolke hinaus, und unter uns erblickte ich die Arche.

Die größte aller fliegenden Inseln glitt wie eine Feder durch das Nichts. Der Mensch hatte das Gesicht des Eilands geprägt, hatte überall seine Spuren hinterlassen. Die Konturen wurden mit jedem Meter, den wir zurücklegten, schärfer. Ich entdeckte die prachtvollen Villen und Gärten auf dem Oberdeck, das Refugium der Reichen und Mächtigen, fernab der einfachen Leute. Sie schirmten sich hinter hohen Mauern ab, bildeten ihren eigenen kleinen Kosmos, in dem das Gros der Bewohner der Arche schlichtweg nicht vorkam. Denn unter dem Oberdeck gab es das Unterdeck, eine Stadt unter der Stadt, entstanden aus Platzmangel. Verwinkelt, eng, dunkel und kalt, zumindest an den meisten Tagen. Es gab Ecken des Unterdecks, an die schon lange kein Tageslicht mehr gedrungen war. Die Alice Sparrow ging in den Sinkflug, steuerte einen der Lufthäfen an. In diesem Moment fiel mir das rege Treiben auf der Oberfläche und um die Insel herum auf: Barkassen und Lastensegler waren unterwegs, Wolkenschiffe löschten ihre Fracht oder fuhren hinaus. Überall, auf den Piers, den Straßen und in den Gassen, brodelte das Leben. Die Menschen waren unterwegs, gingen ihrem Tagewerk nach.

Und dann tönte irgendwo in diesem Durcheinander ein Horn. Man hatte uns entdeckt und grüßte uns. Ich hatte das Gefühl, dass in diesem Moment niemandem auf der Arche unsere Ankunft entgangen war. Ich spürte, wie die Menschen ihre Köpfe reckten, die Augen gegen die Sonne abschirmten und begriffen, was für ein Schiff in diesem Augenblick einlief. Drei Maste. Ein Unikat. Nirgendwo auf dem Anker, wahrscheinlich sogar nirgendwo im ganzen Wolkenmeer, gab es noch ein Schiff mit drei Masten. Die Alice Sparrow fiel auf wie ein bunter Hund. Während Gurney, der auf eine Krücke gestützt an der Reling stand, daran Gefallen hatte, winkte, lachte und den anderen Schiffe fröhlich etwas zurief, sogar die eine oder andere unflätige Geste machte, war mir nicht wohl dabei. Jedoch – das musste ich eingestehen – hatte ich bis zu diesem Moment auch nicht darüber nachgedacht, was für ein Aufsehen unsere Ankunft zwangsläufig erregen musste.

Auf den Piers ließen die Arbeiter alles stehen und liegen, starrten in den Himmel. Andernorts strömten die Menschen zusammen, um Zeugen unserer Landung zu werden. Ja, es war ein majestätischer Auftritt. Ein Auftritt, der ganz sicher seinen Einzug in die Geschichtsbücher finden würde. Aber er war nicht klug.

In bemerkenswertem Feingefühl und mit Geschick, das sie sich über die Jahre antrainiert hatte, schaffte es Noemi, unser Schiff nahezu im Alleingang an den Wolkenpier zu bringen. Trent und ich zogen auf ihr Kommando lediglich die malträtierten Segel ein und warfen die Leinen aus. Glücklicherweise gab es auch an Land noch den einen oder anderen, der von unserer Ankunft nicht vollkommen gebannt war: Die Leinen wurden gepackt, die Alice Sparrow vertäut. Irgendwer schob das Fallreep heran und es donnerte auf die Planken.

Doch von den Versammelten auf dem Pier traute sich niemand, einen Schritt an Bord unseres Schiffes zu setzen. Sie standen dort, schwiegen gebannt und starrten immer noch fassungslos auf den Dreimaster. Einige rieben sich die Augen, als glaubten sie, sich das alles einzubilden.

»Da wären wir, Charlie.«

Ich zuckte zusammen. Noemi war lautlos an mich herangetreten, stand kaum einen halben Schritt hinter mir. Also nickte ich, versuchte zu lächeln. »Ja, da sind wir.«

»Du hast sicher einen Plan, oder? Du hast doch immer einen Plan.«

»Mit Sicherheit weicht er nur von deinem ab, Noemi.«

»Möglich.«

»Ich muss Gurney versorgen. Und dann muss ich hinauf in die Akademie, um zu verstehen, was auf dem Anker passiert ist. Ich bin mir sicher, in den Archiven …« Ich stoppte, als ich ihr spöttisches Lächeln sah.

»Sie haben dich verstoßen, Charlie. Und du willst trotzdem zu ihnen zurück?«

»Ich bin, was ich bin«, antwortete ich leise und sah an ihren Augen, dass ihr viele Worte durch den Kopf gingen, um mich zu beschreiben.

»Du weißt, dass selbst wenn du einen Weg findest, wieder Einlass zu finden, das für mich nicht gilt?«

»Ich wäre mir nicht so sicher. Sie haben dich damals …«

Noemi hob die Hand und unterbrach mich. »Ich habe kein Interesse daran, Charlie. Nie wieder.«

Das hatte ich vermutet. Ich kratzte mich am stoppeligen Kinn. »Und was dann?«

»Was wohl? Ich werde dieses Schmuckstück hier«, ihre Hand strich über das Holz der Reling, »in ein Dock bringen. So oder so werden wir die Alice Sparrow sicher noch einmal brauchen.«

»Du meinst, wir sollten uns trennen? Das gefällt mir nicht.«

»Mir noch weniger, Charlie«, entgegnete sie und ich hatte Schwierigkeiten, die Nuancen ihrer Stimme genau einzuordnen. »Aber ich werde bestimmt nicht mit dir zur Akademie marschieren – und du wirst wenig Interesse daran haben, mit mir in die Werft zu kommen.«

»Treffend. Aber …«

»Wirklich, Charlie?« Sie lächelte spöttisch. »Willst du jetzt von Vertrauen sprechen? Du traust mir nicht und ich dir nicht. Das ist in Ordnung. Aber wenn die Ereignisse auf dem Anker eines bewiesen haben, dann, dass wir lernen müssen, einander zu vertrauen. Und dazu braucht es Zeit und Ruhe. Ich jedenfalls muss erst einmal begreifen, was dort eigentlich passiert ist.«

»Gut.« Ich nickte, konnte die Skepsis in meinem Blick jedoch nicht verbergen. »Wir sollten uns in ein paar Tagen treffen und alles Weitere besprechen.«

»Das sollten wir.«

»Wo?«

»Trent!«, rief sie, und ihr Gehilfe war so schnell wie möglich zur Stelle. »Gib ihm eine Karte.« Trent zog für den Bruchteil einer Sekunde die Augenbraue nach oben, dann zückte er sein Notizbuch, schlug die Seiten auf und zog eine Karte aus edlem Papier hervor. Darauf stand in verschnörkelter Schrift zwar eine Adresse auf dem Unterdeck, aber kein Name. »Reicht das?«

»Muss es wohl.«

»Mach nicht so ein Gesicht«, verlangte sie mit einem schwer zu deutenden Lächeln. »Du weißt ganz genau, dass wir uns jetzt gegenseitig nichts mehr antun können. Oder hast du schon vergessen, was mit dem Anker passiert ist?«

»Wie könnte ich. Also gut. In ein paar Tagen dann.«

»Ich werde dort sein.«

Während ich zu Gurney hinüberging, spürte ich Noemis Blicke, der auf meinem Rücken haftete. Sie hatte vollkommen recht. Einander konnten wir uns nichts mehr antun.

»Komm Gurney. Wir gehen.«

»Und was ist mit denen, Junge?«, fragte der Haudegen mich fassungslos.

»Sie werden das Schiff in die Werft bringen. Wir hingegen kümmern uns um dein Bein und dann geht es hinauf zur Akademie.«

»Bist du verrückt geworden?«, fragte er zischend und starrte mich an. »Wie kannst du ihr vertrauen?«

»Vertrau mir einfach«, erklärte ich hinter vorgehaltener Hand. »Dieses eine Mal.«

»Ich werde das Gefühl nicht los, dass mich das wieder in Schwierigkeiten bringen wird«, knirschte mein Begleiter. »Aber gut. Gehen wir. Sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Mit Noemis und Trents unergründlichen Blicken im Rücken und einer Vielzahl ungläubig wirkender Augenpaare vor uns traten wir auf das Fallreep und gingen von Bord. Ich half ein wenig mit meinen Kräften nach, schaffte uns eine kleine Gasse in der Menschentraube, die Versammelten glitten staunend auseinander und gaben den Weg frei. Schnell fanden wir einen Wagen, der uns vom Lufthafen ins Innere der Arche brachte.

Ja, völlig richtig. Noemi und ich konnten einander vielleicht nichts mehr antun. Aber das bedeutete nicht, dass es nicht andere gab, die man davon überzeugen konnte, dass sie eine Gefahr war.

Anhänger der Weisen

Noemi

»Wenn es etwas gibt, das ich mehr hasse als die Ungläubigen, dann sind es Heuchler«, schimpfte ich und trat gegen einen Stein, der am Rand des Piers auf dem Weg lag. Er kullerte über die gehauenen Steinplatten der befestigten Anlegestelle und flog über die Kante hinab ins Wolkenmeer. Am liebsten wollte ich genau das mit Charlie und seinem einbeinigen Kumpan machen. Auf der Überfahrt hatten wir kaum ein Wort miteinander gewechselt, aber ich hatte sein Misstrauen bis zum Steuerrad spüren können. Es hatte sich wie die Feuchtigkeit des Nebels um mich gelegt und wollte mich schwerer machen, mich herunterziehen. Nur ließ ich das nicht zu. Ich wollte selbst herausfinden, was es mit der Macht auf sich hatte, die wir nun in uns trugen. Sie erfüllte mich bis in die kleinste Faser meines Seins und ließ mich nachts nicht schlafen. Die Energie floss wie ein reißender Fluss in mir und versorgte jeden Muskel.

»Es gibt nichts, das du so sehr hasst wie die Ungläubigen«, korrigierte Trent mich und schloss zu mir auf.

»Wahr, aber Heuchler sind trotzdem fast noch schlimmer«, erwiderte ich. »Los, lass uns von hier verschwinden.«

Die Blicke, die uns folgten, schwankten zwischen maßlosem Erstaunen und vereinzeltem Misstrauen. Nicht der Auftritt, den ich mir mit meinem Beruf gewünscht hatte. Als Erledigerin war mein oberster Grundsatz: Diskretion.

Einen Dreimaster in den größten Lufthafen von Arche zu steuern, erfüllte diesen Grundsatz nicht. Doch wo hätten wir sonst anlegen sollen? Kein anderer Hafen war groß genug für die Alice Sparrow.

Kaum hatten wir den Pier verlassen, strömten uns zwar noch Menschen entgegen, die den Dreimaster bestaunen wollten, die allerdings nicht wussten, dass wir die vierköpfige Crew waren. Es machte das Vorankommen mühselig, aber wurde zunehmend diskreter.

»Wie sieht der Plan aus?«, fragte Trent nach einigen Minuten.

Wir hatten den Lufthafen endgültig hinter uns gelassen und bogen nun in die Straßen des Oberdecks ein. In einer der Seitenstraßen musste sich ein Gewürzhändler aufhalten, denn der intensive Geruch von Kümmel und Liebstöckel drang in meine Nase, die ich daraufhin rümpfte. Doch keiner dieser Gerüche konnte unseren Gestank übertünchen. »Nach Hause und duschen. Mehrfach. Du auch.«

»Aber wir haben uns doch an Bord der Alice Sparrow waschen können«, gab er zurück und hob verstohlen den Arm.

»Regenwasser und das Kondenswasser des Nebels zähle ich nicht als adäquaten Ersatz für Körperpflege.« Ich dachte daran, dass Charlie und Gurney sich nur alle vier Tage mal das Gesicht gewaschen hatten, und schüttelte mich allein beim Gedanken daran.

Ich hatte schon viel in meinem Leben durchgemacht: monatelang auf der Straße gelebt, nachdem ich von den Geheimnisträgern ausgeschlossen worden war. Wochenlang von Brot und Wasser gelebt, weil kein Geld da war, um Nahrung zu kaufen. Tagelang in finsteren Spelunken ausgeharrt, um Kundschaft zu finden, die mir genau das finanzieren sollte. Aber es hatte sich immer gelohnt. Ich hatte mich von einfachen Aufträgen im Unterdeck bis zur obersten Kundschaft hochgearbeitet. Und das in weniger als zwei Jahren. »Außerdem brauche ich frische Kleidung.« Ich zupfte an der Bluse, die ich in der Zeit zwar einmal hatte waschen können, die dennoch seit sieben Tagen an mir klebte. »Bei unserer nächsten Reise werde ich mehr als nur zwei Ersatzsets einpacken.«

»Seit wann bist du so empfindlich, was deine Kleidung angeht?«, fragte Trent und lächelte amüsiert. »Eigentlich dachte ich immer, dass ich derjenige wäre, der Wert auf ein gepflegtes Äußeres legt.«

»Auch ich darf mich nach beinahe zwei Wochen mal darüber beschweren, dass ich stinke.«

Trent wedelte mit der Hand, als vertreibe er die Fliegen, die er wohl imaginär schon um mich kreisen sah. »Nun, wenn wir geduscht haben, was steht dann an? Ich meine, willst du dich mit der Frau vom Bierbrauer treffen? Die Verabredung ist mehr als überfällig.«

Ich blieb stehen. Auf der Alice Sparrow hatte ich lange Zeit gehabt, um darüber nachzudenken, was ich mit mir anfangen wollte. »Ich glaube nicht, dass ich weiterhin als Erledigerin tätig sein werde.« Diese Worte auszusprechen, fühlte sich gut an. Auf dem Schiff hatte ich es nicht gewagt. Meine Pläne hätten nur zu Diskussionen mit Charlie geführt und die hatte ich vermeiden wollen.

»Nicht?« Trent schien kaum überrascht. »Ist dir die Macht bereits zu Kopf gestiegen? Was willst du erreichen? Die Herrschaft über die gesamte uns bekannte Welt?«

Ich winkte ab und ließ ihn stehen. Trent würde nicht verstehen, was in mir vorging. Er spürte nicht das Kribbeln, die unverdorbene Macht, die sich ihren Weg bahnte.

»Hei, entschuldige.« Er hielt mich mit der Hand an der Schulter zurück. »Wenn du nicht mehr als Erledigerin arbeiten möchtest, dann muss ich mir halt einen anderen Job suchen. Es ist nur …«

Ich wartete darauf, dass er etwas sagte, doch er senkte nur den Kopf. Um uns herum ging der alltägliche Trott weiter. Menschen liefen zur Arbeit, gingen ihren Einkäufen nach oder verkauften auf der Straße ihre Waren. Alles schien mir so surreal, so nebensächlich. Mit meinem bloßen Willen hätte ich die ganze Szenerie anhalten können, die Menschen einfrieren. Vielleicht sogar den Hahn, der da so nervtötend krähte. Doch ich tat es nicht.

Noch nicht.

Die Zeit für den großen Auftritt war noch nicht gekommen. Zuallererst würde ich Verbündete finden müssen.

»Was ist nur?«, fragte ich schließlich, da Trent nicht mit der Sprache rausrücken wollte.

»Ich hatte gehofft, dass du und ich noch eine Weile zusammenarbeiten würden.«

»Willst du mir jetzt allen Ernstes sagen, dass du die Knechtschaft bei mir genossen hast?« Ich lachte. »Trent, mein Lieber. Bisher glaubte ich immer, das Glücksspiel wäre dein Laster, aber so langsam glaube ich, du stehst auf Schmerzen.«

Wir gingen langsamer als zuvor in Richtung Unterdeck, wo sich mein Haus befand. Ich würde Trent nicht ziehen lassen. Natürlich nicht. Dafür war er ein zu guter Assistent. Aber ich konnte ihn noch ein wenig in dem Glauben lassen, dass er bald arbeitslos wäre.

»Schmerzen kann ich aushalten.« Er zögerte und schob nach: »Zumindest seelische. Aber deine schonungslose Ehrlichkeit war mir stets ein Vorbild. Auch wenn du uns so manches Mal damit in arge Bedrängnis gebracht hast.«

»Nicht so oft, wie du uns mit deinem Glücksspiel. Wirklich, Trent, ich werde dir eines Tages kein Geld mehr zahlen, wenn du es sowieso an den Tischen des Unterdecks zurücklässt.« Ich bog in die Seitengasse ab, die uns zum Fahrstuhl brachte. Hinunter würden wir immer kommen, selbst in so stinkenden Klamotten, wie wir sie derzeit trugen.

»Das nennt sich Wirtschaftskreislauf. Ich lasse das Geld an den Tischen der großen Spieler. Eines Tages nimmst du sie entweder aus oder sie haben einen Auftrag für dich und schon werde ich bezahlt. Du solltest mir also dankbar sein. Ohne mich würdest du vielleicht keinen Job haben.«

Das Grinsen auf seinem Gesicht verbarg für einen Moment die Müdigkeit, die er seit der Rückreise von Anker trug.

Als ich ihn darauf angesprochen hatte, hatte er sich nur über die Augen gewischt und mich angelächelt. Doch er konnte die Erschöpfung vor mir nicht verbergen. Sobald wir zu Hause wären, würde ich ihn ins Bett schicken. Ich brauchte einen wachen Assistenten für mein weiteres Vorgehen.

»Red dir das ruhig ein. Ich bezweifle irgendwie, dass deine Mitspieler mir einen Auftrag erteilen würden. Aber sei es drum. Hast du dir schon überlegt, was du tun wirst? Wo willst du heute Nacht schlafen?«

Trents Fuß schwebte einen Moment in der Luft, ehe er weiter neben mir herlief. »Heute Nacht schon? Ich denke, ich werde zu Louise gehen. Vielleicht verzeiht sie mir, dass ich so lange weg gewesen bin und …«

Den Rest verstand ich nicht mehr, da er nuschelte. Er war geradezu niedlich, wenn er ratlos war. Wie ein kleines Haustier, das man einfach auf der Straße einsammeln musste.

»Ach, komm schon, Trent. Glaubst du wirklich, dass ich dich einfach auf die Straße setze?«

»Ehrliche Antwort, Noemi?«

Ich zog den Ausweis hervor, mit dem wir in den Fahrstuhl gelangten. Dieser brachte uns auf dem schnellsten Wege vom Oberdeck zum Unterdeck. Niemand durfte ohne Ausweis passieren. Die Voraussetzungen dafür waren allerdings auch leicht zu fälschen, wenn man nur wusste, worauf man achten musste. Und wer sich keinen Fälscher leisten konnte, der nahm die gefährlichen Krabbler. Die wendigen Menschen, die den Weg über die Außenkante von Arche nach oben kannten.

»Warst du jemals unehrlich zu mir?«, fragte ich ihn, als wir in den Fahrstuhl getreten waren.

Trent schüttelte heftig den Kopf. »Du hast mir am ersten Tag deutlich gemacht, was du davon hältst, belogen zu werden.« Er rieb sich über den Ellenbogen. »Die Narbe juckt immer noch, wann immer ein Grendal aufzieht.«

»Du hast jahrelang gut für mich gearbeitet, warum also sollte ich dich jetzt entlassen? Nur, weil sich meine Prioritäten verschieben, heißt das nicht, dass ich dich nicht brauche.«

Die Fahrt dauerte wenige Minuten, in denen wir schwiegen. Trent kannte meine Meinung zu Gesprächen in engen Räumen. Es gab zu viele Unbeteiligte, die mithörten, obwohl es nicht für ihre Ohren bestimmt war. Auf einem Markt oder in einer großen Halle hörte kaum jemand dem anderen zu, aber seltsamerweise wurden fremde Gespräche in engen Räumen auf einmal interessant. Vielleicht war es die Langeweile auf dem Weg hinunter. Vielleicht aber auch die Ablenkung von dem Mief in dem Fahrstuhl. Was es auch war, ich unterhielt mich nie auf der Fahrt, erst recht nicht über Geschäftliches.

Wir verließen die Halle, die uns vor dem Fahrstuhl empfing und liefen durch das Unterdeck. Über mir ragte die beeindruckende Felsformation nach oben, in die der Aufzug eingelassen war. Grau und voller Vorsprünge reichte sie bis ins Oberdeck hinauf. Die Wege waren direkt aus dem Felsen geschlagen worden, führten in alle Richtungen. Hauptsächlich zu den Märkten, aber auch zu den Händlergassen, den Wohnvierteln und den rauen Enden, die ohne Schutzgitter direkt ins Wolkenmeer übergingen. Anfangs hatte ich noch geglaubt, dass eine Wohnung am Rand des Unterdecks ideal wäre. Keine Nachbarn, zumindest nicht auf einer Seite, dazu eine bombastische Aussicht in die Wolken und jederzeit frisches Wasser vom Nebel, der überall zugegen war. Die Erfahrung hatte mich eines besseren belehrt, und nach wenigen Monaten war ich aus der zugigen, ständig feuchten Wohnung ausgezogen. Das war noch zu Beginn der Arbeit als Erledigerin gewesen.

»Wofür brauchst du mich denn? Was hast du vor?«, holte Trent mich aus meinen Gedanken.

»Das, was ich schon immer wollte. Jetzt habe ich die Macht dazu, und ich kann es endlich umsetzen.« Ich ballte die Hand zu einer Faust. Für einen Moment glaubte ich, dass Trent das Surren meiner Energie hören musste, denn sie klang so laut in meinen Ohren.

»Du willst die Religion der Weisen wieder nach Arche bringen?« Trent runzelte die Stirn.

»Das ist das einzige Ziel, das ich jemals hatte. Die Weisen verdienen nichts anderes als die Anbetung durch die gesamte Bevölkerung.«

»Und wie willst du das schaffen?«, fragte er, während wir in unsere Straße einbogen. »Ich meine, die Religion ist fast völlig ausgestorben. Das wird nicht ganz leicht.«

»Wie es jede Religion geschafft hat. Durch Überzeugung. Wenn ich mit meiner Macht demonstriere, zu was die Weisen einst fähig gewesen sind, kann ich weitere davon überzeugen. Es gibt viel zu tun, und genau deshalb brauche ich dich. Alleine kann ich es nicht schaffen.«

»Aber Noemi …« Wieder zögerte Trent.

Ich hoffte, dass es keine neue Angewohnheit von ihm werden würde. Auf Dauer war das nämlich das Ende einer guten Freundschaft.

»Ich weiß, dass du kein religiöser Mensch bist, aber auch du wirst noch einsehen, was die Macht der Weisen alles vollbringen kann.« Ich tätschelte ihm die Wange und ging auf unser Haus zu. Er war ein intelligenter, junger Mann und würde bald verstehen. Die Macht der Weisen war unermesslich und unerschütterlich, ebenso wie mein Glaube. Und wenn ich ihm das erst verständlich gemacht hatte, würde er es ebenfalls sehen. Mit einem zufriedenen Lächeln öffnete ich die Tür und trat ins Haus.

Für den Tag beließ ich es bei einer ordentlichen Körperreinigung und bequemer Kleidung. Auch wenn ich seit Anker kaum noch Schlaf benötigte, legte ich mich in mein Bett und schloss die Augen. Ich wollte nicht, dass Trent sich Sorgen um mich machte. Immerhin brauchte er den Schlaf tatsächlich. Mehrfach döste ich weg und als ich das letzte Mal erwachte, drang das erste Licht bereits durch mein Fenster. Mein Haus stand in der Nähe eines Solarspiegels, so dass ich direkt geweckt wurde, als das Sonnenlicht über den Rand der Arche kroch. Ich liebte dieses Prickeln der Strahlen auf meinem Gesicht.

Ich sprang auf, machte mir Frühstück und schrieb die Gedanken nieder, die mir in der Nacht gekommen waren. Einige Eingebungen hatte ich wohl wieder vergessen, aber sie würden schon zu mir zurückkehren. »Von nun an Zettel und Stift neben das Bett legen«, murmelte ich, während ich die Brotscheiben belegte. Ausnahmsweise machte ich gleich welche für Trent mit. Es dauerte jedoch noch bis zum Mittag, ehe er erwacht war und sich zu mir gesellte.

»Na, ausgeschlafen?«, fragte ich und nippte bereits an meinem zweiten Tee des Tages.

»Kann ich nicht behaupten. Gewöhnt man sich so schnell daran, auf hartem Holz zu schlafen, dass man von einer weichen Matratze Rückenschmerzen bekommt?« Er griff nach dem Becher, den ich ihm hinhielt, und goss sich etwas Tee aus der Kanne ein.

»Wahrscheinlich schlimmer, als andersrum. Sobald du gefrühstückt hast, müssen wir los. Wir haben heute viel vor.«

Trent gähnte und wischte sich über die Augen, um auch die letzten Reste des Schlafs loszuwerden. »Was steht denn an? Wolltest du dich nicht erst ausruhen?«

»Du kannst dir sicher sein, dass sich Charlie auch nicht ausruhen wird. Und wer weiß, auf was für dämliche Anwandelungen die Geheimnisträger kommen, wenn sie von der Teilung unserer Macht hören. Nein, nein.« Ich hob den Becher und trank einen Schluck. »Je eher ich mich ans Werk mache, desto schwerer wird es ihnen fallen, etwas gegen uns zu unternehmen.«

»Meinst du, Charlie würde so etwas tun? Ich denke, er hat hinlänglich mitbekommen, dass du eine Anhängerin der Weisen bist.«

»Charlie vielleicht nicht, aber die anderen Hurensöhne, die das Sagen haben. Der eine oder andere erinnert sich sicher noch an mich aus der Zeit, in der ich in ihrem Orden gewesen bin.« Wenn ich richtig informiert war, lebten mit Ausnahme von Meister Joacim noch alle, und sie waren nicht gut auf mich zu sprechen.

»Noch gibt es keinen Grund, dass sie gegen dich vorgehen. Und wenn du nicht vorhast, deine Religion mit Waffengewalt zu verbreiten, sehe ich keine Probleme.«

Ich stellte mich neben Trent und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Der wahre Glaube ist mächtiger als ein spitzer Speer. Die Menschen haben nur vergessen, wie sehr ein Speer stechen kann. Daran werde ich sie erinnern, und gemeinsam werden wir die Religion der Weisen wieder zu neuen Höhen führen.«

»Oder zumindest du. Und ich werde weiterhin dein folgsamer Assistent bleiben«, sagte Trent, trank aus seinem Becher und ging zu dem Teller, den ich ihm bereitgestellt hatte.

Eine halbe Stunde später machten wir uns auf den Weg. Mein Ziel war klar. Ich wollte zum Segelnden Anker, zu dem Wirt, der noch weitere Gläubige der alten Religion kannte. Mit ihnen würde ich anfangen. Sie wären meine Speerspitze im Kampf gegen die Ungläubigen.

»Glaubst du, dass der Wirt uns noch einmal zuhören wird?«, fragte Trent. »Ich meine, nach unserem letzten Zusammentreffen könnte er etwas angefressen sein.«

»Aber er hat mich zu dem Treffen damals eingeladen. Es sollte zwei Wochen nach unserem Besuch im Segelnden Anker stattfinden. Das ist schon ein paar Tage her, aber ich denke, ich kann den Wirt davon überzeugen, eine Sondersitzung anzuberaumen.« Ich zwinkerte Trent zu. »Ich habe da Mittel und Wege.«

»Deine Mittel und Wege werden uns irgendwann noch mal nach Exoria bringen – und diesmal nicht lebend.« Er folgte mir, auch wenn er nicht sonderlich begeistert aussah.

Das war mir jedoch egal. Wenn er weiterhin für mich arbeiten wollte, kannte er seinen Platz. An meiner Seite und mit geschlossenem Mund. Zumindest solange er nichts Sinnvolles zu sagen hatte.

Wir erreichten den Segelnden Anker am frühen Nachmittag. Die überlaufene Straße diente Passanten als Abkürzung, um zum anderen Ende von Arche zu gelangen. Auf der linken Seite pries ein Fleischer die Frische seiner Waren an, was überaus verlockend klang. Seit Wochen hatte ich kein Fleisch mehr gegessen, aber dafür blieb später noch Zeit. Meine Priorität lag vorerst woanders.

Für eine Spelunke auf dem Unterdeck war das Wirtshaus erstaunlich sauber. Die roten Tischläufer, die mir schon bei unserem ersten Besuch aufgefallen waren, dienten den Kerzenhaltern als Unterlage und verliehen dem Wirtsraum eine gemütliche Atmosphäre. Selbst am Nachmittag brannten die Kerzen bereits und verbreiteten einen angenehmen Duft. Diesmal roch es nach Vanille mit einer Nuance wie von Salz. Eine Mischung, die in der Nase prickelte.

Statt zu einer der Sitzgruppen zu gehen, stellte ich mich direkt vor den Tresen. Der Wirt stand mit dem Rücken zu uns und hantierte mit mehreren Gläsern. »Kleinen Moment, bin sofort bei Ihnen.«

Wir waren die einzigen Gäste, weswegen der Besitzer sich vermutlich an die Reinigung seiner Krüge und Gläser hergemacht hatte. Ich räusperte mich.

»Ich sagte doch …« Diesmal drehte er sich direkt um. »Sie schon wieder!«

»Ich freue mich ebenfalls, Sie wiederzusehen.« Das Lächeln auf meinen Lippen war ernst gemeint. Tatsächlich war ich froh, endlich wieder auf Arche zu sein. Die Geheimnisse von Anker zu lüften würde Jahrzehnte dauern, aber dafür mussten wir die Alice Sparrow zunächst wieder lufttüchtig kriegen und mit Proviant beladen. Das würde Wochen dauern. Bis dahin sollte ich mir eine gewisse religiöse Gefolgschaft aufgebaut haben, die wiederum meine Anweisungen befolgen konnten.

»Was wollen Sie hier?«, fragte der Wirt und stützte sich mit beiden Händen am Tresen ab.

»Das, was Sie mir bereits beim letzten Mal versprochen haben. Ein Treffen der Gläubigen.« Ich setzte mich auf den Hochschemel, der vor dem Tresen stand und deutete Trent, sich ebenfalls zu setzen. »Außerdem hätte ich gerne einen Schwarztee.«

Der Wirt hob eine Augenbraue. »Für alles hätte ich Sie gehalten, aber nicht für eine Teetrinkerin. Kommt gleich.« Er ging in die Küche, kam mit einem dampfenden Krug wieder und goss mir Wasser in einen Becher mit einer wohlduftenden Schwarzteemischung. »Das nächste Treffen ist erst in einer Woche. Wenn uns nichts dazwischenkommt.«

»Dem Glauben darf niemals etwas dazwischenkommen«, murmelte ich über den Rand des Bechers hinweg und pustete in die Flüssigkeit. »Denn nur der wahre Gläubige setzt seine Priorität auf die Erkenntnis der Weisen. Nicht auf das Leben selbst.«

»Fräulein, wenn Sie danach leben, meinetwegen, aber so manch einer von uns muss Rechnungen bezahlen. Arbeiten ist unerlässlich, und diese kommt immer wieder dazwischen.« Der Wirt stellte den Krug ab und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Diese Ansicht teile ich nicht, aber darüber können wir später noch reden. Ich vermute, dass die Einstellung bei den meisten ihrer sogenannten Gläubigen ähnlich beschaffen ist. Beraumen Sie noch heute Abend ein Treffen an. Ich werde solange hier warten.«

Der Wirt lachte. »Wie soll ich das machen? Soll ich selbst loslaufen und den Männern und Frauen Bescheid geben? Wer führt dann solange meine Wirtschaft?« Er winkte ab und kehrte zu seinen Gläsern zurück.

Ich schmunzelte. Der Wirt war sicher nicht auf mich und meine Kraft vorbereitet, also ging ich es langsam an. Mit einem Fingerzeig schickte ich die Energie in mir los. Im nächsten Moment glänzten alle Gläser wie frisch gewaschen.

Der Wirt ächzte und wich zurück. »Was bei allen Weisen …«

»Eine Versammlung. Noch heute.« Meine Stimme kratzte, also nahm ich einen Schluck von dem Tee. »Und machen Sie sich keine Sorgen. Trent hier lernt schnell und ist schon in vielen Schankwirtschaften gewesen. Er wird Sie sicher für einen Nachmittag würdig vertreten.«

»Waren Sie das gerade?«, hakte er nach und drehte den Kopf von den Gläsern zu mir und zurück. »Ich meine …« Er fasste sich an die Schläfe und schob die wenigen Haare, die ihm geblieben waren, nach hinten.

»Natürlich war ich das. Wer denn sonst? Einer der Klabautermänner?« Ich stellte den Becher ab, da die Hitze des Wassers langsam durch die Keramik drang.

»Aber wie …? Womit …?« Der Wirt kratzte sich am Hinterkopf, ehe er die Schürze abzunehmen begann. Seine Bewegungen waren träge, fast schon zögernd, als hätte er die Macht der Weisen nicht erkannt. Obwohl sie direkt vor ihm praktiziert worden war.

»Versammlung. Heute Abend.« Mehr sagte ich nicht, wandte mich Trent zu. Dieser zog gerade seinen Mantel und das Jackett aus, legte sie auf den Stuhl neben mich.

»Du hättest mir sagen können, dass ich als Kellner arbeiten darf. Dann hätte ich nicht meine beste Weste angezogen«, meckerte er, ging jedoch hinter den Tresen. Er wedelte mit den Händen. »Husch, husch. Sie meint das wirklich ernst.« Er verscheuchte den Wirt und legte die Schürze um. Die Schnüre konnte er doppelt um sich legen und den Knoten vor dem Bauch machen, so groß war sie.

»Ich wusste ja nicht, dass der Kerl alleine ist. Wenigstens eine Schankmagd hätte ich erwartet.«

Der Wirt schüttelte den Kopf. »Die kommt erst am Abend«, murmelte er gedankenverloren. »Ist ja noch keiner hier.« Zu mir hielt er Abstand, als er zur Tür ging.

»Bis dahin darfst du den Laden schmeißen, Trent. Ich hoffe, du hast dich nicht nur aufs Glücksspiel konzentriert, sondern auch auf die Bedienungen.« Amüsiert verfolgte ich den Weg des Wirts zur Tür. Erst als er draußen war, drehte ich mich wieder zu Trent. »Komm dahinter vor. Du musst natürlich nicht als Wirt arbeiten.«

»Absperren?«, fragte er und krempelte die Ärmel seines Hemds wieder herunter. »Geschlossene Gesellschaft oder Renovierung?«

»Geschlossene Gesellschaft. Wenn der Wirt schon die vermeintlichen Gläubigen zu uns schickt, dann will ich sie auch herzlich empfangen. Komm, wir gehen mal in die Küche und schauen, was wir da so finden.«

Ich wollte meinen Mitstreitern einen guten ersten Eindruck hinterlassen. Da ich nur vermuten konnte, was ihnen der Wirt erzählte, würde ich sie freundlich aber bestimmt in Empfang nehmen. Somit wussten sie direkt, woran sie bei mir waren. Ich drehte mich zu Trent. Wobei er für meine freundliche Seite zuständig sein würde.

Es vergingen Stunden, aber schließlich tauchte der Wirt mit vier weiteren Männern und zwei Frauen auf. Die Frauenquote ist wirklich mies, dachte ich und verschränkte die Arme. Keiner war von sich aus gekommen. Der Wirt hatte sie alle eingesammelt und war dann zurückgekommen. Nun baute er sich vor mir auf. »Ich habe keine Ahnung, wer genau Sie sind, aber ich hoffe für Sie, dass Sie wissen, was Sie tun. Ansonsten schmeiße ich Sie hochkant aus dem Wirtshaus und rufe die Wachen der Stadt.«

Ich schnaubte, erhielt augenblicklich von Trent einen Stoß in die Rippen und verdrehte die Augen. »Vermutlich hat Ihnen dieser nette Herr bereits von mir erzählt.« Ich räusperte mich und deutete allen, sich auf die bereitgestellten Stühle zu setzen, die Trent und ich im Dutzend so angeordnet hatten, dass die Sitzenden in meine Richtung sehen mussten.

Als sich keiner von ihnen setzen wollte, schob ich die Stühle zu ihnen hin. Die Energie, die ich dafür aufwenden musste, kostete mich mehr, als ich eigentlich wollte, aber die Demonstration war es mir wert. Einer der Männer schrie erschrocken auf, die Frauen fingen an zu tuscheln und der Wirt wirkte weit weniger überzeugt als noch kurze Zeit zuvor. »Hinsetzen, sagte ich.« Trent zog seine Weste zurecht. Unser geheimes Zeichen für mehr Höflichkeit. »Bitte«, schob ich nach.

Diesmal folgten alle meiner Aufforderung. Manche schneller als andere, aber das war mir nicht wichtig. Solange ich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hatte, genügte mir das. »Zunächst einmal, möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Noemi Inquisiter und ich bin eine Anhängerin der Weisen. Mein Ziel ist einfach und dennoch aufwendig. Ich will den Glauben wieder nach Arche bringen. Als die Weisen die Herrschaft innehatten, war die Welt reiner und weniger verkommen. Dorthin will ich zurückkehren.«

»Und wie?«, fragte ein Mann mit einem Gesicht, das mich sehr an eine Ratte erinnerte.

»Indem wir gemeinsam die Religion der Weisen wieder stark machen. Wenn wir sie den Ungläubigen lehren und sie ihnen näherbringen, werden wir den Politikern und den Geheimnisträgern, die die wahre Macht gar nicht kennen, zeigen, wozu unser Glaube imstande ist.«

Eine der Frauen nickte. Ich lächelte ihr zu. Sie brauchte ich nicht mehr zu überzeugen. Sie war bereits fest im Glauben verankert. Doch wie sah es mit den anderen aus? Ich ließ den Blick in die Runde schweifen. Rattengesicht schien misstrauisch. Die anderen drei Männer und die Frau wirkten eher ratlos, keineswegs entschieden.

»Was für Tricks benutzen Sie, um die Stühle zu bewegen?«, rief ein Mann auf der linken Seite der Gruppe.

»Keine Tricks. Ich nutze die Kraft der Weisen. Wenn Sie mir nicht glauben, geben Sie mir etwas aus ihrer Jackentasche. Das werde ich wohl kaum manipuliert haben, nicht wahr?«

Er zögerte, aber als Trent sich vor ihn stellte und die Hand ausstreckte, reichte er ihm einen Schlüssel. Trent kam zu mir, gab ihn mir und stellte sich wieder neben mich. Das Lächeln auf seinen Lippen zeugte davon, dass er wusste, was folgen würde.

Ich schloss die Augen, konzentrierte mich auf die sirrende Energie, die in mir lebte. Einen Teil der Hitze löste ich von ihr ab und zwang sie in den Schlüssel. Ich spürte durch die Hautschichten hindurch, dass die Hitze das Metall erfasst hatte. Es dauerte nur wenige Sekunden, dann spürte ich, wie sich der Schlüssel auflöste. Ich hielt die Hand so, dass jeder es beobachten konnte und das taten sie.

»He, das ist meiner!«, rief der Mann. Ein Stuhl kippte um und ich öffnete die Augen. In meiner Hand lag eine verflüssigte Form des Schlüssels. Ich ballte sie zu einer Faust und entzog dem Metall die Hitze.

»Hätten Sie wahrhaft geglaubt, wäre der Schlüssel nicht zu Metallschrott verklumpt.« Als ich die Hand wieder öffnete, lag zerlaufenes und wieder erstarrtes Metall in meiner Handfläche. Der Mann griff danach. Die Frauen brauchten ohnehin keinen weiteren Beweis, doch diesmal stimmten auch die Männer mit ein. Jeder nickte voller Ehrfurcht, und ich konnte dabei zusehen, wie Glauben in ihnen aufflammte wie bei winzigen Feuern, die schon lange nicht mehr genährt worden waren. Doch eine frische Brise wehte durch die Glut und fachte das Feuer von neuem an. Ich war zufrieden und stellte mich wieder vor die anderen. Trent und ich lächelt einander zu. »Ich denke, das sollte Beweis genug sein. Kommen wir also zum Plan.«

Der Orden

Charlie

Die Macht der Geheimnisse umgibt den Fachkundigen wie eine Aura. Es liegt ein kaum zu erfassendes Prickeln in der Luft, das sanfte Aufstellen der Nackenhaare, das dir den Hinweis darauf gibt, dass sich dein Gegenüber auf die Kunst versteht. Geheimnisträger erkannten sich an diesem Gefühl, die Geübten unter ihnen waren sogar in der Lage, anhand der nuancierten Unterschiede zu erkennen, über welche Macht ihr Gegenüber verfügte.

Meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet waren eher bescheiden: Ich nahm die Kraft eines Lehrlings kaum wahr, die eines alten Meisters aber sehr wohl. Dieser Umstand jedenfalls half, einander zu erkennen, und er war auch nützlich dabei, sein Gegenüber einzuschätzen.

Jene Aura war es, die mir die Tore zur Akademie öffnete. Die Geheimnisträger in ihren Kammern und Türmen mussten meine Ankunft auf der Arche gespürt haben, und der Skandal, der zu meinem Rauswurf aus dem Orden geführt hatte, schien vergessen, niemals passiert. Ungehindert ließen sie mich wieder in die ehrwürdigen Hallen.

Gurney hatte es vorgezogen, eine andere Unterkunft zu wählen – eine Entscheidung, die ich ihm nach den letzten Erfahrungen, die er mit Janara, Teylen und Liccio gemacht hatte, nicht verübeln konnte. Während die Wachen mich durch die hohen Gänge führten, spürte ich die Blicke der Geheimnisträger auf mir. Sie standen in den Türen, auf den Treppen und Balustraden, unterbrachen ihre Gespräche oder hielten auf ihren Wegen inne, um einen Blick auf mich zu erhaschen. Ich blickte sie an, wusste nicht, ob ein Lächeln die richtige Reaktion war und erkannte, dass sie es ebenso wenig wussten. Die Männer und Frauen, die ich auf meinem Weg durch die Akademie passierte, spürten, dass sie am Anfang von etwas Neuem standen. Die Welt, wie sie sie kannten, würde sich verändern, meine Ankunft, meine Aura waren der Beweis dafür. Doch keiner von ihnen – mich eingeschlossen – vermochte in die Zukunft zu blicken. Dort lag nur Ungewissheit, und die machte allen Angst. Auch mir.

Nun hatte ich also Joacims Traum erfüllt. Ich hatte gefunden, wonach er zeit seines Lebens gesucht hatte. Doch anders als mein alter Meister stand ich am Anfang meines Lebens, der Anker war bis vor nicht allzu langer Zeit kaum mehr als eine Legende gewesen. Vielleicht hatte Joacim einen Plan gehabt, genau gewusst, was mit der Macht zu tun war, die das Zentrum des Wolkenmeers barg. Ich hatte keine Vorstellung davon. Sie lastete wie eine schwere Bürde auf meinen Schultern und ich wusste nicht, was das Schicksal von mir verlangte. Ich wünschte mir, dass Joacim noch lebte, dass er mir mit seiner Weisheit zur Seite gestanden hätte. Seine Ratschläge wären wie ein Leuchtturm für mich gewesen.

Man führte mich zur Bibliothek, und ich registrierte den sanften Schauer, der mir den Rücken hinablief. Die Theatralik war kaum zu überbieten, die drei ältesten Meister des Ordens hatten sicher nicht zufällig den Ort, an dem sie ihr Urteil über mich gesprochen hatten, gewählt, um mich zu begrüßen. Und nicht nur der Ort allein erinnerte an das Verhör. Da waren auch die strengen Blicke des Tribunals: Liccio, Janara und Keylen hatten an einer Tischreihe Platz genommen und erwarteten mich. Diesmal jedoch stand gegenüber der Tafel des Triumvirats ein Stuhl. Und noch etwas war anders: Sie erhoben sich, als ich näherkam, senkten respektvoll ihre Köpfe.