Twisted Fate, Band 2: Wenn Liebe zerstört (Epische Romantasy von SPIEGEL-Bestsellerautorin Bianca Iosivoni) - Bianca Iosivoni - E-Book

Twisted Fate, Band 2: Wenn Liebe zerstört (Epische Romantasy von SPIEGEL-Bestsellerautorin Bianca Iosivoni) E-Book

Bianca Iosivoni

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Beschreibung

Ein Schicksal, das sie verbindet. Eine Liebe, die nicht sein darf. Ein Feind, der sie jagt. Fünf gekreuzte Schwerter und Disteln – nie hätte Faith vermutet, welch düstere Wahrheit sich hinter diesem Symbol verbirgt. Finstere Mächte bedrohen ganz Schottland, und Faith und ihre Freund*innen sind in größerer Gefahr als je zuvor. Doch Verrat und Verlust verändern Faith. Plötzlich kann sie niemandem mehr vertrauen. Weder Jax, in dessen Armen sie alles vergessen kann. Noch Nate, in dessen Augen Sehnsucht lodert. Und am wenigsten sich selbst. Denn ihre Gabe zeigt auf einmal eine dunkle Seite. Weitere actiongeladene und herzzerreißende Romantasy von Bianca Iosivoni: Sturmtochter, Bd. 1-3 Soul Mates, Bd. 1 & 2 The Last Goddess, Bd. 1 & 2

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Als Ravensburger E-Book erschienen 2023 Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg © 2023 Ravensburger Verlag GmbH Text © 2023 Bianca Iosivoni Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur Langenbuch & Weiß, Hamburg. Lektorat: Kristina Langenbuch Gerez Covergestaltung: Carolin Liepins unter Verwendung von Fotos von © Ironika, PushAnn, Irina Bg, Bokeh Blur Background, BERNATSKAIA OKSANA, Quang Ho und Emilio100 (alle: Shutterstock) Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-473-51176-1

ravensburger.com

Für Nina. Ohne dich würde diese Geschichte nicht in Dundee spielen.

Playlist

Tommee Profitt, brooke –Here I Am

Damned Anthem –Uprising

Tommee Profitt, Ruelle –Whose Side Are You On

NF, Britt Nicole –Can You Hold Me

Kaleb Jones –Till The World Stops Turning

AG, Dresage –How Soon Is Now

League of Legends, Against The Current –Legends Never Die

Hidden Citizens, Rånya –Raise Your Flag

Two Steps from Hell, Nick Phoenix –Lonely Are The Brave

League of Legends,2WEI, Edda Hayes –Warriors

Sam Tinnesz, Yacht Money –Play with Fire

Tommee Profitt, brooke –Can’t Help Falling In Love –DARK

Evolving Sound, Tom Evans –No Room for Faith

Sybrid, Brittney Bouchard –No Time to Die

Klergy, Valerie Broussard –Start a War

Beth Crowley –In The End

2WEI, Edda Hayes –Burn

Neoni –DARKSIDE

Klergy –Caught in the Fire

Rok Nardin –Hell Rising

Skillet –Finish Line

Zayde Wølf –Heroes

DIAMANTE –Auld Lang Syne

Sarcastic Sounds, Birdy, Mishaal Tamer –Closure

Prolog

Callanish, Isle of Lewis, Schottland, im Jahre 1721

Es war ihnen gelungen. Sie hatten den Dämon tatsächlich all seiner Kräfte berauben und ihn in Stein einsperren können.

Erschöpft ließ Tabitha die Arme sinken. Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihr Brustkorb hob und senkte sich so schwer, als wäre sie gerannt, dabei hatte sie sich in den vergangenen Minuten nicht bewegt. Doch das Ritual hatte sie an ihre Grenzen gebracht. Ihre Eltern, Tanten und Schwestern hatten sie davor gewarnt, dennoch hatte sie darauf bestanden, diejenige zu sein, die es durchführte. Sie war die Stärkste in ihrer Ahnenlinie, die mit jeder Generation ein Stück ihrer ursprünglichen Magie verlor.

»Esistvollbracht«,flüstertesiemitrauerStimme.IhrHals kratzte nach der langen Inkantation und ihre Augen brannten, aber sie konnte den Blick nicht von den Steinen abwenden, die in dieser Nachtentstandenwaren.EinperfekterKreisausdreizehnMonolithen, in deren Mitte der Brollachan ebenfalls zu Stein erstarrt war. Erwürdeniewiederfreikommen.DafürwürdensieundihreFamilie sorgen.

Als sie spürte, wie jemand neben sie trat, versteifte sie sich unwillkürlich. Auch ohne hinzusehen, wusste sie, dass es der Mann aus demOrdenwar.DerMannmitdengrauenHaarenunddenkalten Augen. Sein Name war Kingsley. Auch er legte großen Wert auf seine Familie und ihre Traditionen, doch hier endeten die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen bereits.

Er sprach kein Wort zu ihr, sondern betrachtete den Steinkreis mitunbewegterMiene,dieHandamKnaufseineseigenenSchwerts, das er nie gezogen hatte. Er hatte sich nicht in den Kampf eingemischt, da er im Gegensatz zu den Frauen und Männern den Preis diesesRitualsgekannthatte.DenPreisderMagie.AusdiesemGrund hatte er sich zurückgehalten, hatte sich versteckt und seine Brüder und Schwestern aus dem Orden der Goldenen Flamme in ihrVerderben laufen lassen.

Für einen kurzen Moment blitzte das entsetzte Gesicht einer jungen Frau in Tabithas Erinnerung auf. Isabelle war ihr Name gewesen. Isabelle Beauvil. Eine Kriegerin des Ordens. Eine Ehefrau und Mutter von drei Kindern, die aufgrund der Ereignisse dieser Nacht nun ohne Eltern aufwachsen mussten.

»Wie lange wird dieserZauberhalten?« Kingsley spie das Wort hervor, als würde es ihm widerstreben, es überhaupt in den Mund nehmen zu müssen. Vermutlich tat es das auch.

DerZusammenschlusszwischendemOrdenundTabithasFamiliewarkeinfreiwilligesUnterfangen,sondernausderNotheraus entstanden. Der Brollachan hatte sich schon dreizehn magische KräftezueigengemachtundwarimLaufederZeitimmermächtiger geworden. Er galt bereits als unbesiegbar. Und wenn er noch mehr Magie gesammelt hätte, hätte er nichts als Terror und Chaos über die Welt gebracht. Das hier, dieser widerwillige Zusammenschluss,wardereinzigeWeggewesen,umihnaufzuhalten.DasOpfer der dreizehn Frauen und Männer war notwendig gewesen, um ein noch viel größeres Übel auszulöschen.

»Wie lange?«, wiederholte Kingsley, diesmal mit einer deutlich ungeduldigen Note in der Stimme.

»Lange genug«, erwiderte Tabitha erschöpft und schlang die Arme um sich. Nun, da der Kampf vorüber war, schien der Wind noch schneidender, noch eisiger geworden zu sein. »Wir werden das Ritual in jeder Generation erneuern, wie wir es vereinbart haben. SolangemeineFamilieexistiert,wirdderBrollachannichtfreikommen.«

Kingsley neigte den Kopf zur Bestätigung.

»Allerdingsnur,wennIhrundderOrdendenPreisdafürbezahlt«, erinnerte sie ihn ruhig.

Der Griff um seinen Schwertknauf verstärkte sich, aber er zog die Waffe nicht. Dieser Mann war klug genug, um sie nicht einfach anzugreifen und ihr Leben ebenso kaltherzig zu beenden wie das seiner eigenen Brüder und Schwestern, die vor seinen Augen zu Stein erstarrt waren. Nein, er brauchte sie. Er brauchte Tabitha und alle Generationen, die nach ihr folgen würden. Das war der einzige Grund, aus dem sie noch atmete. Das war ihr nur zu bewusst.

»Nun?«, hakte sie nach und zog ihren Arisaid fester um sich. Vorgeblich um sich vor dem kalten Wind zu schützen, der sie frösteln ließ, jedoch hielt sie im dicken Stoff auch eine schmale Klinge verborgen, mit der sie sich im Zweifelsfall würde verteidigen können.

»Wir bezahlen den Preis, Hexe.« Diesmal wandte Kingsley sich ihr direkt zu, sodass die Steine hinter ihm wie ein stummes Mahnmal in der Nacht aufragten. Obwohl ihr nichts als Hass und Verachtung entgegenschlugen, wich sie nicht vor ihm zurück. »Der Orden wird keine Jagd auf dich und deine Sippe machen. Niemals.«

Tabitha zog die Brauen in die Höhe. »Und …?«

Er knirschte mit den Zähnen, sprach aber weiter. »Und sollte deine Familie jemals mit einer Bitte an uns herantreten, ist der Orden der Goldenen Flamme verpflichtet, diesen Gefallen zu gewähren. Heute. Morgen. In einem Jahrtausend. In dieser Generation oder in jenen, die folgen werden. Wir stehen in eurer Schuld, bis ihr diesen Gefallen einfordert.«

Ein winziges Lächeln umspielte Tabithas Mundwinkel. Es war schwierig gewesen, den Rat des Ordens zu diesem Teil des Abkommens zu bewegen, aber es war ihrer Familie gelungen. Auch ohne die Zukunft vorhersagen zu können, ahnte Tabitha, dass sie diesen Gefallen eines Tages dringend brauchen würden.

Sie neigte den Kopf als Zeichen von Respekt, obwohl er sie nur wie ein notwendiges Übel behandelt hatte. »So sei es.«

Kingsley ballte die Hand zur Faust und schlug sich damit einmal gegen die Brust. »Für den Orden.«

Tabitha ließ den Blick über die bis in alle Ewigkeit zu Stein erstarrten Männer und Frauen gleiten. »Für meine Familie.«

Kapitel 1

Dundee, Schottland, Gegenwart

»Ich bin gekommen, um dich zu töten.«

Ich starrte Nate entsetzt an, für einen kurzen Moment davon überzeugt, mich verhört zu haben. Es musste einfach so sein. Doch der durchdringende Blick aus seinen grünen Augen blieb derselbe. Sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Er meinte es tatsächlich ernst.

Nathaniel MacKenzie war im offiziellen Auftrag des Ordens der GoldenenFlammehergekommen.ErhattemichaufdemParkplatz hinter dem Krankenhaus abgefangen … um mich zu töten. Nur wenige Stunden nachdem mein Bruder – ebenfalls Mitglied des Ordens – beinahe gestorben wäre. Nein, nichtbeinahe. Für ein paar schreckliche Sekunden hatte Levi nicht mehr geatmet und sein Herz hatte nicht mehr geschlagen. Bei der Erinnerung daran kroch das Grauen mit eisigen Fingern mein Rückgrat hinab. Umringt vonSchreien,Kämpfen,BlutundMagiehatteichihnwiederbelebenmüssen.NurdurchdieHilfederanderen,allenvoranHimiko, warenwirProfessorKingsleyundihrenAnhängernknappentkommen. Nate hatte uns sogar dabei geholfen, es aus dem Gebäude heraus zu schaffen. Und jetzt wollte er mich töten?

Nate stand so dicht vor mir, dass ich die Schatten unter seinen Augen ebenso deutlich sah, wie ich seinen warmen Atem auf meinemGesichtspürte.AusdemAugenwinkelbemerkteich,wie er eine kleine schmaleKlinge aus einer Tasche seitlich an seiner schwarzen Hose hervorzog. Ein Wurfmesser.

Mit einem Mal raste mein Puls, allerdings nicht aus denselben Gründen wie sonst in Nates Nähe. Die Erschöpfung, die sich wie eine bleischwere Decke über mich gelegt hatte, verschwand soschnell, als hätte sie jemand brutal weggerissen. Stattdessen pumpte Adrenalin durch meine Adern und meine Muskeln waren aufs Höchste angespannt. Nates verzweifelter, eindringlicher und zugleich misstrauischer Blick zwang mich dazu, einen Schritt zurückzutreten. Und dann noch einen, um mehr Abstand zwischen uns zu bringen. Um es ihm nicht ganz so leicht zu machen.

Aus irgendeinem Grund musste ich ausgerechnet jetzt daran denken, wie er reagiert hatte, als er von meiner Heilkraft erfahren hatte.ErhattesieinAktionerlebt,nachdemichmichzwischen ihn und Jax geworfen und den Dolch abgefangen hatte, der für Jax bestimmtgewesenwar.AllesanNatehattesichverändert.Eswar, als wäre ein Licht in seinen Augen erloschen, als wäre ich plötzlich eine Fremde für ihn. Ein Feind.

Jetzt sah er mich auf dieselbe Weise an. Nur dass ihm voll und ganz bewusst war, wer da vor ihm stand.

Ich bewegte den Schlüsselbund in meiner Hand, arrangierte die einzelnen Schlüssel neu, bis sie zwischen meinen Fingern hervorzeigten. Keine besonders effektive Waffe im Kampf, aber besser als nichts. Außerdem wollte ich nicht den Dolch ziehen, den ich noch immer bei mir trug.SeinenDolch. Das konnte ich einfach nicht.

Ohne Vorwarnung machte er einen Satz nach vorne und packte michamArm.Alsmirklarwurde,waservorhatte,reagierteichinstinktiv – und genau so, wie er es mir beigebracht hatte. Ich streckte den Arm aus, bevor er ihn mir auf den Rücken drehen konnte, und wand mich aus seinem Griff heraus. Hastig brachte ich erneut ein paar Meter Abstand zwischen uns, bis ich mit dem Rücken gegen eines der geparkten Autos stieß.

»Du kannst mich nicht verletzen, schon vergessen?«

Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, flog das Wurfmesser geradewegs auf mein Gesicht zu. Meine Reflexe übernahmen die Kontrolle. Ich duckte mich nicht oder sprang zur Seite, sondern riss die Arme hoch, um mich zu schützen. Doch die Klinge traf mich nicht. Fassungslos sah ich dabei zu, wie das Wurfmesser stattdessen eine scharfe Kurve flog und eine Sekunde später zitternd in einem Baumstamm am Rande des Parkplatzes stecken blieb.

Was um alles in der Welt …?

»Esstimmtalso.«ImGegensatzzumirschienNatekeinbisschen überrascht zu sein. Und er hielt bereits die nächste Waffe in der Hand – diesmal einen Dolch. »Du hast Levis Kraft an dich gerissen.«

Ich …Was?!

Ich starrte erst Nate entsetzt an, dann auf das Wurfmesser, das noch immer im Baumstamm steckte. Das konnte nicht sein. Hatte ich etwa … Hatte meine Handbewegung die Klinge von mir weg in eine andere Richtung gelenkt? Aber das war Levis Magie. Mein BruderbeherrschteTelekinese.ErkonnteGegenständemitderKraft seiner Gedanken bewegen, nicht ich. Und doch …

Bilder rauschten durch meinen Kopf. Der Moment, in dem ich meinen Bruder dort liegen gesehen hatte, leblos auf dem Boden in Kingsleys Labor. Wie ich vergeblich versucht hatte, ihn zu heilen, nur um dann festzustellen, dass er nicht länger atmete. Die Herz-Lungen-Massage. Die Panik. Die Erleichterung, als er wieder einen Puls hatte. Levi war tot gewesen. Für einen kurzen Zeitraum war er wirklich gestorben – und seine Telekinese war auf mich übergesprungen. Aber wie hatte ich das nicht merken können? Wie hatte ich absolut nichts spüren können? Das war der Grund, aus dem ich ihn nicht heilen konnte: Weil er keine Magie mehr in sich trug wie der Rest von uns. Ich hatte sie ihm, ohne es zu beabsichtigen, genommen.

Meine Gedanken rasten noch immer, während Nate mich keine Sekunde aus den Augen ließ. Er hatte es schon vor mir gewusst oder eszumindestgeahnt –undichhatteihmgeradedieBestätigunggeliefert.

Kopfschüttelnd wich ich vor ihm zurück. Gleichzeitig tauchte eine andere Erinnerung in meinem Bewusstsein auf: unsere Flucht durch das einstürzende Ordensgebäude. In diesem engen Gang war ein Balken heruntergekracht und hatte uns den Weg versperrt. Nate hattemirdabeigeholfen,Levizustützen.Ichwarsoverzweifeltgewesen, hatte so sehr versucht, einen Ausweg zu finden, bis … bis der Balken plötzlich in der Mitte zersplittert war. Für einen kurzen Augenblick war mein Bruder wieder bei Bewusstsein gewesen, also war ich natürlich davon ausgegangen, dass er dafür verantwortlich gewesen war. Dass er seine Telekinese eingesetzt und uns gerettet hatte. Doch in Wahrheit … war ich es gewesen.

»Du hast es gewusst?«, stieß ich schließlich hervor.

»Nicht von Anfang an, aber ich hatte da so eine Theorie, seit wir aus dem Ordensgebäude geflohen sind.«

EineTheorie,dieermitseinerWurfmesserattackesoebenbewiesen hatte.

»Selbst wenn ich zwei Kräfte habe, macht mich das nicht zu jemandem wie Professor Kingsley«, erinnerte ich ihn, da diese neue EntwicklungnichtsanNatesMissionzuändernschien.ImGegenteil. Er wirkte noch immer fest entschlossen. Jetzt vielleicht sogar noch mehr als zuvor. »Vielleicht solltet ihr euch lieber um eure durchgeknallte Kollegin kümmern, statt um mich.«

Er drehte den Dolch zwischen seinen Fingern. »Keine Sorge, wir kümmern uns um sie. Kingsley ist auf der Flucht. Ohne Freunde, mit nur wenigen Verbündeten. Früher oder später werden wir sie finden.«

Ich stutzte. Hatte er mir gerade wertvolle Informationen zugespielt? Informationen, die er mit Sicherheit nicht mit jemandem teilen durfte, der auf der Abschussliste des Ordens stand. Denn was ich aus seinen Worten heraushörte, war, dass nicht alle Mitglieder des Ordens auf Kingsleys Seite standen. Vielleicht damals vor zehn Jahren, als sie dieses wahnsinnige Experiment zusammen mit meinem Vater gestartet hatte – der Versuch, dämonische Kräfte auf Menschen zu übertragen. Auf unschuldige Kinder. In Kingsleys Labor im Keller des Ordenshauses hatten sie uns bekämpft. Aber jetzt? Heute?NachdemKingsleyvorihrenAugengemordet,AilsasMagie in sich aufgenommen und Levi – einer der beiden letzten Nachfahren der Familie Beauvil – beinahe getötet hatte? Damit schien sie einige Sympathien bei ihren Kollegen und Kolleginnen eingebüßt zu haben.Aber vielleicht war das auch nur meine ganz persönliche Hoffnung, weil ich mich an etwas festklammern musste. Weil ich nicht glauben wollte, dass der Orden, dem all meine Vorfahren väterlicherseits angehört hatten, mich tot sehen wollte.

DassNatemich tot sehen wollte.

Ich wusste nicht, wer von uns sich zuerst in Bewegung gesetzt hatte, aber mittlerweile umkreisten wir einander langsam auf dem Parkplatz, ganz ähnlich wie in den Trainingsräumen des Ordens. Zwei Wochen lang hatte ich mit Nate trainiert, bevor seine Großmutter ihn abgezogen und Lyla meine Ausbildung übernommen hatte. Und obwohl ich ihm damals schon meine Magie verheimlicht hatte, hätte ich dennoch nie geglaubt, dass wir eines Tages auf verschiedenenSeitenstehenwürden.Dasswirtatsächlichgegeneinander kämpfen würden. Doch genau das passierte hier – und die im Licht der Straßenlampen aufblitzende Klinge in Nates Hand ließ nicht den geringsten Zweifel daran.

»Warum will der Orden mich töten lassen?«, fragte ich und zwang mich dazu, den Blick von der Klinge loszureißen und Nate anzusehen. Seine Miene zeigte keine Regung. Als würde er mich nicht kennen. Als würde ich ihm nicht das Geringste bedeuten. »Ich bin ein Mensch.«

»Nichtnur.Nichtmehr.«ErhielteinenMomentinneundFalten erschienen zwischen seinen dunklen Augenbrauen. »Seit du diese Kraft hast – und jetzt auch noch die von Levi –, bist du etwas anderes.«

InderFerneertönteeineSirene.EinRettungswagennähertesich dem Krankenhaus.

»Etwas anderes? Was soll das heißen?«

»Kingsley hat jahrelang Hexen, Dämonen und auch euch studiert. Sie hat als Erste erkannt, wie sich diese Magie in den Genen festsetzt. Sobald du sie hast, bist du nicht mehr dieselbe Person wie zuvor. Du bist … anders.«

Also steckte die Magie tatsächlich in unseren Genen? Das bedeutete, dass ich mit meiner Vermutung recht gehabt hatte. Nur deshalb hatte ich überhaupt hier in Dundee mit dem Studium begonnen. Um mich auf Genetik zu spezialisieren. Um herauszufinden, was es mit meiner Heilmagie auf sich hatte und ob ich damit auch anderen helfen konnte, die selbst über keine Magie verfügten. Anderen … wie meiner Mutter.

HatteKingsleyähnlicheZielegehabt?Abersiehattedafürgetötet.SiehatteAilsa –ohnemitderWimperzuzucken –hinterrücks ermordet, und auch zwei weitere junge Menschen auf dem Gewissen, denen sie die Kräfte gestohlen hatte. Sie hätte auch uns getötet, wenn wir sie nicht aufgehalten hätten, da war ich absolut sicher.

»Du wirst immer mehr wollen«, fuhr Nate fort, ohne das Chaos zu bemerken, das seine Aussage in mir ausgelöst hatte. »Du wirst nach immer mehr Macht dürsten. Das haben Dämonen so an sich.«

Ich blieb abrupt stehen. »Ich binkeinDämon, verdammt noch mal!«

»Nein, aber du trägst dämonische Kräfte in dir. Denkst du, du bist immun gegen die Auswirkungen?«

WieaufKommandoflackerteetwasDunklestiefinmeinemInneren auf, als Antwort auf seine Frage, als Antwort auf eine massive Bedrohung. Ich zwang die Dunkelheit in mir mit aller Macht zurück.

»Ich bin kein Dämon«, wiederholte ich, um Ruhe bemüht, obwohlmeineStimmezitterte.»UndichbinauchnichtwieKingsley.«

Nate hielt den Dolch in die Höhe. »Es spielt keine Rolle, was ich glaube, Faith.«

Es spielt keine Rolle, was ich fühle.Die Worte hingen unausgesprochen zwischen uns in der Luft.

IchmachteeinenSchrittzurück,währendNateeinennachvorne trat. Okay. Spätestens jetzt war es an der Zeit, wegzulaufen. Offensichtlich würde Nate nicht mit sich reden lassen, zumindest nicht, solange der Befehl des Ordens sein Handeln kontrollierte. Ich deutete einen Angriff an, der ihn in Verteidigungshaltung zwang, nur um gleich darauf herumzuwirbeln und loszurennen.

Meine Schritte donnerten über den Parkplatz. Irgendwo ertönte eine weitere Sirene, aber siewar zu leise, zu weit entfernt. Wir waren ganz allein hier draußen. Jax’ Auto würde ich nicht rechtzeitig erreichen, auch wenn ich den Schlüssel noch immer fest in der Hand hielt. Ich musste ins Krankenhaus zurück. Umringt von so vielen Menschen würde Nate es nicht riskieren, seinen Auftrag zu Endezuführen.DafürwarGeheimhaltungzuwichtigfürden Orden.

Sekunden später hatte ich es fast geschafft. Die Glastüren kamen immer näher, ich musste nur noch die Hand danach ausstrecken und … Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr. Nate tauchte auf dem Dach des parkenden Autos neben mir auf, dann stand er plötzlich direkt vor mir.

Fuck!SchlitterndkamichzumStehen.Schweratmend.Mitrasendem Herzen. Er hatte mich eingeholt. Mehr noch, er war nicht mal außer Atem, während ich mich in Gedanken selbst verfluchte. Wie hatte ich das vergessen können? Vor nicht allzu langer Zeit hatte er mir doch selbst gezeigt, wozu er mit seinen Parkour-Fähigkeiten in der Lage war.

Bevor ich auch nur einen Ton sagen konnte, riss er mich zur Seite und in die Schatten neben das Gebäude, wo uns niemand sehen konnte.DieKlingeblitztevormirauf.IchrissdieHandhoch –undstoppte die Attacke. Nicht mit meinem Körper, sondern mit Levis … meiner neuen Kraft. Das Messer schwebte zwischen uns in der Luft, nur wenige Zentimeter von meinem Hals entfernt, während Nate zurückgestolpert war, als hätte eine unsichtbare Macht ihn dazu gezwungen.

Ich zitterte am ganzen Körper, dennoch schaffte ich es irgendwie, einen klaren Kopf zu behalten. Oder meine Gedanken wenigstens genug zu fokussieren, um die Klinge so weit wie möglich wegzuschleudern.DochdasEinzige,wasicherreichte,war,dass sich die Klinge zitternd in der Luft umdrehte – und nun auf Nate zeigte.AufNate,derdieDistanzzwischenunswiederzunichtegemacht hatte und direkt vor mir stand. Als sich unsere Blicke trafen, gewann das Chaos in mir die Oberhand. Wut mischte sich mit Sehnsucht, mit Angst, Verlangen und Enttäuschung, bis ich das eine nicht mehr vom anderen unterscheiden konnte.

Mittlerweile atmeten wir beide schwer, auch wenn sich keiner von uns bewegte. Noch nicht. Ohne meinen Blick loszulassen, machte Nate einen kleinen Schritt nach vorne. Das Metall berührte seinenHals.DiescharfeSpitzeritzteseineHautundeindickerroter Blutstropfen rann seinen Hals hinunter.

Oh mein Gott …

Schlagartig fiel der Dolch herunter. Nate fing ihn blitzschnell aus der Luft auf. In der einen Sekunde stand ich noch wie angewurzelt da, in der nächsten drängte er mich hart gegen die Hauswand in meinem Rücken, das Messer jetzt an meinem Hals.

Ich ignorierte die völlig deplatzierte Hitze, die mir durch den Bauch schoss. »Wenn du mich jetzt tötest«, stieß ich leise hervor, »dann gehen Levis und meine Kräfte auf dich über.«

Seine Augen weiteten sich, aber er rückte keinen Zentimeter von mir ab. »Was sagst du da …?«

Es war ein Bluff, aber das musste er nicht wissen. In Wahrheit hatte ich gerade mal damit angefangen, ansatzweise zu begreifen, wie das mit den magischen Kräften funktionierte. Dass die andere Person tot sein musste, damit ihre Kraft sich auf jemand anderen übertrug, wusste ich jedoch mit absoluter Sicherheit. Nate hingegen wirkte irritiert – und misstrauisch.

Würde er mir nicht gerade ein Messer an die Kehle halten, hätte ichvielleichtverächtlichgeschnaubtoderdenKopfüberdieseReaktion geschüttelt. So aber blieb ich reglos stehen, auch wenn mein Puls wie verrückt raste. »Haben sie etwa vergessen, das zu erwähnen? Oder wissen die anderen im Orden nichts davon? Diese Magie wird durch den Tod übertragen. Levi war kurz … Er hatte … Ich musste ihn wiederbeleben. Dabei ist es passiert. Aber es war keine Absicht. Nicht so wie die Morde, die Kingsley begangen hat. Nicht wie das, was du bereit bist zu tun. Willst du das? Willst du, dass diese Kräfte auf dich übergehen?«

Er starrte mich finster an. »Du lügst.«

»Warum sollte ich?«

»Weil du die ganze Zeit über gelogen hast, Faith. Die ganze verdammte Zeit über.«

Blanker Zorn und Verzweiflung mischten sich in seine Stimme. Gefühle, die ich nur zu gut kannte, hatte ich ihm doch vor nicht allzu langer Zeit exakt dasselbe vorgeworfen.

»Wenn du das wirklich denkst, dann los. Tu es. Töte mich und sieh, was passiert.«

EtwasflackerteinseinenAugenauf –unddiesmalwarerderjenige, der zögerte. Sein Atem ging genauso schwer wie meiner, obwohl wir nicht lange gegeneinander gekämpft hatten. Kein Vergleich zu unserem Training, nur dass das hier bitterer Ernst war.

»Tu es!«, forderte ich ihn mit heiserer Stimme auf. Das Herz schlug mir bis zum Hals, allerdings nicht nur aus Angst. Obwohl ich wusste, dass Nate dazu in der Lage war, weil er alles für den Orden tun würde, war er es, der mein Herz viel zu schnell hämmern ließ. Seine Nähe. Sein eindringlicher, wütender Blick. Sein Gesicht so dicht vor meinem. Trotz allem hatte er noch immer diese Wirkung auf mich.

»Gib mir einen guten Grund, warum ich dich nicht auf der Stelle töten sollte«, knurrte er. »Du hast mich angelogen. Du hast dich in den Orden eingeschlichen und mir die ganze Zeit über etwas vorgemacht.«

»Ich habe dir nie etwas vorgemacht.«

»Bullshit!«

EinkurzesBrennenanmeinemHals.EinwinzigerSchnitt, der sofort von der kribbelnden Wärme meiner Heilkraft erfüllt wurde.

»Ich habe dir nichts von meinen Kräften erzählt, aber … ich habe dich nie angelogen.«

Und so, wie er reagiert hatte, als er meine Magie im Einsatz gesehen hatte, war es die richtige Entscheidung gewesen. Nate und der Orden hassten Magie. Sie würden alles dafür tun, sie auszulöschen. Mich auszulöschen. Meine Freunde. Meine Familie.

»Bitte«, flüsterte ich, ohne genau zu wissen, worum ich ihn bat. Dass er es zu Ende brachte? Dass er mir glaubte? Dass alles anders sein könnte – vor allem zwischen uns? »Nate …«

Sein Blick fiel auf meine Lippen – und mir wurde siedend heiß. War er mir näher gekommen oder bildete ich mir das nur ein? Denn die kalte Klinge an meinem Hals spürte ich nur zu deutlich.

Zorn funkelte in seinen Augen, als er wieder aufsah. Aber da war noch mehr. Enttäuschung. Verzweiflung. Eine Loyalität, die ihn irgendwann umbringen würde, weil sie ihn schon jetzt innerlich zerriss. Und etwas, das ich das letzte Mal nach dem Winterball gesehen hatte, kurz bevor er mich geküsst hatte.

Bevor ich auch nur einen klaren Gedanken fassen, geschweige denn etwas davon aussprechen konnte, trat Nate mit einem leisen Fluchen zurück. Er steckte den Dolch wieder ein, ohne den Blick von mir abzuwenden, aber er sagte kein Wort. Dann drehte er sich um und ging.

Ich sah ihm mit klopfendem Herzen nach, bis er im Licht der aufgehenden Sonne zwischen den parkenden Autos verschwunden war. Unbewusst fasste ich mir an den Hals, ertastete jedoch nur glatte Haut. Der winzige Schnitt von seinem Dolch war längst verheilt.

Ich war am Leben.

Fragte sich nur, wie lange noch.

Kapitel 2

IchstandreglosaufdemParkplatz,währenddieSonnelangsam aufgingunddieDunkelheitvertrieb.ZumindestdieinderWelt. Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, doch schließlich kam wieder Leben in mich und ich setzte mich in Bewegung. Meine Gedanken waren ein einziges Chaos, während mein Körper einen scheinbar endlosen Kampf zwischen Anspannung, Adrenalin und grenzenloser Erschöpfung ausfocht. Irgendetwas sagte mir, dass die Erschöpfung früher oder später gewinnen würde.

DerGeruchtrafmichwieeinSchlaginsGesicht,alsichdasKrankenhaus betrat.Desinfektionsmittel. Gummihandschuhe. Krankheit. Tod. Er war viel zu vertraut.

Fröstelnd beschleunigte ich meine Schritte, aber nicht, um von hier wegzukommen, sondern um tiefer ins Gebäude vorzudringen. Ich entdeckte Jax im Flur vor der Intensivstation, das Smartphone in der Hand, den Blick konzentriert darauf gerichtet, als würde er etwas Wichtiges lesen.

Als er mich bemerkte, hob er den Kopf und sah mir mit gerunzelter Stirn entgegen. »Ich dachte, du wolltest dich in meiner Wohnung ausruhen?«

Ausruhen?!Ein irrsinniges Lachen kitzelte in meiner Kehle, aber ich unterdrückte den Drang. Wenn ich schon den Verstand verlor, mussten es ja nicht gleich alle mitbekommen.

»Das … ist eine lange Geschichte.« Ich deutete auf sein Handy. »Was ist los?«

Statt einer Antwort schob Jax es in seine hintere Hosentasche und legte mir die Hand auf den unteren Rücken. »Komm mit.«

»Wohinfahrenwir?«,fragteichwenigeMinutenspäter,alsichneben ihm auf dem Beifahrersitz saß. Von Nate war weit und breit nichts zu sehen, auch nicht von anderen Ordensmitgliedern.

Zwar würde ich es Jax durchaus zutrauen, dass er mich persönlich zu sich nach Hause kutschierte, nur damit ich mich hinlegte, aberichwarmirziemlichsicher,dasserLevidafürnichtallein und unbewacht im Krankenhaus zurücklassen würde, solange er im Koma lag. Wobei mein Bruder vermutlich gar keinen großen Schutz benötigte, nun da er keine dämonische Magie mehr in sich trug. Er hatte sein Ziel erreicht: Er war seine Telekinese los und wieder ein ganz normaler Mensch geworden. Nur damit,wiees geschehen war, hatte keiner von uns rechnen können.

Statt einer Antwort deutete Jax auf das Handschuhfach. »Da sind Müsliriegel drin. Bedien dich.«

»Warum?«, fragte ich, öffnete die Klappe aber und holte zwei Stück heraus. Einen mit Cranberrys, einen mit Schokolade.

»Weil wir eine Weile unterwegs sein werden. Danke«, fügte er hinzu und nahm den Riegel mit Schokolade, den ich für ihn geöffnet hatte.

Ich selbst biss in den mit Hafer und Cranberrys. Wahrscheinlich schmeckteergarnichtsoübel,aberichhatteabsolutkeinenAppetit und auch keinen Hunger. Ich aß nur, weil Jax mich indirekt darum gebeten hatte. Und weil ich keine Energie für eine weitere Diskussion hatte.

Spätestens als wir die Stadtgrenzen Dundees hinter uns ließen, wusste ich, dass Jax nicht übertrieben hatte, was die Dauer unserer Fahrtanging.DiekleinenSandsteinhäuserderVorortebrausten an uns vorbei, ebenso wie die Wiesen und Felder und wenig später auch schon die ersten Hügel und Wälder der Highlands. Nach und nach verschwammen sie jedoch vor meinen Augen und verschmolzen zu einer einzigen großen Masse …

Ich merkte nicht einmal, wie ich einschlief, bis ich eine Berührung an meiner Schulter spürte und mich abrupt aufsetzte. Der Wagen stand, der Motor war ausgeschaltet.

Jax saß neben mir und musterte mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Mitgefühl. »Wir sind da, Schneeflöckchen.«

Stirnrunzelnd sah ich mich um. Wir befanden uns auf einem fast leeren Parkplatz, der auf allen Seiten von Wald umgeben war. Hohe Nadelbäume ragten in den Himmel und wiegten sich leicht im Wind. Ganz in der Nähe stand eine große Blockhütte mit einem PubundeinemSouvenirladendarin.Gleichdanebenbefanden sich eine öffentliche Toilette sowie mehrere Informationstafeln und Pfeile, die auf verschiedene Wanderwege deuteten. Wie es aussah, waren wir mitten in den Highlands gelandet. Aber … warum?

Noch immer zu erschöpft, um nachzufragen, stieg ich aus und folgte ihm einen der Wanderpfade entlang, bis wir in beinahe undurchdringliches Dickicht abbogen. Immer wieder schob er SträucherbeiseiteundhieltherabhängendeÄsteindieHöhe,damit siemirnichtinsGesichtschlugen.IchwarfihmeinmattesLächeln zu.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir unterwegs waren, als ich gedämpfte Stimmen hörte. Wenige Meter weiter blieb ich stehen.

Sie waren alle da – und sahen genauso fertig aus, wie ich mich gerade fühlte: Himiko und Ryu, Savina und Tommy, der sich auf eine Schaufel stützte. Direkt vor ihnen lag ein kleiner Haufen mit frischer Erde. Ich wusste, was das hier war, ohne dass es jemand aussprechen musste. Es war ein Grab. Ailsas Grab. Wahrscheinlich hatte Tommysiehergebracht,nachdemeresnichtmehrimKrankenhaus ausgehalten hatte. Und so klein wie die Stelle war, mussten sie ihre Überreste irgendwann in den letzten Stunden verbrannt haben, ehe sie sie hier inmitten der Natur begraben hatten. Mitten in den Highlands, in denen Ailsa so gerne wandern und klettern gegangen war.

Ich schluckte schwer, kam aber nicht gegen den Kloß an, der sich in meiner Kehle gebildet hatte. Dennoch ging ich in die Hocke und strich mit zitternden Fingern über die frische Erde.

Leb wohl, Ailsa.

Keiner von uns sagte ein Wort, während wir auf das Grab herabblickten. Ich hatte Ailsa nicht besonders lange oder gut gekannt, aber sie zu verlieren – noch dazu auf diese Weise und durch jemanden, dem ich einmal vertraut hatte – tat weh. Und es machte mich wütend. Das hier war nicht das Werk eines bösartigen Dämons gewesen, sondern eines Menschen. Professor Kingsley hatte Ailsa hinterrücks angegriffen und ihr einen Dolch in den Rücken gerammt. Trotz ihrer Windmagie hatte Ailsa nicht die geringste Chance gehabt. Sie war an Ort und Stelle gestorben und Kingsley hatte ihre Magie gestohlen.

Ich ballte die Hände zu Fäusten. Damit würde sie nicht durchkommen. Selbst wenn es mich alles kosten würde, aber damit würde Kingsley nicht durchkommen. Sie hatte schon zu viele Menschen auf dem Gewissen. Das musste ein Ende haben.Wirmussten dem ein Ende setzen.

»Jemand sollte ihre Familie informieren«, sagte ich, ohne aufzusehen. »Sie hatte zwei Brüder …«

Tommy räusperte sich. »Ich weiß. Ich kümmere mich darum.«

Ich richtete mich wieder auf und nickte ihm dankbar zu.

Ryu blickte in die Runde. »Wie geht es jetzt weiter?«

Trotz seiner übernatürlichen Kraft, die jeden dazu zwang, die Wahrheit auszusprechen, antwortete keiner von uns. Weil es keine Wahrheit gab. Es gab nicht den einen richtigen Weg, den wir beschreiten würden, und es gab auch niemanden, der uns sagen würde, was wir jetzt tun sollten. Wir mussten es ganz allein entscheiden.

»Der Orden ist hinter uns her«, begann ich langsam und erzählte ihnen von der Konfrontation mit Nate auf dem Krankenhausparkplatz.

»Wie bitte? Er hat dich angegriffen?« Jax sah aus, als würde er jeden Moment etwas anzünden oder in den Orden stürmen und dort alles niederbrennen wollen.

»Er hat mich auch gewarnt«, gab ich zu bedenken. »Er hat mir von Kingsley erzählt und dass der Orden Jagd auf sie macht.«

Und er hatte mich gehen lassen. Am Ende hatte er mich trotz seinesAuftragswedergetötetnochgefangengenommenundseinen Leuten ausgeliefert. Das musste etwas bedeuten, oder nicht? Zumindest konnte ich mich im Moment nur daran klammern, selbst wenn die Hoffnung noch so verschwindend gering sein mochte.

»Das heißt dann wohl, wir packen unsere Sachen und hauen ab«, stellte Tommy ruhig fest.

Zu meiner Überraschung war es ausgerechnet Himiko, die die Hände hob und ihre Gedanken dazu gebärdete – langsam, damit wir sie auch alle sofort verstanden: »Der Dämon wird uns finden, egal wo wir sind.«

»Der Brollachan ist nicht der Einzige, der uns jagt«, gab Jax zu bedenken. Seufzend lehnte er sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn Kingsley nicht die ganze Zeit damit beschäftigt ist, sich vor dem Orden zu verstecken, wird sie mit ziemlicher Sicherheit auch Jagd auf uns machen.«

»Zumindestistdassehrwahrscheinlich«,bestätigteichnachdenklich. Schließlich hatte sie es bereits auf meine Heilfähigkeit abgesehen gehabt. Die Ironie daran war, dass sie nach wie vor davon überzeugt zu sein schien, das Richtige zu tun. Dass es in ihrer verqueren Logik in Ordnung war, das Leben unschuldiger Kinder zu zerstören, weil es dem großen Ganzen diente.

»Also wollen uns gleich zwei Leute mit ziemlich viel Magie an den Kragen und als Bonus kommt der ganze Orden obendrauf. Fantastisch.« Ryu wandte sich kopfschüttelnd ab. Seine Hand bebte, als er sich mit den Fingern durchs Haar fuhr. »Am besten schaufeln wir gleich die nächsten Gräber, weil wir bald selbst darin liegen werden.«

»Hey!«, schaltete sich Tommy ein und sah von Ryu zu Himiko und wieder zurück.

Der verzog das Gesicht. »Sorry …«

Seufzend schloss ich die Augen. Ich konnte seinen Frustgut nachvollziehen, aber … »Ich war mein ganzes Leben lang auf der Flucht«,erzählteichleise.»VorDämonen,aber,wiesichherausgestellt hat, auch vor dem Orden. Und letzten Endes hat es nichts gebracht. Sie haben uns trotzdem gefunden. Vielleicht ist es dumm und lebensgefährlich, aber ich will nicht wieder fliehen müssen. Außerdem ist Levi noch im Krankenhaus«, fügte ich hastig hinzu. »Ich kann ihn nicht einfach zurückgelassen, genauso wenig wie unsere Mutter in Aberdeen.«

Davon abgesehen war mein ganzes Leben in Dundee – meine beste Freundin, mein Studium, die Prüfungswoche, die bald anstand, und mein Job im Pub. Ich weigerte mich, all das kampflos aufzugeben und für den Rest meines vermutlich nicht mehr allzu langen Lebens auf der Flucht zu sein. Ich war schon zu lange weggelaufen. Ich würde es nicht wieder tun.

»Josie ist auch in Dundee«, murmelte Jax und erinnerte uns alle damitanseineTante.SeinBlickbranntesichförmlichinmichhinein.

Ryu sah zwischen uns hin und her. »Ich kann verstehen, dass ihr eure Familien nicht allein lassen wollt, aber –«

»Der Orden hat sowieso die ganze Zeit gewusst, wo wir waren«, unterbrach ich ihn. »Sie waren diejenigen, die mit dem Stipendium dafür gesorgt haben, dass Levi und ich in die Stadt kommen. Und sie wussten auch von dir, Jax. Kingsley und ihre Leute haben dich genauso überwacht wie den Rest von uns.«

Fluchend stieß er sich von dem Baumstamm ab, an dem er bis eben gelehnt hatte. »Was willst du damit sagen?«

»Erinnerst du dich an Barnes? Der nette alte Mann, der seit –keine Ahnung wie lange – ein Stammgast im Pub ist? Er gehört zum Orden. Ich habe ihn neulich nachts dort gesehen.«

Sekundenlang zeigte Jax nicht die geringste Reaktion, als konnte oder wollte er es nicht glauben, dann wandte er sich frustriert ab.

»Ein Grund mehr, abzuhauen«, gab Ryu zu bedenken.

»Ja …«Savinazögerte.»IchkannimmernureinePersonaufeinmalmitnehmen,daswisstihr.Aberichkannunsüberallhinteleportieren. Je weiter weg, desto besser, auch wenn das um einiges anstrengender für mich ist. Aber der Orden würde uns niemals finden.«

Himiko kniff die Augen zusammen und bewegte die Hände schnell. »Und was ist mit dem Dämon?«

Ich nickte ihr zu. »Der Brollachan wird uns so oder so finden, egal wo wir sind. Außerdem: Wo sollen wir hin? Wenn nicht einem voneuchplötzlicheinfällt,dasserodersieeineMengeGeldangespartoderirgendwoeinHaushat,indemwirkostenlosundunauffälligfürlängereZeitunterkommenkönnen,habenwireinProblem. Ich kann mir gerade mal so mein Studium und mein Leben in Dundee leisten.«

Und das größtenteils auch nur aufgrund des Stipendiums vom Orden. Oh, diese Ironie …

»Ich lasse Josie nicht im Stich.« Jax kehrte zu uns zurück und blieb neben mir stehen. »Sie ist die einzige Familie, die ich noch habe. Außerdem ist während der Feiertage im Pub die Hölle los«, fügte er mit einem Seitenblick in meine Richtung hinzu.

Ich zuckte mit den Mundwinkeln.

»Vielleicht ist es ja gar nicht so verkehrt, in Dundee zu bleiben«, überlegte Tommy und rieb sich über die Schläfen, als hätte er Kopfschmerzen. Oder als wären unsere wild durcheinander rauschenden Gedanken, die er konstant hörte, zu viel für ihn. »Ich wette, ein großerTeildesOrdensistsowiesonichtmehrinderStadt,weil sie Kingsley suchen, bevor sie noch mehr Schaden anrichten kann. Das Ordensgebäude ist dank Himiko zumindest teilweise zerstört unddiejenigen,diedortbleiben,werdenmitdemWiederaufbaubeschäftigt sein, damit, die Sache vor den Behörden und der Öffentlichkeit zu vertuschen und natürlich mit ihrer normalen Dämonenjagd. Wir würden uns praktisch direkt vor ihren Augen verstecken. Am letzten Ort, an dem sie uns vermuten.«

Zweifelnd schüttelte Ryu den Kopf. »Das ist verflucht riskant.«

Himiko griff nach seinem Arm und gebärdete so schnell, dass ich ihr diesmal nicht folgen konnte.

»Das könnte funktionieren«, gab ihr Bruder nach einem Moment widerwillig zu.

Ich sah von einem zum anderen. »Was genau?«

Tommy bedachte die beiden mit einem grübelnden Blick. »Sie holen ihre Sachen aus ihrer Wohnung und ziehen für eine Weile zu Freunden etwas außerhalb von Glasgow. Savina kann sie jederzeit zu uns holen oder uns zu ihnen bringen.«

»Absolut. Kein Problem. Ihr müsst mir nur Bescheid geben, wo ich hinsoll, dann bin ich sofort da.«

»Und der Rest von uns bleibt in der Stadt.« Meine Worte waren mehr eine Feststellung als eine Frage, dennoch nickte erst Jax vehement, dann auch Tommy und Savina.

»Unter einer Bedingung.« Jax hob die Hand. In seinen blauen Augen las ich nichts als wilde Entschlossenheit. »Wir verkriechen uns nicht einfach und hoffen, dass uns niemand umbringt.«

»Wir sollten uns trotzdem vom Campus und City Quay fernhalten, weil der Orden beides kontrolliert, aber du hast recht. Wir können uns entweder für den Rest unseres Lebens verstecken – oder wir unternehmen etwas.« Ich sah in die Runde. »Ich weiß nicht, wieeseuchgeht,aberichhabeessatt,ständigwegzulaufenundmich zu verstecken.«

Jax’ Lippen verzogen sich zu einem winzigen Lächeln. »Geht mir genauso, Schneeflöckchen.«

»Dann wäre das also geklärt.« Savina schlang die Arme um sich. »Trotzdem müssen wir noch entscheiden, was wir wegen der durchgeknallten Professorin und dem rachsüchtigen Dämon unternehmen.«

»Wenn ich das richtig sehe«, begann Tommy, den Blick auf das frische Grab vor uns gerichtet, »haben sowohl Kingsley als auch der Brollachan beide exakt drei Kräfte gesammelt.«

»Korrekt«, bestätigte ich und erinnerte mich an meine bisherigen BegegnungenmitdemmächtigenDämon.»Erkannunsbeeinflussen und uns seinen Willen aufzwingen. Er kann uns Angst und Panik spüren lassen und …«

»Die Natur kontrollieren«, beendete Jax meinen Satz. »Wahrscheinlich war es kein Zufall, dass er sich Camerons Magie als eine der ersten zurückgeholt hat. Allein damit ist er verdammt mächtig.«

»Und was ist mit Kingsley?« Savina hielt einen Finger in die Höhe, als würde sie zu zählen beginnen. »Sie kann sich unsichtbar machen.«

»Sie kann auch Wasser manipulieren«, fügte Ryu hinzu.

»Und Wind beeinflussen.« Tommy wandte sich abrupt von Ailsas Grab ab.

»TrotzdemsindwirinderMehrheit«,erinnerteichunsalle.»Und wir haben unsere Fähigkeiten seit zehn Jahren, Kingsley erst seit Kurzem.«

Das musste ein Vorteil sein, den wir nutzen konnten. Wenigstens wäre dann alles, was seit unserer Blutsbrüderschaft in diesem Sommercamp passiert war, nicht umsonst gewesen.

»DerOrdenmaghinterunshersein,aberdiegrößteGefahr geht im Moment vom Dämon und von Kingsley aus«, gab Tommy zu bedenken. »Darauf sollten wir uns konzentrieren.«

NachdenklichriebsichJaxüberdiedunklenBartstoppeln.»Wenn wir Kingsley allein erwischen könnten, ohne den Orden, dann hätten wir eine realistische Chance gegen sie, vor allem mit Himikos Schrei. Aber solange Levi im Krankenhaus ist, sind wir ohne seine Telekinese massiv im Nachteil.«

Ich zögerte einen Moment lang, weil ein Teil von mir es noch immer nicht wahrhaben wollte, gab mir dann jedoch einen Ruck. »Es gibt da etwas, das ich euch erzählen muss …«

Kapitel 3

Am nächsten Abend parkte ich den Wagen vor dem Haus meiner Mutter am Rande von Aberdeen und schaltete den Motor aus.

EswareinkleinesHausausmassivemgrauenSandstein,mit weißen Sprossenfenstern und einer schweren dunkelbraunen Eingangstür. Der Platz hatte gerade mal für uns drei ausgereicht, als Levi und ich vor unserem Studium noch dort gewohnt hatten. Doch das eigentliche Highlight war der Garten. Eine große RasenflächeumgabdasGebäudevonallenSeitenundgrenzteanein kleinesWaldstück.MumhattesovielePlänegehabt,alswirhierhergezogen waren. Sie hatte Blumen und Gemüse anpflanzen und erntenwollen,dochihreKrankheithatteihreinenStrichdurch dieRechnunggemachtundsiewarmehrmalsaufgrundihrergenetisch bedingten Immunschwäche ins Krankenhaus eingeliefert worden. Seit wenigen Tagen war sie wieder daheim, auch wenn ich in dem ganzen Chaos fast vergessen hatte, dass sie entlassen worden war.

Nervös rieb ich mir über das Gesicht. Ich musste mich zusammenreißen und ihr erzählen, was Levi zugestoßen war. Sie hatte ein Recht darauf, es zu erfahren – persönlich, nicht am Telefon oder per Textnachricht. Und wenn sie nach Dundee kommen wollte, um ihn zu besuchen, würde ich sie abholen und hinfahren. Es war sicherer für sie, wenn ich dabei war, weil ich sie beschützen konnte – insbesondere vor dem Orden, vor dem sie Levi und mich jahrelang versteckthatte.Zumindesthattesieesversucht,dennwiesichherausgestellt hatte, hatte der Orden stets gewusst, wo wir uns herumtrieben … genau wie alle anderen, die an Kingsleys kleinem Experiment beteiligt gewesen waren.

Wieder starrte ich auf das Haus vor mir. Im Wohnzimmer brannte Licht, also war Mum eindeutig zu Hause, trotzdem brachte ich es nicht über mich, auszusteigen und hineinzugehen.

Das kurze Vibrieren meines Handys kam genau zum richtigen Zeitpunkt, um den Moment noch weiter hinauszuschieben. Auch wenn es nur eine weitere Nachricht von Jax war, der fragte, ob alles in Ordnung sei. Nach allem, was passiert war, verstand ich seine Sorge. Das tat ich wirklich. Wir waren alle in Gefahr. Aber hätte Nate mich tatsächlich töten wollen, dann hätte er es längst getan. Abgesehen davon konnte ich mich noch immer heilen. Es bedurfte einer Menge, um diese Fähigkeit außer Kraft zu setzen. Und dann war da ja auch noch die Sache mit Levis Telekinese … oder ehermeinerTelekinese.

Alsichdenanderendavonerzählthatte,warensieüberrascht gewesen, aber hatten schnell begriffen, was das für uns bedeutete. Wir konnten unsere Kräfte verlieren, wenn wir starben, selbst wenn das Herz nur für einen kurzen Moment aufhörte zu schlagen wie bei Levi. Ich hatte nie vorgehabt, seine Magie auf mich zu übertragen, dennoch war es passiert – und jetzt mussten wir alle mit den Konsequenzen leben.

Gleichzeitigbedeutetees,dasswirnichtaufdieKraft,dieimMoment eine unserer effektivsten Waffen darstellte, verzichten mussten. Also hatten wir beschlossen, selbst nach Kingsley zu suchen. Savina und Tommy waren bereits dabei, er am Rechner, sie, indem sie sich von Ort zu Ort teleportierte. Ryu würde in der Nähe von Glasgow nach ihr Ausschau halten und Jax folgte bereits heimlich ein paar Ordensmitgliedern. Nach dem letzten Abschied von Ailsa hatten sich unsere Wege zumindest kurzzeitig wieder getrennt. Und während die anderen ihren Aufgaben nachgingen, musste ich das hier erledigen. Ich musste meiner Mutter die Wahrheit sagen.

Ich seufzte tief und stieg aus.

»Mum?«, rief ich, sobald ich die Haustür geöffnet hatte, und ließ meine Tasche neben den Blumentöpfen im Eingangsbereich zu Bodensinken,wieichesimmergetanhatte,wennichnachHausekam.

»Faith? Bist du das?«

Ihre Stimme klang gedämpft, aber um einiges kräftiger als zuletzt im Krankenhaus. Trotzdem war ich angespannt und innerlich auf alles gefasst, als ich das Wohnzimmer betrat. Es hatte schon zu viele Situationen gegeben, in denen es ihr scheinbar gut ging – und StundenspätermusstesieaufgrundihresgeschwächtenImmunsystems wegen einer neuen Infektion oder Entzündung ins Krankenhaus. Heute saß sie jedoch auf dem Sofa, eine Decke über den Knien und ein Buch in der Hand, das sie nun ohne hinzusehen auf den Tisch vor sich legte. Ihr Gesicht hatte seinen normalen Farbton zurück, die schreckliche Blässe war verschwunden. Sie sah … gut aus. Gesund. Und ich hatte sie auch noch kein einziges Mal husten gehört.

»Hallo …« Ich musste mich räuspern, um nicht ganz so heiser zu klingen. Statt sie aufstehen zu lassen, setzte ich mich neben sie aufs Sofa und umarmte sie zur Begrüßung.

»Es ist so schön, dich zu sehen.« Sanft streichelte sie mir über das Haar. »Warum hast du nicht gesagt, dass du vorbeikommst?«

Weil es nicht geplant war.Schon gar nicht mit schlechten Nachrichten im Gepäck.

»Es war eine spontane Entscheidung«, murmelte ich stattdessen und löste mich nur widerwillig von ihr, um sie anzusehen.

»Möchtest du etwas Tee? Ich kann dir einen machen.«

Ich legte die Hand auf ihren Arm, um sie am Aufstehen zu hindern. »Mum?«

»Ja, Schatz?« Ihr Lächeln erstarb, als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkte.

»Ich muss dir etwas sagen …«

Und dann brach es aus mir hervor. Ich erzählte ihr von Jax, Ailsa und den anderen, ich erzählte ihr von Levis Verrat und dem Kampf gegen Kingsley und den Mitgliedern des Ordens. Und ich erzählte ihr davon, wie Levi in ebendiesem Kampf so schwer verwundet worden war, dass sein Herz für kurze Zeit aufgehört hatte zu schlagen, bis ich ihn hatte wiederbeleben können. Und dann …

Rastlos ließ ich den Blick durch das Wohnzimmer gleiten, konzentrierte mich schließlich auf den Couchtisch. Ich wollte ihn nur ein, zwei Zentimeter bewegen – stattdessen schleuderte ich das Buch, das meine Mutter bis gerade eben gelesen hatte, zu Boden, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Mum schnappte überrascht nachLuft.IchverzogdasGesichtundtrautemichnicht,sieanzusehen, sondern hob das Buch auf und legte es behutsam auf den Tisch zurück. Erst dann wagte ich es, meiner Mutter wieder ins Gesicht zu schauen.

»Du hast Levis Gabe«, flüsterte sie.

»Es war einVersehen. Das wollte ich nicht.«

Aus irgendeinem Grund war es mir wichtig, dass sie das wusste. Vielleicht weil ich mich auf einmal wieder wie das kleine Mädchen fühlte,dasMistgebauthatte.GigantischenMist.Unddashoffte,dass ihre Mutter nicht wütend auf sie war. Oder enttäuscht.

»Was ist mit Levi?«

»Er liegt in Dundee im Krankenhaus auf der Intensivstation. Jetzt, da er keine Magie mehr hat, kann ich ihn nicht mehr heilen.« MeineStimmebrachundichkämpftegegendieaufsteigendenTränen an. »Ich kann ihm nicht mehr helfen, Mum.«

Genauso wenig wie dir. Genauso wenig wie Dad damals.

»Oh Faith …« Tränen standen in ihren Augen und liefen ihr über dieWangen.AngstundSorgezeichnetensichdeutlichinihremGesicht ab, bis ich den Anblick nicht länger ertrug und den Kopf senkte.

Die Angst um Levi lag schwer auf meiner Brust, aber es waren die Schuldgefühle, die mir die Kehle zuschnürten. Ich hatte nur eine einzige Aufgabe gehabt, nur eine wirklich wichtige Mission: meine Heilkraft einzusetzen. Trotz allem, was Levi getan hatte, war er immer noch mein Bruder. Es zerriss mich innerlich, ihm nicht mehr helfen zu können.

Für einen winzigen Moment spürte ich ein schmerzhaft vertrautes Aufflackern von etwas Düsterem in mir. Die andere Seite meiner Heilmagie. Die Dunkelheit, die ich bisher ignoriert, unterdrückt und weit von mir geschoben hatte, hob den Kopf wie ein Monster, das aus einem tiefen Schlaf erwacht war. Ich biss die Zähne zusammen und tat alles, um diesen Teil von mir wieder dort einzuschließen, wo ich ihn bisher gefangen gehalten hatte. Ich wollte nichts damit zu tun haben. Absolut nichts …

»Es tut mir leid«, wisperte ich und starrte auf meine ineinander verkrallten Finger hinab. »Es tut mir so leid, dass ich Levi nicht mehr heilen kann. Dass ich dir nicht helfen kann. Dass ich …«

Eine sanfte Berührung an meiner Schulter brachte mich zum Schweigen. »Ach, Faith.«

Überrascht hob ich den Kopf.

Obwohl noch immer Tränen in den Augen meiner Mutter glänzten, streckte sie die Arme aus und zog mich an sich. »Es ist nicht deine Schuld, mein Schatz. Nichts davon ist deine Schuld.«

Plötzlich konnte ich meine Gefühle nicht länger unter Verschluss halten. Wir weinten beide. Um Levi. Um Dad. Wegen allem, was passiert war. Und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, nicht stark sein zu müssen. Ich durfte schwach sein und mich trösten lassen.

In kleinen Kreisen rieb Mum mir beruhigend über den Rücken. Wieder und wieder, bis meine Tränen versiegten und meine Atmung sich normalisierte. Mit einem Mal kehrte die ganze ErschöpfungzurückundließmeineMuskelnschwerundträgewerden. Die Nähe meiner Mutter, ihre Wärme und der vertraute Geruch hüllten mich in eine schützende Wolke. Ich müsste nur die Augen schließen und könnte sofort einschlafen. Mein Körper schrie förmlich danach.

Ich war so abgelenkt und fühlte mich so sicher, dass ich das leise Summen in meinem Brustkorb erst wahrnahm, als es schon zu spät war. Nackte Angst legte sich wie eine bleischwere Decke auf mich und drohte mich zu erdrücken. Ich wollte zurückweichen, mich von meiner Mutter lösen – aber sie ließ mich nicht los. Ihre Hände packten mich so fest an den Oberarmen, dass ich vor Schmerz zusammenzuckte.IhrekurzenFingernägelbohrtensichinmeineHaut.

»Mum …?«

»Ich … ich will das nicht tun, aber ich kann … ich kann nicht loslassen.«PanischsahsievonihrenHänden,diesienichtmehrunter Kontrolle zu haben schien, in mein Gesicht. »Faith …«

Ich nahm eine Bewegung am Rande meines Sichtfelds wahr – dann löste sich eine Gestalt aus den Schatten und trat in den Lichtschein.

»Wie rührend.«

Kapitel 4

Alles in mir erstarrte. Obwohl meine Mutter mich abrupt losließ und jeder gesunde Überlebensinstinkt mich anschrie, sofort wegzurennen, blieb ich, wo ich war, und drehte mich noch auf dem Sofa sitzend langsam um. Ich wusste, was mich erwartete, dennoch zog sich mein Magen bei dem Anblick vor Furcht zusammen. Schatten waberten um seine Gestalt wie eine eigene, lebendige Kreatur. Ich konnte sein Gesicht unter der Kapuze nicht erkennen, dennoch wirkte sein Körper fester. Realer. Er schien an Kraft gewonnen zu haben, denn seine Macht ging geradezu wellenartig von ihm aus.

Der Brollachan war hier. Im Haus meiner Mutter.

Wir sprangen beide auf. Reflexartig schob ich sie hinter mich. »Lauf weg«, wisperte ich, ohne die Kreatur aus den Augen zu lassen. Doch meine Mutter rührte sich nicht. »Lauf!«

Das versetzte sie in Bewegung. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie aus dem Wohnzimmer hastete und sich in Sicherheit brachte. DochdieErleichterungbliebaus.NackteAngstließmeinHerzunnatürlich schnell schlagen und drückte mir die Kehle zusammen. Panik begann sich in mir auszubreiten, doch dann dämmerte es mir: Das waren nicht meine eigenen Gefühle. Das war der Dämon. Er setzte eine seiner Kräfte gegen mich ein.

»Du hast etwas gestohlen, was mir gehört.« Er kam auf mich zu und schien dabei geradezu über dem Holzfußboden zu schweben.

»Wir waren Kinder«, stieß ich hervor und wich instinktiv vor ihmzurück.MeinBrustkorbhobundsenktesichhektisch.Ichzitterte am ganzen Körper. »W-wir … wussten nicht … was … wir tun.«

Langsamnäherteersich.WieeinRaubtier,dassichanseineahnungslose Beute heranschlich. »Ihr habt mich befreit und meine Magie für mich aufbewahrt – doch jetzt ist es an der Zeit, sie mir endlich zurückzuholen.«

Erinnerungen blitzten durch mein Bewusstsein. Camerons regloser Körper auf dem Boden, die Gliedmaßen in seltsamen Winkeln abstehend, die Augen weit aufgerissen. Rebekah, die kalt und still in ihrem Sessel saß, als würde sie nur darauf warten, dass jemand ihre Leiche fand. Dieser Dämon hatte sie beide getötet. Und jetzt würde er auch mich töten.

Panik übernahm die Kontrolle. Statt zu kämpfen, hechtete ich nach rechts, Richtung Flur, und rannte los. Ich rannte so schnell ich nur konnte. Wenn ich die Haustür erreichte und ihn nach draußen lockte, hatte ich vielleicht eine Chance. Ich könnte –

Ein heftiger Schlag traf mich mit voller Wucht in die Seite und riss mich von den Füßen. In der einen Sekunde war ich beinahe an der Haustür, in der nächsten knallte ich hart gegen die gegenüberliegende Wand und fiel zu Boden. Heißer Schmerz schoss durch meinen Rücken und meinen Hinterkopf. Meine Schulter pulsierte und ich konnte den Arm nicht mehr bewegen, aber … die Panik ließ endlich nach. Die bodenlose Angst, die mich in ihren Klauen gehalten hatte, zog sich zurück. Ich hatte noch immer Angst – aber die Emotion beherrschte mich nicht länger.

Er hat nur mit dir gespielt …

In derselben Sekunde, in der dieser Gedanke in meinem Kopf auftauchte, wusste ich, dass es stimmte. Der Brollachan hatte diese Kraftschonmehrmalsgegenunseingesetztundichwarerneutdarauf reingefallen. Für einen winzigen Moment hatte ich wirklich die Hoffnung gehabt, fliehen zu können. Das hier überleben zu können. Doch jetzt schlangen sich lange grüne Ranken und dünne Zweige um meine Beine. Ich zuckte zurück, versuchte mich aus ihremGriffzubefreien,aberichwarzulangsam.MiteinemMal lagichvondenFüßenbiszumBauchmitgrünenRankengefesselt da.

Aber woher …? Mein Blick landete auf den Blumentöpfen im Eingangsbereich. Sie waren umgefallen. Zerborsten. Der Dämon hatteausdeneinstsoliebevollvonmeinerMutterumsorgtenPflanzen eine Waffe gemacht. Eine Waffe, mit der er mich nun an Ort und Stelle festhielt.

Eine Holzdiele knarrte, dann fiel ein Schatten über mich. »Ich hätte von Anfang an mit dir beginnen sollen.«

Ächzend setzte ich mich auf. »Du kannst mir nichts anhaben.« Wie zum Beweis rollte ich mit den Schultern und streckte den Arm aus, der bis eben verstaucht gewesen war.

Doch gerade als ich die Telekinese einsetzen wollte, schossen Dornen aus den Ranken und Zweigen hervor, die mich gefangen hielten, und bohrten sich in meine Haut. Ich stöhnte vor Schmerz auf. Reflexartig versuchte ich mich zu befreien, strampelte mit den Beinen,griffnachdenFesseln,dochdamitmachteichesnurschlimmer. Meine Heilung sprang mit dem vertrauten warmen Kribbeln an, doch die Dornen bohrten sich immer wieder in mein Fleisch. Und sie breiteten sich aus. Je heftiger ich mich wehrte, desto weiter umschlangen sie mich, bis sie auch meine Handgelenke erreichten und sich fest zuzogen.

Nein, verdammt! Das konnte nicht das Ende sein. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht hier, wenn Mum es mit ansehen oder meine Überreste finden musste. Das konnte ich ihr nicht antun.

Verzweifelt versuchte ich die Telekinese einzusetzen, doch alles, was ich damit bewirkte, war, die Schubladen aus einer Kommode herauszureißen. Scheppernd landeten sie hinter dem Brollachan auf dem Boden, dabei hatte ich eigentlich auf ihn gezielt. Ich hatte ihn wegstoßen wollen, aber ich beherrschte diese Kraft nicht. Ich hatte es nie gelernt. Und jetzt war es zu spät …

DieschattenhafteGestaltdesBrollachankamimmernäher,bis er direkt vor mir stand und sich mit ausgestreckter Hand zu mir herunterbeugte. Ich wollte ausweichen, wollte mich wegdrehen, dochseineNaturmagieließesnichtzu,dassichmichauchnureinen Zentimeter bewegte. Ich war gefangen.

»Nicht …« Meine Stimme war nur noch ein Wispern. Alles, was ich sah, war die Finsternis, die von dieser Kreatur ausging.

»Lass meine Tochter in Ruhe!«

Der Dämon drehte sich zur Seite und gab den Blick auf meine Mutter frei. Sie stand direkt hinter ihm, in den Händen eine Harke, die sie aus dem Garten geholt haben musste. Ein wild entschlossener Ausdruck im Gesicht.

»Mum! Nein!« Im selben Moment, in dem ich die Worte herausschrie,wirbeltederBrollachanherumundpacktemeineMutter an der Kehle. Die Harke landete scheppernd auf dem Boden und dann …

EinschrecklichesKnackendurchbrachdieStilleimHaus.EinenSekundenbruchteilspäterfielMumaufdieHolzdielen … und rührte sich nicht länger. Sie bewegte keinen Finger. Atmete nicht mehr. Sah mich nur aus weit aufgerissenen Augen an. Doch der Lebensfunke, der immer darin gebrannt hatte, war erloschen.

Nein …

Ich starrte meine Mutter an, während sich die Zeit um uns herum zu verlangsamen schien. Mein Herzschlag setzte aus, genau wie meine Atmung. Ich wagte es nicht, zu blinzeln, aus Furcht, ein Zucken oder einen Atemzug zu verpassen. Vielleicht war sie nur ohnmächtig. Vielleicht würde sich ihre Brust gleich wieder heben und senken. Vielleicht war das alles nur ein grausamer Albtraum. Doch noch während ich mich an all diese Möglichkeiten, an diese Hoffnung klammerte, wusste ich bereits, dass es zu spät war. Meine Mutter war tot. Und es gab nichts und niemanden auf der Welt, der sie je zurückholen könnte.

Auf einmal war der Dämon wieder bei mir. Packte meinen Arm und riss mich trotz meiner Fesseln in die Höhe.

Ich starrte Mum noch immer an, bis Tränen mir die Sicht vor Augen verschwimmen ließen.

Atme … Du darfst nicht tot sein … Nicht so … Nicht meinetwegen … Du musst atmen … Bitte, Mum … Ich brauche dich!

Doch egal wie verzweifelt ich es mir wünschte, nichts davon passierte. Sie war tot. Der Brollachan hatte sie ermordet.

Die Dunkelheit in mir regte sich nicht, flackerte nicht, blitzte nicht kurzzeitig auf. Sie explodierte ohne jede Vorwarnung tief in meinem Inneren und riss mich wie ein gigantischer Tsunami mit sich. Sekundenlang konnte ich nichts mehr sehen außer die tröstende Schwärze. Ein wütendes Zischen drang an mein Ohr und der Griff um meinen Arm verschwand, ebenso wie die dornigen Ranken um meine Beine.

IchschlugdieAugenauf.IchstandnochimmerimFlur,nunjedoch vollkommen unversehrt. Mum lag nur ein paar Schritte von mir entfernt auf dem Boden. Und der Dämon … der mächtige Brollachan … wich vor mir zurück. Ich dachte nicht nach. Es war, als hätte etwas in mir ausgesetzt. Ich ging auf den Dämon zu – und diesmal war ich diejenige, die seinen Arm packte. Statt wie sonst Wärme floss nun eisige Kälte durch meine Adern und in meine Hände hinein. Keine Heilung, sondern pure Zerstörung.

Der Brollachan jaulte unmenschlich auf und zuckte zurück, aber ich ließ ihn nicht los. Wie von einer fremden Macht gesteuert, klammerte ich mich an ihn und sandte all die Dunkelheit, all die Zerstörung durch meine Berührung in ihn hinein. Er hatte alles vernichtet, was gut und schön war. Er hatte unschuldige Menschen ermordet. Cameron. Rebekah. Meine Mutter.

Dafür würde er büßen. Dafür würde er …

Etwas Kaltes schlang sich um meine Knöchel und riss mich von den Füßen. Alles ging zu schnell, um den Sturz abzufangen und mich wegzurollen, wie ich es gelernt hatte. Ich landete hart auf dem Rücken und konnte sekundenlang weder atmen noch etwas sehen. Die Dunkelheit waberte noch immer in mir, umschloss mich, durchdrang jede Pore meines Seins. Für einen kurzen Moment lag ich völlig schutzlos da, doch der Brollachan griff nicht an. Als ich den Kopf zur Seite drehte, sah ich, wie er weiter vor mir zurückwich und mit den Schatten verschwamm.

Dann verschlang die Dunkelheit in meinem Inneren auch den letzten Rest meines Bewusstseins.

Kapitel 5

»Oh mein Gott.«

Die helle Stimme tauchte am Rande meiner Wahrnehmung auf, schaffte es jedoch nicht durch den schwarzen Nebel in meinem Kopf.

»Was ist hier passiert?«

Alles fühlte sich falsch an. Ich schwebte durch eine endlose Nacht. Gleichzeitig war es, als wäre ich Hunderte von Metern unter derErde.GefangeninmeinenGedanken.Gefangeninmeinemeigenen Körper.

»Faith!« Eine andere Stimme drang zu mir durch. Tief. Rau. Besorgt.Vertraut.

Ich versuchte die Augen aufzureißen, aber da war nur Dunkelheit. Und ich war allein. Allein mit den Erinnerungen, die plötzlich auf mich einprasselten. Mum war tot. Levi auf der Intensivstation. Ich hatte keinen von ihnen beschützen können. Ich hatte niemanden mehr. Ich war ganz allein.