Über das Wandern - Henry David Thoreau - E-Book

Über das Wandern E-Book

Henry David Thoreau

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Beschreibung

In dieser Sammlung von sowohl klassischen Texten als auch zum Teil auf deutsch noch nicht erschienenen Essays macht Thoreau eindringlich auf die Notwendigkeit persönlicher Verantwortung und höherer Prinzipien aufmerksam, durch die man sich führen kann und muss, wenn die Welt chaotisch und unbegreiflich scheint. Genau das macht Thoreau zu einem die Zeiten überdauernden Philosophen, da wir auch heute noch bei ihm Hinweise darauf finden, wie wir ein Leben im Einklang mit der Umwelt führen können.

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Henry DavidTHOREAU

ÜBER DASWANDERN

und weitere Schriften

© 2018 Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,

Hamburg

Alle Rechte, auch das der fotomechanischen Wiedergabe

(einschließlich Fotokopie) oder der Speicherung auf

elektronischen Systemen, vorbehalten.

All rights reserved.

ISBN: 978-3-86820-921-1

www.nikol-verlag.de

INHALT

ÜBER DAS WANDERN

ÜBER DIE PFLICHT DES ZIVILEN UNGEHORSAMS

SKLAVEREI IN MASSACHUSETTS

LEBEN OHNE GRUNDSÄTZE

EIN PLÄDOYER FÜR JOHN BROWN

ÜBER DAS WANDERN

Ich möchte meine Stimme erheben für die Natur, für absolute Freiheit und Wildheit – im Gegensatz zu einer bürgerlichen Freiheit und Kultur –, und ich möchte den Menschen als einen Bewohner und Teil der Natur betrachten und nicht als ein Mitglied der Gesellschaft. Ich will eine extreme Aussage treffen, und zudem eine nachdrückliche, denn es gibt genug Verfechter der Zivilisation. Der Kirchenmann und das Schul-Komitee und jeder von euch werden sich schon darum kümmern.

Ich bin im Verlaufe meines Lebens nur einer oder zwei Personen begegnet, die die Kunst des Wanderns verstanden, das heißt, Spaziergänge zu machen – die sozusagen eine Begabung zum SCHLENDEREN1 hatten. Einem Wort, das hergeleitet wird von ‚einem Müßiggänger, der im Mittelalter unter dem Vorwand, nach Sainte Terre zu gehen, im Land umhergestrichen ist und dabei um Almosen bettelte‘, bis irgendwann die Kinder ausriefen: „Seht, da geht ein Sainte-Terrer!“, ein Schlenderer, ein Bummler, einer, der ins Heilige Land zieht. Jene, die niemals ins Heilige Land wandern, wie sie es vorgeben zu tun, sind in der Tat Müßiggänger und Vagabunden. Aber die, die tatsächlich dorthin gehen, schlendern, und zwar in einem guten Sinne. Andere leiten jedoch das Wort von sans terre ab, also ohne Land oder Heimat, was insofern in einem guten Sinne bedeutet, kein besonderes Zuhause zu haben, weil man überall zuhause ist. Denn dies ist das Geheimnis erfolgreichen Schlenderns. Jener, der die ganze Zeit über still in seinem Hause sitzt, ist wahrscheinlich der größte Landstreicher überhaupt. Doch der Bummler ist genauso wenig sesshaft wie ein sich windender Fluss, der unermüdlich den kürzesten Weg zum Meer sucht. Aber ich ziehe die erste Herleitung vor, die tatsächlich auch die wahrscheinlichere ist. Denn jeder Spaziergang ist eine Art von Kreuzzug, verkündet von irgendeinem Peter dem Eremiten2 in uns, um hinzugehen und das Heilige Land aus den Händen der Ungläubigen zurückzuerobern.

Es stimmt, wir sind heute nichts als kleinmütige Kreuzfahrer – selbst die Spaziergänger heutzutage –, die keine andauernden und nicht-absehbaren Unternehmungen durchführen. Unsere Expeditionen sind nichts anderes als Rundgänge, bei denen wir abends an demselben alten Kamin ankommen, von dem wir losgezogen sind. Die Hälfte des Weges besteht darin, die eigenen Schritte zurückzuverfolgen. Wir sollten daher selbst den kürzesten Weg im Geiste eines unsterblichen Abenteuers bestreiten, als würden wir niemals zurückkehren – bereit, unsere einbalsamierten Herzen als Reliquie an unsere verlassenen Königreiche zurückzusenden. Wenn man bereit ist, Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Frau und Kinder und Freunde zu verlassen und sie nie wieder zu sehen, wenn man seine Schulden bezahlt, sein Testament gemacht und all seine Angelegenheiten geklärt hat, dann ist man für eine wirkliche Wanderung bereit.

Um auf meine eigenen Erfahrungen zu sprechen zu kommen, so erfreuen mein Gefährte und ich – denn manchmal habe ich einen Gefährten – uns an der Vorstellung, Ritter eines neuen – oder besser gesagt – alten Ordens zu sein – nicht Reiter, Ritter oder Glücksritter, sondern Fußgänger, einer noch älteren und ehrbareren Art. Der galante und heldenhafte Geist, der dem Ritter einst eigen war, scheint nur in den Wanderer übergegangen zu sein und nicht mehr im Ritter zu verweilen. Er bildet gewissermaßen den vierten Stand neben der Kirche, dem Staat und dem Volk.

Wir haben den Eindruck, dass wir hier in der Gegend fast die Einzigen sind, die diese edle Kunst ausüben. Obwohl, um der Wahrheit die Ehre zu geben, die meisten meiner Mitbürger wohl gerne, sofern ihre eigenen Aussagen stimmen, wie ich von Zeit zu Zeit wandern gehen würden, und doch können sie es nicht. Kein Reichtum kann die erforderliche Muße, Freiheit und Unabhängigkeit kaufen, die das Kapital dieses Metiers sind. Es wird einem nur durch die Gnade Gottes zuteil. Es bedarf einer göttlichen Fügung, um ein Wanderer zu werden. Man muss in die Familie der Wanderer geboren werden. Ambulator nacitur, non fit.3 Es stimmt, einige meiner Mitbürger können sich an einige Spaziergänge erinnern, die sie vor zehn Jahren gemacht haben und bei denen sie so gesegnet waren, sich selbst für eine halbe Stunde in den Wäldern zu verlieren. Aber ich weiß sicher, dass sie seitdem die Landstraße nicht verlassen haben, welche Ambitionen sie auch immer hatten, zu dieser ausgewählten Klasse zu gehören. Zweifellos fühlten sie sichfür einen Moment innerlich erhaben durch die Rückerinnerung an eine frühere Stufe der Existenz, als sogar sie noch Forstmänner und Geächtete waren.

Als zu einem grünen Wald er kam,

an einem fröhlich Morgen

hörte er die zarten Noten,

von Vögeln, wie sie fröhlich sangen.

Es ist viel Zeit vergangen, sagte Robin,

als ich zuletzt hier war;

Lust hätte ich ein wenig,

den Hirsche hier zu schießen.4

Ich denke, dass ich nicht meine Gesundheit und meine geistige Klarheit aufrechterhalten könnte, wenn ich nicht wenigstens vier Stunden täglich – und meistens ist es sogar mehr – durch die Wälder und über die Hügel und Felder schlendern würde und dabei vollkommen frei von weltlichen Dingen bin. Man kann sicher fragen: „Ich wüsste gerne, was Du dabei denkst!“ Wenn ich mich manchmal daran erinnere, dass so viele Handwerker und Ladenbetreiber manchmal nicht nur den Vormittag, sondern auch den ganzen Nachmittag in ihren Läden bleiben und mit übereinandergeschlagenen Beinen dasitzen – als ob die Beine nicht für das Stehen und Gehen gemacht worden wären, sondern zum Sitzen – so denke ich, dass sie Anerkennung dafür verdient haben, dass sie nicht schon vor langer Zeit Selbstmord begangen haben.

Ich kann in meinem Zimmer nicht für einen einzigen Tag bleiben, ohne dabei Rost anzusetzen, und manchmal, wenn ich mich nachts um elf oder nachmittags um vier fortgestohlen habe, wenn sich die Schatten der Nacht langsam beginnen, mit dem Tageslicht zu vermischen, viel zu spät also, um das Tagewerk noch zu retten, habe ich mich gefühlt, als hätte ich eine Sünde begangen und müsse nun dafür büßen. Ich muss zugeben, wie beeindruckt ich über das Durchhaltevermögen und die moralische Unempfindlichkeit meiner Nachbarn bin, die sich selbst den ganzen Tag, für Wochen und Monate, ja ganze Jahre, in ihren Läden und Büros einschließen. Ich habe keine Ahnung, aus welchem Stoff sie gemacht sind – die jetzt um drei Uhr nachmittags dasitzen, als wäre es drei Uhr morgens. Bonaparte mag von dem Mut sprechen, den man um drei Uhr morgens haben kann, aber es ist nichts gegen den Mut, den man braucht, fröhlich zu dieser Nachmittagsstunde die Person zu belagern, mit der man schon den ganzen Morgen verbracht hat, um eine Garnison auszuhungern, der man sich eigentlich verbunden fühlt. Ich wundere mich, dass man etwa um diese Zeit, oder auch zwischen vier und fünf Uhr nachmittags – zu spät also für die Morgenzeitung und zu früh für die Abendzeitung – keine Explosion auf der Straße hört, die die Scharen von antiquierten und hausgemachten Neigungen und Marotten zerstört und in alle vier Winde zerstreut, um sie gewissermaßen auszulüften und so das Übel selbst zu heilen.

Wie die Frauen, die heute doch noch mehr an das Haus gebunden sind als Männer, dies aushalten können, ist mir nicht klar. Aber ich hege den Verdacht dass es die meisten von ihnen es überhaupt nicht durchSTEHEN können. Wenn wir, an einem frühen Sommernachmittag, den Staub aus dem Dorf von unserer Kleidung abschütteln und hastig an jenen Häusern mit dorischen und gotischen Fassaden vorbeikommen, die die Atmosphäre von stiller Ruhe verströmen, dann flüstert mir mein Gefährte zu, dass wahrscheinlich zu dieser Zeit ihre Bewohner schon alle zu Bett gegangen sind. Genau dann weiß ich die Schönheit und die Pracht dieser Architektur zu schätzen, die sich nie zurückzieht, sondern sich stets aufrecht zeigt und über die Schlafenden wacht.

Zweifellos haben Temperament und vor allem das Alter eine Menge damit zu tun. Je älter jemand wird, umso größer wird seine Fähigkeit, still zu sitzen und Beschäftigungen im Hause zu verfolgen. Er richtet seine Gewohnheiten zunehmend nach dem Abend aus, wenn er sich dem Abend des Lebens nähert, bis er schließlich erst vor Sonnenuntergang herauskommt und den nötigen Spaziergang macht, der dann lediglich eine halbe Stunde währt.

Doch das Wandern, von dem ich spreche, hat nichts mit Leibesübungen, wie es so schön heißt, zu tun – so wie die Kranken zu vorgeschriebenen Stunden ihre Medizin zu sich nehmen, wie etwa das Schwingen von Hanteln oder Stühlen. Vielmehr ist das Wandern an sich das Vorhaben und das Abenteuer des Tages. Wer Leibesübungen machen will, suche die Quelle des Lebens selbst. Man denke an das Hantelschwingen, das einer für seine Gesundheit macht, wenn diese Quellen in weit entfernten Weiden plätschern, die er nie aufgesucht hat!

Was das angeht, muss man wie ein Kamel gehen, von dem gesagt wird, es wäre das einzige Tier, das widerkäut, während es läuft. Als ein Reisender Wordsworths5 Haushälterin fragte, ihm den Studienraum ihres Herren zu zeigen, da antwortete sie: „Hier ist seine Bibliothek, aber sein Arbeitszimmer ist da draußen.“

Wer viel draußen lebt, in der Sonne und dem Wind, dessen Charakter entwickelt eine gewisse Rauheit – wie auf dem Gesicht oder den Händen wird über einige der edleren Qualitäten unserer Natur eine dickere Haut wachsen, etwa so wie schwere körperliche Arbeit den Händen Feinfühligkeit raubt. Zu Hause zu bleiben kann daher, auf der anderen Seite, eine Weichheit und Glätte, um nicht zu sagen Dünnheit der Haut erzeugen, die mit einer gesteigerten Sensibilität in Bezug auf gewisse Eindrücke einhergeht. Vielleicht wären wir für einige der wichtigeren Einflüsse auf unser intellektuelles und moralisches Wachstum ein wenig empfänglicher, wenn die Sonne ein bisschen weniger auf uns geschienen und der Wind ein bisschen weniger um uns geweht hätte. Und zweifellos ist es eine feine Angelegenheit, dicke und dünne Haut ins richtige Verhältnis zu bringen. Doch ich denke, dass das, was zu leicht herunterfällt, Schuppen sind – und dass das natürlichste Heilmittel in dem rechten Verhältnis von Nacht zum Tag, von Winter zum Sommer und vom Denken zur Erfahrung gefunden werden kann. Es wird dann so viel mehr Luft und Sonnenlicht in unserem Denken sein. Die schwieligen Handflächen des Arbeiters sind viel mehr als die schwachen Finger des Müßiggängers mit dem zarten Gewebe des Selbstrespektes und des Heldentums verwoben, dessen Berührung das Herz erregt. Es ist reine Rührseligkeit, die bei Tage zu Bette liegt und sich makellos wähnt, und doch von der Gebräuntheit und den Schwielen der Erfahrung weit entfernt ist.

Wenn wir wandern, dann gehen wir natürlicherweise zu den Feldern und Wäldern. Was würde aus uns werden, wenn wir nur in den Gärten oder auf den Promenaden wandern würden? Sogar einige Philosophen haben die Notwenigkeit erkannt, die Wälder zu sich zu holen, da sie selbst nicht in die Wälder gingen. „Sie pflanzten Haine und Alleen aus Platanen“,6 wo sie in den offenen Säulenhallen subdiales ambulationes7 unternahmen. Natürlich ist es sinnlos, unsere Schritte in den Wald zu lenken, wenn sie uns nicht dorthin bringen. Ich bin alarmiert, wenn ich mutig eine Meile im Wald gewandert bin, und bemerke, dies ohne die richtige Einstellung getan zu haben. Während meiner Nachmittag-Wanderung möchte ich gerne all meine Morgenbeschäftigungen und meine gesellschaftlichen Verpflichtungen vergessen. Aber manchmal kann ich nicht so einfach das Dorf abschütteln. Der Gedanke an irgendeine Arbeit kommt mir in den Sinn, und ich bin nicht da, wo mein Körper ist – ich bin nicht wirklich bei meinen Sinnen. Während meiner Wanderungen würde ich gerne zu mir und meinen Sinnen zurückkommen. Warum bin ich in den Wäldern, wenn ich an etwas anderen als den Wald denke? Ich betrachte mich argwöhnisch und mit einem Schaudern, wenn ich bemerke, dass mich sogar etwas beschäftigt, was man ein gutes Werk nennen kann – und auch dies passiert gelegentlich.

Meine Umgebung ermöglicht viele gute Wanderungen. Und obwohl ich für so viele Jahre fast täglich wandern gegangen bin, manchmal sogar tagelang, habe ich doch noch nicht alle Wege erschöpft. Ein absolut neuer Ausblick ist für mich eine große Freude, und dies ist mir immer noch jeden Nachmittag möglich. Zwei oder drei Stunden Wandern bringen mich in ein so fremdes Land, wie ich es niemals erwartet hätte. Ein einzelnes Bauernhaus, das ich das erste Mal sehe, ist manchmal so schön wie das Herrschaftsgebiet des Königs von Dahomey.8 Es gibt tatsächlich eine Art von Harmonie, die man zwischen den Eigenschaften der Landschaft innerhalb eines Umkreises eines 10-Meilen-Radius – oder etwa der Strecke eines Nachmittagspaziergangs – und den siebzig Jahren des menschlichen Lebens entdecken kann. Man wird mit beidem niemals vollständig vertraut sein.

Nahezu alle sogenannten Fortschritte des Menschen, wie das Errichten von Gebäuden oder das Roden von Wäldern und das Fällen aller großen Bäume, verunstalten die Landschaft und machen sie nur zahmer und wertloser. Das wäre ein Volk, das damit begänne, die Zäune zu verbrennen und den Wald stehen zu lassen! Ich sah einst halb verfallene Zäune, die sich in der Mitte der Prärie verloren, und einen weltlichen Geizkragen mit einem Landvermesser, der seine Abgrenzungen prüfte, während sich der Himmel über sie herabgelassen hatte. Er aber sah nicht die Engel, die hin- und herflogen, sondern hielt nach einem alten Pfostenloch in der Mitte des Paradieses Ausschau. Ich schaute einmal mehr und sah, dass er in der Mitte eines morastigen stygischen Moors stand und von Teufeln umgeben war, und er hatte bald ohne Zweifel seine Grenzen gefunden, drei kleine Steine, wo einst ein Pfahl eingeschlagen war. Und als ich genauer schaute, sah ich, dass sein Landvermesser der Fürst der Dunkelheit war.

Ich kann ganz einfach zehn, fünfzehn, zwanzig oder jedwede Anzahl von Meilen wandern, an meiner eigenen Tür beginnend, ohne an irgendeinem Haus vorbeizukommen oder eine Straße zu kreuzen, außer dort, wo es auch der Fuchs und der Nerz tun: Erst entlang des Flusses und dann den Bach und dann die Wiese und den Waldesrand entlang. Es gibt in meiner Umgebung Quadratmeilen, die unbesiedelt sind. Von vielen Hügeln aus kann ich die Zivilisation und die fernen Wohnsitze der Leute sehen. Die Bauern und ihre Arbeiten sind kaum auffallender als Waldmurmeltiere und ihre Höhlen. Der Mensch und seine Angelegenheiten, Kirche und Staat und Schule, Handel und Finanzwesen, Fabriken und Landwirtschaft und sogar die Politik, die von allem das Besorgniserregendste ist – ich erfreue mich daran, wenn ich sehe, wie wenig Raum sie doch in der Landschaft einnehmen. Die Politik ist ein begrenztes Feld, zu dem eine noch engere Landstraße führt. Manchmal beschreibe ich einem Reisenden den Weg dorthin. Wenn du in die Welt der Politik willst, dann folge jener großen Straße – folge dem Markt-Verkäufer, lasse den Staub, den er aufwirbelt, in deine Augen, und es wird dich direkt dorthin führen. Denn auch die Politik hat ihren Platz und nimmt nicht allen Raum ein. Ich lasse sie wie ein Bohnenfeld auf dem Weg zum Wald zurück, und schon ist es vergessen. In einer halben Stunde schon kann ich zu einem Fleckchen Erde gehen, wo es jahrein, jahraus keinen Menschen gibt. Und daher gibt es dort auch keine Politik, denn sie ist wirklich nicht mehr als der Zigarettenrauch des Menschen.

Das Dorf ist der Ort, zu dem die Straßen führen, eine Art Ausweitung der Landstraße, so wie ein See eine Erweiterung des Flusses ist. Es ist der Körper, dessen Arme und Beine die Wege sind – ein Ort mit drei oder vier Straßen, die Durchgangsstation und das Gasthaus der Reisenden. Das englische Wort ‚village‘ stammt von dem lateinischen Wort villa ab, das gemeinsam mit via, dem Weg, und dem noch älteren ved und vella, gemäß Varro9 von veho (zu tragen) abstammt, denn die Villa ist der Ort, zu dem die Dinge getragen oder fortgebracht werden. Von denen, die ihren Lebensunterhalt mit Fuhrwerken bestritten, hieß es: vellaturam facere. Daher stammt auch das englische vile (widerlich, gemein) und ‚villain‘ (Feind) vom das lateinische Wort vilis ab. Dies deutet auf die spezielle Degeneration hin, für die die Dorfbewohner anfällig sind. Sie sind erschöpft durch die ganzen Reisen, die um sie herum stattfinden, ohne selbst je zu reisen.

Manche wandern überhaupt nicht; andere wandern nur auf Landstraßen. Nur wenige wandern über Landparzellen. Die Straßen sind für Pferde und Geschäftsmänner gemacht. Ich reise vergleichsweise wenig auf ihnen, denn ich bin nicht in Eile, um zu den Wirtshäusern, Lebensmittelläden, Mietställen oder Lagerhäusern zu kommen, zu denen sie führen. Ich bin ein gutes Reisepferd, doch nicht jemand, der gerne auf der Straße geht. Die Landschaftsmaler nutzen häufig Gestalten von Menschen, um den Verlauf der Straße zu markieren. Meine Gestalt würde kaum Verwendung finden. Ich wandere in der Natur, wie es die alten Propheten und Poeten getan haben – Manu, Moses, Homer und Chaucer. Du kannst es Amerika nennen, aber es ist nicht Amerika. Weder Amerigo Vespucci noch Kolumbus noch der Rest haben es entdeckt. In der Mythologie wird die Natur wahrer beschrieben als in irgendeiner Geschichte vom sogenannten Amerika, die ich gehört habe.

Wie dem auch sei, es gibt ein paar alte Wege, die mit Erfolg beschritten werden können, als führten sie jetzt, da sie nicht mehr genutzt werden, irgendwo hin. Es gibt die alte Straße nach Marlborough, die heute gar nicht mehr nach Marlborough führt, denke ich, es sei denn, es ist Marlborough, wohin es mich auch immer führt. Ich scheue mich nicht, hier von ihr zu sprechen, denn ich glaube, dass es in jeder Stadt ein oder zwei solcher Straßen gibt.

DIE ALTE STRASSENACH MARLBOROUGH

Wo sie einst gruben nach Geld

Doch nie welches fanden

Wo manchmal Martial Miles

Einsam dahinzieht

Und Elijah Wood

Ja, ich ahne nichts Gutes.

Kein anderer Mann

Außer Elisha Dugan –

Einem Mann wilder Neigungen,

Rebhühner und Hasen

Keine Sorgen hat er

Außer Fallstricke zu legen

Der ganz allein lebte

Sich selbst ganz am nächsten

Und wo das Leben am süßtesten

uns stets verzehrt.

Wenn der Frühling mein Blut erregt

mit dem Bedürfnis zu reisen

Unter mir genug Schotter

Auf der alten Straße nach Marlborough.

Niemand bessert sie aus

Denn niemand geht darauf

Ein lebendiger Weg

Wie die Christen sagen.

Es gibt ihrer nicht viele

Die diesen Weg wählen

Nur die Gäste des Iren Quin.

Was ist sie, was ist sie

Außer einer Richtung dort draußen

Und reine Möglichkeit

Irgendwohin zu gehen?

Große Wegweiser aus Stein,

und keine Reisende

Denkmäler der Städte

Auf ihren Kronen genannt

Es lohnt sich, sie kennenzulernen

Wo Du sein KANNST

Welcher König

Hat dies geschaffen

frage ich mich stets;

Wie und wann

durch welche Auserwählten

Gourgas oder Lee,

Clark oder Darby?

Es ist ein großes Bestreben

Etwas für die Ewigkeit,

schiere Höhen aus Stein

Wo der Reisende stöhnt

Und in einem Satz

Feierlich all dass, was man weiß

Was ein anderer lesen mag

In seiner extremen Sorge.

Ich kenne die eine oder andere

Zeile, die das tut

Literatur die vermag zu stehen

Über dem Land

Das der Mensch erinnern kann

Bis nächsten Dezember

Und wieder im Frühling gelesen

Nach der Schmelze

Wenn du dich entfaltest

Dein Heim zu verlassen

vermagst du um die Welt zu gehen

Auf der alten Straße nach Marlborough.

Derzeit befindet sich der beste Teil dieser Gegend des Landes nicht im Privatbesitz. Die Landschaft gehört niemandem, und der Wanderer erfreut sich einer vergleichsweise großen Freiheit. Doch wahrscheinlich wird der Tag kommen, wenn die Gegend in sogenannte Parkanlagen aufgeteilt wird, in denen sich nur einige wenige exklusiv vergnügen können – wenn Zäune vervielfältigt werden und Fallen und andere Dinge aufgestellt werden, um die Menschen auf den ÖFFENTLICHEN Straßen zu halten, und wo das Wandern über Gottes Erde gleichbedeutend damit ist, dass man den Grundbesitz irgendeines Gentlemans widerrechtlich betritt. Eine Sache exklusiv zu genießen bedeutet normalerweise, sich selbst das wahre Vergnügen zu versagen. Lasst uns also unsere Möglichkeiten vergrößern, bevor die dunklen Tage anbrechen.

Woran liegt es, dass es uns manchmal so schwerfällt, zu entscheiden, wohin wir wandern wollen? Ich glaube, es gibt eine Art subtilen Magnetismus in der Natur, der uns, wenn wir uns ihm unbewusst hingeben, in die richtige Richtung führt. Es ist uns nicht gleichgültig, welchen Weg wir einschlagen. Es gibt einen richtigen Weg. Doch wir sind sehr anfällig dafür, aus Achtlosigkeit und Dummheit den falschen Weg zu wählen. Wir würden gerne jenen Weg gehen, den wir noch niemals in dieser Welt eingeschlagen haben und der unseren inneren und ideellen Vorstellungen entspricht. Und zweifellos ist es manchmal schwer, uns für eine Richtung zu entscheiden, wenn wir in unserem Geist noch keine klare Vorstellung geformt haben.

Wenn ich das Haus für einen Spaziergang verlasse, noch ungewiss, wohin meine Schritte mich tragen werden, und ich mich meinem Instinkt für eine Entscheidung unterwerfe, dann bemerke ich, so seltsam und willkürlich es scheint, dass ich letztlich und unweigerlich Richtung Südwesten gehe, in Richtung eines bestimmten Waldes oder einer Wiese oder einer verlassenen Weide oder eines Hügels. Meine innere Kompassnadel reagiert nur träge – sie schwankt ein paar wenige Grad und zeigt nicht immer genau nach Südwesten, das stimmt schon, aber sie hat gute Gründe für diese Abweichung; und doch pendelt sie sich immer zwischen Westen und Südwesten ein. In dieser Richtung liegt meine Zukunft, und die Erde erscheint hier reicher und weniger verbraucht zu sein. Die Umrisse meiner Wanderungen gleichen dabei keinem Kreis, sondern einer Parabel oder einer Kometenlaufbahn, von denen man annimmt, dass sie sich nicht wiederholende Kurvenlinien sind, in diesem Falle vom Westen ausgehend, wo mein Haus den Platz an der Sonne hat. Manchmal wende ich mich für eine Viertelstunde unentschlossen hin und her, bis ich mich entscheide – zum tausendsten Mal – in Richtung Südwesten oder Westen zu gehen. Nach Osten gehe ich nur mit Gewalt. Aber nach Westen gehe ich freiwillig. Kein Geschäft führt mich dorthin. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich schöne Landschaften oder ausreichend Wildnis und Freiheit irgendwo hinter dem östlichen Horizont finden könnte. Ich empfinde keine Begeisterung dafür, dorthin zu gehen. Und doch glaube ich, dass sich der Wald, den ich am westlichen Horizont sehe, ununterbrochen in Richtung der untergehenden Sonne erstreckt, und dort gibt es keine Dörfer noch Städte, die mich stören könnten. Lass mich leben, wo ich leben will. Hier ist die Stadt und dort die Wildnis, und ich verlasse immer mehr die Stadt und ziehe mich in die Wildnis zurück. Ich würde dies nicht zu allzu sehr betonen, wenn ich nicht glauben würde, dass dies auch die vorherrschende Tendenz meiner Mitbürger wäre. Ich will Richtung Oregon gehen, nicht Richtung Europa. In diese Richtung bewegt sich auch die Nation, und ich vermute sogar, dass die Menschheit von Osten nach Westen voranschreitet. Seit ein paar Jahren beobachten wir mit der Besiedelung Australiens das Phänomen einer südöstlichen Migration. Doch dies erscheint uns als eine rückwärtsgerichtete Bewegung, und, betrachtet man den moralischen und körperlichen Charakter der ersten Generation der Australier, so scheint dies bislang kein erfolgreiches Experiment gewesen zu sein. Die Ost-Tartaren denken, westlich von Tibet befinde sich nichts. „Die Welt endet dort“, sagen sie. „Jenseits davon liegt nur die uferlose See.“ Es sei der absolute Osten, wo sie leben.

Wir wenden uns nach Osten, um unsere Geschichte zu verstehen, um Kunstwerke und Literatur zu studieren und dabei den Weg unserer Rasse zurückzuverfolgen. Doch wir wenden uns gen Westen, weil dort unsere Zukunft liegt, die wir uns mit Abenteuer- und Unternehmungsgeist erschließen können. Der Atlantik gleicht dem Fluss Lethe während unserer Reise, bei der wir die Möglichkeit haben, die alte Welt und ihre Institutionen zu vergessen. Sollte uns dies nicht gelingen, so haben wir als Rasse vielleicht eine weitere Chance, bevor wir die Ufer des Styx erreichen, und diese liegt in der Lethe des Pazifiks, der dreimal so breit ist wie der Atlantik.

Ich weiß nicht, wie wichtig es ist, oder inwieweit es ein Beweis von Einzigartigkeit ist, dass sich ein Einzelner in seiner belanglosesten Wanderung nach der allgemeinen Richtung der Rasse ausrichten sollte. Aber ich weiß, dass etwas entsprechend des Instinktes zu Wanderungen der Zugvögel und Vierfüßler – von denen man in einigen Fällen weiß, dass es die Eichhörnchen beeinflusst und sie zu einer allgemeinen und mysteriösen Wanderung veranlasst, bei der sie, wie einige sagen, die größten Flüsse überwinden, indem sich jedes Tier auf ein Stück Holz setzt und den Schwanz gleich einem Segel in die Höhe hebt, und kleinere Flüsse, die sie auf dem Rücken toter Artgenossen überbrücken; dass etwas wie der Aufruhr, der das Vieh im Frühling befällt, und das man einem Wurm im Schwanz zurechnet – auch Nationen wie auch Individuen beeinflusst, sowohl beständig als auch von Zeit zu Zeit. Keine große Schar von Wildgänsen schnattert über unserem Dorf, und doch beunruhigt es schon den Immobilienmarkt. Wäre ich ein Makler, dann würde ich wohl diese Störung in meine Kalkulationen mit einbeziehen.

„Das Volk sehnt sich nach Pilgerreisen

und Pilger suchen ferne Ufer.“10

Jeder Sonnenuntergang, den ich bezeuge, erweckt in mir das Verlangen, in einen Westen aufzubrechen, der so entfernt und schön ist wie der, in dem die Sonne untergeht. Sie wandert täglich westwärts und verleitet uns, ihr zu folgen. Sie ist die Große Pionierin des Westens, der die Nationen folgen. Wir träumen die ganze Nacht von jenen Bergspitzen am Horizont, die, obwohl sie nur aus Dunst bestehen mögen, durch ihre Sonnenstrahlen vergoldet wurden. Die Insel Atlantis und die Inseln und Gärten der Hesperiden,11 einer Art irdischem Paradies, scheint der große Westen der Griechen gewesen zu sein, eingehüllt von Mysterium und Poesie. Wer hat in seiner Vorstellung, wenn man in den Sonnenuntergangshimmel schaut, noch nicht die Gärten der Hesperiden gesehen, und die Quelle all dieser Mythen?

Kolumbus fühlte den Drang nach Westen stärker als irgendeiner bevor ihm. Er gehorchte ihm und fand eine Neue Welt für Kastilien-León. In jenen Tagen roch die Menschenherde frische Weiden in der Ferne,

„Und nun hat die Sonne alle Hügel verlängert,

Und war nun in die westliche Bucht herabgesunken;

Da stand ER auf, und hüllte sich in seinen blauen Mantel ein;

Morgen auf zu frischen Wäldern und neuen Weiden.“12

Wo auf der Erdkugel kann eine Fläche von gleichen Ausmaßen wie die unserer Bundesstaaten gefunden werden, so fruchtbar und reichhaltig und vielfältig in ihren Erzeugnissen und zugleich bewohnbar für die Europäer? Michaux,13 der nur einen Teil davon kannte, sagte, dass „die Artenvielfalt großer Bäume in Nordamerika weitaus größer ist als in Europa. In den Vereinigten Staaten gibt es mehr als einhundertvierzig Arten, die höher als zehn Meter sind. In Frankreich gibt es aber nur dreißig, die diese Höhe erreichen.“ Spätere Botaniker haben seine Beobachtungen bestätigt. Humboldt reiste nach Amerika, um die tropische Vegetation seiner Kindheitsträume zu finden, und er fand sie in größter Vollkommenheit in den Urwäldern des Amazonas, der gewaltigsten Wildnis auf der Erde, wie er sie so wortgewandt beschrieben hat. Der Geograf Guyot, selbst ein Europäer, geht sogar noch weiter – weiter als ich ihm bereit bin zu folgen. Aber es stimmt, wenn er sagt: „So wie die Pflanze für das Tier gemacht ist, und die Pflanzenwelt für die Tierwelt, so ist Amerika für den Menschen der Alten Welt bestimmt ... Der Mensch der Alten Welt macht sich auf die Reise. Er lässt das Hochland Asiens hinter sich und geht Schritt für Schritt Richtung Europa. Jeder seiner Schritte wird durch eine neue Zivilisation gekennzeichnet, die weiter entwickelt ist als die vorhergehende und über eine größere Gestaltungskraft verfügt. Als er am Atlantik ankam, macht er an den Ufern dieses unbekannten Ozeans, dessen Grenzen er nicht kennt, Halt, und kehrt für einen Moment um.“ Wenn er dann die den reichen Boden Europas erschöpft hat und sich mit neuen Kräften versehen hat, „dann setzt er seine abenteuerliche Karriere westwärts fort, wie er es seit den frühesten Zeiten getan hat.“ So weit Guyot.

Aus diesem nach Westen gerichteten Impuls, der mit den Grenzen des Atlantiks in Kontakt kam, entsprangen der Handel und die Unternehmungen der modernen Zeit. Der jüngere Michaux schrieb in seinem Buch Reisen westlich der Allegheny im Jahr 1802, dass die häufigste Frage in dem neu besiedelten Westen stets war: „‚Aus welchem Teil der Welt bist Du gekommen?‘ Als wären diese weiten und fruchtbaren Regionen der natürliche Treffpunkt und das eigentliche Land all der Bewohner der Erdkugel.“