Beschreibung

Wer ihre richtigen Eltern sind, weiß die fast siebzehnjährige Lena aus Frankfurt nicht. Umso verwunderter ist sie, als sie eines Tages einen Brief vom Anwalt ihres verstorbenen Großvaters erhält. Der alte Mann, von dessen Existenz sie bisher nicht einmal ahnte, hat ihr einen heruntergekommenen Hof hinterlassen. Gemeinsam mit ihrem Adoptivvater Max zieht sie in den Westerwald. Schnell wird klar, dass nicht nur das alte Gemäuer eine dunkle Vergangenheit hat. Im Dorf trifft sie auf eine Mauer des Schweigens. Wer waren ihre Eltern? Was geschah in der Nacht ihrer Geburt, als ihre Mutter starb? Bereits in einer der ersten Nächte malt ein Unbekannter mit Blut ein Pentagramm über ihre Haustür. Unheimliche Gestalten schleichen nachts durch den Wald hinter dem Hof. Und dann hört sie das Heulen des Wolfes.

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Seitenzahl: 313

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Inhalt

Titelseite

Impressum

Über den Autor

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Epilog

Micha Krämer

Über deine Höhen

 

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de

 

© 2013 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Der Umschlag verwendet Motive von shutterstock.com,

Beautiful gold girl eAlisa 2012 / forest Martin Wall 2012

eISBN: 978-3-8271-9837-2

ePub Produktion durch INTEC/ANSENSO

www.inteconline.com

Der Roman spielt hauptsächlich in einer allseits bekannten Region im Westerwald, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

 

Über den Autor:

Micha Krämer wurde 1970 in Kausen im Westerwald geboren. 1989 zog es ihn nach Betzdorf, wo er es ganze 15 Jahre aushielt, bevor das Heimweh ihn zurück nach Kausen führte. 2009 veröffentlichte der gelernte Elektroniker kurz nacheinander die beiden Kinderbücher „Willi und das Grab des Drachentöters” und „Willi und das verborgene Volk”. Der regionale Erfolg der beiden Bücher, die er eigentlich nur für seine eigenen beiden Kinder schrieb, war überwältigend und kam für ihn selbst total überraschend. Einmal Blut geleckt, musste im Jahre 2010 nun ein „richtiges Buch“ her. Im Juni erschien sein erster Roman für Erwachsene und zum Ende des Jahres 2010 sein erster Kriminalroman, der die Geschichte der jungen Kommissarin Nina Moretti erzählt. Neben seiner Familie, dem Beruf und dem Schreiben gehört die Musik zu einer seiner großen Leidenschaften.

Mehr über Micha Krämer erfahren Sie auf www.micha-kraemer.de

Prolog

1. November 1994, 2:34 UhrIrgendwo über dem Westerwald

Alles drehte sich. Die ganze Welt wirbelte um sie herum. Das Gefühl war schön. Irgendwie. Die Schmerzen, die sie eben noch gespürt hatte, waren fort und einer unergründlichen Leichtigkeit gewichen. Sie hörte, wie jemand ihren Namen rief. „Christin? Hören Sie mich, Christin? Christin?“ Natürlich hörte sie ihn. Aber aus irgendeinem Grund konnte sie nicht antworten. Ein Schleier aus Nebel tanzte vor ihren Augen. Leise, gedämpft, wie aus der Ferne nahm sie noch andere Stimmen und Geräusche wahr. Das Piepen von Apparaten und das Dröhnen des Hubschraubers, in den man sie verladen hatte. Die aufgebrachte Stimme einer ebenfalls unbekannten Frau kreischte. „Wir verlieren sie. Herzstillstand.“ Dann hörte sie das Schreien eines Babys. Lena! Es ging ihr gut! Wie Blitze durchzuckten die Erinnerungen an die letzten Stunden ihr Gedächtnis. Warum nur hatten sie ihr das angetan? Warum nur? Es war das Letzte, was sie noch wahrnahm und dachte. Dann entfernten sich die Geräusche um sie herum immer weiter, bis es schließlich ganz still wurde.

Kapitel 1

30. September 2011Der 1. Tag

Mit einem leichten Ruck drückte Lena die Tür auf und spähte vorsichtig in ihr neues Zuhause. Zögernd betrat sie die Diele des alten Wohnhauses. Muffige Luft drang ihr entgegen. Es roch feucht, dreckig, nach kaltem Rauch und irgendwie auch nach altem Mensch. Sie kannte diesen Geruch von den Sozialstunden, die sie im vergangenen Sommer in einem Frankfurter Seniorenheim ableisten musste. Dort hatte es ähnlich gerochen. Nur der Geruch des Rauches, der von den Holzöfen zu kommen schien, war ihr neu. Ganz langsam ging sie weiter. Es war still im Haus. Das einzige Geräusch, das sie vernahm, war das Atmen von Max, ihrem Adoptivvater, der dicht hinter ihr stand.

Lena strich über eine grünweiße Kommode aus furniertem Holz, im Look der siebziger Jahre. Staub wirbelte auf. Die Tapeten in dem schmalen Flur waren vergilbt und fleckig, die niedrigen Decken des alten Fachwerkhauses, genau wie die Wände und der Fußboden, der im Eingangsbereich mit einem blaugelben Mosaik gefliest war, krumm und schief.

Hier sollten sie nun wohnen? Was für eine Scheiße. Das Haus lag am Rande eines hohen Fichtenwaldes in einer Sackgasse. Es gab nur einen Weg, der sich von dem kleinen Dorf Blittersbach, unten im Tal, fast einen Kilometer hier heraufschlängelte und hinter der Abzweigung zum Hof im Wald verschwand. Wie es aussah, gab es in dem 400-Seelen-Kaff auch nichts außer einer kleinen Bäckerei, einer schäbigen Kneipe und natürlich einer Kirche. Bis zum Supermarkt im nächst größeren Ort waren es gut und gerne zehn Kilometer. Bevor sie hierhergekommen war, glaubte Lena noch, dass wirklich alles besser sein konnte als die Wohnung, die sie bisher bewohnten. Sie hatte sich im achten Stock einer Mietskaserne im Frankfurter Westend, mit Blick auf das Klärwerk, befunden. Ja, sie hatte tatsächlich geglaubt, es könnte nicht noch schlimmer kommen. Sicher war sie sich da in diesem Moment allerdings nicht mehr.

Als sie vor vier Wochen den Brief von dem Notar las, der morgens mit der Post gekommen war, hatte sie sich riesig gefreut. Sie, Lena Reinmann, hatte geerbt. Einen Hof. Einen richtigen alten Bauernhof im Westerwald. „Den verkaufen wir“, jubelte sie damals spontan und war Max um den Hals gesprungen. „Und von dem Geld machen wir erst mal richtig Urlaub und zahlen all unsere Schulden.“ So hatte sie sich das gedacht. Frankfurt zu verlassen, war für sie dabei keine Option gewesen. Sie wohnte schon immer in der Main Metropole und glaubte auch hierher zu gehören. Natürlich würden sie umziehen, in eine schicke Wohnung oder ein Häuschen in einem der besseren Vororte. Aber doch nicht in irgendein Kuhdorf im Westerwald, wo es von morgens bis abends nach Scheiße stank und man sogar noch aufpassen musste, dass man nicht in dieselbige hineintrat. Doch wie so vieles in Lenas Leben, war es auch diesmal anders gekommen.

*

Dass Max nicht ihr leiblicher Vater war, hatte sie schon lange gewusst. Maximilian und Marina Reinmann, hatten sie vor sechzehn Jahren als Säugling adoptiert. Lenas leibliche Eltern waren angeblich kurz nach ihrer Geburt gestorben. Woran, wusste sie nicht und so wie es schien, gab es auf der ganzen Welt auch niemanden, der ihr das erzählen konnte oder wollte. Umso verwunderter war sie gewesen, als sie erfuhr, dass sie die einzige Erbin eines Hofes im Westerwald war. Der alte Mann, bei dem es sich um ihren leiblichen Großvater handelte und von dessen bloßer Existenz sie bis dato noch nicht einmal etwas ahnte, hatte sie als seine alleinige Erbin bestimmt. Das Haus, das Land drum herum und ein Bankkonto mit gut und gern einer Million Euro gehörten nun ihr. Zumindest fast. Wie bei allem in Lenas Leben gab es nämlich auch diesmal wieder einmal einen Haken. Der alte Mann, in dessen Haus sie nun standen, hatte in seinem Letzten Willen verfügt, dass Lena ihr Erbe erst mit einundzwanzig bekam. Dann durfte sie damit tun und lassen, was sie wollte. Allerdings hatte der Alte auch verfügt, dass sie bis dahin ein monatliches Taschengeld von zweitausend Euro bekam und sie und ihr Adoptivvater auf dem Hof wohnen durften, wenn sie das wollten.

Das traf sich gut. Da Geld bei den Reinmanns in den letzten Jahren immer knapp gewesen war, fiel ihnen die Entscheidung nicht gerade schwer. Max Reinmann war freier Autor. Er schrieb Drehbücher fürs Fernsehen. Meistens für Seifenopern, die schon nach den ersten Folgen wieder eingestellt wurden, weil sich einfach kein normaler Mensch diesen schnulzigen Kram ansehen wollte. Dementsprechend dürftig waren in der letzten Zeit die Honorare ausgefallen. Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.

Das war nicht immer so gewesen. Früher war Max richtig gut gewesen. Die Sender und Produktionsfirmen hatten ihm die Tür förmlich eingerannt. Doch seit Marinas plötzlichem Tod vor fünf Jahren war es mit ihm stetig bergab gegangen. Max bekam irgendwie nichts mehr auf die Reihe. Schreibblockade nannte er das. Wochenlang hatte er nicht ein einziges Wort zu Papier gebracht. Hatte einfach an seinem Schreibtisch gesessen und aus dem Fenster gestarrt, bis er schließlich einen Weg fand, seine Blockade zu überwinden. Mit Alkohol! Erst trank er nur wenig. Dann immer mehr. Und am Schluss soff er ständig. Leider waren seine im Suff verfassten Werke nicht gerade Kassenschlager. Es kam, wie es kommen musste. Die Bank versteigerte ihnen das Haus praktisch unter dem Hintern weg. Sie mussten umziehen in einen Betonklotz mit 120 Wohneinheiten und bester Aussicht auf eines der großen Frankfurter Klärwerke. Der Gestank bei Ostwind war entsetzlich und Max soff immer noch mehr. Das ging so bis zu dem Tag, als sein Herz nicht mehr mitmachte und er einfach vor ihren Augen im Wohnzimmer zusammenbrach. Der Arzt im Krankenhaus erklärte ihr später, es wären insgesamt drei Infarkte gewesen. Max wurde operiert. Fünf Bypässe. Und das mit gerade einmal vierzig. Von der Klinik aus ging es sofort in die Reha mit anschließendem Entzug.

Max war erst einige Tage wieder zu Hause, als die Nachricht über das Erbe kam. Gleichzeitig mit dem Brief des Notars und etlichen Mahnungen war auch die Kündigung der Wohnung gekommen. Mittlerweile waren sie über ein halbes Jahr mit der Miete im Rückstand. Die Wohnungsbaugesellschaft war deshalb der Auffassung, dass sie und Max bis zum ersten Oktober raus sein mussten.

*

Heute war der dreißigste September und sie waren tatsächlich raus. Mit zwei Koffern, ihren Schlafsäcken und einem Korb voller Konserven hatten sie am Morgen Frankfurt mit dem Taxi verlassen. Frank, ein Freund von Max aus alten Tagen, würde ihnen am nächsten Wochenende ihre Möbel und die restlichen Habseligkeiten mit einem Lastwagen der Spedition, bei der er arbeitete, hinterherbringen. Bis dahin musste es halt so gehen.

Die letzten Monate hatten Lena gestärkt. Während Max‘ Abwesenheit in der Klinik und während seines Entzugs, hatte sie gelernt sich durchzuboxen und den Laden allein geschmissen. Sie war, so glaubte sie, reifer geworden. Erwachsener und bestimmt vernünftiger. Im Grunde hatte sie auch alleine entschieden, dass sie umzogen. Max hatte nur gelächelt und genickt. Gemeinsam würden sie neu anfangen. Mietfrei wohnen und jeden Monat zweitausend Euro auf dem Konto waren dafür eine solide Grundlage. Und wenn Lena einundzwanzig war, würden sie alles verkaufen und irgendwo anders hingehen. Doch für den Anfang war der Westerwald okay. Es würde gehen.

*

Sie betrat das Wohnzimmer und blickte sich um. Auch hier waren alle Möbel vollkommen unmodern und größtenteils verschlissen. „Was hältst du davon, wenn wir draußen auf dem Hof ein großes Feuer machen und den ganzen Mist einfach verbrennen“, hörte sie Max sagen. Lena drehte sich um und lächelte gequält. „Was hältst du davon, wenn wir alles an seinem Platz lassen und direkt die ganze Bude anzünden.“ Max lachte auf. „Das wär wahrlich das Einfachste. Wir zünden die Hütte an, bescheißen die Versicherung und bekommen dann jeder ein wunderschönes Einzelzimmer im nächsten Knast.“ Lena lachte auch. Nicht über den Witz. Nein, sie lachte, weil Max lachte. So hatte sie ihn seit fünf Jahren nicht erlebt. Alles würde gut werden.

*

Die nächsten Tage verbrachten sie damit, sich einzurichten und das Haus zu entrümpeln. Zuerst nur in der unteren Etage. Die oberen Räume würden irgendwann folgen. Der Hof war riesig. Direkt an das Haupthaus, in dem es allein neun Zimmer gab, war das Stallgebäude angebaut. Daran in einer Art U-Form und somit direkt gegenüber dem Wohnhaus gab es eine riesige Scheune. Wie im Haus, stapelte sich auch hier das Gerümpel. Fast schien es, als habe der alte Mann niemals etwas weggeworfen. Unermüdlich schleppten sie alten Krempel auf eine kleine Wiese hinter der Scheune. Das Feuer, das Max mit Hilfe einiger Liter Diesel entfachte, qualmte auch weit weniger, als sie zuerst befürchtet hatten. Es gelang ihnen auf diese Weise innerhalb von drei Tagen, die gesamte untere Etage, bis auf einen uralten Küchenschrank und eine Eichenkomode, die Max restaurieren wollte, in den Flammen zu entsorgen. Auch die mindestens fünf Schichten Tapeten und die alten fleckigen Teppichböden endeten im Feuer.

„Wenn du das in Frankfurt machst, kommst du ins Gefängnis“, alberte Frank, als er grinsend aus dem Lastwagen stieg und die Reste eines Sessels im Feuer schwelen sah. Mit jedem ihrer eigenen Möbelstücke, das sie von der Ladefläche luden und in das Haus trugen, fühlte Lena sich wohler. Endlich waren die Dinge ihr wieder vertraut. Und nach nicht einmal einer Woche fühlte sie sich sogar ein bisschen wie Zuhause angekommen. Zwar hatte sie noch immer kein eigenes Zimmer und pennte neben Max auf dem Ikea Klappsofa in dem frisch tapezierten Wohnzimmer, aber auch das würde noch werden.

*

Seit über fünf Jahren besaßen sie nun sogar endlich wieder ein eigenes Auto. Beziehungsweise sogar gleich vier davon und zwei Traktoren. Max hatte die Fahrzeuge bereits am ersten Tag gefunden. Sie standen in der Scheune. Vermutlich hatte der alte Karl Bodenheim, wie ihr Großvater hieß, sich beim Kauf eines Neuwagens nie von seinem alten Auto getrennt. Er hatte sie einfach in der Scheune abgestellt und dort stehen gelassen, bis sie Stück für Stück unter Dreck und altem Gerümpel verschwanden. Zuletzt fuhr der alte Mann wohl einen grünen Mercedes Benz, der gut und gerne auch schon zwanzig Lenze überschritten hatte, aber noch prima in Schuss war. Das Auto war sogar noch angemeldet und vollgetankt. Beim ersten Startversuch sprang es ohne Murren, aber mit mächtig viel Qualm, sofort an. Die anderen Vehikel, darunter eine alte Ente von Citroën, die unter einer großen Plane Winterschlaf hielt, zwei Opel aus den Sechzigern oder Siebzigern und einer der Traktoren schienen dagegen weniger gut in Schuss und ein Fall für den Schrott. Der zweite Trecker, ein neueres Modell, war noch recht passabel und würde ihnen später vielleicht noch gute Dienste leisten können. Aber das war im Moment egal. Hauptsache, sie besaßen nun ein fahrbares Auto, ein Haus und ein bisschen Bargeld. Und entgegen aller Befürchtungen roch es hier im Westerwald auch nicht nach Kuhscheiße, sondern im Gegenteil recht angenehm.

*

Nachts lag Lena trotz der Schufterei am Tag oft wach. Sie lauschte dem Wind, der, so schien es, hier immer kräftig wehte und an dem alten Haus zerrte und rüttelte. Sie musste an das Lied denken, das sie einmal in der Schule gesungen und dessen Text sie bis auf die ersten beiden Sätze wieder vergessen hatte. „Oh du schöner Westerwald. Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt.“ Dass die Zeilen kein hohles Geplänkel waren, wusste sie nun. Da war wirklich etwas dran. Der Wind war zwar kühl, aber auf irgendeine Art auch angenehm.

In den kurzen Pausen zwischen den Böen hörte sie dann nichts außer den ruhigen Atemzügen von Max, der neben ihr schlief. Dieses „Nichts“ zu hören, war neu für sie und machte ihr irgendwie Angst. Noch nie in ihrem Leben hatte sie „Nichts“ gehört. In Frankfurt gab es dieses Geräusch nicht. Die Stadt lebte immer. Sie atmete hörbar. Sie pulsierte förmlich. Auch in der Nacht tat sie das. Dieser Puls, bestehend aus Motorengeräuschen, dem Quietschen von Eisenbahnzügen, dem Dröhnen von Flugzeugen und dem Heulen der unterschiedlichsten Sirenen, den konnte man hören. Aber man nahm ihn eigentlich nicht wahr. Erst hier in der Stille des Westerwalds hatte sie bemerkt, dass er überhaupt da gewesen war und nun fehlte.

Wenn sie in der Nacht so dalag, dachte sie viel nach. Über ihr Leben, über das alte Haus und seine ehemaligen Bewohner. Obwohl diese Menschen ihre wahre Familie gewesen waren, wusste sie doch rein gar nichts über sie. Vielleicht, so überlegte sie, hatte Familie gar nichts mit Blutsverwandtschaft und den gleichen Genen zu tun. Vielleicht gehörten zur Familie eher die Menschen, die man liebte. Max und Marina waren so lange Lena denken konnte, ihre Familie gewesen und nicht diese Leute, die sie noch nicht einmal gekannt hatte.

*

Bereits am ersten Tag, auf ihrer allerersten Erkundungstour, hatte Lena eine Entdeckung in der oberen Etage gemacht. Eines der fünf Zimmer, die es dort gab, war das Jugendzimmer eines Mädchens gewesen. Der Raum wirkte im Gegensatz zum Rest des Hauses aufgeräumt und sauber. Das Bett war gemacht und über dem Stuhl, der an dem Schreibtisch stand, hing eine verwaschene hellblaue Mädchenjeans. An den Wänden gab es Poster von Musikern aus den neunziger Jahren. Die meisten davon kannte Lena nicht. Andere Plakate zeigten Pferde. Dazwischen hingen kleinere Fotos, die wie die Poster mit bunten Reißzwecken befestigt worden waren. Meist waren auf ihnen junge Menschen abgelichtet, die lachten. Jugendliche in Lenas Alter. Sofort erkannte sie eines der Gesichter auf den Bildern. Zu ihrem großen Erstaunen war es ihr eigenes. Auf mindestens zwanzig der Fotos war ihr Ebenbild zu sehen. Zwar waren die Haare etwas länger und auf den meisten Bildern zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Aber die Augen und die Züge des Gesichts waren die gleichen wie die, die sie täglich im Spiegel sah. Natürlich war ihr sofort klar gewesen, dass das Mädchen auf den Fotos nicht wirklich sie selbst war. Es musste sich um ihre Mutter handeln. Ihre richtige Mutter, die genau wie ihre Adoptivmutter Marina, viel zu früh gestorben war.

*

In den nächsten Tagen nach der Entdeckung des Zimmers, war sie oft die schmale Treppe hinauf gestiegen, um dort einige Minuten zu verweilen. Anfangs hatte sie sich nicht getraut etwas anzufassen. Schließlich gehörte es sich nicht, in den Sachen anderer Leute herumzuwühlen. Und immerhin sah ja auch alles so aus, als könnten die Besitzer jeden Moment wieder hereinkommen und sie dabei ertappen, wie sie in ihren Sachen stöberte. Sie setzte sich deshalb dann nur einige Minuten auf das Bett und besah sich stumm die Bilder ringsum.

*

Erst am vierten Tag öffnete Lena zögerlich den zweiflügligen Kleiderschrank und schaute vorsichtig hinein. Ein süßlicher Duft strömte ihr entgegen. Es roch nach Blumen, vielleicht Veilchen oder Rosen. Schnell fand sie den Ursprung des Geruchs. Zwischen den Kleidungsstücken auf den Regalbrettern lagen mehrere kleine Stücke rosaroter Seife, die die Form von Rosenblüten hatten. Fein säuberlich hingen T-Shirts, Blusen und Pullover neben Röcken und Hosen. Wie viele Klamotten dieses Mädchen gehabt hatte! Davon konnte sie nur träumen. Lenas Habseligkeiten passten in einen Koffer, der nur wenig größer als eine Aktentasche war. Sie griff einen dicken, sehr weichen roten Strickpulli mit Rollkragen, hielt ihn an sich und betrachtete sich dann in dem großen Spiegel, der innen in der Schranktüre hing. Was sie sah, gefiel ihr. Sie überlegte kurz und streifte das Kleidungsstück dann einfach über ihr T-Shirt. Es passte wie angegossen und roch stark, aber angenehm, nach der Blumenseife, als wäre es gestern erst gewaschen worden. Schnell nahm sie eine schwarze Jeans von einem Bügel, zog flott ihre blaue Arbeitslatzhose aus und schlüpfte hinein. Auch die Hose saß, als wäre sie für sie gemacht. Nachdem sie sich ausgiebig im Spiegel betrachtet hatte, setzte sie sich in ihrer neuen Montur an den kleinen Schreibtisch und sah aus dem Fenster. Von hier aus konnte man das Dorf im Tal sehen. Dahinter, auf einer lang gezogenen Hügelkette, drehten sich einige Windräder in der Abendsonne. Von den Häusern des Ortes, die rings um eine kleine Kirche standen, stiegen dünne Rauchsäulen in den kalten, aber ansonsten klaren Oktoberhimmel. Ihr Blick fiel auf eine Geldbörse rechts auf dem Fensterbrett. Sie griff danach und öffnete sie. Es befanden sich nur wenig Münzen und ein Zehn-Mark-Schein darin, der, obwohl sie schon einmal Deutsche Mark gesehen hatte, irgendwie befremdend auf sie wirkte. Sie zog einen Personalausweis heraus und betrachtete ihn. Dem Foto nach hätte es ihr eigener sein können. Sie las den Namen darauf. Mehrmals!

Ein Geräusch ließ sie aufhorchen und erschrocken herumfahren. Durch den Türspalt schob sich maunzend eine dicke, pechschwarze Katze. Sie betrachtete Lena einen Moment aufmerksam und sprang dann mit einem Satz auf das Bett. Dort drehte sie sich zweimal um die eigene Achse und rollte sich schließlich zufrieden auf dem Kopfkissen zusammen. „Hey“, begrüßte Lena sie und streckte vorsichtig die Hand nach dem Stubentiger aus. „Was bist du denn für eine?“ Der Stubentiger schnurrte zufrieden, während Lena sachte über das weiche Fell strich. Die Katze, oder war es vielleicht ein Kater, schien nicht mehr die jüngste zu sein. Verheilte Narben am Kopf und ein eingerissenes Ohr deuteten auf diverse Auseinandersetzungen mit Artgenossen oder anderen Tieren hin. „Wie heißt du denn?“, fragte sie das Tier. „Vielleicht hast du gar keinen Namen? Oder es gibt niemanden mehr, der ihn kennt. Weißt du was? Ich nenn dich einfach Mohrle. Das passt sowohl zu einem Jungen als auch zu einem Mädchen.“ Mohrle schien der neue Name ebenfalls zu gefallen, denn er, oder sie, schnurrte zufrieden. „Ach hier bist du“, hörte sie plötzlich Max hinter sich. Erschrocken fuhr sie herum. Ihr Adoptivvater stand grinsend in der Zimmertür und betrachtete sie interessiert. „Toll siehst du aus. Steht dir wirklich gut. Sind das Sachen von ihr?“ Lena nickte. „Ja, sie hieß übrigens Christin.“

Kapitel 2

Der 7. Tag

Der Wind war besonders stark an diesem Tag. Fasziniert beobachtete Lena, wie eine kleine Windhose über den Hof fegte und dabei unzählige gelbbraune Blätter, ähnlich einem kleinen Wirbelsturm, im Kreis herumdrehte. Der Himmel war bewölkt und am Horizont hinter den großen Windrädern war nur vereinzelt ein Streifen Blau zu erkennen. Sie ging zur Scheune, öffnete das große Tor und schob dann ihr Fahrrad ins Freie. Der Drahtesel war ein Geschenk von Florian, einem Jungen aus ihrer alten Clique gewesen. Vermutlich hatte er das Bike irgendwo in Frankfurt gestohlen. Einmal hatte die Polizei sie damit gestoppt. Die Überprüfung des Rades war aber gut ausgegangen. Vielleicht hatte der ehemalige Besitzer den Verlust noch gar nicht bemerkt, oder den Diebstahl einfach nicht gemeldet.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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