Über den Tellerrand - Gudrun Riefer - E-Book

Über den Tellerrand E-Book

Gudrun Riefer

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Beschreibung

Hans Bürger führt als selbstständiger Kaufmann ein Leben im Wohlstand. Zuhause bestimmt seine Frau uneingeschränkt über das Zusammenleben. Für die gemeinsame Tochter Eva sieht sie eine kaufmännische Lehre und die spätere Übernahme des Familienbetriebes vor. Das ganze Dorf beneidet Eva um ihre Zukunft – doch das ist alles nur schöner Schein. Denn ab ihrem zwölften Lebensjahr ändert sich für Eva das Familienleben schlagartig: Ihre Mutter beginnt, sie immer mehr herabzusetzen und reißt den Rest der Familie – Großmutter, Vater und Bruder – mit. Endlich volljährig kämpft Eva um ihre Ziele und damit gegen die Wünsche ihrer Mutter an. Und doch endet alles anders, als sie es sich ausgemalt hat …

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Seitenzahl: 412

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abruf­­bar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2016

© 2016 by 100FANS.de, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Kristin Hoffmann, München

Umschlagabbildung: XAOC / My Life Graphic / katarinag

Satz: Helmut Schaffer, Hofheim a. Ts.

Druck: Sowa Sp. z.o.o., Polen

Printed in the EU

ISBN Print: 978-3-95705-007-6

ISBN E-Book (PDF): 978-3-95708-197-1

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95708-198-8

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.100FANS.de

Kapitel 1

Blutlinien

Wir haben gerade gefrühstückt. Mein Vater schaut jetzt aus dem Küchenfenster und sinniert dabei: »Früher hat man kaum ein Auto auf der Straße gesehen. Heute gibt es so viele.«

Wie immer weiß meine Mutter, was er meint, und gibt ihm recht: »Die Leute müssen heutzutage eben alles haben, was es gibt. Kein Wunder, wenn sie zu nichts kommen.«

Wie man zu etwas kommt, weiß Vater auch: »Ja, die Faulenzer. Ein Auto braucht niemand. Mir reicht schließlich auch mein Moped. Ich stecke mein Geld lieber in unser neues Haus. Wenn ich noch fleißig am Bau mithelfe, sparen wir noch mehr und wohnen schon darin, bevor Eva zur Schule kommt.«

Wir wohnen noch im Elternhaus meines Vaters. Genau genommen gehört dieses Haus seiner Mutter, denn seinen Vater hat mein Vater schon verloren. Gerade baut er ein viel größeres Haus. Nur für uns, seine Familie, tut er das. Das Geld dafür hat er von der Bank geliehen. Das ist überhaupt kein Problem gewesen, weil sein Arbeitsplatz so sicher ist. Manchmal erzählt er, was einer von der Bank zu ihm gesagt hat: »Herr Bürger, bei Ihnen ist alles doppelt abgesichert. Sie haben ja zwei Chefs. Wenn einer davon sterben sollte, ist noch ein anderer da, bei dem Sie Ihr Geld verdienen können.«

»Wie die denken, so Kerle von der Bank«, meint mein Vater dann dazu und lacht immer ein bisschen, wenn er sagt, was der Kerl von der Bank zu ihm gesagt hat.

Mein Vater arbeitet bei den sogenannten Knechte Brüdern. Doch oben über dem großen Firmengebäude steht stolz in großen Lettern Gebrüder Knecht. Was da steht, haben mir die Leute erzählt, weil ich noch nicht lesen kann. Immer wenn ich einmal in die nahe gelegene Kleinstadt Fichtelbach komme, schaue ich hoch auf das Flachdach von Vaters Firma. Der große Schriftzug beeindruckt mich.

Oma sagt jetzt voller Stolz: »Mein Bub ist fleißig. Er fährt morgens weg, wenn es dunkel ist, und kommt abends wieder, wenn es dunkel ist.«

Was für ein Kunststück, wenn das Jahr zu Ende geht.

Lob einzustecken fällt ihm schwer, ob es nun berechtigt ist oder nicht. Deshalb verzieht er sein Gesicht und ärgert sich: »Ach Mutter, sei doch still!«

Aus dem Keller hören wir es dann knattern. Wir schauen alle aus dem Fenster und sehen Vater bei der Abfahrt zu. Mit seinem Zuviel an Körpergewicht drückt er das arme Moped unter sich zusammen.

Jetzt, als Vater aus dem Haus ist, erledigen Mutter und Oma die Hausarbeit und reden über das, was sie bewegt. Eigentlich haben sie nur ein Gesprächsthema.

»Die Kinder sind dumm«, beginnt Mutter die sich täglich wiederholende Unterhaltung.

Die Kinder sind ich und mein Bruder. Ich bin sechs Jahre alt und mein Bruder dreieinhalb. Wir Kinder sind verwirrt, weil wir nicht wissen, wie wir uns gegenüber den drei Erwachsenen verhalten sollen. Alles, was wir tun, ist für sie dumm oder schlecht oder falsch. Meistens alles zusammen.

»Ja, die Kinder sind dumm«, bestätigt ihr Oma.

Oma plappert Mutter immer alles nach. Ich kenne zwar nur ganz wenige Leute. Aber das ist nicht normal. Das habe ich im Gefühl, wie vieles.

»Warum sind denn unsere Kinder so dumm? Die sind doch nicht nach uns geschlagen. Von wem haben sie das denn geerbt?«, fragt Mutter jetzt.

Alle Frauen im Dorf unterhalten sich miteinander nur über Kinder. Genau darüber, welches Kind was von wem geerbt hat. Jedes Kind, das sie kennen, ist ihrer Meinung entweder nach der Mutter, dem Vater oder der Oma oder sonst wem geschlagen. Wenn ein Kind etwas Störendes an sich hat, dann hat es das meistens von einem weitläufigen Verwandten geerbt, der schon lange nicht mehr lebt und über den es auch über dessen Tod hinaus nichts Gutes zu berichten gibt.

Wenn ich groß bin, möchte ich deshalb lieber keine Kinder. So etwas wie die drei einfachen Erwachsenen brauche ich wirklich nicht noch einmal.

»Mama, du bist nach Oma geschlagen«, finde ich.

Für Oma habe ich gerade etwas furchtbar Dummes gesagt und sie protestiert entsprechend: »Sie kann überhaupt nicht nach mir geschlagen sein, weil sie meine Schwiegertochter ist.«

Als ob ich das nicht weiß. Ich will nur ausdrücken, wie ähnlich sie sich trotzdem sind, und kann es in diesem Alter noch nicht besser.

Auch Mutter zieht ein entsetztes Gesicht: »Eva, du bist ja so dumm! Deine Oma und ich haben überhaupt keine gemeinsame Blutlinie.«

»Mama, was ist eine Blutlinie?«

Sie erklärt mir was von Abstammung. Mehr verstehe ich nicht.

Wie sie sich meine Funktion vorstellt, kann sie allerdings auf den Punkt bringen. Wieder erzählt sie: »Unsere Kinder sind zu dumm, um eine höhere Schule besuchen zu können. Sie schaffen nur die Hauptschule. Die Eva ist aber nicht ganz so dumm wie der Armin. Sie geht nach der Hauptschule in die Handelsschule und wird dann Kaufmann.«

Ihr Mann ist nicht irgendein Mann. Er ist Kaufmann. Anders kann es nicht sein. Dieser Beruf ist für Mutter der einzig vernünftige auf der Welt. In einer ihr eigenen einfachen Weise stellt sie bei allem einen Bezug zum Geld her. Sie denkt nicht ans Geld, sondern rechnet alles in seinen Geldwert um.

Wenn ihr Mann, der Kaufmann, von seiner Arbeit nach Hause kommt, unterhalte ich mich immer mit ihm. Diesmal frage ich: »Papa, was hast du denn heute in der Firma gemacht?«

Er antwortet mir lustlos: »Dasselbe wie sonst auch. Aber davon verstehst du noch nichts.«

Ach so, man kann nur erzählt bekommen, was man versteht.

Deshalb frage ich etwas Einfaches, das auch ein Kind versteht: »Papa, mag dein Chef dich?«

Er versteht die Frage nicht: »Ich habe ja zwei Chefs. Den Kurt Knecht und den Peter Knecht, weil beide die Firma von ihrem Vater übernommen haben. Das weißt du doch?«

Sicher weiß ich das. Ich will wissen, ob seine beiden Chefs ihn mögen oder zumindest einer davon.

Mutter findet: »Das Kind ist dumm.«

Ich versuche, mich etwas genauer zu erklären: »Mögen deine zwei Chefs dich?«

Das hilft nicht. Er antwortet mir nur mitleidig lächelnd: »Sie sind nett und gut.«

»Mögen deine zwei Chefs sich gegenseitig?«, frage ich weiter.

»Aber klar doch«, antwortete er mir sichtlich genervt.

Warum das klar ist, muss ich noch wissen: »Warum mögen sie sich denn?«

Oma antwortet mir, als ob es die logischste Sache auf der Welt sei: »Na, weil sie Brüder sind!«

»Ach so«, sage ich kleinlaut und fühle mich ungerecht behandelt. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass sich alle Brüder auto­matisch mögen?

Mutter schimpft: »Was das Kind für Fragen stellt? Ich sage es ja immer: Unsere Kinder sind dumm. Die anderen haben alle gescheitere Kinder.«

Es macht mich traurig, für dumm gehalten zu werden. Ich glaube nämlich nicht, dass ich dumm bin.

Nur dann, wenn Mutter mit ihrem Latein am Ende ist, mischt sich Vater ein. Jetzt sagt er zu mir: »Kusche dich, sonst kommst du ins Internat!«

Schon so lange nerve ich sie mit meinen Fragen und meinem Gerede und ihr fällt nichts dagegen ein. Sie denkt noch nicht einmal darüber nach, was sie tun kann. Noch nicht einmal darüber nachzudenken fällt ihr ein. Doch mein Vater braucht darüber noch nicht einmal nachzudenken, er hat sofort eine Lösung. Männer sind einfach viel schlauer als Frauen. Jetzt schäme ich mich zwar für mein Geschlecht, aber etwas anderes kann das nicht bedeuten.

Wenn ein Mann Frauen die Lösung präsentiert, wissen selbst die, wie es geht: in diesem Fall mich zum Schweigen zu bringen. Jetzt drohen mir auch Mutter und Oma immer mit dem Internat, wenn ich etwas Falsches sage.

Ich verstehe. Wenn du nicht machst, was wir wollen, dann machen wir mit dir, was du nicht willst. Genau das sagen sie. Damit es nicht so gemein klingt, sagen sie es anders, aber so, dass man es verstehen kann. Ich will schließlich nicht weggeschickt werden. So traurig bin ich, weil sie so gemein sind und mir das antun würden.

Ich weiß nicht, was ich tun soll, weil ich nicht weiß, was kuschen heißt. Danach zu fragen, traue ich mich nicht, weil ich damit vielleicht nicht kusche. Sie stecken mich dann vielleicht tatsächlich in ein Internat. Darin wird man nur ganz schlecht behandelt und von bösen Betreuerinnen beschimpft und schikaniert und bekommt nur ganz schlechtes Essen und nur Lumpen zum Anziehen. Das Gebäude ist eine Festung mit ganz dicken Mauern und Eisenstäben vor den Fenstern. Wenn man dann endlich aus dem bösen Ding herauskommt, wird man für den Rest seines Lebens geächtet, weil man darin gewesen ist.

Als ob ich armes trauriges Kind nicht schon genug unter meinen Eltern leide, müssen sie mir noch zeigen, dass ich ihrer Willkür ausgeliefert bin. Ich sehe, wie die anderen Kinder an ihren Eltern hängen. Ich aber empfinde meine nur als Bedrohung. Wem soll ich noch trauen können, wenn ich meinen Eltern nicht trauen kann? Ich habe jetzt vor allen Leuten Angst und will nur erwachsen werden, damit ich nicht den Erwachsenen ausgeliefert bin, weil ich ein Kind bin. Kind zu sein ist wirklich ein erbärmlicher Zustand und die schlimmste Zeit des Lebens. Ich sage kaum noch etwas und achte darauf, was andere von mir wollen, und hoffe, mich dadurch vor einem Internat zu schützen.

Wenn ich erwachsen bin, verlasse ich meine bösen Eltern und ziehe ganz weit weg an einen Ort, an dem ich für sie unerreichbar bin und sie mir noch nicht einmal schreiben können, weil die Briefmarke dorthin ein Vermögen kostet.

Meinem kleinen Bruder drohen sie nicht mit dem Internat. Er redet und fragt nämlich nicht so viel wie ich.

Wenn Mutter etwas über mich und ihn sagt, dann nur etwas Schlechtes. Sehr oft sagt sie zu mir: »Warum bist du denn so dick? Die anderen Kinder im Dorf sind alle nicht so dick.«

Ich verstehe. Die anderen sind alle viel schöner, weil sie schlanker sind als ich. Es geht dabei nur um Schönheit und nicht um Gesundheit, höre ich an ihrem Tonfall. Ich will auch genauso schön sein wie die anderen. Deshalb werde ich später einmal Kosmetikerin. Hunger tut weh, schminken nicht.

Meine Mutter hat zwar etwas anderes mit mir vor. Dazu hätte sie mir aber nicht verraten dürfen, auf was es im Leben einer Frau ankommt: auf gutes Aussehen nämlich.

Eines Tages höre ich, wie Vater zu ihr sagt: »Die zwei Knechte Brüder! Kurt ist sehr geschäftstüchtig. Sein Bruder ist ihm ein Gräuel, weil der alles ganz locker nimmt. Kurt kann ihn weder umkrempeln noch hinauswerfen und überlässt ihm auch nicht die alleinige Firmenführung. Er hält ihn nämlich für unfähig.«

Ich mische mich ein: »Dann mögen sie sich aber nicht!«

Vater schaut mich streng an: »Eva, kusche dich, sonst kommst du ins Internat. Davon verstehst du nichts.«

Jeden Werktag fährt er mit seinem Moped zur Arbeit zu den zwei Brüdern und kommt immer abends zurück. Eines Tages sehe ich ihn mittags zurückkommen. Nicht mit seinem Moped, sondern aus einem Auto steigen.

»Mama, Papa kommt von der Arbeit! Papa kommt!«, rufe ich.

Sie glaubt das nicht: »Kind, du bist so dumm. Der Papa kommt erst am Abend.«

»Aber Papa kommt jetzt«, betone ich noch einmal.

Darauf hört auch sie Geräusche.

Vater ist tatsächlich sehr fertig. Er steht in der Wohnung und stammelt vor sich hin: »Blut, Blut, alles voller Blut. Der ganze Bürgersteig, die ganze Straße.«

Mutter und Oma schauen ihn nur an und trauen sich nicht zu fragen, was passiert ist. Er jedenfalls ist völlig heil und keinesfalls voller Blut.

Wie ein Roboter sagt er: »Peter Knecht ist tot. Sein Bruder hat ihn erschossen. Ich muss mich hinlegen.«

Mein Vater und ganz viele Leute sind davon völlig mitgenommen. Mich verwirrt es nur. Alle Brüder würden sich mögen, haben die drei Erwachsenen behauptet. Das kann aber nicht stimmen, wenn so etwas passieren kann.

Wieder einmal versuche ich mir die Welt zu erklären und frage deshalb: »Papa, warum hat denn dein einer Chef den anderen Chef umgebracht? Hat er seinen Bruder doch nicht gemocht?«

Er antwortet mir, wie er jedem antwortet, der ihn danach fragt: »Ich weiß es nicht.«

Als er sich etwas davon erholt hat, erzählt er uns, wie sich das zugetragen hat: »Es ist kurz vor Dienstbeginn gewesen. Wir haben auf einen der Chefs gewartet, um die Firma betreten zu können. Sie sind dann beide gleichzeitig angekommen und aufeinander zugegangen. Unmittelbar vor dem armen Peter hat Kurt eine Pistole gezogen und seinem Bruder in den Kopf geschossen. Peter Knecht ist sofort umgefallen. Blut ist wie eine Fontäne aus seinem Kopf gespritzt. Viel davon auf Kurt, und der hat regungslos dagestanden. Diesen Anblick vergesse ich nie. Als Peter tot auf dem Boden gelegen hat, ist immer noch ganz viel Blut aus seinem Kopf geströmt. Ständig denke ich an diese riesige Blutlache und wie sich das Blut über den Bürgersteig und die Straße verteilt hat.«

Stumm verdauen wir diese Schilderung.

Vater sieht uns eindringlich an und es hört sich furchtbar schlau an, als er bekennt: »Ich habe gar nicht gewusst, dass ein Mensch so viel Blut im Körper hat.«

Woher denn auch? Er ist schließlich Kaufmann und kein Doktor.

Von Beruf ist er zwar Kaufmann, aber er hat jetzt keine Arbeit mehr und versteht alles nicht. Dabei ist das alles ganz einfach. Sein einer Chef ist tot und sein anderer im Gefängnis. Dorthin kommen Erwachsene, wenn sie eine Straftat begangen haben. Aber Eltern können ihre Kinder einfach so, weil sie sie böse finden, in ein Gefängnis für Kinder bringen, wo sie bleiben, bis sie erwachsen sind. Das ist viel schlimmer als ein Erwachsenengefängnis und heißt Internat. Weil es keinen Chef mehr gibt, ist die Firma zu und mein Vater ist zu Hause. Was eine Blutlinie ist, weiß ich jetzt auch. Das ist, wenn eine Linie aus Blut über den Asphalt fließt.

Kapitel 2

Homo sapiens

Vater hat unser schönes großes Haus fertig gebaut. Wir wohnen jetzt darin. Ich, mein kleiner Bruder und unsere Eltern wohnen unten. Oma wohnt einen Stock höher. Ganz oben haben wir vermietet. Vaters Elternhaus haben wir auch vermietet. Vater hat sich selbstständig gemacht und sich nun sein eigenes Büro im Haus eingerichtet, so braucht er auch nicht mehr zur Arbeit zu gehen. Die Leute im Dorf sind alle neidisch auf ihn, weil er so ein großes Haus gebaut und ein Geschäft aufgezogen hat. Was auch immer sie über ihn denken, er hat es für uns, seine Familie, getan. Sie sollen lieber auf Mutter neidisch sein, denn die hat sich einen richtig dicken Goldfisch an Land gezogen.

Von einer Firma kauft Vater etwas auf, bearbeitet es manchmal, und verkauft es an eine andere Firma weiter. Wo er etwas herbekommt und wo er es verkaufen kann, weiß er aus seiner Lehr- und späteren Arbeitszeit bei der Firma Knecht. Sein Moped steht jetzt meistens ungenutzt im Keller. Als Geschäftsmann hat er sich nämlich ein Auto zugelegt. Den Führerschein dafür hat er schon gehabt. Mutter nimmt gerade Fahrstunden. Sie braucht viel mehr, als Vater damals gebraucht hat. Angeblich, weil sich die Zeiten geändert haben und die Anforderungen viel schwerer geworden sind. Aber ich bin doch nicht blöd. Frauen stellen sich beim Auto fahren einfach viel blöder an als Männer. Nur sagen darf man das nicht. Vaters Geschäft läuft zum Glück gut und so kann er sich ihre vielen Fahrstunden leisten.

»Wenn man Kaufmann ist, kann man sich auch selbstständig machen«, sagt Mutter. Aber selbst wenn sie Kaufmann gelernt hätte, hätte sie nie eine solche Existenz aufbauen können wie Vater.

Es ist jetzt Sommer 1970 – ein ganz besonderer für mich. Ich komme zur Schule. Mutter hat mich hingebracht und macht gerade ein Foto von mir mit meiner Schultüte in der Hand.

Am ersten Tag im Klassenraum bin ich geschockt. Meine Lehrerin sieht nämlich wie eine Hexe aus. Das ist die Frau Wasserski. Eigentlich heißt sie Wasinski. Wir Kinder können diesen Namen noch nicht aussprechen und sagen deshalb »Frau Wasserski«. Sie ist hager und ihr Teint ist wie von Wind und Wetter gegerbt. Ihre Gesichtszüge sind eher männlich als weiblich. Auf ihrem Kopf thront knallrotes hochgestecktes Haar. Dieses Rot passt einfach nicht zu ihrer gelblich-braunen Gesichtsfarbe. Im ganzen Dorf sieht keine Frau komischer aus. Ich persönlich gucke sie immer nur an, so fasziniert bin ich von ihrer Hässlichkeit.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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