Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Fremdsprachen Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

Über kurz oder lang E-Book

Marie-Aude Murail

4.54545454545455 (22)
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E-Book-Beschreibung Über kurz oder lang - Marie-Aude Murail

Der neue großartige Roman von Marie-Aude MurailUm seinen karrierebewussten Vater zu schockieren, entscheidet sich der vierzehnjährige Louis für ein Schülerpraktikum bei der Friseurin seiner Oma: sieben Tage Haare zusammenfegen im »Salon Marielou«.Es ist ein besonderes Talent von Marie-Aude Murail, im Sonderbaren das Wunderbare zu entdecken und festzuhalten. Mit ihrem umwerfenden Humor, mit viel Sympathie und Herzenswärme erzählt sie von den skurrilen Figuren und dem prallen Leben in einem französischen Friseursalon, in dessen Mitte Louis seine Begabung entdeckt…

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E-Book-Leseprobe Über kurz oder lang - Marie-Aude Murail

Marie-Aude Murail

Über kurz oder lang

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel

Fischer e-books

Gewidmet all jenen, die aus mir einen Kurzhaarschnitt mit hellen Strähnchen über dunklerem Grundton gemacht haben

Das ist ein abgedroschnes Lied, aber für mich ein super Lied

Alain Souchon

1Das Praktikum

»Ein Praktikum!«, rief Monsieur Feyrières. »Was sind das denn schon wieder für Erfindungen? Die Kinder können keine drei korrekten Sätze aneinanderreihen, aber müssen ein Praktikum machen. Und überhaupt: Was für ein Praktikum?«

Er wandte sich seinem Sohn am anderen Ende des Tisches zu.

»Weiß ich doch nicht«, brummelte Louis. »Is’ unser Problem, hat die Lehrerin gemeint.«

»›Is’ unser Problem‹«, äffte sein Vater ihn nach. »Geh zu den Straßenkehrern, da werden sie dich nehmen. Nein, nicht Straßenkehrer, heute heißt das ja bestimmt Pfleger des öffentlichen Raumes.«

Monsieur Feyrières lachte höhnisch. Er selbst war Chirurg. Ein stattlicher Mann mit kräftiger Stimme, der schon ganz allein das Esszimmer ausfüllte. Und doch saßen da noch vier weitere Personen am Tisch: Floriane, sieben, Louis, vierzehn, Madame Feyrières sowie Großmama.

»Wenn es nur um eine Woche geht, könnte ich vielleicht etwas für ihn auftreiben«, sagte diese.

Monsieur Feyrières setzte seiner Schwiegermutter gegenüber eine Grimasse auf, die ein ermutigendes Lächeln sein sollte.

»Meine Friseurin nimmt Lehrlinge«, fuhr Großmama fort. »Ein Praktikant ist doch im Grunde auch nichts anderes.«

Monsieur Feyrières riss die Augen auf.

»Ein Friseurpraktikum? Für Louis?«

»Oh jaa! Super!«, flüsterte Floriane. »Ich will Friseurin werden, wenn ich groß bin.«

Madame Feyrières warf ihrer Jüngsten, die ihren schulfreien Mittwoch damit verbrachte, ihre Rapunzel-Barbie zu frisieren, einen nachsichtigen Blick zu. Dann wandte sie sich an ihre Mutter.

»Weißt du, Mama, ich weiß nicht recht, was Louis in einem Friseursalon tun sollte.«

»Kein Beruf ist schlechter als der andere«, erwiderte Großmama, die mit sechzehn im Backgewerbe angefangen hatte.

»Das wäre doch phantastisch«, schnaubte Monsieur Feyrières und tat, als bewundere er ein Ladenschild auf der gegenüberliegenden Wand: »LOUIS, Damenfriseur.«

Aber da niemandem eine andere Idee für ein Praktikum einfiel, versprach Großmama, mit Marielou darüber zu sprechen, der Chefin des Friseursalons.

»Ist dir das auch nicht unangenehm?«, fragte Madame Feyrières besorgt.

»Mir egal«, knurrte Louis.

 

Als sie im Schlafzimmer waren, fürchtete Madame Feyrières einen Wutanfall ihres Mannes. Bestimmt würde er sich über die verrückten Ideen von Großmama beklagen.

»Im Grunde ist so ein Praktikum keine schlechte Sache«, sagte er, während er sich seiner Krawatte entledigte. »Louis wird lernen, was Arbeit bedeutet, er wird fegen, aufräumen, stundenlang stehen. Ich mach dir keine Vorwürfe, Véra, aber du verwöhnst den Jungen zu sehr. Es wird Zeit, dass er die Realität kennenlernt!«

Monsieur Feyrières redete laut und mit weit ausholenden Gesten, als wäre er umringt von seinen Studenten.

»Eine handwerkliche Arbeit hat auch ihre Tugenden«, bemerkte seine Frau mit leiser Stimme.

Monsieur Feyrières warf ihr einen mitleidigen Blick zu: »Ja, nämlich die große Tugend, dass man begreift, wie wichtig es ist, etwas für seine Schulbildung zu tun.«

 

An eben diese Schulbildung dachte Louis in seinem Zimmer. Er kam in Mathe kaum mit, begriff nicht, was die Französischlehrerin eigentlich von ihm wollte, schlief im Deutschunterricht ein. Von Zeit zu Zeit gab er sich einen Ruck, ein bisschen aus Selbstachtung, ein bisschen, weil er Angst vor seinem Vater hatte. Er verstaute die Hausaufgaben und Kopien in den Tiefen seines Rucksacks. Dann versank er wieder in einem Sumpf aus Träumen und unklaren Gedanken.

 

Der Tag war noch nicht richtig angebrochen, als Louis sich am nächsten Morgen zur Schule aufmachte. Er hatte Lust, einen Umweg durch die Fußgängerzone zu gehen. Großmamas Friseur, der Salon Marielou, lag in der Rue de la Cerche, gegenüber einer Bäckerei. Als er vor dem Schaufenster vorbeikam, ging Louis langsamer. 9.00 bis 20.00 Uhr stand als Öffnungszeit am Eingang, aber im Inneren blinkte bereits ein blasses Neonlicht. Eine Frau in Pantoffeln wischte mit einem Lappen den Fliesenboden. Sie richtete sich auf, eine Hand im Rücken, und blickte auf die Straße hinaus. Louis sah, dass sie ihn gesehen hatte. Er wurde rot und verdrückte sich. Diese von der Erschöpfung überwältigte Frau verfolgte ihn den ganzen Vormittag. War sie Marielou, die Besitzerin des Friseursalons?

»Ich hab einen Praktikumsplatz bei Radio Vibrations gefunden«, erzählte Ludovic stolz in der Schulkantine. »Der Moderator ist endcool, du kannst die Stars sehen und so. Letzte Woche hatten sie L5 im Studio.«

Der Vater von Ludovic Janson war Anästhesist und arbeitete häufig mit Monsieur Feyrières zusammen. Dieser hatte daher beschlossen, dass Louis und Ludovic Freunde sein sollten und dass Floriane und Melissa, die beiden jüngeren Schwestern, sich vergöttern würden. Durch einen glücklichen Zufall waren Ludovic und Louis (wie ähnlich doch schon ihre Vornamen waren!) dieses Jahr in dieselbe neunte Klasse gekommen.

»Was machst du als Praktikum?«

Louis sah seinen Klassenkameraden an und knackte mit den Fingern.

Er begriff immer noch nicht, warum Ludovic sich im Unterricht neben ihn und in der Kantine ihm gegenübersetzte. Manchmal hatte er das Bedürfnis, ihm zu sagen: Ach, übrigens, weißt du was? Du bist mir scheißegal.

»Mir scheißegal«, knurrte Louis.

Und er entlockte seinen Fingergelenken ein klangvolles Knacken.

»Ja, aber was sagst du dann der Französischlehrerin?«

Ludovic war ein guter, leicht gestresster Schüler.

»Ich mach ein Praktikum in einem Friseursalon«, erklärte Louis, um die Wirkung zu testen.

»Willst du mich verarschen?«

Louis dachte ja und antwortete:

»Nein.«

»Hast du keine Angst? Friseure sind doch alle schubidubidu …«

Ludovic setzte ein feminines Gesicht auf und schlenkerte mit dem Handgelenk.

»Täuschend echt«, gratulierte Louis. »Aber im Salon Marielou gibt’s nur Friseurinnen.«

In Gedanken sah er wieder die Frau mit dem Scheuerlappen vor sich.

»Da ist eine, eine Blondine, wenn die sich zum Haarewaschen vorbeugt, siehst du alles.«

Ludovic war für den Rest des Tages sprachlos.

 

Als Louis um sechs Uhr abends aus der Schule kam, legte der Tag sich bereits wieder in ein schönes kleines Federbett aus Nebel. Hier und da leuchteten die Schaufenster der Geschäfte auf übernatürliche Weise aus der Ferne und drangen durch das Halbdunkel. Erneut fühlte Louis sich vom Salon Marielou angezogen. Er blieb einen Moment auf dem Bürgersteig stehen. Es war nicht mehr derselbe Ort. Der Salon war in goldenes Licht getaucht, das aus muschelförmigen Schalen drang. Inmitten von Shampoos, Pflegeshampoos und Volumenshampoos thronte an der Kasse die echte Madame Marielou, eine etwas kräftige Dame, die geschminkt war wie ein Farbkasten. Sie unterhielt sich mit einer Kundin und hatte ihr vertrauensvoll die mollige Hand auf den Arm gelegt. Sie wirkten, als wären sie seit Jahren befreundet. Die Kundin verließ den Laden, verfolgt von dem zärtlichen Lächeln der Chefin, die sich dann einer anderen Dame zuwandte, die gerade ihr Scheckheft hervorzog. Louis begriff, dass Madame Marielou sie genauso lieben würde wie die vorangegangene, und er tauchte mit dem Blick tiefer ins Innere des Salons ein.

Drei Frauen saßen in einer Reihe unter Haartrocknern und blätterten die Klatschpresse durch, um zu erfahren, ob der Mann von Prinzessin Caroline wirklich ein Schläger war (bisher noch ungeklärt), wie viel die Suite für Boris Beckers Hochzeit kostete (2842 Euro pro Nacht) und was es mit dem Krankenhausaufenthalt von Penélope Cruz auf sich hatte (offenbar eine Bandscheiben-Operation, wir hoffen das Beste für den Star).

Ein nicht gerade großer junger Mann in weißem Hemd mit sehr weit geöffnetem Kragen wirbelte um eine alte Dame herum, ein bisschen Frisieren hier, ein bisschen Psschhht Haarlack dort, »Jetzt den Spiegel, den Spiegel bitte!« Er rief nach einem Mädchen in weißem Kittel, die mit einem runden Spiegel herbeigelaufen kam, damit die Kundin ihre Frisur aus allen Blickwinkeln bewundern konnte.

Der Friseursalon verfügte über ein Zwischengeschoss. Während Louis sich den Hals verrenkte, um die obere Etage zu sehen, glaubte er, die Blondine, die er ausschließlich für Ludovic erfunden hatte, würde Gestalt annehmen. Auf Stilettoabsätzen, so spitz, wie man sie nur sehr spät auf verschlüsselten Sendern sieht, stiefelte sie die Treppe herunter. Ein weißes T-Shirt mit einem Salon-Marielou-Schriftzug brachte ihren Oberkörper zur Geltung, und ihre herrlichen Brüste bahnten ihr wie die Galionsfigur eines Schiffes den Weg. Louis verspürte das Bedürfnis, den Kopf zwischen ihnen zu vergraben, und er streckte die Stirn vor. Doing! Er stieß ans Schaufenster. Hart, wenn man die Realität kennenlernt.

 

Zu Hause sah er seine kleine Schwester im Wohnzimmer. Sie spielte mit ihren Barbies, während sie im Fernsehen Charmed sah. Louis setzte sich auf den Teppich und begann, Rapunzel zu bearbeiten. Er merkte, dass ihre langen blonden Haare sich verknotet hatten, und fing an, sie mit der Bürste, die immer auf dem Sofa lag, auszubürsten.

»Bist du zurück, Louis?«, rief plötzlich die Stimme seiner Mutter.

Der Junge warf die Puppe beiseite. Strahlend trat Madame Feyrières ins Wohnzimmer.

»Ich habe eine gute Nachricht wegen deines Praktikums. Ich habe mit Nadine gesprochen.«

Nadine Janson, die Mutter von Ludovic und Melissa. Besorgt runzelte Louis die Stirn.

»Sie kennt jemanden, der bei Radio Vibrations arbeitet und Praktikanten nimmt.«

»Na und?«, brummte Louis, unfähig, mehr herauszubringen.

»Aber, das ist doch … cool, oder?«, stammelte seine Mutter. »Ludovic ist dann auch dort.«

Die Wut entzündete ein kurzes Feuer in Louis’ Augen. »Ich will nicht.«

»Du willst nicht?«, wiederholte Madame Feyrières und schien nichts zu begreifen.

»Der ist blöd.«

Madame Feyrières schlug erschrocken die Hände zusammen.

»Ludovic? Aber er ist doch ein guter Schüler!«

»Na und?«

Floriane, die dem Gespräch sehr interessiert folgte, hielt es für klug, zu Hilfe zu eilen.

»Bei mir ist es auch so. Ich finde, Melissa ist blöd.«

»Melissa?«

Madame Feyrières rang nach Luft.

»Aber sie ist doch ein reizendes kleines Mädchen.«

»Ja, reizend schon«, räumte Floriane ein, »aber sie ist blöd.«

Louis musste lachen. Dann sah er, dass seine Mutter ganz hilflos war. Sie hatte es ihm doch nur recht machen wollen.

»Keine Sorge«, sagte er. »Ich mach das Ding von Großmama.«

»Was für ein Ding?«

»Na, das mit dem Friseur«, brummelte er.

Er spürte, dass er ganz rot wurde, und drehte seiner Mutter den Rücken zu, während er mit den Fingern knackte.

 

Großmama machte für Donnerstag einen Termin mit Madame Marielou aus.

»An dem Tag ist bei ihr wenig los«, erklärte sie ihrem Enkel.

»Aber hat sie gesagt, sie wäre einverstanden?«

»Zunächst will sie dich sehen. Du hättest deine Schuhe putzen können.«

Louis fiel ein, dass er sein Sweatshirt mit den Nutellaflecken nicht gewechselt hatte. Die Nervosität seiner Großmutter griff auf ihn über, umso mehr als Großmama ihm schließlich gestanden hatte, sie sei erst seit kurzem Kundin in diesem Salon.

 

An diesem Donnerstagvormittag herrschte im Salon Marielou andächtige Stille. Die Auszubildende hatte ein Micky-Maus-Heft vor sich, das ein junger Kunde vergessen hatte, und verband alle Zahlen einer Zeichnung durch Linien. Die schöne Blondine trug mit angehaltenem Atem die zweite Schicht perlmuttfarbenen Nagellack auf. Madame Marielou hatte die Brille weit vorn auf der Nasenspitze und setzte sich mit den Mysterien der Mehrwertsteuer in ihrem Rechnungsbuch auseinander, während der kleine Friseur den Bürstenschnitt eines alten Herrn beendete, den alle den Oberst nannten. Madame Marielou bedachte Großmama mit einem Lächeln, das viel über die Freundschaft verriet, die sie ihr gegenüber hegte.

»Das ist mein Enkel«, sagte Großmama und deutete auf Louis. »Wissen Sie, wegen des Praktikums …«

»Ach? Ach so, ja.«

Das Lächeln wurde schmaler. Die Chefin starrte Louis an, und dessen Wangen begannen zu glühen.

»Hat er die Formulare von der Schule, die ich unterschreiben muss?«, fragte sie.

»Ja, Madame«, antwortete Louis und versuchte dabei, seine Stimme so tief wie möglich klingen zu lassen.

»Hat er ein weißes Hemd?«

Ein wenig irritiert von dieser Befragung in der dritten Person wiederholte Louis »Ja, Madame«.

»Haben Sie keine Hemmungen, ihn tüchtig arbeiten zu lassen«, bemerkte Großmama.

Da näherte sich der kleine Friseur dem Ladentisch und flüsterte der Chefin ins Ohr:

»Waschen und Schneiden für den Oberst.«

»Danke, Fifi. Hatte er Garderobe?«, fragte Marielou.

»Garance kümmert sich«, antwortete Fifi.

Louis’ Augen waren während des Dialogs von einem zur anderen gewandert. Fifi, Garance, der Oberst – wurde da ein Film gedreht?

»Wann will er anfangen?«, fragte die Chefin, die sich erneut für Louis interessierte.

»Das Praktikum geht vom Montag, den 20., bis Freitag, den 24.«

»Gut. Also, ein weißes Hemd, saubere Haare. Wir machen um neun Uhr auf. Aber montags ist geschlossen. Wir verschieben alles auf Dienstag bis Samstag.«

Auf dem Rückweg fasste Großmama ihre Eindrücke zusammen:

»Ihr Mann hat sicher nicht viel zu lachen.«

Louis fragte sich, ob er sich nicht noch nach Radio Vibrations sehnen würde.

2Dienstag, der 21.

Am Freitag und auch am Samstag ging Louis am Salon Marielou vorbei. Jedes Mal suchte er Fifi mit dem Blick und musterte ihn eingehend. Schwarze, sehr enge Hose, Lederschuhe mit Ferseneinlage (Fifi wollte sich größer machen), ein etwas aufgebauschtes Hemd, ein Gliederarmband mit Namensplakette am Handgelenk. Ein paar Schritte weiter betrachtete Louis sich in einem Schaufenster. Parka, Jeans, Turnschuhe. Das ging nicht. Wut stieg in ihm hoch, eine Wut ohne Worte.

Am Montag war Louis allein zu Hause. Er nutzte die Gelegenheit, um im Kleiderschrank seines Vaters zu suchen. Monsieur Feyrières war nicht sehr groß, und sein Sohn war in letzter Zeit ordentlich gewachsen. Louis probierte ein weißes Hemd an und musste feststellen, dass er noch nicht die breiten Schultern seines Vaters hatte. Aber wenn man es ein bisschen offen ließ? Er öffnete den Kragen, einen Knopf, zwei, dann steckte er die Hände in die Gesäßtaschen.

»So ungefähr«, sagte er zu seinem Spiegelbild.

Er verzichtete auf die Bundfaltenhose und wählte aus seinen eigenen Klamotten eine gut gebügelte Jeans. Er sah sich ein zweites Mal prüfend im Spiegel an.

»Passt schon.«

Blieb das heikle Problem mit den Schuhen. Louis sah keinen anderen Weg, als die hundert Euro von Großmama anzureißen. Wer hätte sich zwei Wochen zuvor vorstellen können, dass er das Geburtstagsgeld dazu verwenden würde, sich Erwachsenenschuhe zu kaufen? Denn genau das tat er. Im Bad konnte er sich endlich von Kopf bis Fuß bewundern.

»Bist du verliebt?«, fragte leise eine Stimme in seinem Rücken.

Floriane verschlang ihn mit Blicken. Louis legte einen Finger auf die Lippen. Sein Herz war top secret. Nicht einmal er selbst hatte Zugang dazu.

 

Am Dienstag war er zu früh dran. Im noch nicht ganz wachen Neonlicht putzte die Putzfrau träge die Spiegel. Louis stand eine Weile mit hochgezogenen Schultern im Nieselregen und stampfte mit den Füßen. Dann merkte er, dass das Leder seiner Schuhe seinen Glanz verlor. Erneut empfand er diese stumme Wut gegen sich, rannte los und suchte unter dem Vordach der Bäckerei Zuflucht. Unabsichtlich rempelte er jemanden an, der dort bereits stand.

»Also, wirklich …!«, protestierte eine junge Frau, die in einem Regenmantel schlotterte.

»’tschuldigung.«

Er warf ihr von der Seite einen Blick zu. Es war die schöne Blondine, aber nicht wiederzuerkennen. Die Haare eilig zu einem Knoten verschlungen, das Gesicht ungeschminkt und mit roten Augen, sie schniefte und hielt sich selbst in den Armen. Louis war zugleich bekümmert und enttäuscht. Sie wirkte wie die Statue einer Göttin, die ein paar Rowdys zu Boden geworfen hatten.

»Ahhh!«, rief die junge Frau, als es im Friseursalon hell wurde.

Sie stöckelte auf ihren zu hohen Absätzen los. Louis folgte ihr kurz darauf. Als er die Tür zum Salon öffnete, bekam er einen kurzen Schock. Tadellos geschminkt, saß Madame Marielou bereits da. Dabei hatte Louis sie nicht hineingehen sehen. Sie schien sich plötzlich hinter ihrem Ladentisch materialisiert zu haben.

»Haben Sie einen Termin?«

Sie hatte Louis vergessen.

»Nein, ich komme wegen … also … wegen dem Praktikum«, stammelte er, während er um sich blickte und nach der Unterstützung seiner Großmutter suchte.

»Das Praktikum? Ach, ja, das Praktikum … Mein Gott«, seufzte Madame Marielou. »Gut, machen Sie hier nicht alles nass. Hängen Sie Ihre Sachen an die Garderobe.«

»Ja, Madame.«

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Louis das Gefühl, für sich verantwortlich zu sein. Er hängte seinen Parka über einen Bügel, dann prüfte er seine Erscheinung in einem der Spiegel.

»Guten Tag, zusammen!«, rief eine fröhlich-hohe Stimme.

»Guten Tag, Fifi. Wenn es Sie nicht stört, wäre heute der kleine Praktikant zu beschäftigen.«

Louis fühlte sich als Klotz am Bein. Aber Fifi lächelte ihm zu.

»Ich bring Ihnen bei, wie man Kaffee kocht«, flüsterte er ihm vertraulich zu.

Der wurde den Kundinnen angeboten, um die Wartezeit zu überbrücken.

»Oder Tee, wenn sie den lieber möchten. Dort liegen die Teebeutel. Vanille oder Earl Grey. Und Sie könnten auch ein bisschen den Salon fegen, nicht? Besprechen Sie das mit Garance?«

Er sprach sehr höflich mit vielen kleinen zierlichen Gesten. Louis vermied es, ihn direkt anzusehen. Fifi war nicht sehr schön und versuchte, eine höchst schmerzlich anzusehende Akne mit Make-up zu kaschieren. Aber er war von unerschütterlicher Liebenswürdigkeit.

»Sind Sie so nett und bringen Clara eine Tasse Kaffee aufs Zwischengeschoss?«

»Ja, Monsieur.«

»Oh, Sie können mich Fifi nennen.«

»Heißen Sie so?«, fragte Louis erstaunt und dachte an einen kleinen Hund.

Die Naivität des Jungen brachte den jungen Friseur zum Lachen.

»Nein, Philippe.«

Louis ärgerte sich über seine eigene Dummheit. Er nahm die Tasse Kaffee und ging nach oben.

»Guten Tag, Mademoiselle. Ihr Kaffee.«

Ohng, kam als Antwort.

Zu Claras Entlastung war zu sagen, dass sie gerade ihren Lipgloss auftrug. Louis starrte sie mit offenem Mund an. Clara hatte sich völlig verwandelt. Aus einem komplizierten Knoten drängten sich ein paar widerspenstige Locken, und ihr Teint hatte die Zartheit von Porzellan angenommen. Wer hätte geglaubt, dass dieselbe junge Frau noch wenige Minuten zuvor unter dem Vordach der Bäckerei geschluchzt hatte? Nur der trübe Hintergrund ihrer Augen verriet sie noch ein bisschen. Sie starrte Louis im Spiegel an.

»Hast du noch nie ein Mädchen gesehen?«

Louis beeilte sich, zu Fifi im Erdgeschoss zurückzugehen.

»Guten Tag, Madame Rémy. Was ist das nur für ein Wetter!«

Mit diesen Worten empfing die Chefin eine dicke keuchende Dame mit kurzen Beinen.

»Gleich nimmt Ihnen jemand den Schirm ab. Garance! Ach, nein, die ist noch nicht da. Louis, mein Kleiner …«

Louis riss verstört die Augen auf.

»Den Schirm von Madame Rémy. Und ihren Mantel. Und holen Sie einen Umhang.«

Rasch drang Befehl auf Befehl aus dem Mund der Chefin.

»Haben Sie einen zweiten Lehrling genommen?«, erkundigte sich Madame Rémy.

Madame Marielou zögerte nur eine halbe Sekunde.

»Äh, ja.«

Diese Praktikumsgeschichte ermüdete sie. Lehrling war das Gleiche. Mit bepackten Armen bewegte Louis sich Richtung Garderobe. Auf dem Weg warf er Fifi einen ängstlichen Blick zu.

Einen Umhang, artikulierte der junge Friseur stumm.

Sie hingen in der Garderobe. Louis nahm den erstbesten, der ihm in die Hände fiel, rosafarben mit kleinen Entlein. Er kam zu Madame Rémy zurück und hielt ihn ihr hin. Sie lachte laut.

»Also wirklich, Louis«, schimpfte Madame Marielou, »der ist doch für Kinder.«

Dann fing sie auch an zu lachen, so lächerlich war der kleine Umhang, der vor der Nase der dicken Madame Rémy baumelte. Louis war nicht bereit, ebenfalls zu lachen. Er war verärgert.

»Jetzt holen Sie doch schnell einen anderen«, schalt ihn Madame Marielou. »Ich kann Ihnen sagen, die sind heutzutage wirklich nicht sehr pfiffig.«

Louis hätte am liebsten Das sag ich Großmama gerufen, als er zur Garderobe zurückkehrte. Aber er riss sich zusammen, schnappte sich einen Umhang in der richtigen Größe und legte ihn Madame Rémy um.

»Möchten Sie eine Tasse Kaffee?«, fragte er und ahmte dabei Fifis vertraulichen Ton nach.

»Einen Tee, bitte.«

Eine weitere Dame streckte den Kopf zur Tür herein.

»Könnte ich kurz frisiert werden?«

»Aber natürlich, Mademoiselle Rapoport. Clara? Louis, holen Sie Clara.«

Der unglückliche Louis hatte gerade die Earl-Grey-Beutel gefunden. Er lief ins Zwischengeschoss hinauf.

»Eine Kundin für Sie!«, rief er.

Dann stürzte er die Treppe hinunter.

»Garderobe für Mademoiselle Rapoport, Louis.«

»Ja, Madame.«

Die Ladenglocke bimmelte erneut.

»Hätten Sie kurz Zeit für mich?«, erkundigte sich eine Dame.

»Nur ein Refresher?«, fragte Madame Marielou.

Louis wollte sich der Situation gewachsen zeigen:

»Ein Wasser oder einen Eistee?«

Allgemeines Gelächter. Fifi hatte Mitleid mit Louis und erklärte ihm, es handele sich darum, die Tönung »aufzufrischen«. Diesmal kam Louis auf die gute Idee, über sich selbst zu lachen.

»Kommen Sie zum Waschbecken, Madame Rémy?«, fragte Fifi. »Ich nehme Sie sofort dran, Madame. Louis, die Garderobe.«

Es herrschte wilder Trubel. Garance wurde vermisst und alle Welt schien an diesem Dienstagvormittag dringend die Dienste des Salon Marielou zu benötigen. Louis wurde rasch souverän. Tee, Kaffee, Garderobe.

»Kannst du fegen?«, bat ihn Clara nach einem Schnitt.

Sie war die Einzige, die ihn duzte.

Endlich betrat Garance mit verängstigtem Gesicht den Salon.

»’tschuldigung«, sagte sie und brach fast auf dem Ladentisch zusammen. »Is’ aber nich’ meine Schuld. Die Straßenbahn. Die fuhr heut nicht.«

»Also, Garance, red doch keinen Unfug«, tadelte Madame Marielou sie leise.

Ihre Augen schleuderten Blitze.

»Auf diese Weise schaffst du die Gesellenprüfung nie. Die werden auf der Schule von mir hören.«