Über Medien, Krieg und Terror (Telepolis) - Georg Meggle - E-Book

Über Medien, Krieg und Terror (Telepolis) E-Book

Georg Meggle

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Beschreibung

Wie kommt es, dass für das unbezahlte Mitnehmen eines Brötchens, das ohnehin entsorgt würde, eine Verkäuferin bestraft wird, aber im politischen Bereich tätige Persönlichkeiten, die für den Tod von Hunderttausenden verantwortlich sind, für ihr Tun – wie z.B. im Fall Henry Kissinger – sogar mit dem Friedensnobelpreis belohnt werden? Warum interessieren sich, während im Jemen durch den Einsatz unserer Waffen Millionen vom Hungertod bedroht werden, viele von uns lieber dafür, ob für ihren Hund vegane Ernährung bekömmlich sei? Wie kommt es, dass wir, sobald vom Terrorismus die Rede ist, sofort an "militante Palästinenser" und andere "Islamisten" denken, aber so gut wie nie an Hiroshima, die "christliche" Falange oder Falludscha? Was ist das für eine Welt?Das sind politische Fragen.Wer echte politische Fragen aufwirft, macht sich – speziell im eigenen Lager – unweigerlich Feinde. Je tiefer die Fragen gehen, desto mehr. Kein Wunder also: Mit den hier zusammengestellten Politischen Reflexionen hat sich der Autor sehr viel Feinde gemacht.Meggles philosophischer Arbeitsschwerpunkt sind die Logiken der Kommunikation und der sprachlichen Bedeutung. Sein Kernsatz: "Sprache ist unser wichtigstes Denk- und Macht-Instrument." Die Regulierung unserer politischen Sprache ist der bedeutsamste Faktor dessen, was heute unter Psychologischer Kriegsführung (Psy-Ops u.a.) läuft. Ein wichtiger Teil dieser Politischen Reflexionen ist der Dechiffrierung dieser politischen Sprachregelungen gewidmet.Auch politische Begriffe sind keine Naturprodukte, vielmehr wie alles Sprachliche etwas Konventionales, also auch durch mediale Dauerberieselung Herstell- und Veränderbares. Darauf beruht die ganze Macht unserer Medien, dem wichtigsten Instrument der gängigen semantischen Kriegsführung. Wie lässt sich diese Macht brechen? Mit Sokrates: Durch angstfreies Nachfragen! Oder, wie es bei Kant heißt: Durch den öffentlichen Gebrauch der eigenen Vernunft. Beispiele? Die Beiträge in diesem Band.

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In memoriamGeorg Meggle (1900-1963)

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Schwierigkeiten der Medien mit der Philosophie

Kollektive Identität - in Zeiten des Umbruchs

Soll die Türkei in die EU?

Was gehen uns die Armenier an?

Deutschland/Israel/Palästina

Was steckt hinter dem Libanonkrieg?

Militärische Macht oder Internationales Recht?

Jüdisches Gaza-Boot

Wer ist Antisemit?

Nachtrag zur Definition des Antisemitismus

Was ist Terrorismus?

Gerechter Terror?

Unser Terrorismus-Tabu

Gedanken zum Irak-Krieg

Bomben auf den Iran?

Nasrallahs Abrechnung mit den Saudis

Warum Krieg gegen den Jemen jetzt?

Der wahre Grund des Jemen-Kriegs?

Vorwort

Wie kommt es, dass für das unbezahlte Mitnehmen eines Brötchens, das ohnehin entsorgt werden würde, eine Verkäuferin bestraft wird, hingegen im politischen Bereich tätige Persönlichkeiten, die für den gewaltsamen Tod von Hunderttausenden verantwortlich sind, für ihr Tun - wie z.B. im Fall Henry Kissinger - sogar mit dem Friedensnobelpreis belohnt werden? Warum interessieren sich, während im Jemen und anderswo durch den Einsatz unserer Waffen Millionen vom Hungertod bedroht werden, viele von uns lieber dafür, ob auch für ihren Hund vegane Ernährung bekömmlich sei? Wie kommt es, dass wir, sobald vom Terrorismus die Rede ist, automatisch an "militante Palästinenser" und andere "Islamisten" denken, aber so gut wie nie an Hiroshima, die "christliche" Falange oder Falludscha? Was ist das für eine Welt?

Das sind politische Fragen.

Viele verstehen unsere Welt nicht mehr. Wie sollten sie auch - wenn schon allein das Aufwerfen solcher Fragen bei uns durchweg als Mangel an Klugheit gilt, wenn nicht gar schon als Straftat. Richtig: Politisch korrektes Denken, wie es in unseren Erziehungssystemen, im medial-öffentlich-staatlichen Politik-Diskurs und weitgehend auch in den einschlägigen Wissenschaften implantiert und gepflegt wird, stellt solche Fragen erst gar nicht.

Echte politische Fragen tun unweigerlich weh. Denn die Probleme, an die diese Fragen rühren, sind unsere eigenen. Und wer von uns will schon beim Blick in den Spiegel erkennen, wie hässlich und böse man/frau selbst ist? Das Böse der Anderen ist für unsere eigene empfindsame Seele dagegen wie Balsam.

Kein Wunder also: Wer echte politische Fragen aufwirft, macht sich - speziell im eigenen Lager - unweigerlich Feinde. Je tiefer die Fragen gehen, desto mehr.

Dass ich mir, wie von meinem verehrten akademischen Lehrer prognostiziert, mit meinen "Politischen Reflexionen" zahlreiche und mächtige Feinde machen würde, das hat mich nicht überrascht. (Was freilich nicht heißt, dass mir die über mich ergossenen Tiraden an Gift, Galle und Gülle nichts ausmachen.) Trotzdem: Der Lebenskontext von Politischen Reflexionen kann auch eine Quelle von Glück sein - nämlich des, wie es so schön heißt, auf Erden größtmöglichen: des Gewinns echter Freunde. Ich will hier nur die nennen, deren Freundschaft ich selber primär eben diesem Polit-Kontext verdanke: Uri Avnery, Dan Bar-On, Marcel Baumann, Helga Baumgarten, Noam Chomsky, Anneliese Fickentscher, Evelyn Galinski, Johan Galtung, Diana Al Jumaili, Abi Melzer, Hajo Meyer, Andreas Neumann, Günter Schenk, Hajo Schmidt, Ekkehard Schulz, Reiner Steinweg, Rolf Verleger, Peter Vonname, Moshe Zuckermann - und, last but not least, Florian Rötzer.

Eigentlich sind Fragen wie die oben gestellten solche, die sich doch jedem offenen Mitmenschen von selbst stellen müssten, jedem durch Erziehung, Medien und öffentliche Kontrolle noch nicht völlig Verbildeten - also insbesondere jedem noch nicht karriere-präemptiv angepassten Jugendlichen. Jedem aufgeweckten bzw. von selbst aufgewachten Mädchen & Jungen also.

Doch wie kommt es, dass selbst so ein alter Mensch wie ich trotz seines langen akademischen Werdegangs solcherart Fragen immer noch stellt? Das hängt, glaube ich, außer mit dem Vorbild meines Vaters, auch mit der von mir erlernten Art des Philosophierens zusammen. Bzw. mit dem Lieblingsbild, mit dem dieses Denken für mich immer verbunden ist. Die nette Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern - jeder dürfte und sollte sie kennen: Der ganze Hofstaat begleitet die angeblichen Gewandungen des Kaisers mit "Ohhhs" und "Ahhhs", die Hofbeamten schreiben zu des Kaisers Ruhm und Ehre ganze Bibliotheken prächtigster Eulogen. Nur das kleine Kind ist naiv genug - und sagt die Wahrheit. Dass der Kaiser nackt ist (= dass ganze Welt-Entwürfe nichts als Luftschablonen sind), das auch klar und deutlich öffentlich zu sagen - diese echte wie fiktive Kinderrolle beherrscht von allen mir bekannten Philosophien die Analytische am besten. Meine politischen Fragen und Reflexionen sind nicht der Überbau einer mehr oder weniger großartigen Ideologie. Ich sage, was ich denke. Punktum.

Ich will einfach verstehen, was auf der Erde los ist. Insbesondere, was mit uns geschieht. Was wir mit uns geschehen lassen. Und möchte mir ein klares Urteil darüber bilden können, was daran gut und was schlecht ist.

Mein eigener Schwerpunkt in der Philosophie sind die Logiken der Kommunikation und der sprachlichen Bedeutung. Dass "Sprache unser wichtigstes Denk- und Macht-Instrument" ist, an diesem Kernsatz meiner Sprachphilosophie messe ich nicht nur alle anderen Sprach-Theorien - der Satz benennt auch die Perspektive, von der her ich untersuche, was politischer Sprachgebrauch in der Praxis bewirkt und verhindert. Und das ist sehr viel. Die Regulierung unserer politischen Sprache ist der bedeutsamste Faktor dessen, was einmal Propaganda hieß und heute eher unter Psychologischer Kriegsführung - Psy-Ops u.a. - läuft. Ein wichtiger Teil meiner Politischen Reflexionen ist - typisch für einen Analytischen Philosophen - der Dechiffrierung dieser politischen Sprachregelungen gewidmet. Am deutlichsten lassen sich diese Dechiffrierungen anhand meiner Beiträge zum Terrorismus (bzw. zu T-Akten) verfolgen.

Aber natürlich bestehen meine Reflexionen nicht nur aus semantischen (die zentralen Begriffe erklärenden) Betrachtungen; ich will schließlich nicht nur die Sprache bzw. unsere Sprach-Handlungen verstehen, ich will auch den weiten Rest unseres menschlichen Handelns verstehen. Auch solche unmenschlichen Aktionen wie Kriege und andere Mittel massenhafter Vernichtung von Menschen. Warum tun Menschen bzw. deren Institutionen (Staaten, Staatenbündnisse, staatliche wie nicht-staatliche Kleingruppen) derartiges überhaupt? Oft aus höchst "humanitären" Motiven. Diese Kriegsmotivation ist m.E. die allergefährlichste. Und schon sind wir mitten im Herz der Finsternis, der sogenannten Kriegs- und Terror-Ethik. Von dieser Ethik halte ich, trotz tausenderlei Einwänden, den Ansatz der Theorie des Gerechten Krieges immer noch für den brauchbarsten.

Doch jedem Bewerten sollte ein Verstehen vorangegangen sein, d.h., so eine meiner Arbeitsprämissen, eine rationale Erklärung dessen, warum - aufgrund welcher Interessenlage - die jeweiligen Akteure überhaupt tun, was sie tun. Ich finde es höchst erstaunlich, dass es gerade dieser jedweder Ethik vorgeschaltete Bereich des Verstehen-Wollens ist, der gerade beim größten aller Verbrechen gegen die Menschlichkeit - dem Einsatz von Kriegen als Mittel der Politik - immer wieder ausgeblendet wird. Genau aus diesem Grund steht die Frage nach dem eigentlichen Sinn dieses oder jenes unserer Kriege in meinen Politischen Reflexionen immer wieder im Fokus.

Einige wenige der mit diesem eBook nun erfreulicherweise noch leichter zugänglich gemachten Telepolis-Beiträge sind dank der Erlaubnis des Heise-Verlags auch in dem bei mentis 2011 publizierten Band Philosophische Interventionen abgedruckt, wobei diese Interventionen darüber hinaus noch eine Reihe weiterer Philosophischer Reflexionen im engeren Sinne enthalten. Darüber hinaus möchte ich an dieser Stelle auch auf meine Dechiffrierung des Begriffs Kollateral-Schaden aufmerksam machen (in dem ebenfalls bei mentis erschienenen Band: Christoph Lumer / Uwe Meyer (Hrsg.), Geist und Moral. Analytische Reflexionen für Wolfgang Lenzen, Paderborn, 2011, 257-275.), also jenes Begriffs, der seit dem Kosovo-Krieg zur Entlastung bzw. Entschuldigung primär der von "unserer" (westlichen) Seite verursachten "Schädigungen" (in der Regel: Tötungen von in die Kämpfe nicht involvierter Zivilisten) verwendet wird. Was sich an diesem Begriff besonders gut verdeutlichen lässt: Auch politische Begriffe sind keine Naturprodukte, vielmehr wie alles Sprachliche etwas Konventionales, also auch durch mediale Dauerberieselung Herstell- und Veränderbares. Und man glaube ja nicht, dass die Entwicklung einer solchen Kriegs-relevanten Software dem Zufall überlassen wird. Wozu gibt es denn akademische wie nicht so akademische Think-Tanks?

Was für die "Kollateral-Schäden" gilt, gilt cum grano salis auch für den "Terrorismus", sowie - für Deutsch als die politische Sprache verständlicherweise speziell wichtig - für den wirksamsten aller Totschlag-Begriffe, für den des "Anti-Semitismus".

Freies Denken ist nicht im luftleeren Raum möglich. Klar, dass die nötigen Räume ihrerseits höchst umstrittene sind. Die zentralen - und allzu oft auch die einzigen - Orte, in denen freies Denken noch garantiert ist (sein sollte), sind leicht benannt. Universitäten; einige Verlage; und ein paar Nischen in unseren Medien. Ich danke der Universität Leipzig, sowie den Verlagen mentis und Heise (Telepolis), dass sie mir den Raum für diese Politischen Reflexionen frei gehalten haben.

Georg Meggle Kairo, November 2018

Schwierigkeiten der Medien mit der Philosophie

Wie die Fälle Peter Singer und Ted Hondrich zeigen, steht es schlecht um die öffentliche Diskussion heikler moralischer Probleme

Ich arbeite als analytischer Philosoph, d.h. als jemand, dem von Berufs wegen in der Kommunikation nichts mehr zuwider ist als das, was in Talk-Shows zunehmend gepflegt wird: mangelndes begriffliches Unterscheidungsvermögen. Die Entwicklung und der Gebrauch dieses keineswegs angeborenen Vermögens verlangen, dass zwei Voraussetzungen gegeben sind: Erstens Bereitschaft zur Abstraktion, also auch zur Distanz; und zweitens hinreichend Gelassenheit, Ruhe und Zeit. Wer eine dieser Voraussetzungen nicht erfüllt, sollte die Finger von der Philosophie lassen. Dies erklärt bereits, weshalb das Verhältnis zwischen guter Philosophie einerseits und den heutigen Massenmedien andererseits kaum anders als problematisch sein kann. Letztere, die Medien, negieren in der Regel die notwendigen Bedingungen der Ersteren. Also: Philosophie und Medien - ein Widerspruch?

Ich glaube inzwischen: Mehr oder weniger Ja. Das ist jedenfalls die Lehre, die ich aus meinen bisherigen Erfahrungen ziehe. Eine Zwischenbilanz vorab: Die schlechtesten Erfahrungen habe ich mit Wissenschaftsjournalisten bei unseren größten Tages- und Wochenzeitungen gemacht; meine beste mit der Bild-Zeitung. Da ich analytischer Philosoph bin, gleich eine Frage vorweg. Was ist an philosophischen Resultaten überhaupt eine Meldung wert? Insbesondere, was ist für die Öffentlichkeit selber, also nicht nur für die philosophischen Experten unter uns, wirklich berichtenswert?

Wir stoßen hier auf ein Problem, das über die oben genannten antagonistischen Voraussetzungen hinaus die Beziehung zwischen Philosophie und Medienwelt weiter erschwert. Haben Sie selber schon jemals von einer philosophischen Schlagzeile in den Medien gehört oder gelesen? Ich nicht. "Der Philosoph G. E. Moore beweist endlich die Existenz der Außenwelt." "Metzinger bezweifelt erneut die Willensfreiheit." "Kompa erledigt den Kategorischen Imperativ." Würden Sie eine Zeitung kaufen, die solche Schlagzeilen bringt? Ich nicht. "Viagra führt zu Prostata-Krebs." Oder "Leben auf dem Mars." Das klingt schon ganz anders. Was macht den Unterschied aus?

Das ist selbst bereits eine philosophische Frage; lassen wir sie jetzt also beiseite. Festgehalten sei aber: Die Problematik des Verhältnisses zwischen Philosophie und den Medien geht keineswegs nur auf das Konto der Medien; es gibt vielmehr gute Gründe, warum unsere Frauen und Männer auf der Straße kein Interesse an philosophischen Schlagzeilen haben. Sie tun gut daran.

Wie in allen Expertenbereichen, so gibt es auch bei der Philosophie Scharlatane. Diese leben primär davon, dass sie begriffliche Wahrheiten so verkaufen als wären sie keine - keine begrifflichen. Und natürlich gibt es auch bei diesen Scharlatanen viele, die auf sie hereinfallen. Ein Scharlatanerie-Musterbeispiel wäre, wenn denn der Genannte tatsächlich ein Philosoph wäre: Paul Watzlawick. Dessen berühmteste kommunikations-theoretische Schlagzeile ist: "Man kann nicht nicht kommunizieren". Mit anderen Worten: Was auch immer wir tun, wir kommunizieren damit.

Trifft diese These zu? Ja und zugleich Nein. Richtig ist die These, und zwar schon begrifflich richtig, falls man sie so versteht, dass jedes Tun unter Umständen als eine Botschaft gemeint bzw. als eine solche verstanden werden könnte. Aber das heißt nicht, dass deshalb alles, was wir tun, tatsächlich eine Botschaft ist.

Wo bleiben die Medien? Die waren und sind schon dabei. Ich gebe den Schwarzen Peter einfach an Sie weiter. Wie gehen Sie denn mit diesem Thema um? Was würden Sie im Auftrag Ihrer Zeitung über unser Gespräch morgen berichten? Etwa: "Watzlawicks Kernthese falsch."? "Wir müssen nicht kommunizieren"? Oder: "Philosoph entlarvt Watzlawick als Scharlatan."?

Jetzt kennen Sie meine Probleme - die nicht nur meine sind: Sie wissen jetzt, warum analytische Philosophen für Schlagzeilen selten gut sind. Diese Denker versuchen genau jene Mehrdeutigkeit und damit Unklarheit zu vermeiden, welche die Watzlawick-These für viele erst interessant gemacht hat. Schlussfolgerung: Dass die Medien über philosophische Resultate nicht berichten, das kann für diese Resultate auch eine Empfehlung sein.

Für die analytischen Philosophen in Deutschland hatte bis tief in die 80er Jahre hinein gegolten: Entweder man spricht mit den Medien oder mit den Kollegen. Wer bei den Medien ankommt, disqualifizierte sich damit für die Unikarriere. Und wer zu den akademisch Arrivierten gehörte, war für die Medien als Partner untauglich. Die Analytische Philosophie in Deutschland war mangels Medien-Vermittlung vom öffentlichen Diskurs völlig abgekoppelt. Wert- und damit Orientierungsfragen, zu denen die Öffentlichkeit ja zu Recht von den Philosophen Denkhilfe erwartet, waren bei uns in den analytischen Zirkeln lange, viel zu lange, tabu.

Eine gute Erfahrung

Das hat sich geändert. Ein Beispiel: "Der Sinn des Lebens". Vor einigen Jahren hätte schon allein diese Wortfolge bei vielen von uns nur ein Grinsen ausgelöst; "Der Sinn des Lebens" - das ist heute eines der erfolgreichsten neueren Bücher auf dem deutschen Philosophie-Markt.[1] An ihm haben zwei meiner Assistenten und ich etwa zehn Jahre gearbeitet. Am Erfolg dieses Bandes waren mit Sicherheit die zahlreichen lobesamen Besprechungen in allen größeren und vielen kleineren Zeitungen beteiligt.

Die beste Werbung brachte Bild, leider nur Bild/Leipzig. Ich hatte mich anfangs geziert, dem Blatt für ein Interview zwei Stunden opfern zu sollen, dann aber doch den PR-Argumenten meiner Mitarbeiter nachgegeben. Als ich dann die Zeitung aufschlug, dachte ich zuerst: "Fehlinvestition". Kein Interview. Stattdessen, eine ganze Seite füllend, 2 Bilder - und 20 Zitate aus dem Buch. Solche von Woody Allen und den katholischen Bischöfen Deutschlands über Albert Einstein und Moritz Schlick bis hin zu der inzwischen berühmtesten Antwort auf die große Frage nach dem Sinn des Ganzen: "Zweiundvierzig".[2] Unser Herausgeber-Trio hätte keine bessere Auswahl treffen können. Ich bewundere noch heute die Idee und den Mut von Mathias Weidemann zu diesem total unkonventionellen Schritt. Er hatte getan, was ich bei den meisten seiner Kollegen, die für intellektuellere Blätter arbeiten dürfen, in der Regel vermisse: Er hatte sich das Buch genau angeschaut - und sich selbst zurückgenommen.

Schlechte Erfahrungen

Nach dieser erlesenen Bild & Text-Auswahl nun zu den zwei Tiefpunkten aus dem traurigen und leider viel größeren Rest meiner Medienerfahrungen: Zum Schlimmsten zuerst. Zur Peter Singer-Affäre von 1989 folgende.

2.1 Die Peter Singer-Affäre

Anfang Sommer 1989 wechselte ich von meiner Münsteraner Logik-Professur auf den Lehrstuhl für Systematische Philosophie in Saarbrücken - mit dem offen erklärten Ziel, dort das erste Institut für Praktische Ethik in Deutschland auf die Beine zu stellen. Als ich zu meinem Dienstantritt vom Bahnhof zur Uni fuhr, freute ich mich über die herzliche Begrüßung: Auf den großen Plakatwerbeflächen der Stadt hieß es: Meggle - alles in Butter. Nur ein paar Wochen später schrieen mich, über die Uni und die City verteilt, ganz andere Plakate an: Meggle - Faschist - Raus! Und diesmal war wirklich ich gemeint. Was war geschehen?

Peter Singer war von mir zu einem Vortrag eingeladen worden. Thema: Die moralische Bewertung der Früheuthanasie bei schwerstbehinderten Neugeborenen - fraglos eines der brisantesten Themen der Medizinethik, zu Recht umstritten vor allem in Deutschland. Peter Singer einzuladen hatte nahe gelegen:

Das neue Reclam-Bändchen

Praktische Ethik

wurde von meinen Studenten heftig diskutiert und nicht weniger heftig kritisiert. Was hätte für uns also hilfreicher sein können, als unsere Einwände direkt in der Diskussion mit dem Autor selber zu überprüfen?

Eine Reihe von Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen, die Singer längst vor mir eingeladen hatten, hatten schon auf die bloße Ankündigung von Protesten hin ihre Einladungen reihum wieder zurückgezogen. Mir war klar, dass wir

[3]

unsere Pläne für ein IPE (Institut für Praktische Ethik) in den Wind hätten schreiben müssen, wenn wir schon beim ersten Test dessen gekniffen hätten, wofür ein solches Institut einzustehen hätte: Die freie und immer wieder auch die Öffentlichkeit einbeziehende "rationale Auseinandersetzung mit praxisrelevanten moralischen Fragen".

[4]

Zur Diskussion auch heftig umstrittener Thesen einzuladen, war nicht nur mein Recht, es war - und daran halte ich weiterhin fest - auch meine Pflicht. Wozu sind Universitäten eigentlich da?

Die meisten Kollegen meiner damaligen Fakultät dachten anders.[5] Kaum war die Einladung publik geworden, rief mich ein Kollege an und stellte mir die Frage: "Stimmt es, dass Sie Faschist sind?" Hut ab vor diesem Kollegen: Er war mir gegenüber wenigstens offen.

Die Veranstaltung mit Peter Singer begann mit einem langen, ohrenbetäubenden Trillerpfeifen-Konzert. Aber sie fand statt. Singer schaffte es irgendwie, durch das Pfeifkonzert und die "Faschist raus!"-Schreie hindurch dem Auditorium zur Kenntnis zu bringen, dass seine eigene Familie zu den Opfern des Faschismus gehört, dass seine Großeltern väterlicher- wie mütterlicherseits in KZs umgekommen sind. Und dann begann eine Diskussion, wie sie heftiger - und zugleich erhellender - nicht hätte sein können. Dieser Erfolg machte mich freilich zu einem roten Tuch für diejenigen Gruppen, welche Singer-Vorträge in Deutschland verhindern wollten.

Wie reagierten die Medien? In voller Breite. Mein Lehrstuhl hatte die Masse an Artikeln, Funk- und Fernseh-Beiträgen über die ersten Folgejahre hinweg gesammelt; die Leitzordner und Schachteln mit den Tonbändern und Video-Kassetten begleiteten mich bis vor kurzem. 1994 war ich an die Uni Leipzig gewechselt. Als das dortige Philosophie-Institut vorletztes Jahr zum zweiten Mal umziehen musste, warf ich das gesamte Material in den Müll. Daran war nicht allein die Enge unserer neuen Zimmerchen schuld; ich wollte mit der ganzen Geschichte nichts mehr zu tun haben.

Von zwei Erinnerungen werde ich aber nie mehr loskommen. Medienunerfahren, wie ich beim Ausbruch der Singer-Affäre noch war, hatte ich die Einladung des Hessischen Fernsehens angenommen, über die Singer-Thesen mit Ernst Klee, dem besten Experten in Sachen Nazi-Euthanasie zu diskutieren - und zwar live. Letzteres war mein größter Fehler.

Wir warten auf den Beginn der Sendung; der Vorspann, in den, wie ich später erfuhr, zuvor Ernst Klee, aber nicht ich, eingeweiht worden war, läuft bereits - ich sehe die Bilder (fröhlich auf einem Spielplatz spielende Kinder mit leichtem Down-Syndrom, mit ihren nicht weniger glücklichen Eltern an der Seite; mehrfach gegengeschnitten mit alten Dokumentaraufnahmen von den fensterlosen NS-Bussen, mit denen so genannte erbkranke Kinder dem Tod im Gas zugeführt werden). Ich höre den Text (anfangs die üblichen Willkommenssätze ans Publikum) - und erstarre vor Entsetzen: An den Vorspann anknüpfend macht der Sprecher und Moderator darauf aufmerksam, dass die berüchtigte Wannseekonferenz nunmehr 50 Jahre zurückliege - und dass alle, insbesondere die Eltern behinderter Kinder, gedacht hätten, dass die damals beschlossenen Vernichtungspläne Vergangenheit seien. "Aber nein - Professor Meggle, Ethiker von der Universität Saarbrücken" usw. und so fort.

Ich falle wie durch eine plötzlich getätigte Falltür ins Nichts. Ich wusste, dass mir, was auch immer ich im Folgenden noch sagen würde, jede Chance fehlt, diese Verknüpfung von soeben ungeschehen zu machen. Bei allen, bei denen die Fernsehbilder und -töne einfach so vorbeirauschen - also bei nahezu allen von den Abertausenden Zuschauern -, bei allen sah ich mich nun als Befürworter des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms abgestempelt. Mein Herz raste; mein Gehirn außer Funktion. Erst nach der Sendung fasste ich den Gedanken, dass die einzig richtige Reaktion die gewesen wäre, einfach aufzustehen und wegzugehen - und zwar wortlos. Aber selbst dies hätte die hergestellte Verknüpfung bei den meisten sicherlich nicht beseitigt.

Der zweite Schlag traf mich noch tiefer. Er verbindet sich im wörtlichsten aller möglichen Sinne mit meinem Namen. Aus diesem Grund bringe ich es auch heute noch nicht über mich, Ihnen diesen Tiefschlag mündlich zu erklären. Ich habe Angst, dass sich damit sogar für mich selbst eine Verbindung herstellt, die sich beim ersten Eklat-Bericht der Saarbrücker Zeitung bei jedem Leser ganz direkt einstellen musste. Schauen Sie jetzt auf die Folien. Die Saarbrücker Zeitung hatte auf mich nicht so [1] Bezug genommen, sondern so [2]:

[1] Dr. Meggle [2] Dr. Mengele

Die Reaktion der Zeitung auf meinen Protest: "Ein Druckfehler, tut uns leid." Ich wünsche Ihnen, dass Sie nie in eine Lage kommen mögen, in der Sie nachempfinden können, wie man sich bei einer solchen medialen Vernichtungs-Rezeption fühlt. Sie können das einfach nicht wissen.

Lassen Sie sich daher gesagt sein: Vergessen Sie nicht, dass sogar die Worte eines Wissenschaftsjournalisten töten können. Christoph Anstötz, ein engagierter Behindertenpädagoge - wir waren, zusammen an die Wand gestellt, rasch Freunde geworden - hat sich, kurz nachdem er sich ähnlichen Angriffen ausgesetzt sah, das Leben genommen. Gott sei dank waren damals meine beiden Kinder schon auf der Welt. 180 Philosophen hatten sich nach diesen Vorfällen in einer 'öffentlichen Erklärung' für die Freiheit der Diskussion auch in der Praktischen Ethik ausgesprochen. Sagte ich "öffentlichen"? Die Öffentlichkeit bekam diese Erklärung erst 2 Jahre später in einem die breite Öffentlichkeit gewiss nicht erreichenden Suhrkamp-Bändchen zu sehen.[6]Informationsfreiheit in Deutschlands Feuilletons? Kommen Sie mir bitte nicht damit![7]

Die Honderich-Debatte

Meine zweite Negativ-Erfahrung mit den Medien ist jüngsten Datums und wohl noch nicht abgeschlossen. Sie trifft mich persönlich weniger; aber ich weiß, wie sich der direkt Angegriffene jetzt fühlen muss. Zumal er - anders als Peter Singer , des Deutschen nicht mächtig - sich noch weniger wehren kann.

Im Herbst des vorigen Jahres hatte das Rektorat der Universität Leipzig auf meinen Vorschlag hin den kanadisch-britischen Philosophen TED Honderich eingeladen. Er sollte die diskursethisch angezeigte Chance bekommen, seine Thesen aus dem im Sommer 2003 bei Suhrkamp erschienenen Buch Nach dem Terror öffentlich gegen seine Kritiker zu verteidigen. In einer seiner Thesen behauptet Honderich die moralische Rechtfertigbarkeit palästinensischer Terroranschläge gegen Israel (wiederum also ein Thema, das - zu Recht - besonders in Deutschland umstritten sein muss). Als Kontrahenten waren eingeladen: Micha Brumlick, der mit seinem öffentlichen Brief an die Frankfurter Rundschau (vom 06. August 2003), der Honderich "antisemitischen Antizionismus" vorwirft, bewirkt hatte, dass der Suhrkamp-Verlag das umstrittene Bändchen sofort stoppte. Und Jürgen Habermas, der das Buch immerhin zuerst zur Publikation vorgeschlagen hatte. Beide lehnten das Diskursangebot postwendend ab.

Die Veranstaltung fand dann ohne die Kontrahenten am Sonntag, den 17. Oktober, im größten Hörsaal der Universität Leipzig statt. Sie stand, da eine Leipziger Extremistengruppe angekündigt hatte, dass sie die Veranstaltung mit allen Mitteln verhindern würde, unter starkem Polizeischutz. Mit dieser Veranstaltung wurde "Das Sonntagsgespräch", eine neue Öffentlichkeits-adressierte Veranstaltungsform der Universität Leipzig, eröffnet. Eine Diskussion war wegen der fortgesetzten Störungen unmöglich. Einer meiner Studenten wurde beim Verlassen der Uni zusammengeschlagen. Die öffentlich angekündigte "Zusatz"-Diskussion am nächsten Tag verlief dann, im kleineren Rahmen, störungsfrei.

Die Universität wie die Leipziger Öffentlichkeit waren auf diese Debatte um Honderichs Terrorismusthese gut vorbereitet. Vorangegangen war eine zweisemestrige öffentliche Universitätsringvorlesung zum Thema "Terror und der Krieg gegen ihn". Die Universität führte - unterstützt von der Vereinigung ihrer Förderer und Freunde - diese heiße Debatte also keineswegs aus dem Stand. Im Gegenteil: Die Universität wusste genau, was sie tat. Das Sonntagsgespräch mit der Universität Leipzig - diese neue Veranstaltungsform zielt auf die Provokation eines Nachdenkens über Themen dieser Art geradezu ab, über Themen mit anderen Worten, die, selbst wenn sie über die Massenmedien in aller Munde sein sollten, ein tiefer gehendes Nachdenken (trotzdem oder sogar deshalb) bitter nötig haben. Auch dazu sind, außer der üblichen Lehre und Forschung, Universitäten ihrem gesetzlichen Auftrag zufolge da.

Ich kenne in Deutschland keine Universität, die sich diesem Auftrag derzeit furchtloser stellt als die Universität Leipzig. Das dürfte mit der Rolle und dem Selbstverständnis dieser Stadt zusammenhängen. Stichwort: 1989. So sah dies auch die Leipziger Volkszeitung (LVZ). Deren Kommentar (20. Oktober 03): "Der Mut der Alma Mater ihn [Ted Honderich] einzuladen, ist bemerkenswert" und "Demokratie heißt, auch kontroverse Meinungen auszuhalten" (so die Überschrift über das Interview mit mir am 21.10.03).

Und die großen Zeitungen? Die Frankfurter Rundschau, die mit Brumliks Protestbrief an Suhrkamp den ganzen Eklat ausgelöst hatte, machte diese Debatte zu einem ihrer Markenzeichen und stellte ein Dossier "Die Honderich-Debatte" zusammen, das all ihre eigenen einschlägigen Beiträge enthält. Leider ohne die Leserbriefe. Die FR-Beiträge folgten durch die Bank im Wesentlichen der Brumlik-Position, wonach die Honderich-Thesen antisemitisch und somit verwerflich sind. Auch alle anderen großen Zeitungen fällten ihre Urteile. Als PR-Kampagne für Das Sonntagsgespräch war die Sache also ein großer Erfolg.

Soweit zur PR. Aber wie steht die Sache in Punkto Argumente? Da sieht die Bilanz nicht so gut aus. Zwar kann man von Medienbeiträgen nicht stets das Niveau verlangen, das für eine brauchbare Proseminararbeit nötig ist; aber bestimmte Mindeststandards sollten doch wohl eingehalten werden - vor allem bei derart brisanten Themen.

Es gibt in der bisherigen "Honderich-Debatte" nicht viele Beiträge, die diesem Kriterium standhalten (am ehesten noch Leserbriefe). Kaum ein Beitrag, der nicht schon von Anfang an "Das Minimum" an relevanten Distinktionen verwischt, wenn nicht gar ignoriert. Zur Erleichterung des erhofften Diskurses war dieses "Minimum" im Leipziger Hörsaal an die Wand projiziert - wobei die letzte Spalte bereits dort als meine eigene Einschätzung erklärt worden war, die sich mit der von Honderich selbst deckt:

Meine eigene Kritik an Honderich warf ihm außer mangelndem Realismus ebenfalls ein Differenzierungs-Defizit vor. Seine Distinktionsschwäche betrifft aber nicht die eben erwähnten Begriffe, vielmehr das, was bei ihm alles unter "Terrorismus" fällt. Die Medienrezeption folgte der so resultierenden Unschärfe durchgehend.

Aber wer ist schon wirklich an einer Klärung dieses Kampfbegriffs interessiert? Ich bin es.[8] Und mein Klärungsversuch unmittelbar nach Honderichs Vortrag hatte immerhin eine, wie ich meine, diskursethisch bedeutsame Folge: Auf meine Frage hin, ob seine These der Rechtfertigbarkeit des palästinensischen Terrorismus auch für dessen stärkste Form (die sich z.B. auch direkt gegen Kinder in Schulbussen richtet) gelten solle, antwortete Honderich klipp und klar und laut vernehmlich mit einem NEIN. Wäre es nach Dutzenden von Pamphleten nicht angezeigt gewesen, diese Klarstellung an irgendeiner Stelle zu dokumentieren?

Was ich an der Honderich-Debatte schlimm finde? Ziemlich viel:

Honderich

wird bis heute von den Medien, die ihn zum Antisemiten gestempelt haben, das verweigert, was jedem Angeklagten vor Gericht zusteht: Das Recht auf Verteidigung.

Honderich

hat, wie er mir mitteilt, alle größeren Tages- und Wochenzeitungen darum gebeten. Alle haben seine Bitte abgelehnt. Die meisten auf die in solchen Fällen wohl übliche Art: "No reply".

Behauptungen sind in der Regel nicht ohne Kontext korrekt verstehbar. Das weiß jeder. Die Praxis der

Honderich

-Debatte sieht ganz anders aus. Kein einziger Journalist hat sich in dieser Debatte bisher an diese Kontext-Maxime gehalten. In der Debatte um

Honderichs

Palästina-Terrorismus-These kamen bislang etwa 5 Seiten seines Buches in den Blick; die restlichen mehr als 220 Seiten, also der ganze Hintergrund seiner "Humanitäts-ethischen" Argumentation werden schlicht ignoriert. Wäre dem anders, so wäre

Honderich

s Buch schon längst zur Bibel von

Attac

geworden.

Die involvierten Kollegen bei der Frankfurter Rundschau können entweder kein Englisch oder nicht gut genug Deutsch, um zu wissen, wie ihre eigenen Sätze verstanden werden. Oder sie setzten in der

Honderich

-Debatte bewusst auf Lug und Trug. Beleg kommt gleich.

Auch kein einziger Journalist der übrigen Medien hat sich der Mühe unterzogen, den falschen FR-Input am Original abzuklären.

Und so hat auch niemand moniert, dass in der deutschen Übersetzung von

Honderichs

Antwort deren erster wichtigster Absatz weggelassen worden war. Beleg für (3).

Auf Brumliks am 6. August in der FR erschienenen Anklagebrief hatte Honderich noch am gleichen Tag geantwortet; die deutsche Übersetzung seines englischen Briefes erschien am 08.08 (wie gesagt: Honderich kann nicht Deutsch). Diese deutsche Fassung enthält einen Satz, der, wenn ihn Honderich echt so gesagt hätte, diesen als Diskurspartner sofort disqualifizierte. Zahlreiche Anti-Honderich-Leserbriefe stützten sich auf diesen Satz. Zurecht - wenn das ein Satz von Honderich wäre. Der Satz in der Frankfurter Rundschau lautet so:

[D-FR] Darüber hinaus halte ich es für widerwärtig, mich mit Personen in Beziehung zu setzen, deren politische Ansichten ich nicht teile.

Das haben nicht nur ich, sondern alle meine Testpersonen (19) durch die Bank so gelesen:

[D1] Ich halte es zudem für widerwärtig, dass ich mich mit Personen [wie z.B. Brumlik] in Beziehung setzen [bzw. gar auseinandersetzen] soll, deren politische Ansichten ich nicht teile.

Das englische Original sagt etwas ganz anderes:

[E] It is despicable, too, to engage in personal slurs of association having to do with people whose politics I do not share.

Das heißt sinngemäß soviel wie:

[D2] Ich halte es zudem für widerwärtig, wenn man es darauf anlegt, mich mithilfe von persönlichen Anspielungen mit Leuten (wie z.B. den Nazis oder anderen Antisemiten) zu vergleichen, deren politische Ansichten ich nicht teile.

Der Satz von Honderich impliziert eine klare Distanzierung gegenüber Antisemiten. Die Frankfurter Rundschau macht daraus einen Ausdruck Diskurs-aversiver Arroganz.

Für den Tag nach Honderichs Leipziger Vortrag hatte die Universität Leipzig zu einer Pressekonferenz eingeladen. Auf dieser wurde ich von einer Teilnehmerin gefragt, ob es eine Medienethik gibt. Meine Antwort: "Ja - als Lehrfach an der Universität."

Zwei Monate später, Anfang Dezember 2003, erscheint Honderichs Traktat in einer neuen Übersetzung in dem kleinen jüdischen Verlag Melzer (der Suhrkamp Verlag hatte sich geweigert, die Rechte an der bei ihm erschienenen Erst-Übersetzung freizugeben). Einige der besonders inkriminierten Stellen waren in der Suhrkamp-Übersetzung irreführend (statt einfach "Juden" für "jews" z.B. "Die Juden"). Aber die Anti-Honderich-Kampagne war nicht ohne Erfolg. Während das englische Original inzwischen zwei weitere Neuauflagen erhielt, wird die deutsche Neuausgabe von Teilen des Buchhandels weiterhin boykottiert.

Der Titel von Singers Erfahrungsbericht passt eben nicht nur für dessen Erfahrungen: On How to be Silenced in Germany. Wie man in Deutschland mundtot gemacht wird - das haben dank der Honderich-Debatte inzwischen auch einige andere erfahren.

Wissenschaftsjournalismus kann also auch kontraproduktiv sein. Er kann bewirken, dass über bestimmte Themen gerade nicht wohl-informiert diskutiert werden kann. Er fördert dann keine rationale Diskussion; er verhindert sie.

Erstveröffentlichung: März 2005

Kollektive Identität - in Zeiten des Umbruchs

Philosophische Reflexionen aus Kairo

Es sind wirklich große Fragen, die uns derzeit auf den Nägeln brennen: Was bedeutet der so genannte Arabische Frühling wirklich? Welche Bedeutung hat insbesondere die hier in Kairo auf dem Midan Tahrir kulminierende letztjährige ägyptische Januar Revolution? Welche Bedeutung und Relevanz primär für Ägypten selbst? Welche für die arabische Welt? Welche für die heutige und die zukünftige Welt insgesamt? Welche Bedeutung insbesondere für Europa? Und dann auch gleich ganz konkret: Welche Bedeutung hat diese Revolution, dieser Umbruch, für uns selbst?

"Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu" - mit diesem Bild des kontinuierlich dahin fließenden Flusses hat Heraklit vielfache Polaritäten auf den Begriff gebracht: die Polarität von Sein und Werden, von Gleichheit und Verschiedenheit, und auch, wie viele Intellektuellen heutzutage vielleicht stattdessen lieber sagen würden, ganz allgemein die Polarität von Identität und Nicht-Identität.

Bezüglich dieser Polaritäten sind unsere ägyptischen Gastgeber hier in Kairo sicher selber die besten Experten: Der Nil ist seit Abertausenden von Jahren der Nil, während sein z.B. am Kairoer Nilometer vorbeiströmendes Wasser zu keiner Stunde dasselbe ist.

Ein Fluss ist kein Fluss, wenn sein Wasser nicht fließt. Das scheint noch trivial. Aber zudem gilt auch, dass nicht alle fließenden Wasser, nicht alle Wasser, die "im Fluss" sind, Wasser in demselben Flusse sind. Und schon sind wir bei der Frage danach, was das entscheidende Identitätskriterium für Flüsse ist, also bei der Frage, was zwei fließende Wasser gemeinsam haben müssen, um Wasser desselben Flusses zu sein.

Was ist es genau, was den Nil zum Nil macht? Sein Ursprung? Sicher nicht. Schließlich existierte der Nil auch schon Jahrtausende vor der Entdeckung seiner Quellen. Die räumliche Lage seiner diversen Flussbette? Wohl auch nicht. Auch diese Lagen haben sich über die Jahrtausende hinweg immer wieder verändert, sei es durch natürliche Ereignisse, sei es durch Einwirkung von Menschen und deren Maschinen.

Und schon werden einige Kollegen unter uns theoretisch abheben - und solche Thesen vertreten wollen wie die, dass es den Nil in Wirklichkeit gar nicht gibt, die als "Nil" benannte Entität vielmehr, wie überhaupt alles auf dieser Welt, eine soziale Konstruktion des menschlichen Geistes sei. Oder so.

Ich glaube, mit solchen Identitätsfragen verhält es sich nicht anders als wie mit der großen Frage nach dem Wesen der Zeit: Deren Problematik hat der afrikanische Philosoph und Theologe Augustinus in seinen Confessiones (XI,14) treffend so ausgedrückt:

»Was also ist "Zeit"? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; [werde ich danach gefragt und] will ich es [dem] Fragenden erklären, weiß ich es nicht.«

Ich sehe diese Dinge ganz grob so: Wenn alles wie normal verläuft, stellen sich keine Identitätsfragen. Ob wir uns um 4 oder erst um 5 Uhr treffen sollen und ob lieber beim Libanesen auf dem Dampfer Blue Nile oder bei den kleinen bunten Booten am Kairoer Ostufer des Nils, das ist, zumindest intellektuell, in der Regel absolut unproblematisch. Solange alles seinen gewohnten Gang geht, gibt es keine Identitätsprobleme. Solange für uns alles weiterhin so ist, wie es ist, brauchen wir auch keine Identitätstheorien.

Das impliziert: Das Auftauchen von Identitätsproblemen ist ein ziemlich verlässliches Symptom für das Vorliegen einer besonderen Art von Krisen-Situation, eben für das Vorliegen einer, wie es dann treffend heißt, mehr oder weniger tiefen Identitäts-Krise. Solche Identitätskrisen können ihrerseits wieder - aus höherer Warte betrachtet - zum normalen Verlauf der Dinge gehören: wie z.B. die, die typischerweise in der Pubertät auftreten, oder in der so genannten Midlife-Crisis, beim Vorliegen existenzieller Beziehungsprobleme, nach dem Tod einer Person, die uns sehr nahe stand usw. Sie können aber auch ganz unerwartet über uns hereinbrechen. Zum Beispiel bei einem Gehirnschlag. Und selbst für den Glücklichsten von uns kann von einem Atemzug auf den anderen das ganze Dasein seinen Sinn verloren haben.

Und dies gilt, wie wir wissen, nicht nur für Individuen, es gilt nicht weniger für Kollektive. Umbruchszeiten sind, wenn sie echte Umbruchszeiten, Revolutionen gar, sein (oder auch nur so heißen) wollen, immer auch Krisenzeiten - und zwar notwendigerweise. Jede tiefer gehende Umbruchszeit geht ganz unvermeidbar mit einer Identitätskrise Hand in Hand. Es ist also schlicht inkonsequent, wenn man eine Revolution begrüßt - und sich dann über deren Identitäts-Prämissen und Folgen beklagt.

Wenn dem so ist, dann folgt daraus logischerweise: Auch dieser Kongress, genauer: auch der Diskurs dieses Kongresses ist - als ein Diskurs mit diesem Thema (Wende(n) und Kontinuität) - seinerseits ein deutliches Symptom einer mehr oder weniger gut identifizierbaren Identitätskrise. Eine der für mich spannendsten Fragen in diesen Tagen wird daher diese sein: Wie werden wir Teilnehmer dieses Kongresses jetzt, da wir nunmehr ja wissen, dass dem so ist, wie werden wir jetzt selber mit dieser Art von Selbsterkenntnis umgehen? Eines sollte jetzt jedenfalls klar sein: Wir sind dank dieser Logik spätestens ab jetzt nicht mehr nur bloße Identitätskrisen-Beobachter, vielmehr bereits selbst Identitätskrisen-Akteure. Das könnte diesen Kongress vielleicht - ja hoffentlich - zu einem echt spannenden machen.

Wie sich unsere Kongressleitung auf diese Frage vorbereitet hat, das sehen und hören Sie gerade: Sie hat für den Eröffnungsvortrag einen Philosophen eingeladen.

Das freut mich zwar sehr; und ich danke hiermit auch artig für diese Ehre. Aber ich muss auch gestehen, dass mich diese hohe Wertschätzung meines Faches zugleich auch mit einer gewissen Sorge erfüllt. Denn Philosophie, falsch praktiziert, gehört, wie ich glaube, mit zu den gefährlichsten Dingen der Welt. Vor allem dann, wenn sie, wie auch in den führenden NATO-Ländern derzeit ersichtlich der Fall, auf eine Rezeptionshaltung trifft, wonach Philosophen Leute sind, die über die Welt besser Bescheid wissen als andere, Autoritäten also, deren Rat man im so genannten Humanitären Notfall auch blindlings Folge leisten kann. Ein französischer Philosoph ruft mit seinem Handy seinen Präsidenten an; und wenige Stunden später regnet es Bomben auf Libyen. Nicht weniger wirksam waren im Kontext des Kosovokrieges von 1999 ein paar Sätze meines deutschen Kollegen Jürgen Habermas.

Ich bin analytischer Philosoph, also einer, dem Klarheit in der Sache wichtiger ist als der Kontakt mit dem jeweils herrschenden Weltgeist. Für mein heutiges Thema - die Kollektive Identität (in Zeiten des Umbruchs) - heißt das: Ich will, ehe ich mich überhaupt auf irgendwelche weiteren Identitäts-Spekulationen einlassen möchte, zuerst einmal selber genauer wissen, was man unter Identität im allgemeinen und dann unter der Kollektiven Identität im besonderen zu verstehen hat.

1. Identität als Relation

Und damit zur Sache. Zur Frage: Was ist bzw. was heißt "Identität"?

1.1Identität - unter diesem Namen läuft sehr vieles. Es gibt nicht den einen Identitäts-Begriff; es gibt vielmehr eine ganze Reihe unterschiedlicher Identitäts-Begriffe. Dass zwischen all diesen verschiedenen Begriffen im derzeitigen Identitäts-Diskurs meist NICHT unterschieden wird - vielleicht auch, wie ich glaube, einigen Wortführern dieses Diskurses zufolge oft auch gar nicht unterschieden werden SOLLTE - , diese Tatsache macht die entsprechenden Distinktionen für jeden, der auch nur ein bisschen mehr Klarheit gewinnen will, nur umso dringlicher.

1.2 Ich schlage vor, zunächst ganz grob zwischen zwei Klassen von Identitätsfragen zu unterscheiden. Bei den Fragen aus der ersten Klasse geht es darum, unter welchen Bedingungen zwei Dinge - nennen wir sie kurz und bündig: a und b - identisch sind. Identität wird dabei also als eine zweistellige Relation verstanden, als eine Beziehung zwischen den zwei Dingen a und b. Bei den Fragen aus der zweiten Klasse geht es hingegen darum, ob bzw. in welchem Maße ein ganz bestimmtes Ding (bzw. eine ganz bestimmte Person oder Gruppe) jene komplexe Eigenschaft hat, die dann eben als die Identitäts-Eigenschaft gilt - wie etwa die, mit sich selbst eins (bzw. auch: mit sich selbst im Reinen) zu sein.

Kurz: "Identisch sein", das ist in der ersten Klasse ein zweistelliges Prädikat, in der zweiten Klasse hingegen ein einstelliges (komplexes) Prädikat. Zur Erinnerung: mehrstellige Prädikate drücken Relationen aus, einstellige Eigenschaften. So einfach ist das. (Aber ich weiß: In der Hitze des Diskurses muss man sich selbst zur Beachtung der einfachsten Distinktionen oft regelrecht zwingen. Aber ich denke: Die Anstrengung könnte sich lohnen.)

1.3 Die klassischen philosophischen Identitätsprobleme sind durchwegs Fragen aus der ersten Klasse, also Relations-Probleme. Die Grundfrage ist dabei stets diese: Hinsichtlich welcher Eigenschaften dürfen sich die Dinge a und b unterscheiden, um noch als dieselben Dinge gelten zu können?

Die radikalste und so auch eindeutigste und klarste Antwort besagt: In überhaupt keiner. Dieser radikalen Antwort entspricht der Begriff der numerischen Identität.

Numerisch identisch sind a und b - kurz: a=b - also genau dann, wenn sie in allen Eigenschaften - also absolut - übereinstimmen, wenn also jede Eigenschaft, die das eine Ding hat, auch das andere hat. Dies ist das berühmte, schon von Leibniz, dem größten abendländischen Logiker aller Zeiten, formulierte Prinzip der identitas indiscernibilium. Zwei Dinge sind demnach identisch, dann und nur dann, wenn sie sich in nichts -aber auch in gar nichts - unterscheiden. Wenn sie also, genau gesagt, in Wirklichkeit gar nicht zwei Dinge sind, sondern nur eines.

Genau genommen ist diese Relation der numerischen Identität also gar keine Relation zwischen zwei verschiedenen Dingen, sondern nur eine zwischen zwei verschiedenen Namen für ein und dasselbe Ding. (Zum Beispiel zwischen den beiden Ausdrücken "der Abendstern" und "der Morgenstern", die sich beide, wie wir heute wissen, auf die Venus beziehen.) Allein dies zeigt schon, dass beim Thema Identität metaphysisch/ontologische Fragen einerseits und sprachphilosophische Fragen anderseits auf das engste miteinander verwoben sind.

1.4 Nun hat aber schon Aristoteles bemerkt, dass die von der numerischen Identität geforderte Übereinstimmung für unseren normalen (und zwar praktischen wie theoretischen) Umgang mit der Welt viel zu stark ist. Unterscheidet sich der Nil von gestern von dem Nil von heute auch nur in einem einzigen Wassertropfen, so wären dem Kriterium der numerischen Identität zufolge beide nicht derselbe Fluss, nicht der eine Nil.

Um diesen Unsinn zu vermeiden, postulierte schon Aristoteles, dass es neben der numerischen Identität (a=b) auch eine schwächere Art von Identität geben müsse, nämlich eine generische d.h. eine auf das jeweils einschlägige Genus G (wie z.B. "Fluss") bezogene (und insofern nicht mehr absolute, sondern nur noch relative). Formal kurz so geschrieben: Gb.

1.5 So vernünftig das aristotelische Postulat einer bloß generischen Identität auch sein mag, was folgt aus ihm genau? Nun, zunächst einmal ein Riesen-Forschungsprogramm, von dem bis auf den heutigen Tag kein Ende abzusehen ist: Denn wirklich hilfreich ist dieses Konzept der generischen Identität ja erst dann, wenn für die verschiedenen Genera deren jeweilige Identitätskriterien schon festliegen bzw. von uns eben festgelegt wurden.

Dass derartige Festlegungen aber selbst für ein so simples Genus wie "Fluss" keineswegs leicht zu treffen sind, das haben wir oben schon bei unserem ersten Blick auf den Nil feststellen müssen. Und nun brauchen Sie nur an solche Genera wie "Mensch", "Person", "Leib" und "Seele" zu denken - und schon sind Sie mitten im Zentrum jener Identitätsdebatten, die die ganze nacharistotelische (und damit nicht nur die abendländische, sondern auch die arabische) Metaphysik bzw. Ontologie bis heute in Atem halten.

1.6 Und auch für diese spezifisch philosophische Debatte gilt: Die Heftigkeit, mit der diese Debatte heute geführt wird, ist wiederum ein höchst signifikantes Indiz dafür, wie tiefreichend die mit dieser Debatte thematisierte Identitäts-Krise tatsächlich ist.

Vielleicht ist es ja für einige von uns daher ein Trost, wenn wir uns daran erinnern, dass die derzeitigen szientistischen Revolutionen in unseren Humanwissenschaften unser anthropologisches Selbstbild bei weitem radikaler erschüttern als alle derzeitigen politisch/kulturellen Identitätskrisen zusammengenommen. Was ist der Mensch? Infolge des radikal-materialistischen Szientismus-Programms steht derzeit das gesamte Spektrum der traditionellen - und so insbesondere auch das aller religiös motivierten - Menschenbilder zur Disposition.

Nur so viel zu den klassischen Identitätsfragen aus der ersten Klasse, wonach Identitäten Relationen sind. Aber obgleich, wie gesagt, die Identitätsfragen dieser Klasse zur Domäne meines Faches, der Philosophie eben, gehören, will ich mich im folgenden mit ihnen nicht weiter beschäftigen. Nicht mehr in diesem Vortrag.

2. Identität als Eigenschaft

Es sind die Fragen aus der zweiten Klasse der Identitätsfragen, die im Kontext dieses Kongresses die relevantesten sein dürften. Die entsprechenden Theorie-Ansätze stammen nicht aus der Philosophie, sondern aus der Entwicklungspsychologie - wurden dann von der Sozialpsychologie aufgegriffen, bis sie von dort aus ihren rasanten Siegeszug durch alle weiteren Kulturwissenschaften angetreten haben. Dies gilt insbesondere für den Begriff der Kollektiven Identität, dem im Folgenden unsere besondere Aufmerksamkeit gelten soll.

2.1 Im heutigen Identitätsdiskurs gibt es für den Ausdruck "Kollektive Identität" so gut wie keinerlei seinen Gebrauch auch nur irgendwie einschränkenden Regeln. Er ist ein Dummy-Begriff für alles Mögliche. Für alles auch nur irgendwie Kollektive.

In den meisten Fällen meinen die, die von einer "Kollektiven Identität" sprechen, damit nichts anderes als irgendeine Kollektive Entität. Statt einfach von Ethnien, Volkern, Staaten, Religionsgruppen etc. zu sprechen - oder eben von den diesen entsprechenden ethnischen, völkischen, staatlichen oder religiösen Entitäten -, sprechen viele stattdessen einfach ohne weiteren Vorbehalt von ethnischen, völkischen, staatlichen oder religiösen Identitäten, meinen damit aber ein und dasselbe. Identität ist dann schlicht synonym mit Entität.

Bei diesem Sprachgebrauch besagt die Frage nach der Identität von Europa oder von Ägypten also genau dasselbe wie die Frage "Was ist Europa?" oder die Frage "Was ist Ägypten?". Letzteres sind durchaus klare, vernünftige und gerade im jetzigen Diskurs höchst wichtige Fragen - und deshalb sollte man sie auch genau so stellen. Diese Fragen in Fragen nach der Identität von Europa bzw. von Ägypten zu transformieren, macht diese Fragen um keinen Deut klarer. Eher im Gegenteil. Natürlich: Die Frage nach der Identität von X, Y, Z klingt einfach viel toller als die Frage nach der Definition von X, Y, Z - aber dieser pragmatische Mehrwert ist mit keinerlei kognitivem Mehrwert verbunden. Kurz: Ein Großteil des derzeitigen Identitätsdiskurses ist nichts weiter als ein intellektueller Bluff.

2.2