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Erfolgreich Leistungssport betreiben heißt für seinen Sport zu brennen. Die Leidenschaft für das Skispringen hat Thomas Morgenstern immer wieder die eigenen Grenzen überwinden lassen. So steht er auch wenige Wochen nach seinem schwersten Sturz wieder auf der Schanze – und am Siegertreppchen. Dennoch verkündet er kurz darauf sein Karriereende. Was hat den Ausnahmesportler zu diesem Schritt gebracht?
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Thomas Morgenstern
ÜBER MEINEN SCHATTEN
Eine Reise zu mir selbst
© 2015 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing,
eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Gesetzt aus der Sabon
Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Red Bull Media House GmbH
Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15
5071 Wals bei Salzburg, Österreich
Gesamtherstellung: Buch.Bücher Theiss, www.theiss.at
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
ISBN 978-3-7110-5143-1
Ich öffne meine Augen. Diese kleine Bewegung lässt mein Gesicht brennen. Ich sehe in gedämpftes weißes Neonlicht. Neben mir piepst gleichmäßig ein EKG. Ich will hinsehen. Aber der Versuch, meinen Kopf zu drehen, scheitert an einem stechenden Schmerz, der sich von den Schläfen über die Wangen bis tief hinein in meinen Brustkorb zieht. Sind das meine Herzschläge, die ich höre? Das hier ist eindeutig nicht mein Hotelzimmer in Tauplitz!
Meine Augen erkunden den hellen Raum. Rechts neben mir ist ein Fenster. Die Sonne kitzelt meine brennende Haut. Ich will etwas sagen, jemanden fragen, wo ich bin, warum ich hier bin – jemanden fragen, was geschehen ist. Doch ich kann meinen Mund nicht bewegen. Die Lippen sind zugeschwollen. Ein Schlauch aus Plastik führt in die Vene meines rechten Unterarms. Das Piepsen ist gleichmäßig und hebt sich aus dem allgemeinen Rauschen der technischen Geräte ab, die sich rund um mein Bett befinden. Ich bin im Krankenhaus.
Die Tür geht auf. Herein kommt eine freundlich lächelnde Krankenschwester, geschätzt Anfang 30. Ihre brünetten Haare reichen über die Schultern, die Augen strahlen Wärme und Herzlichkeit aus. Ich will sprechen. Aber es wollen keine Worte aus meinem Mund kommen und wenn meine Lippen so aussehen, wie sie sich anfühlen, dann müssen sie an die Münchner Allianz-Arena erinnern.
Zum Glück nimmt mir die Schwester das Reden ab. Sie erzählt etwas von einem Sturz und dass ich hier im Unfallkrankenhaus in Salzburg wäre. Sie sagt, ich solle mich ausruhen und dass sie den Oberarzt holen will.
Sturz? Welcher Sturz? Ich versuche verzweifelt, mich zu erinnern. Natürlich bin ich gestürzt. Vor drei Wochen schon. In Titisee-Neustadt. Aber jetzt bin ich doch eben erst wieder geflogen – am Kulm. Ich hatte einen großartigen Trainingssprung. Die Bedingungen ideal. War ich nicht gerade noch am Lift?
Herbert hat immer so herrlich aufmunternde Worte für mich, wenn ich mich über etwas ärgere. Wo ist er? Ihn könnte ich jetzt brauchen. Herbert Leitner ist nicht nur ein hervorragender Physiotherapeut, sondern ein mindestens so talentierter Psychologe. Vor allem ist er ein Freund. Mein »Buddy«. Diesen Beinamen hat er bekommen, weil er mich seit meinem Sturz in Titisee-Neustadt ständig begleitet. Ich habe mir dort den kleinen Finger gebrochen und Abschürfungen zugezogen. Die Abschürfungen im Gesicht sind für das Skispringen nicht das große Problem. Aber nach der Operation an der Hand kann ich mit dem Verband am Finger weder meine Skier selbst tragen noch die Sprungschuhe zubinden. Deshalb hat Herbert eine Ausnahmegenehmigung von der FIS, der Fédération Internationale de Ski, bekommen, mich bis zum Balken begleiten zu dürfen. Dorthin kann normalerweise kein Betreuer mehr, aber die Trainer haben in der Mannschaftsführersitzung einstimmig beschlossen, dass er mir helfen darf, damit ich weiter an den Wettkämpfen teilnehmen kann. Es ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, denn er muss unmittelbar vor dem Sprung meine Bindung zumachen. Ich kontrolliere selbstverständlich jeden seiner Handgriffe, aber wenn da etwas nicht stimmt und er einen Fehler macht, kann das für mich einen schweren Sturz zur Folge haben.
Sturz? Nein. Ich kann nicht gestürzt sein. Die Bedingungen am Kulm waren perfekt. Kein Wind. Ich bin in großartiger Form, war der Beste im ersten Trainingsdurchgang. Ich habe mich nur geärgert, weil der Sprung nicht perfekt war und mich der Trainer auf keine Fehler hinweisen wollte. Alexander Pointner hat sich als Cheftrainer ganz dem Neurocoaching verschrieben: Positives verinnerlichen und abrufen. Aber ich will doch wissen, was ich falsch mache und warum ich beim letzten Sprung das Gefühl hatte, dass zu viel Druck am Vorderski war und es deshalb in der Luft gebremst hat. Der Sprung war gut. Aber er hätte besser sein können. Für den Trainer war er einfach nur »super«. War er aber nicht. Ich weiß das.
Wieder geht die Tür auf. Diesmal ist es ein etwas älterer Herr um die 50 mit Schnauzer. Der Oberarzt. Auf seiner Nase sitzt eine schlichte, schwarze Brille. Sie macht ihn sehr seriös und das soll sie wohl auch. Sein etwas kleinerer und stärkerer Körperbau, die grauen, schon etwas dünnen Haare, sein Lächeln und der warme Blick lassen ihn gleich sehr sympathisch erscheinen. Auch er will mir etwas von einem Sturz erzählen. Ich hätte mir ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Außerdem eine Lungenquetschung und einige Schürfwunden, vor allem im Gesicht. Worte wie »CT« oder »Röntgen« ziehen durch meinen Kopf an der bewussten Wahrnehmung vorbei. Mich beschäftigt im Moment nur eines. Welcher Sturz? Ich bin müde.
Ich erinnere mich nicht. Ich kann mich an alle Stürze erinnern. In allen Einzelheiten. Ich habe alles immer bewusst erlebt und nichts vergessen. Vielleicht wäre es besser, wenn ich mich an die ganz argen Stürze nicht erinnern könnte. Raus aus dem Kopf. Weg damit. Die Erinnerung an Schmerzen bremst, aber sie hilft auch dabei, Fehler zu vermeiden. Man könnte sagen, die Erinnerung schützt. Aber tut sie das wirklich? Mein erster schwerer Sturz in Kuusamo war nämlich nicht der letzte. Ehrlich gesagt tut die Erinnerung daran ziemlich weh und wäre ich ein misstrauischer Mensch, würde ich diese vermeintliche Schutzfunktion der Erinnerung als kleine Mogelpackung bezeichnen, denn was hat sie genützt, diese Schutzfunktion?
Der Sturz in Kuusamo ist elf Jahre her. 2003. Ich war jung und unverwundbar. Der Weltcupauftakt fand damals in Finnland statt. Ende November ist der hohe Norden recht schneesicher. Kuusamo liegt fast am nördlichen Polarkreis. Das Wetter dort ist um diese Jahreszeit recht instabil und oft sehr windig. Trotzdem mag ich Kuusamo. Diese weite finnische Landschaft, die nur aus Wald und Seen besteht, hat etwas Beruhigendes. Man ist dem Lärm und der Hektik so fern.
Allerdings auch dem nächsten Krankenhaus – falls etwas passiert.
Die Erinnerung. Gerade eben schützt sie mich nicht, sondern macht mich ein wenig verlegen, denn mir ist in Kuusamo nur deswegen etwas passiert, weil ich übermütig war. Vielleicht ja auch genau deshalb, weil ich mich so wohl gefühlt habe, wer weiß?
Mittlerweile ist aus Ruka, so heißt der Ort, in dem die Schanze steht, ein richtiges Wintersportzentrum geworden. Es ist in den letzten Jahren wahnsinnig schnell gewachsen. Damals gab es dort nur die Schanze, ein Hotel, ein paar Holzhäuser und einen großen Parkplatz neben der Skipiste. Wo der Parkplatz war, stehen heute ein Einkaufszentrum mit Lokalen und Appartements. Aber es gefällt mir immer noch, obwohl ich mittlerweile mit Kuusamo automatisch den Sturz verbinde.
Es sollte meine erste komplette Weltcupsaison werden. Ich war in fantastischer Form, so wie am Ende der letzten Saison. Wir sind damals schon ein paar Tage vor dem Weltcupauftakt hingeflogen, um zu trainieren, denn Kuusamo bot die einzige Möglichkeit in Europa, auf einer Schanze mit Schnee zu springen.
Ja, Schnee war dort genug. Und Eis. Kein Wunder bei minus 25 Grad. Da sind sogar die nordfinnischen Tannen eingefroren. Und dazu noch der Wind, der aus den 25 Grad gefühlte 35 macht. Aber die Optik war toll. Alle Bäume waren wie aus weißem Eis gezeichnet. Der See war gefroren und der Himmel leuchtete vier Stunden am Tag blau. Die restlichen 20 Stunden herrscht dort um diese Zeit finstere Nacht. Da leuchtet nichts. In diesen vier Stunden erkennst du ganz klar, wo die finnische Flagge ihren Ursprung hat. Weiß und blau. Zwei dieser Fahnen wehen auch oben am Schanzenturm. Auch dieses Bild hat sich in meine Erinnerung fest eingebrannt.
Trotz der Kälte hat mir das Sprungtraining dort großen Spaß gemacht. Natürlich auch deshalb, weil ich in wirklich großartiger Form war. Ich wusste, unter normalen Umständen musste dieser erste Wettkampf ein Spitzenergebnis bringen. Was mir diese Gewissheit am Ende des Tages eingebracht hat? Einen Krankenhausaufenthalt in Kuusamo. Weil ich übermütig war. Es gibt nichts schönzureden.
Am Wettkampftag war es ziemlich windig. Ich kann mich genau erinnern. Der Wind kam von links vorne. Das ist in Kuusamo die einzige nicht windgeschützte Seite. Auf dieser Seite ist der Kampfrichterturm. Am Vorbau links gleich unter dem Trainerturm steht ein riesiger Windsack. Der ist so groß, dass er sich normalerweise nicht so leicht bewegt. Da braucht es schon ein ordentliches Lüftchen. Der Windsack stand an diesem Tag jedenfalls steif in der Luft und zeigte schräg nach oben. Er war genauso regungslos wie die eingefrorenen Bäume. Das hätte eigentlich schon eine deutliche Warnung sein müssen. Noch deutlichere Warnsignale waren die Schwierigkeiten von Martin Schmitt und Andi Kofler bei ihren Sprüngen. Andi war sogar gestürzt und Sven Hannawald bei 50 Metern notgelandet. Die meisten Athleten waren an diesem Tag auf Sicherheit gesprungen. Ich habe mir gedacht, da darf ich jetzt nicht den Schwanz einziehen. Ich wollte es wie im Training machen und den Sprung voll durchziehen. Ich war 17 Jahre alt, fühlte mich unverwundbar, strotzte vor Kraft. Für den Sieg musste ich schon etwas Risiko in Kauf nehmen.
Auf das, was dann passierte, konnte ich mich vorbereiten, denn ich habe es kommen sehen. Bei meinen üblichen Visualisierungsübungen vor dem Wettkampf, bei denen ich mir meinen Sprung im Kopf genau vorstelle und jede Bewegung visualisiere, sah ich mich einen Salto schlagen. Das hat mich kurz zögern lassen, aber ich bin trotzdem mit vollem Risiko gesprungen, weil ich gewinnen wollte. Klar habe ich gewusst, dass es gefährlich ist und dass mir genau diese Windbedingungen gar nicht liegen. Aber die Verantwortlichen wissen, was sie tun. Die lassen keinen Springer hinunter, wenn es zu gefährlich ist, haben andererseits aber auch einen Wettkampf durchzubringen. Natürlich schaltet die Ampel nur dann auf Grün, wenn der Wind nicht zu stark ist. Aber keiner kann Böen ausschließen und niemand kann ausschließen, dass ein junger und erfolgshungriger Draufgänger bei diesen grenzwertigen Bedingungen eine Spur zu viel Risiko nimmt.
Vertrauen ist eine der wichtigsten Zutaten im Skispringen. Man muss dem Trainer vertrauen, wenn er einem die Freigabe zum Sprung erteilt. Man muss der Jury und der Wettkampfleitung vertrauen, dass die Bedingungen nicht gefährlich sind. Und wie ich an diesem Tag gelernt habe, muss man auch auf sein eigenes Gefühl vertrauen. Wenn es einem so deutlich sagt: »Aufpassen!«, sollte man das tun, denn schlussendlich ist jeder für sich selbst verantwortlich. Auf die innere Stimme hören, das kann ich nicht besonders gut, ich nehme sie wahr, das schon, sehr intensiv sogar, aber wenn es wie in unserem Beruf so viele kompetente Stimmen ringsherum gibt, dann lernt man, auf die zu hören und denen zu vertrauen.
Wettkämpfe an der Grenze der Regularität gibt es genügend. Passiert nichts Schlimmes, steht am Ende ein Ergebnis. Manchmal ist der Gewinner ein Zufallssieger, oft nach nur einem Durchgang. Dann schimpfen zwar alle, aber ein paar Wochen später fragt niemand mehr, wie das Ergebnis zustande gekommen ist, und dem Veranstalter bleiben die finanziellen Schwierigkeiten als Folge einer Absage erspart. Wenn allerdings etwas passiert, wie an diesem Tag in Kuusamo, ist ein Sturz oft der Auslöser für einen Abbruch des Wettkampfes. Dann beginnen die Diskussionen: Hätte man nicht schon früher abbrechen sollen? Hätte man überhaupt beginnen dürfen? Hätte man vielleicht zuwarten sollen? Diejenigen, die trotz der schlechten Bedingungen gut gesprungen sind, ärgern sich, weil sie um ein gutes Ergebnis umfallen, denn bei einem Abbruch gibt es keine Ergebnisse und keine Weltcuppunkte.
In diesem Fall traf es Martin Höllwarth. Er war unmittelbar vor mir gesprungen und in Führung gegangen. Das hat mir für meinen Sprung ein noch besseres Gefühl gegeben. Auch die Kälte machte mir nichts aus. Ich mag es, wenn es kalt ist. Da habe ich das Gefühl, die Luft ist irgendwie dichter und trägt einen besser. Jedenfalls leuchtete mein oranger Anzug durch die finnische Luft. Alles fühlte sich perfekt an: die Hocke, der Absprung, der Übergang ins Flugsystem. Alles deutete auf einen Triumph hin, bis plötzlich in der Luft beide Skier zu meinem Körper schlugen. Mein Oberkörper fiel regelrecht gegen die Skier und ich sah, wie der rechte wegkippte. Ein fürchterliches Gefühl! Einerseits geht alles wahnsinnig schnell, andererseits dauert es eine gefühlte Ewigkeit. Du spürst, wie sich dein Körper in der Luft überschlägt. Du verlierst gänzlich die Orientierung, weißt nicht mehr, wo oben und wo unten ist. Nur eines weißt du in diesem Moment ganz genau: dass es gleich verdammt wehtun wird. Und du wartest auf den Aufprall auf dem pickelharten, eisigen Vorbau. Du beißt die Zähne zusammen, nimmst instinktiv irgendeine Art von Schutzhaltung ein, spannst jeden Muskel im Körper an und hoffst, dass alles nicht so schlimm werden wird, wie du eigentlich schon weißt, dass es wird.
Ich bin auf dem Rücken gelandet. Irgendwie hat es mich dann so gedreht, dass ich auf meinem Hintern zu sitzen kam und über die eisigen Rillen hinuntergerattert bin, die von den Schanzenarbeitern mit ihren Alpinskiern in das Eis getreten worden sind. Das dauerte eine gefühlte Ewigkeit lang, bis ich dachte, die Schmerzen nicht mehr auszuhalten. Dann hat sich mein Körper wie von selbst auf den Rücken gelegt und das letzte Stück bin ich mit dem Kopf nach unten gerutscht. Mein Blick ging ins Nichts. Geschockt habe ich nur das Gefühl genossen, dass mein Körper nicht mehr über die Wellen rattert. Ich bin am Rücken liegen geblieben und habe geweint. Gernot Landerer, unser damaliger Physiotherapeut, war sofort bei mir, hat mich angesprochen und alle wichtigen Körperteile durchbewegt. Besonders das Schienbein hat geschmerzt. Ich dachte im ersten Moment es sei gebrochen, aber ich hatte nur eine böse Schnittwunde vom Ski.
Der Oberschenkel war blau und mein Kopf brummte. Gehirnerschütterung. Mit Halskrause und Folgetonhorn der finnischen Rettung wurde ich ins Krankenhaus von Kuusamo gefahren. Die Gedanken im Rettungswagen waren nicht schön. Das hier war kein harmloser Kindersturz, sondern hat mir gleich zu Beginn meiner ersten kompletten Saison aufgezeigt, was alles passieren kann! Wie geht es meinen Eltern? Hoffentlich machen sie sich keine allzu großen Sorgen! Und so weiter.
Entgegen erster Pressemeldungen hatte ich mir nichts gebrochen, nicht einmal den kleinen Finger. Edi Federer, mein damaliger Manager und leider inzwischen verstorben, hat mich zur Behandlung zu Univ.Doz. Dr. Georg Lajtai nach Klagenfurt gebracht. Mit seiner Hilfe bin ich schnell wieder fit geworden und einen Monat später konnte ich in Oberstdorf wieder springen.
Aber ich bin seit diesem ersten Sturz – unbewusst, aber doch – vorsichtiger geworden. Vor allem bei Wind.
Die Erinnerung bremst.
Jeder Sturz hinterlässt etwas bei dir. Narben manchmal, oft Schmerzen, Erinnerung immer. So war es auch fünf Jahre später, beim Sommertraining in Kuopio. Wieder Finnland. Aber dieser Sturz war ganz anders und nicht vergleichbar mit dem in Kuusamo. Damals war ich in miserabler Form und wir waren auf Stützpunkt-Trainingskurs. Martin Koch, der zweite Kärntner in der Nationalmannschaft, und ich waren mit Heinz Kuttin in Kuopio, um nach einer schlechten Saison neue Wege zu gehen. Die neue Stab-Bindung war in dieser Saison ein großes Thema und ich hatte die Skimarke gewechselt. Wir wollten die neue Bindung testen, deshalb war auch der Vertreter der Bindungsfirma extra angereist, um uns bei der Feinabstimmung zu unterstützen. Meine Erwartungen waren sehr hoch, denn eine weitere so schlechte Saison wollte ich weder mir noch meinen Fans zumuten. Daher mussten so schnell wie möglich Ergebnisse und Fortschritte her. Ergebnisdruck, Erwartungsdruck, Ungeduld – eine schlechte Kombination und eine fatale Ausgangslage! Aber ihr sollte ein wichtiger Lernprozess folgen, denn ich springe jetzt immer mit Sicherheitsband an der Bindung. Also. Ab jetzt springe ich immer mit Sicherheitsband an der Bindung. Auch damals schon. Eigentlich. Außer bei zwei Sprüngen, bei denen ich das Gefühl in der Luft einmal mit meiner alten und einmal mit der neuen Bindung vergleichen wollte. Daher bin ich zunächst mit meiner gewohnten Bindung gesprungen. Dann war die neue dran, die auf einem anderen Ski montiert war. Ich musste also nur den Ski wechseln, der allerdings nicht mit einem Sicherheitsband versehen war. Dieses Band muss extra montiert werden, was zwar mühevoll und einigermaßen kompliziert ist, im seltenen Fall eines Bindungsbruchs während des Sprungs den Ski aber am Schuh hält. Das kann lebensrettend sein.
Wie viel Arbeit wäre es schon gewesen, das Sicherheitsband auch auf diesem Ski zu montieren? Wir haben es jedenfalls nicht gemacht und zum ersten Mal überhaupt bin ich ohne Sicherheitsband gesprungen. Das Gefühl beim ersten Sprung war okay. Es war ein Sicherheitssprung. Beim zweiten Sprung fühlte ich mich schon wesentlich sicherer und wollte deshalb etwas mehr Gas geben und kraftvoller wegspringen. Es war ein gutes Gefühl. Ich bin sofort so richtig gut ins Fliegen gekommen und stellte mich auf eine ziemlich hohe Weite ein. Am Ende des Vorbaus, wo der Luftstand am höchsten ist, weil es dort steil wird, ist plötzlich die linke Bindung aufgegangen und ich habe den Ski verloren. Das ist ein wirklich fürchterliches Gefühl.
Du fliegst, bist etwa 105 km/h schnell, hast einen Luftstand von rund fünf Metern, fixierst mit deinen Augen den fiktiven Landepunkt jenseits der Hillsize und plötzlich ist dein Ski weg. Das ist, als machte man einen Schritt und plötzlich ist kein Boden mehr da und du trittst ins Leere. In der Luft ist das, wie wenn du am Bauch in einer Hängematte in fünf Meter Höhe liegst und plötzlich die Schnur abreißt. Du erschrickst, greifst ins Nichts und hast einen ziemlich unbequemen Aufprall vor dir.
Es ist alles wahnsinnig schnell gegangen. Glücklicherweise war ich nicht schwer verletzt. Der Ellbogen hat wehgetan und die Hand, aber ich habe Glück gehabt. Diesmal war es vor allem heftiger Ärger über mich selbst, der meine Gefühlswelt dominiert hat, denn es war schlicht fahrlässig, ohne Sicherheitsband zu springen. Soviel Zeit hätte mir die eigene Sicherheit wert sein müssen. Es gibt einige Kollegen, die generell ohne Sicherheitsband springen, was ich persönlich nie verstanden habe. Trotzdem habe ich es jetzt selbst gemacht und prompt hat es mich erwischt.
Selbstvorwürfe helfen keinem, heißt es, aber ich glaube, das stimmt nicht ganz. Mir haben meine Antworten auf meine eigenen Vorwürfe in diesem Fall deutlich gemacht, dass es einmal mehr die Ungeduld und mein eigener Erwartungsdruck waren, die mich letztendlich zum Stürzen brachten. Und das Ignorieren meiner inneren Stimme, denn es war nicht so, dass ich nicht daran gedacht hätte, das Sicherheitsband montieren zu lassen und dennoch habe ich mein Bauchgefühl ignoriert.
Nach einem Autounfall, sagt man, soll man sich schnellstmöglich wieder ans Steuer setzen oder gleich wieder aufs Pferd steigen, wenn man abgeworfen wurde. Damit die Angst nicht zu viel Raum bekommt und zu viel Chance hat, sich breitzumachen. Zum Glück war ich nach diesem Sturz körperlich schnell wieder in der Verfassung an den Start zu gehen. Andernfalls hätte sich der Schreck wohl deutlich tiefer festgesetzt, aber geblieben ist auch nach diesem Sturz in Kuopio etwas. Die nächste Bremse im Unterbewusstsein. Das Bewusstsein, dass das Material schadhaft sein und ich das nicht beeinflussen, geschweige denn erkennen kann. Aber man kann das Risiko minimieren. Ich bin diese Bindung nie wieder gesprungen. Zwei Jahre später hat der Österreichische Skiverband selbst eine Stab-Bindung entwickelt, die ich dann auch verwendet habe. Aber immer mit Sicherheitsband!
Es ist beinahe ein wenig ironisch, dass so ein Sicherheitsband nicht zwingend immer Schlimmeres verhindert. In Titisee-Neustadt im Dezember war das Band dann nämlich eher kontraproduktiv. Das war allerdings Pech, aber das ist trotzdem kein Trost. Ob Pech oder nicht: Es war mein dritter schwerer Sturz und für meine Psyche war dieser besonders fatal.
Am Tag zuvor hatte ich erstmals seit zwei Jahren wieder ein Weltcupspringen gewonnen. Endlich hat alles wieder so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich hatte die schlimmste Zeit meines Lebens hinter mir. Privat. Mit starken Auswirkungen auf meinen Beruf. Neun Monate lang habe ich mich emotional zerrissen gefühlt. Die Geburt meiner Tochter, die Trennung von meiner Lebensgefährtin, eine neue Liebe, Ohnmacht, mit meinen Gefühlen umzugehen, ein unglaublicher Druck der Öffentlichkeit, der mich zu überrollen drohte, Angst, Aggression, Lügen, Ausweglosigkeit. Diese Horrorzeit hatte ich nun hinter mir. Ich hatte wieder ein Skispringen gewonnen, hatte Vertrauen, war stolz und dankbar. Ich hatte auch das schöne Gefühl, dass mir alle diesen Erfolg gegönnt haben. Für mich war es ein Moment, auf den ich lange gewartet habe. Jetzt war er da. Viel Last ist von meinen Schultern gefallen und deswegen war auch die Freude auf den zweiten Wettkampftag groß.
Die Bedingungen waren perfekt. Kaum Wind, schönes Wetter. Mein Probesprung war überragend. Ich war voll und ganz auf den nächsten Sieg eingestellt und ich spürte, in meinem Leben würde es von nun an wieder bergauf gehen. Der Sprung war perfekt. Wie im Schwebeflug segelte ich klar über jene virtuelle Linie, die es zu überfliegen gilt, um in Führung zu gehen. Es war ein Sprung, der dich glücklich macht, so gut hat er sich angefühlt. Krönen wollte ich ihn mit einem extra schönen Telemark. Meine Beine formten knapp vor der Landung die dafür notwendige Schrittstellung, mein Oberkörper richtete sich auf, die Arme gingen gestreckt zur Seite, die Fingerspitzen zeigten nach oben. Alles war so, wie es sein sollte.
