Über uns Stille - Morton Rhue - E-Book + Hörbuch

Über uns Stille E-Book

Morton Rhue

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Beschreibung

Die Angst wächst jeden Tag. Scotts Vater hat einen Bunker im Garten bauen lassen. Seitdem stellt Scott sich quälende Fragen: Wird er es rechtzeitig in den Bunker schaffen, wenn der Krieg kommt? Und was, wenn dort kein Platz mehr für ihn ist, weil die Nachbarn schneller waren? Wie lange muss man eigentlich in so einem Bunker bleiben? Hätten sie überhaupt eine Chance zu überleben, wenn draußen alles verseucht wäre?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 256




Inhalt

Impressum

Widmung

Motto

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Heimkehr

Autoreninformation

Als Ravensburger E-Book erschienen 2012© 2012 by Todd Strasser

Published by arrangement with Todd StrasserDie deutschsprachige Print-Ausgabe erschien 2012 in der Ravensburger Verlag GmbH© 2012 Ravensburger Verlag GmbH für die deutschsprachige AusgabeAus dem Englischen von Katarina GanslandtAlle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbHISBN 978-3-473-38489-1www.ravensburger.de

Für meinen Vater

»Es ist Irrsinn, dass zwei Männer, die an den entgegen­gesetzten Enden der Welt sitzen, über den Untergang der Zivilisation entscheiden können.«

John F. Kennedy27. Oktober 1962, auf dem Höhepunkt der Kubakrise

1

Ich schrecke aus dem Schlaf. Jemand rüttelt mich grob an der Schulter, dann höre ich Dads Stimme.

»Aufwachen, Scott! Steh auf! Schnell!«

Im Zimmer brennt Licht. Meine innere Uhr sagt mir, dass es mitten in der Nacht ist. »Was ist denn los?«

»Wir werden angegriffen.«

Dad steht jetzt neben Sparkys Bett und rüttelt ihn auch wach.

Angegriffen? Während mein schlaftrunkenes Gehirn noch zu begreifen versucht, was passiert ist, höre ich in der Ferne Sirenen heulen. Sie klingen nicht so wie sonst, wenn es irgendwo brennt, sondern viel schriller und bedrohlicher.

»Neeein …« Sparky wälzt sich stöhnend auf die andere Seite. Statt lange Erklärungen abzuliefern, packt Dad ihn mitsamt seiner Decke und hebt ihn aus dem Bett. »Lass mich!« Sparky strampelt und tritt mit den Beinen, aber Dad drückt ihn noch fester an sich und dreht sich dann zu mir um. »Zum Bunker!«

Mit einem Satz bin ich aus dem Bett gesprungen und folge Dad in den Flur hinaus. Mein Herz klopft wie wild, als ich barfuß über die kalten Fliesen Richtung Spielzimmer laufe, wo ich beinahe mit Mom zusammenstoße, die gerade aus der Küche gerannt kommt. Sie trägt Essens­sachen in den Armen – Toastbrot, Schachteln mit Crackern und Keksen, eine Packung Schmelzkäse.

»Los, los!«, treibt Dad uns zur Eile an. Im dunklen Spielzimmer schiebt er die Tür vom Wandschrank auf und räumt hektisch die Spielsachen zur Seite, die auf der rot lackierten Falltür liegen. Draußen heulen weiter die Sirenen.

»Was ist denn passiert?«, fragt Sparky ängstlich.

Mom stellt die Lebensmittel auf den Boden, kniet sich neben ihn und nimmt ihn in den Arm. »Nichts Schlimmes, mein Kleiner. Du musst dir keine Sorgen machen.«

Plötzlich hören wir lautes Klopfen an der Haustür.

»Wer ist das?«, frage ich erschrocken.

Statt zu antworten, wuchtet Dad die schwere Eisenklappe hoch und deutet auf die Öffnung. »Du zuerst!«, sagt er zu mir.

Es ist stockfinster dort unten.

»Aber ich sehe doch gar nichts!«

»Du kannst die Sprossen mit den Füßen ertasten.«

Irgendwo im Haus splittert Glas.

Sparky fängt an zu weinen. »Was war das?«

»Nichts Schlimmes«, sagt Mom noch einmal und schaut dann zu Dad hoch. »Beeil dich!«

Dad schiebt mir die Hände unter die Achseln und hebt mich in die Öffnung. Meine Füße baumeln ins Leere und ich kralle mich panisch an seinen Unterarmen fest.

Im Flur sind Schritte zu hören. Dad wirbelt so schnell herum, dass ich mit herumschwinge, aber es ist nur Janet, unsere Haushälterin, die einmal in der Woche bei uns übernachtet. Sie steht in ihrem hellblauen Bademantel in der Tür und sieht uns mit ängstlich aufgerissenen Augen an.

Dad dreht sich wieder um und hält mich über das schwarze Loch. »Und jetzt runter mit dir!«, befiehlt er.

»Richard?«, ruft eine Männerstimme irgendwo im Haus.

Ich spüre kaltes Eisen unter meinen nackten Füßen, lasse Dad los, halte mich mit einer Hand an der obersten Sprosse fest und klettere vorsichtig abwärts. Die Sprossen der in die Wand einbetonierten Leiter schneiden mir schmerzhaft in die Fußsohlen. Kühle, modrig riechende Luft kommt mir entgegen. Plötzlich fällt von oben etwas an mir vorbei. Das Toastbrot und die Schachteln mit den Crackern und Keksen verschwinden in dem dunklen Abgrund. Moms nackte Füße tauchen auf der Sprosse über mir auf.

»Beeilt euch!«, ruft Dad.

»Aua!«, heult Sparky. Vielleicht hat Dad ihn aus Versehen irgendwo angestoßen, als er ihn wie mich vorher in die Luke gehoben hat.

»Pass bitte auf, Richard!«, ruft Mom, die sich über mir an den Sprossen festklammert.

Im nächsten Moment spüre ich nackten Beton unter meinem rechten Fuß, mit dem linken lande ich knirschend auf einer der Kekspackungen. Ich bin unten.

»Hierher! Sie sind hier!«, höre ich eine fremde Männerstimme aufgeregt rufen.

»Nimm ihn mir ab! Schnell!«, ruft Dad Mom zu. Sparky schreit auf und fast im selben Augenblick sehe ich, wie seine Füße von der Sprosse abrutschen. Mom klammert sich mit einer Hand an der Leiter fest und versucht, meinen Bruder mit der anderen aufzufangen, aber er ist so schwer, dass sie das Gleichgewicht verliert. Ich habe gerade noch Zeit, aus dem Weg zu springen, als sie – Sparky an ihre Brust gedrückt – mit einem harten Aufprall neben mir auf dem Boden landet.

Ich stoße einen Schrei aus. »Mom!«

Als Nächstes kommt Janet die Sprossen der Leiter zu uns heruntergeklettert. Von oben höre ich angestrengtes Keuchen und kurz darauf dumpfe Schläge, die wie Boxhiebe klingen.

»Hey! Loslassen!«, brüllt Dad.

Und es ist klar, dass er damit nicht uns meint.

2

»Ich könnte fressen ein ganzes Pferd, Kemo Sabe«, sagte Spinner mit der Stimme von Tonto. Tonto war der treue indianische Begleiter des Lone Ranger aus unserer Lieblingsfernsehserie und Spinner hieß in Wirklichkeit Gordon Freeman, aber wir nannten ihn immer nur Spinner, weil … na ja, weil er eben einer war.

Es war der letzte Tag der Sommerferien des Jahres 1962 und Spinner, Ronnie und ich fläzten uns auf dem Rasen der Freemans herum. Zwischen uns stand das schwarze Transistorradio von Spinner, in dem ein Spiel der Yankees gegen die Los Angeles Angels übertragen wurde. In der ersten Hälfte des siebten Innings führten die Yanks vier zu eins, aber Whitey Ford hatte gerade einen Homerun und zwei Walks zulassen müssen.

»Ich sage, dass die Yanks verlieren. Wer wettet dagegen?«, fragte Ronnie. Das war typisch. Ronnie wollte immer um alles wetten.

»Ich viel, viel Hunger habe!«, stöhnte Spinner, der mit gekreuzten Beinen neben mir saß. Er war groß, und schlaksig, hatte braune Haare und Sommersprossen und trug eine herausnehmbare Zahnspange.

Ich lag auf dem Rücken, ließ mir von den Grashalmen Nacken und Ohren kitzeln und blickte zu den weißen Schäfchenwolken am blauen Himmel auf. Es war Anfang September und die Sonne wärmte unsere Gesichter und nackten Arme. Morgen war unser erster Schultag in der sechsten Klasse, aber daran wollten wir heute keinen Gedanken verschwenden. Die Angels hatten inzwischen vier Hits und sechs Runs erzielt und sich nur einen Error geleistet, sodass sie jetzt sechs zu vier führten. Ford wurde ausgewechselt. Unsere Hoffnungen schwanden.

Ronnie zupfte einen Kleehalm aus dem Rasen, steckte ihn sich zwischen die Lippen und saugte daran. »Wer hat Lust auf einen Sara-Lee-Cheesecake?«, fragte er. Ronnie war klein und stämmig und hatte schwarze Haare, die er an den Seiten mit Gel zurückkämmte und hinten zu einem Entenschwanz formte, während ihm vorne eine Schmalzlocke in die Stirn fiel. Er trug eines dieser kurzärmligen, bunt karierten Hemden, die gerade groß in Mode waren. Spinner hatte ein ganz normales weißes T-Shirt mit V-Ausschnitt an und ich ein weißes Polohemd mit einem kleinen grünen Krokodil auf der Brust.

Beim Gedanken an die sahnig süße Frischkäsefüllung und den Boden aus zerkrümeltem Butterkeks, für den die Sara-Lee-Tiefkühltorten berühmt waren, knurrte mir sofort der Magen. Obwohl in einer Stunde Abendessenszeit war und ich mir garantiert den Appetit verdarb, wenn ich jetzt Kuchen aß, fragte ich: »Und wo sollen wir einen herbekommen?«

»Bei Linda in der Garage gibt’s ungefähr eine Million davon.«

Das war natürlich maßlos übertrieben, aber wir wussten sofort, was Ronnie meinte. Keiner der Bungalows in unserer Nachbarschaft war unterkellert, weshalb die meisten Familien ihre mit Vorräten gefüllten Tiefkühltruhen in der Garage stehen hatten.

»Heißt das, du willst ihn klauen?«, fragte ich und zupfte nervös an den Haaren hinter meinem rechten Ohr. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie etwas gestohlen, höchstens mal ein paar Kekse aus der Küche stibitzt, wenn Mom gerade nicht da gewesen war, oder mir heimlich ein paar von unseren an Halloween erbeuteten Süßigkeiten geholt, die Dad für uns im Schrank aufbewahrte – angeblich, damit wir uns nicht den Magen daran verdarben. Aber wir hatten den starken Verdacht, dass er das nur behauptete, um selber was davon abzukriegen.

»Das ist nicht klauen. Wir kennen Linda doch«, zerstreute Ronnie meine Zweifel. »Habt ihr mal gesehen, was die alles in ihrer Tiefkühltruhe haben? Die ist so mit Fressalien vollgepackt, dass es Mrs Lewandowski gar nicht auffällt, wenn ein Kuchen fehlt.«

Linda hatte noch vier Geschwister, weshalb es durchaus möglich war, dass ihre Mutter tatsächlich so viele Vorräte hortete, dass sie sich nicht einzeln an alles erinnern konnte. Aber das war trotzdem kein Freibrief für uns. Spinner warf mir einen unbehaglichen Blick zu. Ich sah ihm an, dass ihm bei dem Gedanken, den Lewandowskis einen Kuchen zu stehlen, genauso unwohl war wie mir, selbst wenn sie so viele gehabt hätten, dass man jedem Zuschauer im Yankee-Stadion einen hätte schenken können.

»Was sagen Kemo Scott dazu?«, fragte er mich.

»Ich weiß nicht«, murmelte ich. »Und wenn wir erwischt werden?«

Ronnie riss noch einen Kleehalm aus dem Rasen und saugte daran. »Was macht das schon? Wenn wir Pech haben, sind wir morgen alle tot. Aber dann haben wir vorher wenigstens noch leckeren Kuchen gegessen.«

3

Mom liegt reglos auf dem Betonboden. Während Janet zu uns herunterklettert, beobachte ich, wie Dad sich mit der linken Hand an der Leiter festklammert und gleichzeitig versucht die Luke zu schließen. Aber die Leute oben wollen ihn daran hindern. »Richard! Bitte, Richard!« Ihre Stimmen überschlagen sich vor Panik. »Lassen Sie uns runter! Sie können uns nicht hier draußen sterben lassen!«

Ich kauere auf dem kalten Betonboden und habe solche Angst, dass ich am liebsten weinen würde. Jedes Mal wenn die Leute oben es schaffen, die Falltür ein paar Zentimeter aufzustemmen, fällt Licht in den Schacht, und sobald Dad sie zuzieht, wird es schlagartig wieder dunkel. In einem der Momente, in denen es hell ist, sehe ich, dass Mom seltsam verdreht auf dem Rücken liegt. Eines ihrer Beine ist angewinkelt, das andere lehnt an der Wand. Sparky liegt auf ihr und schluchzt.

Janet ist jetzt auf der untersten Sprosse angekommen.

»Achtung!«, rufe ich warnend.

Sie sieht nach unten. »Um Gottes willen, Mrs Parker!«

Ich rapple mich auf und greife nach ihrem Arm, um sie zu stützen, damit sie nicht über Mom und Sparky stolpert.

Plötzlich wird die Klappe über uns so weit aufgerissen, dass das schrille Heulen der Sirenen zu uns herabdringt. Einer der Männer stößt einen lauten Fluch aus. Dad zieht mit aller Kraft an der Tür und sieht zu mir herunter. Sein Gesicht ist vor Anstrengung verzerrt und er beißt die Zähne aufeinander. Lass sie rein!, will ich ihn anflehen, aber ich sage nichts, weil genau das immer mein größter Albtraum war, seit er mir das erste Mal von dem Bunker erzählt hat. Was passiert, wenn dort unten viel zu viele Menschen Zuflucht suchen wollen? Wenn immer mehr dazukommen? Wenn sich so viele in den Bunker zu quetschen versuchen, bis diejenigen, die ganz hinten stehen, erdrückt werden und ersticken? Ich kenne in unserer Nachbarschaft keine andere Familie, die einen Bunker gebaut hat – aber alle wissen, dass wir einen haben.

Die Falltür wird wieder aufgerissen. Jemand schiebt eine Eisenstange durch den Spalt und schlägt damit nach Dads Händen. Ich erkenne die Stange wieder. Sie stammt von unserem Federballnetz.

»Schnell, ich brauche das Seil!«, ruft Dad mir zu. Er umklammert jetzt mit beiden Händen den Griff an der Klappe und hat seine Füße so in den Sprossen verkeilt, dass er nicht abrutschen kann. Jedes Mal wenn die Männer draußen die Klappe hochreißen, wird sein Körper für einen Augenblick in die Länge gestreckt.

»Wo ist es?«, rufe ich.

»Hängt an der Wand!«

Ich stehe in einem schmalen Gang mit nackten Betonwänden und kann kaum etwas sehen. Aber weil ich schon einmal hier unten gewesen bin, weiß ich, dass Dad die Wand im eigentlichen Bunkerraum meint. Allerdings reicht das bisschen Licht, das immer wieder durch den Spalt oben fällt, nicht aus, um dort drinnen etwas zu erkennen.

»Aber ich sehe doch nichts!«, rufe ich.

»Mach Licht!«, keucht Dad.

»Wie?«

»Von der Decke hängt eine Strippe!«

Ich taste mich an den Wänden voran, bis ich den Durchgang zum Bunker erreicht habe. Es ist stockfinster. Vorsichtig gehe ich mit nach oben gereckten Armen im Raum herum. Endlich fühle ich die Schnur. Als ich daran ziehe, wird es schlagartig so hell, dass ich einen Moment geblendet bin. Blinzelnd schaue ich mich um. Da stehen die beiden rechtwinklig zueinander aufgestellten Hochbetten, die Holzregale, in denen Nahrungsmittel und andere Vorräte gestapelt sind, und an der Wand gegenüber hängt das aufgerollte Seil, von dem Dad gesprochen hat. Ich nehme es vom Haken und renne wieder in den kleinen Vorraum hinaus. Janet presst sich an die Wand und sieht ängstlich zu Dad auf. Sparky kauert schluchzend neben Mom, unter deren Hinterkopf sich eine dunkel glänzende Lache gebildet hat.

Auf der anderen Seite der Luke hat mittlerweile jemand zusätzlich zu der Eisenstange auch noch einen Tennisschläger in den Spalt gezwängt. Sie versuchen mit aller Gewalt die Klappe aufzustemmen.

Dad hält mir eine Hand hin. »Scott! Das Seil!«

So schnell ich kann, klettere ich die Leiter hinauf und recke mich ihm so weit entgegen, bis er das Seil greifen kann. »Was ist mit Mom?«, frage ich.

Dad antwortet nicht. Auf einmal sehe ich, wie sich Finger in den Lukenspalt schieben. Erst sind es nur ein paar, dann werden es immer mehr. Die Leute dort oben ziehen mit solcher Kraft, dass sich ihre Fingerknöchel vor Anstrengung weiß verfärben.

Dad versucht das Seil um den Lukengriff zu schlingen, aber es rutscht ab und landet klatschend auf dem Boden. »Verdammt!«

Wieder umklammert er den Griff mit beiden Händen und hängt sich mit seinem ganzen Gewicht daran, aber mittlerweile haben sich noch mehr Finger in den Spalt geschoben. Alle helfen mit, die Klappe nach oben zu stemmen. Ich sehe nackte Füße, Schlafanzughosen und die Säume von Bademänteln. Dann taucht ein Männergesicht auf und späht zu uns herunter. Die Lippen sind entschlossen aufeinandergepresst wie die von Dad. Die Falltür wird noch ein Stückchen weiter angehoben. Dad lässt nicht los, muss sich aber so sehr strecken, dass ein Streifen nackter Haut zwischen Schlafanzughose und Oberteil zu sehen ist.

»Ahhh!«, stöhnt er. Im nächsten Moment verliert er das Gleichgewicht, greift instinktiv mit einer Hand nach einer Sprosse, um sich festzuhalten, und lässt den Griff los.

Die Falltür fliegt auf und es wird schlagartig heller. Ich höre erstaunte Rufe und lautes Poltern, als wären die Leute, die an der Klappe gezogen haben, durch das plötzliche Fehlen des Widerstands nach hinten umgefallen. Die Eisenstange und der Tennisschläger fliegen zu uns herunter. Ich ducke mich und hebe schützend die Hände vors Gesicht. Mom wird getroffen, rührt sich aber nicht. Sparky schreit auf und hält sich den Kopf. In dem erleuchteten Viereck über uns erkenne ich Gesichter. Es sind Ronnie und seine Eltern. Mr McGovern und Paula …

Sie wirken erstaunt, können es wohl selbst nicht glauben, dass sie es geschafft haben, die Falltür zu öffnen. Mein Vater hält sich an den Sprossen in der Wand fest und starrt sie feindselig an. Wenige Sekunden lang passiert nichts, als hätten sich unsere Nachbarn so da­rauf konzentriert, die Klappe aufzustemmen, dass sie nicht darü­ber nachgedacht haben, was sie tun sollen, wenn es ihnen gelingt.

»Sie können hier nicht rein«, protestiert Dad. »Der Platz reicht nicht für so viele!«

Die Gesichter über ihm blicken grimmig entschlossen.

»Ronnie, du kletterst runter!«, höre ich Mr Shaw rufen.

»Aber Scotts Vater hat doch gesagt …«

»Mach schon!«, drängt Mr Shaw.

Ronnie dreht sich gehorsam um, seine nackten Füße tasten nach der ersten Sprosse. Dad schlägt sie weg.

»Er lässt mich nicht!«, jammert Ronnie.

Seine Füße verschwinden blitzschnell, als hätte ihn jemand nach oben weggezogen. Stattdessen sehe ich jetzt größere Füße. Männerfüße. Dad versucht sie wegzuschieben, aber sie treten nach ihm. Beine in einer gestreiften Schlafanzughose zwingen Dad immer weiter die Sprossen hinunter.

»Wegen Ihnen werden wir alle sterben!«, ruft er verzweifelt.

Der Mann in der gestreiften Schlafanzughose stößt einen unterdrückten Fluch aus. Es ist Mr Shaw, Ronnies Vater.

»Pass auf, Dad!«, kreische ich. »Mom liegt direkt vor der Leiter!«

Dad springt vorsichtig von der untersten Sprosse, um nicht auf Mom zu treten, dicht gefolgt von Mr Shaw.

»Kommt mit, Jungs!« Er schiebt die Hände unter Moms Schultern, zieht sie von der Leiter weg und drängt mich rückwärts aus dem Vorraum in den Bunker. Sparky flüchtet sich in meine Arme und drückt sich an mich. Sein Herz klopft so schnell wie das von Spinners Hamster. Ich werfe noch einen letzten Blick nach oben und sehe, wie Mr Shaw gerade Ronnie hilft, herunterzuklettern, während ihnen von oben weitere Leute nachfolgen. Mein schlimmster Albtraum wird Wirklichkeit. Wir werden hier drin zerquetscht.

4

Bei Ronnie wusste man nie, welchen Spruch er als Nächstes bringen würde, aber als er an diesem Sommernachmittag, an dem wir nur Gedanken für Baseball und Kuchen hatten, sagte, dass wir am nächsten Tag alle tot sein könnten, erwischte mich das eiskalt.

»Wovon redest du?«, fragte Spinner.

»Vom Atomkrieg«, sagte ich nach kurzem Nachdenken, weil das der einzige Grund war, der mir einfiel, weshalb wir drei am nächsten Tag sterben könnten. Die Furcht vor einem drohenden Krieg war in den letzten Wochen immer stärker geworden. Schuld daran war ein Land, das Kuba hieß und irgendwo südlich von Florida auf einer Insel lag. Es wurde von einem Kommunisten namens Fidel Castro regiert, der einen zotteligen Bart hatte, immer in einer grünen Militäruniform herumlief und Zigarren paffte.

»Mein Vater hat gesagt, dass die Russen Schiffe mit Kampfflugzeugen und Raketen nach Kuba schicken«, erzählte Ronnie. »Er denkt, dass Castro alles für einen Angriff vorbereitet, und wenn wir zurückschlagen, werfen die Russen die Bombe auf uns.«

Die Russen waren Kommunisten. Gefährliche, böse Menschen. Ihr dicker, glatzköpfiger Anführer hieß Nikita Chruschtschow und hatte ein schiefes Gebiss mit einer hässlichen Lücke zwischen den Schneidezähnen, was deutlich zeigte, dass die Russen nichts von Zahnspangen hielten. Außerdem hatte er einmal mitten in einer Rede vor den Vereinten Nationen so einen Wutanfall bekommen, dass er mit einem seiner Schuhe auf das Pult hämmerte. Damit war zweifelsfrei bewiesen, dass er und all die anderen russischen Kommunisten unberechenbar und gewalttätig waren und wahrscheinlich auch verrückt genug, um die Atombombe auf uns zu werfen, selbst wenn das bedeutete, dass wir dann zu einem Vergeltungsschlag gezwungen wurden, der praktisch die gesamte Welt auslöschen würde.

»Aber Kemo Scott hat Atombunker tief unter Erde. Ihm nichts niemals passieren kann«, sagte Spinner in Indianersprache.

Den Kleehalm immer noch zwischen den Lippen, stemmte Ronnie sich hoch. »Mein Vater sagt, dass er lieber tot wäre, als sich in einem Bunker zu verkriechen. Was soll das bringen, Scott? Nach der Bombe wird es sowieso kein Leben mehr auf der Erde geben. Keine Tiere, keine Pflanzen und nichts zu essen. Kein Fernsehen und keine Schule. Und keine Freunde. Die Menschen werden alle tot sein.«

»Nicht überall«, widersprach ich.

»Aber hier«, sagte Ronnie. »Mit wem willst du dann befreundet sein? Mit Eskimos?«

Der Einwand war berechtigt und gehörte zu den vielen verwirrenden und beängstigenden Fragen, die ich mir selbst stellte, seit mein Vater unter unserem Haus einen Bombenschutzbunker hatte bauen lassen.

Ronnie streckte mir die Hand hin. »Los komm, lass uns Kuchen essen.«

Ich sah zu ihm auf und spürte, wie sich mir bei dem Gedanken an den bevorstehenden Diebstahl schmerzhaft der Magen zusammenzog.

»Was ist?« Ronnie grinste. Ein Wolf im Schafspelz.

Ich zögerte wie immer, wenn Ronnie eine seiner Ideen hatte, die uns in der Regel vor allem eines einbrachten: Ärger.

Spinner griff nach seinem Transistorradio und sprang auf. Er war der einzige Junge, den ich kannte, der aus dem Schneidersitz aufstehen konnte, ohne sich dazu mit den Händen abzustützen. Wir gingen an den Häusern unserer Nachbarn vorbei, von denen jedes auf einem riesigen Grundstück stand und einen Vorgarten hatte, der so breit war, dass ein paar Zwölfjährige prima Football da­rauf spielen konnten.

Bald kam Lindas Haus in Sicht, das zu den wenigen zweistöckigen Gebäuden in unserer Straße gehörte. Während wir darauf zugingen, fragte ich mich, wie Ronnie es anstellen wollte, die Torte aus der Gefriertruhe zu klauen, ohne dass eines der vielen Lewandowski-Kinder oder Mrs Lewandowski selbst es mitbekamen.

Aber wie es aussah, würde mir das Schicksal erspart bleiben, zum Dieb zu werden.

»Das Garagentor ist zu«, verkündete ich und versuchte, mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen.

Ronnie feixte. »Klar ist es zu, weil sie nämlich nicht zu Hause sind. Linda hat mir erzählt, dass sie heute Nachmittag zum Kieferorthopäden muss.«

Die Lewandowskis hatten einen Kombi und immer wenn Mrs Lewandowski eines ihrer Kinder irgendwo hinfahren musste, nahm sie auch alle anderen mit. Wir sahen sie oft im Zickzackkurs durch unsere Straße fahren, wenn sie den Wagen mal wieder nur mit der linken Hand steuerte, weil sie mit der rechten nach hinten griff und einem ihrer Kinder, das sich danebenbenahm, eine Kopfnuss verpasste.

»Und … was machen wir jetzt?«, fragte ich und knabberte an meiner Unterlippe.

»Na, was wohl? Wir gehen rein und holen uns den Kuchen.« Ronnie blieb in der Einfahrt stehen und betrachtete das Haus, das in einem Braun gestrichen war, das mich immer an Schokoladenpudding erinnerte.

»Du meinst, wir machen einfach das Garagentor auf?« Mein Unbehagen wuchs, als würde das Öffnen eines geschlossenen Garagentors ein noch schlimmeres Verbrechen darstellen, als das Betreten einer bereits offen stehenden Garage. Ich zupfte an den Haaren hinter meinem rechten Ohr.

Ronnie seufzte. »Nein, Scott. Ich gehe direkt durch das geschlossene Tor wie der böse Wissenschaftler aus ›Der 4-D-Mann‹.«

»Er kann durch Wände gehen«, ahmte Spinner die tiefe, unheilschwangere Stimme nach, mit der im Fernsehen Werbung für den Film gemacht wurde. »Den Mann aus der vierten Dimension kann nichts und niemand aufhalten.«

Ich wäre am liebsten nach Hause gegangen. »Ich weiß nicht, Ronnie. Willst du das wirklich machen?«, fragte ich in der Hoffnung, er würde selbst erkennen, wie blöd sein Plan war.

»Was ist denn schon dabei?«, sagte Ronnie. »Die Lewandowskis sind unsere Nachbarn. Unter Nachbarn leiht man sich doch gern mal was aus.«

»Aber da fragt man vorher«, wandte ich ein.

»Wenn sie zu Hause wären, würde ich sie ja auch fragen«, behauptete Ronnie. Er ging ein paar Schritte auf die Garage zu und sah dann über die Schulter zu uns zurück.

»Oder traut ihr euch etwa nicht?«

5

Da, wo Dad Mom über den Boden gezogen hat, glänzt eine dunkelrote Schleifspur auf dem Beton. Er ist gerade dabei, sie auf eines der unteren Betten zu hieven, als Ronnie und Mr Shaw in ihren Schlafanzügen in den Raum treten und sich umsehen. Kurz darauf kommt auch noch Mrs Shaw herein. Sie hat einen rosafarbenen Morgenmantel an. Aus dem Vorraum dringen laute Stimmen zu uns. »Schnell! Runter mit dir!«, ruft ein Mann.

Obwohl Mom noch nicht ganz im Bett liegt und ihre Beine seitlich über die Kante hängen, richtet Dad sich auf und dreht sich zu Mr Shaw um. »Wir werden alle sterben!«, stößt er wütend hervor. »Wir sind jetzt schon zu viele und haben nicht genug zu essen und zu trinken für die, die bereits hier sind.«

Noch während er spricht, stolpert Paula in den Bunker. Ihr Gesicht ist tränenüberströmt und sie zittert vor Angst. Mr Shaw und mein Vater sehen sich an und verschwinden dann wortlos im Vorraum. Sparky klammert sich immer noch an mir fest. Mrs Shaw, die Ronnie an sich drückt, streckt den Arm nach Paula aus und zieht sie ebenfalls an sich.

Ich höre, wie Dad und Mr Shaw rufen, dass der Bunker voll sei. Dann brüllt ein Mann mit sich überschlagender Stimme: »Aber meine Tochter ist da unten!«

»Daddy!«, schluchzt Paula verzweifelt. Mrs Shaw drückt sie noch fester an sich und sagt ihr, dass alles gut wird. Aber ich weiß, dass nichts gut werden wird. Es gibt einen Atomkrieg, meine Mutter ist schwer verletzt und immer mehr Leute versuchen, in unseren Bunker zu drängen, dabei sind wir jetzt schon zu viele.

Ich höre Flüche. Jemand rüttelt an der Falltür. Sparky zerdrückt mir fast den Arm, so sehr klammert er sich an mir fest. »Sie sollen aufhören«, wimmert er.

In diesem Moment wankt Mr McGovern in den Raum. Er hat einen langen roten Kratzer auf der Wange.

»Daddy!« Paula reißt sich von Mrs Shaw los und läuft ihrem Vater entgegen. Noch bevor sie bei ihm ist, wird es plötzlich für einen Augenblick gleißend hell, so als würde draußen im Vorraum jemand mit Blitzlicht ein Foto schießen. Ich höre eine Frau gellend aufschreien.

Die Glühbirne erlischt.

Alles ist schwarz.

Die Sirenen verstummen.

»Was ist passiert?«, fragt Sparky ängstlich.

Wumm! Aus dem Vorraum ertönt ein Knall und danach ein metallisches Quietschen, als würde ein Riegel vorgeschoben. Sie haben die Falltür geschlossen.

Die Stille wird nur von Paulas Schluchzen durchbrochen. Dann sind in der Dunkelheit auf einmal Schritte und keuchender Atem zu hören. Dad und Mr Shaw sind zurück. Ich höre, wie auf die Eisenklappe eingehämmert wird. Eine gedämpfte Frauenstimme ruft verzweifelt: »Richard! Richard!«

Das Klopfen wird drängender, andere Stimmen fallen mit ein. »Bitte, machen Sie doch auf!«

»Um Gottes willen, haben Sie Erbarmen!«

»Lassen Sie uns nicht sterben!«

»Mom!«, wimmert Sparky. »Ich hab Angst!« In der tintenschwarzen Dunkelheit vermischt sich sein Schluchzen mit dem von Paula.

»Hört nicht hin«, sagt Mrs Shaw mit gepresster Stimme. Aber das ist unmöglich.

Während von draußen verzweifelte Schreie zu uns herabdringen, ist es hier im Bunker merkwürdig still, als würden alle die Luft anhalten.

»Scott?«, höre ich kurz darauf Dads Stimme.

»Dad?«, sagt Ronnie im selben Moment, in dem seine Mutter »Steven?« sagt.

»Hier. Ich bin hier«, antwortet Mr Shaw schwer atmend.

Das panische Hämmern der Menschen, die von außen auf die Falltür eintrommeln, dröhnt uns in den Ohren. Aber die schwere Stahlplatte ist ein Viertelzoll dick. Man bräuchte schon eine Panzerfaust, um die Tür zu durchschlagen.

»Sie sollen aufhören!«, fleht Sparky.

Aber das tun sie nicht. Es gibt kein Entkommen vor den Schreien. Ich kämpfe gegen Tränen an, als plötzlich ein neues Geräusch zu hören ist. Es klingt wie das entfernte Tosen eines Hurrikans, der rasend schnell näher kommt. Auf einmal ertönt ein letzter markerschütternder Schrei, der gleich darauf in ohrenbetäubendem Getöse untergeht. Im Dunkeln beuge ich mich reflexartig über Sparky, um ihn zu schützen. Ich kann mir nur vorstellen, dass dort oben so etwas wie ein Tornado wütet, der alles mit sich reißt.

Und dann ist es schlagartig totenstill.

6

»Du bleibst hier draußen stehen und passt auf, okay?«, sagte Ronnie zu Spinner und ging die Auffahrt hinauf.

Obwohl mir mehr als mulmig zumute war, folgte ich ihm. Ich fragte mich, ob Ronnie wirklich so abgebrüht war, wie er tat. Er musste schließlich auch wissen, dass es nicht richtig war zu stehlen. War ein Kuchen das alles wirklich wert?

Vor dem Garagentor blieben wir stehen. Ich drehte mich zu Spinner um, weil ich hoffte, er würde uns Zeichen machen, dass jemand kam. Aber er sah nicht einmal zu uns hin, sondern starrte auf sein Transistorradio, als könnte er darin das Spiel sehen, dass der Sportkommentator gerade beschrieb.

Ronnie legte eine Hand auf den Griff des Tors und zog es mit einem Ruck auf. Es schwang quietschend nach oben und enthüllte einen dämmerigen, nach Motoröl stinkenden Raum, in dem ein Durcheinander von Fahrrädern, eine Seifenkiste und ein Rasenmäher standen. An den Wänden hingen Hula-Hoop-Reifen, ein Rechen und andere Gartengeräte. Ronnie ging wortlos nach hinten durch, wo eine Gefriertruhe an der Rückwand stand. Als er den Deckel anhob, wallte uns kalter Dampf entgegen. Die Innenwände waren dick mit Eis verkrustet und genau wie Ronnie angekündigt hatte, war die Truhe bis zum Rand mit Vorräten gefüllt: Pappschachteln mit Hähnchenfleischpasteten, gefrorenes Gemüse, Fertigmahlzeiten und dem Schatz, auf den wir es abgesehen hatten – mehrere Tiefkühltorten von Sara Lee. Ronnie nahm einen der mit einer hauchdünnen weißen Schicht aus Eiskristallen überzogenen Kartons heraus.

Und genau in dieser Sekunde bog der Kombi der Lewandowskis in die Einfahrt.

7

»Mach Licht, Daddy!«, schluchzt Sparky und auch Paula weint immer noch. Es ist so dunkel, dass man die Hand nicht vor den Augen sieht.

»Gleich. Nur einen Moment noch, ja?« Dads Stimme klingt müde und zwischen den Wörtern macht er Pausen, um Atem zu schöpfen. Über uns ist es so still, als wäre die Welt stehen geblieben.

Oder ausgelöscht.

»Bitte, Dad«, wimmert Sparky.

»Schon gut, Edward«, antwortet Dad mit sanfter Stimme. Ich höre leises Rascheln und schließe daraus, dass er nach der Taschenlampe sucht.

»Mom?«, sage ich.

Keine Antwort. Ich würde alles dafür geben, wenn ich jetzt ihre tröstende Stimme hören könnte.

Paula weint und ringt schluchzend nach Atem. Nur sie und ihr Vater sind hier unten. Ihre Mutter und ihr Bruder Teddy sind nicht bei ihnen.

»Irgendwo hier muss eine Taschenlampe liegen«, murmelt Dad ein Stück von mir entfernt.

Es scheppert und klirrt und plötzlich gibt es einen lauten Knall.

Alle schreien erschrocken auf. Einen entsetzlichen Moment lang stelle ich mir vor, die Decke des Bunkers wäre eingestürzt, aber dann wird mir klar, dass wahrscheinlich nur irgendwelche Sachen vom Regal gefallen sind, als Dad die Bretter nach der Taschenlampe abgetastet hat.

»Alles in Ordnung?«, fragt Mr Shaw.

»Ja.«

»Dad, bitte mach doch endlich Licht«, wimmert Sparky wieder.

»Gleich, mein Junge.« Dad klingt angespannt. Wieder höre ich es scheppern, als würde er zwischen den heruntergefallenen Sachen herumkramen.

»Was ist denn mit der Lampe von vorhin?«, fragt Sparky.

Ich will nicht, dass Dad wütend wird, und das wird er manchmal, wenn wir zu viele Fragen stellen, also sage ich zu Sparky: »Die ist ausgegangen, weil es keinen Strom mehr gibt.«

»Warum gibt es keinen Strom mehr?«

Ein dumpfer Schlag ist zu hören. Dad stöhnt auf. Vermutlich hat er sich den Kopf gestoßen. »Verdammt!«

»Haben Sie sich wehgetan?«, fragt Mrs Shaw.

»Kein Grund zur Sorge«, sagt Dad mit gepresster Stimme. Wenn er zu Hause so gereizt war, habe ich mich manchmal im Schrank versteckt, aber hier unten kann man sich nirgends verstecken.

»Weil die Bombe alles kaputt gemacht hat«, erkläre ich Sparky. »Deswegen gibt es keinen Strom mehr.«

»Ich habe aber gar keine Bombe gehört«, sagt Sparky.

»Seid bitte mal leise«, knurrt Dad. »Ich versuche nachzudenken.«

»Aber wenn ich doch keine Bombe gehört habe«, sagt Sparky mit zitternder Stimme.

»Ruhe jetzt!«, herrscht Dad ihn an.