Überfallkommando (Detektivroman) - Edgar Wallace - E-Book

Überfallkommando (Detektivroman) E-Book

Wallace Edgar

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Beschreibung

In "Überfallkommando", einem Detektivroman von Edgar Wallace, taucht der Leser ein in eine Welt von Spannung und Intrigen. Der literarische Stil des Autors zeichnet sich durch rasante Handlung, überraschende Wendungen und gut ausgearbeitete Charaktere aus. Wallace gehört zu den bedeutendsten Krimiautoren des 20. Jahrhunderts und sein Werk ist geprägt von einer dunklen Atmosphäre und einem einzigartigen Erzählstil, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. "Überfallkommando" ist ein Meisterwerk, das den Leser in seinen Bann zieht und ihn bis zum Schluss rätseln lässt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Edgar Wallace

Überfallkommando

(Detektivroman)

Bereicherte Ausgabe. Ein packendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Überfallkommando und den Drogenbaronen
Einführung, Studien und Kommentare von Tamara Krause

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1211-8

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Überfallkommando (Detektivroman)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Sirenen, Scheinwerferkegeln und flüchtigen Schatten entfaltet sich in Überfallkommando die atemlose Frage, ob eine bewegliche Spezialeinheit der Londoner Polizei dem Verbrechen schneller zuvorkommen kann, als dieses seine Gestalt wandelt, und ob Wahrheitsfindung, Loyalität und Gerechtigkeit in einer Stadt der Masken überhaupt Schritt halten mit dem Tempo von Autos, Gerüchten und Entscheidungen, die in Sekunden fallen, Karrieren kippen, Schicksale verknüpfen und Grenzen verwischen, während Täter und Ermittler einander umkreisen, Aufbruchsstimmung in Nervosität umschlägt und das Versprechen moderner Technik sich als Segen oder als zusätzliche Tarnkappe erweist, die Beweisketten verkürzt und doch neue Irrwege eröffnet.

Edgar Wallaces Überfallkommando ist ein Detektiv- und Polizeikriminalroman, der im urbanen London spielt und die berüchtigte mobile Einheit der Metropolitan Police ins Zentrum stellt. Das Werk gehört in die späten 1920er Jahre und erschien ursprünglich unter dem englischen Titel The Flying Squad. Wallace, einer der prägenden Autoren des britischen Spannungsgenres, nutzt die Großstadt als Bühne für elegante Clubs, Hafennebel, graue Hinterhöfe und die gläserne Öffentlichkeit der Boulevardpresse. Der Roman verknüpft Ermittlungsarbeit mit Milieustudie und zeigt eine Metropole, deren Energie und Unruhe den Takt der Verfolgung vorgeben und jeden Vorsprung sofort wieder relativieren.

In spoilerfreier Kürze setzt die Handlung dort an, wo eine entschlossene Polizeieinheit eine professionell organisierte Bande ins Visier nimmt, die ihre Aktivitäten geschickt über die Stadt verteilt und Kontakte in unerwartete Kreise pflegt. Ein erfahrener Ermittler bündelt Spuren, beobachtet Transportrouten, prüft Alibis und testet Informanten, während misstrauische Gegenspieler ihrerseits Gegenmaßnahmen ergreifen. Schauplätze wechseln zwischen Straßenverkehr, Dockvierteln und Vergnügungsorten; Begegnungen sind kurz, riskant und oft doppelbödig. Die Ausgangslage bleibt übersichtlich genug, um sofort einzusteigen, aber komplex genug, um das Netz aus Begünstigern, Mitläufern und Profiteuren nur schrittweise erkennbar werden zu lassen.

Das Leseerlebnis ist geprägt von knappen Szenenwechseln, dialoggetriebener Spannung und einer nüchtern-energiegeladenen Erzählstimme, die Beobachtung und Aktion geschickt ausbalanciert. Wallace setzt auf schnelles Tempo, pointierte Übergänge und die suggestive Kraft kleiner Details: eine weggeworfene Schachtel, ein falsch gesetzter Blick, ein Motorengeräusch im falschen Moment. Der Ton bleibt dabei sachlich, keineswegs zynisch, aber auch nie verträumt; er vertraut auf das Interesse an funktionierenden Mechanismen, an Taktiken und Gegentaktiken, an Zufällen, die plausibel wirken. So entsteht eine filmische Unmittelbarkeit, die ohne Brutalitäten auskommt und doch eine dauerhafte, angespannte Grundvibration hält und die Leserinnen und Leser mit geschärften Sinnen durch jedes Kapitel führt.

Zentrale Themen sind Geschwindigkeit als Machtfaktor, die Anpassungsfähigkeit moderner Kriminalität und die Frage, wie Institutionen darauf reagieren, ohne selbst ihre Grenzen zu überschreiten. Wallace interessiert sich für Loyalitäten, die unter Druck geraten: zwischen Pflicht und Freundschaft, zwischen persönlicher Moral und institutionellem Auftrag, zwischen Öffentlichkeit und notwendiger Diskretion. Ebenfalls präsent sind Klassenunterschiede, die Zugänge öffnen oder verschließen, sowie die Rolle der Medien, die Wahrnehmungen beschleunigen und Ermittlungen beeinflussen. Der Roman zeigt, wie Organisation – ob staatlich oder kriminell – aus Routinen, Vertrauen und Timing besteht, und wie kleinste Störungen große Strukturen ins Wanken bringen können.

Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Überfallkommando relevant, weil es Mechaniken sichtbar macht, die in aktuellen Debatten fortwirken: vernetzte Tätergruppen, schnelle Kommunikation, Druck auf Polizeiarbeit, Rechtsstaat und Privatsphäre. Der Text veranschaulicht, dass technische Innovation stets beidseitig nutzbar ist und dass Transparenz wie Verschleierung mit denselben Mitteln betrieben werden können. Zugleich bietet der Roman die seltene Mischung aus klassischer Krimispannung und einer klarsichtigen Betrachtung urbaner Dynamiken, die sich von romantisierenden Verbrecherbildern fernhält. Wer ihn liest, erkennt Muster, die bis in die Gegenwart reichen, ohne dass die Erzählung ihre historische Textur verliert.

Als Einstieg in Wallaces Werk taugt dieser Roman besonders, weil er Effizienz, Atmosphäre und konstruktive Raffinesse bündelt, ohne den Leser mit Nebentrakten zu überfrachten. Man begleitet professionelle Akteure, lernt Abläufe kennen, beobachtet kluge Fehlannahmen und spürt, wie Entscheidungen unter Zeitdruck reifen. Die Spannung entsteht nicht nur aus der Frage nach der Täterschaft, sondern aus dem Wettbewerb der Methoden, der Tempi und der Nervenstärke. So lädt Überfallkommando dazu ein, die Stadt als Rätselmaschine zu betrachten – und gleichzeitig an der Seite der Ermittler die schlichte, hart erarbeitete Erleichterung eines plausiblen, rechtzeitig erreichten Zwischenergebnisses zu erleben.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Edgar Wallace’ Detektivroman Überfallkommando führt in eine urbane Metropole, in der eine schlagkräftige Polizeieinheit organisierter Gewalttäter und Schmuggler jagt. Gleich zu Beginn erschüttert ein kühn ausgeführter Überfall die Stadt und setzt eine Kettenreaktion aus Fahndungsdruck, improvisierten Gegenmaßnahmen und medialer Aufmerksamkeit in Gang. Das titelgebende Überfallkommando wird eingesetzt, um die Täter zu identifizieren, ihre Fluchtwege abzuschneiden und Strukturen hinter den scheinbar zufälligen Taten offenzulegen. Wallace entfaltet die Ausgangslage als nüchternen Polizeithriller: professionelle Ermittler stehen einer gut vernetzten, wendigen Gegenseite gegenüber, deren Methoden auf Tempo, Überraschung und strikte Abschottung setzen. Der Ton ist sachlich, die Gefahr allgegenwärtig.

Im Zentrum steht ein erfahrener Ermittler, der die Einsätze koordiniert, Beobachtungsposten etabliert und Informanten anwirbt. Erste Spuren führen an die Hafenanlagen, wo Ladungen verschwinden und Tarnfirmen als Scharniere der Geldflüsse dienen. Aus mitgehörten Gesprächen und beschatteten Treffen entsteht ein Mosaik: die Taten sind keine Einzelfälle, sondern Teil einer professionell organisierten Lieferkette, die Raub, Transport und Absatz verzahnt. Doch die Führung der Bande bleibt im Schatten, nutzt Zwischenmänner und wechselnde Treffpunkte. Der Roman entwickelt dadurch eine atmosphärische Topografie aus Kneipen, Lagerhäusern, Hinterzimmern und Nebenstraßen, in der jeder Zufall kalkuliert wirkt. Alles bleibt in Bewegung.

Ein erster größerer Zugriff endet unbefriedigend: Die Zielfpersonen entkommen knapp, Beweismaterial ist lückenhaft, und die Presse stellt die Schlagkraft der Polizei infrage. Zugleich mehren sich Anzeichen, dass Informationen über Einsatzzeiten durchgesickert sind. Im Team wächst Misstrauen, während politische Erwartungen steigen und die juristische Beweislage eine geräuschlose Präzisionsarbeit verlangt. Diese Verunsicherung markiert den ersten Wendepunkt: Der Gegner ist nicht nur schnell, sondern auch informiert. Die Ermittler müssen ihre Taktik anpassen, Kommunikationswege verdichten und das Risiko unorthodoxer Methoden abwägen, ohne rechtsstaatliche Grenzen zu überschreiten oder die öffentliche Unterstützung zu verlieren. Interne Prüfungen werden eingeleitet.

Eine zivile Kontaktperson rückt ins Blickfeld, deren persönliche Verbindungen sie an die Ränder der Bande geführt haben. Als mögliche Schlüsselfigur verkörpert diese Figur die moralische Grauzone, in der Abhängigkeiten, Angst und Loyalität miteinander ringen. Der leitende Ermittler versucht, Vertrauen aufzubauen, Informationen zu sichern und gleichzeitig die Sicherheit der Person zu wahren. Wallace gestaltet diese Annäherung als vorsichtiges Abtasten: Jede Aussage kann eine Spur öffnen oder eine Falle auslösen. Der Konflikt zwischen Ermittlungsnutzen und Schutz von Unbeteiligten gibt der Handlung psychologisches Gewicht und verschiebt den Fokus vom taktischen Zugriff auf die Folgen von Zwängen, Drohungen und Verlockungen.

Mit wachsender Erkenntnis wagen die Ermittler kontrollierte Risiken. Ein verdecktes Vorgehen bringt sie näher an Schlüssellager und Kuriere, doch die Gegenseite reagiert mit Täuschungen, Testaufträgen und bewusst gestreuten Gerüchten. Eine nächtliche Operation an einem Umschlagplatz eskaliert fast, als falsche Signale und plötzliches Licht den Rückzug erzwingen. Aus der Beinahe-Katastrophe entsteht dennoch ein taktischer Gewinn: Bewegungsmuster und Prioritäten der Bande werden erkennbar. Das Überfallkommando verfeinert seine Einsatzmatrix, ordnet Personal neu und setzt auf Zeitfenster, die die Gegenseite für unangreifbar hält, während die Gefahr für Zivilisten minimiert werden soll. Routine wird zur Tarnung, Geduld zur stärksten Waffe.

Der zweite Wendepunkt kündigt sich an, als Hinweise auf einen außergewöhnlich großen Coup zusammenlaufen, der die bisherigen Taten übertreffen würde. Mehrere Stränge der Handlung konvergieren: der Druck der Öffentlichkeit, interne Spannungen, die prekäre Rolle der Kontaktperson, und Spuren zu den Entscheidungsträgern im Hintergrund. Die Polizei bereitet eine abgestimmte Aktion vor, die unterschiedliche Einheiten, verdeckte Kräfte und schnelle Reaktionswege bündelt. Gleichzeitig deutet sich an, wer Informationen weitergegeben hat und warum. Wallace steigert so das Tempo, ohne die Auflösung vorwegzunehmen: Das Finale entsteht aus Planung, Zufall und der Fragilität menschlicher Motive und Risiko.

Überfallkommando erweist sich insgesamt als spannungsgetriebener Polizeithriller, der das Wechselspiel zwischen Beharrlichkeit und Improvisation im Kampf gegen organisierte Kriminalität herausstellt. Der Roman thematisiert Vertrauen, Loyalität, institutionellen Druck und die Grenzen erlaubter Gewalt, ohne einfache Antworten zu liefern. In seinem nüchternen Blick auf Abläufe, Milieus und die psychologischen Kosten der Jagd liegt seine nachhaltige Wirkung. Wallace verbindet Tempo mit Übersicht und zeichnet eine Stadt, deren Moderne neue Chancen für Täter und Ermittler gleichermaßen eröffnet. Die übergeordnete Aussage bleibt: Ordnung entsteht nicht durch heroische Gesten, sondern durch kollektive, fallible, lernende Praxis. Gerade darin liegt die Zeitlosigkeit des Stoffes.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Edgar Wallaces Unterhaltungsroman Überfallkommando, die deutsche Fassung von The Flying Squad (1928), ist im London der späten Zwischenkriegsjahre verankert. Schauplatz und Handlung kreisen um Institutionen, die die urbane Ordnung dieser Zeit prägten: die Metropolitan Police mit ihrem Criminal Investigation Department (Scotland Yard), der 1919 gegründeten mobilen Flying Squad, den Strafgerichten am Old Bailey sowie den Häfen und Docks der Themse unter Aufsicht von His Majesty’s Customs and Excise. Die dynamische Großstadt, getrieben von Verkehr, Zeitungspresse und expandierendem Massenmarkt für Kriminalliteratur, bildet die materielle Bühne, auf der polizeiliche Professionalität und moderne Kriminalität direkt aufeinandertreffen.

Die späten 1910er und 1920er Jahre brachten in Großbritannien einen sprunghaften Anstieg motorisierter Kriminalität: sogenannte motor bandits nutzten Autos für Raubüberfälle und schnelle Fluchten. Der Staat reagierte mit neuen Regulierungen, etwa dem Firearms Act 1920 zur Kontrolle von Schusswaffen sowie dem Dangerous Drugs Act 1920, der Herstellung, Besitz und Handel mit Opiaten und Kokain streng überwachte. Parallel professionalisierte sich die Ermittlungsarbeit: das seit 1901 bestehende Fingerprint Bureau in Scotland Yard, verbesserte Tatortarbeit und zentralisierte Fahndungsakten erleichterten Abgleiche. In diesem Umfeld werden in Wallaces Roman mobile Polizeieinsätze, verdeckte Ermittlungen und gezielte Razzien als zeittypische Antworten auf grenzüberschreitende Bandenkriminalität gezeigt.

Die Nachkriegszeit war von Demobilisierung, Arbeitslosigkeit und einem angespannten Arbeitsmarkt geprägt; Höhepunkt sozialer Konflikte war der Generalstreik von 1926. Zugleich expandierten Vergnügungsviertel wie Soho, Kabaretts und Tanzhallen, was eine lebhafte Nachtökonomie und neue Kontaktzonen zwischen Halbwelt und bürgerlicher Gesellschaft schuf. Londons Häfen und Lagerhäuser blieben Drehscheiben des Welthandels und damit auch potenzielle Routen für Schmuggel. Presseberichte über Drogenfälle und „smash‑and‑grab“-Überfälle verstärkten öffentliche Sicherheitsdebatten. Wallaces Stoffe greifen diese urbanen Spannungen auf, indem sie die Reibungspunkte zwischen globalen Handelsströmen, lokaler Unterwelt und einem modern auftretenden Polizeiapparat abbilden, ohne die Schauplätze von ihrer realen Großstadtökonomie zu lösen.

Literarisch gehört das Buch in die Blüte des „Golden Age of Detective Fiction“ der 1920er und 1930er Jahre. Während Autorinnen wie Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers das regelgeleitete Rätsel betonten, profilierte sich Edgar Wallace mit tempoorientierten Polizei‑ und Gangsterthrillern. Seine Erfahrung als Reporter und Kriegsberichterstatter schuf Nähe zu Verbrechensthemen und zur zeitgenössischen Presselogik. Wallace publizierte serienmäßig und in hoher Schlagzahl; günstige Ausgaben, Leihbibliotheken und Boulevardwerbung verbreiteten seine Titel rasch. The Flying Squad/Überfallkommando steht in dieser populären, medienaffinen Tradition, die unmittelbare Gegenwartsbezüge wichtiger nahm als das streng begrenzte „fair play“-Detektivrätselformat akademischer Prägung.

Zeitgleich liefen im Vereinigten Königreich Debatten über Polizeibefugnisse und Verhörmethoden. Die sogenannten Judges’ Rules, seit 1912 bestehende Leitlinien für Befragungen, wurden in den 1920er Jahren diskutiert und 1930 überarbeitet. Nach öffentlichen Kontroversen setzte die Regierung 1928 die Royal Commission on Police Powers and Procedure ein, die 1929 Bericht erstattete. In diesem Klima der Prüfung und Professionalisierung erscheinen verdeckte Maßnahmen, Observationen und überraschende Zugriffstaktiken der Flying Squad als legitime, aber genau beachtete Werkzeuge. Wallaces Roman nutzt diese realen Diskurse, indem er Ermittlungsdruck, Beweissicherung und die Erwartung rechtsstaatlicher Verfahren als Spannungsparameter sichtbar macht.

Die Verzahnung von Thriller, Massenpresse und Kino prägte die Rezeption. The Flying Squad wurde in Großbritannien 1929, 1932 und 1940 verfilmt; die Stoffe passten zu einem Markt, der nach polizeilichen Action‑Sujets verlangte und den Zensurvorgaben des British Board of Film Censors unterlag. Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm verstärkte den Realismus polizeilicher Darstellung. Wallace arbeitete bereits vor seinem Tod 1932 mit der Filmindustrie zusammen und war in Hollywood an der frühen Konzeption von King Kong beteiligt. Diese Nähe zum Kino spiegelt sich in der romaninternen Dramaturgie verdichteter Verfolgungen, Razzien und Schauplatzwechsel.

In den deutschsprachigen Ländern zirkulierte Wallace früh: Ab den 1920er‑Jahren erschienen zahlreiche Übersetzungen, stark verbreitet durch den Wilhelm Goldmann Verlag und die wachsenden Leihbibliotheken. Der Titel Überfallkommando knüpft terminologisch an das mobile Polizeikonzept der Flying Squad an und machte den Stoff für ein deutsches Publikum unmittelbar verständlich. Weimarer Großstadtfilme und Kriminalromane boten einen aufnahmefähigen Resonanzraum. Nach 1945 erneuerte die erfolgreiche Rialto‑Reihe (ab 1959) den Wallace‑Boom in der Bundesrepublik, wodurch auch ältere Titel präsent blieben, obwohl die Filme häufig freie Adaptionen waren. So blieb das Buch in einer deutschsprachigen Populärkultur verankert, die Krimi‑Marken stark honorierte.

Als Zeitkommentar zeigt Überfallkommando die gegenseitige Aufrüstung von Kriminalität und Staat im urban‑technischen Modernisierungsschub der Zwischenkriegszeit. Die Erzählung rahmt Polizei als beweglichen, arbeitsteilig organisierten Dienst, der Recht und Effizienz austariert, und verortet Täter in transregionalen Netzen von Schmuggel, Hehlerei und Gewalt. Indem Wallace Pressedynamik, Hafenökonomien, Waffenkontrolle und das Aufkommen spezialisierter Einheiten bündelt, entsteht ein Panorama der Sicherheitskultur des späten 1920er‑London. Ohne zentrale Wendungen vorwegzunehmen, lässt sich das Buch als populärer Seismograf lesen, der juristische Normbildung, technische Beschleunigung und Öffentlichkeit miteinander verschaltet und so die Alltagswirklichkeit seiner Epoche aus kriminalfiktionaler Perspektive beleuchtet.

Überfallkommando (Detektivroman)

Hauptinhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25

Kapitel 1

Inhaltsverzeichnis

Zwischen dem Kanal und dem Fluß dehnte sich ein sumpfiges Feld aus[1q]. Lady’s Stairs[1], ein sonderbares altes Holzhaus, das sich auf Pfählen erhob, schaute dort auf die Wasserfläche hinab. Die Schleuse am Ende des Kanals bildete zugleich den Anfang des morastigen Gewässers. Das Haus machte einen traurigen, verfallenen Eindruck und schien im Lauf der Zeit immer tiefer in den Sumpf einzusinken. Die Fassade war einst mit weißer Ölfarbe gestrichen gewesen, aber der Anstrich war nie wieder erneuert worden, und der Bau hatte allmählich eine dunkelgraue Farbe angenommen. Er hätte sich kaum von seiner Umgebung abgehoben, wenn er nicht zwischen einem hochaufragenden Lagerhaus und dem tonnenförmig gedeckten Gebäude einer Reparaturwerkstatt eingeklemmt gewesen wäre.

In Lady’s Stairs wohnte Li Yoseph[2q].Bei Flut stieg das Wasser fast bis zu dem Fußboden seines Wohnzimmers.

Die Zeiten, in denen Lady’s Stairs seinen Namen erhalten hatte, gehörten längst der Vergessenheit an. Früher war diese düstere und schmutzige Gegend eine schöne Bucht an der Themse[2] gewesen; grüne Wiesen und Weideplätze hatten sich hier ausgedehnt. Aber nur die Namen erinnerten noch daran. In den angrenzenden Straßen erhoben sich die Häuser armer Leute, die ebenso schmutzig und verkommen aussahen wie Lady’s Stairs. Trotzdem hieß diese Gegend immer noch ›The Meadows‹ – Wiesenland.

Li Yoseph pflegte am Fenster seines Zimmers zu sitzen und zu beobachten, wie die Kohlenschiffe während der Flut bei Brands Wharf festmachten, oder wie die Leichter[3] und die Flußkähne langsam nach der Schleuse zu getreidelt wurden. Wenn er sich zum Fenster hinauslehnte, konnte er sogar die großen holländischen Dampfer sehen, die auf der Themse zum Meer hinausfuhren.

Die Polizei hatte nicht viel gegen Li Yoseph. Die Beamten wußten wohl, daß er ein Hehler und Schmuggler war, aber man hatte keine klaren Beweise und versprach sich von ferneren Haussuchungen nicht mehr Erfolg als von den früheren. Die Nachbarn hielten Li für einen reichen Mann[3q]. Auch stand es bei ihnen fest, daß er verrückt sei.

Er besaß die eigentümliche Angewohnheit, lange Gespräche mit unsichtbaren Freunden zu führen[4q]. Wenn dieser merkwürdige Alte mit dem großen, gelben, bartlosen Gesicht, das von Falten und Runzeln durchfurcht war, die Straßen mit schlürfendem Gang entlangschritt, sprach er vor sich hin. Er gestikulierte und lachte unheimlich, während er sich mit seinen Gefährten unterhielt, die außer ihm niemand sehen konnte. Meistens sprach er fremde Worte, die allgemein für deutsch gehalten wurden, in Wirklichkeit aber russisch waren. Er gab zu, daß er mit guten und bösen Geistern umging; er konnte Tote sehen und sich mit ihnen unterhalten. Er besaß auch die Gabe des Zweiten Gesichts und hatte schon erstaunliche Dinge vorausgesagt.

Li ging in seinem Wohnzimmer auf und ab und murmelte vor sich hin. Drei Kerzen brannten, aber ihr Licht vermochte den ungewöhnlich hohen Raum nicht genügend zu erhellen und betonte eher noch den düsteren Eindruck, da sie gespenstische Schatten warfen. Die früher freundlich gestrichenen Wände hatten ihre Farbe längst verloren, das Dach war undicht, und bei Regenwetter rannen kleine Bäche an den Wänden herunter. Li schlief in einer kleinen Kammer, die nicht viel größer als ein geräumiger Schrank war. Sie besaß nur den einen Vorteil, daß sie als einziger Teil des Hauses trocken war.

Der größere Raum diente Li zu gleicher Zeit als Büro, Lagerraum und Wohnzimmer.

Holländische, deutsche und französische Matrosen ruderten bei Flut in kleinen Booten hierher und steuerten zwischen den von grünem Moos und Schlamm bedeckten Holzpfählen hindurch, auf denen Li Yosephs Haus stand. Wenn sie dann unten am Fuß der gebrechlichen Leiter festgemacht hatten, stieg der Alte hinunter und feilschte und handelte mit ihnen über allerlei Artikel dunkler Herkunft, die sie ihm brachten.

Unter dem Haus war es dunkel, und selbst bei Tag ließen die vielen Pfähle und Balken kein Licht herein. Lis Besucher konnten nur zu gewissen Zeiten kommen, denn während der Ebbe war dort unten weiter nichts als zwei Mannslängen tiefer, morastiger Schlamm zu sehen, aus dem große Blasen aufstiegen und unruhig durcheinander quirlten, wie von einem vorsintflutlichen Drachen.

Unten an der Leiter war auch ein kleines Motorboot vertäut, das der alte Li trotz seiner Jahre bedienen und steuern konnte. In unbestimmten Zwischenräumen fuhr er selbst manchmal auf den Strom hinaus. An diesem Abend überlegte er gerade, ob er wieder eine Fahrt unternehmen solle. Zweimal hatte er den abgenutzten Teppich schon aufgrollt und die Falltür geöffnet, die von dem Teppich verdeckt wurde. Stöhnend und mit sich selbst sprechend war er die Sprossen der Leiter hinuntergeklettert und hatte ein Bündel in das Boot gebracht, das sich während der Ebbe im Schlamm auf die Seite gelegt hatte. Schließlich war er mit seinen Vorbereitungen fertig und hatte nun wieder Zeit, sich mit seinen unsichtbaren Besuchern zu unterhalten.

Er sprach und scherzte mit ihnen und rieb sich lachend die Hände über ihre erstaunlichen Antworten. Schon den ganzen Tag hatten sie ihm Dinge zugeraunt, die einen gewöhnlichen Menschen vor Furcht hätten erstarren lassen, aber Li schenkte ihren Zuflüsterungen diesmal keinen Glauben.

Der schrille Klang einer Glocke ließ ihn aufhorchen. Mit schlürfenden Schritten verließ er den Raum und stieg die steile Treppe hinunter, die zu einer Seitentür führte.

»Wer ist dort?« fragte er.

Als er die leise Antwort von draußen hörte, drehte er den Schlüssel um und öffnete.

»Du bist früh oder spät gekommen – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.« Lis Stimme klang tief und heiser, und er sprach mit kaum merklichem, fremdem Akzent.

Nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte, folgte er seinem Besucher nach oben.

»Ich kenne keine bestimmten Tageszeiten.« Er lachte leise vor sich hin. »Für mich gibt es weder Tag noch Nacht. Es ist Flut, ich meinen Geschäften nachgehen muß, und es ist Ebbe, wenn ich mich ausruhen und mit meinen lieben kleinen Freunden sprechen kann.« Er warf eine Kußhand nach einer dunklen Ecke.

Mark McGill wandte sich böse nach ihm um.

»Laß das dumme Geschwätz … deine verdammten Geister! – Seine Schwester kommt heute abend noch hierher.«

»Seine Schwester?«

»Ronnie Perrymans Schwester – sie ist von Paris herübergekommen.«

Li Yoseph starrte seinen Besucher erstaunt an, aber er stellte keine weiteren Fragen an ihn.

Es lag etwas im Wesen Mark McGills, das jede Vertraulichkeit ausschloß. Er war eine gebieterische Erscheinung, breitschultrig und groß; in seinem wilden, herrischen Gesicht zeigte sich eine gewisse Schönheit. Seine vielen Untergebenen zitterten vor ihm, aber sie fürchteten weniger seine Strenge und Brutalität, als den Blick seiner zwingenden, hellblauen Augen.

Er rollte seine halbaufgerauchte Zigarre von einer Ecke des Mundes in die andere, ging quer durch den Raum zu der Schlafkammer, in der Li Yosephs Bett stand, und schaute nachdenklich auf das dunkle Wasser hinaus.

»In einer Stunde haben wir Flut«, sagte er halb zu sich selbst.

Li Yoseph ließ ihn nicht aus den Augen und sah, wie der große Mann eine Violine von dem Bett aufnahm.

»Du hast sicher wieder den ganzen Tag auf der Fiedel herumgekratzt – ist die Polizei hier gewesen?«

Li Yoseph schüttelte den Kopf.

»Wie, sie haben nicht mehr nach Ronnie gefragt? – Nun gut, aber sie wird alles von dir wissen wollen. Ich habe versucht, sie von hier fernzuhalten, aber ohne Erfolg. Du weißt doch, was du ihr zu sagen hast?«

Nach einer kleinen Pause nickte Li Yoseph langsam.

»Er ist umgebracht worden – von Polizeibeamten… Sie haben ihn in einem Boot mit Ware erwischt, die er vom Schiff geholt hatte. Da haben sie gefragt: ›Wo hast du das her?‹ Und dann haben sie ihm eins über den Kopf gegeben, daß er in den Fluß fiel und tot war.«

»Ja – so machst du deine Sache richtig.« Mark beugte den Kopf vor und lauschte. »Da kommt Tiser mit dem Mädchen – bring sie herauf.«

Li stieg geräuschlos die Treppe hinunter. Nach kurzer Zeit kam er wieder; er ging voraus und zeigte den anderen den Weg. Hinter ihm erschien Tiser, ein unruhiger, nervöser Mensch, der beim Lächeln stets seine großen Zähne zeigte. Seine Stirn war immer feucht; sein schwarzer, steifer Hut und seine schwarze Krawatte machten ihn nicht anziehender. Er hatte Ann Perryman vom Bahnhof abgeholt, aber sie hatte sofort eine instinktive Abneigung gegen den Menschen gefaßt.

Langsam stieg sie die letzten Stufen empor, trat dann ein und schaute sich ohne wahrnehmbare Erregung in dem schmutzigen Raum um. Einige Sekunden lang betrachtete sie Mark, der sich unter ihrem forschenden Blick sonderbar unbehaglich fühlte.

Ann war ein schönes, schlankes Mädchen. Ihr Haar schimmerte je nach der Beleuchtung in tiefgoldenem Blond oder in rötlichem Schein; es war aus der hohen Stirn zurückgebürstet, was ihr in gewisser Weise ein etwas altmodisches Aussehen gab. Sie hielt sich gerade, beinahe steif, als ob sie dadurch ihre Zurückhaltung ausdrücken wollte. Es war nicht leicht, sich ihr zu nähern. Die Männer hielten sie für kalt und abweisend und sagten, daß sie keinen Spaß verstehe, weil sie nicht über ihre Witze lachte. Der Ausdruck ihrer großen, grauen Augen konnte bisweilen sehr hart und streng sein. Ihr Bruder Ronnie allein hatte gewußt, wie sanft und mild sie blicken konnte; aber Ronnie war nun tot, und keinem anderen Mann hatte sie jemals einen liebevollen Blick geschenkt.

Ihr klarer Verstand und ihre Charakterstärke machten sie fähig für den Kampf gegen ein hartes Geschick. Sie besaß einen unbeugsamen Willen und ausdauernden Mut.

Das also war Ann Perryman! Mark hatte sie vorher noch nie gesehen und war überrascht von ihrer anmutigen Erscheinung.

Sie reichte ihm ihre kalte Hand, und er drückte sie. Einen Augenblick hielt er sie fest, dann ließ er sie wieder los. Er wußte kaum, wie er das Gespräch mit Ann beginnen sollte.

»Tiser hat Ihnen schon alles erzählt?«

Sie nickte ernst.

»Vor vierzehn Tagen las ich den Bericht in der Zeitung. Ich bin Lehrerin an einer Schule in Paris, und ich lese dort auch die englischen Blätter. Aber ich wußte nicht« – sie machte eine Pause –, »daß Ronnie hier unter falschem Namen lebte.«

»Das hätte ich Ihnen vorher mitteilen können«, sagte Mark, »aber ich hielt es für besser, damit zu warten, bis alles vorüber war.

Marks Stimme klang so teilnehmend, daß Mr. Tiser, dessen Blicke unruhig im Raum umherschweiften, seinen Gefährten plötzlich überrascht und erstaunt ansah. Mark spielte seine Rolle wirklich ausgezeichnet!

»Ich befand mich in einer sehr schwierigen Lage«, fuhr Mark leise fort. »Sehen Sie, Ronnie hat das Gesetz übertreten, und ich habe es auch getan. Man überlegt es sich natürlich, bevor man sich selbst beschuldigt.«

»Ja, ich weiß, Ronnie war nicht …«, sie zögerte. »Er war sein ganzes Leben hindurch vom Unglück verfolgt, der arme Junge! Wo hat man ihn denn gefunden?«

Mark zeigte auf die schlammige Bucht hinaus.

»Ich will ganz offen mit Ihnen sprechen, Miss Perryman. Ihr armer Bruder und ich waren Schmuggler. Ich weiß, daß das strafbar ist, und ich entschuldige mich nicht. Ihnen will ich auch das Letzte sagen. Die Polizei war darauf aus, uns eine Falle zu stellen. Die Leute glaubten, daß Ronnie nicht dichthalten würde. Zufällig erfuhr ich, daß sie ihm verschiedene Angebote machten – sie hofften, er würde die Organisation verraten. Das klingt zwar etwas pathetisch, aber es ist die Wahrheit.«

Ann schaute von Mark auf Tiser. Der alte Li war hinter den Vorhängen seiner Kammer verschwunden.

»Mr. Tiser sagte mir, daß Ronnie von Polizeibeamten ermordet wurde – es ist kaum zu glauben!«

Mark zuckte die Schultern.

»Es gibt nichts Unglaubliches, was die Londoner Polizei nicht fertigbrächte«, erwiderte er trocken. »Ich will ja nicht behaupten, daß sie die Absicht hatten, ihn zu töten, aber es ist nun einmal Tatsache, daß sie ihn niederschlugen. Sie müssen ihn gefaßt haben, als er in einem Boot von einem der Schiffe zurückkam, die uns Schmuggelware liefern. Entweder hat er einen Schlag bekommen, daß er ins Wasser stürzte, oder sie haben ihn nachher ins Wasser geworfen, als sie sahen, wie schwer, vielleicht sogar lebensgefährlich, sie ihn getroffen hatten.«

»Inspektor Bradley war es?«

»Ja, so heißt der Beamte. Er hat Ronnie immer gehaßt. Bradley ist einer dieser geschickten Leute von Scotland Yard[4], die nur geringe Bildung besitzen und von Minderwertigkeitsgefühlen beherrscht werden.«

Hinter dem Vorhang ertönte plötzlich der weiche, klagende Klang einer Violine. Mark fuhr herum, aber Ann legte ihre Hand auf seinen Arm und gab ihm ein Zeichen, ruhig zu sein.

Die süße, melancholische Melodie von Tostis »Chanson d’ Adieu« erfüllte den Raum.

»Wer spielt da?« fragte sie leise.

Mark zuckte ungeduldig die Schultern. »Ach, das ist der Alte – Li Yoseph. Ich möchte doch, daß Sie mit ihm sprechen.«

»Li Yospeh – er hat gesehen, wer Ronnie umbrachte?«

Mr. Tiser mischte sich plötzlich in die Unterhaltung.

»Aus ziemlicher Entfernung«, sagte er nervös. »Genau natürlich nicht. Ich habe Ihnen das doch schon alles erklärt.«

Marks kalter Blick brachte ihn zum Schweigen.

»Es ist schon gut, Tiser. Sage Li Yoseph, daß er herauskommen soll.«

Das Violinspiel hörte auf, und Li Yoseph trat mit hochgezogenen Schultern näher. Er sah Ann unter seinen buschigen Augenbrauen hervor an und rieb dabei seine langen Hände, als ob er sie mit unsichtbarer Seife wüsche. Er sah beinahe geisterhaft aus, und Ann schrak ein wenig zurück.

»Dies ist Miss Perryman, Ronnies Schwester.«

Das Gesicht des Alten verzog sich zu einem Lächeln.

»Ich habe gerade mit ihm gesprochen.«

Ann schaute ihn entsetzt an.

»Wie, Sie haben mit ihm gesprochen?«

»Sie müssen sich nicht um sein Gerede kümmern.« Marks Worte klangen scharf, fast befehlend. »Er ist ein wenig …« Er zeigte bedeutungsvoll auf die Stirn. »Er sieht Geister und dergleichen Dinge –«

»Ja, viele Dinge«, wiederholte Li Yoseph. Seine Augen wurden größer und größer. »Seltsame Dinge – Dinge, die niemand sieht außer mir – Li Yoseph!«

»Nun sei aber still, Yoseph«, sagte Mark rauh. »Du erschreckst die junge Dame durch dein albernes Geschwätz.«

»Ach nein, ich fürchte mich nicht«, erwiderte Ann standhaft.

Li Yoseph ging in den kleinen Nebenraum zurück und lachte merkwürdig vor sich hin.

»Ist er öfters so wie jetzt?«

»Immer«, entgegnete Mark, aber er fügte schnell hinzu: »Abgesehen davon ist er aber vollkommen klar. – Yoseph, bleibe hier. Ich sagte dir doch, daß du Miss Perryman alles erzählen sollst, was du gesehen hast.«

Li Yoseph kam langsam zurück und blieb ein paar Schritte vor Ann stehen. Seine Hände waren auf der Brust gefaltet, als ob er betete.

»Ich will Ihnen sagen, was ich sah.« Seine Stimme klang plötzlich mechanisch. »Erst kommt Ronnie in einem Boot vom Schiff. Er rudert und rudert, dann kommt das Polizeimotorboot und holt ihn ein. Dann sehe ich, wie sie kämpfen und kämpfen, und ich höre einen Fall ins Wasser, und plötzlich höre ich Mr. Bradleys Stimme: ›Der ist erledigt – niemand darf etwas darüber sagen.‹«

Während er sprach, schaute er sie an, und sie glaubte, in seinem Blick einen gewissen Trotz zu lesen, als ob er schon darauf vorbereitet wäre, daß sie seiner Geschichte keinen Glauben schenken würde.

»Haben Sie das wirklich gesehen?«

Er neigte den Kopf.

Ann wandte sich an Mark.

»Warum wurden denn diese Leute nicht angeklagt? Warum hat man nur Klage gegen ›einen oder mehrere unbekannte Täter‹ erhoben? Ist denn die Polizei in diesem Land unantastbar? Können ihre Beamten straflos jedes Verbrechen begehen – sogar Mord?«

Zum erstenmal zeigte sich ihre starke, innere Erregung. Ihre Stimme zitterte, als sie sprach.

»Bradley – Sie sagten doch, daß Bradley ihn ermordete? Ich werde den Namen nie vergessen.« Ihr Blick traf wieder den alten Mann. Er stand mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen da und schwankte leicht hin und her. »Hat Mr. Yoseph denn keine Klage gegen die Polizei erhoben?«

Mark lächelte.

»Wozu? Sie müssen verstehen, Miss Perryman, daß die Polizei ihre eigenen Gesetze hat, nicht nur bei uns, sondern auch in allen anderen Ländern. Ich könnte Ihnen Romane darüber erzählen, was in New York passiert ist …«

»Ich will nicht wissen, was dort geschieht«, unterbrach sie ihn schnell. »Aber sagen Sie mir, ob man diesem alten Mann glauben kann!« Sie sah auf Li Yoseph.

»Durchaus«, sagte Mark nachdrücklich.

»Sie können ihm vollständig vertrauen«, mischte sich Mr. Tiser wieder in die Unterhaltung, nachdem er lange hatte schweigen müssen. »Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß er ein absolut ehrenwerter Charakter ist.«

Er begegnete Marks Blick, begann zu stammeln und schwieg dann wieder.

Anne hatte den Kopf gesenkt und einen Finger an die Lippen gelegt; ihre Stirn lag in nachdenklichen Falten. Mark hatte ihr einen Stuhl angeboten, aber sie hatte es nicht beachtet. Auch er schwieg und wartete darauf, daß sie sprechen würde.

»Was hat Ronnie für Sie getan?« fragte sie schließlich. »Sie können mir alles sagen, Mr. McGill. Er hat mir oft von Ihnen erzählt, und ich habe schon vermutet, daß Sie irgendein … strafbares Geschäft betreiben. Wahrscheinlich sind meine moralischen Anschauungen recht sonderbar, aber es kommt mir jetzt nicht mehr so schrecklich vor wie früher. War mein Bruder sehr wertvoll für Sie? Ist der Verlust, den Sie durch seinen Tod erlitten haben, sehr groß?«

McGill antwortete nicht sofort. Er dachte darüber nach, was sie wohl mit ihrer Frage meinen könnte.

»Ja, er war beinahe unersetzlich für uns«, erwiderte er endlich. »Ronnie war ein Mann, der überall hingehen konnte, ohne den geringsten Verdacht zu erregen. Er fuhr seinen Wagen ausgezeichnet; das kam uns sehr zugute, denn die Polizei hat jetzt eine Fliegende Kolonne[5] eingerichtet. Bradley führt die Abteilung. Vor diesen Leuten müssen wir ganz besonders auf der Hut sein. Ronnie hat gewöhnlich die geschmuggelten Waren herangeholt, manchmal hat er sie auch verteilt … Ich habe mich in jeder Weise auf ihn verlassen. Aber warum fragen Sie?«

»Ich hätte es gern gewußt. Was ist dieser Bradley eigentlich für ein Mann?«

Bevor Mark antworten konnte, hörte sie ein leises Lachen und wandte sich schnell um.

In Türnähe stand ein Fremder. Ann wußte nicht, wie lange er schon dort war, aber er mußte schon einige Zeit anwesend sein, denn er lehnte lässig am Türpfosten. Er trug keinen Mantel, obgleich der Abend kalt war; sein Filzhut war verwegen über ein Auge gezogen. Der große, schlanke Mann hatte ein gutgeschnittenes Gesicht und freundliche Augen. Sein Blick ruhte interessiert auf Ann.

»Ich würde nicht erstaunt sein, Miss Perryman vor mir zu haben«, sagte er, richtete sich auf und lüftete seinen Hut. »Wollen Sie mich nicht vorstellen, Mark?«

»Mein Name ist McGill«, erwiderte Mark scharf.

»Welch eine Neuigkeit! Als ob Sie nicht schon Ihr ganzes Leben lang diesen Namen geführt hätten!«

Aber dann legte sich ein Schatten über seine Züge, und er sah fast traurig aus, als er langsam auf Ann zuging. Instinktiv wußte sie, wer er war; sie sah ihn mit einem stahlharten, kalten Blick an.

»Es tut mir sehr leid, Miss Perryman, daß Sie all diesen Kummer erleben mußten. Ich wünschte, ich wüßte, wer Ihren Bruder ermordet hat.«

Er biß sich auf die Unterlippe und sah nachdenklich zu Mark hinüber.

»Ich habe mein Bestes getan, um Ronnie vor schlechter Gesellschaft fernzuhalten.«

Er machte eine Pause, als ob er auf Antwort wartete. Als Ann aber nichts erwiderte, sah er sich in dem Raum um.

»Wo ist denn unser musikalischer Geisterseher?« fragte er. »Hallo, Li Yoseph! Sie haben ja Besuch hier.«

Der Alte kam unterwürfig näher. Seine Gesichtszüge verrieten eine sonderbare Gespanntheit. Mark bemerkte, daß Li Yoseph dem Detektiv einen schnellen Blick zuwarf, und beobachtete Bradley; aber in dem Gesicht des Polizeibeamten rührte sich kein Muskel.

»Ich wundere mich nur, daß man Sie hierhergebracht hat.« Bradley sprach zu Ann, aber er schaute den verlegenen, nervösen Tiser an, der nicht wußte, wohin er sehen sollte.

»Sie haben Ihnen doch nicht etwa die dumme Geschichte erzählt, daß die Polizei an dem Tod Ihres Bruders schuldig sei? Aber Sie sind sicher zu intelligent, um derartige Märchen zu glauben. Ihr Bruder wurde an Land getötet und später in den Strom geworfen.«

Ann preßte die Lippen zusammen, und Bradley sah, daß er sie nicht überzeugt hatte.

»Wünschen Sie etwas?« fragte Mark heftig.

Inspektor Bradley zog die Augenbrauen hoch.

»Entschuldigen Sie«, sagte er mit ironischer Höflichkeit. »Ich wußte nicht, daß Sie Li Yosephs Wohnung übernommen haben und hier Hausherr sind. Ich werde heute nacht zwischen zehn und zwei Uhr in Scotland Yard sein.«

Ein Schauer überlief Mark McGill. An wen waren diese Worte gerichtet? Für ihn waren sie nicht bestimmt, ebensowenig für Ann Perryman oder Mr. Tiser. Warum war Bradley gekommen? Mark wußte gut genug, daß dieser Mann nicht in Lady’s Stairs erschienen wäre, wenn ihm Ann Perrymans Anwesenheit bekannt gewesen wäre. Sein Besuch galt Li Yoseph! Die Bemerkung, daß er diese Nacht bis zwei Uhr in Scotland Yard sein würde, sollte also zu Lis Orientierung dienen.

Bradley wandte sich um und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und grüßte zum Abschied.

»Ich würde gern einmal mit Ihnen sprechen, Miss Perryman vielleicht darf ich Sie morgen in Ihrem Hotel besuchen?«

Sie antwortete ihm nicht, aber in ihrem Blick lag Haß und Abscheu. Inspektor Bradley sah es zu deutlich, um sich darüber zu täuschen.

Seine Schritte verklangen auf der Treppe, dann wurde die Haustür zugeschlagen.

»Das war Bradley?« fragte Ann leise.

»Ja, das war er«, erwiderte Mark grimmig. »Einer der durchtriebendsten und schlauesten Spürhunde von Scotland Yard! Was halten Sie von ihm?«

Sie senkte den Blick zu Boden und überlegte seine Frage.

»Wer wird Ronnies Stelle in Ihrer – Organisation einnehmen?«

Mark zuckte die Schultern.

»Ja, wer könnte seine Stelle einnehmen? Solch einen Mann kann man nicht so leicht wieder finden.«

»Ich könnte es.«

Er sah sie überrascht an.

»Sie?« fragte er ungläubig.

Tausend Möglichkeiten tauchten plötzlich vor Mark auf.

»Wie, Sie wollen zu uns kommen?« Er streckte begeistert die Hand aus. »Mein liebes Kind, Sie sind der Partner, nach dem ich gesucht habe.«

Sie sah ihn entschlossen an.

»Ich heiße Ann – nennen Sie mich so. Unsere Beziehungen werden rein geschäftlich sein.«

Kapitel 2

Inhaltsverzeichnis

In Lady’s Stairs gab es kein Telefon. Li Yoseph war ein sparsamer Mann, der niemals unnötig Geld ausgab. Lange nachdem seine Besucher das Haus verlassen hatten, saß er zusammengekauert in einem alten, harten Lehnstuhl, den er an den großen, runden Tisch gezogen hatte. Zu seiner Linken brannte eine Lampe, und vor ihm lagen fünf engbeschriebene Bogen eines fast vollendeten Briefes.

Es fiel ihm schwer, diesen Brief zu schreiben, aber es mußte geschehen. Sobald er fertig war, wollte er ihn in einen Umschlag stecken, sich nach unten schleichen und den alten Sedeman aufsuchen, der in der Nachbarschaft wohnte und den Brief gegen ein Entgelt zu Inspektor Bradley bringen würde. Li nahm wahllos einen der Bogen auf und las ihn noch einmal durch.

»… McGill wußte, daß Ronnie mit Ihnen in Verbindung stand. Wenn Ronnie trank, war wenig Verlaß auf ihn, und er trank in der letzten Zeit heftig. Mit McGill hatte er einen Streit und sprach darüber, daß er ausscheiden wolle. Er erzählte mir die Sache, und ich sagte ihm auch, daß ich gern in meine Heimat zurückkehren wolle. Ich glaube, daß McGill das auf die eine oder andere Weise herausgebracht hat, denn in der fraglichen Nacht kam er hierher, nachdem er Ronnie von London aus gefolgt war. Ronnie hatte wieder getrunken. Um ein Uhr kamen McGill und Tiser. Sie stritten miteinander, und Ronnie sagte, daß er nichts mit Mord oder dergleichen zu tun haben wolle. Er behauptete, McGill sei für den Überfall bei der Northern-and Southern-Bank verantwortlich, bei dem ein Wachmann getötet wurde. Und dann prahlte er, daß er nur einen Finger zu heben brauche, um uns alle ins Gefängnis zu bringen. Wenn er das nicht gesagt hätte, wäre ich jetzt wohl nicht mehr am Leben; aber durch diese Äußerung wurde McGills Verdacht von mir abgelenkt. Ronnie stand mit einem großen Glas Portwein in der Hand am Tisch, als er das sagte, und wollte gerade trinken. Da schlug ihn McGill mit einem Totschläger über den Kopf, so daß er niederstürzte. McGill wickelte Ronnie in ein Bettuch und ließ ihn durch eine Falltür in mein Boot hinunter. Ich weiß nicht, wo er und Tiser ihn ins Wasser geworfen haben, aber nach einer halben Stunde kamen sie zurück und sagten, Ronnie habe sich wieder erholt und sei nach Hause gegangen. Dann drohte McGill, mich zu töten, wenn ich ein Sterbenswörtchen darüber sagen würde. Damals sprach er noch nicht davon, daß ich Ronnies Schwester eine erfundene Geschichte erzählen solle. Erst später, als er sie nach London holte, sagte er mir …«

Li ließ den Bogen sinken. Es war nicht mehr viel zu schreiben, auf der nächsten Seite beendete er seinen Bericht, löschte das Papier ab und steckte es in einen Briefumschlag. Während er dies tat, sprach er zu sich selbst.

»… Sieh, mein kleines Täubchen, das muß ich tun, sonst kommen sie, nehmen den alten Li und legen einen Strick um seinen Hals. Und dann muß ich sterben, mein Kind.«

Er hörte, wie die Tür aufgeschlossen wurde, schaute auf und steckte den Brief schnell in seine Tasche. Draußen auf der Treppe hörte er Marks Schritte – er kannte sie nur zu gut. Tiser begleitete McGill; das wußte Li schon, bevor sie die Tür öffneten und in den Raum traten.

Mark ging geradewegs auf den Tisch zu und schaute auf die Feder und das Papier.

»Du hast einen Brief geschrieben, wie? Hast du ihn schon abgeschickt?«

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

»Lieber Freund!« Tisers Stimme überschlug sich vor Erregung. »Vielleicht hast du etwas Unrechtes getan, Kamerad. Sage jetzt schnell Mr. McGill, daß sein Verdacht unbegründet ist. Sage ihm …«

»Du brauchst ihm nicht zu sagen, was er mir zu antworten hat!« unterbrach ihn Mark eisig. »Gib den Brief her!« wandte er sich an Li Yoseph. »Du hast noch keine Zeit gehabt, ihn abzuschicken – die Tinte steht noch auf dem Tisch.«

Bevor Li wußte, was geschah, sprang Mark auf ihn zu, packte ihn und riß seinen Rock auf. Der Brief schaute aus der inneren Tasche hervor, und Mark zog ihn heraus.

»Also an Bradley – ich dachte es mir doch!«

Mark öffnete den Umschlag und überflog schnell den Inhalt.

»Du hast uns verraten wollen, was? Deshalb kam Bradley also hierher und sagte, daß er heute von zehn bis zwei in seinem Büro sei. Na, auf diesen Brief kann er verdammt lange warten!«

Li Yoseph bewegte sich nicht. Er stand dicht neben der geschlossenen Falltür, hatte die Hände vor sich auf der Brust gefaltet und schwieg. Er wußte, all dieses war verhängt, dem Geschick konnte er nicht entgehen. Vielleicht hörte er die Stimmen der Geister, die ihn umgaben und ihm Mut zuflüsterten, denn plötzlich lächelte er.

»Also nun zu dir, Li«, rief Mark erregt. Ihre Blicke trafen sich, und Li Yoseph sah Mord in Marks Augen.

»Mich kannst du nicht umbringen, mein guter Mark«, sagte er. »Ich mag sterben, ja – aber ich werde wiederkommen. Die kleinen Geister …«

Plötzlich bückte sich der alte Mann hastig, riß die Falltür auf und eilte auf der Leiter nach unten. Mark zog seine Pistole schnell aus der Tasche; der Schalldämpfer blieb in dem Stoff hängen und riß ein Loch hinein, aber Mark achtete nicht darauf.

Zwei Schüsse folgten kurz hintereinander – der zweite klang lauter. Die Geschosse saßen zwischen den Schultern. Sie hörten, wie der Körper Li Yosephs unten ins Wasser fiel.

»Mach die Falltür zu!«

Tiser ging mit unsicheren Schritten vorwärts und schloß leise die Tür.

»Leg jetzt den Teppich darüber.«

Mark trat ans Fenster, riß einen Flügel auf und schaute hinaus. Die Nacht war dunkel; ein feiner Sprühregen fiel nieder, die Flut war auf ihrem Höhepunkt.

Tiser lehnte sich an einen Stuhl und atmete schwer wie ein Mann, der eine ungeheure Anstrengung hinter sich hat. Die Sprache versagte ihm, und er wagte nicht aufzusehen, bis er hörte, daß Mark McGill das Fenster schloß.

»Das ist in Ordnung. Komm jetzt! Vergiß nicht, was du gesehen hast!«

Tisers Zähne klapperten, als er seinem finsteren Herrn zur Treppe folgte. Sie standen auf dem Absatz, als unten laut an die Tür geklopft wurde. Tiser unterdrückte einen Schrei. Wieder ertönte das Klopfen.

»Offnen Sie die Tür!«

McGill taumelte in das Zimmer zurück, löschte schnell das Licht und schaute durch ein kleines Fenster auf die Straße.

Zwei Autos hielten unten. Das dritte fuhr gerade vor, aber noch bevor es zum Stehen kam, sprangen sechs Männer heraus und gingen eilig auf das Haus zu.

In dem hellen Licht eines der Scheinwerfer an den Wagen sah Mark ein wohlbekanntes, ihm so verhaßtes Gesicht. Nur für einen Augenblick tauchte es auf, dann verschwand es wieder in der Dunkelheit.

»Bradley!« zischte er. »Die Fliegende Kolonne – das Haus ist umzingelt!«

Kapitel 3

Inhaltsverzeichnis

Mark schloß das Fenster, trat zurück und drehte das Licht wieder an. Mit einem scharfen Blick musterte er das Zimmer, verkorkte schnell das Tintenfaß und stellte es beiseite. Dann zeigte er auf die Tür.

»Geh nach unten und laß sie herein!«

Das Klopfen ertönte lauter und dringlicher als zuvor.

»Warte noch einen Augenblick!« rief Mark, als Tiser schon in der Türöffnung stand. Mit größter Eile rollte er den Teppich zurück, riß die Falltür auf und leuchtete mit seiner Taschenlampe nach unten. Aber nur das schwarze Wasser gähnte ihm entgegen. Plötzlich fiel ihm seine Pistole ein; rasch warf er sie hinunter, wartete noch, bis er das Aufschlagen auf dem Wasser hörte, schloß dann die Tür und legte den Teppich wieder darüber.

»Laß sie jetzt herein!« sagte er kurz.

Bradley trat zuerst ein. Einer der vier Detektive, die ihm folgten, hatte eine Pistole in der Hand.

»Durchsuchen Sie die beiden«, befahl Bradley.

Mark hob sofort die Hände in die Höhe.

»Wo ist Ihr Schießeisen?« fragte der Detektiv, der schnell alle Taschen Marks abtastete.

»Wenn Sie damit eine Pistole meinen«, entgegnete McGill kühl, »dann verschwenden Sie nur unnötig Ihre Zeit. Darf ich mir aber die Frage erlauben, was dieses ganze Theater zu bedeuten hat?«

»Wo ist Li Yoseph?«

Mark zuckte die Schultern.

»Das möchte ich auch gerne wissen. Ich unterhielt mich noch vor kurzem mit ihm in der freundschaftlichsten Weise. Dann ging er fort, um noch einen Bekannten aufzusuchen. In zehn Minuten wollte er zurückkommen.«

Der Detektiv verzog verächtlich die Lippen.

»So, er wollte einen Bekannten aufsuchen? Wollte ihn wohl nach seinem Hund fragen, was?« Er zog die Luft prüfend durch die Nase ein und runzelte die Stirn. »Es riecht hier ganz verdächtig nach Kordit[6].«

Bradley ging zu dem kleinen Schlafraum, sah sich dort um, nahm die Violine und den Bogen und betrachtete sie nachdenklich.

»Sein Instrument hat er nicht mitgenommen, wie ich sehe.« Er nahm die Violine unters Kinn und spielte eine kurze Melodie. »Sie wußten wohl nicht, daß ich Geige spiele?« fragte er, als er sie wieder auf den Tisch legte.

»Ich weiß nur, daß Sie sich hier aufspielen wollen. Ihre künstlerische Veranlagung scheint sich irgendwie betätigen zu müssen«, erwiderte Mark bissig.

Bradley sah ihn scharf an.

»Sie müssen sich von dem Wahn freimachen, daß Sie hier als Volksredner vor einer großen Versammlung stehen, McGill. Sagen Sie mir lieber, wo ich Li Yoseph finden kann.«

Marks Gesicht wurde dunkelrot, offener Haß flammte aus seinen Blicken.