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Eine untreue Frau, politische Konkurrenten, umherziehende Nichtsesshafte, ein geheimnisvoller Motorradfahrer, ein verschwundener Bürgermeister. Das beschauliche Leben im Örtchen Marcorignan wird plötzlich auf den Kopf gestellt. Mitten drin Bernhard Gschlössl und Franz Wild, alias Château und der wilde Franz, die neben Golf spielen, Leckereien kochen, exklusive Weine trinken, Ausflüge unternehmen und sich mit Asterix-Fragen herausfordern, den Fall auf ihre eigene Art zu lösen versuchen.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2023
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GERHARD DRECHSLER, geb. 1956 in München, lebt seit 2019 in Okzitanien. Nach 35 Jahren als selbstständiger Buchhändler genießt er jetzt die Annehmlichkeiten französischer Lebensart. Nach sechs Büchern als Co-Autor über italienische und spanische Weine erschien zuletzt Kochen auf Labroutte. Rezepte aus dem Süden. Dies ist sein erster Roman.
›Das Departement Aude war am schwersten von den Überschwemmungen zahlreicher Flüsse betroffen. Die Wasserstände erreichten an einigen Stellen Höhen, die seit 1891 nicht mehr beobachtet worden waren.
Neben großen materiellen Schäden kamen 15 Menschen bei der Überschwemmung ums Leben und 99 Personen wurden verletzt. Die Schäden dieser Katastrophe wurden ein Jahr später auf etwa 256 Mio. € beziffert‹.
Fédération Française de l’Assurance zur Überschwemmung vom 15.10.2018
Chez Lulu
Domaine Saint Joseph
Die schöne Bäckerin
Gedankenspiele
Golfplatz Les Amarats
Köche
Pauline
Minerve
Frank Zappa
Holmes & Watson
Carcassonne
Heiße Spur?
Verleihnix und der Fisch
Grausiger Fund
Der Klatscher
Festival Eau, Terre et Vin
Zaza Club
In Luft aufgelöst
Anette und das Gewitter
Der fuchsteufelswilde Franz
Überraschungen
Alles oder nichts
Lazy Donnerstag
Überschwemmung
Étang du Doul
Pétanque
Radlerinnen
Perpignan
Bebelle
Luis de Funès und der dunkelblaue Porsche
Ein Donnerstag in Barcelona
Lakeballs
Die Brille
Apostrophe(’)
Als er sah, wie der wilde Franz auf den Ausschnitt der Bedienung im Chez Lulu starrte, beschlich Bernard das unangenehme Gefühl, der Abend könnte enden wie derzeit in dieser Münchner Poolbillard-Bar, wo sie nur mit Glück einer Schlägerei entgangen waren. Auch damals konnte es Franz nicht lassen, mit einer der Bedienungen zu flirten, was ihrem Freund, einem muskulösen Kerl, der am Nebentisch spielte, ganz und gar nicht gefiel.
Bernard konnte damals die Situation gerade noch entschärfen. Er entschuldigte sich für seinen Freund und stellte die ganze Sache als Missverständnis hin. Er spendierte dem Kraftpaket und seinem Mitspieler ein Weißbier. Dabei funkelte er Franz zornig an und aus seinem Blick sprach so etwas wie ›jetzt reiß dich bloß zusammen, du blöder Hornochse!‹
Franz Wild, Jurist und Gründer einer angesehenen Kanzlei für Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung in München, hatte sich seinen Spitznamen dank unzähliger Affären redlich verdient. Dass seine Ehe dadurch in die Brüche gegangen war, kümmerte ihn wenig. Nach seiner Meinung wartete an jeder Ecke ein Geschöpf, das erobert werden wollte. Freizeitbeschäftigungen hatte er sich entsprechend ausgesucht. Denn auf dem Golfplatz traf man genau so viele aufgeschlossene Damen an, wie in der Münchner Innenstadt, die er gerne mit seinem Porsche Cabriolet unsicher machte. Sogar beim Fliegenfischen hatte er schon eine kurvige Rothaarige kennengelernt.
Im Restaurant Chez Lulu in Narbonne, wohin ihn sein alter Freund Bernhard Gschlössl geführt hatte und wo man, ohne vor Wochen reserviert zu haben, nicht einmal einen Stehplatz am Tresen ergattert hätte, bedienten seit einigen Monaten Mathilde und Sylvie. Zwei atemberaubend hübsche Studentinnen der Universität Narbonne. Und obwohl Franz genau wusste, dass es Bernhard unangenehm war, hatte er Sylvie bei jeder Gelegenheit ins Dekolleté geglotzt.
»Jetzt schau doch mal woanders hin, vielleicht in die Weinkarte«, sagte Bernard, der seit seiner Auswanderung nach Südfrankreich nicht mehr Bernhard genannt werden wollte, als er Franz’ Blick folgte. »Was willst du alter Sack denn von dem jungen Hüpfer?«
«Mensch Château, man wird doch wohl noch gucken dürfen«, zischte Franz, der Sylvie nicht aus den Augen lassen konnte. Château, französisch für Schloss, war eine Erfindung vom wilden Franz, über die er sich immer wieder köstlich amüsieren konnte, lagen Schloss und Gschlössl doch so wunderbar nah beieinander.
Das Wortspiel lag für ihn klar auf der Hand. Überhaupt hatte er für alles und jeden immer einen treffenden Spitznamen bereit.
Indirekt konkurrierte er damit gegen Bernard, denn dieser war in Wirklichkeit der wahre Meister von Wortschöpfungen- und Verdrehungen, an denen er während seiner langjährigen Zeit als Mitarbeiter des Wochenendmagazins einer großen süddeutschen Zeitung ausgiebig gefeilt hatte. Als Journalist hatte er verschiedene Ressorts durchlaufen, bevor er seine Lieblingsaufgabe fand, die zweiseitige Rätsel-Rubrik des Wochenendmagazins.
Bernhard Gschlössl und Franz Wild hatten sich vor mehr als 20 Jahren auf dem Golfplatz Wörthsee südwestlich von München kennengelernt. Der Zufall wollte es, dass sie bei einem gemischten Scramble aufeinander trafen. Dieses unterhaltsame Spiel kann in verschiedenen Variationen ausgespielt werden, damals waren es 4er-Teams, bestehend aus zwei Damen und zwei Herren. Alle vier mussten abschlagen, anschließend wurde gemeinsam entschieden, welcher Ball am besten lag. Das musste nicht unbedingt der Weiteste sein. Von diesem Punkt aus schlugen wieder alle vier einen Ball. Wer als Erster das Grün traf, spielte das Loch fertig und lochte ein.
Eine beliebte und unterhaltsame Spielform, konnte man sich den einen oder anderen Fehlschlag erlauben. Da alle vier Mitglieder einer Mannschaft einen Ball schlugen, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass zumindest ein brauchbarer, wenn nicht sogar sehr guter Schlag dabei war.
Während Bernhard mit Ehefrau Anette am Turnier teilnahm, wurde Franz eine Spielerin zugelost. Man verstand sich prächtig, der wilde Franz und seine Mitspielerin sogar etwas zu prächtig, wie Bernhard fand, denn schon am dritten Loch hatte dieser – bei einem Gläschen Prosecco und ungeachtet dessen, dass er mit Eleonore seit bald zehn Jahren eine Ehefrau hatte – die Dame in eine Bar eingeladen, in die man nach dem Abendessen unbedingt noch gehen müsse.
»Vous avez choisi?«, Mathilde zückte einen kleinen Schreibblock.
»Ja, natürlich«, antwortete Bernard, der sich mit dem saloppen Duktus, den viele Süd-Franzosen sprachen, wohl fühlte und Ja nicht wie Oui, sondern eher wie Ouais aussprach.
»Ich hätte gerne ein halbes Dutzend Austern, und zwar die aus Bouzigues und dann die gegrillte Entenbrust mit verschiedenen Gemüsen.«
»Cuisson?«, fragte Mathilde.
»Blutig.«
»Und ich nehme die Pastete nach Art des Hauses und dann das Entrecôte mit Frites, ebenfalls blutig, bitte«, sagte Franz. »Außerdem hätten wir gerne zwei Gläser Blanquette de Limoux, eine Karaffe Wasser und eine Flasche 2016er l’Exception von Château Moyau. Damit bist du doch sicher einverstanden Château, oder?«, witzelte er.
Eines musste man ihm lassen, inzwischen hatte er in puncto Weinverstand wirklich dazu gelernt. Hatte er früher die Weinkarte immer von rechts nach links gelesen, so nach dem Motto, der teuerste Wein muss der beste sein, traf er jetzt seine Auswahl mit Überlegung. Und die Weine von Château Moyau waren allesamt ausgezeichnet, der edelste namens Hallucinant hatte es sogar auf die Karte des berühmten Restaurants Sansibar auf Sylt geschafft.
L’Exception sei ein komplexer, tiefdunkler Rotwein aus fünf heimischen Rebsorten, der feine Aromen von reifen Kirschen, Brombeeren, dunkler Schokolade und Röstbrot aufweise, behauptete zumindest die Weinkarte.
Bernard spielte den Unwissenden, obwohl er ein gutes Dutzend Flaschen davon im Keller hatte, freute sich aber sehr auf das Essen und den Wein.
Der Blanquette de Limoux, ein blassgelber Schaumwein mit feiner Perlage kam perfekt gekühlt an den Tisch und die beiden Freunde stießen auf das Wiedersehen an.
»87«, sagte Franz, »eher 89«, entgegnete Bernard. Die Bewertung nach Parker’s 100-Punkte-Schema war für jeden Wein, den sie zusammen tranken, obligatorisch, ebenso die ausschweifenden Beschreibungen der Duft- und Geschmacksnuancen.
Bernard hatte im Anschluss an seinen Job bei der Zeitung einige Jahre als Chefredakteur für das bekannte Weinmagazin Besser trinken! gearbeitet. Eigenen Schätzungen zufolge hatte er in den vergangenen 45 Jahren rund 20.000 Weine verkostet. Dadurch war er klar im Vorteil, aber Franz hatte sich eine gute Nase und eine feine Zunge antrainiert, und so warfen sie sich, die Vorspeisen genießend, recht spezifische Begriffe an den Kopf. ›Feuerstein‹, ›Zitronenschale‹, ›Kräuterwürze‹, ›ein Hauch grüner Apfel‹, ›was hältst du von Fenchelsamen?‹
Der Rotwein wurde gebracht, geöffnet, gekostet, für ausgezeichnet befunden und eingeschenkt. Franz, der sich angewöhnt hatte, den Wein im Mund hin und her zu rollen, darauf zu beißen und lautstark zu schlürfen, erntete einen strengen Blick der älteren Dame am Nebentisch, die mit Hut und schimmernder Perlenkette an ihrem Wasser nippte. Sie einigten sich schnell auf 93 Punkte und stürzten sich auf die Hauptgerichte, alles zu 100 % France, wie eine Wandtafel stolz erklärte.
Der Abend im Chez Lulu dauerte dank Espresso und Dessert – Franz war nicht zu bremsen, wenn es in einem Restaurant Tarte Tatin gab, einen gestürzten Apfelkuchen mit hauchdünner Karamellschicht – bis nach 23 Uhr und zum Glück waren es mit dem Auto nur gute 25 Minuten bis zu Bernards Zuhause.
Obwohl er seit drei Jahren nicht eine einzige Verkehrskontrolle erlebt hatte, fuhr Bernard gerne auf winzigen Nebenstraßen. Denn getrunken hatten sie reichlich und die gültige Grenze von 0,5 Promille war schnell erreicht. Was Strafen betrifft, sind die Franzosen nicht zimperlich. Wer das erste Mal mit mehr als 0,5 Promille erwischt wird, zahlt 500 Euro, erhält zwei Punkte und genießt einen Monat ohne Auto.
Diese zwei Punkte bekommt man nicht, sondern verliert sie, denn in Frankreich startet jeder Fahrer mit 12 Punkten Guthaben. Werden öfters Punkte abgezogen und es kommt zu einem Stand von null Punkten auf dem Konto, eine äußerst unangenehme Situation, wird der Führerschein ungültig und muss neu gemacht werden, als wäre man Fahranfänger. Obendrauf gibt es ein Fahrverbot von sechs Monaten.
Doch die Rückfahrt verlief problemlos und so konnten Bernard und Franz es sich noch mit einem Glas Wein, Erdnüssen und Pistazien auf der Terrasse gemütlich machen.
»Und deine Anette ist noch mal wo?«, fragte Franz.
Bernards Ehefrau Anette, mit der er seit fast 30 Jahren glücklich verheiratet war, traf sich für gute zwei Wochen mit Freundinnen. Die Damen hatten sich vor längerer Zeit bei einem Yoga-Kurs kennengelernt und festgestellt, dass sie alle leidenschaftlich gerne strickten. Da sie sich sehr sympathisch fanden, kam Anettes Vorschlag, sich eine Woche in einem gemütlichen Häuschen auf Sylt einzuquartieren, bei den anderen gut an. Denn keine konnte vom Stricken, Plaudern, Tee trinken und Spazierengehen genug bekommen.
»Auf Sylt. Hatte ich dir schon gesagt«, knurrte Bernard, da sich Franz solche Details grundsätzlich nicht merken konnte oder wollte.
»Sie trifft sich wieder mit Verena und Susi. Die drei wollen unter sich sein und an ihren Pullovern, Schals, Westen oder was weiß ich weiter stricken. So wie letztes Jahr, als sie eine Woche in Straßburg waren. Allerdings hängt sie vorne und hinten jeweils noch ein paar Tage dran. Das heißt, sie fliegt erst mal nach Hamburg, nimmt einen Zug nach Kiel und besucht Verena. Anschließend fahren beide über Husum nach Westerland. Auf dem Rückweg fährt sie über München. Da hat sie ja noch jede Menge alte Freundinnen. Sie bleibt ein paar Tage bei …«, Bernard zog die Augenbrauen in die Höhe, »bei … bei der Dingsbums, du weißt schon.«
»Ja, stimmt«, pflichtete Franz ihm bei, »hattest du, glaube ich, schon erwähnt.«
Er hatte keine Ahnung, wen Bernard mit Dingsbums meinte, nickte aber zustimmend.
»Dann hast du jetzt fast drei Wochen sturmfreie Bude und bist ganz alleine auf deiner Domaine. Na ja, nicht ganz, ich bin ja da«, schmunzelte er.
Die Domaine Saint Joseph war ein Konglomerat mehrerer Häuser, die um 1950 herum von Arbeitern und einem Verwalter bewohnt worden waren und zusammen mit umliegenden Rebfeldern ein Weingut bildeten. Der Grundbesitz war gewaltig, aus den geernteten Trauben konnten jedes Jahr durchschnittlich 50.000 Flaschen erzeugt werden.
Die damaligen Besitzer, zwei Ärzte aus Narbonne, begannen eines der Häuser umzubauen und zu modernisieren. Es war als gemeinsames Wohnhaus vorgesehen. Aus den anderen Gebäuden sollte eine Privatklinik entstehen. Doch aus dem Plan wurde nichts. Aus welchem Grund wusste Bernard nicht, die ganze Geschichte des Anwesens, dessen erste Erwähnung im zentralen Archiv von Carcassonne festgehalten war und auf 1572 datierte, kannte er nur bruchstückweise.
Irgendwann in den Siebzigern wurden die Grundstücke getrennt, die Gebäude nach und nach verkauft und von den neuen Besitzern restauriert. Die Gemeinde Marcorignan genehmigte die Bohrung für einen Brunnen, der bis heute die fünf Anwesen mit Wasser versorgt und jedem Anwohner, notariell beglaubigt, zu einem Fünftel gehört. Nach einigen Besitzerwechseln wohnen aktuell zwei französische und zwei deutsche Familien sowie eine amerikanische auf der Domaine.
Das Grundstück von Bernard war mit einem viertel Hektar gerade so groß, dass es ohne fremde Hilfe gepflegt werden konnte, zusätzlich war mit Fabien ein Gärtner engagiert, der alle 14 Tage für ein paar Stunden kam und die besonders anstrengenden Arbeiten wie Bäume ausschneiden, Hecken stutzen etc. erledigte, den Hard Stuff, wie Bernard es gerne nannte.
»Gar nicht übel, das Gebräu«, sagte Franz, der einen ordentlichen Schluck aus seinem Weinglas genommen hatte, »würde ihm glatt 93 Punkte geben.«
Damit hatte er bei Bernard ins Schwarze getroffen, denn 92 bis 94 Punkte wäre auch seine Bewertung gewesen.
»Dupont gibt ihm 89, der Trottel«, warf Bernard ein, das Gesicht zu einer Grimasse verzogen. »Keine Ahnung, der Kerl.«
Dupont, das war Jacques-Aurélien Dupont, ein gefürchteter Weinkritiker, der sich vor einigen Jahren bei Robert M. Parker eingekauft hatte. Parker, Jurist und passionierter Weintrinker, galt jahrzehntelang als bedeutendster Wein-Beurteiler weltweit. Seine Bewertungen mit den sogenannten ›Parker-Punkten‹ wurden international zu einem bedeutenden Aspekt der Preisgestaltung. Vor zwei Jahren hatte Monsieur Dupont die Bewertungen vieler französischer, spanischer und portugiesischer Weine nach dem 100-Punkte-System übernommen, da sich Mister Parker nur noch um die Crème de la Crème aus Bordeaux kümmern wollte.
Dupont, Sprössling superreicher Eltern, war mit Mitte zwanzig eines Tages von Paris nach New York City gereist und hatte sich, frech wie Oskar, bei einem Wein-Magazin beworben. Ohne irgendeine Ausbildung, aber eloquent und äußerst selbstbewusst, war er tatsächlich eingestellt worden. Wobei ihm die Kenntnis mehrerer Hundert getrunkener und im Gedächtnis abgespeicherter großer Weine aus dem gigantischen Weinkeller seines Vaters sehr geholfen hatte.
Dieses 100-Punkte-System hatte es in sich, verhalf es doch jedes Jahr dem einen oder anderen bislang kaum bekannten, meistens in winziger Menge produzierten Wein zu riesiger Nachfrage und entsprechenden Preissprüngen.
»Das ist ein 2019er l’Exception von Moyau«, sagte Bernard, der damit das übliche Ratespiel ruckzuck abkürzte, »den 2016er haben wir vorhin getrunken. Ist zwar noch etwas jung, wird sich aber besser entwickeln als der 2016er, da kannst du drauf wetten.«
Der wilde Franz traute seinen Ohren nicht. Was hatte er da soeben aufgeschnappt? Der Bürgermeister von Marcorignan spurlos verschwunden? Sein Fahrrad und seine Umhängetasche in einem Graben gefunden?
Franz war früh aufgestanden, hatte einen von Bernards Drahteseln geschnappt und sich auf den Weg in den Ort gemacht, in dem es zwei Lokale, eine Bar, eine Apotheke, einen Presse-Tabak-Laden, zwei Bäckereien, eine Bücherei, eine Tankstelle und einige weitere Geschäfte gab.
Bernard bevorzugte die Bäckerei Soleil, Franz zog es wegen der attraktiven Bäckerin zur Konkurrenz. Sophie, schätzungsweise Anfang dreißig, schlank, groß, mit blonden, hochgesteckten Haaren und einem unwiderstehlichen Augenaufschlag hatte es mehreren Herren angetan. Blöd nur, dass sie verheiratet war und Théo, ihr Mann, immer dann auftauchte, wenn Franz gerade anfangen wollte, ihr Komplimente zu machen.
Doch heute war alles anders. In kleinen Gruppen standen zahlreiche Einwohner des Ortes zusammen und diskutierten, Théo bediente und Sophie erklärte zwei älteren Damen zum wiederholten Male, was sich inzwischen herumgesprochen hatte.
Franz fragte nach zwei Croissants, zwei Pains au chocolat, einem Baguette und lächelte Théo an, der ihn leicht misstrauisch anblickte, »was erzählen sich die Leute da, ich verstehe kaum etwas, die sprechen alle so schnell?«
»Ein Bauer, der noch vor Sonnenaufgang sein Feld bearbeiten wollte, sah etwas im Wassergraben blitzen, hielt an, stieg ab und zog ein Fahrrad aus dem Sumpf … als er weitersuchte, fand er auch noch eine Umhängetasche … jeder hier kennt die teure, lederne Umhängetasche des Bürgermeisters, die er sich vor Jahren mal extra aus London hat schicken lassen … das kam ihm natürlich komisch vor und deshalb machte er einen Umweg zum Haus des Bürgermeisters, um nach ihm zu sehen, aber er traf niemanden an und es machte keiner auf … er lebt ja alleine dort, seitdem er sich vor einigen Jahren von seiner Frau getrennt hat.«
Nach diesem Wortschwall wandte sich Théo plötzlich ab und fuhr fort, andere Kunden zu bedienen. Franz griff sich seine Tüte, zwinkerte Sophie zu und verließ die Bäckerei.
»Stell dir das vor«, sagte Franz heiser, »der Kerl ist einfach so verschwunden und kein Mensch weiß etwas.«
Bernard wippte gemütlich in seinem froschgrünen Schaukelstuhl von Eames aus dem Jahr 1990 vor und zurück. Es war das gesuchte Fiberglas-Modell, auf das er sehr stolz war, denn er hatte es bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 800 Euro vor einigen Wochen auf dem jährlich zweimal statt findenden Open-Air-Flohmarkt von Le Somail von einem ahnungslosen Händler für 350 Euro erworben, ein echtes Schnäppchen sozusagen.
»Der Kerl heißt Rémy und ist unser Bürgermeister«, erwiderte Bernard, »aber jetzt erzähl mal der Reihe nach!«
Franz war in seinem Element. Als großer Krimi-Fan, er hatte an die 1.000 Taschenbücher im Regal stehen, von Agatha Christie über Lee Child bis zu Martin Arz war alles vorhanden, was Rang und Namen hatte, schwirrten bereits diverse Theorien durch seinen Kopf.
»Den hat einer abgemurkst, ganz klar.«
»So ein Käse«, echauffierte sich Bernard »und wo ist dann die Leiche, bitteschön?« »Jetzt bleib doch mal sachlich, Franz! Ein verschwundener Bürgermeister ist nicht zwingend ein toter Bürgermeister! Man hat ein Fahrrad und eine Umhängetasche gefunden, ja und?«
»Du machst mir Spaß, glaubst du vielleicht, der Kerl hat beides aus Jux und Tollerei in den Graben geschmissen? Dachte immer, du hättest einen klaren Verstand, Château!«
»Arrrrgh, ja, schon«, schnaubte Bernard, »aber du solltest mal logisch darüber nachdenken! Ist er nur gestürzt und liegt in einem Krankenhaus im Koma? Oder hat ihn irgendein Betrunkener angefahren? Und falls ihn jemand vom Rad gezerrt haben sollte, wer könnte etwas gegen unseren Bürgermeister haben?«
Franz schüttelte heftig den Kopf. »Er stürzt, schleppt sich ins kilometerweit entfernte Krankenhaus, lässt aber seine Tasche liegen? Er wird angefahren und verschwindet wie weggezaubert? Ein geheimnisvoller Kannibale holt ihn vom Rad, um seine Vorratskammer aufzufüllen? Du spinnst doch!«
Bernard musste im Stillen zugeben, dass seine Argumentation Schwächen hatte. Eigentlich waren alle genannten Szenarien äußerst unwahrscheinlich. Aber daran, dass der Bürgermeister, ein blasierter Typ mit knallroter Brille und schütterem Haar einen über den Durst getrunken hatte, in den Graben gefahren war, Rad und Tasche liegen gelassen hat und jetzt zu Hause seinen Rausch ausschlief, glaubte er auch nicht.
»Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Streit. Auf dem Parkplatz. Wo der schräge Typ, sehr aggressiv, wie du sagst, dem Bürgermeister an den Kragen will. Was ist damit?«
»Weißt du was, Franz, ich werde bei Gelegenheit mal Pauline von der hiesigen Polizei aushorchen.«
Das war leichter gesagt als getan, denn das System der Polizei in Frankreich ist kompliziert, die Befugnisse der jeweiligen Behörden nur Eingeweihten bekannt. Die in Marcorignan ansässige Police Municipale hat, wie vergleichbare Einheiten in kleinen Orten, nur für die Wahrung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit zu sorgen und ist direkt dem Bürgermeister unterstellt.
Ernstere Angelegenheiten werden der Gendarmerie Nationale, manchmal sogar der Police Nationale übergeben, die beide dem Innenministerium unterstellt sind. Alle diese Behörden müssen wohl oder übel zusammenarbeiten, haben eigentlich aber keine große Lust dazu.
»Lass uns mal das Thema wechseln, hast du über meine Frage nachgedacht?«
Bernard hatte Franz am Vorabend noch mit einer extrem schweren Asterix-Frage ins Bett geschickt. Seit sie sich kannten, hatten beide Spaß daran, sich mit Fragen zu allen möglichen Themen herauszufordern. Wie zum Beispiel: Nenne alle Staaten Afrikas und deren Hauptstädte! Oder: Welche Départements in Frankreich haben als Nummer die 10, 20, 30 etc.? Oder besonders gemeine Asterix-Fragen, wie beispielsweise: In welchem Heft und bei welcher Gelegenheit taucht Idefix das erste Mal auf?
Ehrenhalber waren nur Fragen erlaubt, die man als Fragesteller selbst eindeutig beantworten konnte. Googeln, im Lexikon blättern oder alte Hefte lesen war verboten und wurde von beiden strikt eingehalten.
Die Frage war: Nenne alle Orte, die Asterix und Obelix während der Tour de France passieren und die Spezialitäten, die sie jeweils erwerben. Beide hatten schon als Knirpse die Asterix-Hefte verschlungen. Bernard hatte sogar noch Ausgaben mit einem Preis-Aufdruck von 2,80 DM zu Hause. Mittlerweile hatten sie ihre jeweiligen Lieblingshefte wahrscheinlich um die 20 Mal gelesen, also waren solche Fragen schwer, aber nicht unlösbar.
Franz legte die Stirn in Falten.
»Sie starten über Rotomagus, also Rouen nach Lutetia/Paris, der ersten Etappenstadt und kaufen Schinken. Weiter geht es nach Camaracum/Cambrai, wo sie Pfefferminzbonbons erstehen, dort Backpfeifen genannt, Anschließend streifen sie Durocorturum, also Reims, wo sie herben, trockenen, halbtrockenen und süßen Wein in Amphoren erstehen, um in Divodurum/Metz« … hier kam Franz ins Straucheln, wollte ihm die Spezialität dieses Ortes einfach nicht einfallen.
»Macht nichts, wenn du es nicht parat hast, geschenkt«, sagte Bernard gönnerhaft, was Franz ärgerte. Schlaumeier Bernard weiß es wieder besser, dachte er sich, ließ sich aber nichts anmerken.
Es gab tatsächlich keine Spezialität aus Metz, da Asterix von einem gewissen Heuchlerix verraten und ins Gefängnis geworfen wurde. Obelix musste ihn befreien, was so viel Zeit kostete, dass sie beschlossen, Metz ausfallen zu lassen und erst in Lyon wieder einzukaufen.
Hätte es den Zwischenfall nicht gegeben, sie hätten wohl Boulets de Metz, Schokolade-Kugeln in der Form von Kanonenkugeln oder irgend etwas aus Mirabellen, für die Metz berühmt ist, Konfitüre, Schnaps oder Torte gekauft.
»Nächste Etappe ist Lyon/Lugdunum, sie kaufen geräucherte Fleischwurst und von da geht’s nach Nicae/Nizza. Salat!«
Bis hierher war Franz verdammt gut unterwegs, es fehlten noch Massilia/Marseille, Tolosa/Toulouse und Burdigala/Bordeaux, wobei es auch in der Vergangenheit immer ein Problem gewesen war, die Spezialität(en) von Bordeaux zu benennen.
Bouillabaisse aus Marseille war klar, ebenso Toulouser Wurst (kein Cassoulet ist heutzutage ohne sie vorstellbar), aber Bordeaux? Wein, natürlich Aber sie brachten weißen Bordeaux mit und nur aus dieser Etappenstadt noch eine zweite Spezialität, nämlich Austern. Auch dieses Mal scheiterte er an Bordeaux, indem er nach langem Überlegen den Rotwein zwar korrekt in Weißwein änderte, die Austern aber vergaß.
Am Tag vor dem viel diskutierten Vorfall hatten Bernard und Franz am Nachmittag ihre Golfsachen gepackt und den nahe gelegenen Platz Les Amarats besucht. Ein noch junger Golfplatz, wenn man so will, die Eröffnung lag erst einige Jahre zurück.
Franz hätte in seinem Schlitten, einem bronzefarbenen Porsche Macan Turbo wesentlich mehr Stauraum gehabt und bequemer wäre es ohne Zweifel auch gewesen. Aber Bernard wollte unbedingt mit seinem GTL, einem luxuriös ausgestatteten R4 fahren. Der Renault R4, ein Viersitzer mit oben angeschlagener Heckklappe, wurde von 1961 bis 1992 hergestellt und mehr als 8 Millionen Mal verkauft. Liebhaber schätzen die nach vorne kippbare Motorhaube wie beim Jaguar E-Type, den Revolvergriff-Schalthebel im Armaturenbrett und die seitlichen Schiebefenster.
Bernards Modell war ein beigefarbener GTL. Er liebte es, ihn wie die Franzosen auszusprechen, was dann wie Schi-ti-elle klang. Das Baujahr war 1983, er hatte also schon knapp 40 Jahre auf dem Tacho. Trotzdem lief das Wägelchen wie ein Uhrwerk, was auch daran lag, dass Bernard, inzwischen fast ein R4-Experte, seit Anfang an alle Arbeiten an dem Auto selbst erledigte.
Er hatte lange gebraucht, Anette zu dem Wagen zu überreden. Nachdem sie sich endlich an ein Automatikgetriebe gewöhnt hatte, wollte sie eigentlich nie wieder mit Handschaltung fahren. Aber Bernard hatte seinen ganzen Charme aufgeboten und letztendlich hatte sie zugestimmt.
»Mit deiner Karre fallen wir wahnsinnig auf«, erklärte Bernard, der auf keinen Fall in einem röhrenden Luxus-Auto mit deutschem Kennzeichen vorfahren wollte.
Da war er inzwischen eigensinnig geworden. Die Anpassung an das tägliche Leben im Languedoc hatte bei ihm einiges verändert. Vor Jahren selbst noch zu den grantigen ›zweite Kasse bitte - Rufern‹ im deutschen Drogeriemarkt gehörend, genoss er es inzwischen geradezu, beim Bäcker, Metzger oder im Supermarkt geduldig und gut gelaunt zu warten, bis er dran war.
Ein Schwätzchen mit dem Hintermann oder der Dame an der Kasse ließ die Wartezeit wie im Flug vergehen. Ganz anders manche Touristen, die allem Anschein nach nicht mal im Urlaub ein paar Minuten übrig hatten.
»Dann quälen wir halt deine Kiste zum Golfplatz«, sagte Franz resigniert, denn er wusste, Bernard würde nicht nachgeben.
Franz Wild zählte 67 Lenze und war somit ein Jahr älter als Bernard. Groß und ziemlich schlank, insgesamt jedoch etwas schwammig. Er hatte Jura studiert und arbeitete als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Vor einigen Jahren hatte er die erfolgreiche Firma, die sein Vater gegründet hatte, übernommen. Seinen Sohn Peter, einen eifrigen, aber verklemmten und leicht stotternden Burschen, hatte er in der Kanzlei installiert und pflasterte seinen Schreibtisch mit all den langweiligen Aufgaben, die irgendeiner machen musste.
Wenn er gegen 10 Uhr im quietschgelben Polo-Hemd in sein Büro kam, wusste sofort jeder, er wäre spätestens um halb zwei wieder weg und auf dem Weg zum Golfen.
Aufgrund zahlreicher Affären, dem Sammeln teurer Autos und seiner Leidenschaft, auf dem Golfplatz Wettspiele um hohe Geldbeträge zu veranstalten, wurde er von allen nur der wilde Franz genannt. Seiner Frau Eleonore wurde es eines Tages zu viel. Sie zog aus und verlangte die Scheidung. Genaueres wusste niemand, aber Franz hatte mit einem ausgeklügelten Ehevertrag vorgesorgt und einen erheblichen Teil des Besitzes halten können.
Neben einem Haus mit Park und 3-Loch-Kurzplatz zum Golfen südwestlich von München, nannte er einen 16 × 2,5 Meter großen Swimmingpool und eine riesige Garage sein Eigen. Platz genug für einen bronzefarbenen Porsche Macan Turbo, einen granatroten 911er und ein silbernes Jaguar-Oldtimer Modell Mark II, das er gerne und gewissenhaft polierte.
Am liebsten hatte er sein Porsche 911 Carrera 4S Cabrio aus dem Jahr 2010, Baureihe 997.2, von dem gerade mal 2013 Exemplare produziert worden waren und das nur bei bestem Wetter bewegt wurde. Überhaupt kannte er die Geschichte der Firma nahezu auswendig und mit Fragen zu Typen und Baureihen brachte er Bernard immer wieder zur Verzweiflung.
Aktuell pflegte er eine wenig ernste Beziehung mit Jessica, 41, der Tochter eines Mandanten. Typisch für den wilden Franz, der es fast vorsätzlich am Respekt Frauen gegenüber fehlen ließ, bezeichnete er sie gerne als seine ›Hop-on-hop-off-Beziehung‹.
Sie hatten wegen der Hitze nur neun Löcher gebucht und diese in knapp zweieinhalb Stunden geschafft. Sie spielten wie immer eine Art Lochwettspiel. Wer weniger Schläge brauchte, gewann das Loch und erhielt einen Punkt. Bei Gleichstand kam der Punkt in den Topf und wer das nächste Loch gewann, bekam dadurch zwei Punkte und so weiter.
Bernard hatte zwei Mal Pech mit knapp daneben geschobenen Putts, sodass Franz am Ende mit 5:4 gewann und entsprechend triumphierte.
»Die Runde geht dann auf dich«, grinste er und rieb sich vergnügt die Hände.
»Alles klar«, räumte Bernard ein, »komm, wir setzen uns auf die Terrasse in den Schatten!« Franz griff sich flugs die Getränkekarte und entschied sich für einen großen Mimosa Les Amarats, Bernard bestellte sich einen Campari Soda auf Eis. Der Mimosa war ein Klassiker des Golfclubs, den die Pächterin des Restaurants erfunden hatte. Erfunden war übertrieben, denn Cocktails namens Mimosa existierten in Frankreich schon ewig, aber sie hatte die Zutaten etwas verändert und gab das Getränk gerne als ihre Erfindung aus.
In einer hohen Champagnerflöte serviert, bestand die hier angebotene Version aus Blanquette de Limoux, eiskaltem, frisch gepressten Orangensaft und ein paar Spritzern Limette.
