Beschreibung

Der letzte Sekundenschlag deiner Taschenuhr markiert den Zeitpunkt, ab dem du unsterblich bist. Averys Alterungsprozess wurde für immer eingefroren, als seine Uhr wie bei allen Unsterblichen aufgehört hat zu ticken. Heute führt er ein zurückgezogenes Leben in Paris, fern des Übernatürlichen. Einzig die stillstehenden Zeiger erinnern ihn daran, dass er magische Kräfte besitzt. Als die menschliche Giulia seine Identität aufdeckt und kurz darauf ein unerklärlicher Mord die Menschenwelt in Aufruhr versetzt, schließt er sich notgedrungen mit ihr zusammen, um den Täter zu finden. Doch trotz seiner Kräfte birgt die Suche nach dem Mörder unüberwindbare Gefahren, die die magischen Gesetze einzureißen drohen.

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Seitenzahl: 522

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Uhrwerk der Unsterblichen

Alexander Kopainski

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Danksagung

Über den Autor

Copyright © 2018 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Marie Graßhoff

Korrektorat: Nicole Gozdek

Layout: Michelle N. Weber

Illustrationen: Alexander Kopainski unter der Verwendung von Motiven von

www.shutterstock.com

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

www.kopainski.com

ISBN 978-3-95991-497-0

Alle Rechte vorbehalten

Charaktere in diesem Buch, die an historische Persönlichkeiten angelehnt wurden, sind fiktiv und erheben keinen Anspruch auf geschichtliche Richtigkeit.

Alle Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen oder Gegebenheiten sind rein zufällig.

Für Marie und Nicole

Kapitel Eins

1940

Ein missgünstiger Blick verfolgte die Gestalt, die im Licht des Sonnenuntergangs langgezogene Schatten auf den Asphalt warf. Sie bemerkte den Beobachter im Schutz der Seitengasse nicht. Nach vorn starrend wich sie nicht vom Weg ab, während sich die Menschen auf ihrem Heimweg an ihr vorbeischoben. Die beiden Einkaufstaschen zerrten an ihren Armen, ließen ihre Schritte schwer werden und ihre Schultern nach unten sinken.

Eine goldene Kette, die aus ihrer Manteltasche hervorlugte, fing die Aufmerksamkeit ihres Beobachters ein. In den Gedanken des Unbekannten, der sich nun dicht an eine der Hauswände schob, um sie mit zunehmender Entfernung besser sehen zu können, flammte die Vorstellung dessen auf, was sich in ihrer Manteltasche verbarg. Sie beschleunigte seinen Puls.

Währenddessen – einige Häuser weiter – starrte Avery auf die magische Taschenuhr, die seit seiner Geburt tickte. Sie war klappernd aus seiner Hosentasche gefallen, als er sich im Schneidersitz auf die Bank am Fenster gesetzt hatte. Er hob sie auf und als er sie im weichen Licht des Sonnenuntergangs hin und her drehte, kühlte das Metall seine Fingerkuppen.

Um den langsam fortschreitenden Sekundenzeiger nicht länger sehen zu müssen, schloss er den Deckel, der beim Fall aufgesprungen war. Wann würde Avery wie seine Mutter die Unsterblichkeit erlangen? Die Uhr tickte unaufhörlich und das Geweih des goldenen Hirschkopfs erstreckte sich bis zu den Rändern der Uhr. Das Geräusch hallte noch in seinem Kopf nach, als er mit den Gedanken abschweifte.

Die Sonnenstrahlen bahnten sich die letzten Wege durch die winzigen Spalte zwischen den Hausfassaden von Paris und der Wind trug die ersten Blätter, die den Herbst ankündigten, davon. Wie von Geisterhand tänzelte die Sonne zwischen Ästen und brach ihr Licht in Tropfen eines vergangenen Regens.

Avery schob sich zwischen Vorhang und Fensterglas, als er in die Gassen hinabsah. Mehr als die Menschen beobachtete er den kleinen Teich, der gegenüber in einem angrenzenden Park lag. Ein weißer Schwan mit vom Wasser glänzenden Gefieder schlug mit seinen Flügeln auf und ab, während die Tröpfchen wie tausend Diamanten auseinanderstoben. Meisterhaft zog er seine Bahnen im Gewässer und beäugte die umherlaufenden Menschen mit Misstrauen.

Die Sonne berührte mittlerweile die Dächer und Avery wurde stutzig. So lange hatte seine Mutter noch nie auf sich warten lassen. Als er schließlich das vertraute Klacken der Wohnungstür hörte, huschte Avery vom Fenster in Richtung Flur.

Célestine begrüßte ihn mit einem müden Lächeln. Auf ihren geröteten Wangen reflektierten winzige Schweißperlen das Licht und Avery nahm ihr sofort das Netz mit Äpfeln ab, das sie unter ihren Arm geklemmt hatte. Célestine ließ die Einkaufstaschen mit einem Rums auf den Boden fallen. Ihre Gliedmaßen hingen schlaff herab und ihre Lider schlossen sich langsam. Avery blieb wie angewurzelt stehen, als sie anfing zu wanken und das Gleichgewicht verlor.

Wie zu einem stummen Schrei geformt, riss Avery seinen Mund auf und konnte ihren Aufprall auf dem Holzboden nicht abfangen. Wie in Zeitlupe sah er ihren Körper zu Boden gleiten. Die Locken fielen ihr ins Gesicht und verdeckten ihre von Schweiß benetzten Wangen. Vom Haaransatz breitete sich eine silbrige Farbe bis zu den Spitzen aus. Wie ein Herbstblatt legte sich ihre Haut in Falten, wurde brüchig und die Adern traten hervor, leerten sich. Die dünnen Silberfäden, die einst ihre Haare gewesen waren, breiteten sich über ihre Stirn aus.

Averys Kehle zog sich zusammen. Tränen kribbelten hinter seinen Lidern und das Blut schoss in seine Wangen. Als könnte er die Körner einer Sanduhr mit zitternden Fingern aufhalten, legte er seine Hände auf ihre Wangen. Avery spürte die Anwesenheit ihrer Magie nicht mehr. Der Duft, der von ihren Haaren ausging, versprach Wärme, die ihr Körper schon verloren hatte.

Avery fröstelte. Die Feuerkraft seiner Mutter war zu einem Glimmen verkommen, das sich im dämmrigen Licht des Flurs verflüchtigte.

Der Schmerz würgte ihn, grub seine Zähne wie ein Höllenhund in seine Gliedmaßen. Ganz deutlich spürte er, wie die Tränen vom Schmerz blockiert in seinen Augen eingepfercht wurden.

Fahrig drehte Avery seine Mutter um und legte seine bebenden Hände auf ihre Wangen, die unter der Last ihres ewigen Lebens eingefallen waren. In Windeseile formte er seine Hände zu einem Kreuz und fing an, sich auf ihren Brustkorb zu stützen. Unter dem Gewicht ihres Sohnes barsten Célestines Rippen. Das Knacken wurde von ihren Knochen über Averys Handflächen und Arme bis in seinen Kopf weitergeleitet. Ihre Haut wurde brüchig, Risse bildeten sich und als Avery bemerkte, wie es ihrem ausgemergelten Körper zusetzte, was er tat, hielt er inne und sah in ihre Augen, aus denen ihn keine Seele anblickte.

»Verdammt! Was …«, fluchte er und seine Stimme brach mitten im Satz ab.

Das Bild ihres stummen Starrens bohrte sich in Averys Kopf und ließ eine pochende Wunde zurück, die ihn dazu zwang, sein Gesicht zu verzerren. Mit aller Kraft versuchte er, sein Zittern zu kontrollieren, doch unter dem Beben seiner Brust kämpfte er vergeblich. Wie Glasmurmeln eingesetzt in den Schädel einer Puppe, reflektierten die Augen die Form des Fensters, an dem Avery vor wenigen Minuten noch den Schwan beobachtet hatte.

In Rinnsalen bahnten sich Averys Tränen den Weg über seine Wangen, sammelten sich an seinem Unterkiefer, bis sie sich in den Rissen auf Célestines Haut ausbreiteten.

SCHEISSE. Komm zurück!

Eine Incendye stirbt nicht einfach so!

Nicht so!

Er rüttelte weiter an ihren verdorrten Schultern und weitere Knochen brachen wie die dünnsten Äste eines Baumes.

Das kann nicht wahr sein. Es muss eine Erklärung geben!

Am Himmel brauten sich dichte Wolken zusammen, als Avery immer noch über den Leichnam gebeugt schluchzte.

»In dir brennt noch ein Funke«, flüsterte er ihr zu und zwang sich, ein Lächeln auf seine Lippen aufzusetzen. »Ich weiß es doch.« Er legte seine Hand auf die Stelle, wo zuvor noch ihr Herz geschlagen hatte. Doch ab diesem Tag sollte er nie wieder ihr wärmendes Feuer spüren.

Kapitel Zwei

1940

Die Sterne funkelten am Himmel, der sich wie dunkler Samt dicht über Paris legte. So begab sich ein ungebetener Gast in die Katakomben von Paris und schlich, ohne bemerkt zu werden, in die verbotenen Refugien ewigen Wissens.

Unhörbar streifte seine Hand über die hölzernen Regalböden der Bibliothek Saint Lucie. Jahrhundertealter Staub wirbelte auf und reflektierte das spärlich einfallende Licht zwischen den Gängen, um dann still und leise zu Boden zu rieseln. Der Blick des Unbekannten huschte über die goldenen Lettern und sein Verstand suchte nach jedem Hoffnungsschimmer darauf, das richtige Buch zu finden. Das dumpfe Rascheln eines Papierstücks, das er zitternd in seiner Manteltasche knüllte und wieder glatt strich, zerriss die Stille.

»Célestine Durand, geboren am 10. März 1893, verstorben am 3. Oktober 1940 …«, stand auf dem Dokument, das er immer wieder in seiner Faust verschwinden ließ.

Es war kaum eine Woche her, dass seine Mutter vor seinen Augen zusammengebrochen war. Nur von einer einzigen Frage ausgehend brannte sich ein Lauffeuer durch seinen Kopf: Wie war es möglich, eine Unsterbliche zu töten?

Er kniff seine geröteten Augen zusammen, die jede Kraft aufwendeten, klar zu sehen. Zu lange hatte er sich auf der Suche nach der Antwort nächtelang durch ganze Wälzer gekämpft. Es musste Mord gewesen sein. Keine Naturgewalt konnte eine Incendye töten. Ab dem Zeitpunkt, dass die Taschenuhr eines jeden Incendyes stehen blieb, hörte dieser für immer auf zu altern. Man wurde unantastbar für den Tod.

Célestines Uhr hatte wieder angefangen zu ticken, nachdem sie vor Hunderten von Jahren stehen geblieben war. Lediglich durch das unheilschwangere Ticken des Sekundenzeigers hallte ihr Leben in die Dunkelheit nach.

Avery wusste nicht, wie es war, unsterblich zu sein. Er kannte all die Regeln und Konventionen, war angepasst und doch noch kein vollwertiger Bestandteil ihrer Gesellschaft. In seiner Tasche tickten nun zwei Uhren: die seiner Mutter und immer noch seine eigene.

Schritt um Schritt dezimierte sich die Anzahl an Büchern, die ihm seine Antwort geben konnten. Buch für Buch schrumpfte die Hoffnung.

Keiner der Incendye hielt sich hier jemals auf. Die alte Bibliothek war trotz der Stille kein Ort der Ruhe. Dichte Schwaden des Bösen hingen in der Luft und durchzogen jedes der bis zur Decke ragenden Regale. Jeder Text, jedes Wort war im Grunde seines Wesens dunkel. Voller Unheil. Hier, zwischen Texten über die Grausamkeiten und Abgründe seiner Welt, so hoffte Avery, würde er die Antwort finden. Etwas, das böse und mächtig genug war, seine Mutter getötet zu haben.

Seine Augen hatten sich schon so an die Dunkelheit gewöhnt, dass es ihn fast blendete, direkt in das spärliche Licht der Kerzen zu sehen. Unsichtbare Spinnweben streiften sein Gesicht und ließen eine Gänsehaut seinen Rücken hinab laufen. Zwar hatte er sich früher so oft in die Bibliothek zurückgezogen, doch noch nie war er in diesem Teil gewesen. Wäre er nicht so fixiert auf die Bücher gewesen, hätten sich seine Armhaare aufgestellt und seine Finger zu zittern angefangen.

Sein Blick huschte mittlerweile so schnell über die Buchrücken, dass die Regalwände wie Bäume einer Allee an ihm vorbeizogen. Mit jedem Buch schien die Antwort weiter von ihm weg zu rücken.

Als er es schon fast aufgegeben hatte und wieder zum Ausgang gehen wollte, durch den er sich zuvor hineingeschlichen hatte, blieb er stehen. Der Staub auf einem Regalbrett war genau an einer Stelle verwischt. Das dort stehende Buch fing seinen Blick ein.

Eine Gänsehaut breitete sich auf seinem ganzen Körper aus.

Jemand hatte es allem Anschein nach vor nicht allzu langer Zeit herausgenommen. Wie versteinert und mit großen Augen blieb Avery vor dem ledernen Buch namens »Tötungstheorie« stehen. Mit schweißnassen, fast unterkühlten Fingern streckte er sich, nahm es vorsichtig heraus und sank auf dem von Spinnweben gefesselten Stuhl nieder. Einen unerträglich unüberwindbaren Moment verweilte er, gebannt von den goldenen Lettern der Buchdecke.

Er schlug es auf.

»Um einen der magischen drei Sapye (von urlat. sapiya: weises Wesen) – Aurarye, Engel der Freiheit, Coronye, Führer des Goldes, Incendye, Herrscher des Feuers – zu töten, so glaubt man, braucht es eine düstere Macht, größer als das Gefüge der Welt. Jede Uhr, die die magischen Drei bei ihrer Geburt erhalten, ist untrennbar mit ihren Leben verbunden. Stirbt die Uhr, stirbt das Wesen. Stirbt aber das Wesen, so bleibt die Uhr bestehen. Der Umstand, dass ein Sapye ab seiner Reife unsterblich ist, genau wie sein verbundenes Uhrwerk, eliminiert nahezu alle Möglichkeiten der Tötung.«

»Nahezu …«, flüsterte er.

»Da weder die Uhr noch der Sapye zerstört werden können, bleibt nur noch eine Möglichkeit: Die Uhr muss wieder zum Ticken gebracht werden. So versteht es sich, dass es auf magischer Ebene eine dunkle Macht schaffen muss, die Zeiger wieder zu bewegen. Ab diesem Moment wäre der Sapye verwundbar.

Sapye werden von der Zeit seit ihrer Reife eingeholt – der Körper wird menschlich und altert nachträglich. Die Schnelligkeit des Prozesses hängt davon ab, wie alt und belastbar der Sapye ist. Verschiedene Theorien behandeln dieses Thema.

L. Da Vinci, seines Zeichens Incendye, hat die Anatomie der Sapye untersucht und ebenso deren Schwachstellen erforscht. Mehr als nur den Körper hat er die Uhren in seine Forschungen mit einbezogen und Parallelen zum Herzen eines Sapye aufgestellt. Seiner Auffassung nach brauchte es für die Ingangsetzung der Taschenuhren eine …«

Als er umblätterte, sah er die herausgerissene Seite. Fast zerrte Avery die nächste Seite heraus, als er sie umschlug und weiterlas. Hektisch mit dem Papier raschelnd, Worte über Geschichte und Hintergründe überfliegend, realisierte er still, dass die wichtigste Stelle fehlte. Ein Knoten in seiner Brust erschwerte ihm das Atmen. Tränen krochen hinter seinen Lidern hervor und seine Hände wurden kalt.

So kurz vorm Ziel? Verdammt! Soll es das jetzt gewesen sein?

Vor seinem inneren Auge sah er, wie derjenige, der für den Tod seiner Mutter verantwortlich gewesen war, weiter sein Unwesen treiben würde. Als er diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, fraß sich rastlose Wärme von seinem Herzen aus durch seine Brust bis hin in seine Augen. Avery wusste nicht, wie ihm geschah, als seine Fingerspitzen zu glühen und zu zittern begannen. Kleine Flammen schossen aus seinen Handflächen hervor und erhellten die Bücherregale um ihn herum. Dieses Gefühl von Feuer in seinen Adern war fremd für seinen Körper und doch schlug sein Herz immer langsamer. Es umfasste ihn und durchlief jede Zelle seiner Selbst.

Wie damals, als ihn Célestine mit ihren Kräften gewärmt hatte, als er sich nach der Schule verirrt und durch den ganzen Schnee den Weg nach Hause nicht mehr gefunden hatte. Noch immer konnte er die unerbittliche Kälte in seinen Gliedern spüren und Célestines Rufe hören, ihre Flammen fühlen, als sie ihn fest in ihre Arme genommen hatte, sodass ihm nichts Böses widerfahren konnte. Durch die Erinnerung an die Flammen seiner Mutter, wurde ihm klar, was nun geschah.

Die Wärme zog sich urplötzlich zurück. Ehe Avery sich wieder sammeln konnte, wanderte sein Blick zu seiner Manteltasche. Eine ungewohnte Stille durchdrang den Raum.

Er hörte nur eine Uhr ticken.

Eine.

Kapitel Drei

Es war ein düsterer Montagmorgen in Paris. Undurchdringlich und unnachgiebig legte sich ein Schleier aus Wolken und Schnee über die Kronen der Stadt. Emsig wuselten die Menschen durch die Straßen. Wie ein organisches Herz pumpte die Stadt Menschen ein und aus, in ihren Autos, auf Rädern, Schienen und zu Fuß.

Für Avery begann der Arbeitstag wie für jeden anderen auch: ziemlich früh. Doch er liebte seine Arbeit in der Opéra Garnier. Die Musik, die Oper, das Ballett.

Avery stand neben der Regalwand, wo er sich vor einem Spiegel anzog. Dunkle Holzböden und massive Streben erstreckten sich bis unter die hohe Decke der winzigen Wohnung. Jeder einzelne Zentimeter mit Büchern des letzten Jahrhunderts vollgestopft, verschwand die Wand an dieser Stelle gänzlich hinter zwischen Buchdeckeln gedruckte Welten.

Er knotete seine Krawatte zurecht, zupfte an seinem Gilet und zog die Ärmel seines Hemdes über die Handgelenke. Thérèse würde ihn wieder mustern. Sobald er den Schlüssel für die Theaterkasse bei ihr abholte, huschte ihr Blick in Sekundenschnelle über seinen Aufzug. Sie hatte schon immer ihre Regeln gehabt – die sie seither mit aller Sorgfalt einzuhalten wusste. Seine Chefin war keineswegs ein Drill-Sergeant, sondern gefühlsmäßig eher ein entferntes Familienmitglied, zu dem man eine gewisse Nähe auf autoritärer Distanz spürte. Paradox eigentlich. Nur, wenn man so viele Menschen unter seiner Verantwortung hatte, musste man durchsetzungsfähig sein. Also kämmte Avery ein zweites Mal sein dunkles Haar, bis jede Locke an Ort und Stelle lag. Seinen langen Wollmantel streifte er über seine schmächtigen Schultern und umhüllte damit seine schlaksige Figur. Die Hornbrille säuberte er mit einem kleinen Mikrofasertuch, ehe er sie sich blinzelnd aufsetzte. Zu seinem Erstaunen entlockte er sich selbst beim Blick in den Spiegel ein kleines Schmunzeln. Seine Haare lagen selten in Reih und Glied.

»Guten Morgen. Guten Tag. Was kann ich für Sie tun? Ich empfehle Ihnen die mittleren Plätze auf dem Parkett«, sagte er die alltäglichen Floskeln für sich selbst auf. Seit etwa drei Monaten arbeitete er nun in der Opéra Garnier. Vorher als Aushilfe von Concierge Henry und nun als Kartenverkäufer. Hier sah er jeden Tag die verschiedensten Menschen aus allen Nationen der Welt.

Das Beste daran, »Mädchen für alles« zu sein, waren die Momente, in denen er die Schauspieler, Sänger und Tänzer kennenlernen durfte.

Seit jeher hatte Avery eine Faszination für das Leben auf der Bühne gehegt – auch wenn es ihn selbst nie ins Rampenlicht gezogen hatte.

Während er im Treppenhaus zwei Stufen auf einmal auf den Weg nach unten nahm, dachte er daran, dass er heute Jeremy wiedersehen würde. Schon seit einiger Zeit hatte er die einzige Person, die er mit gutem Willen als seinen Freund bezeichnen konnte, nicht mehr gesehen.

Der Wind peitschte in sein Gesicht, als er die Haustür hinter sich schloss. Mit zusammengekniffenen Augen und hoch geschlossenem Mantel stapfte er durch das Pariser Schneechaos. Es war ihm keineswegs kalt. Er verhielt sich nur so, als wenn er frieren würde, um normal zu wirken. Zwar konnte niemand außer einem anderen Sapye seine Feuermagie sehen, aber er wollte auch keine Blicke für ein leichtes Outfit bei Minusgraden ernten.

Ein Incendye hielt stets der Kälte stand, die Kraft wärmte ihn aus dem Inneren heraus. Seinesgleichen würde ein dafür verantwortliches Glühen an der Stelle, an der sein Herz lag, erkennen.

So lief Avery unbemerkt die Treppen zum Seiteneingang der Oper hinauf. Concierge Henry nickte, verbeugte sich leicht und Avery lächelte, neigte den Kopf, sodass seine Brille ein wenig verrutschte. Schnell wieder zurechtgerückt bedankte er sich bei dem etwas untersetzten Henry und huschte in den linken Flügel, wo er hinter einer Tür mit der Aufschrift »Privat« verschwand. Lautlos die Tür schließend und um eine Säule huschend, drehte er sich um. Sie stand bereits mit einem Grinsen vor ihm. Ihr silbernes Amulett, das sie immer trug, reflektierte das harte Licht der Deckenleuchten und blendete Avery. Ihr rechtes Lid zuckte kaum erkennbar und durchbrach die perfekte Symmetrie ihres Gesichts.

»Nach dir kann man die Uhr stellen.«

Sie beäugte ihn und der Hauch eines Lächelns legte sich auf ihre schmalen Lippen. Avery entwich ein verschmitztes Lachen: »Ich schätze schon, ja. Guten Morgen, Thérèse.«

»Hier, der Schlüssel. Bitte kümmere dich zuerst um Océane. Lampenfieber«, sagte sie leicht spöttisch mit rollenden Augen.

»In Ordnung, gerne.« Avery nahm den Schlüssel und lief weiter in den Bereich, wo sich die Tänzerinnen aufhielten.

Wenige Treppenstufen und verwinkelte Gänge später klopfte er vorsichtig an. Auf ein knappes »Herein« öffnete er die Tür.

Océane saß wie ein Häufchen Elend an ihrem Platz. Das pechschwarze Haar zu einem Dutt zurechtgezurrt, haftete ihr Blick am Boden. Ihre Hände lagen zitternd in ihrem Schoß, während sie ihre Lippen aufeinanderpresste und sich Angstschweiß auf ihren Schläfen sammelte.

Avery zog besorgt seine Augenbrauen zusammen und legte ein schiefes Lächeln auf. So wie sie dasaß, wollte er sie am liebsten vor einen Kamin setzen, sie in drei Wolldecken einwickeln und ihr ein Glas Nutella mit Esslöffel in die Hand drücken.

Giulia, eine andere Tänzerin, hatte Avery gelangweilt hereingebeten und musterte ihn, um sich dann wieder Kaugummi kauend ihrem Spiegelbild zuzuwenden. An Giulia vorbeigehend nahm er einen Hauch von Rosenparfum in der Luft wahr. Hätte er die Liebe zu seiner Arbeit im Theater in einem Duft destillieren müssen, so wäre es wahrscheinlich eine Variante dieses Parfums gewesen. Warm. Ein Gefühl von Zuhause. So schwerelos, wie es nun in seine Nase stieg, fühlte er, wie das Feuer in seinem Herzen aufblühte.

Einen kurzen Moment war er in Gedanken verloren, dann richtete er seinen Blick wieder auf Océane. Heute Nachmittag fand ihr zweiter richtiger Auftritt vor großem Publikum statt – und es wäre das erste Mal, dass sie Schwanensee mittanzte, was mit fast einundzwanzig Jahren eine beachtliche Leistung war.

»Océane …« Mit einem scheuen Ausdruck in den Augen, die Averys Blick kreuzten und wieder zurückzuckten, schaute sie zu ihm auf. »… kann ich etwas für dich tun?«

»Ach, Avery. Das ist lieb von dir. Da muss ich wohl alleine durch.«

»Nein, wirklich. Warte, ich bringe dir einen Tee.«

»Du brauchst ni–…« Doch Avery eilte schon zum Wasserkocher, der auf einer kleinen Küchenzeile stand.

Er lächelte breit und freute sich darüber, ihr helfen zu können. Den Wasserkocher befüllte er nur aus Alibi-Gründen.Kurze Zeit später nahm sie die wärmende Tasse dankend an.

Avery konnte sich nicht mal ansatzweise vorstellen, wie sich Océane nun fühlen musste. Für jemanden, der nur im Hintergrund agierte, konnte er sich niemals ausmalen, selbst auf der Bühne zu stehen.

»Genau richtig. Nicht zu heiß und nicht zu kalt…«, freute sich die Tänzerin. Avery schmunzelte zu sich selbst, als er sie kurz in den Arm nahm und sie dadurch sein Gesicht für einen Moment nicht sehen konnte. Als Incendye mit Feuerkräften ausgestattet hatte man einige Vorzüge im Leben.

Er richtete sich auf, schwellte seine nicht vorhandene Brust ein wenig und nickte stolz.

»Ich kenne mich mit Tee ein wenig aus.« Avery deutete erklärend zur Küchenzeile. »Die Blätter sind winzig zusammengezogen und dehnen sich im Wasser wieder aus.« Aus dem Augenwinkel nahm er Giulia wahr, die die Stirn runzelte. An Océanes Blick konnte er ablesen, dass sie keinen blassen Schimmer hatte, wovon er da redete. Hauptsache, der Tee half.

»Würdest du uns nun bitte alleine lassen? Tänzerinnen brauchen Ruhe vor ihrem Auftritt.« Giulia betonte das Wort »bitte« mit Nachdruck.

»Du musst Thérèse nicht immer so nachäffen«, entgegnete Avery und zog seine Augenbrauen hoch.

Giulia prustete und als sie sich wieder fangen konnte, richtete sich künstlich auf und hob die Nasenspitze. Sie räusperte sich in einer Tonlage, die viel zu hoch, viel zu höflich war. Avery verdrehte die Augen und grinste, als er merkte, dass sie ihn mal wieder veräppelte.

Mit einem Lächeln auf den Lippen schlenderte Avery zurück, um sich auf den Arbeitstag vorzubereiten. Leider hatte er heute nicht die Spätschicht, in der er entspannt nach der Aufführung mit den Tänzern und Schauspielern reden konnte, ohne dass sie sich zurechtmachten oder ihre Choreografien durchgingen.

Die große Vorhalle breitete sich vor ihm aus und die hohen Goldverzierungen an den Decken reflektierten das Licht der auf halber Höhe hängenden Kronleuchter. Von ovalen Rahmen gesäumt, bedeckten zahlreiche Gemälde Wände und Decken. Der Duft von Marmor gemischt mit Goldfarbe schlich sich in seine Nase und als er auf seinen Arbeitsplatz zuschlenderte, ließ er seine Hand an den Säulen der Wände vorbeistreichen.

Er schloss die Kasse auf. In weniger als fünfzehn Minuten würden die Türen von Henry geöffnet werden und vereinzelte Menschen würden vielleicht ein paar Karten für »Schwanensee« kaufen – abgesehen von den vielen Touristen, die einfach nur bis mittags das Gebäude besichtigten. Meistens waren es ältere Menschen. Avery bedauerte es immer sehr, dass die Oper nur wenige seines Alters – oder besser gesagt: seines äußerlichen Alters – begeistern konnte.

Tatsächlich kauften einige Leute ein paar Tickets für das berühmte Schwanensee-Stück von Tschaikowski. Wenn Avery die Augen schloss, konnte er sie hören – die ersten Töne der Ouvertüre. Und damit seine Kindheit.

Damals in den 20ern hatte sein Vater oft klassische Musik gespielt. Die Töne der ersten Takte schlichen sich in Averys Gedächtnis und mit ihnen der holzige Duft der Zigarren, die sein Vater zu rauchen pflegte. Ein altes Buch, aus dem er seinem Sohn vorlas, ein kaum sichtbarer Schleier aus Rauch zwischen Averys Blick und den Worten aus dem Märchenbuch, denen er abends lauschte, bevor er seine Mutter und ihn verlassen hatte.

»Einmal ›Der Liebestrank‹, bitte«, riss es ihn aus seinen Gedanken. »Student«, fügte der junge Herr an und bedachte ihn mit einem Nicken. Avery zückte den Sitzplan. »Ist egal, wo ich sitze.« Er lächelte.

»In Ordnung.« Avery wählte eine preisgünstige Kategorie und rechnete das Ticket mit dem Besucher ab.

»Der Liebestrank …«, murmelte Avery, als der Student die Vorhalle wieder verlassen hatte. Auch ein Stück, das er damals mit Célestine gesehen hatte. Seine Gedanken schweiften wieder zurück in die Vergangenheit. In die Vergangenheit, in der er nicht so alleine gewesen war, in der er sich noch vollständig gefühlt hatte.

Die ein- und ausgehenden Menschen trieben die kalte Luft in den Empfangsbereich der Oper. Verirrte Schneeflocken flogen durch den Raum, ehe sie auf dem Boden schmolzen. Um die Nachmittagszeit wurde es ruhiger, fast schon gespenstisch. Für normale Besucher ohne Karten schlossen sie das Gebäude ein paar Stunden vor der Aufführung.

Avery langweilte sich angesichts der Stille, ließ Handgelenke und Finger knacken und spielte mit kleinen Funken, die über seiner Hand tänzelten. Einen Sapye hatte er noch nie hier in der Nähe gesehen, weshalb er sich keine Sorgen machte, irgendwer könnte seine Spielchen bemerken. Für Menschen waren seine Fähigkeiten sowieso unsichtbar. Der magische Schleier – eher ein Schild – bewahrte die Sapye vor ihrer Enttarnung, denn aus der Vergangenheit hatten auch sie lernen müssen.

Dass die Sapye früher noch ungetarnt unter den Menschen gelebt und auch ihre Fähigkeiten zur Schau gestellt hatten, war ihnen irgendwann zum Verhängnis geworden. Dass übernatürliche Wesen friedlich mit Menschen zusammenleben könnten, war wohl eine törichte Wunschvorstellung gewesen.

Während Avery seine Langweile vertrieb und die winzigen Flammen von Finger zu Finger wandern ließ, erinnerte er sich daran, was ihm seine Eltern über Seinesgleichen beigebracht hatten: Als die Menschen die Aurarye als Engel des Herrn vergöttert und sie umgarnt hatten, bis sie sie praktisch erdrückten, wurde den Sapye bewusst, dass die Fähigkeiten nicht mehr nach außen getragen werden durften. Auch die Coronye, die seit jeher als Könige die Menschen führten und ihnen das Gold brachten, wurden schließlich aus Gier angegriffen und gestürzt. Die Incendye, Überbringer des Feuers, sahen ihre Magie missbraucht. Das wahre Feuer, voller Wissen, wärmend und schützend, dieser Fortschritt, wurde für die Zerstörung missbraucht. Kriege wurden geführt. Ganze Länder gingen in Flammen auf.

Wenn Avery daran dachte, brodelte die Glut in ihm. Jedes Mal, wenn er in den Nachrichten einen neuen Bombenanschlag sah, wurde ihm bewusst, dass die Menschen ohne viele kluge Incendye nie so weit gekommen wären.

Das, wofür die Sapye standen – die Freiheit und die Liebe, die Führung und das Ziel, der Fortschritt und die Weisheit – all das ging allmählich zugrunde.

Die Hände der Sapye waren gebunden. Die magischen Naturgesetze hinderten sie daran, in den Krieg gegen die Menschen zu ziehen. Ein Sapye war unfähig, einem Menschen Leid zuzufügen.

Nicht dass Avery jemals vorgehabt hätte, einen Menschen anzugreifen oder seine Kräfte für sonstige Gewalt zu nutzen.

Als die Sapye nicht mehr in Frieden neben den Menschen hatten existieren können, hatten sie ihre Kräfte zusammengelegt und den magischen Vorhang erschaffen, der sie vor den Augen derer schützte, denen das magische Blut fehlte.

Gedankenverloren erzeugte Avery aus den Flammen kleine glühende Blüten, ließ sie tanzen – doch das sachte Geräusch von Schuhen, die über Teppichstoff streiften, ließ ihn auf-schrecken. Er sah sich um. Sein Blick durchdrang die Korridore, doch er konnte niemanden sehen.

Die Stunden vergingen und Avery übergab den Schlüssel nach seiner Schicht an seinen Kollegen und Freund Jeremy, der seinen Job mit weniger Begeisterung für das Theater ausübte.

»Danke. Ich tu heute wenigstens so, als wäre ich freundlich. Thérèse hat mich jetzt schon zweimal verwarnt. Guten Tag, Monsieur, ja, Monsieur, gerne«, höhnte Jeremy. »Wollen Sie lieber oben sitzen?Bla, bla, bla.« Er konnte Avery wie immer mit seinen kleinen Witzeleien anstecken und beide mussten lachen.

»Gut vorbereitet, Jer. Dann kann ich dir ja die Bude überlassen.« Mit einem Nicken und einem kräftigen Händeschütteln verabschiedeten sich die beiden voneinander.

Zurück in der Garderobe des Personals, wo Avery seinen Mantel abholte, lief er Giulia über den Weg.

»Avery.« Sie zog ihre Mundwinkel nach oben, doch ihre Augen starrten ihn an.

»Wie war der Auftritt? Odette zu spielen und zu tanzen, ist sicher eine Herausforderung«, versuchte er ihre merkwürdige Mimik zu lockern.

»Hm«, machte sie stumpf, während sie nickte, seinem Blick auswich und in einen Bogen um ihn herum aus der Tür ging.

Seltsam. Avery kannte sie schon, seit er im Theater arbeitete. Thérèse hatte erzählt, dass Giulia seit einigen Jahren dabei war, früher auch als Juniorballerina. Und selbst wenn sie sehr forsch und frech war, konnte Avery seine Sympathie für sie nicht verstecken. Auch wenn sie ihn hin und wieder ärgerte und ihren Sarkasmus zum Besten gab, konnte Avery in seinem hohen Alter deutlich erkennen, dass irgendwo ein weicher Kern in ihr schlummern musste. Doch das gerade eben war nicht die Giulia gewesen, die er kannte. Unsicherheit wie diese war nichts, was sie freiwillig gezeigt hätte.

Avery konnte sich keinen Reim darauf machen, warum sie fast wortlos und fluchtartig an ihm vorbeigestapft war. Dass ihr Auftritt schlecht gewesen sein sollte, konnte er sich auch nicht vorstellen. Schließlich war sie die beste Primaballerina weit und breit. Niemand konnte ihr das Wasser reichen – weshalb sie natürlich die Hauptrolle in Tschaikowskis Schwanensee spielte. Avery schätzte sie auch so ein, dass sie ein gutes Leben hatte, keinen Streit oder Unstimmigkeiten. Das wäre ihm aufgefallen. Über eigentlich belanglose Dinge wie diese machte sich Avery viele Gedanken. Vermutlich wäre es besser gewesen, er würde solchen kleinen Momenten nicht zu viel Bedeutung beimessen und seine Gedanken für andere Dinge freimachen.

Kapitel Vier

In der Dämmerung kämpfte sich Giulia durch die Menschen. Ihr roter Mantel streifte die Kleidung der anonymen Masse, während sie ihr Barett festhalten musste, bevor es vom Sturm mitgerissen wurde. Die kastanienbraunen Locken vom Wind verworren, presste sie ihre Lippen vor Kälte zusammen. Scheinbar hatte ihr Mantel jede Wärmefunktion aufgegeben, als sich die eisigen Temperaturen unter ihr Shirt fraßen, um eine aufdringliche Gänsehaut zu hinterlassen. Mehr als mit der Kälte kämpfte sie allerdings mit ihren Gedanken. Mehr als die Menschen, die sich an ihr vorbei drängten, war es ihr Kopf, der sie erdrückte. Vor knapp einer halben Stunde hatte sie das Theater verlassen, doch statt wie jeden Tag in den Untergrund der Bahn zu verschwinden, bog sie in eine andere Richtung ab. Die überfüllte Allee führte direkt zu einem Haus, das zwischen zwei prächtigen Gebäuden eingequetscht auf seinem Fundament balancierte. Die Tür schwang auf – wer auch immer sie dort so schief eingebaut hatte, gehörte gefeuert – und Giulia klopfte die weißen Flocken von ihrem Mantel. Wie mit Puderzucker bestäubte sie damit das zerkratzte Wurzelparkett. Als hätte man sie schneiden können, füllte die stickige Luft den Raum.

»Patty?« Doch auf ihren Ruf erfolgte keine Antwort. Früher hatte sie viel Zeit in Patricia Pans Antiquitätenladen verbracht. Zwar war sie nur eine Freundin ihrer Mutter, aber Giulia nannte sie trotzdem Tante Patty. Nach Giulias Aufnahme ins Ensemble der Pariser Oper, hatte sie sich nicht die Zeit genommen, um ihr hin und wieder einen Besuch abzustatten.

Ein Gefühl, gemischt aus Scham und Reue pulsierte in ihren Adern. Bedeckt von der Gänsehaut, die sie trotz der Wärme nicht verließ, sammelte sie all ihren Mut zusammen.

»Patty!« Der Raum lag weiterhin ruhig im Halbdunkel einer alten Öllampe. Es roch nach altem Teppich, Holz und kaltem Wachs. Durch die Vorhänge traten nur vereinzelte Lichtstrahlen hindurch. Ein Seufzen entwich ihr und kaum merklich zogen sich Giulias Augenbrauen zu einem verzweifelten Ausdruck zusammen.

Der Laden war nie geöffnet, wenn Patty nicht zuhause war.

Sich darüber im Klaren, dass sie ignoriert wurde, drehte sich Giulia langsam herum, als sie ein Knarzen des Bodens vernahm. Sie hielt den Atem an.

Da stand Patty und durchdrang ihren früheren Schützling mit einem Blick voller Traurigkeit. Die Flamme der Öllampe spiegelte sich flackernd in Pattys glasigen Augen. Wie von einer unsichtbaren Mauer aus erkalteten Gefühlen aufgehalten, blieb sie einige Schritte weit entfernt von Giulia stehen. Die bis zur Decke aufgetürmten Sitzmöbel an den Wänden engten sie beide ein. Kein Wort kam über Giulias blutrote Lippen und so blieb ihr Mund offen stehen.

»Sieben Jahre«, seufzte die alte Frau, während sich ihr Brustkorb unter den vielen Lagen ihrer abgetragenen Kleidung senkte. Die Stille lag nun wie unnachgiebige Rauchschwaden in der Luft.

»Ich. Ich …« Giulias Blick wich Pattys aus und sie fing an, am Saum ihres von schmelzenden Schneeflocken funkelnden Mantels zu spielen.

»Ich brauche deine Hilfe«, brach es aus Giulia hervor.

Pattys Gesichtszüge blieben unverändert: die Brauen zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepresst und gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfend.

»Ich habe etwas gesehen. Einen jungen Mann. In der Oper.«

Doch Patty drehte sich bereits wieder um, um in den Raum hinter der Kasse zu verschwinden.

»Er ist einer von ihnen!«, wimmerte Giulia und Patricia blieb stehen, spitzte die Ohren. Immer noch von ihr abgewandt, sah Giulia nicht, wie Pattys Ausdruck erstarrte.

»Du hattest recht. Die ganze Zeit.«

»Du wolltest nichts darüber wissen. Hast dein Leben in dieser Oper verbracht. Verschlossen.« Ihre Hand krallte sich um den Griff ihres Gehstocks.

Wie sehr sie seitdem gealtert war.

Als Giulia sie das letzte Mal gesehen hatte, hatte Patty noch aufrecht gehen können.

Das letzte Mal, hallte es in ihrem Kopf nach und eine Explosion der Bilder flammte in ihrem Gedächtnis auf.

Der Geruch von altem Holz und Staub, der sich seit Jahrzehnten in den Polstern der sich türmenden Sitzmöbel festgesetzt hatte, stieg in ihre Nase. Der Geruch von Lampenöl und ausgeblasenen Kerzen – so echt wie damals. Eine jüngere Version Pattys kam mit einem ledergebundenen Buch und einem Schmunzeln auf ihrem Gesicht auf Giulia zu.

»Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Schließlich bist du nun alt genug, um sie vollständig zu erfahren.«

»Tante Patty, ich bin nicht alt genug für Geschichten. Ich bin alt genug, um bei der Oper aufzutreten.«

»Aber du musst noch so viel erfahren, wie es mit den Sapye weitergeht.«

»Hör mir auf. Das sind Gutenachtgeschichten. Ich bin fünfzehn und keine drei mehr.«

»Du hast sie nur immer so gern gehört, ich dachte vielleicht, dass –«

»Ich sagte, ich bin zu alt dafür.«

»Aber –«

»Es ist. Mir. Egal!« Und mit einem Ruck riss sie ihre Ballettschuhe an sich und warf dabei eine Lampe vom Tresen.

»Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, das dir zuhört, nur weil eine alte Frau wie DU niemanden zum Reden hat.«

Mit dem Türknall, mit dem ihr fünfzehnjähriges Ich jene Tür bis heute zum letzten Mal geschlossen hatte, löste sich ihre Erinnerung, sodass sie nun wieder vor der Frau stand, die sie vor langer Zeit so abschätzig von sich gestoßen hatte.

»Ich glaube dir. Ich glaube die Geschichten.«

Zögerlich drehte sich Patty um. Mit zusammengekniffenen Augen und scheinbar von Selbstschutz getriebener Distanz schob sie Giulia das ledergebundene Buch auf den Tresen, wodurch winzige Staubschwaden aufgewirbelt wurden.

»Lies.«

Damit verschwand sie zurück in das Hinterzimmer, ohne Giulia eines weiteren Blickes zu würdigen.

Voll von innerer Zerrissenheit und einem Gefühl, das Giulia zuvor so niemals gefühlt hatte – ein so starkes Verlangen nach Versöhnung und Wiederkehr –, nahm sie das Buch an sich und drückte es an ihre Brust. Sie starrte in die Leere. Ein Blinzeln brach ihren Blick, der unnachgiebig an der geschlossenen Tür hinter der Kasse haftete. Langsam lösten sich auch die unsichtbaren Wurzeln an Giulias Füßen und sie stolperte rückwärts. Als sie sich ruckartig fing, drehte sie sich um und ging durch die Tür zur Straße hinaus.

So blieb sie im Schneegestöber der Stadt stehen, unbeirrt von der Kälte und vollends von ihren Gefühlen gefangen. Von Gefühlen, die sich seit dem Hinweg um hundertachtzig Grad gedreht hatten. Ihr zuvor schneller Puls verklang nun in einem ruhigen Pochen und die Anspannung löste sich aus ihrer Brust. Die Begegnung mit Patty hatte ihr in dieser wirren Situation ein Stück Heimat zurückgebracht – einen Anker, der sie erdete. Hätte sich Tante Patty wirklich von ihr abgewandt, würde sie nun nicht dieses Buch in ihren Händen halten.

Den Ledereinband fest umklammert, wurde sie von einer Passantin mit roten langen Haaren, die Giulia anrempelte, aus ihrer Trance gelöst. Mit gesenktem Kopf legte Giulia das Buch behutsam in ihre Tasche, in die es kaum hineinpasste. Aus Angst vor Schäden nahm sie vorsichtshalber ihr Parfum und ihren Nagellack heraus, um sie in ihre Manteltasche zu stecken.

Mehr als doppelt so lange brauchte Giulia dieses Mal, bis sie zuhause war. Ihre Schritte flogen nicht mehr. Ihre Füße wurden wie dicke Magnete vom Boden angezogen. Ihre Glieder trugen die Last ihrer Vergangenheit und die Frage dessen, was sich ihr in dem Buch offenbaren würde.

Manchmal hoffte Giulia, jemand aus den Massen würde ihr in die Augen schauen und sie fragen, was sie tat und was sie fühlte. Doch wie an jedem anderen Tag gingen die Menschen wortlos aneinander vorbei. Giulias Blicke in die Gesichter der andern wurden nicht erwidert oder sogar zurückgewiesen.

Hunderte Menschen applaudierten ihr, wenn sie Odette auf der Bühne verkörperte. Wenn sie wie jede Woche ihre Arme hob und senkte, auf den Zehenspitzen tanzte und am Ende dem Publikum Küsse zuwarf. Außerhalb des Theaters war da niemand, dem sie von ihren Ängsten erzählen konnte. Und überhaupt. Niemand, der sich mit ihr in den Fotoapparat an der Metro-Station setzen würde, um Grimassen zu schneiden. Niemand, der verstanden hätte, wie sie sich nun fühlte. Wenn man nicht dorthin zurückkehren konnte, wo man sich einst so sicher gefühlt hat, weil man jeden, der einem eigentlich wichtig war, von sich gestoßen hatte. Was es mit einem machte, zu wissen, dass es allein die eigene Schuld war.

So drückte Giulia die Tasche mit dem Buch enger an ihren Körper.

Kapitel Fünf

Giulia platzierte den Wälzer auf ihrem Bett und streifte den Staub aus der Prägung des Buchdeckels. »Die Märchen der Sapye« flüsterte es ihr durch die goldenen Buchstaben des Titels entgegen.

Damals, als ihr Patty daraus vorgelesen hatte, war das Leben unbeschwerter gewesen. Eine Sommerbrise im Haar, der Geruch von frischen Orangen und Zitronen, die als Scheiben in der selbstgemachten Limonade schwammen. Die Erinnerungen kamen wieder. Stück für Stück. Glühwürmchen, die des Nachts ihre Bahnen zogen. Giulia, die den Worten Pattys lauschte. Kaum vier Jahre alt und die Beine auf das Polster des Gartenstuhls angezogen, hing sie wie festgenagelt an Pattys Lippen. Zu lange war es her, als dass sie sich an jede Kleinigkeit hätte erinnern können. Die Geschichten der magischen Wesen lagen wie ein von der Sonne ausgeblichenes Bild in einer der hintersten Ecken von Giulias Gedächtnis. Als hätte ihre Hand fremdbestimmt gehandelt, berührte sie den Ledereinband des Buches und schlug es auf.

»Zu einer Zeit, als die Welt unverbraucht und die Menschen jung waren, schuf der Allmächtige drei Wesen: Incendye, Coronye und Aurarye. Zusammen bildeten sie die Einheit der Sapye – die Weisen. Es lag an ihnen, den Menschen Leben einzuhauchen. Ein Leben, das jenseits der bloßen Existenz gründete. So wurden alle drei Wesen zur Erde hinab geschickt und brachten den Menschen das Leben, wie wir es heute kennen.

Coronye, Führer des Goldes und Könige ihrer Zeit. Sie brachten den Menschen als Könige die Führung. Die Bestimmung, den Rahmen für ihr Weltbild – ein Regelwerk für das Leben miteinander. Gold zum Handel. Man munkelt, die Coronye herrschen über das Gold selbst und brachten es in die Welt. Sie machten es wertvoll für die Menschen. Es lag nie in der Natur eines Coronye, die Menschen wie heutige Herrscher zu unterdrücken oder zu versklaven, denn die ersten Könige waren gut. Sie taten das, was für ihr Volk gut war, für all die Menschen, die geleitet werden mussten, die Welt zu begreifen.

Incendye, Herrscher des Feuers, die Weisen des Fortschritts. Um den Menschen in seinem Sein fortschreiten zu lassen, brachten die Incendye das Feuer.«

Ihre Augen weiteten sich.

Avery, schoss es durch ihren Kopf.

Sie sah vom Buch weg und die magischen Flammen über seinen Fingerkuppen tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Sie las weiter.

»Lodernd, wärmend, friedlich. Mit dem Feuer kam der Fortschritt. Die Suche nach der Erleichterung des Lebens, der Perfektionierung des Seins. Die Menschen schufen Maschinen. Der Fortschritt entwickelte sich in den Händen der Menschen weiter, vom lebendigen Feuer der Incendye entzündet.

Aurarye, Engel der Freiheit, Schöpfer der Liebe. Den Menschen verlangte es nach Beziehung, nach Kreativität, Freiheit, Glück und der Liebe. Die Aurarye samt prächtigen Flügeln wurden Zeit ihres Bestehens als Engel verehrt, brachten all dies auf die Erde.«

Engel sind eigentlich … diese … Wesen?

Giulia musste ihre Gedanken ordnen. Wenn das wirklich alles stimmen sollte, was in diesem Buch stand, basierte etwa die ganze Menschheit auf einem Geheimnis, von dem niemand etwas wusste. Oder jemand hatte ihr etwas ins Wasser gemischt, dass sie heute halluziniert hatte, und die Geschichten vor ihr erzählen wirklich nur Märchen.

»So unterschiedlich ihre Flügel auch waren – über Schwanen-flügel, Libellenschwingen, Eulen- oder Falkenfedern – die Aura-rye standen für die Freiheit und Einheit in allen Belangen. Die, die zuerst agierten, trugen ihre Federn in Weiß. Federn und Flügel, geformt zu Dächern, die die Menschheit vor dem Bösen schützen sollten.

Unwissend über die Gefahr, sahen die Sapye ihr Werk, wie es rissig wurde und dunkle Strahlen des Bösen ihren Weg bahnten.

Die Menschen nahmen, aber gaben nicht. Sie stahlen das Gold, stürzten die Mächte, missbrauchten die Macht und unterjochten die Sapye und einander. Sie nahmen das Feuer und brannten die Erde nieder. Verbrannten die Städte und Wälder ihrer Feinde, bauten Waffen und bekriegten sich. Sich und die ganze Welt.

Sie nahmen ihre Freiheit und schränkten die der Friedlichen ein, nahmen die Liebe und täuschten sie vor, nahmen Herzen und zerbrachen sie. Zerstörten Träume und Hoffnungen.

Und so erkannten die Sapye: Der Mensch konnte niemals nur glücklich sein. Es gab sie nicht ohne das Böse.

Die Sapye wurden gejagt, ihr Gold geraubt, ihre Flügel genommen und ihr Feuer missbraucht. Die Menschen in ihrer Überzahl verfolgten sie in die letzten Ecken der Welt.

Die Sapye wurden ihrer Freiheit beraubt und man versuchte, durch Folter das Geheimnis der Unsterblichkeit zu enthüllen.

So erhoben sich die mächtigsten der Sapye irgendwann und schlossen ihre Kräfte zusammen. Gemeinsam schufen sie den Schleier der Unsichtbarkeit. Ein Schutzschild. So sollte es den Menschen unmöglich sein zu erkennen, wenn ein Sapye seine Kräfte benutzte. Sie sollten blind für die Wesen der Freiheit, des Goldes und des Feuers sein. Für ihre Flügel, ihre Kronen und ihr Feuer.«

Giulia hob eine Augenbraue an.

Scheint ja nicht so gut zu funktionieren.

»Es trug sich infolgedessen zu, dass die Menschen ihren Glauben an das Übersinnliche verloren und ihre Welt so hinnahmen, wie sie war. Die Werte der Sapye hinterließen ihr gutes Erbe … und jenes schlechte. Nur ein Sapye sieht nun, wie ein Aurarye seine Flügel ausbreitet, mit welcher Anmut ein Coronye seine Krone trägt, die Ewigkeit aus Gold formt und wie die Flammen eines Incendye Geborgenheit und Wärme spenden.«

Giulia legte den Kopf schief und zog ihre Augenbrauen zusammen. Ihre Augen konnten sie nicht angelogen haben – doch warum wurde in diesem Buch immer wieder erwähnt, dass Menschen die Kräfte nicht sehen konnten?

»Die Taschenuhr eines Sapye stellt den Quell seiner Magie dar. So trägt jeder Sapye eine Uhr mit sich, graviert mit dem Symbol ihres tiefsten Inneren, das seine Seele symbolisiert. Der Legende nach altert ein Sapye so lange, bis seine Uhr aufhört zu ticken. Ab diesem Moment ist er unsterblich.«

Avery war unsterblich? Bei der Vorstellung, einen zweiten, sehr viel echteren Edward Cullen vor sich zu haben, drehte sich ihr der Magen um.

»Mehr und mehr geriet auch dies bei den Menschen in Vergessenheit. Unsterblichkeit wurde zum Mythos. Man munkelt, die Sapye leben bis heute unter uns.«

Giulias Blick flog nur so über die Wörter der vergilbten Seiten.

»Der Legende nach sind sie am stärksten, wenn sie geschlossen zusammenstehen. Magie, so stark wie das Gefüge der Welt, könnte entfesselt werden.«

Sie schluckte.

»Einmal in der Geschichte, vereint in ihrer Macht, war es den Sapye möglich, den Schleier über ihre ganze Rasse zu legen. Ein solches magisches Konstrukt verlangt ein großes Maß an Magie.«

Die Geschichte aus dem Buch ließ immer wieder Fetzen ihrer Vergangenheit vor ihrem inneren Auge aufblitzen.

»Pass auf, du könntest einem Sapye über den Weg laufen«, hatte Patty und mit verschwörerischem Blick geraunt und Giulia lief ein Schauer den Rücken hinab.

»Aber der Schleier. Ich kann ihre Kräfte doch nicht sehen.«

Ein schelmisches Grinsen war auf Patricias Lippen getreten. Giulia, den Kopf schräg gelegt, hatte skeptisch, gleichzeitig ehrfürchtig zurückgeschaut.

Und sie blätterte weiter.

»Ein jeder, der ihre Kräfte erkennt, trägt den Funken in sich, den es braucht, um an das Wundersame in der Welt zu glauben. Vielleicht ist der Leser dieses Buches ein Sapye und weiß es nur noch nicht.

In der Hoffnung, dass auch Sie daran glauben,

L. Y.«

Giulia wurde wieder von einer schleichenden Gänsehaut erfasst. Für sie bestand kein Zweifel mehr daran, dass Avery alles andere als ein Mensch war.

Kapitel Sechs

Dieses Mal hatte Jeremy Avery die Schlüssel übergeben, weil Thérèse nicht anwesend gewesen war.

»Was läuft da eigentlich zwischen dir und dieser Giulia?«, fiel Jeremy mit der Tür ins Haus, ohne Hallo zu sagen.

Avery blinzelte ihn an. Er spürte, wie seine Wangen warm wurden und er nichts dagegen tun konnte.

Auf Averys fragenden Gesichtsausdruck hin seufzte Jeremy.

»Na hier …« Er fuchtelte mit seiner Hand in der Luft rum »… ich weiß doch, du warst in deren Umkleide. Raum. Kabuff. Was auch immer.« Er grinste.

»Das …« Avery hörte deutlich die Zahnräder in seinem Kopf rattern. »Das war nur wegen Océane.«

»Wegen Océaaane?« Er zog ihren Namen in die Länge.

»Nein, nicht sowas. Ich habe ihr nur geholfen.«

»Gehooolfen?« Sein Grinsen wurde breiter und seine Stimme höher.

»Jetzt hör’ doch auf, Mensch.« Avery schlug gegen Jeremys Schulter. »Du weißt doch ganz genau, dass ich …«

»Na ja, wer weiß. Vielleicht wolltest du ja …«

Jeremy schaute über die Ränder einer imaginären Brille und legte ein schiefes Lächeln auf seine Lippen.

»Neeieen.«

»Ist ok. Aber mal was anderes. Lass uns bei Gelegenheit mal wieder Zeit miteinander verbringen. Wir sehen uns ja nur noch auf der Arbeit.«

»Mhm«, murmelte Avery und dachte dabei an das, was ihm sein Vater immer schon zu verstehen gegeben hatte: keine zu engen Kontakte zu Sterblichen.

»Ich habe momentan so viel zu tun, Jeremy. Nimm’s mir nicht übel.«

»Viel zu tuuun.« Wieder lag der verschwörerische Ton in Jeremys Stimme und er wackelte mit den Brauen. Er zwinkerte Avery zu und machte sich auf den Weg.

Avery seufzte, während er ihm nachsah.

Nach einem kleinen Austausch von Belanglosigkeiten mit Henry fing Averys Schicht an. Und wie jedes Mal begrüßte er die Menschen freundlich, teilte die besten Plätze zu und freute sich über jeden, der noch Interesse für die Oper hatte.

In der Mittagspause zog er sich zurück. Er schnappte sein belegtes Brot und verkroch sich auf eine Bank neben der Mitarbeitergarderobe. Auch wenn er streng genommen nicht essen musste, hielt ihn Nahrung bei Kräften. Den Blick auf sein Essen und den Boden gerichtet, sah er, wie ein Paar weiße Schuhe vor ihm stoppte. Er richtete seinen Blick nach oben, doch ehe er sie erkennen konnte, feuerte Giulia ihre flache Hand gegen seine Schulter, sodass er mit einem Rums gegen die dahinterliegende Wand krachte. Ein kleines Stück Brot, das in seinem Hals stecken blieb, ließ ihn nach Luft ringen. Mit einem entkräfteten Krächzen packte er Giulias Arm und versuchte, sich zu befreien. Ihre drahtigen Muskeln machten es ihm schwer, und da er so schmächtig war, bewegte sich ihr Unterarm keinen Millimeter.

»Ich hab dich gestern gesehen.« Und ihr Gesicht kam seinem nur noch näher. »Wie du die Flammen beschworen hast.« Der Ernst in ihrem Tonfall ließ ihre Stimme beben. Wie ein Flüstern trotzdem so voller Spannung sein konnte, war Avery unerklärlich.

Wie bei einem durchgebrannten Draht eines Schaltkreises, flogen die Funken in seinen Adern. Hatte sie ihn wirklich dabei gesehen? Panisch sprangen seine Gedanken zu den Erzählungen, in denen die Sapye verfolgt und geschändet wurden. Was wenn der Schutz gebrochen war? War das möglich? Giulia war keine von ihnen, das hätte er gesehen.

Sie lockerte den Druck ein wenig, vermutlich wartend, dass Avery antwortete. Er zog Luft ein und hustete, ehe Giulia ihm zu verstehen gab, dass er kein Aufsehen erregen sollte.

»Was ist? Ich dachte, ihr seid unsterblich«, hauchte sie und jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht.

»Ich –« Sein Husten unterbrach ihn, doch Giulias Augen gaben ihm zu verstehen, dass er besser nicht um den heißen Brei reden sollte.

»Ich weiß, was du kannst. Ich habe es gesehen.«

Er verschluckte sich und in geduckter Haltung schaute Avery über den oberen Rand seiner Hornbrille.

Wie zur Hölle konnte sie seine Kräfte sehen?

Sein Puls konkurrierte mit dem einer Rennmaus und das Blut schoss durch seine Adern. Als hätte man Spiritus direkt in eine offene Flamme geschüttet, loderte das Feuer in ihm auf und versetzte ihn in Alarmbereitschaft. Er spürte, wie seine Gesichtszüge entglitten und sich Schweißperlen auf seiner Stirn sammelten.

Sie ließ von ihm ab und verschränkte die Arme vor der Brust. Den Kopf gesenkt, versuchte Avery das gefühlsgesteuerte Feuer, das durch seine Adern loderte, zu beruhigen. Sein Atem wurde flacher.

»Ich weiß nicht, wovon du redest«, krächzte er.

»Komm schon, so blöd bin ich nicht.«

»Du siehst Gespenster«, sagte Avery mit gefasster Stimme und ging zur Tür.

»Ich habe es eindeutig gesehen. Du hast Flammen mit deinen bloßen Fingern erzeugt!«

Avery hob die Brauen.

Jetzt bloß nicht auffällig verhalten.

»Wenn du damit die Spielereien mit meinem Feuerzeug meinst, dann ist es ganz schön übertrieben, mich deshalb so anzugehen und mir solche absurden Dinge an den Kopf zu werfen«, sagte Avery monoton und wich Giulias Blick nicht aus. Er legte eine gleichgültige Maske über seine Nervosität und ging.

Ein Gefühl der Reue durchzuckte Giulia. Was war bloß in sie gefahren? Es gab sicher subtilere Wege, wie sie ihn hätte darauf ansprechen können. Dass sie die Nacht über mehr mit Nachdenken als mit Schlafen beschäftigt gewesen war, erklärte vielleicht ihre gereizte Herangehensweise, aber entschuldigte nicht, dass sie ihn so forsch beschuldigt hatte.

Kacke, Mann. Was wenn er die Wahrheit sagte?

»Warte!«

Giulia rannte Avery nach.

»Was. Willst. Du. Von mir?« Avery hob ungewohnt laut seine Stimme.

»Es tut mir leid …« Giulia räusperte sich.

Avery musterte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen und wandte sich bereits halb ab, als Giulia ihn an der Schulter berührte und sagte: »Ich meine es ernst. Es tut mir leid.«

Avery atmete tief aus, seufzte dabei und legte seine Finger auf seine Augenbrauen. Sein Blick und die leicht geröteten Wangen kündeten von Misstrauen.

Thérèse bog um die Ecke, bevor Avery antworten konnte.

»Was steht ihr hier rum? Die Pause ist vorbei.«

Die Adern an ihrem Hals traten genau wie ihre Schlüsselbeine hervor, als sie die Lippen schürzte.

Avery räusperte sich.

»Thérèse … könnte ich mir den Rest des Tages freinehmen?«, sagte er. »Mir geht es nicht gut. Du kannst es von meinem Lohn abziehen.«

Die von aschblondem Haar gerahmte Stirn in Falten legend, blieb ihre Chefin verdattert stehen.

»Du hast dich noch nie entschuldigen lassen. Was ist los?«

»Kopfschmerzen. Schon gut, es ist morgen sicher besser.«

Avery sah Giulia an, die ihre Lippen aufeinanderpresste und es nicht wagte, zu erzählen, was gerade wirklich passiert war. Averys kleine Notlüge ließ ihren Puls entschleunigen.

»Also schön. Versprich mir aber, dass du mich morgen nicht hängen lässt. Heute ist Claire an der Garderobe eingeteilt, aber da sie sowieso zu zweit sind, kann ich sie auch nach vorn schicken. Mach dir keine großen Sorgen, du hast schon so viele Überstunden gesammelt, das passt schon.« Ein seltenes Lächeln trat auf ihre sonst so starre Mimik und ließ Avery erstaunt blinzeln. Giulia löste ihre Lippen voneinander und lockerte ihren Stand.

»Giulia. Solltest du nicht mit dem Ensemble die Abläufe noch einmal durchgehen? Hab bitte ein bisschen Verständnis für die Zweitbesetzungen, das muss sich alles erstmal reibungslos einspielen. Diese Grippewelle macht mich noch ganz kirre.« Sie stemmte eine Hand in ihre Hüfte.

Über den Rand ihrer Halbmondbrille strafte sie Giulia eines strengen Blickes ihrer stahlblauen Augen für ihr Herumstehen.

Mit ihrer Autorität füllte Thérèse den Raum. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

»Du kennst ja den Weg«, sagte die Vorgesetzte und überstreckte ihren Hals zusätzlich zu ihrer Marmorsäulenhaltung, sodass sie mit ihrer Nasenspitze in den Gang hinter Giulia deuten konnte.

»Natürlich. Kommt nicht wieder vor«, sagte Giulia gerade so leise, dass es noch kein Flüstern war.

Wahrscheinlich war ihre Chefin nur besonders streng zu den Tänzerinnen, weil sie selbst durch ihre drahtigen Gliedmaßen und ihren aufrechten Gang so wirkte, als habe sie eine Ballettkarriere hinter sich gehabt. Hätte man nur Thérèses Kopf ausgetauscht, hätte man jede beliebige Tanzlehrerin aus Giulias Ballettstunden zusammenstellen können.

Wortlos zog die junge Ballerina den Gurt ihrer Tasche zurecht, bedachte Avery mit einem betroffenen Gesichtsausdruck und verschwand umgehend in den hinteren Bereich der Oper.

Kapitel Sieben

Auf dem Nachhauseweg schossen immer wieder Gedanken an die Auseinandersetzung mit Giulia wie Nadeln aus Stahl durch Averys Kopf. Giulia hatte ihn gesehen. Giulia sagte, er sei unsterblich. Giulia wusste mehr, als er verkraften konnte. Wie hatte er nur so unvorsichtig gewesen sein können? Wieso hatte sie es überhaupt gesehen – und vor allem wann? Es wäre Avery sicher aufgefallen, wenn Giulia eine Sapye wäre. Ein normaler Mensch würde denken, sie habe sich möglicherweise Geschichten unter Drogeneinfluss zusammengereimt. Doch an Zufälle dieser Art glaubte Avery nicht.

Er beachtete die rieselnden Schneeflocken nicht, die ihn sonst so faszinierten. Die altehrwürdigen Gebäude der Metropole, die sich um ihn herum erhoben, engten ihn ein statt wie üblich in ihm das geborgene Gefühl von Heimat zu erzeugen.

Avery spürte das Kribbeln der Funken, die durch seine Adern pulsierten. Sie begannen zu lodern. Das, was ihm Giulia an den Kopf geworfen hatte, befreite das Feuer, das er zähmen musste. Die Angst davor, entdeckt zu werden, fraß an seinen Nerven.

Dadurch, dass er seinen Mund im aufgestellten Mantelkragen versteckte und damit nach unten sah, konnte er nur Schuhe an sich vorbeiziehen sehen. Der Schnee haftete an ihnen und schmolz an den Hosensäumen der Menschen, wo er dunkle Flecken hinterließ.

Manchmal wünschte Avery, sich anderen Sapye anzuschließen, um sich nicht alleine durch die Welt der Menschen schlagen zu müssen. Dann wäre er jetzt nicht allein mit seiner Sorge. Doch Avery erinnerte sich daran, wie sie ihn im Stich gelassen hatten, als er ihre Hilfe gesucht hatte. Das Unverständnis zum Tod seiner Mutter. Nun stand er vielleicht kurz davor, entlarvt zu werden, und mit niemandem konnte er darüber reden.

Was wenn Giulia wirklich gesehen hatte, wie er das Feuer beschworen hatte? Vor seinem inneren Auge sah Avery sich bereits gefesselt an einen Stuhl, an seinen Gliedmaßen Schläuche und Nadeln, die von wissbegierigen Ärzten in seine Adern gestochen worden waren. Er sah sich, abgespalten vom Rest der Welt, als Freak in einem Labor, neben geschändeten Ratten und Mäusen. Zumindest hatte er sich so oder so ähnlich die alte Zeit vorgestellt.

Aufsteigende Treppen zwangen ihn dazu, seinen Blick ein Stück zu heben. Vor ihm offenbarte sich die Aussicht auf die Häuserreihen, die in einem spitz zulaufenden Winkel die weiße Decke am Himmel zusammendrückten.

Zögerlich blieb er stehen, als er ein Schild an einem Haus entdeckte, auf dem das Baujahr des Gebäudes stand.

»1949«, flüsterte er zu sich selbst.

Die Auswirkungen des Krieges waren damals noch immer deutlich spürbar gewesen und er hatte die Gewohnheit gepflegt, jeden Sonntagmorgen einen Spaziergang im Park zu machen. So alleine er sich seit dem Tod seiner Mutter fühlte, so sehr brauchte er die frische Luft, um seinen Kopf frei zu bekommen.

Genau wie jetzt.

Oft benutzte er dabei seine Flammen, sah ihnen fasziniert beim Tanzen zu und dachte zurück an seine Eltern, die ihn als Kind mit ihren Flammen beeindruckt hatten. Beginnend bei einem dunklen Blau, übergehend zu einem kräftigen Orange und zu einem auslaufenden Rot verschwimmend, zogen ihn die Flammen in ihren Bann. Wunderschön und beruhigend verlor er seine Last in den tänzelnden Funken, die seine Fingerkuppen kitzelten.

Dass mir diese Jahreszahl gerade jetzt begegnet.

Er seufzte, ließ seine Schultern hängen und ging weiter.

An diesem Tag im Jahr 1949, so quoll es angesichts der heutigen Ereignisse aus seinem Gedächtnis hervor, hatte er schon einmal die Blicke auf sich und sein Feuer gezogen. Eine Passantin im Park war erschrocken, als Avery mit lodernden Zungen in seinen Händen an ihr vorbeigegangen war. Erst einen Moment später hatte er ihre Reaktion bemerkt. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Avery geglaubt, der Schleier sei gefallen und Seinesgleichen seien entlarvt.

Doch im letzten Augenblick hatte er ihr Glühen sehen können. Sie war eine der Incendye, die sich ihrer Kräfte nicht bewusst gewesen war.

Es gab sie, die Sapye, die nichts über all das wussten. Die, die zum Moment ihrer Reife von allem überrollt wurden, wenn sie erfuhren, dass sie nicht das waren, was sie zu sein glaubten. Ohne das Wissen, dass keine ihrer menschlichen Beziehungen halten würde, weil sie all ihre Freunde und Geliebten überleben würden.

Er seufzte. Wenigstens wusste Avery über sein Schicksal Bescheid.

Sein Blick huschte zu einem Gebäude, das ihm so vertraut war, dass er beinahe Wärme von den Steinen spürte. Sein Herz schlug schneller.

Normalerweise fuhr er die drei Stationen bis zu seinem Zuhause mit der Metro, sodass er nicht daran vorbeilief, aber der Spaziergang half ihm dabei, seine Gedanken zu ordnen. Die Kirche St-Paul-St-Louis lag wie ein schlafender Riese unter der Schneedecke und die in der Fassade eingelassenen Statuen schienen Avery genau zu beobachten. Ein Schauer lief seinen Rücken hinab. Obwohl er genau hier in den Katakomben vergeblich in der Bibliothek Saint-Lucie nach Informationen zum Tod seiner Mutter gesucht hatte, überwogen die Erinnerungen an die Zeit, zu der er sich mit seinen Eltern durch den versteckten Eingang geschlichen und sich dann stundenlang durch die Bücher gelesen hatte.

Obwohl hier in Paris so viel seines Schmerzes gründete, bestand der Großteil seiner Erinnerungen aus so viel Kraft und positiver Energie, die er hier schöpfen konnte. Als wären sie nie von ihm gegangen, kribbelte es in Averys Herz, wenn er daran dachte, dass er genau an diesem Ort schon einmal mit seiner Familie gewesen war. Paris war sein Zuhause.

Sein Blick schweifte in der belebten Straße umher, wo Fahrräder Linien durch die weiße Decke zogen und das Gelächter von kartenspielenden Männern vom Schnee gedämpft wurde. Aus dem Augenwinkel sah er eine Frau mit dunklen Locken, die sich ihm näherte, ihn mit ihrem Lächeln ansteckte und dann nur wenige Zentimeter an Avery vorbeilief. Als er ihr nachsah und seine Glieder sich entspannten, streifte sein Blick den eines Straßenmusikanten, der sich unter einem kleinen Vordach vor der Nässe schützte und mit einer Gitarre »La vie en rose« spielte.

Avery summte die Töne mit. Die Musik drang wie eine Brise zu ihm durch und stellte seine Nackenhaare auf. Zu der Zeit, als dieses Lied einer befreundeten Aurarye so bekannt geworden war, hatte er sich noch in Paris aufgehalten – bevor er sich in den Jahren nach dem Tod seiner Mutter vom Rest der Welt in die Schweiz abgeschottet hatte. Er schmunzelte. Für einen Moment schloss er die Augen und lauschte den Geräuschen der Stadt. Flügelschlagen von Tauben. Französisch, das sich mit allen Sprachen der Welt vermengte, und die Schritte der vielen Menschen, die in der Masse zu einem Rauschen verhallten. Als würde ihn die Stadt in den Arm nehmen wollen, quoll Wärme aus den Läden hinter ihm.

Ich will hier nicht weg, dachte er und atmete tief aus.

Er öffnete die Augen. Die Sonne, die ihr Licht diffus im Himmel ausbreitete, wurde von den vielen weißen Flächen und den Flocken in der Luft reflektiert. Grell und doch so rein strahlte Paris ihn an – voller Leben und Dynamik. Zufrieden spürte er, wie sich Tränen hinter seinen Lidern sammelten.

Wenige Augenblicke dauerte es, bis er aus seinen Gedanken aufwachte und in eine Straße einbog. Er öffnete seinen Mantel, spürte den Wind, der an seinem Shirt vorbei-strich, und atmete tief ein. Das Lächeln auf seinen Lippen wurde breiter und die Funken von seinem Herzen breiteten sich aus. Seine Hautoberfläche heizte sich auf, sodass er nicht fror.

Scheiß drauf.

Einen Arm nach dem andern befreite er sich von dem dicken Kleidungsstück, das er nun über seinen Arm legte. Bald würde er sowieso zuhause angekommen sein, sodass es ihn nicht weiter kümmern musste, was die Leute von ihm dachten.

Ein paar Minuten später drückte er die Klinke hinab. Kurz nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte und sich sicher war, dass ihn niemand mehr sehen konnte, schnippte er mit den Fingern, woraufhin ihn heiße Luft umhüllte, um die Feuchtigkeit aus seinen wuscheligen Haaren und seiner Kleidung zu ziehen.