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Um jeden Preis E-Book

Jakob Stein

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Beschreibung

In Nieder-Erlenbach, einem Vorort Frankfurts, ist die nächste Filiale der Discountkette "BILLI" entstanden. In der Nacht vor der Eröffnung werden die Außenwände des Gebäudes mit Drohungen und Parolen besprüht - zwei Mitarbeiterinnen tot aufgefunden - heimtückisch ermordet. Handelt es sich um Erpressung des multinationalen Konzerns? Haben erboste Einwohner des Ortes ihrer Wut freien Lauf gelassen? Oder war es am Ende eine verdeckte Beziehungstat? Hauptkommissar Martin Schwaner und sein Team gehen den unterschiedlichen Spuren nach und decken dabei die vielfältigen Verflechtungen aus Politik, Wirtschaft sowie den egoistischen Interessen Einzelner auf.

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Jakob Stein

Um jeden Preis

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Um jeden Preis

KRIMINALROMAN

Für Constanze, Henri und Hannes

© 2014 B3 Verlags und Vertriebs GmbH, Markgrafenstraße 12, 60487 Frankfurt Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Weitere Titel des B3 Verlages unter www.bedrei.de

Umschlag: Claudia Manns, KUNSTSTÜCK

Lektorat: Rainer Vollmar, SPRACHgewand(t)

Gesetzt aus den Schriften TASSE und BETON von Fagott, Ffm

Printed in Germany

ISBN 978-3-943758-46-7

Dieses Buch ist auch als E-Book unter der ISBN 978-3-943758-47-4 erhältlich.

Die volkswirtschaftliche Aufgabe

des Handels ist es, die Waren

örtlich und zeitlich zu verteilen

und auf diese Weise Überfluß

und Mangel zu begleichen.

Meyers Konversations-Lexikon,

6. Auflage, 1908

Inhalt

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

ENDE

Prolog

Das Licht fällt kühl von der Decke und verblasst in den strukturlosen und unbeschädigten Oberflächen der Fliesen. Die Wände, unbefleckt und kahl, und die Regale strahlen noch den unverbrauchten Glanz des Neuen aus. Die Waren stehen wie mit einem Lineal ausgerichtet in Reih und Glied. In makelloser Schrift auf orangefarbenem Grund sind die Produktinformationen und der Preis zu lesen. Die abgestandene Luft riecht nach einer Mischung aus Innenbinder und scharfen Putzmitteln.

Die Gänge laufen auf die Fensterfont zu, die sich fast über die gesamte Breite des Gebäudes erstreckt. Trotz der Fülle an Regalen, Schütten, Kühltheken, Eisschränken, Kassen und Einkaufswagen wirkt der Raum gespenstisch leer – bis auf eine Frau in einem weißblau gestreiften Kittel ist keine Menschenseele zu sehen. Sie trippelt mit einer Schreibunterlage in der Hand die Fronten entlang, bleibt hin und wieder stehen, schaut auf ihre Papiere, hakt etwas ab, geht einen Schritt weiter, hält wieder inne, rückt etwas gerade, zählt mit dem Stift dirigierend Flaschen nach, setzt wieder einen Haken, rückt wieder eine Fliese oder zwei nach vorne, einer Marionette gleich, so mechanisch und plötzlich sind ihre Bewegungen.

In der stockdunklen Nacht wirkt das gesamte Gebäude, mit seinem weithin strahlenden Eingang, dem bunten Firmenemblem und dem beleuchteten Parkplatz vor den schon fast im Schwarz versunkenen Feldern wie eine Fotografie aus dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Die im Wind flatternden rotweißen Absperrungsbänder – sie umrunden die bereits ausgehobenen Gruben für die noch nicht gelieferten Bäume, die der öden Parkfläche ein wenig Natur und etwas Schatten spenden sollen – betonen die Künstlichkeit des gesamten Areals zusätzlich. Ein einsames Fahrzeug steht in unmittelbarer Nähe einer halbrunden Kuppel aus Plexiglas, über die das Licht fließt wie ein aufgeschlagenes Ei. Ein alter Wagen, in einem ausgelaugten Grün, das kaum noch das Strahlen der Laterne über ihm reflektiert. Verloren steht er auf der weiten Fläche. Die Beulen links und rechts am Heck sind bei dieser direkten Beleuchtung aus der Ferne deutlich zu erkennen. Ein grellfarbener, klobiger Pickup, oder eine lange, unförmige Limousine, breit wie ein Fahrstreifen, mit geschwungenen Rückleuchten – ein Abbild einer Fotografie von William Eggleston –, und die Illusion, ein verlassenes Motel an einem vergessenen Highway in den USA zu betrachten, wäre nahezu perfekt. So ist es ein fantasieloser durchschnittlicher Kleinwagen, der die Tristesse des kleinen Vorortes der Mainmetropole zur Schau stellt.

Tagsüber, bis in den Abend hinein, hat es teilweise heftig geregnet. Wie Perlenschnüre haftet das Wasser an den milchig dumpfen Scheiben des Autos. Ab und an löst sich ein Tropfen, läuft, immer schneller werdend, dem grauen Verbundpflaster entgegen, reißt andere mit, wird dicker, springt über das schwarze Dichtungsgummi, kullert am Kotflügel entlang und zerplatzt auf den Steinen.

Unmittelbar vor der breiten Fensterfront hat sich eine große Wasserlache gebildet, die nun den Planungsfehler oder die mangelhafte Arbeit des beauftragten Bauunternehmens verrät. In dem schwarzen Spiegel steht die Welt kopf. Das Licht aus dem Inneren des Gebäudes fließt in breiten Bahnen darüber hin, das Leuchttransparent steckt wie ein Reißbrettstift daneben. Gelegentliche Windstöße raspeln über die Oberfläche, und das Bild zerspringt in tausend Teile, um danach von selbst wieder ineinanderzufließen, als wären es Puzzleteilchen, jedes mit seinem festen Platz, an den es eilends zurückkehren muss.

Der Wagen gehört Sara Davids, der Filialleiterin des neuen BILLI-Marktes in Nieder-Erlenbach, dem nördlichsten und mit etwas mehr als viereinhalbtausend Einwohnern auch einem der kleinsten Stadtteile Frankfurts. Nieder-Erlenbach bildet eine platte Nase im kartografischen Bild der Stadt und ragt weit in die Fluren, Felder und Obstwiesen der Wetterau hinein. Der Discountmarkt ist auf ehemaligen landwirtschaftlichen Nutzflächen errichtet und wirkt wie ausgestoßen aus der Gemeinde. Wem es das an der vorbeiführenden Landstraße stehende Schild nicht verrät, der käme nicht auf die Idee, dass dieser Ort ein Teil der etwa fünfzehn Kilometer weit entfernten City ist. Die ländliche Umgebung wird durch den dörflichen Charakter Erlenbachs noch verstärkt. Den Kern bilden Fachwerkhäuser aus dem achtzehnten Jahrhundert, kaum eines ist älter, da zwei große Brände das damals noch eigenständige Dorf fast vollständig zerstörten. Der namensgebende Erlenbach durchquert romantisch plätschernd, von Bäumen beschattet, am alten Ortskern vorbei diesen Wohnort der Besserverdienenden, die es aus dem hektischen Frankfurt in die Idylle gezogen hat. Seit der Eingemeindung Anfang der Siebziger hat sich die Zahl der Einwohner Nieder-Erlenbachs mehr als verdoppelt, die bebaute Ortsfläche allerdings vervielfacht, da keine Mehrfamilieneinheiten oder Wohnblocks entstanden sind, sondern in großzügige, allein stehende Häuser mit Garten investiert wurde.

Sara Davids kontrolliert ein letztes Mal die Auslagen, die Präsentation, die korrekte Auszeichnung und die Dekoration der Eröffnungsangebote. Es ist schon weit nach zehn am Abend, und morgen früh, am 17. September, um acht Uhr, soll es endlich losgehen. Sie hat alle Kolleginnen und Kollegen, die bis spätabends räumten, sortierten und reinigten, nach Hause geschickt. Nur Habibe Tosun, die Putzfrau, ist noch da und beseitigt die zahlreichen Schmutzspuren in den hinteren Räumen.

»Frau Tosun? Frau Tosun?« Sara Davids geht mit dem Klemmbrett unterm Arm nach hinten und sucht sie. Sara und Frau Tosun leben beide in Erlenbach, haben sich aber erst durch den Neubau des Discountmarktes kennen gelernt. Sara Davids ist gerade zur Filialleiterin aufgestiegen, sonst hätte sie Habibe längst das Du angeboten. So ist sie sich unsicher, ob ein zu enger Kontakt zu den Mitarbeitern nicht hinderlich wäre. Obendrein ist sie deutlich älter als die junge Türkin. Außerdem sieht es die Regionalleitung nicht gerne, wenn die Hierarchien übergangen werden. Dennoch zeigt sie, wo immer möglich, Habibe ihre Zuneigung. Selten ist sie einer solch sympathischen und engagierten Kollegin, jetzt ihre Mitarbeiterin, begegnet. Darüber hinaus hält Sara Frau Tosun für eine der schönsten Frauen überhaupt. Sie versteht es, obwohl sie immer ein Kopftuch und weit ausladende Kleider trägt, auf eine besondere Art weiblich zu wirken, die Sara mit neidloser Hochachtung beeindruckt. Sie treffen sich am Durchgang zu den Lagerräumen.

»Frau Tosun, da sind Sie ja. Schluss für heute. Sie haben genug gearbeitet. Sauberer wird’s nicht!«

»Da wäre noch Ihr Büro, dazu bin ich noch nicht gekommen«, antwortet Frau Tosun und will sich, mit Eimer und Wischmopp bewaffnet, an Sara vorbei auf den Weg machen.

»Nichts da, mein Büro kann bis morgen warten. Es ist schon fast elf. Schluss jetzt. Ich muss auch ein wenig schlafen. Zumindest muss ich es versuchen.« Mit jedem Tag, den die Eröffnung näher rückte, war Sara Davids unruhiger geworden. Die letzten Nächte hatte sie fast kein Auge mehr zubekommen.

»Aber, morgen …«

»Nichts aber, wenn ich sage Schluss jetzt, dann ist Schluss. Stellen Sie Ihre Sachen ab, ziehen Sie sich um, ich warte in meinem Büro auf Sie.« Sara versucht den Ton zu treffen, den sie in der Fortbildung zur Filialleiterin gelernt hat. ›Ein freundlicher, aber bestimmender Tonfall, der Ihren Mitarbeitern ganz klar die zu erledigenden Aufgaben definiert.‹, geht es ihr durch den Kopf – und es funktioniert. Frau Tosun stellt die Putzgeräte an die dafür vorgesehene Stelle und geht in Richtung Mitarbeiterraum.

Sara Davids sitzt am Schreibtisch in dem kleinen Büro, das neben ihrem eigentlichen Arbeitsplatz nur zwei dicht beieinander stehenden Stühlen, einem Regal im Rücken und zwei kleinen Stahlschränken Platz bietet.

Ein kleines, vergittertes und sichtgeschütztes Fenster ist die einzige Öffnung für Tageslicht. Ursprünglich sollte sie den größeren, aber abgeschlossenen Raum weiter hinten beziehen, doch die Regionalleitung war mit dem Tausch einverstanden, und sie bekam wenigstens etwas frische Luft. Unter dem Fenster, auf der äußersten Ecke des Tisches, in einem goldenen Übertopf, steht ein Pfennigbaum, ein Geschenk ihres Mannes zu ihrer neuen Stelle als Filialleiterin. An den Blumenkübel angelehnt eine Postkarte: ›99 Cent‹ – ein Foto von Andreas Gursky. Ein kleiner Seitenhieb von Gregor Davids, der die BILLI-Märkte verabscheut.

Sie kontrolliert nochmals die Arbeitspläne, Pausenzeiten, das Wechselgeld und die morgigen Termine. Der Regionalleiter möchte kommen, der Ortsvorsteher ebenfalls. Ansonsten ist sie sehr gespannt, wie viele Kunden kommen werden und welchen Umsatz die Filiale am Eröffnungstag erreichen wird. Die Beilage in der örtlichen Presse ist punktgenau erschienen, und es gibt einige tolle Angebote. Dies würde die Querelen der letzten Monate endgültig vergessen lassen.

1. Kapitel

Die Tour 9 der Firma ›Sec24 GmbH – Sicherheit rund um die Uhr‹ hatte sich erweitert. Ab dieser Nacht sollte auch der neue BILLI-Markt in Nieder-Erlenbach kontrolliert werden. Die entsprechenden Anlagen waren vor zwei Tagen eingebaut und getestet worden. Heute, einen Tag vor der Eröffnung, waren auch die Waren vollständig eingeräumt und Bargeld vorhanden. Damit stieg das Einbruchsrisiko, vor allem bei einem solch abgelegenen Standort.

Schon von weitem hatte der Fahrer den hell erleuchteten Parkplatz gesehen, auf den er kurze Zeit später fuhr. Aber auch das Licht im Inneren brannte, die Alarmanlage war nicht eingeschaltet, der Gebäudeschutz damit deaktiviert.

»Was ist denn hier los«, Sprach er zu sich selbst. »Arbeiten die immer noch?« Er konnte niemanden sehen, ein Wagen stand auf dem Parkplatz, daneben hielt er. Es war schon kurz nach zwei. Er stieg aus und klopfte mit der flachen Hand an die Scheibe der Eingangstür, mehrfach ein lautes »Hallo!« rufend. Nichts rührte sich.

»Das fängt ja gut an!«, fluchte er vor sich hin.

Er ging die Fensterfront entlang, in jede Regalflucht blickend, dann zu seinem Wagen zurück und gab über Funk der Zentrale den Stand durch.

»Ja, hier Wagen 9. Ich stehe vor dem neuen BILLI in Nieder-Erlenbach. Alles ist taghell erleuchtet, die Haussicherung nicht aktiv. Auf mein Klopfen und Rufen hat niemand reagiert. Könnt ihr bitte mal da anrufen, ich habe keine Nummer?«

Der Fahrer ging nach der Bestätigung durch die Zentrale wieder zum Eingang zurück. Auf seinem Rücken reflektierte die Aufschrift ›Sec 24‹ das Licht der Parkplatzbeleuchtung. Deutlich war das Klingeln des Telefons im Innern zu hören. Es läutete und läutete, niemand nahm ab. Eine kurze Unterbrechung, dann klingelte es von neuem, scheinbar endlos. Keine Reaktion.

Der Fahrer zog seine Taschenlampe aus dem Gürtel, ging nach rechts, um das Gebäude herum. ›Vielleicht stehen die irgendwo draußen und rauchen?‹, dachte er missmutig.

Bisher war es ihm nicht aufgefallen, und er wäre sicherlich auch jetzt daran vorbeigegangen, doch der intensive Geruch nach Lack ließ ihn den Strahl der Taschenlampe auf die Seitenfassade richten. Dort war etwas an die Wand gesprüht, in großen Lettern, die er aus der Nähe nicht entziffern konnte. Er übersprang den noch unbepflanzten Grünstreifen und stellte sich auf die Straße.

›ERLEBACH BRAUCHT KEINENBILLI‹ stand dort, Tränen liefen von den Buchstaben herab. Er umkreiste den Markt über das angrenzende gemähte Feld. Auf der Rückseite eine weitere Parole:

›BeSSeR DIReKT ALS DISCOUNT!‹ Zwischen »DIReKT« und »ALS« leuchtete ein kleines Fenster in die Nacht hinaus. Auf das Tor an der Laderampe war ein schwarzes Kreuz gesprüht, ein Kreuz wie auf einem Grab. Der Mann in der dunkelblauen Kombination – eine Mischung aus Arbeitskleidung und Kampfanzug – ging weiter, auf der dritten Wand war nur ein ›B‹ zu sehen. Er rannte zu seinem Wagen.

»Hallo Zentrale, hier nochmals Wagen 9. Bitte verständigt die Polizei. Grobe Sachbeschädigung am neuen BILLI-Markt in Nieder-Erlenbach. Offenbar habe ich die Täter überrascht.«

»Wie? Nein, ich habe niemanden gesehen. Nein, auch niemand von den Mitarbeitern. Ja, ich warte hier, bis die Polizei eintrifft.«

2. Kapitel

Es war gegen vier Uhr in der Früh, als Martin Schwaners Handy klingelte. Benommen suchte er auf dem Boden nach seiner Hose, in der ein leuchtendes, vibrierendes Viereck den Lärm verursachte.

»Ja, hallo?«, kam es aus seinem trockenen Mund.

»Hauptkommissar Schwaner? Hier Tatortteam drei, Bender.«

»Was gibt’s?«

»Zwei Tote in einem Discountmarkt in Nieder-Erlenbach. Zwei Frauen. Der Wachmann hat uns alarmiert.«

»Einbruch?«

»Nein, definitiv ausgeschlossen. Der Markt war verschlossen von allen Seiten. Er sollte auch erst morgen eröffnet werden. Wir mussten uns gewaltsam Zutritt verschaffen.«

»Todesursache?«

»Ist nicht erkennbar. Die beiden liegen im Büro der Filialleitung.«

»Gut, ich komme. Informieren Sie sofort die KTU, und rühren Sie bitte …«

»Ja, ja. Schon klar. Die KTU ist schon unterwegs.«

Martin gab Sandra einen Kuss auf die Schulter und verabschiedete sich. Sie murmelte etwas Unverständliches in ihr Kissen. Mit dem Fahrrad fuhr er die wenigen Kilometer ins Polizeipräsidium und von dort mit einem Wagen zum Tatort.

Der Morgen meldete sich an, das Schwarz der Nacht schien aus dem Himmel zu laufen und auch die Sterne mit sich fortzuspülen. Schwaner nippte an einem Pappbecher mit starkem Kaffee, den er sich noch schnell in seiner Abteilung geholt hatte.

Auf dem Parkplatz des BILLI-Markts standen mehrere Streifenwagen und zivile Fahrzeuge der Polizei, ein Krankenwagen, ein Notarzt und der schwarze Kleinbus eines Bestattungsunternehmens. Von der Straße konnte der Leiter des K11 schon die erste Parole lesen. Ein weiteres Absperrband trennte den Eingang zum Gebäude ab, ein Beamter in Uniform stand an der offenen Glastür. Er nickte dem Hauptkommissar zu, der ihm im Gehen seinen Ausweis entgegenhielt, und trat zur Seite. Ohne weiter nach dem Weg zu fragen, ging Schwaner auf die doppelseitige Stahltür zu, öffnete sie und wurde augenblicklich von grellem Scheinwerferlicht geblendet. Reflexartig hob er die Hand, um die nur schattenhaft erkennbaren Personen identifizieren zu können.

»Messner? Messner? Bist du da?«

»Ja, hier. Voll im Dienst!«, kam es aus dem kleinen Raum schräg gegenüber. Schwaner trat aus dem Licht und schaute in das kleine Büro.

»Was machen all die Leute hier?«, grollte er missmutig vor sich hin, ohne jemanden direkt anzusehen. Zwei Beamte standen tatenlos hinter den beiden Bürostühlen, Günther Messner, im weißen Overall, kniete auf der anderen Seite des Schreibtisches auf dem Boden. Schwaner konnte nur die leuchtende Glatze und den grauen Haarkranz sehen. Ein weiterer Mitarbeiter der KTU, ebenfalls komplett in Schutzkleidung, setzte die Untersuchung der Stahltür fort. Schwaner hatte ihn dabei bei seinem Eintreten unterbrochen. Weiter hinten im Flur, am Eingang zum Lagerraum, konnte der Kommissar zwei Grüppchen erkennen, bestehend aus Sanitätern, Polizisten und Männern in Zivil. Etwas abseits stand ein Mann, der die tiefblaue Uniform eines Sicherheitsunternehmens trug. Ein leises Lachen war zu hören, Schwaner ging zu ihnen.

»Ich möchte vorschlagen, dass alle, die hier nichts zu tun haben, ihren Dienst fortsetzen oder bitte draußen vor der Tür warten.« Er wandte sich an den Herrn des Wachdienstes. »Sie bleiben bitte noch einen Moment.«

Wie ein Lehrer seine Schüler trieb Schwaner die Männer nach draußen. Verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, dass der Kommissar alle um mindestens eine Kopflänge überragte. Er winkte auch die beiden aus dem Büro heran und schickte sie hinaus.

»Günther, wie kannst du zulassen, dass die hier rumlaufen?«

»Guten Morgen erst mal, auch wenn du offenbar schlecht geschlafen hast. Bevor ich hier ankam, war der Fundort doch sowieso schon überrannt. Das Tatortteam, der Notarzt und die Sanitäter, neugierige Kollegen.«

»Was kannst du mir sagen?«, fragte Schwaner verkniffen.

Günther Messner stand auf, trat zur Seite und gab erstmals den Blick auf den Boden frei. Dort lag ausgestreckt ein weiblicher Körper auf dem Rücken, dessen Beine bis unter den Schreibtisch reichten. Der Bürostuhl war in die Ecke geschoben. Der Kopf der Frau war zum Eingang hin gedreht, das Gesicht kreidebleich, die Augen dunkel unterlaufen und ihr Mund leicht geöffnet. Quer über Bauch und Brustkorb der Toten lag ein weiterer Körper, in dunkle Kleider gehüllt, das Gesicht durch ein verrutschtes Kopftuch verdeckt. Ihre Beine waren angewinkelt, als habe sie auf dem Boden gekniet.

»Was ich dir sagen kann, ist, dass ich dir nicht viel sagen kann. Beide Opfer weisen, soweit ich das bisher feststellen konnte, keine Spuren von Gewalt auf. Nach dem Gesichtsausdruck der unteren zu urteilen, würde ich auf Herz-Kreislauf-Versagen tippen. Warum aber die obere auch tot ist, das …«, hier hob Günther Messner nur die Schultern.

»Wissen wir, wer sie sind?«

»Anhand der noch nicht ausgestempelten Zeiterfassungskarten, ja. Die untere ist die Filialleiterin Sara Davids, die obere die Hilfs- und Reinigungskraft Habibe Tosun.«

»Wurde etwas gestohlen, ist eingebrochen worden?«

»Nach ersten Erkenntnissen nicht. Der Markt war komplett abgeschlossen, als die erste Streife eintraf. Das war so gegen drei. Da niemand öffnete und niemand zu erreichen war, haben sie das Tatortteam verständigt. Gegen halb vier wurde die Eingangstür geöffnet, und wenig später wurden die Leichen gefunden. Die hintere Tür zum Lagerraum war, so die Kollegen, ebenfalls verschlossen. Weitere Türen oder Fenster, bis auf das kleine hier oben«, Messner deutete an die gegenüberliegende Wand, »gibt es nicht.«

»Also kein Einbruch?« Schwaner dachte laut vor sich hin und stellte sich neben den Kopf der unteren Leiche.

»Ist dir aufgefallen, wie sie hier liegen?«, wandte er sich an Messner. »Es scheint fast so, als hätte die obere der unteren helfen wollen und als sei sie dann ebenfalls zusammengebrochen.«

»Ja, das habe ich auch schon gesehen. Nur, woran ist dann die zweite Frau gestorben?«

»Ja, merkwürdig. Sehr merkwürdig.« Schwaner kniete sich nieder und hob mit den Fingerspitzen leicht das Kopftuch an. »Hübsche Frau«, sagte er und ließ den Stoff wieder fallen. Er drehte sich um, ging zur Tür. Es war eine Schiebetür, am Boden war ein zusammengefaltetes Blatt Papier eingesteckt, um sie offen zu halten.

»War die Tür so, als ihr kamt?«

»Nein, das Papier habe ich eingeklemmt, damit das verdammte Ding offen bleibt, sie geht nämlich immer automatisch zu. Ist wahrscheinlich absichtlich so, damit das Büro immer verschlossen ist. Aber in dem kleinen Raum hättest du ja nicht arbeiten können.«

Schwaner zog das Papier heraus und beobachtete, wie die Tür erst langsam, dann immer schneller ins Schloss lief und mit einem leichten Klicken einrastete. Er öffnete wieder und ging nach draußen. Wieder fiel die Tür ins Schloss. Er öffnete und kam herein.

»Ich bin die Putzfrau«, sagte er zu Messner. »Ich komme herein und sehe meine Chefin auf dem Schreibtisch liegen. Ich spreche sie an, sie reagiert nicht. Ich gehe zu ihr.« Der Hauptkommissar machte zwei Schritte nach vorne. »Ich spreche sie wieder an, sie reagiert immer noch nicht. Ich sehe, dass sie nicht bei Bewusstsein ist. Ich will ihr helfen. Ich ziehe sie auf den Boden und lege sie ausgestreckt hin. Ich horche an ihrem Mund, an ihrem Herzen, vielleicht versuche ich auch noch eine Beatmung, dann breche ich selbst zusammen.« Schwaner machte über den Leichen eine Kippbewegung mit seinem Oberkörper.

»So könnte es gewesen sein. Aber es wäre schon ein unglaublicher Zufall, wenn beide Frauen in mehr oder minder dem gleichen Augenblick an Herzversagen oder Ähnlichem gestorben wären.«

»Was könnte es sonst gewesen sein? Das Gebäude wurde doch gerade erst fertiggestellt, vielleicht irgendwelche giftigen Rückstände?«

»Das glaube ich nicht. Zum einen werden solche Stoffe gar nicht verwendet, zum anderen würden wir dann ebenso tot daliegen.«

»Na gut, warten wir auf die Untersuchung durch die Gerichtsmedizin. Du machst hier weiter, ich rede nochmals mit dem Wachmann.«

Gerade als sich der Hauptkommissar umdrehen wollte, klingelte ein Telefon. Das Geräusch kam aus einem der Metallschränke. Günther Messner kniete sich neben die beiden Frauen, öffnete, so weit es ging, die Tür, griff in eine dort abgestellte Handtasche und zog mit spitzen Fingern ein Handy heraus. Er schaute auf das Display – ›Daheim‹ stand dort zu lesen, er hielt es Schwaner hin, der las ebenfalls, schüttelte den Kopf, keiner der beiden Beamten wagte einen Ton zu sagen, solange das Telefon läutete, dann war es still.

»Wissen wir, wo die beiden wohnen?«

»Ja, beide hier im Ort.« Messner ließ das Handy in einen Plastikbeutel fallen.

»Verwandte?«

Messner hob die Schultern. »Zumindest wird sie wohl vermisst.« Er deutete auf Sara Davids.

»Ich rufe Beck an, er soll auch herkommen.« Der Hauptkommissar verließ das Büro und telefonierte mit seinem Assistenten Sven Beck, den er aus dem Schlaf riss. In knappen Worten schilderte er ihm die Situation und beorderte ihn zum BILLI-Markt.

Martin Schwaner ging mit dem Mitarbeiter der Sicherheitsfirma nochmals alle Einzelheiten durch, wie und wann er eingetroffen war, was er dann unternommen hatte, sie umkreisten das Gebäude und standen schließlich vor seinem Wagen.

»Ich habe die Polizei ja eigentlich nur wegen der Schmierereien gerufen. Mir war schon klar, dass ich den- oder diejenigen gestört haben muss, sonst stände auf der dritten Wand sicherlich mehr.«

»Aber gesehen haben Sie niemanden?«

»Nein, es war ja stockfinstere Nacht. Da sehen Sie keine zwanzig Meter weit.«

»Ihre Aussage haben wir, wenn noch etwas ist, melden wir uns. Sie können jetzt gehen.«

Der Hauptkommissar drehte nochmals eine Runde um das Gebäude. Auf dem gemähten Feld waren keine Spuren zu erkennen, dennoch würde er Messner mit einer genauen Suche beauftragen. Mittlerweile war das tiefe Schwarz am Himmel einem fleckigen Grau gewichen. Irgendwo in der Nähe krähte ein Hahn.

3. Kapitel

Kurz nach sechs, als der erste Spalt des Tages sich am Horizont zeigte, traf Sven Beck ein. Vom Himmel fiel ein mattes Licht, in dem alle Gegenstände, Pflanzen und Felder noch farblos erschienen. Kommissar Beck sah mehrere Beamte in Uniform, die den stoppeligen Boden im Umkreis des Gebäudes absuchten und dabei in kleinen Schritten vorrückten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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