Umlaufaufzug - Reiner Jansen - E-Book

Umlaufaufzug E-Book

Reiner Jansen

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Beschreibung

Dunkle Fäden zwischen Mord und Manuskript – ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel im Verlagshaus Ein Paternoster-Aufzug als Portal zwischen zwei Schicksalen: Während der Autor Torsten Todenhöfer verzweifelt um seine literarische Zukunft ringt, lauert im Keller des alten Verlagshauses ein Mann mit Blut an den Händen. Was führt einen professionellen Killer in die Welt eines Schriftstellers mit Schreibblockade? Die düsteren Gänge des Verlagshauses, in dem ein antiker Umlaufaufzug die Grenzen zwischen Realität und Wahnvorstellung verschwimmen lässt, werden zu einem Netz aus Schicksal und Zufall, das Kommissarin Winter vor ein unmögliches Rätsel stellt. Reiner Jansens "Umlaufaufzug" ist ein verstörender Psycho-Thriller über die dunklen Ecken menschlicher Existenz – und darüber, was geschieht, wenn ein Autor seine Figuren nicht mehr kontrollieren kann. Warum dieses Buch Sie fesseln wird: - Abgründige Charaktere mit packender psychologischer Tiefe - Raffiniert verschachtelte Handlungsstränge zwischen Realität und Fiktion - Ein unheimliches Setting mit dem Paternoster als symbolträchtigem Zentrum - Philosophische Betrachtungen über Schuld, Identität und das Böse im Menschen - Ein faszinierendes Katz-und-Maus-Spiel mit überraschenden Wendungen

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 396

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Wer regelmäßig mit dem Aufzug fährt, kennt es vermutlich: das Gefühl, eine der Personen, die zugestiegen sind, von irgendwoher zu kennen. Ist das nicht …? Man schielt aus dem Augenwinkel hinüber, der Verdacht scheint sich zu erhärten, na klar, gar kein Zweifel, man ist sich plötzlich sehr sicher, jemanden erkannt zu haben. Der Herzschlag beschleunigt sich, wie soll man reagieren? Schließlich stehen andere Personen mit im engen Raum, den eine Fahrkabine anzubieten hat.

Und während man noch fieberhaft überlegt, was zu tun ist, setzt sich die betreffende Person in Bewegung – ihr Stockwerk ist erreicht. Zum ersten Mal sieht man sie nun in Gänze, wenn auch nur von hinten, und muss erkennen: Man hat sich doch geirrt. Es bestand zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit jener Person, die man vor sein geistiges Auge zitiert hatte, doch diese Ähnlichkeit war rein zufällig. In Wirklichkeit handelte es sich um eine völlig andere Person, mit möglicherweise vergleichbaren oder eben ganz anderen Charaktereigenschaften.

Nicht anders verhält es sich mit den Personen, die in dieser Geschichte zusteigen: Es sind nicht die, für die man sie, bei oberflächlicher Betrachtung, halten könnte. Zudem sind sie, wie auch alle geschilderten Orte der Handlung lediglich Teil einer rein fiktiven Welt. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Orten mögen als Zufall aufgefasst werden. Reiner Zufall.

Umschlag- und Innengestaltung unter Verwendung von:

Gelber Keller mit Büchern & Mann im Paternoster (erstellt mit Adobe-KI); Reiner Jansen (Foto: Thomas Endl); Paternoster: Budapest, Akácfa utca 15-17, BKV Zrt (Random photos 1989 – CC BY-SA 4.0 / https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=132086301 (beschnitten und farblich verändert); Schild (erstellt mit Adobe-KI)

E-Book, 2024

ISBN 978-3-944936-76-5

© edition tingeltangel, München, www.edition-tingeltangel.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist in all seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags nicht zulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und digitale Verarbeitung.

FÜR MA

Ich habe nichts ausgelassen, es sei denn absichtlich,

da vorauszusehen war, dass gewisse Leute,

die sich rühmen, alles zu wissen,

es zweifellos nicht unterlassen hätten

zu behaupten, ich hätte nichts geschrieben,

was sie nicht schon vorher gewusst hätten,

wenn ich mich ihnen nur

verständlich genug gemacht hätte.

René Descartes

Die Dunkelheit ist nur so lang furchterregend,

bis man selbst ein Teil von ihr geworden ist.

Torsten Todenhöfer

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Epilog

Ja, irgendwas

Outtakes

Hinweis in eigener Sache

An das erste Mal erinnert man sich immer.

So sagt man doch?

Und ich kann es bestätigen.

Die genauen Umstände haben sich für alle Zeit, genauer: meine mir verbleibende Lebenszeit, in mein Gehirn gebrannt. Oft hört man, dass Leute mit Scham oder sonstigen negativen Gefühlen an ihr erstes Mal zurückdenken. Diesem Schicksal bin ich glücklich entronnen.

Mein erstes Mal war fantastisch.

Es war so unfassbar gut, dass ich in dunklen Stunden gern daran zurückdenke, wie Irina, die so wunderbar korpulente Nonne, auf mir lag.

Ich denke gelegentlich daran, um meine Laune zu verbessern. Meist gelingt es mir.

Besonders dann, wenn ich an all die kleinen, aber feinen Details denke, die ich noch heute vor mir sehe, an die Schweißperlen auf ihrer fast weißen Haut, an die Art, wie sich dabei ihr Atem beschleunigte, wie sich ihr speckiger Körper über mir bog und wendete, während ich meine Anstrengungen verstärkte, immer weiter, immer kraftvoller, als ob ich sie nie mehr loslassen wollte.

Wie sich dann ein letzter erstickter Schrei ihrer Kehle entwand und sie danach ganz still auf mir lag.

Mindestens fünf Minuten müssen wir noch so da gelegen haben, weil ich mir ganz sicher sein wollte.

Sergej, mit dem ich damals ein Stockbett teilte, hatte es irgendwo aufgeschnappt und es mich, mit einem gewissen Stolz in der Stimme, wissen lassen: Nach fünf Minuten träten im Gehirn bereits irreparable Schäden ein, wenn es nicht mehr mit Sauerstoff versorgt würde. Man wäre dann nur noch etwas, das man als Tomate zu bezeichnen pflege, so hatte Sergej es formuliert.

Dieser Gedanke gefiel mir ungemein.

Ganz besonders im Hinblick auf Irina.

Als ich sie von mir herunterrutschen ließ, löste sich der Draht, der mir freundlicherweise dabei behilflich gewesen war, sie zu erdrosseln, mit einem angemessen lustvollen Schmatzer aus dem weichen Gewebe ihres nun anschwellenden Halses.

Ich sehe heute noch ihre weit aufgerissenen Augen, aus denen der mitleidlose Blick, mit dem sie sonst immer das Siechtum ihrer Schützlinge betrachtet hatte, gänzlich verschwunden war.

Zufrieden mit diesem Ergebnis und der Tatsache, dass sich ihre gewaltige Brust nicht mehr hob und senkte, stemmte ich mich vom Boden hoch, auf dem ich rücklings, die Todgeweihte über mir, gelegen hatte.

Ein stechender Schmerz, langsam in mein Bewusstsein einsickernd, lenkte meine Aufmerksamkeit auf meine Hände. Auch dort hatte sich der Draht tief eingegraben und scharf abgezeichnete, blutige Linien hinterlassen.

Ein wirklich dummer Anfängerfehler, der damals meine rasche Überführung hätte nach sich ziehen können.

Jedoch, dieser Umstand rang mir kaum mehr als ein müdes Lächeln ab.

Man würde mich, dessen war ich gewiss, nicht lebenslang wegsperren.

Immerhin war ich gerade erst acht Jahre alt geworden.

Aber vielleicht, ja, ganz sicher sogar, sollte ich mich erst einmal ordentlich vorstellen. Auch wenn ich mir ausgesprochen sicher bin, dass diese Zeilen niemals jemand lesen wird, so geziemt es sich doch, den gesellschaftlichen Gepflogenheiten nachzukommen.

Ja, so sei es. Gute Manieren sind wichtig.

Mein Name ist Anatoly. Man nennt mich Anton.

Mein Nachname ist unbekannt.

Genau genommen ist sogar mein Vorname unbekannt, da ihn meine leibliche Mutter nicht zusammen mit mir auf den kalten, steinernen Stufen eines Seiteneingangs des alten Kasernengebäudes hinterlassen hatte, das bis in die achtziger Jahre als Waisenhaus diente.

Vergangenen Winter war ich noch einmal dort.

Fast fünfzig Jahre waren ins Land gegangen, und das Gebäude reckte seine vor vernagelten Fenstern starrende, vernarbte Fassade trotzig dem bleigrauen Himmel über Russland entgegen.

Ich war im Winter gekommen, weil es Winter gewesen war, als man mich dort abgeladen hatte wie wertlosen Ballast, dessen es sich zu entledigen gilt.

So hatte ich es empfunden, nicht zuletzt, weil das genau die Worte gewesen waren, mit denen man es mir erklärt hatte. Auch, um meinen Stolz zu brechen.

Kinder ohne Gefühl für Selbstwert waren leichter unter Kontrolle zu halten. »Du bist einen Dreck wert, also verhalte dich auch so!«, war die Botschaft gewesen, die an alle Neuzugänge gerichtet worden war.

Viele waren daran zerbrochen, hatten nicht mehr gegessen, waren krank geworden und irgendwo auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz verscharrt worden.

Niemanden hatte es damals interessiert.

Väterchen Russland hatte in den Jahren zuvor zu viele Kinder verloren, seine ehemals gütigen Augen hatten keine Tränen mehr übrig für uns.

Zu derlei Gedanken war ich damals natürlich noch nicht fähig gewesen, erst heute beginnt eine feine Kruste aus Poesie die hässlichsten Narben in meiner Seele zu bedecken.

Lange Zeit hatte ich keinen Gedanken an »ihn« verloren, ihn, diesen Ort, an dem man Kinderseelen fraß und dafür von den Behörden einige Rubel bekam.

Einige lausige Rubel. Weniger als eine Handvoll Dollar.

Mehr war ein Kinderleben damals nicht wert gewesen.

Gemangelt hatte es folglich an allem, Nahrung, Wärme, Bildung, Geborgenheit, Medizin.

Rückblickend betrachtet war dieser Ort nicht sehr verschieden gewesen von den altbekannten Vernichtungslagern der verfluchten Nazis. Auch diese hatten den offenen Mord lang gescheut und es mit einer perfiden Zermürbungstaktik versucht, um den Bestand an hungrigen Mäulern möglichst zeitnah zu dezimieren.

Da wäre mir, muss ich ganz ehrlich sagen, eine Kugel in den Nacken fast lieber gewesen.

Aber eben nur fast.

Denn dann wäre ich heute nicht mehr am Leben.

Und ich bin gern am Leben. Ja wirklich.

Das Leben an sich fasziniert mich heute mehr denn je. Das Leben – und das Sterben.

Nicht mein eigenes Sterben, versteht sich.

Meine eigene Endlichkeit bekümmert mich nicht. Da jemand, der nicht mehr existiert, sich schwerlich über diesen Missstand beklagen kann, spielt es überhaupt keine Rolle. Ich lebe, weil ich noch da bin. So einfach ist das. Dazu ist kein Studium der Philosophie vonnöten.

Aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen.

Ich stand also auf dem bröckeligen Zement des Bürgersteigs, der jene Straße säumte, die einst an der ehemaligen Kaserne vorbeiführte.

Es hatte einige Minuten gedauert, bis ich zwischen all dem Dickicht, das die alte Mauer fast völlig überwuchert hatte, die Stelle entdeckte, an der ein grob geschmiedetes Eisentor in einen Mauerdurchbruch eingelassen war.

Als sich meine Handschuhe um die Eisenstäbe schlossen, in einem aussichtslosen Test, ob sich dieses Tor wohl noch öffnen ließe, befiel mich eine so klare Erinnerung, dass ich wie vom Donner gerührt dagestanden haben muss. Auch heute, fast ein Jahr später, sehe ich es noch vor mir, in derselben, quälenden Klarheit.

Ich sehe mich an der Hand meiner Mutter, an deren Gesicht ich mich nicht erinnern kann, diese Straße hinunter tapsen, sehe dieselbe Mauer, die nun überwuchert ist, an mir vorüberziehen und rieche wieder diesen unterschwelligen Geruch nach Tod und Verderben, den dieser Ort auch damals schon ausgestrahlt hat.

Als ich dort, viel später, an jenem Tor stand, da war mir, als würde eine schwarze Gestalt neben mir Position beziehen. Ich konnte sie nur aus den Augenwinkeln sehen, und immer, wenn ich den Kopf drehte, war sie verschwunden. Und mir wurde klar, dass diese Gestalt von nun an meine ständige Begleiterin sein würde. Sie hat mir ihren Namen nie verraten, aber auch heute, jetzt in diesem Moment, steht sie schräg hinter mir im Raum. Ich weiß es genau. Ich fühle sie.

Da ich jetzt an sie denke, richten sich meine Nackenhaare auf. Oft habe ich versucht, mit ihr zu sprechen, aber sie gibt keine Antwort. Ich bin nicht sicher, was sie will oder weswegen sie da ist, wenngleich ich eine schreckliche Ahnung habe. Im Spiegel ist sie nicht zu sehen, auch wenn ich sie einige Male zu überlisten suchte. Das habe ich mittlerweile aufgegeben. Aber sie ist da. Und sie ist das erste Mal auf dem Gehweg vor jenem Eisentor an mich herangetreten, dessen bin ich mir sicher. Heute glaube ich zu wissen, wer sie ist. Sie ist die Schuld, diese unerbittliche Gefährtin, die auch jene nicht verschont, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen. Die ohne Schuld sind, weil sie nur das Beste wollten. Oder zu jung waren, um sich schuldig machen zu können.

Doch zurück zu meiner Mutter.

Auch von ihr kenne ich die Gesichtszüge nicht.

Sich nicht mehr an das Gesicht der Frau erinnern zu können, die einen geboren hat, ist eine sich nie schließende Wunde in der Seele.

Aber es gibt nun mal kein Bild von ihr.

Ihre Identität konnte nie ermittelt werden (nicht, dass man übergroße Anstrengungen unternommen hätte), sie verschwand wie ein Schemen im Nebel, nachdem sie mir aufgetragen hatte, auf den Stufen des Portals zu warten. Darauf, dass man mir öffnen, oder darauf, dass ich erfrieren würde.

Dann war sie fort gewesen.

Und ich konnte mich nicht einmal an meinen eigenen Namen erinnern. Warum sie mich Anatoly, also Anton, genannt haben, weiß ich nicht.

Es spielt auch keine Rolle. Man muss nur irgendeinen Namen haben, mehr braucht es nicht.

Einer ist so gut wie jeder andere.

Die Erinnerung traf mich also wie ein elektrischer Schlag, wie ich so dastand und die Eisenstäbe des Tores umklammerte, jenseits dessen durch das Gestrüpp hindurch die Stufen zu erkennen waren, die auf den Absatz vor dem Portal führten, auf dem mich eine der Nonnen gefunden hatte. Nicht jene, die ich später eigenhändig erdrosselt habe, sondern Schwester Ewa, die (dem Ursprung des Namens nach) Leben Schenkende.

Und sie hatte mir damals wahrlich das Leben gerettet, wenn auch nicht geschenkt. Ewa habe ich auch später verschont, als ich noch einmal zurückgekehrt bin.

Denn ich muss gestehen, dass ich nicht ganz ehrlich zu Ihnen gewesen bin: Ich war bereits einmal wieder hier vor Ort. Vor nicht ganz dreißig Jahren.

Und habe offene Rechnungen beglichen.

Viele davon.

Auf meine Weise, in meiner Währung.

Das hat gutgetan. Seit jenen Tagen (es waren insgesamt fünf denkwürdige Tage des Genusses gewesen, bis ich sie alle erwischt hatte), ist es auch um meinen inneren Frieden besser bestellt. Ich bin ruhiger geworden. Gelassener. Geduldiger. Aber jetzt genug davon.

Vielleicht werde ich später noch mehr davon erzählen.

Nach wie vor stand ich wie erstarrt. Als die ersten Flocken eines beginnenden Schneesturms um meine ins Leere starrenden Augen wirbelten, sah ich uns Seite an Seite gehen, mich und meine Ma.

Und ich glaubte plötzlich, unseren gemeinsamen Weg zurückverfolgen zu können, so klar war die Erinnerung. Also löste ich mit einiger Mühe meine um die Stäbe verkrampften Finger und begann, an der alten Mauer entlang den Gehweg hinunterzulaufen, in die Richtung, aus der wir damals gekommen waren, fast ein halbes Jahrhundert zuvor.

Als ich die erste Kreuzung erreichte, meinte ich genau zu wissen, von wo wir gekommen waren. Mit einem in der Brust freudig pochenden Herzen lief ich so ein gutes Stück durch den dichter werdenden Schnee, immer tief in die letzten Winkel meines Gedächtnisses hinein lauschend. Diese Bereiche sind fragil wie uraltes, von der Sonne gebleichtes Pergament, das bei der kleinsten Berührung zu Staub zerfällt.

So begann sich nach einer Weile eine bis dahin ungekannte Angst in meinen Kopf zu schleichen, jene Angst, die das Vermasseln einer Chance begleitet, von der man annehmen muss, dass sie einmalig ist.

Erinnerungen werden vom Gehirn ständig überarbeitet und verändert, was bei jedem Augenzeugenbericht bedacht werden sollte. Sobald man an sie denkt, können sie schon verfälscht sein. Daher versuchte ich, nicht an den Weg zu denken, den meine Mutter mit mir genommen hatte. Ich wollte ihn nur finden und mit ihm das Wohnhaus, in dem mein Kinderbett gestanden hatte.

Einige Abzweigungen lang ging es gut.

Mein Gefühl sagte mir, dass ich auf dem richtigen Weg war. Doch dann, an einer großen Kreuzung, erlosch das Licht der Erinnerung in mir. Ohne Vorwarnung.

Wie lang ich an der Straßenecke gestanden habe, kann ich nicht mehr sagen. Aber es ließ sich nicht leugnen: Die Witterung war verloren. Die Spur war kalt.

Am Ende meines Besuches in der Heimat musste ich es mir schließlich eingestehen:

Im Nebel meiner Erinnerung würde sich nie mehr das Gesicht meiner Mutter zeigen.

Es war für immer fort.

Leben heißt auch, sich mit Dingen abfinden zu können.

Nachdem ich zu jenem verfluchten Eisentor zurückgekehrt war, legte ich die Stirn an das kalte Metall und, ich schäme mich nicht, es einzugestehen, weinte sogar ein wenig. Nicht zum ersten Mal, das ist wohl wahr.

Aber zum ersten Mal seit vierzig Jahren.

Der Schnee wirbelte derweil mitleidlos um mich herum.

»Was soll das denn sein, wenn ich fragen darf?«

Diese Worte hallten ebenso mitleidlos wie schneidend durch das allerdings schneefreie Büro im obersten Stock des alten Backsteinbaus, in dem, am Ufer der Isar gelegen, der altehrwürdige Verlag seinen Stammsitz hatte.

Die goldenen Sonnenstrahlen eines späten Winternachmittags glitten geräuschlos, wenn auch leicht gebrochen durch die hohen Fensterscheiben an der Westseite des denkmalgeschützten Gebäudes und brachten auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes die Farben der abstrakten Gemälde an der holzgetäfelten Wand zum Leuchten.

»Hatten Sie nicht eine Komödie angekündigt? Etwas Luftig-Lockeres, was zum Schmunzeln, möglicherweise gar zum Kichern? Das ist es, wonach das Publikum gegenwärtig dürstet, Todenhöfer, gerade bei all den Krisen, begreifen Sie das nicht? Und dann servieren Sie mir hier derart schwere Kost? Mann, ich fang gleich an zu heulen, wenn ich noch mehr davon lese!«

Das schmale Gesicht mit der Hakennase hatte sich vom Manuskript ab- und dem unglücklichen Autor zugewandt, der wie ein in der Mädchenumkleide ertappter Schuljunge vor dem riesigen Schreibtisch seines Direktors, der in diesem Fall sein Verleger war, von einem Bein aufs andere trat.

Man musste kein Experte für Körpersprache sein, um zu erkennen, dass der unscheinbare Mann mittleren Alters, der vor wenigen Minuten mit gewichtiger Miene sein neues Manuskript abgeliefert hatte, lieber irgendwo anders gewesen wäre. Irgendwo, wo man ihn nicht abschätzig behandelt oder verspottet hätte.

Denn es ließ sich nicht leugnen: Torsten Todenhöfer war kein extrovertierter Typ.

Dass er den Tod im Namen trug, hatte zu einem fröhlichen Gemüt wenig beigetragen, mit der Folge, dass er schlichtweg über keines verfügte. In der Elternsprechstunde war stets von einem ruhigen, höflichen Schüler die Rede gewesen. Fröhlichkeit war nie sein Markenzeichen gewesen. Und warum auch? Aus seiner Sicht gab es wenig zu feiern im Leben. Schon gar nicht das Älterwerden an Geburtstagen. Oder einfach nur, dass Freitag war, was seine Mitschüler (und später seine Mitstudenten) als ausreichenden Grund ansahen, um »feiern« zu gehen. Eine Einstellung, die ihm auch heute noch Rätsel aufgab.

Er hatte nicht einmal sein Einser-Abi gefeiert – oder das Einser-Diplom, das man ihm am Ende seines Physikstudiums in die Hand gedrückt hatte. Warum auch? Immer dieselbe (berechtigte) Frage. Denn erreicht war nichts.

Kein Mensch war genug, so wie er geboren war. Vielmehr musste man erst etwas werden, oder noch besser: etwas aus sich machen. Das schien oberste Bürgerpflicht zu sein. Die meisten seiner Klassenkameraden (aller nur denkbaren Geschlechter) hatten, so seine Erinnerung, immer schon gewusst, was sie werden wollten. Nicht selten genau das, was der Papa war, wenn es sich nicht gerade um einen drogensüchtigen Penner gehandelt hatte oder um ein Mitglied einer nur mehr peinlichen, alternden Boy-Band.

Und welches Kriterium bestimmte letztlich darüber, ob es einem gelungen war, etwas aus sich zu machen? Der Gehaltsscheck. Oder schlicht das Einkommen im Falle von selbstständigem Unternehmertum. Genau hier lag der Hase in jenem körnigen Pfeffer begraben, in den Torsten seine Flinte schon vor langer Zeit geschleudert hatte: Es wollte ihm nicht gelingen, ein vernünftiges Einkommen zu generieren. Mit anderen Worten: Er hatte nichts aus sich gemacht. Ein kaum zu ertragender Zustand, der unter anderem dazu führte, dass seine Eltern bei Familientreffen das Thema Torsten tunlichst zu umschiffen versuchten. Er war oft genug dabei gewesen und hatte es miterlebt. Die Option, stattdessen glühende Späne unter die Fingernägel getrieben zu bekommen, würde er ernsthaft in Erwägung gezogen haben, doch sie wurde als Alternative unglücklicherweise nie angeboten.

»Es ist lediglich ein Fragment, Herr Dressler«, brachte Torsten schließlich zwischen seinen trockenen Autorenlippen heraus. »Ich ... also, mir kam der Gedanke, dass es noch keine Autobiographie eines Profikillers auf dem Markt gibt, und dass wir damit einiges an Aufsehen ...«

Er brach an dieser Stelle ab, da der Greis jenseits der weitläufigen Mahagonifläche des Schreibtisches mit der oralen Erzeugung schnalzender Geräusche begonnen hatte, während er gleichzeitig den eingefallenen Schädel von einer Seite zur anderen bewegte. Ein Vorgang, den Torsten nicht so recht einschätzen konnte, da die Bewegung eigentlich zu langsam für ein Nein war. Sie erinnerte ihn eher an das Abwägen eines brandneuen Gedankens. Beinahe hätte er neue Hoffnung geschöpft.

Doch sein Verleger kam ihm zuvor.

»Todenhöfer, meine Güte, wie schaffen Sie es bloß, am Anfang immer wieder derart auf dem falschen Gleis zu sein?«

Torsten spürte ersten Ärger in sich erwachen. Warum glaubten alle, ihn so behandeln zu können?

»Wenn Sie mir noch etwas Zeit geben, kann ich die Story des Killers noch verfeinern, möglicherweise sogar in eine andere Geschichte einbetten – dann wäre der Roman nicht so monothematisch ...«

Die schnalzenden Geräusche aus dem Mund des Greises gipfelten in einem finalen Schnalzer, der einem Peitschenhieb gleichkam.

»Hm. Das klingt schon besser. Einbetten, sagen Sie? In eine völlig andere Geschichte? Könnte sich deutlich interessanter lesen ...« Der Alte beugte sich nun vor, was seine Halswirbel bedrohlich knacken ließ. »Aber sagen Sie, Todenhöfer: Können Sie das? Schaffen Sie das?«

Zum Überdenken der Angelegenheit blieb keine Zeit. Vor seinem ersten Erfolgsroman hatten ihn immer nur namenlose Lektoren angepflaumt, erst danach hatte sich der ehrwürdige Herr Verleger persönlich seiner angenommen. Er sollte sich also geehrt fühlen, überhaupt in diesem Büro zu stehen, wie ihm in diesem Moment erst so richtig bewusst wurde. In Anlehnung an einen haarigen, außerirdischen Helden seiner Kindheit verkündete Torsten daher knapp: »Null Problemo!«

Der Druck, der von ihm abfiel, wenn er das Büro des alten Dressler verließ, war immer unterschiedlich groß, je nachdem, wie die zurückliegende Präsentation des frischen Materials gelaufen war. An guten Tagen war es lediglich ein kleiner Kieselstein, den die vom Verlag beschäftigte Reinigungskraft leicht mit dem Kehrblech aufnehmen konnte. An anderen Tagen wäre ein hydraulischer Lastenkran erforderlich gewesen, um das abgefallene Steingut vom elegant gemusterten Teppich der Chefetage zu entfernen, so es sich denn um reale Materie und nicht nur um psychischen Ballast gehandelt hätte. Letzterer verflüchtigte sich, für alle Umstehenden unsichtbar, wie der sprichwörtliche Furz im Wind, und hinterließ dabei, anders als ein realer Darmwind, höchstens einen milden Schweißgeruch in Kombination mit saurem Aufwind aus dem Magen.

Immerhin war das Fragment nicht komplett durchgefallen, redete sich Torsten die Situation schön. Er hatte sich selbst überrascht, blitzschnell improvisiert und die Situation gerettet. Man würde sich noch eine weitere Version seines Manuskriptes ansehen, bevor man

es ablehnte!

eine Entscheidung traf.

Er nahm sich vor, positiver zu denken. Das würde sein Zugeständnis sein an eine Welt, die permanent feiern gehen wollte. Er würde sich zwingen, nicht automatisch davon auszugehen, dass alles ganz schrecklich werden würde. Dieses Maß an Optimismus erschien ihm gerade noch akzeptabel.

Der hochwertige Teppich mit dem unaufdringlichen, beigen Wellenmuster erzeugte unter seinen Socken (jeder Besucher des Verlegers hatte sich vor Betreten des Büros seiner Straßenschuhe zu entledigen) ein sanftes, kaum hörbares Geräusch, als würde man auf Federn laufen. Torstens schüchterner Blick huschte über das attraktive Gesicht der Vorzimmerdame, während er dem Ausgang zustrebte. Er hoffte, dass es wie ein lässiges Kopfnicken wirkte, das eine verbale Verabschiedung ersetzen sollte.

Mit dem professionellen Lächeln, das er zur Antwort bekam, gab er sich gern zufrieden. Immerhin wurde er nicht ausgelacht. Wieder ein Fortschritt. Es ging aufwärts! Positiv denken, Torsten!

Unmittelbar neben der mit Ornamenten verzierten Doppeltür, durch die er eine halbe Stunde zuvor hereingekommen war, befand sich das Schuhregal, in dessen unterstem Fach er seine ausgetretenen Sportschuhe der Marke ASICS platziert hatte. Er konnte sich noch erinnern, wie sie in blau-weißer Optik gestrahlt hatten, damals, vor gut fünfzehn Jahren, als er sie von seinem Vater geschenkt bekommen hatte. Zu einer Zeit, die ihm heute so fern erschien wie das Zeitalter der Riesenechsen. Eine Zeit, in der alles noch beinahe gut gewesen war.

Jenseits der massiven Tür, die vermutlich sogar schalldicht war, erwartete ihn ein Flur, wie er auch in Schloss Windsor nicht prächtiger ausfallen konnte. Der alte Verleger hatte bei der Innenausstattung offensichtlich Wert auf Prestige gelegt. Der sich ihm nahende Textbildner und Manuskripthauer, sprich, der Veröffentlichungswillige, sollte sofort seinen Platz im großen Ganzen des altehrwürdigen Verlagshauses begreifen, noch bevor er die Zeit des großen Herren (der mittlerweile ein herrischer Greis war) mit seinem literarischen Auswurf vergeuden konnte.

Natürlich war es nur ein sehr kleiner, von den Lektoren handverlesener Personenkreis, der überhaupt in die oberste Etage vorgelassen wurde. Das allein musste man bereits als Auszeichnung für sich verbuchen, selbst wenn einem das Manuskript im Anschluss vom alten Dressler hinterhergeworfen wurde. Man war schließlich nah dran gewesen an einem echten Verlagsvertrag – immerhin. Nicht so Torsten. Er wusste, was er konnte und dass er es verdiente, publiziert zu werden.

Mit gerechter Wut im Bauch schritt er daher den Flur entlang und um eine Biegung, die ihn zu den Aufzügen führte. Der Plural war nur formeller Natur, denn im Grunde gab es nur einen einzigen Aufzug, bestehend aus der handelsüblichen Kabine für bis zu fünf Personen und den modernen, selbstschließenden Türen.

Unmittelbar daneben befand sich ein Relikt aus alten Tagen, dessen Benutzung schon lang untersagt war. Nach immer absurderen Auflagen des Ordnungsamtes hatte man den alten Personenumlaufaufzug, im Volksmund Paternoster genannt, endgültig stillgelegt. Seine Kabinen fungierten seither als Nischen in der Wand, hübsch aufgereiht, Seite an Seite, gehalten in jenen Brauntönen, die zu seiner aktiven Zeit der feuchte Traum jedes Innenarchitekten gewesen zu sein schienen. Besonders in Kombination mit Orange und Beige.

Wenn man zu intensiv hinsah, bekäme man sicherlich Augenkrebs, da war sich Torsten sicher. Die ersten Monate, die er in diesem Gebäude ein und aus gegangen war, hatte er das Relikt gar nicht als solches wahrgenommen. Es zeigte sich, in jedem Stockwerk identisch, als zwei benachbarte Nischen in der Wand, die keine Funktion zu haben schienen.

Doch beladen mit den finanziellen Sorgen eines verlagslosen Autors (neudeutsch als Selfpublisher bekannt) und einem brandneuen Manuskript unter dem Arm, auf dem alle verbliebene Hoffnung ruhte, hatte wohl niemand einen Blick für die Details des Gebäudes, in dem das Urteil über die Güte des vorgelegten Textes fallen würde. Heute aber, mit frisch entfachter Wut im Bauch und einem realen Silberstreif vor Augen, kam Torsten nicht umhin, das Relikt zu bemerken. Denn: Es bewegte sich.

Die Kabinen fuhren gemächlich dahin, die linke hinauf, die rechte hinab, immer lustig im Uhrzeigersinn. Dabei erzeugte der alte Aufzug ein tiefes Grummeln in den Eingeweiden des Gebäudes, ein Rumpeln, das jedoch nicht bedrohlich wirkte, sondern eher wie ein friedliches Brummen, das ein alter Seebär ausstoßen mochte, bevor er einen Fremden zu einem steifen Grog einlud.

Gerade erschien eine weitere Nische, von oben kommend, im rechten Schacht. Schlagartig und ohne Vorwarnung – wie es bei Autorengehirnen häufig vorkam – ploppte eine grässliche Szene in Torstens Schädel auf: Er stolperte nach vorne und kam längs ausgestreckt auf dem Boden zu liegen, wobei sein Kopf in die heiter weitergleitende Fahrkabine hineinragte. Wie gelähmt starrte er auf den sich nach unten entfernenden Kabinenboden, während das Rumpeln der Maschine zu einem gierigen Grollen anschwoll. Über sich erspürten seine Sinne etwas Großes, Brutales, das herannahte. Das sich von nichts aufhalten lassen würde. In dem Moment, als sich seine Nackenhaare aufstellen wollten, trennte ihm die Oberkante der Fahrkabine mit einem unbeschreiblichen Geräusch den Kopf von den Schultern. Vor seinen Augen raste der Boden der Kabine auf ihn zu.

Dann blinzelte er und stand wieder im Flur vor den Aufzügen. Ob er nur in Gedanken aufgeschrien hatte oder auch in der realen Welt? Immerhin kam nicht die Vorzimmerdame zu ihm herausgelaufen, wofür er dankbar war. Als Beweis, dass er nicht geschrien hatte, konnte er es aber nicht gelten lassen, da zum einen die Tür zum Büro des Verlegers wirklich massiv und es zum anderen keineswegs sicher war, dass es dort drin jemanden kümmern würde, ob einer von vielen Autoren sein Leben aushauchte.

Sein Blick wanderte zwischen den gegenläufigen Fahrkabinen hin und her, fiel schließlich auf den Hinweis, den jemand auf dem Fußboden aufgestellt hatte. Er bestand aus einem klassischen Warndreieck mit Ausrufezeichen in der Mitte, montiert auf ein Schild, das eine so einfache wie deutliche Botschaft verkündete:

Nicht benutzen!

Wartungsbetrieb

Hatte dieses Schild sich auch schon dort befunden, als er den anderen, den modernen Aufzug verlassen hatte, um kurz darauf sein Manuskript vorzustellen? In seinem Gedächtnis ließ sich keine Spur von Erinnerung an einen derartigen adrenalingeschwängerten Moment finden. Es erschien ihm aber plausibel. Vermutlich dauerte so eine Wartung einige Zeit, warum auch immer sie durchgeführt wurde. Als vor einigen Jahren die Nutzung der Umlaufaufzüge behördlich untersagt worden war, hatte es einige Proteste gegeben, die aber erwartungsgemäß schnell abebbten – der Durchschnittsbürger hatte andere Sorgen und besaß obendrein gar keinen Paternoster in seinem Anwesen.

Zudem waren die Dinger wirklich gefährlich, was Torstens Tagtraum sehr lebhaft gezeigt hatte. Nach wie vor standen ihm einige seiner sensibleren Nackenhaare zu Berge. Sein Puls hatte sich jedoch wieder normalisiert. Und ein alter Freund begann sich zu melden, ein Freund, den er schon lang nicht mehr in seinem Kopf hatte begrüßen dürfen: der Schalk, sitzend in eben jenem haarsträubenden Nacken.

Und dieser (nicht mit Fröhlichkeit zu verwechselnde) Schalk, der gar nicht so tot war, wie Torsten es befürchtet hatte, begann sich gerade mit der Wut auf alle, die den armen Autor bevormunden wollten, zu verbünden. Sein ganzes Leben hatte Torsten sich vorschreiben lassen, was er zu tun und zu lassen habe. Eltern, Lehrer, Freundinnen, Professoren, Verleger – es war eine endlose Reihe an Vorgesetzten, denen man zu gehorchen hatte. Und man tat es, nicht zuletzt des lieben Friedens willen.

Spontan entschlossen machte Torsten ein paar Schritte auf das herrische Schild zu und dann ... darüber hinweg!

Das undefinierbare Rumpeln der Fahrkabinen war nun lauter und löste eine seltsame Faszination in ihm aus.

Fast klang es wie eine Einladung in seinen Ohren, die immer noch von der Kritik seines Verlegers klingelten. Von einem Mechaniker oder Techniker war nichts zu sehen. Lediglich das Schild am Boden glaubte, ihm Verbote erteilen zu dürfen. Nur ein dummes Schild ...

Die nächsten Kabinen schoben sich in die Maueröffnungen, in perfekter Symmetrie, die eine von oben, die andere vom Stockwerk darunter.

Er machte einen Ausfallschritt nach rechts und stand nun vor dem Schacht, der nach unten führte, was logisch war, da er sich ja im obersten Stockwerk befand und nach Hause wollte. Außerdem war er es gewöhnt, dass es mit ihm abwärts ging. Als seine Kabine sich exakt in die Öffnung eingefügt hatte, wagte er, nach einem verstohlenen Seitenblick, den Übertritt in das verbotene Terrain des antiken Personenumlaufaufzuges – und musste erst einmal seine Fassung wiedergewinnen. Dem modernen Fahrstuhlgast war der Anblick, der sich Torsten nun bot, neu und durchaus nicht geheuer.

Man war es nicht gewohnt, wortwörtlich im Boden zu versinken. Nicht mehr. Die Menschen vergangener Zeiten schienen sich mit dem Auf und Ab des Lebens besser arrangiert zu haben. Der Mensch des 21. Jahrhunderts verlangte nach einem sicheren, verschlossenen Raum, der ihn an den gewünschten Ort transportierte, ohne den eigentlichen Transportvorgang zur Kenntnis nehmen zu müssen. Denn es ließ sich nicht leugnen: Irgendwann während der Fahrt würde man sich mit den Augen auf Höhe der Füße seiner Mitmenschen befinden. Ähnlich einem Wurm, der sich im Dreck des Fußbodens wand und hoffte, nicht zertreten zu werden. Okay, sagte sich Torsten, der Wurm hoffte es vermutlich doch nicht, da das Konzept des Zertretenwerdens seine kognitiven Fähigkeiten überstieg, und fluchte daher eher über den Mangel an Erdreich, an dem er sich laben konnte. Vermutlich aber nicht einmal dies.

Der Mensch in der Kabine hingegen, ein kleiner Deus in machina, der sich selbst in diesem Moment möglicherweise als Wurm empfand, der mochte Anstoß an so einer Lage nehmen.

Der verweichlichte, moderne Mensch, dachte Torsten. Dann musste er grinsen. Er gehörte wohl nicht zu dieser Gruppe, so wie er sich noch nie irgendeiner Gruppe zugehörig gefühlt hatte. Er hatte es mittlerweile aufgegeben, nach einer passenden Gruppe für sich zu suchen. Vom Einzelkind zum Einzelgänger, das war wohl sein Schicksal. Es machte ihm mittlerweile nichts mehr aus.

Als wohltuender Kontrast zum irgendwie unwirklichen, giftgelben Dämmerlicht der künstlichen Beleuchtung zwischen den Geschossen tat sich in diesem Augenblick ein Spalt am Boden seiner Kabine auf, durch den frisches Tageslicht hereinströmte. Der Spalt vergrößerte sich rasch, und ein ihm völlig unbekannter Flur erstreckte sich vor seinen Augen. Ein Flur, auf dessen Teppichboden er sonst nie geblickt haben würde, da er im modernen Aufzug niemals dieses Stockwerk angewählt hätte. Dass auch hier Teppich lag, verblüffte ihn. Er hätte gewettet, dass nur der oberste Stock, die Chefetage, damit ausgestattet worden war. Doch offensichtlich erachtete man auch den zweithöchsten Stock als wichtig. Torsten vermutete, dass sich hier die Büros der Cheflektoren der verschiedenen Sparten befinden mussten.

In den wenigen Sekunden, die ihm blieben, um die neue Szenerie in sich aufzunehmen, bemerkte er, dass es sich allerdings um einen weniger hochwertigen Teppich handelte, als er ein Stockwerk höher verlegt worden war. Einen solchen Teppich mochte man in vielen durchschnittlichen Wohnzimmern dieser Republik finden, mutmaßte er. Warme Erdtöne. Ocker. Oder Khaki?

Dann war diese Welt schon wieder verschwunden und seine Kabine wieder in das gelbe Licht uralter Leuchtmittel getaucht. Jetzt nahm er auch den eigenartigen Geruch wahr, von dem er in diesem rumpelnden Kasten umgeben war. Bilder aus seiner frühesten Kindheit erstanden unvermittelt vor seinem inneren Auge. Ein Treppenhaus mit Stufen, die so hoch waren, dass er sie kaum überwinden konnte. Nicht etwa, weil die Stufen abnormal hoch gewesen wären, sondern weil er noch so klein gewesen war. Es war eine der frühesten Erinnerungen in seinem Kopf. Da war die hölzerne Treppe, deren Klangrepertoire ihn sehr an seine aktuelle Umgebung erinnerte. Denn jene alten Holzstufen quietschten nicht, sie rumpelten, wenn man sie erklomm. So hatte er es in seinem Kopf gespeichert, eine Erinnerung, die möglicherweise vom Lauf der Zeit verzerrt worden war. Denn wo gab es sie heute noch, diese alten Holztreppen? Wo könnte man seine Erinnerung auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen? Der schäbige Wohnblock, in dem er seine ersten Lebensjahre verbracht hatte, war lang abgerissen.

Doch es war nicht so sehr das Geräusch, das ihn an früher erinnerte. Es war der Geruch.

Vielleicht spielte ihm sein Gedächtnis auch nur einen Streich, das konnte er nicht ausschließen. Aber er bildete sich ein, dieses feine Aroma wiederzuerkennen, welches damals, vor über vierzig Jahren, dieses alte Treppenhaus umweht hatte. Der Geruch der alten Zeit. Bohnerwachs, Linoleum, Scheuermittel – hunderte Male waren alle sichtbaren Flächen damit traktiert worden, um grobe Verschmutzungen zu entfernen, wie sie in öffentlich zugänglichen Bereichen nun mal aufzutreten pflegten. Damals wie heute. Mit dem Unterschied, dass heute andere Chemikalien zum Einsatz kamen und nicht mehr gebohnert wurde. Deshalb waren diese alten Gerüche aus dem kollektiven Erleben verschwunden. Nur in den Köpfen der Alten lebten sie noch fort, jene Erinnerungen, archiviert als hauchzarte Spuren einer Vergangenheit, der niemand wirklich hinterher zu trauern schien.

Früher war alles besser? Ach ja? Diese Phrase galt heute eher als abgedroschener Witz denn als gewitzte Erkenntnis, so seine Einschätzung. Aber dennoch ...

Bevor Torsten seinerseits mit dem Trauern beginnen konnte, öffnete sich ein weiterer Flur unmittelbar vor ihm – unter ihm, um genau zu sein. Hier gab es keine Teppiche mehr. Ein strapazierfähiger Kunststoffboden erstreckte sich den Gang hinunter, von dem in regelmäßigen Abständen Türen abzweigten. Hellblaue Türen. Er konnte nicht sagen, ob sie aus blau gestrichenem Vollholz waren oder nur Spanplatten mit Dekorfolie. Er vermutete Letzteres.

Schließlich kam auch das Schild in sein Sichtfeld, als er erneut tief genug gesunken war. Auf jedem Stockwerk schien jemand dieselbe Warnung positioniert zu haben. Nicht benutzen! Was im Grunde überflüssig war. Denn welchem Idioten sollte nicht klar sein, dass dieser antike Aufzug nicht wieder in Betrieb gestellt worden war, sondern lediglich gewartet wurde? Torsten konnte nicht umhin zu grinsen. Ja, das musste schon ein rechter Trottel sein, der unbedarft wie ein Rehkitz in eine dieser rumpelnden Schachteln aus Holz und Plastik sprang. Oder jemand, dessen Blick auf die Welt ihn von den meisten seiner Mitmenschen unterschied. Jemand, den manchmal die Faszination, am Leben zu sein, wie ein Blitz traf, und der dann Dinge tat und Risiken einging, bei denen die Umstehenden nur noch den Kopf schütteln konnten.

Nein, er war kein »normaler« Mensch, das hatte sich Torsten Todenhöfer irgendwann eingestehen müssen.

Schnell stieg er im nächsten Stockwerk aus der Kabine. Sein Plan war gewesen, nach Hause zu dackeln und seine Geschichte nach den Wünschen des Verlegers umzuschreiben. Wünsche, entsprungen Torstens eigener Idee, in Panik geäußert. Um noch irgendetwas zu retten. Was war also die neue Vorgabe gewesen? Ach ja: die Geschichte des Killers in eine andere Handlung einzubetten, um ihr damit die Schärfe, die Brutalität zu nehmen.

So würde es sich besser verkaufen lassen, meinte der Greis, der hier das Sagen hatte. Und der Autor hatte auf die Tasten zu hämmern und abzuliefern.

Tanz, Äffchen, tanz!

Er spürte, wie sich seine Magenwände anspannten. Deshalb stand er nun hier, im völligen Niemandsland des Verlagsgebäudes gestrandet, und erwog einen folgenschweren Schritt. Der neue Plan: dem Alten da oben ordentlich die Meinung geigen, sich einmal im Leben nicht am Gängelband durch die Manege führen lassen. Wenn man ihn dann fortjagte, sollte es so sein. Dann würde die quälende Suche nach einem Verlag von vorne beginnen und sein schönes Manuskript, das war beinahe sicher, in den endlosen Sümpfen des Selfpublishings verschwinden. Allen Leserblicken entzogen.

Na und? Wen würde es jucken? Sein Zeug war ohnehin nicht besonders gut, dachte er grimmig. Die Welt konnte auch auf sein Geschreibsel verzichten!

Oder?

Von einer Welle aus Trotz und Selbstmitleid getragen, betrat er nun eine aufwärts führende Kabine.

Das Schild, das auch in diesem Stockwerk wachte, würdigte er keines Blickes. Während seine Kabine an Höhe gewann und die verlassenen Flure aufs Neue an ihm vorbeizogen, schwand seine Entschlossenheit dahin wie Butter in der Sonne. Sollte die ganze Arbeit, sollten all die ungezählten Stunden vor dem Bildschirm, wirklich umsonst gewesen sein?

Wenn er jetzt alles hinschmiss, mit seinem Verlag brach, der immerhin schon zwei Werke von ihm veröffentlicht hatte, würde er sich das je verzeihen können?

Er brauchte die Kohle. Heute dringender denn je.

Fuck! Plötzlich war nur noch dieses eine Wort in seinem Kopf. Er sprach es aus, zunächst kaum hörbar, dann immer lauter, gegen das Rumpeln des Aufzugs anbrüllend.

Fuck! Fuck! Fuck!

Das Stockwerk mit dem billigen Teppich kam in Sicht, dann verschwand es zu seinen Füßen. Das Rumpeln in seiner Kabine wurde lauter. Fast erschien es ihm wie ein düsteres Omen.

Dann befand er sich auf Augenhöhe mit dem hochwertigen Teppich des obersten Stockwerks. Ihm fiel auf, dass neben der Zahl für das Stockwerk ein zusätzlicher Hinweis angebracht war. Bevor er ausstieg, las er die verblichene Aufschrift auf der mit Nieten befestigten Plakette.

Weiterfahrt möglich, verkündete sie.

Wow, immerhin, ging es Torsten durch den Kopf. Nicht unbedenklich, aber möglich. Fast hätte er laut losgelacht, wenn auch nur, um die Anspannung loszuwerden.

Es erschien ihm durchaus sinnvoll, dass in derartigen Aufzügen die Nutzer darauf hingewiesen wurden, dass die oberste (oder unterste) Etage erreicht, eine Weiterfahrt jedoch problemlos möglich war, da die Kabinen nicht etwa auf den Kopf gestellt, sondern lediglich in den anderen Schacht umgesetzt wurden. Daher rührte auch das lauter werdende Rumpeln, wenn man sich dieser Stelle, ob nun ganz oben oder ganz unten, näherte.

Zurück auf dem noblen Teppich schwand der letzte Rest seines gerechten Zorns dahin. Vor seinem inneren Auge wandte ihm der Alte sein grotesk anmutendes Profil zu, bevor er ihn vom Sicherheitsdienst hinauswerfen ließ.

Einige Minuten stand Torsten unschlüssig und verloren im Flur, nur wenige Meter von den Aufzügen entfernt.

Als er Schritte zu hören glaubte, die sich ihm aus Richtung der mächtigen Eichentür zum Büro des Verlegers näherten, ergriff er kopflos die Flucht. Ein beherzter Sprung über das Schild hinweg und in eine gerade zur rechten Zeit auftauchende Kabine hinein brachte ihn aus der Gefahrenzone.

Seine Karriere war gerettet – für den Moment.

Was nichts daran änderte, dass es gerade wieder einmal mit ihm abwärts ging.

Der Gedanke, mein recht ungewöhnliches Leben aufzuschreiben, ist noch nicht sehr lang in meinem Kopf.

Man muss sich dafür wichtig nehmen und das habe ich nie getan. Ich erachte mich als durchaus unwichtig. Man möge mich jetzt nicht falsch verstehen. Mich plagen keine Skrupel und keine Zweifel, ich fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel, und dabei ist mir alle Freud’ und Herrlichkeit der Welt keineswegs entrissen, wie einst ein begabter Dichter schrieb.

Es mangelte mir nie an Selbstvertrauen oder sicherem Auftreten. Dennoch ist es möglich, sich der eigenen Unwichtigkeit im großen kosmischen Spiel bewusst zu sein. Für mich ist es so, als wäre ich ein Geist.

Diese Vorstellung haftet mir an, so lang ich zurückdenken kann. Als Kind habe ich mir oft die Mauern angesehen, die mich umgaben, und die Vorstellung entwickelt, dass ich, wenn ich es wollte, einfach durch sie hindurchgehen könnte.

Und warum auch nicht?

Ist nicht alle Materie im Wesentlichen leerer Raum, angefüllt mit nichts anderem als »Feldern«, die sich durchdringen und dabei anziehen oder abstoßen können?

So hört man es heute aus dem berufenen Mund der Wissenschaft. Damals wusste ich all dies natürlich nicht, sonst hätte es mich wohl in der fixen Idee bestärkt, ein Geist zu sein. Vollständig lösen davon konnte ich mich freilich auch nie. Noch heute ertappe ich mich dabei, wie ich Menschen die Frage stelle: »Kannst du mich sehen?«

Meist geben sie die falsche Antwort, woraufhin ich sie töten muss. Das ist der Lauf der Dinge.

Gerade denke ich wieder an Irina. Wie ihre Zuckungen auf mir erlahmten, wie schaumiger Speichel aus ihrem groben, schartigen Maul auf meinen Hals tropfte. Und wie ich in jenem Moment, als ihre Seele entwich, meinen ersten Orgasmus hatte.

Das erste Mal.

Immer eine Erinnerung wert, ich sagte es bereits.

Ich denke daran, weil auch die Zuckungen des Polizisten über mir schwächer werden. Er hat jetzt das Bewusstsein verloren und erste Hirnschäden werden bald eintreten, wenn ich seinen Hals nur lang genug abgeschnürt halte.

Die Angelegenheit ist komfortabler auszuführen als es damals bei der so gar nicht braven Nonne war und meine kleinen Händchen vom Draht zerschunden wurden.

Die Handschellen, die ich in diesem Moment trage, werden zwar Blutergüsse an meinen Handgelenken hinterlassen, aber so etwas ist allemal angenehmer als Schnittwunden, durch die man sich schnell eine Infektion einfangen kann.

Ein Krankenhaus würde ich nur ungern aufsuchen.

Die kurze Kette, mit der die Handschellen verbunden sind, um ihre den Träger beschränkende Wirkung überhaupt erst entfalten zu können, beschränkt gegenwärtig sehr effektiv die Blutzufuhr zum Gehirn jenes Streifenbullen, der meinte, mich aufgrund der Fahrt mit einem gestohlenen Wagen verhaften zu müssen.

Ah!

Jetzt spüre ich endlich, wie seine Muskeln erschlaffen.

Game over, Officer down, wie es so schön heißt.

Down and dead as fried chicken. Also definitiv tot.

Es ist nicht ganz vergleichbar mit dem Genuss beim ersten Mal, als eine unserer Peinigerinnen auf mir krepiert ist. Denn da war es etwas Persönliches gewesen. Damals hatte ich jede Sekunde dieses zeremoniellen Aktes genossen. Hier und heute ist es anders. Heute ist es einfach nur Routine. Meine Routine. Um zu überleben. Und Geld zu verdienen, natürlich. Um weiter auf dem für mich bestimmten Weg gehen zu können.

Nach zwei weiteren Sicherheitsminuten wälze ich den Körper des Cops von mir herunter und betrachte sein Gesicht. Die Augen sind blutunterlaufen und weit aufgerissen, die Zunge hängt bläulich verfärbt auf einem Bett aus schaumigem Speichel.

Alles in bester Ordnung, wie es aussieht.

Ich bin wieder frei.

Auf der Uniform ist ein Schriftzug aufgestickt: Mike.

Tja, Mikey, denke ich, was war nochmal die erste Regel in deinem Job? Drehe niemals, aber wirklich niemals, dem Verdächtigen den Rücken zu. Auch dann nicht, wenn du ihn bereits in Handschellen gelegt hast. Denn mit etwas Akrobatik lassen sich die Hände auch in Handschellen vor den Körper führen. Und vor dem Körper des Trägers können sie allen möglichen Schaden anrichten, wie du sicherlich gerade bemerkt hast.

Mike weiß darauf nichts zu sagen.

Als Nächstes fische ich seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche. Natürlich hat sich auch dieser Klient eingekotet, das bleibt nicht aus. Hier drin wird es bald riechen wie in einem mexikanischen Dixi-Klo.

Der menschliche Körper ist im Grunde eine abstoßende, alles andere als perfekte Konstruktion, zum Bersten gefüllt mit meist übelriechenden Flüssigkeiten. Ein wabbeliges Lebenserhaltungssystem, dessen einziger Zweck es ist, mit Nährstoffen und Sauerstoff angereichertes Blut in den Kopf und in das Gehirn zu pumpen.

Egal, wo man reinsticht, das Ergebnis ist fast immer eine riesige Sauerei. Mit einer Ausnahme: der Kopf selbst. Die Kathedrale des Bewusstseins.

Kleine Öffnung, große Wirkung. Wenig Schnodder. Sofortiger Blackout.

Leider nicht zu machen mit gefesselten Händen.

Also die beste Methode.

Platz zwei belegt bei mir das Erdrosseln. Dauert aber.

Ich habe mir angewöhnt, dabei an etwas anderes zu denken. Üblicherweise plane ich bereits meine nächsten Schritte, überlege mir, wie der nächste Auftrag am besten anzugehen ist. Das vertreibt die Zeit, bis endlich der Hirntod eintritt und ich den gegenwärtigen Auftrag zu den Akten legen kann.

So weit ist es hier und heute leider noch nicht.

Der Bulle war nicht mein Auftrag, sondern eine unvorhergesehen Untiefe, die auf keiner Karte verzeichnet war. Solche Dinge passieren ständig und man nennt es angeblich »das Leben«.

John Lennon soll sich auch mal in dieser Richtung geäußert haben. Apropos John: Der Spinner war nicht mein Auftrag, ich sage es gleich dazu. Auch wenn ich mit seiner Musik nie viel anfangen konnte. Damals war ich noch nicht in diesem Geschäft.

Fünfzehn Minuten später bin ich wieder on the road.

Ich weiß, was Sie jetzt denken, und Sie haben recht: Was zum Teufel hat der Kerl noch so lang in dieser Polizeistation getrieben? Fünfzehn Minuten ist eine Ewigkeit, um am Tatort eines Mordes zu verweilen.

Nun ja, zu meiner Rechtfertigung kann ich sagen, dass es zwei Morde waren. Denn unser jüngst verblichener Mike hatte einen Kollegen, der wie aufs Stichwort vom Abort kam. Was sehr von Vorteil ist – wegen des bereits entleerten Darms, Sie verstehen?

Zunächst haben wir aber noch die Gelegenheit genutzt, einen Blick in den Polizeicomputer zu werfen. Ich benötigte ein paar Daten von diversen Meldebehörden, darunter auch die Adresse zu einem Nummernschild. Natürlich hätten das auch meine gegenwärtigen Auftraggeber für mich erledigen können, aber ich liefere gern ein Rundum-Sorglos-Paket ohne unnötige Rückfragen, soweit dies möglich ist.

Meistens ist es das.

Erst die Waffe von Kollege Mike gegen seine Schläfe, dann mein Spezialdraht gegen seine Gurgel.

In der kleinen Polizeistation blieben die sterblichen Überreste der Bullen zurück, der Linoleum-Boden jeweils gezeichnet vom Abrieb ihrer Schuhsohlen während ihres finalen Tänzleins. Denn auch der von der Toilette zurückkehrende Cop musste geräuschlos ins Jenseits befördert werden, und meine Druckluftwaffe habe ich leider nicht dabeigehabt. Die lag immer noch achtlos hingeworfen auf dem Beifahrersitz des Streifenwagens, in dem der unlängst verblichene Mikey mich hierhergebracht hat.

In genau diesem Wagen bin ich jetzt unterwegs.

Fühlt sich cool an, birgt aber gewisse Gefahren.

Ich werde den nächsten Wagen, dem ich begegne, anhalten und mich in den Besitz des Fahrzeugs bringen. Dann werde ich wieder ein Geist sein. Und es wird keine unplanmäßigen Zwischenstopps mehr geben.

Die Uhr tickt.

Meine Auftraggeber erwarten Resultate für ihr Geld.

»Das ist ja wieder genau derselbe Mist!«

Obwohl ansonsten von leicht gelblicher Anmutung, die an die uralte Tapete eines Raucherzimmers erinnerte, erschien das Gesicht des Greises nun rötlich verfärbt.

Der Verleger rang um Worte, während seine von Altersflecken bedeckte Klaue die neuen Seiten des Manuskripts auf dem Schreibtisch ablegte. Dabei wanderte der Blick seiner graublauen Augen über das Gesicht des Autors, der bereits zum zweiten Mal binnen einer Woche in seinem Büro aufgetaucht war.

»Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt? Sowas wie das hier lässt sich nicht mehr verkaufen! Es ist zu schwer verdaulich. Der Leser will hämisch grinsen können, vielleicht auch nur amüsiert lächeln, auf jeden Fall aber abgelenkt werden von der harten Realität, in der sein Hamsterrad Tag für Tag auf ihn wartet. Begreifen Sie das nicht, Todenhöfer?«

Der Angesprochene trat von einem Bein aufs andere und ließ schließlich ein Seufzen hören, mit dem er auf das ihm zugewiesene Sitzmöbel niedersank. Es war ihm immer schon schwergefallen, ruhig dazusitzen, während seine Arbeit beurteilt wurde. Doch jetzt wollte er am liebsten in der Polsterung des schlichten Bürostuhls verschwinden, der allen Besuchern von Arthur Dressler als Sitzgelegenheit angeboten wurde. Auch das beste Pferd in diesem Stall, Deutschlands Bestseller-Autor Nummer Eins, wie jeder ihm zuzuordnende Klappentext stolz verkündete, musste gelegentlich darauf Platz nehmen. Für Torsten kein Trost. Er hoffte nur inständig, dass ihn der Alte nicht mit einer Anekdote über den Star des Hauses behelligen würde.

»Wissen Sie, Todenhöfer, was ich Eckart bei unserer ersten Begegnung gesagt habe?«

Mit Eckart war zweifellos Eckart Fitz gemeint, eben jene Cashcow, die offenbar den ganzen Laden finanziell am Leben hielt, wollte man den Gerüchten glauben. Laut unbestätigten Meldungen aus der Verlagskantine, in der Torsten sich gern mal eine deftige Gulaschsuppe genehmigte, brachte Fitz mit seinen Psycho-Thrillern fast so viel Umsatz in die Bilanz wie alle anderen Autorinnen und Autoren des Hauses zusammen. Er war somit das Goldene Kalb, das alle anbeteten, nicht zuletzt, weil ihre Arbeitsplätze in einem immer härter umkämpften Buchmarkt von ihm abhingen.