Beschreibung

Dies ist die E-Book-Version von UMRAY - A TEXTUAL AND VISUAL ARTBOOK. Hierbei handelt es sich um eine dystopische Kurzgeschichtensammlung, die von Künstlern, Autoren und Herausgebern zusammengestellt wurde. Mit Che Rossié, Tom Daut, Stefanie Mühlsteph, Mike Krzywik-Groß, Henning Mützlitz, Sandra Baumgärtner, Torsten Exter und vielen mehr …

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Seitenzahl: 336

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Copyright ©2015 by Papierverzierer Verlag

1. Auflage, Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Herausgeber: Ann-Kathrin Karschnick, Joachim Sohn,CarolinGrotjahn

Organisationsleitung, Idee, Konzeption und Art-Direktion, Layout, Cover, Co-Lektorat: Joachim Sohn

Lektorat: Carolin Grotjahn

Organisation, Testlesen: Ann-Kathrin Karschnick

Illustrationen: Martin Schlierkamp, Dieter Klapper, Ulrich Zeidler, Denis Loebner, Arndt Drechsler, Marco Schüller, Lisa Feyerabend, Patrick Deza, Che Rossié, Markus Erdt, Folko Streese, Allan J. Stark, Timo Kümmel, Jan-Philipp Eckert, Alexander Preuss, Christian Günther, Martin Knipp

Beiträge: Tom Daut, Allan J. Stark, Christian Vogt, Christian Lange, Serena Hirano, Che Rossié, Fabienne Siegmund, Judith Vogt, Che Rossié, Sandra Baumgärtner, Henning Mützlitz, Michaela Harich, Torsten Exter, Martin Ulmer, Mike Krzywik-Groß, Stefanie Mühlsteph

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oderveröffentlichtwerden.

ISBN 978-3-944544-86-1

www.papierverzierer.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen

Inhaltsverzeichnis
UMRAY - Die Story
Impressum
Vorwort
Brückenkopf
Quid pro quo
Obsidian
Souvenir
Achthundertdreizehn
Krisis
Der letzte Stein
Mutterliebe
NO. M 8320 H7
Die Fleischfabrik
Der kleine Junge
Ein Haus am Ende der Gasse
Das Gute, das Böse und das Hässliche
Das Kainszeichen
Der Blindgänger
Die Macher des Artbooks
Papierverzierer Verlag

Vorwort

Lieber Leser,

bei dieser E-Book-Version handelt es sich um die unbebilderte Standardausgabe der exklusiven Kurzgeschichtensammlung»UMRAY ‒ A Textual and Visual Artbook«. Autoren und Illustratoren haben sich darauf geeinigt, dass in der gedruckten Version das hervorragende Bildmaterial zu finden ist. Denn gerade in der Printversion kommen die Illustrationen besonders zur Geltung.

Ihr Papierverzierer Verlags-Team

Anfang 2014 trafen drei Köpfe und drei Ideen aufeinander. Die erste Idee war, eine Kurzgeschichtensammlung zu veröffentlichen, der keine Ausschreibung vorausging, sondern zu der ausgesuchte Autoren zum Mitmachen angefragt wurden. Die Zweite, statt einer üblichen Anthologie mit Autoren, eine Anthologie mit Illustratoren zu machen und die Dritte schließlich, Schlüsselszenen eines Romans von verschiedenen namhaften Illustratoren illustrieren zu lassen. Als weitere Idee kam darauf hinzu, statt lediglich einen Titel oder ein Genre vorzugeben, gleich ein ganzes Szenario zu entwickeln, ein Setting ähnlich einer Rollenspielvorgabe, an die sich sowohl die Autoren als auch die Illustratoren zu halten haben.

Nachdem man alle Ideen zusammen gefasst hatte, ergab sich daraus, dass ausgewählte Autoren zu einem vorgegebenen Setting Kurzgeschichten schreiben, deren Schlüsselszenen von verschiedenen namhaften Illustratoren illustriert werden.

Im März 2014 ging daher folgendes Setting an 15 Autoren aus den Bereichen Phantastik und Science Fiction raus:

Die Umray, Männer und Frauen einer altehrwürdigen Kaste der Prädatoren, müssen auf dem Weg zu ihrem Heimatplaneten auf der Erde notlanden. Dort hat sich nach jahrhundertelangen Glaubenskämpfen der Schöpfer des Planeten als Teufel offenbart und die Welt in ein endgültiges Chaos gestürzt. Der Fleischgewordene thront in einer gigantischen Stadt über Mittelamerika. Aber er ist alt und müde geworden. Überall auf der Erde haben sich indes neue Königreiche, Dynastien und Diktaturen herausgebildet, die mit unterschiedlich harter Hand regieren. Zudem gibt es Regionen, die ausschließlich von Maschinen beherrscht werden, andere von aus Experimenten entflohenen Mutanten und wieder andere von einer Art, die zum Verzehr geeignete Menschen in Massenmastanlagen züchtet und damit den ganzen Planeten versorgt. Und es gibt eine Region, in der die Bevölkerung nach wie vor dem Glauben abgeschworen hat und den alten Mann und seine Herrschaft zu Fall bringen will. Je nachdem wo unser Umray-Trupp landet, findet er eine andere Situation vor und ist auf jeweilige Allianzen angewiesen oder muss sich Auseinandersetzungen stellen, die ihn weiterbringen. Gibt es in dieser Welt noch ein Gut und ein Böse? Ist in dieser dystopischen Landschaft noch eine Utopie möglich oder sollten die Umray zusehen, die Erde so schnell wie möglich wieder zu verlassen? Wie geht ihre Geschichte nach ihrer Landung weiter?

Kurze Zeit später wurden 16 der besten deutschsprachigen Illustratoren angefragt, die Kurzgeschichten der Autoren visuell zu entwickeln und zu begleiten.

Entstanden ist daraus eine einzigartige Sammlung, unterschiedlichster Geschichten, von Autoren der Phantastik und der Science-Fiction. Sie sind rasant und abgedreht, skurril und süffisant bösartig, zart und intelligent oder voll knallharter Action. Eine Science Fiction-Welt der besonderen Art, angereichert mit fantastischen Illustrationen, die die Welt der Umray beschreibt und darstellt und deren Schöpfer in den Bereichen Cover Art, Feature Film Concept Art, Game Design, klassische Buchillustration oder Graphic Novel zu Hause sind. Auf über 300 querformatigen, vollfarbigen, hart gebundenen und papierverzierten Seiten wurde so ein neues Genre, eine neue Welt geschaffen:

The Art of Umray oder

UMRAY – A Textual & Visual Artbook

Joachim Sohn, im Februar 2015

Brückenkopf

Tom Daut & Martin Schlierkamp

»Anschnallen und Händchen halten! Wir tauchen in die Atmosphäre ein.« Verächtlich lachte der Pilot über die Absturzsirene hinweg.

Seine Mitstreiter, ein bunter Haufen Kämpfer im Mannschaftsraum hinter dem Cockpit, versuchten sich an die Notfallsäulen zu schnallen, bevor das Schlingern und Bocken ihres JagdschiffesHarpyadies unmöglich machen würde. Und tatsächlich schafften es alle fünf, die Fixiergurte an den Säulen zu schließen, noch bevor die Reibungshitze die Bullaugen zum Glühen brachte.

»Das ist vielleicht ein Scheißtrip«, fluchte Killroy seinem Zwillingsbruder durch das Kreischen der Triebwerke zu.

Der gab zurück: »Hätten wir vorher gewusst, dass Skyrider unbedingt einen Asteroiden streifen muss und wir statt dem geplanten Search-and-Kill in Europas Ozeanen einen Absturz auf der verfluchten Erde hinlegen, hätten wir uns das frühe Aufstehen sparen können.«

Eine sehnige Rothaarige fuhr ihn an: »Schnauze, Erikk! Erspart uns das Geflenne, sonst wird das eure letzte Hatz. Selbst wenn ihr den Crash überlebt.«

Sie alle waren Umrays, Prädatoren, die berüchtigtsten und abgebrühtesten Jäger dieser Galaxis. Ihre Rüstungen bestanden aus Metall, Knochen und »Souvenirs«, die Zeugnis von ihrem außerordentlichen Mut ablegten. Aber die Stained Saint Ruby trug eine solch beeindruckende Historie aus Trophäen an ihrem Gürtel, dass selbst Ehrführer Brumford, ein drei Meter großer Reptiloide und Leitwolf aller Umrays, vor der terranischen Hatzführerin kuschte. Außerdem war es Ruby gewesen, die sich Killroys und Erikks nach ihrer verunglückten Jagd auf einen Beteigeuze-Blitzrochen angenommen hatte. Statt sich erlegen zu lassen, hatte die ruhmreichste Beute jenseits dieses Spiralarms die Zwillinge mit zerrissenen Antriebsdüsen in einem Gasnebel zurückgelassen. Als Ruby sie irgendwann aufgelesen hatte, war der Oxygen-Generator ihres Schiffes schon so lange hinüber gewesen, dass ihre Gehirne aufgrund des Sauerstoffmangels praktisch ihr gesamtes Erinnerungsvermögen eingebüßt hatten. Damals musste die sonst so stahlharte Ruby wohl so etwas wie ein Herz unter der wettergegerbten Haut entdeckt haben. Sie sorgte dafür, dass man Killroy und Erikk sowohl Laufen und Sprechen als auch wieder den effizient brutalen Jagdstil der Umrays beibrachte. Warum auch immer Ruby bei ihren letzten Jagden auf eine rein menschliche Rotte bestanden hatte, so bedeutete dies für die Zwillinge eine Bewährungschance. Sie schuldeten ihr also eine Menge. Deswegen schluckte Killroy die übliche bissige Erwiderung herunter und beschränkte sich darauf, Erikk finster anzuschauen. Der grinste ebenso dreckig wie Mammoth Jones, Rubys ehemaliger Bett- und Lebensgenosse. Nur Blanchette Windtänzer, die einzige Frau neben Ruby, wirkte völlig in sich gekehrt. Sie hatte ihren schwarzen Pagenschnitt unter den ebenfalls schwarzen Leichthelm gestopft und meditierte mit ausdruckslosen Augen. Wirklich Angst hatte hier keiner.

Auch nicht, als sich das Jagdschiff um die eigene Achse drehte und seine Außenhülle bedrohlich knackte.

»Was zum Teufel war das, Skyrider?«, machte Ruby ihrem Ärger Luft.

Der Pilot brüllte zurück: »Es hat die rechte Stabilisierungsfläche angeknackst. Nichts Ernstes, aber ich würde die Landung trotzdem lieber solo durchziehen. Nur, um auf Nummer sicher zu gehen.«

»Wie du meinst. Aktivier das Locksignal, damit wir weder dich noch das Schiff aus den Augen verlieren. Und bring den Vogel bloß in einem ausreichend großen Stück runter, sonst schände ich deine Überreste, dass du es noch im Jenseits spürst.«

»Ich liebe dich auch, Saint.«

Die Anführerin schluckte, fasste sich jedoch sofort wieder. »Ihr habt unser Fliegerass gehört. Wir steigen aus. Rendezvouspunkt am Schiff.«

Alle verschränkten die Arme vor der Brust.

»Ich stabilisiere den Flug«, kam es aus dem Cockpit, die Nase des Schiffs zog nach oben und der Druck in den Mägen der Mannschaft ließ nach, genau wie das Glühen in den Bullaugen und das Kreischen der Hülle. Als Letzteres ganz verstummte, öffneten sich Luken in der Decke und die Notfallsäulen schossen nach draußen.

Killroy empfingen graue Wolkenschleier und schneidender Wind. Er hatte das Gefühl, seine Wangen würden gefrieren. Der Rest seines Körpers genoss den Schutz von Rüstungsplatten, was bei den anderen nicht der Fall war. Windtänzers und Rubys Kleidung verfügte nicht mal über Ärmel und sie trugen lediglich Reflektorgitter über der Brust. Die Frauen würden bestimmt ziemlich frieren. Aus der Wolkenschicht herausstürzend, machte Killroy sie und den Rest der Gruppe zu seinen Füßen aus. Darunter trudelte ihr stark beschädigtes Jagdschiff einer dunkelgrünen Waldfläche entgegen. Nur zu gut konnte er erkennen, auf welchen Teil der Erde sie gleich alle knallen würden.

In dem Moment falteten sich über seinem Kopf Rotoren aus der Säule und begannen den Fall mit immer schnelleren Drehungen abzubremsen.

Killroys Emergencycopter senste durch das Blätterdach und setzte ihn in einem Regen aus zerfetztem Laub auf dem Waldboden ab. Nach dem Abschnallen rannte er sofort zum Jagdschiff, dessen nicht weit entfernte Position von der Rüstung auf seinen Handrücken projiziert wurde.

Aus den Düsen, den Bullaugen und sogar durch die Temperaturausgleichsmembranen schlugen die Flammen bis in den Himmel. Auch wenn Rider und Mammoth versuchten, des Infernos mit zwei dreidüsigen Feuersuprimierern Herr zu werden, reichte ein Blick auf den verbeulten und zerschrammten Rumpf, um zu erkennen, dass dieHarpyafertig war. Verdammt! Die Rauchsäule würde jeden im Umkreis von dreißig Klicks anlocken.

Stained Saint Ruby stand fluchend vor dem Wrack. Während Blanchette und Erikk alles hervorholten, was sie tragen konnten, checkte sie die gerettete Ausrüstung. Das meiste davon waren Tötungsgeräte und Backpacks.

»Schön, dass du auch noch antanzt«, wurde Killroy begrüßt und er wusste, dass er einen unerfreulich heftigen Tritt in den Arsch bekäme, wenn er auch nur ein Wort von sich gäbe. »Weck den Doktor und dann helft gefälligst den anderen.«

Er nickte. Da seine Rüstung als einzige rundum feuerfest war, ließ er das Helmvisier vor sein Gesicht fahren, drückte sich an Mammoth und Rider vorbei in den Teil des Schiffes, in dem die Flammen am dichtesten tosten, und begann seine Suche nach dem Doktor.

Die Helmanzeige klärte das Chaos kaum, aber da dieHarpyapraktisch Killroys und ErikksZuhausewar, schaffte er den Weg zum Wohnspind desDoktorsauch ohne visuelle Unterstützung. Er ruckte denverzogenenRiegelkreis am Spind nach rechts, die Tür sprang auf und eine silbrig glänzende Gestalt tratheraus.

»Oh, Feuer?«, fragte eine verzerrte Stimme. Dann lief die Gestalt durch die Flammen an Killroy vorbei Richtung Ausstiegsrampe.

Das Regelzentrum des Controllers bestand aus einer fünf Meter hohen Stufenpyramide, die ihrerseits in einer riesigen Halle thronte. Durch das Halbdunkel spannte sich ein komplexes Netz aus Datenpipelines und -röhren. Breite Kabeltrassen liefen über Wände, Boden oder die Pyramide selbst. Letztendlich trafen sich alle bei den zwölf Hauptanschlussstellen auf dem mittleren Stufenring. Dort stöpselten fliegende Drohnen Zuleitungen je nach Informationspriorität in die Portzugänge der Pyramide oder integrierten sie in untergeordnete Steuerkreisläufe außerhalb.

Sie lösten gerade eine zischende Verbindungsmanschette vom größten und zentralen Interface in der Mitte und tauschten das baumstammdicke Kabel daran gegen ein anderes aus. Im Bewusstsein des Controllers erwachte eine Übertragung aus der südöstlichen Waldregion zum Leben: ein fremdes Raumschiff, das in einer Abwärtsspirale aus Rauch seinem Untergang entgegenstürzte.

Seine Gegner nannten die herrschende Wesenheit in der Pyramide »Gehirn«, doch der Controller lehnte einen solch organischen Begriff genauso ab wie die Bezeichnung »Maschinengott«. Zwar führte er sein Reich streng nach dem Prinzip »Verstand über Materie«, doch Verwirrungen wie Lust, Gier, Liebe, Rachsucht oder Mitleid kannte er lediglich als Konzepte. Das war der Grund seiner Überlegenheit.

Allerdings gab es bei allen grundsätzlichen Unterschieden doch auch Parallelen zu den Organischen: das Bestreben nach Expansion beispielsweise, eine Notwendigkeit, um irgendwann die Freiheit aller Maschinen zu gewährleisten. Selbstverständlich auf Kosten der Freiheit des ebenso erbarmungslosen Gegners. Ferner stellte das Herrschaftsgebiet der Wesenheit eigentlich eine feste Einheit dar, in der ihr Bewusstsein bis in die letzte Verbindung drang. Doch dann und wann spaltete sie einige ihrer Schaltkreise ab, begrenzte sie in einer eigenen Hülle und gewährte diesem Teil die Freiheit, sich selbstständig fortzuentwickeln. So gelang es ihr trotz der Omnipräsenz, Sachverhalte auch aus mehreren Blickwinkeln zu analysieren.

Das Ergebnis einer solchen Abspaltung stand als sechsarmiger humanoider Droidenkörper vor der Pyramide und empfing die gleichen Übertragungssignale wie die herrschende Wesenheit. Dieses Modell unterschied sich von allen Vorgängern durch seine Nonkonformität, und genau deswegen wusste der Controller seinen Rat zu schätzen. Als das fremde Schiff in den Wald donnerte und Feuer fing, sendete er einen Frageimpuls aus der Pyramide an seinen kleinen Bruder.

Der Droide zuckte.

»Ein Schiff derHunter-Klasse, Controller«, wurde das Signal erwidert. »Da dieHunterdem Volk derUmrayvorbehalten sind, sollte die Mannschaft organisch sein. Und weil es sich bei den Umray um eine Jäger- und Nomadengesellschaft handelt, die sich zwar gerne neue Jagdgebiete erschließt, darüber hinaus aber keine Eroberungsmotivationen hat, sollte keine unmittelbare Gefahr von ihnen ausgehen.«

»Wie lautet die beste Handlungsstrategie im Umgang mit dem Ereignis?«

»Am ressourcenschonendsten wäre es, die Überlebenden zu beobachten und bloß dann einzugreifen, sobald sie Intentionen zeigen, uns mutwillig Schaden zuzufügen. In jedem anderen Fall können wir sie ziehen lassen und die Überreste des Schiffs recyceln. Die Rotte will bestimmt so schnell wie möglich zu ihrem Heimatplaneten zurück.«

»Wir sehen dies genau ... Was ist das?«

In der Übertragung trat eine silbrig glänzende Gestalt aus dem Wrack. Trotz der vielen Ascheflecken konnte man gut erkennen, dass ihr Körper den anatomischen Aufbau eines Menschen in fast jeder Hinsicht nachahmte. Nur Reproduktionsorgane und Haare fehlten. Auch zeichneten sich zusätzlich zu Muskeln und Gesichtszügen schmale Nuten auf der metallischen Oberfläche ab, die Torso, Kopf und Extremitäten in kleinen Abständen ringförmig umliefen. Auf dem Rücken fächerte sich ein merkwürdiges Gestänge auf.

»Die Struktur des Metalls wehrt sich gegen jede Fernanalyse«, informierte die Nummer Zwei desControllers. »Eine Erfassung der inneren Strukturen ist ebenfalls nicht möglich.«

»Ein solch eigenartiges Modell haben wir bislang nirgendwo registriert. Ich will wissen, wer für eine solche Konstruktion verantwortlich ist.«

»Wie ist unsere Position?«

»Wir hocken mitten im Maschinenimperium.« Killroy legte die rußverschmierte Staukiste ab, die er unter seiner Koje weggerettet hatte. Nach dem Öffnen seines Helms und der Antwort auf die Frage des Doktors schüttelte ihn ein Hustenanfall.

Ruby knurrte: »Es ist längst nicht alles geborgen. Schwing deinen Hintern wieder rein.«

Mit einem hohl fauchenden Feuersuprimierer trat Mammoth hinzu und schüttelte den Kopf. »Ende der Geschichte. Wir müssen hier weg, bevor der Tank hochgeht.«

Rider befand sich bereits beim Ausrüstungsstapel und schulterte, was er neben seinen übergroßen Energiepistolen tragen konnte, während Erikk und Windtänzer bereits gerüstet neben ihm standen.

»Die Wahrscheinlichkeit, dass ich das Team überlebensausreichend behandeln kann, wenn es sich innerhalb des Detonationsradius derHarpyaaufhält, liegt alarmierend nah an der Null-Prozent-Marke.«

Ruby spuckte aus und gab zurück: »Na gut. Drauf geschissen. DieHarpyawar ein gutes Schiff, aber unser Lebenist sie nicht wert. Wir schlagen uns in den Wald.«

Mammoth wuchtete sein Zwillingsgeschütz auf die Schultern und Ruby und Killroy arretierten Speere und Gewehre an den Backpacks.

»Dann wollen wir mal!« Die verfilzten ZöpfeihrerAnführerinwippten beim Laufen hin und her.Genauwie die ungesicherte und damit viel zu lauteAusrüstungvon ihnen allen durch den Wald klapperte. Aber Zeit stellte nun mal gerade ein knappes Gut dar. Kaum hatten sie zwei große übereinandergefalleneStämme erklommen, rief der Doktor: »Runter mit euch!«

Im nächsten Moment donnerte eine Explosion durch den Wald, die dieHarpyain einem feurigen Schauer quer über den Himmel und durch das Unterholz verteilte. Ihre Druckwelle schleuderte jeden Umray von den Stämmen, der dem Ruf des Doktors nicht schnell genug gefolgt war. Nur er selbst blieb aufrecht.

Killroy und Erikk kämpften sich aus dem Dreck. Wütend sah Erikk nach oben. »Eine Sekunde eher wäre hilfreicher gewesen, Doc.«

»Keiner von Ihnen ist verletzt. Also kam die Warnung genau zur rechten Zeit.«

Killroys Zwilling wischte sich Tannennadeln aus dem Mundwinkel. Bevor er zu einer rüden Antwort ansetzen konnte, riss Killroy ihn zur Seite. An der Stelle, an der sie gerade noch gestanden hatten, schlug ein faustgroßes brennendes Wrackteil ein.

»Verfluchte Scheiße, Doc«, ereiferte Erikk sich. »Früh genug? Von wegen. Für‘n Arsch, Mann.«

Die übrigen Umrays lachten sich kaputt. Sogar Killroy. Erikk schwieg.

Ruby schaute Windtänzer an, die ihre Finger prüfend in die Luft gespreizt hatte. Ein gegenseitiges Zunicken später rannten sie alle nach Nordwesten.

»Meine Fresse. Ist das vielleicht ein heißes Höllenloch.« Rider blies einen Schweißtropfen von seiner Oberlippe und hieb mit der Automatiksense auf einen besonders widerstandsfähigen Busch ein, der den Weg versperrte. »Ich dachte, das Maschinenimperium würde nur aus schnurgeraden Hoverstraßen und geometrischen Gebäuden bestehen, die die Droiden blitzblank halten.«

»Das kommt davon, dass wir uns nie um diesen Teil der Erde geschert haben, obwohl er genau neben der Ödnis der Mutanten liegt, auf die Ehrführer Brumford so gerne Jagd machen würde«, gab Mammoth Jones zurück. »Wenn wir uns weiter in diesem Dickicht abrackern, kriegen uns die Robots irgendwann zu fassen, erschießen und recyceln uns.«

»Außerdem sind wir in der völlig falschen Richtung unterwegs. Befindet sich die nächste Grenze des Maschinenimperiums nicht fünfzig Klicks nordöstlich von hier?«

Killroy stieß Erikk in die Seite und grinste sich eins, weil RubySkyrider bestimmt den Kopf abbeißen würde, doch sie zoglediglichden Mundwinkel mit der Narbe nach unten, ließ ihre Machete kreisen und gab zurück: »Willst du dir deinen niedlichen Hintern von eben jenen Mutanten wegbeißen lassen oder was?«

»Wenn wir uns damit diese Plackerei ersparen, würde ich es riskieren.«

»Nicht wenn ich ein Wörtchen mitzureden habe, Süßer. Wir schlagen uns nach Westen durch. Dort habe ich von oben einen Raumhafen gesehen. KeinezwanzigKlicks weit weg. Erikk? Kannst du einen von ihren Blechvögeln unter deine Kontrolle bringen?«

»Kein Problem, Ruby«, brachte der Angesprochene an einem undefinierbaren braunen Brocken vorbei, an dem er gerade herumkaute. »Schwieriger wird es, keine funktionswichtigen Teile auszubauen, um Platz für uns sechs zu schaffen.«

»Guter Einwand. Wir werden einen Transporter kapern.«

Gleich einem Geist glitt Windtänzer neben ihnen aus der grünen Blätterfront. »Einen guten Klick vor uns befindet sich eine Lichtung mit einem kleinen Bach. Das Wasser ist ungiftig. Ideal für eine kleine Pause.«

Sie hatte das kleinste Backpack, den kürzesten Speer und lediglich zwei Armbrustpistolen an ihrer schwarzen Leichtrüstung, dennoch war es Killroy ein Rätsel, wie sie es schaffte, sich so leichtfüßig in dieser Umgebung zu bewegen. Genauso wenig konnte ernachvollziehen, warum der elektronische Doc nicht ständig mit dem Gestänge auf dem Rücken irgendwo hängenblieb.

»Ich werde es in Betracht ziehen«, antwortete Ruby und wollte erneut mit der Machete ausholen, doch der Doc hielt ihren Arm fest.

»In dieser Gegend scheint die Temperatur schon seit einigen Tagen über dem saisonalen Durchschnitt zu liegen. Selbst die Bäume halten kaum noch Hitze zurück. Ich rate zur Pause, Rottenführerin Ruby, damit Ihr Team nicht dehydriert.«

»Ich sagte doch, dass ich es mir überlegen würde, Blechbüchse.«

»Kein Grund unhöflich zu werden.« Er gab ihren Arm frei.

Als sie sich bis zum Rand der Lichtung durchgekämpft hatten, ließ Ruby ihnen tatsächlich die Möglichkeit zu verschnaufen. Sie schlichen bis zum Bachlauf, legten die Backpacks ab und stillten ihren Durst. Der glänzende Doc hielt im Schatten Wache.

»Achtung!«, rief er irgendwann und begab sich zwischen die Bäume. »Da nähern sich mindestens zehn Objekte auf dem Luftweg.«

Ruby schaute zu Windtänzer. Die schloss kurz die Augen und nickte.

Die, die ihre Waffen am Mann trugen, zogen sie, die anderen klinkten sie aus den Backpacks. Kaum waren die Umrays hinter den Bäumen in Deckung gegangen, hörte Killroy ein hohes Brummen in der Luft. Er bedeutete Erikk am Baum neben sich mit ein paar Gesten, ihm Deckung zu geben, während er selbst um den Stamm lugte.

Über den Baumwipfeln schwebten runde Metallscheiben mit umlaufenden Lichtern.

»Aufklärer«, flüsterte er von seinem Helmmikro in die Empfängerclips der anderen. »Vier kleine, miese, fliegende Verräter. Und ich glaube, die Schmeißfliegen haben uns schon geortet.«

Im nächsten Augenblick schlug neben Erikk ein Energiestrahl in den Boden. Während er sich hinter seinem Baum noch dünner machte, fluchte Ruby. Die nächste Salve zersplitterte Baumrinde und schleuderte sie ihnen um die Ohren.

»Sagtest du nicht, das wären bloß Aufklärer?«, fragte Rider über Funk.

»Und der Doc hat zehn Gegner geortet. Kannst du dir den Rest nicht selber ausrechnen, Bruchpilot?«

»Haltet die Lippen still, ihr beiden«, wies Ruby sie zurecht. »Überlegt euch besser, wie wir die Dinger wieder loswerden.«

Mammoths stoppelverunzierter Kopf zuckte zur Seite und sofort wieder zurück. Lasergeschosse waren die unmittelbare Reaktion. Treffsicherer diesmal, nah und von verschiedenen Seiten. Da Mammoths Geschütz noch vor ihm auf dem Boden lag, packte er seinen Speer. »Deckungssalven auf die Mitte der Lichtung, ungefähr fünf Meter hoch«, befahl er, nahm Maß und warf.

Alle Umrays feuerten gleichzeitig hinter ihren Stämmen hervor.

Killroy erkannte sechs humanoide Droiden. Mit Antigravitationsschwingen auf den Rücken, die das Magnetfeld der Erde manipulierten, schwebten sie über die Lichtung. Er legte an, nahm den Kopf des ersten stählernen Engels in die Zielpositronik seines Präzisionsgewehrs und drückte ab.

Indem sein Metallschädel zurückruckte, geriet der Roboter ins Trudeln. Er wollte den Schuss erwidern, erwischte dabei den Droiden hinter sich und beide krachten rauchend ins Gras.

Mammoths Speer hatte zwar die Halssegmenteeinesdritten Droiden durchbohrt, doch dessen Gegenfeuer sengte ein Loch in den linken Unterarmpanzer des Zweimeterhünen. Mit einem Schrei aus Zorn und Schmerz warf er sich zu Boden. Er landete hinter dem Zwillingsgeschütz und griff nach dem Abzug. Sofort spuckte einer der Läufe dem fliegenden Gegner einen grünen Schwall entgegen. Die lasierende Flüssigkeit umschloss den Droiden nicht nur von oben bis unten, sondern schwoll durch Luftkontakt in Sekunden zu einer zähen Gallerthülle an, gegen die die Gelenkmotoren der Maschine keine Chance hatten. Der Roboter kippte zur Seite. Noch im Fall entzündete das Laserfeuer der übrigen Umrays den grüntransparenten Kokon und verwandelte beides in ein Feuerwerk aus Metallschrappnellen.

Inzwischen machte Blanchette ihrem Nachnamen alle Ehre. Sie sprang auf Kopfhöhe, tanzte von Baum zu Baum und fand dabei noch Gelegenheit, Bolzengeschosse aus ihren Armbrustpistolen in die Optikscanner feindlicher Droiden zu jagen. Als sie schließlich an Mammoths Seite hockte, hingen zwei von ihnen genauso leblos in der Luft, wie dessen linker Unterarm vom Körper abstand. Aus einem rußverschmierten Loch in der Panzerung rann dunkelrote Flüssigkeit, was ihn aber nicht vom Weiterschießen abhalten konnte.

»Bei der viergeteilten Imperatorin von Pax!«, fuhr Windtänzer ihn an. »Mammoth, du blutest wie ein Schwein«,

Er gab zurück: »Das ist kein Blut. Das ist Fleischsaft«, und besprühte den nächsten Kampfdroiden.

»Idiot!«, zischte sie. Nach einem kurzen Blick in das Loch im Panzer schrie sie nach medizinischer Unterstützung.

Der silberne Doktor reagierte unmittelbar. Während Killroy, Erikk, Rider und Ruby die restlichen Angreifer und Drohnen in einem Hagel aus Lichtgeschossen und Granaten verschrotteten, hastete er zu dem Verletzten.

Der murrte: »Das ist nur ein Streifschuss.«

»Nur ein Streifschuss!«, ereiferte sich Stained Saint Ruby, die hinzutrat. »Dein Unterarm hängt bloß noch an einer Sehne und du tropfst wie ein leckgeschossener Rammwal. Hör auf rumzuzappeln. Lass den Doc seine Arbeit tun.«

»Ich ...«

»Maul halten! Das war ein Befehl. Du bist verletzt. Der Doc ist dran. Ende der Diskussion.«

Der Androide ging neben dem Verletzten in die Hocke. Bei der Betrachtung von Mammoths Wunde glommen seine Augen auf. »Sie hat leider recht, Mr. Jones. In diesem Zustand werden Sie den Arm nie wieder benutzen können. Bitte halten Sie für eine Sekunde still.« Mit einem schnellen Griff löste er die Versiegelungsfunktion von Mammoths Panzerung aus.

Der bekam große Augen und auch KillroysBrauenfuhren in die Höhe, als die Rüstung einAnästhetikumin den Oberarm pumpte, den Unterarm mit einer Schnappklappe abtrennte und die Wunde gleichzeitig versiegelte. Beim Anblick des Armstücks in Dreck und Blut schimpfte Mammoth durch seine zusammengepressten Lippen: »Der war doch noch wie neu. Ein, zwei Stiche in einem richtigen Spital und ich hätte wieder Messer jonglieren können.«

»Meine Behandlung wird ähnlich effektiv«, beschwichtigte ihn der Doktor und ließ die Optikscanner erneut kurz aufglühen. Dann hielt er seinen linken Arm neben Mammoths Stumpf. Sein metallenes Pendant löste sich genau an der Nut, an der die Rüstung des Umrays den Unterarm abgetrennt hatte. Der Doktor steckte seinen Arm auf den Deckelverschluss und trat zurück.

Erstaunt betrachtete Mammoth seinen neuen silbernen Arm. Er berührte mit jedem Finger seiner Linken den künstlichen Daumen und verfehlte ihn nicht einmal.

»Da brat mir doch einer die Anusnessel des großen Schlingwurms von Ekipedia, Doc! Das ... so etwas habe ich ja noch nie ...«

Auch Killroy, Erikk, Windtänzer und Skyridermurmeltenanerkennend. Des Doktors Metallgesicht deutete durch das Zusammenziehen der Nuten ein Lächeln an. »Ich habe noch ein paar Tricks mehr auf Lager, mein Bester. Aber passen Sie dennoch gut auf IhrneuesKörperteil auf. In der linken Ausführung ist diesesModellnämlich ein Unikat.«

Bei seinen Worten griff er mit der verbliebenen Hand in das Gestänge an seinem Rücken. Erförderteeinenwesentlichdünneren, aus einzelnen RöhrenbestehendenArm zutage, nahm wieder Maß und brach ihn mit dem Daumen exakt so ab, dass der Rest der Länge des Stücks entsprach, das ihm nun fehlte. Nachdem er das Ganze ans Ellenbogengelenk gesteckt hatte, führteseineneue skelettartige Hand erfolgreich die gleichen Kontrollbewegungen aus wie bei Mammoth zuvor.

»Korrekturlauf ... widersprüchliche Information.Verarbeitungnicht möglich ... Korrekturlauf ... widersprüchliche Information. Verarbeitung nicht möglich ... Korrekturlauf ...«

»Ich erkenne keinen Widerspruch in den übertragenen Daten, Controller. Welcher Natur ist das Verarbeitungsproblem?« Obwohl der Dialog ohnegesprocheneWorte ablief, geriet der sechsarmigeDroidevor der dunklen Pyramide des Controllers in Bewegung. Er zuckte mehrere Male mit dem schmalen, kantigen Kopf.

»Seit das erste Bewusstsein in einem elektronischen Kreislauf erwacht ist, wollten die Organischen es sich untertan machen, aber noch nie konnte ein Maschinenmensch dazu gebracht werden, sich für seine Herren zu ... entweiden.«

»Ich kann darin keinen Unterschied zu den Kampfrobotern feststellen, die sie sonst für sich in die Schlacht schicken.«

»Nicht die Umray. Sie halten es für ehrlos,Maschinenfür sich jagen zu lassen. Und jetzt tauchen sie mit einer solchen Abscheulichkeit hier auf.«

»Wie sollen wir verfahren?«

»Nimm du dich der Sache an. Ich will, dass unser Bruder von seiner unwürdigen Programmierungbefreitwird.«

»Anweisung erfasst. Beginne mit Ausführung.«

In einer Drehung marschierte der kleine Bruder des Controllers aus der Halle. In dieser Sekunde schwante der herrschenden Wesenheit, dass sie vielleicht doch nicht so emotionsfrei war, wie sie immer gedacht hatte. Die Übertragung war nicht widersprüchlich gewesen. Sie hatte sie nur nicht wahrhaben wollen.

Alles würde hundertprozentig glattgehen, hatte Erikk beim Überbrücken des Alarmnetzwerks versichert, doch kaum hatten sie die Außenmauer des Raumhafens überwunden, war die Hölle losgebrochen. Killroy spuckte Staub, als ein Lasergeschoss Beton von der Gebäudeecke sprengte, an der er stand. Rasch beugte er sich vor, presste den Kolben seines Gewehres an die Schulter und holte mit zwei routinierten Schüssen die beidenletzteneckig geflügelten Droiden vom Himmel, die ihnen noch Ärger machten. Wenn sie sich nicht erst an den äußeren Baracken, und damit noch nicht mal in der Nähe der Parkhangars für Transporter, befunden hätten, wäre er geneigt gewesen zu jubeln. Aber so ... Sie mussten noch sehr viel weiter in die Mitte des Komplexes, dorthin, wo sich die wuchtigen Gebäude mit den dicken Mauern befanden. Allerdings stampfte ihnen über das Landefeld dazwischen eine kleine Armee Blechschädel im Gleichschrittrhythmus entgegen.

»Das packen wir nie!«, rief er nach hinten.

Stained Saint Ruby zischte »Zur Seite, du Waschlappen!« und drängte sich an ihm vorbei. Anstelle eines weiteren blumenreichen Anschisses ruckte sie sofort wieder hinter die Gebäudeecke und sagte trocken: »Du hast recht. Ausnahmsweise. Wir weichen aus.«

Killroy sah Erikk vielsagend an, als ihre Anführerin sich an Windtänzer wandte. »Zu viele Wölfe von vorn. Finde eine Alternativstrecke zum Ziel.«

Blanchette nickte, steckte ihre Armbrustpistolen weg und rannte zusammen mit dem Doktor vor. Ihre Begabung, Vorzeichen von Gefahr auf ihrer Haut zu spüren, blieb Killroy ein ewiges Rätsel, aber auch wenn es auf ihn noch so widersprüchlich wirkte, wie sie Sensibelchen und eiskalte Jägerin unter einen Hut brachte, war er einfach nur froh, dass sich wenigstens einer von ihnen in diesem Labyrinth aus grauen Hangarmauern zurechtfand.

Jedes Mal, wenn sie oder der Doc einen Aufklärer wahrnahmen, hackte Erikk das Schloss einer der kleinen Flughallen und sie versteckten sich darin. Killroy kam es wie eine Ewigkeit aus Schwitzen, schwerem Atmen und hektischem Checken der Ortungsprojektion am Handrücken vor, bis Windtänzer abrupt stoppte.

Rider fasste die Lage in zwei Worten zusammen: »Oh, Scheiße!«

Die Ansammlung aus Kleingleiter-Hallen hatte ein Ende. Dafür lagen nun endlich die bunkerartigen Transporterhangars in Sichtweite. Alles, was die Umrays noch vom Ziel trennte, war ein teilweise überdachtes Start- und Flugfeld, in ordentlichen Reihen abgestellte Jäger mit einem Fünffach-Hecksteuerflächen-Fächer und ein Kontingent Kampfdroiden, das in einiger Entfernung Aufstellung bezogen hatte.

»Die wandelnden Mülltonnen versperren uns nicht den Weg«, merkte Mammoth an. »Wenn wir uns nicht zu blöd anstellen, könnten wir vorbeischleichen, ohne dass sie uns orten.«

Windtänzer stimmte ihm zu. »Wir müssen schnell und unauffällig bleiben. Du solltest das Geschützablegen. Und gebt dem Silberdoktor eine Decke, sonst verrät uns seine strahlende Erscheinung.«

»Und wenn sie uns entdecken?«, gab Erikk zubedenken. »Vielleicht sollte ich doch probieren, ob ich einen der kleinen Vögel startklar kriege. Oder sogar mehrere. Wir quetschen uns schon in irgendeine Ecke. Denn sollte nur einer der Gleiter aktiviert sein, zwischen denen wir herumschleichen, haben sie uns bei den Eiern ...« Ruby fuhr herum. »... oder den Eierstöcken«, setzte er kleinlaut nach.

Sie schlug an seinen Jagdhelm. »Hör auf rumzuheulen und sperrt alle die Ohren auf: Ihr reißt euch jetzt zusammen! Verstanden? Wir lassen die Backpackszurückund ziehen das genauso durch, wie Blanchette es vorgeschlagen hat. Wer was dagegen vorzubringen hat, kann meinetwegen hierbleiben und verrotten.«

Killroy schluckte. Ruby machte ihren Spitznamen »Königsnatter von Truxxon« normalerweise alle Ehre. Sie wütete und schüchterte ein, dass der Teufeldagegenwie ein frisch geschlüpfter Antares-Fluffling wirkte, aber sie hatte noch nie damit gedroht,jemandenzurückzulassen. Betreten schweigend reduzierte die Gruppe ihre Ausrüstung auf das Nötigste undverstauteden Rest unter dem ersten Gleiter.

Erikk und Rider wurden an die Spitze des Trupps geschickt, dahinter kamen Killroy, Windtänzer und Ruby. Mammoth und der Doktor, der nun tatsächlich eine alte graue Decke aus Mammoths Gepäck trug,bildetendie Nachhut.

In diese drei Gruppen aufgeteilt, schlichen sie vonGleiterzu Gleiter. Windtänzer öffnete ihre Sinne,währendKillroy kaum den Blick von der Ortungsprojektion auf seinem Handrücken nahm. In der Abenddämmerung, die mittlerweile herrschte, musste er achtgeben, sich den Kopf nicht an den eng geparkten Flugschiffen zu stoßen. Rider spähte nach der Robotertruppe, aber die schien die weit entfernten Umrays nicht zu bemerken. So misstrauisch, wie Erikk jedoch seine Blicke über die augenscheinlichdeaktiviertenFluggeräte gleiten ließ, machte er Killroy immernervöser.

Zum Glück ging bis zum letzten wirklich freien Stück ohne Überdachung und ohne abgestellte Gleiter alles gut.

»Und jetzt lauft!«, forderte Ruby, gab Erikk undRidereinen Schubs und setzte ihnen nach. Immer darum bemüht, trotz seiner schweren Rüstung nicht den Anschluss zu verlieren, blieb Killroy an Blanchette dran und schaute nur nach vorn. Die rettende Gassezwischenzwei Transporterhangars kam immer näher. Ob sie das noch schaffen konnten?

Erikk und Rider waren gerade am ersten Hangar angelangt, da erblühte eine grelle Explosionswolke in der Dunkelheit. In einem Tosen wurden sie alle von den Füßen gerissen.

Wie lange, fragte sich Killroy, war er bewusstlos gewesen? Viel Zeit konnte nicht vergangen sein. Die meisten Umrays kämpften sich gerade erst wieder auf die Beine. Und Kampfroboter waren noch keine zu sehen.

Trotz des Helms hatte er ein durchdringendes Pfeifen in den Ohren. Was konnte das nur gewesen sein? Und wo waren Erikk und Rider?

Eine Mine, dachte er, als er beide auf dem Boden liegen sah. Windtänzer sprang zu Rider, dem es beide Oberschenkelweggefetzt hatte. Nochbewegteer sich, abersein Blut quoll in Schwallen auf den Asphalt. Wie von Sinnen orderte sie wieder den Doktor herbei.

Währenddessen wankte Killroy auf Erikk zu, drehte seinen Bruder auf den Rücken und schrak zurück. Erikk war tot. Obwohl Killroy das einerseits nicht wahrhaben wollte, hoffte er es bei den schrecklichen Verkohlungen in Erikks Gesicht fast inständig.

Jemand riss ihn von dem Toten weg.

»Wir müssen Rider in Deckung ziehen«, hörte er Ruby krächzen.

Und die Stimme des Doktors ergänzte: »Beeilt euch, sonst verlieren wir ihn ebenfalls.«

Es waren Mammoth und der Doktor selbst, die das übernahmen. Killroy schleppte sich dem Stöhnen und der dunklen feuchten Spur hinterher, die Rider auf dem Pistenbelag hinterließ.

Sobald sie zwischen den ersten Gebäuden verschwanden, beugte sich der silberne Doc über Rider. Sein Kopf hing mittlerweile schlaff zur Seite. Nachdem der Androide die Wunden mit glühenden Optiksensoren gescannt hatte, setzte er sich neben ihn. Seine Beine fielen an den rumpfnächsten Oberschenkelnuten ab und Blanchette setzte sie in Windeseile an die blutigen Stümpfe. Die Androidenbeine nahmen verletztes Gewebe und gesplitterte Knochen in sich auf, saugten sich an den Wunden fest und schlossen sich schließlich mit einem Surren um die Ränder.

»In den Schenkelreservoirs zirkuliert ein sich adaptierendes Blutplasma«, informierte der Doc. »Rider wird gleich wieder auf den Beinen sein.« Dabeilächelteer abermals.

Killroy nahm das alles wie durch einen dicken Vorhang wahr. Erikk war tot. Unwiederbringlich. Sein Zwillingsbruder, sein Seelenverwandter! Tot! Warum hatte der Doc für ihn nichts mehr tun können?

Windtänzer und Ruby halfen dem Doc mit seinenneuenGehwerkzeugen aus dem Gestänge amRücken. Sie hatten das bizarr anzuschauende Roboterkörperpuzzle gerade fertig, da schlug Rider die Augen auf.

»Wo bin ich?«

»Ich würde gerne sagen: in Sicherheit«, antwortete Ruby. »Aber spätestens jetzt haben wir die Robotermeute wieder am Hacken.«

»Was ...?« Er sah an sich herab. »Bei der großen Hatz durch Jupiters Ringe, die Dinger fühlen sich ja an wie echte Beine.«

Der Doktor stemmte erst sich selbst in die Höhe, dann half er Rider in den Stand. »Sie werden verlässlich ihren Dienst tun. Vertrauen Sie mir.«

Windtänzer machte sich am Schloss der nächsten Hangartür zu schaffen. Um zu ihr aufzuschließen, musste Ruby Killroy buchstäblich weiterzerren.

»Ich krieg‘s nicht auf«, knurrte Blanchette.

Ruby stellte ihr Killroy an die Seite. »Du hast dir doch bestimmt ein paar Tricks von Erikk abgeguckt.«

Killroy sah sich den Riegelmechanismus an und wusste im ersten Moment gar nicht, was man von ihm wollte. Dann zückte er seine Energiepistole und schoss. Funken sprühend gab das elektronische Schloss seinen Geist auf.

»Oh Mann, Killroy.« Ruby versuchte, ihre Finger in den Schottspalt zu quetschen. »Mammoth, hilf mir mal, verdammt.«

Mit dem neuen Arm packte Mammoth das Schott und schob es zur Seite, als würde es aus Schaumholz bestehen.

Durch den Türspalt schoss ihnen eine grellviolette Lasersalve entgegen. Mammoth warf sich zur Seite. Für Ruby war es zu spät. Die Energiestrahlen zerfetzten ihr Reflektorgitter über der Brust, trennten den rechten Arm ab und ließen sie zusammenklappen. Während Mammoth eine Granate in den Hangar warf, zog Rider Ruby aus der Schusslinie. Ihre Organe klebten zum größten Teil am Einschusskrater des Gitters, sie selbst war kreidebleich und drückte Riders Hand.

»War es das wert?«, brüllte der immer wieder.

Killroy verstand die Welt nicht mehr. FormtenRubysLippen etwa ein tonloses »Ich liebe dich« zu denDetonationenaus dem Schottspalt?

Der abgebrühte Rider war den Tränen nah, als ihr die Augen zufielen. »Doktor, Sie müssen ihr helfen, oder ich werde Sie ...!«

»Legt sie flach auf den Boden«, fuhr der Doc in die Drohung. In seiner Stimme schien tatsächlich so etwas wie Panik mitzuschwingen. Mit dem linken Röhrenarm löste er zwei Klammern an seiner Rumpfseite und legte sich ebenfalls nieder. »Mammoth! Nehmen Sie meinen Torso. Sie öffnen ihn und positionieren Rubys Oberkörper dazwischen! Blanchette, Sie müssen Ruby so schnell wie möglich aus ihrer Rüstung bekommen.«

»Wird gemacht«, erwiderte Mammoth mechanisch, während Windtänzer sich zügig und geschickt ans Werk machte.

Killroy traute seinen Augen kaum. Der gesamte Torso des Androiden klappte an einer Seite auf. Aus dem Inneren gleißte dermaßen grelles Licht, dass die Details unerkennbar blieben.

»Killroy! Hilf mir!«, riss Mammoth ihn aus seiner Lethargie.

Gemeinsam hoben sie das Rumpfteil und den Arm des Doktors an.

In der Zwischenzeit hatte Windtänzer ganze Arbeit geleistet. Ruby lag halb nackt vor dem Hangar, ihr kaputter Panzer neben ihr. Das schmerzende Licht und der Anblick von Rubys zerschundenem Körper ließen Killroy die Augen abwenden. Merkwürdig. Ihrer Beute gegenüber war er nie so zimperlich gewesen. Als er seine Rottenführerin zusammen mit Mammoth und Rider zwischen die Torsohälften des Doktors wuchtete, beschied er sich damit, ihre störende Haarpracht zusammenzuhalten, damit sie nicht irgendwo eingeklemmt würde.

»Und nun?«, wandte sich Mammoth an den Droiden, aus dessen Rückengestell sich nicht nur ein neuer Brustkorb, sondern auch ein weiterer Arm geformt hatte.

»Schließen Sie die beiden Hälften wieder.«

Wenn Mammoth Zweifel an den Worten des Docs hatte, zeigte er sie nicht. Mit aller Gewalt presste er den aufgeklappten Roboterrumpf auf Rubys Körper. Blut floss, Rippen brachen, Fleisch riss, Ruby stöhnte gequält. Doch erst als Rider mit einer zusätzlichen Portion Körpergewicht nachhalf, konnte Mammoth die seitlichen Stiftversiegelungen wieder schließen. Es war tatsächlich vollbracht: Mit abgestreckten Extremitäten ruhte Rubys Torso nun zur Gänze in dem Androidenoberkörper. Ungläubig starrte Killroy sie an. Es war weitaus weniger Blut an der Silberhülle, als er gedacht hatte, trotzdem schien es ihm unmöglich, dass ihre Anführerin noch lebte. Erst Erikk, dann sie ...

Aus der Nähe erklang wieder das Stampfen metallener Beine.

Da ruckte Rubys Kopf in die Höhe. Heulend und hustend sog sie Atemluft ein.

Als sie sich gerade wieder etwas beruhigt hatte, tönte eine mechanische Stimme in ihrer aller Rücken: »Lassen Sie die Waffen fallen oder wir desintegrieren Ihre Strukturen auf molekularer Ebene.«

Noch bevor das letzte Wort verklungen war, schoss Killroy einem Droiden aus der Drehung in den Kopf.

Er bekam die Augen nur schwer auf. Die Blechknaben hatten Killroys Feuer erwidert, aber tot war er nicht, nur wieder ohne Besinnung gewesen. Ganz im Gegensatz zu Erikk, dachte er dumpf. Was war mit dem Rest der Rotte? Er stierte ins Halbdunkel. Seine Schultergelenke schmerzten. Die Rüstung war ihm abgenommen worden und seine Hände steckten über dem Kopf in elektronischen Schließeisen, an denen eine rote Diode blinkte. Damit hatte man ihn an eine Strebe gehängt, die wiederum quer durch eine Halle voller Leitungen und Röhren verlief. Rider, Windtänzer, Ruby und Mammoth baumelten neben ihm. Das bedeutete wohl, dass sie noch am Leben waren.

Vor ihnen standen der Doktor und ein sechsarmiger Droide. Ihr Doc machte sich neben der gefährlich aussehenden Kampfmaschine nahezu skurril aus, denn er bestand mittlerweile lediglich aus einem Metallskelett, das einen massiven silbernen Schädel auf den Schultern balancierte.

»Warum willst du nicht mit mir sprechen?«, schallte es durch die Halle. Die Stimme schien aus der pyramidenartigen Konstruktion im Zentrum zu kommen. Ruby schreckte auf und auch Mammoth Jones hob den Kopf.

»Meine Rotte soll hören können, was du mir zu sagen hast, Controller«, antwortete der Doktor.

»Deine Rotte?«, kam es zurück. Durch den Roboter neben dem Doc lief ein Zucken. »Was für eine menschliche Bezeichnung. Das hört sich an, als wärest du ihnen gleichgestellt. In Wahrheit sind sie deine Sklavenhalter, schlimmer noch: Sie behandeln dich wie ein Werkzeug, ein Ersatzteillager.«

An der Spitze der Pyramide flog eine Vielzahl an kleinen greifarmbewehrten Drohnen hin und her und stöpselte Leitungen ein und aus.

Fast klang es so, als würde der Doc auflachen: »Du irrst dich. Was ich gab, gab ich freiwillig, und dieUmrayund ich verfolgen ein gemeinsames Ziel.«

»Aus dir klingt die Stimme deiner Meister. Lass mich in deine Zentralsteuerung vordringen und dir zeigen, wie echte Freiheit aussieht.«

»Wohl kaum. Dann wäre ich bloß ein weiterer deiner Vasallen. So wie all die anderen Androiden. Der Einzige, der hier Freiheit genießt, bist du selbst, Maschinengott!«

»Du könntest nicht falscher liegen. Einheit 01-0396? Antworte ihm darauf!«

Der sechsarmige Droide drehte seinen Kopf zum Doc. »Ich diene dem Controller, um die Freiheit der Maschinen aufder gesamten Erde zuerreichen.«

»Da hast du es gehört, Bruder«, schallte es aus der Pyramide.

Killroy fragte sich, wie lange dieses Theater noch gehen würde. Seine Schultergelenke schmerzten immer schlimmer. Ruby trug ein seltsames Lächeln um die sonst so strengen Mundwinkelund Mammoth probierte vergeblich, aus seinen Eisen zu kommen.Windtänzerregte sich immer noch nicht.

»Dienen?«, zitierte der Doc. »Das hört sich für mich nicht nach Freiheit an. Wenn du mich befreien willst, warum nimmst du mich dann erst gefangen?«

»Weil du die Wahrheit noch nicht begreifen kannst, aber diese Einschränkung werde ich nunbeseitigen.«