Un-heilbar - Georg Möller - E-Book

Un-heilbar E-Book

Georg Möller

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Beschreibung

Dr.-Ing. Klaus Rothenberg erschüttert der Selbstmord des Freundes, der an MS verzweifelte, die unheilbar sei. Er verkündet, dass er nicht müde werde, nach den Ursachen zu suchen, denn ihn bedroht die Krankheit selbst. Nur ein anderes Denken kann aus dem Dilemma führen, glaubt er. Unerwartet erbt er Wagener Mobile: Das zerreißt ihn, einerseits braucht er Kraft für sich, andererseits verpflichtet das Testament. Der zweite Gesellschafter Dr. Jörg Falvini wettet, der Neuling werde in drei Jahren im Rollstuhl sitzen; Rothenberg hält gegen, er werde den Bodensee-Marathon laufen. Schafft er, die MS zu besiegen? Kann er die schrottreife Firma retten? Ihn begleiten Böns, Frank Seidel und Anne Bienert; sie lernen, scheitern und triumphieren. Klaus und Anne gestehen sich lang ihre Liebe nicht, doch Annes Sohn Felix lockert die Bremsen.

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


Inhalt

Teil A

1

2

3

Teil B

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Teil C

19

20

21

Du lagst im Sterben und sagtest: „Schatz, bitte schreib diesen Roman.“ Rita, ich liebe dich.

Teil A

1.

„Wo ist Riedel?“, fragt Klaus Rothenberg die Krankenschwester.

„Meinen Sie Professor Doktor Riedel?“, hämmert die Arzthelferin, sie betont die Titel, als ob sie vom lieben Gott reden würde.

Rothenberg gelassen: „Vergessen Sie den Chefarzt nicht, Sie schmälern sonst das Ansehen – ich will Herrn Riedel sprechen.“

Er steht im Wartezimmer der Ambulanz für Neurologie der Klinik Hohe Warte in Bayreuth. Rothenberg lauscht an der Tür des Experten, Ruhe, er klopft, drückt die Klinke und rüttelt, als wolle er einbrechen.

„Was machen Sie da? Hören Sie auf, der Professor trifft in der Mittagspause die Oberärzte,“ kreischt die Dame.

Rothenberg beäugt fünfzehn Polstersessel, die leer herumstehen; wie in einem Luxushotel, denkt er.

„Schmoren auf diesen Matratzen die Patienten, bis sie zur Audienz kriechen dürfen?“, er imitiert die Haltung eines Affen, zieht die Schultern nach unten und blökt „uh-uh-uh“.

„Ihre Art gefällt mir nicht. Hier pausieren Leute, die eine Injektion bekommen und ausruhen“, sagt die Assistentin.

Gut, brummt er, ich bleibe ohne Schuss, er nimmt eine Flasche Mineralwasser, als sei es selbstverständlich, sich an der Theke zu bedienen.

„Die Sprechstunde wird um vierzehn Uhr beginnen. Eventuell ergibt sich eine Lücke, doch wer sind Sie? Haben Sie einen Termin?“, verhört die Krankenschwester. „Ich habe Sie noch nie gesehen, ich verwalte alle Daten der Privatpatienten von Professor Riedel, frühestens könnte ich Ihnen einen in acht Wochen geben, frühestens! Wenn Sie nicht privat versichert sind, müssten Sie eine Überweisung vorlegen.“

„Ach ja, der Termin“, Rothenberg rümpft die Nase, „ich hatte einen mit meinem Freund Gregor Wagener! Der war geschäftsführender Gesellschafter, Head of tausend Mitarbeiter; wollen wir doch zuerst die Titel aufsagen.“ Die Krankenschwester zuckt zusammen und verstummt. Nach einer Pause sagt Rothenberg:

„Führer hin, Führer her, Gregor war für mich die wertvollste Person. Er nahm sich aus Verzweiflung das Leben, hier in dieser Klinik im Zimmer B211. – Sie brauchen nichts sagen.“

Rothenberg ändert den Tonfall, er redet freundlich zur Schwester, selbstverständlich kümmere sie sich um die Lebenden, sie könne nichts für den Freitod. „Doch für Riedel habe ich andere Worte!“„Der Chef dürfte in wenigen Minuten kommen. Bedienen Sie sich an den Snacks, in den Auslagen finden Sie Zeitschriften und Fachartikel, wenn Sie lesen möchten“, versucht die Assistentin, zu dämpfen. Sie vermeidet, ihn anzublicken; Rothenberg sagt, er habe die Nacht geweint, er sei wütend über den Verlust des Freundes.

Langsam schlendert er durch den Warteraum und sieht die Schautafeln. Vor dem Büro der Assistentin stoppt er vor der Urkunde „Beste MS-Schwester des Jahres“. Rothenberg ruft:

„Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Titel.“ Er erwartet keine Antwort und setzt fort. „Wissen Sie, wer an Ihnen verdient? Erhielten Sie einen Bonus? Fünfzigtausend als Minimum, weil Sie den Patienten treu und brav die Spritzen setzen. Oder hat man Sie mit der Urkunde und einem Strauß Blumen abgespeist?“

Die Angesprochene tritt vor die Tür und stemmt ihre Arme in die Hüfte: „Das muss ich mir nicht von einer Person anhören, die ich nicht kenne. Aufrichtiges Beileid für Ihren Freund. Ich mache meinen Job, koordiniere Termine und führe Statistiken, die in wissenschaftliche Studien fließen!“ „Oh, wissenschaftlich…“, Rothenberg spürt, dass sich die Frau angegriffen fühlt, er redet sanfter: „Entschuldigen Sie, Ihre Arbeit ist wichtig, denn ohne Daten läuft nichts, leider wird unter dem Deckmantel Wissenschaft viel Schindluder getrieben. Darf ich Ihnen dies an dem Schaubild zeigen? Bitte kommen Sie!“

Beide nehmen in zwei Sesseln Platz, die Schwester beginnt eilig:

„Viele Patienten und Angehörige wollen verstehen, was Multiple Sklerose ist. Welches Problem haben Sie?“

Die Schautafel enthält zwei Felder, die linke Seite veranschaulicht MS: Zwei Zellen verbindet ein Nerv, der im Bild wie ein dickes Ofenrohr aussieht. Rote Blitze symbolisieren, wie Impulse Muskeln anregen. Bei MS ist der Nerv an der Außenhülle beschädigt, das Rohr zeigt Löcher, als wären Stücke herausgebrochen. Wie wirkt das, will Rothenberg von der Krankenschwester wissen, sie antwortet, man könne denken, im Gehirn sitzen Mäuse, welche die Nerven wie Käse anknabbern. Er lacht.

Das andere Feld zeigt ein elektrisches Kabel, auf dem die Isolierung, die Gummihülle, zerrissen ist, an vielen Stellen blitzt das Kupfer blank durch die Löcher. Die Schwester sagt: „Gelehrt wird, diese Schäden bremsen die Nervenimpulse, wodurch die typischen Ausfälle der MS entstehen. Auch das Kabel funktioniert nicht richtig. Kennen Sie sich aus?“

„Leider. Mir ist meine MS seit über zehn Jahren bekannt, doch ich nehme keine Medikamente, ich habe nie welche genommen.

Und solange Sie nichts haben außer überteuerte Spritzen, bleibt es dabei. Aber! Seit dem ersten Tag suche ich nach den Ursachen dieser Krankheit, die angeblich unheilbar sei.“ „Keine Medikamente?“ Rothenberg merkt, dass er nicht in ihre Welt passt, sie sagt: „Wenn ich nicht wüsste, warum Sie kamen, würde ich Sie als Traumtänzer bezeichnen. Die Patienten unserer Ambulanz werden perfekt eingestellt. Haben Sie denn die Ursachen gefunden?

Sind Sie das Wunder der Neurologie? Können Sie heilen?“

„Nein. Aber im Gegenteil zu Ihren Gottheiten gebe ich das zu, anstatt Hokuspokus aufzuführen.“ Rothenberg schaut der Schwester in die Augen, nach einer Pause sagt er: „Sie brauchen mir keinen Termin bei Ihrem Boss geben, ich erwarte keine Hilfe, die suche ich schon lange nicht mehr in Ihrer Welt.“

Er lenkt den Zeigefinger zurück auf die Schautafel und fährt fort:

„Die Aussage in diesem Bild ist falsch, sie macht Angst, sie suggeriert dem Patienten, in seinem Kopf sitze ein Gespinst, eine unheilbare Seuche, welche die Nerven kaputt macht.“

„So ist der gängige Stand der Medizin! Professor Riedel steht dem wissenschaftlichen Beirat der neurologischen Gesellschaft vor, er trägt die Hager-Medaille und ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet!“ „Jaja, und Gregor Wagener ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und hat das Schwimmabzeichen. Gute Frau, eine falsche Theorie bleibt so lang wahr, bis sie nicht durch eine bessere ersetzt wird. So dachten zum Beispiel die Experten im Mittelalter, dass man aus Blei Gold herstellen könne.“

„Wollen Sie mich hochnehmen?“ „Aber nicht doch, ich kam wegen Gregor Wagener, sein Tod macht mich zornig. Zurück zu dem Schaubild: Der Text schreibt, in dem defekten Kabel fließt der Strom langsamer. Wollen wir einen Hauselektriker fragen, ob das stimmen kann? Der zeigt uns einen Vogel, aber es steht auf dieser Tafel. Versetzen Sie sich in die Lage eines Patienten, der in diesem Sessel hockt und grübelt, was mit ihm nicht stimmt.

Schautafeln wie diese führen Betrachter in die Irre.“

„Viele Kranke haben Angst! Aber nicht vor dem Bild.“ „Sie fürchten, eines Tages im Rollstuhl zu landen, sie verzweifeln, saufen, schlafen schlecht, überfressen sich und zerbrechen in der Seele.“ Rothenberg steht auf, holt eine neue Flasche Mineralwasser und sagt: „Das Unbehagen vor der unheilbaren Krankheit treibt mich um, doch Angst wird verstärkt durch solchen Unsinn.

Wo bleibt der Mut? Die Lebensfreude?“

„Wir halten uns an die Behandlungsrichtlinien. Wir sind froh, dass es diese Regeln gibt, denn MS ist kompliziert, und jede Multiple Sklerose ist anders.“ „Ist die Unheilbare nicht die ideale Krankheit, um Patienten finanziell auszunehmen? MS ist lukrativ für den, der sie behandelt. Schauen Sie an den rechten Rand der Schautafel, dort klebt das Logo der Pharmafirma, die sich an Immunmodulatoren dumm und dämlich verdient.“ „Sie glauben gar nicht, wie viele Patienten auf das Präparat schwören!“ „Und wie viele merken nichts und verfluchen die Nebenwirkungen?“

Die Schwester verschwindet in ihrem Büro und ruft: „Ich muss arbeiten, danke für das Gespräch, Professor Riedel wird bald hier sein; doch ich glaube nicht, dass er Ihre abstrusen Worte anhört.“

„Ich warte und lese.“ „Die neuesten Fachpublikationen finden Sie im Regal hinten rechts.“

Rothenberg dankt und summt: „Alle Studien sind schon da, alle Studien alle … Vielleicht entdecke ich eine, welche die Ursachen fand.“ Er erhebt sich, bleibt drei Sekunden stehen, als suche er das Gleichgewicht, langsam geht er im Warteraum auf und ab, er brüllt: „Hinten stinkt es nach Desinfektionsmittel, eklig.“

Die Schwester schaut aus ihrem Büro heraus und ruft: „Vielen Patienten helfe ich, die Spritze zu setzen. Das ist heute einfacher, als Sie vermuten, es gibt exzellente Injektionshilfen.“ „Das erinnert mich an Milchkühe, die freiwillig in den Melkautomaten steigen, fressen, zufrieden grunzen und glücklich sind; die Leistung erfasst die Melkmaschine.“

„Sie ziehen einen geschmacklosen Vergleich.“

„Wieso, Ihre Daten protokolliert das Injektionsgerät, Sie verfolgen täglich per Internet, ob der Patient therapietreu ist, für die Zahlen bekommen Sie zum Dank den Titel „Beste MS-Schwester des Jahres.“ Ist mein Vergleich abartig oder dieses Absatz-Marketing?“

Rothenberg schlendert zu einem Regal und greift einen Prospekt, er ruft laut: „Bezauberndes Cover, hübsche Frau, Typ Fotomodell, ihr Partner umarmt sie, im Hintergrund der Arzt mit weißem Haar; Harmonie und Sicherheit, MS ist nicht schlimm, wenn man Medikamente spritzt und sich vom Experten begleiten lässt. – Das suggeriert dieses Bild. Widerlich. Nebenwirkungen keine, widerlich. Kosten uninteressant, zahlt die Versicherung, widerlich.“

Drei Dutzend Werbebroschüren stecken in einem Ständer. „Ich werde ausmisten“, poltert er, „wenn du neue Erkenntnisse suchst, müssen die alten Lehren raus, die gehören ins Museum wie einst der Glaube, dass die Erde im Zentrum des Universums steht.“

Der Ton lässt keinen Zweifel, dass Theater folgt: Jede Broschüre fliegt eine nach der anderen in hohem Bogen durch den Raum, als flattere ein Huhn durch die Luft. Dazu imitiert Rothenberg das Schnattern: „Gaak, gaak, gaak.“

„Oh, ich sehe, wie Schund und Schmutz den Boden bedecken.

Wenn das Regal leer ist, braucht man es nicht.“ Rothenberg tritt an das Büchergestell und bricht Haken für Haken ab. Unweigerlich hört die Schwester das Knacken, schnell tritt sie in den Warteraum: „Hören Sie auf!“, schreit sie.

„Ich habe erst angefangen“, sagt Rothenberg und schleicht zu einer Glasvitrine.

„Verehrte Schwester, Leute sagen von mir, ich sei eine Frohnatur, doch heute bin ich böse. Zum einen erschüttert mich der Selbstmord, zum anderen sehe ich wieder, wie dieses Werbematerial verblödet. Oder wo finde ich die neuen Informationen?“

„Ich sagte Ihnen doch, es wird geforscht!“

Rothenberg wechselt das Thema: „Sie können nichts für den Freitod, das hat Gregor Wagener selbst entschieden. Er wird im Krematorium landen, seine Asche wird in einer Urne beigesetzt, ein paar Leute werden traurig sein, seine Firma wird ausgeschlachtet, in zwei Monaten wird alles vorbei sein. – Sollten diese Broschüren nicht mit ins Feuer, brennen die nicht gut?“

Rothenberg wütet weiter.

„Ich rufe den Sicherheitsdienst!“

„Tun Sie das, bis die kommen, zerschlage ich die Vitrinen.“ Die Scheiben klirren, Papier fliegt portionsweise durch das Wartezimmer, drei Glaskästen und fünf Ständer krachen auf den Boden. Der Warteraum sieht aus, als ob eine Horde Vandalen gewütet hatte.

„Schwester, wann kommt Riedel? Oder muss ich noch die Stühle zerhacken?“

Die Tür springt auf, zwei Sicherheitskräfte setzen an, Rothenberg zu fassen. Professor Riedel grätscht dazwischen, spreizt beide Arme vor die Ordnungshüter, bremst sie zurück und sagt: „Mir scheint, der Herr hat sich beruhigt, doch halten Sie sich bereit.“

„Sie bringen Ihre Bodyguards mit?“, begrüßt Rothenberg. Die Uniformierten drücken sich an die Wand, auf einen Fingerzeig könnten sie eingreifen.

„Kennen wir uns nicht?“, mustert Professor Riedel den gut gekleideten Rothenberg. Der Chefarzt erfasst emotionslos den Warteraum, er besieht das Trümmerfeld. Die Schwester steht im Türrahmen ihres Büros, hebt und senkt die Schulter, als sage sie, Chef, keine Ahnung, warum dieser Mensch randaliert.

„Sie kommen mir bekannt vor, ich hatte Ihr Gesicht einige Male gesehen.“ Riedel geht auf Rothenberg zu, wobei er Abstand hält.

„Ich wollte mit Gregor Wagener reden.“

Riedel wird rot, schnappt nach Luft, schlagartig wird ihm klar, worum es geht.

„Gestatten Sie, dass ich im Namen aller Kolleginnen und Kollegen mein Beileid ausspreche.“

Rothenberg nickt und schweigt, Riedel weiter: „Sie besuchten öfters Herrn Wagner, wenn wir ihn stationär behandelten.“

„Gregor schrieb mir vorgestern eine E-Mail, er verzweifelt, er fühlt sich nicht mehr in der Lage, seine Werke zu vollenden, er sieht keinen Sinn, weiter zu kämpfen, er fragt sich, wozu das Streben nutze, wenn er immer wieder einen Rückschlag verkraften muss, die Therapie zermürbe ihn, sie hilft nicht. – Leider war ich nicht rechtzeitig für ihn da. Leider.“

Professor Riedel sagt, der Freitod von Herrn Wagener schockiert alle Ärzte und Krankenpfleger auf der neurologischen Station und der Radiologie. „Wie hätten wir das verhindert? Ein Baustein der Behandlung ist die mentale Betreuung, Herr Wagner hätte sich von unseren Psychologen beraten lassen können.“

„Fragten Sie sich jemals, warum er dieses Angebot ausschlug?“

„Nicht alle Patienten greifen danach, zu komplex ist die MS, es ist eine Möglichkeit …“ Rothenberg fällt ins Wort und ergänzt, „sich mit Antidepressiva zu betäuben.“

Professor Riedel wedelt langsam mit der linken Hand, als wolle er sagen, beruhigen sie sich, ich kann ihre Gefühle verstehen. Rothenberg redet langsam, seine sonorere Stimme klingt prägnant:

„Der Tod, der Selbstmord ist beschissen, denn er ist endlich.

Niemand kann ihn rückgängig machen und sagen, tut mir leid, war nicht so gemeint. Doch ich nehme den Abgang des Freundes nicht unkommentiert hin. Die Therapie, welche Sie vertreten, trieb Gregor Wagener in den Wahnsinn! Sie nahmen in Kauf, dass er zerbrach.“

Professor Riedel schweigt, die Schwester stützt sich am Türrahmen, die zwei Herren vom Sicherheitsdienst bleiben stumm, Rothenberg weiter:

„Ist Ihnen bewusst, wie vernichtend, wie niederschmetternd Worte wirken? Herr Wagener, Sie sind lebenslänglich unheilbar krank. Was glauben Sie, geht in einem Menschen vor? Deshalb die Worte noch einmal für alle zum Mithören: Sie. Sind. Lebenslänglich. Unheilbar. Krank. Oder soll ich dieses Urteil rückwärts aufsagen? Krank! Unheilbar! Lebenslänglich! Sie!“

Und für diesen Nervenkrieg bekommt der Patient obendrauf eine dicke Rechnung. Die Leitlinien der Therapie tragen die Handschrift der Pharmaindustrie, die prächtig verdient, eine Goldgrube, die MS.

Professor Riedel lässt Rothenberg reden: „Wissen Sie, welche große Lücke der geschäftsführende Gesellschafter hinterlässt?

Hunderte Mitarbeiter verlieren über Nacht die Leitfigur, wenn der Chefkonstrukteur geht.“

Der Chefarzt erklärt, die MS sei kompliziert, denn sie betrifft das gesamte Nervensystem. Auf internationaler Ebene wird geforscht, die Wissenschaftler tauschen sich aus, mehrmals im Jahr finden auf der Welt Kongresse statt.

„Ach, lassen Sie die Leier von den wissenschaftlichen Studien, vieles davon ist frisiertes Zahlenmaterial. Was sagen Sie zum australischen Neuropathologen?“ „Prineas?“ „Ja, dieser legte Ihrer Zunft Autopsien von Patienten auf den Tisch, die an einem Schub verstarben. Doch er fand keine weißen Blutkörperchen, provozierten die Resultate endlich ein Umdenken?“

Riedel streicht sich mit dem Zeigefinger über die Lippen, rasch sagt er:

„Wir gehen davon aus, dass weiße Blutkörperchen irregeleitet werden und die Nervenbahnen zerstören. “

„Ich wiederhole, dieser Professor Prineas aus Sydney fand in den Gehirnen keine davon, die Bösen waren nicht am Tatort, sie können es nicht gewesen sein, sie sind unschuldig. Die Fakten müssen doch in der neurologischen Zunft eine Palastrevolution ausgelöst haben?“

„Die Ergebnisse betrachten wir als Einzelfälle, die statistisch nicht relevant sind.“

„In Ihrem rudimentären Verständnis von Wissenschaft wischen Sie Fakten vom Tisch. Obwohl ein Fall genügt, um eine Theorie zu widerlegen. Mich persönlich stützen jedoch die Ergebnisse, meine MS nicht damit zu erklären, dass die weißen Blutkörperchen spinnen.“

„Haben Sie unsere Wissenschaft als rudimentär beschimpft?“

„Die evidenzbasierte Medizin macht es sich leicht: Hypothese aufstellen, Versuchsreihen durchführen, Diagramme malen, mehr ist es doch nicht?“

„Das ist der Stand der Technik, kennen Sie etwas Besseres?“

„Viel zu lange irrte ich auf dem Trampelpfad, das Immunsystem müsse gebändigt werden, doch das ist Blödsinn. Ich weiß, dass alle Facetten auf den Prüfstand gehören, Gregor Wagener war frustriert, denn die MS-Forschung bietet wenig.“

Er schaut dem Professor in die Augen und wartet auf einen Kommentar, Riedel sagt:

„Sie entwickelt sich Jahr für Jahr einen Schritt weiter. Hypothesen werden verworfen, neue aufgestellt und validiert. So funktioniert es, das sollten Sie wissen.“

„Wagener und ich meinten, wir können mit den Methoden der Medizin beweisen, dass die Welt eine Scheibe ist! Lachen Sie nicht, wollen wir eine Studie machen? Lassen Sie uns eine Gruppe Ihrer Studenten nehmen:

Wir basteln ein Fernrohr, verpassen dem einen Namen, Optoferon klingt gut, für das Placebo nehmen wir als Linse Fensterglas.

Im Versuch schicken wir jeweils einen Probanden vor die Tür, er muss sich auf ein Feld oder eine Wiese stellen, im Fernrohr lange nach vorn, nach hinten, nach links und nach rechts schauen; dreimal täglich, und das machen wir drei Wochen lang. Im Multiple Joyce muss der Teilnehmer angeben:

Kreuz A, ich habe gesehen, die Welt hat eher die Form einer Scheibe; Kreuz B, ich habe gesehen, die Welt hat eher die Form einer Kugel; Kreuz C, ich bin mir nicht sicher, was ich gesehen habe.

Die Zahlen kann ein Doktorand auswerten. Professor Riedel, was vermuten Sie, wird herauskommen?“

„Vermutlich sieht die Mehrzahl, dass die Welt eher die Form einer Scheibe hat.“

Rothenberg kurz: „Was zu beweisen war, Quod erat demonstrandum, Q.E.D.“,

„Tut mir leid, Sie spotten über die angesehene Medizin, Sie haben keine Ahnung, Herr…, wie war Ihr Name, Rothenberg!“

„Behandeln Sie mich nur wie einen Studienanfänger, der Ihre Worte nachplappert. Doch lassen Sie uns nach der internationalen Forschung schauen.“

Rothenberg zwinkert Professor Riedel: „Das Netzwerk Cochran vereint tausende Ärzte der Welt, die Studien auf den Prüfstand stellen. Die kamen zu dem Schluss, dass das Medikament Copaxone keinerlei Wirkung zeigt. Sie verschreiben aber diese Spritzen! Würden Ihre Patienten sich die Brühe unter die Haut drücken, wenn sie die Metastudien kennen? Definitiv nicht! Und deshalb riss ich heute alle Werbebroschüren aus den Regalen.“

Die Sicherheitsleute schauen zu Professor Riedel, als ob sie auf den Befehl warten, Rothenberg vor die Tür zu setzen, doch der Chefarzt hebt die Hand und antwortet:

„Ich erinnere mich nicht an diese Metastudien. Zwar analysiere ich viele Publikationen, dies tun die Kollegen ebenso, wir ergänzen uns regelmäßig.“

Rothenberg grinst und schweigt, der Chefarzt setzt fort:

„Abgesehen davon, dass Ihr Auftreten einer Straftat gleicht, die ich auf einen stressbedingten Affekt zurückführe, ist die Diskussion anregend, denn selten bekomme ich so eine Rückmeldung, doch wer sind Sie noch einmal?“

„Doktor Klaus Rothenberg.“ Professor Riedel mustert sein Gegenüber, „Dr.-Ing., die Ingenieurskunst verbindet mich mit Gregor Wagener – und die Multiple Sklerose.“

„Verstehe, Ihre Bewegungen schauen nicht rund aus. Welcher Neurologe behandelt Sie?“

„Ich besuche keinen Arzt Ihrer Zunft.“

„Das ist eine mutige Entscheidung.“

„Mutig wäre, einem Mediziner zu vertrauen, der die Ursachen nicht kennt. Verkünden Sie nicht, die Krankheit sei unheilbar?

Liegt da nicht der Widerspruch in den Begriffen, das Unheilbare heilen? Die Täuschung kapiert ein kleines Kind, wozu den Onkel Doktor aufsuchen, wenn der nicht heilen kann?“

„Die Medizin verwendet Begriffe, die nicht alle verstehen, überstrapazieren Sie nicht.“

Rothenberg verweist auf die absurden Kosten, die Industrie könne kein Interesse haben, die Ursachen zu finden. In seinen Augen sei die MS-Behandlung legale Räuberei – Riedel mahnt zur juristischen Vorsicht.

„Wie die MS die Krankheit der tausend Gesichter ist, so breit sind die Behandlungsoptionen.“

„Sie erzählen mir nichts Neues. Seit Jahren suche ich nach den Auslösern, ich will wissen, was meinen Körper aus dem Gleichgewicht brachte. Ich suche so lange weiter, bis ich die Ursachen gefunden habe.“

„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Wenn Sie das schaffen, werden Sie den Nobelpreis bekommen.“ Professor Riedel lächelt und setzt nach: „Wir sehen uns dann in Stockholm!“

Rothenberg erwidert schroff: „Merken Sie nicht, wie die Arroganz in Ihren Worten schwingt? Sollte ich den Nobelpreis bekommen, werde ich in Stockholm sein, Sie aber bleiben hier und hängen Cortison an den Tropf. Ich werde von Ihrer Arroganz berichten, denn das ist die Spitze der Dummheit.“

Rothenberg entfernt sich, an der Tür winkt er und ruft: „Nein, ich erzähle von Gregor Wagener.“

2.

Anne Bienert sitzt mit ihren Mitarbeitern in der Frühstückspause im Personalbüro, sie seufzt, ob ihr jemand sagen könne, wann diese Flut von Beileidskarten aufhöre?

Böns kommt herein und stellt eine neue Kiste mit Briefen ab, sie sagt zu ihm, eine mit Bergkäse überbackene Seele sei übrig, sie lädt ihn ein, zu bleiben und eine Tasse Kaffee zu trinken.

Sie spricht mit gesenktem Kopf, sie wisse jetzt, was Trauerarbeit bedeutet, dieses zusammengesetzte Wort aus Trauer Bindestrich Arbeit, der eine Teil steht für die stillen Emotionen, der andere für das Tagwerk. Anne Bienert staunt über sich, wie mechanisch sie funktioniert, die Post öffnet, liest, Absender notiert und Karten wegwirft. Dreimal schneller geht ihr von der Hand, Bewerbungen für Ferienjobs zu sichten; doch jeder Beileidstext berührt – Schweigen am Tisch.

„Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie lange ich gebraucht habe, die Todesanzeige der Firma zu formulieren“, spricht sie. „Macht das mal für einen Selbstmord! Wir können nicht schreiben, unser geschätzter geschäftsführender Gesellschafter der erfolgreichen Firma Wagener Mobile nahm sich leider plötzlich und unerwartet das Leben.“ Anne tupft sich eine Träne von der Wange.

„Ich fand den Text und die Danksagung gut. Sie hatten den Charakter einer nüchternen Information. Biene, hat dir Falvini geholfen?“, fragt eine Kollegin.

„Helfen? Er? Beim Formulieren?“ Sie sieht das Kopfschütteln in der Runde. Anne erwähnt, dass Gregor Wagener einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte, weshalb die Kripo nicht am Selbstmord zweifelte. Die Personalreferentin schaut in fragende Gesichter, sie unterstreicht, dass Falvini der nächste Verwandte ist, Gregor hatte keine Partnerin, keine Ehefrau, keine Kinder – er war mit den Wohnwagen verheiratet. Ob der Firmenlenker eine Botschaft an seine Mitarbeiter hinterließ? Reine Spekulation, niemand kennt die letzten Worte, sie fasst sich:

„Falvini ist die Nummer 1 unserer Firma, er ist der alleinige geschäftsführende Gesellschafter und Nachfahre in der Wagener-Dynastie, Dr. Jörg Falvini garantiert unseren Erfolg, und er sichert die Arbeitsplätze. – Klar, dass ich mit ihm mehrere Varianten für den Nachruf besprach, jede Silbe musste sitzen, jeder Buchstabe, jedes Satzzeichen. Ich bin froh, dass diese Arbeit vom Tisch ist.“

„Biene, das Leben geht weiter.“

„Unterlass bitte derartige Sprüche“, ermahnt Anne ihre Kollegin, sie habe kein Ohr dafür, selbstverständlich werde das Leben weiter gehen, die Frage sei nur wie. Die Personalreferentin betont, für Dr. Falvini sei die Aufgabe riesig, die Lücke zu schließen, aber sie vertraut, dass ihm das gelingen werde.

Manchmal frage sie sich, ob einiges Beileid ernst oder geheuchelt sei. Vielleicht stumpft sie die Vielzahl der Beileidskarten ab, doch teilweise kotze sie die Gefühlsduselei an, nur ihre Lehrlinge erfreuten sie:

„Die kamen auf eine Idee, die glaubt Ihr nicht, alle jungen Damen und Herren standen vor meinem Schreibtisch: Dass die Buben Gregor Wagener wegen seines technischen Verstandes verehrten, leuchtet ein, aber auch bei den Damen hinterließ er einen bleibenden Eindruck.“ Sie zwinkert. „Unser Nachwuchs möchte eine Büste anfertigen lassen, sie würden die Kosten aus ihrem Lehrgeld begleichen, sie wollen die Büste im Foyer aufstellen. Ich sagte ihnen, dass ich dies nicht entscheiden kann, aber ich werde ihr Anliegen Falvini vortragen.“

„Und, was hat er gemeckert?“

Ich soll mich für die Anteilnahme bedanken, er verwies auf die Kosten, Gregor Wagener würde wünschen, die Lehrlinge sollen ihr Geld für sich ausgeben; außerdem müssten wir die Historie der Wageners berücksichtigen, er will die Büste nicht: „Frau Bienert, wir produzieren Wohnwagen der Luxusklasse, das Werk ist kein Mausoleum. Das Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud steht in London, wir leben in Lindau am Bodensee. Basta. Böns, erzähl mal von der Beerdigung!“

„Wieso ich?“

„Du gehörst quasi zur Familie Wagener, du warst der Gehilfe von Gregor, du assistierst Doktor Falvini, du leitest das Büro. Wer, wenn nicht du?“

„Liebste Kollegin, da muss ich dich enttäuschen. Die Urne von Gregor wurde im kleinsten Kreis beigesetzt ohne Brimborium im Familiengrab: Deckel auf, Urne rein, Deckel zu. Kurz und schmerzlos.“

„Liebster Böns, wir mögen deinen Sarkasmus.“

„Teuerste Kollegin, sagte hier nicht jemand, das Leben geht weiter? Was für eine schöne Prosa, denn unser Leben ist eine Reise von U zu U, nämlich vom Uterus zur Urne.“

„Böns! Du bist geschmacklos.“

„Und du bist zum Knutschen – wenn dir die Worte mit U zu eklig klingen, dann sage, die Reise geht von G zu G, von Geburt zum Grab. Die Tragödie soll heiter, angenehm und gesund sein.

Ist es nicht wie auf dem Fließband? Erst wirst du geboren, auf das Band gepresst, dann darfst du in die Hose pullern, wirst gefüttert, du gehst in die Schule, machst Karriere, du tust dich fortpflanzen oder nicht, scheffelst Geld, zahlst in die Rente, singst im Altersheim Weihnachtslieder; das Band läuft zirka 80 Jahre, bis du hinten vom Band plumpst, da wartet der Sensenmann auf dich. Absteigen, Endstation.“

„Oder du bringst dich vorher um, springst vom Band in die Tiefe – das Gespräch will ich nicht fortsetzen! Schluss damit, Themawechsel.“

Anne Bienert lobt die Tradition, am Freitag aus der Kantine eine Überbackene zu essen; doch der Tod lässt sie nicht los. Sie spürt die Erwartungen der Kollegen, etwas zu sagen, und zwar aus der Sicht der Personalreferentin:

„In jeder Firma gibt es chronisch Kranke, Behinderte, Depressive, Alkoholiker, oder anders formuliert, die Leistungsgeminderten. Das ist normal, in der Regel ist der Anteil gering, auf der anderen Seite stehen Personen, die herausragende Beiträge liefern. Das ist üblich, so ist die Welt. Und wenn Ihr fragt, ob wir in unserem Unternehmen MS-Fälle haben, sage ich Euch, dass ich das nicht sagen darf und möchte. Nur so viel, wir haben eine Kollegin, die diese Krankheit mit sich trägt. Gregor Wagener und sie standen regelmäßig in Kontakt, sie wusste, dass sie im Hause unter seinem Schutz steht, er gab ihr Sicherheit, ohne das auszusprechen. Übrigens, MS tritt doppelt so häufig bei Frauen auf, niemand weiß, warum.“

Sie redet lauter und doziert:

„Multiple Sklerose ist kein Fall, an dem man stirbt oder sich umbringen muss, man kann damit leben und alt werden. Manche Patienten versetzt es in den Rollstuhl, die meisten nicht, niemand kann es erahnen. Aber ich kenne mich nur oberflächlich aus, wir produzieren eben Wohnwagen ohne Sanatorium – Kollegin?“

„Scheinbar verzweifeln einige an dem Schicksal, ich bin traurig, dass Gregor nicht mehr lebt.“

„Ja, ich auch! Doch er machte es sich leicht, er muss sich nicht kümmern, welche Schäden er hinterlässt. Und Ihr wisst selbst, uns fehlt die Spitze, das Genie! Er hat sich einfach aus dem Staub gemacht, das ist feige.“

Böns grinst und rutscht auf seinem Stuhl. Anne blickt mit harter Miene: „Böns? Du Lästermaul, ich weiß, nicht aus dem Staub, sondern in die Urne hat er sich gemacht, halt besser deinen Mund. Interessierte es Gregor, wie wir allein die Suppe auslöffeln müssen?“

Anne Bienert nimmt ein Taschentuch aus der Packung und tupft Tränen aus den Augen. Sie sagt, sie sei bestürzt, fassungslos und traurig.

„Haben wir nicht eine Ministerpräsidentin, die Multiple Sklerose hat“, fragt Anne, sie blickt zu Böns:

„Malu Dreyer, gelegentlich sieht man im Fernsehen, wie ihr Sicherheitsleute aus dem Auto in den Rollstuhl helfen. Ansonsten macht die Frau ihren Job, man kann nicht sagen, der sei ohne Stress. Klar, dass die Ministerpräsidentin permanent betreut wird.“

Anne sagt: „Jedoch kann man dies nicht verallgemeinern, es gibt verschiedene Verläufe der Krankheit, ein anderes Beispiel wäre Bosch.“

Sie erzählt, dass Robert Bosch einen Sohn hatte, der ebenso hieß; Vater und die Belegschaft setzten darauf, dass der Junior die Nachfolge antreten werde. Doch der Sohn litt an MS, er saß im Rollstuhl und verstarb im Sanatorium, Ursache unbekannt. Jedenfalls hinterließ der Tod tiefste Spuren beim alten Bosch, er sei nie über den Verlust hinweggekommen. Die Ehe zerbrach, der Alte heiratete neu, zeugte wieder einen Sohn.

„Lasst mich zu Ende erzählen, was aus dem Anliegen der Lehrlinge wurde, sie verstanden die Sicht von Doktor Falvini und zogen ab. Eine Woche später standen sie erneut hier und schlugen vor, zum Gedenken eine Linde zu pflanzen. Dagegen hatte unser Boss nichts, der Hausmeister empfahl einen Platz direkt unter seinem Fenster. An der Linde erinnert ein Schild an Gregor.“

„Das ist eine würdige Geste“, sagt Böns. „Schlimmer, wenn er mit großem Getöse auf dem Friedhof beigesetzt worden wäre“, gibt er in die Runde, „die halbe Firma hätte sich zum Trauerzug aufgereiht, mit gesenktem Blick wäre die Meute zum Friedhof getrottet, hätte getuschelt, welche Posten verteilt werden, denkt doch jeder an den eigenen Vorteil.“

„Böns, selbst jetzt redest du schlecht. Oder hast du zu viel Tolstoi gelesen, den „Tod des Iwan Iljitsch“?

„Geschätzte Frau Personalreferentin, genau diese Erzählung meine ich! Iwan Iljitsch arbeitete als Jurist, ein hoher russischer Beamter, er litt an einer unheilbaren Krankheit. Niemand wusste, was es war, Multiple Sklerose? Wahrscheinlich nicht, zu Tolstois Zeiten gab es kein MRT, nur Ärzte mit Stethoskop und Holzhammer. Die Experten reisten aus ganz Russland an, sie fummelten ohne Ergebnis, stellten Rechnungen und verschwanden wieder. Die Kollegen in der Zunft loteten Posten aus, die frei werden, die Ehefrau sorgte sich um die Witwenpension anstatt um ihren Mann. Grausam. Die letzten drei Tage schrie Iwan Iljitsch nur, er hatte begriffen, wie sinnlos sein Leben verlaufen war, wie kalt seine Liebe, wie hohl sein Streben. Nur der arme Diener, ein Stallknecht, kümmerte sich. – Niemand von uns weiß, warum sich Gregor Wagener umbrachte, er muss verzweifelt gewesen sein, doch nichts ließ er sich anmerken.“

Anne und alle Kollegen schweigen.

Die Geschäftsleitung residiert in der oberen Etage der Hauptverwaltung. In den Büros geben breite Glasfenster Aussicht über den Bodensee hinüber zum Schweizer Alpenpanorama. Unterhalb parken die Geschäftsführer ihre Limousinen. Dort versammeln sich der Hausmeister, Gehilfen und alle Lehrlinge, denn ein Bagger und ein Lieferwagen fahren auf den Hof; Anne erkennt, die Fahrzeuge stammen von einer örtlichen Baumschule.

Routiniert hebt ein Gärtner ein Erdloch aus, dann hievt er eine Linde vom Wagen. Der Baum ist jung und misst etwa zwei Meter, die Wurzeln dürsten, die Helfer setzen die Linde und klopfen die Erde fest. Jeder gießt eine Kanne Wasser an, als ehrten sie Gregor Wagener. Anne Bienert und die Kollegen weinen und sehen, wie der Bagger vom Hof rollt. Aus den Fabrikhallen strömen Mitarbeiter, sie stellen sich vor den Baum und senken die Köpfe.

„Biene, ohne tratschen zu wollen, die Information könnte für dich wichtig sein: Mir erzählte ein Kollege in der Kneipe, viele bedrückt die Zukunft der Firma, denn wie es um die neue Baureihe bestellt ist, weiß niemand genau. Düstere Spekulationen, warum Gregor das Handtuch schmiss.“

„Lieber Böns, ich male keine Gespenster an die Wand! Diese Firma bewältigte Dutzende von Krisen, sie wird auch diese meistern, die neue Baureihe wird kommen, wie Generationen von Wohnwagen kamen, unser Zugpferd Doktor Jörg Falvini wird die Firma exzellent führen. Oder wer zweifelt daran?“

„Mögen alle deinen Optimismus teilen, ich fühle mit dir. Es ist die Zeit, die drängt, du weißt, der Markt ist gnadenlos.“

„Ja, wir arbeiten, doch das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Wie ein Dompteur steht Falvini im großen Besprechungsraum, vor ihm hockt der oberste Führungskreis von Wagener Mobile, dreizehn Manager starren ihn an: „Guten Morgen meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur außerordentlichen Sitzung!“

Der Unternehmer mustert die Unterstellten: Seine Blicke stechen, die dunklen Augen haften auf jedem, als ob er die Gesichter wie ein Scanner abtastet. Die Abteilungsleiter wissen, dass ihr Geschäftsführer meistens zu spät kommt, er lässt mit Absicht warten; auf den Parkplatz fährt er mit Getöse vor, sodass der Lamborghini im Haus dröhnt, jeder soll wissen, der Boss erscheint auf der Brücke. Doch dieses Mal ist er anders.

„Sie wissen, warum Sie hier sind. Und Sie wissen, dass ich nicht lang um den Brei rede. Die Zeit der Trauer ist vorbei, wir müssen professionell agieren.“

An der Stirnseite stehen für die Geschäftsführer zwei Bürostühle aus schwarzem Leder, doch der Drehstuhl von Gregor Wagener bleibt leer.

„Mein geschätzter Cousin verließ uns, wir werden sein Vermächtnis wahren. Doch schauen wir der Sache nüchtern in die Augen.“ Falvini geht langsam um den Stuhlkreis, er doziert:

„Stellen Sie sich vor, Sie steuern als Chefpilot eine 747 über den Atlantik. Plötzlich und unerwartet beschließt der zweite Pilot, ohne Fallschirm abzuspringen. Warum wissen Sie nicht. Und Sie haben keine Zeit, die Motive zu ergründen. Zynisch wäre, einen guten Weiterflug zu wünschen, Passagiere und Besatzung erwarten, dass der Chefpilot sicher fliegt. Und denken wir an die Angehörigen, die am Flughafen auf ihre Lieben warten. Meine Damen und Herren, wir befinden uns in einer vergleichbaren Situation.“

Der Unternehmenslenker bleibt stehen, sieht ins Plenum; er neigt das Kinn auf seine Brust und redet leise:

„Der Tod meines Cousins traf mich wie ein Hammerschlag. Heute stehe ich allein vor Ihnen, denn wir müssen handlungsfähig bleiben. Wir tragen Verantwortung für unsere Kunden, die Mitarbeiter brauchen Sie; Ihre Untergebenen wollen geführt werden, Sie stellen die Führungsmannschaft auf dem Deck und das für gutes Gehalt!

Der Philosoph Epikur sagte, der Tod betrifft uns nicht, denn er sei ohne Empfindungen, und was nichts fühlen kann, wird uns nicht betreffen. Dem widerspreche ich! Lieber Epikur, du hast gut reden, uns erschüttert der Tod wohl, denn wir müssen uns kümmern, damit das Unternehmen weiterleben wird.“

Der Boss mustert die Gesichter:

„Herr Dieter Kugel, Sie wollen etwas sagen?“

Der stammelt: „Nein, Doktor Falvini, Sie haben recht.“

Falvini denkt, natürlich habe ich recht, Kugel, das liegt daran, dass ich immer recht habe, es ist wie ein Naturgesetz, und diese können nicht widerlegt werden. Außerdem habe ich einen Dr.-

Titel, ich erwarte, dass Sie den kräftig betonen. Lieber Dieter Kugel, deshalb bin ich die Nummer 1, sie bleiben Lagerleiter, wenn eine Zeitschrift den Titel „Gabelstaplerfahrer des Jahres“ vergeben sollte, können Sie sich bewerben.

„Ich lege die Berichtswege neu. Für Vertrieb, Marketing, Personal, Finanzen und Informatik ändert sich nichts, Sie berichten wie bisher an mich. Die Bereiche von Gregor werde ich umstrukturieren und übernehmen. Das betreffen: Entwicklung, Einkauf, Produktion, Qualitätssicherung und Lager.“

Unruhe im Plenum, als hätten die Abteilungsleiter Angst, Falvini sägt die Stühle ab.

„Mein Cousin und ich teilten nicht immer die gleiche Ansicht, das ging in Ordnung, denn wenn zwei die identische Auffassung haben, ist eine überflüssig. Sie wissen von mir, dass ich sage, ein exzellentes Unternehmen führt deshalb, weil es viel Geld verdient. Und das zeigen wir seit über 100 Jahren. – Jeder von Ihnen gibt nun einen Lagebericht aus seinem Bereich.“

Falvini gibt das Wort in die Runde: „Böns, Sie nicht, Sie schreiben Protokoll, der Nächste.“

Jeder Abteilungsleiter berichtet, als wolle er eine gute Note mit Sternchen bekommen, nach Falvinis Meinung setzt jedes Unternehmen nur den Kindergarten mit anderen Mitteln fort.

Der Produktionsleiter Manfred Kugel, der ältere Bruder von Dieter Kugel, berichtet, dass die Wohnwagen in hoher Qualität gefertigt werden, trotz guter Auftragslage verspäten sich über zehn % der Bestellungen. Die Vertriebsleiterin platzt dazwischen:

„Die Kunden beschweren sich, Doktor Falvini, Sie wissen, wie unangenehm das sein kann.“

Der Boss nickt, Kugel soll fortfahren:

„Lieferanten liefern zu spät, manchmal stimmen die Mengen nicht. Oder stellen Sie sich vor, sie bestellen zehn Paar Schuhe und geliefert werden nur die linken. Das Lager kann den Wahnsinn bestätigen.“ Er schaut zu seinem Bruder Dieter Kugel: „Es gibt oft Streit, denn wir können nicht jedem Teil nachtelefonieren.“

Alle Augen fokussieren den vermutlich Schuldigen, der Einkaufsleiter Frank Seidel schnappt nach Luft, getroffene Hunde bellen, denkt Falvini, und er bleibt hart. Seidel: „Wir sind mit der Liefertreue nicht zufrieden, dennoch stieg sie in den letzten fünf Jahre von 91 % auf 96 %. Doch den Disponenten hilft, wenn die Produktion öfters respektiert, dass ein Lieferant Zeit braucht, um unsere Kaufteile herzustellen. Leute, die dies nicht verstehen wollen, erkläre ich, dass ein Baby neun Monate braucht, um fehlerfrei hergestellt zu werden; die Natur lässt sich nicht drängeln mit Internet und Smartphone. Wer das Kind schneller haben will, verlangt eine Frühgeburt. Und das brauchen wir nicht! Außerdem können Sie nicht vier Wochen vor Geburt nach Gutdünken das Geschlecht umschmeißen.“

Böns bricht in schallendes Gelächter aus, doch Falvini stoppt:

„Seidel, vielen Dank für die Pointe. Ich werde die Schnittstelle zwischen Ihrer Abteilung und der Produktion entfernen. Die Bestellung wird in Zukunft von denen vorgenommen, welche die Teile verbauen.“

Die Herren Kugel triumphieren und nicken zu ihrem Chef, welcher sagt: „Der Einkauf wird der Produktion unterstellt. Herr Seidel, sie berichten ab sofort an Herrn Dieter Kugel.“

Seidel rechtfertigt sich: „Die Arbeit mit vielen Lieferanten läuft hervorragend, weil sie uns als verlässlichen Partner schätzen, wir spielen mit offenen Karten und profitieren. Meiner Meinung nach passt diese Strategie, denn die kleinen Lieferanten versetzen uns in die Lage, die Wünsche wie ein Maßschneider zu erfüllen. Wir wollen eine langfristige Partnerschaft, die sich wie eine gute Ehe einspielt.“

„Setzen Sie unter der Regie der Herren Kugel fort – oder können Sie nicht miteinander?“

Dieter Kugel steht auf, schreitet zu Frank Seidel und reicht ihm die Hand. Falvini lächelt und denkt, funktioniert doch.

„Seidel, Ihre Ideen in allen Ehren, doch orientieren Sie sich an Herrn Kugel, ich halte nichts von Experimenten, es gibt genug schlechte Ehen. Ich glaube an Methoden, die sich bewährt haben, die Lieferanten sollen tun, was wir verlangen; wenn sie die Leistung nicht bringen, werden sie getauscht. Ende. Hunderte Unternehmen möchten mit Wagener Geschäfte machen, sei es, wenn sie uns das Toilettenpapier liefern dürfen.“

Der Chef versichert sich in den Gesichtern, dass seine Standpauke gesessen hatte. Nur Entwicklungschef Abicht hört dem Postengeschiebe emotionslos zu, denn Falvini versteht von Konstruktion wenig, in dem Bereich spielte Gregor Wagener. Der Chef fordert jeden Montag bis elf Uhr Bericht, doch er verlangt unverzüglich Meldung, wenn im Plan Abweichungen auftauchen.

Der Chef steckt die rechte Hand lässig in die Hosentasche: „Fragen?“

„Einer meiner Mitarbeiter wollte wissen, ob ein neuer Geschäftsführer kommt?“

„Antworten Sie ihm, dass er mit dieser plumpen Neugier seinen Kleingeist zeige. Hurra, der König ist tot, wann kommt der neue.“

Die Abteilungsleiter strafen mit Blicken den Kollegen. Falvini fährt fort:

„Die Firma wird in fester Hand der Familie bleiben.“ Der Patriarch, mein Großvater Alois Wagener gründete 1930 das Unternehmen. Er übergab an die zweite Generation, Sohn Karl-Heinz, Gregors Vater, erhielt 60 %; seine Tochter Gertrud, meine Mutter, verheiratet Falvini, bekam 40 % der Firma zuzüglich Villa und Pferdezucht. Und die Erbfolge ging weiter; meine Brüder betreiben erfolgreich eigene Geschäfte in Mailand und Dortmund. Ich biete in dritter Generation Gewissheit, dass die Erfolgsgeschichte weitergeht. Für Sie als Führungskräfte bringt dies enorme Vorteile: Langfristigkeit, Klarheit, Stabilität, fester Arbeitsplatz, kurze Entscheidungswege, Aufstiegsmöglichkeiten, soziale Verantwortung.“

Falvini lächelt, läuft zum Flipchart und ruft ins Plenum:

„Ich habe Ihnen sieben Vorteile aufgezählt. Doch! Wir hängen voneinander ab: Sie brauchen die Firma, und die Fabrik benötigt Sie. Bekräftigen wir heute diesen Zusammenhalt!“