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Laure Winter ist eine junge erfolgreiche Journalistin und lebt in einer glücklichen Beziehung mit dem lebenslustigen Paolo. Sie genießt ihr Leben in vollen Zügen bis zu dem Zeitpunkt, als ein längst vergangener Alptraum wieder in ihr Bewusstsein dringt. Fortan kämpft sie mit bösen Träumen, seltsamen Bildern, Ohnmachtsanfällen und widersprüchlichen Gefühlen. Zudem kreisen ihre Gedanken unentwegt um ihren ehemaligen Stiefvater Leonhard. Wie passt das alles nur zusammen? Doch bevor sie genug Licht ins Dunkel bringen kann, nimmt die Misere bereits ihren Lauf.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Mira Beller
UNARTIG
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
TRIGGERWARNUNG
WIDMUNG
ALS DAS DRAMA BEGANN
PROLOG
SCHLAF KINDLEIN, SCHLAF
BEI KLAREM VERSTAND
EIN TRAUM IM TRAUM?
DER VORHANG FÄLLT
WIE FUCHS UND HASE
DAS LETZTE SPIEL
EPILOG
DANKSAGUNG
Impressum neobooks
In diesem Roman wird das Thema Kindesmissbrauch behandelt. Personen, die selbst davon betroffen sind oder waren oder die etwas in ihrem persönlichen Umfeld mitbekommen haben, sollten sorgsam mit der Lektüre dieses Buches sein. Bitte legen Sie das Buch beiseite, wenn die dargestellten Szenarien (die jedoch nicht zu sehr ins Detail gehen) besonders triggern und zu emotionalen Ausnahmezuständen führen sollten. Sollte dies passieren: Holen Sie sich bitte Hilfe bei Partner:innen, Freunden, Familie, Arbeitskollegen, etc.
In einem sicheren Netzwerk können wir uns geborgen fühlen und dürfen über unsere Verletzungen und schlimmen Erfahrungen sprechen. Haben Sie Mut zur Wahrheit - die Scham und Ohnmacht spielt den Täter:innen nur in die Hände und darf daher nicht gewinnen! Sollte Ihnen nicht geglaubt werden, suchen Sie sich Gleichgesinnte oder professionelle Hilfe bei der Polizei, Therapeut:innen, Opfernetzwerken, Seelsorgern, etc.
Wenden Sie sich an Ihr Umfeld oder das oben genannte Netzwerk, sollten Sie noch von Missbrauch und sexueller Gewalt betroffen sein oder es besteht ein Verdacht bei einer/m Schutzbefohlenen. Werden Sie unbedingt aktiv!
Gemeinsam sind wir stark und können in unserer Gesellschaft etwas bewirken!
© 2018 Mira Beller
Für meine beiden Söhne David und Felix.
Ihr seid die wahre Liebe meines Lebens.
Sanftes Vogelgezwitscher durchdringt die Stille. Ringsum erblüht es in voller Kraft. Weiße Gänseblümchen, leuchtend gelbe Butterblumen und sattes saftiges Gras, welches fast bis zum Knie ragt, kleiden die umliegenden Wiesen. Die ersten abendlichen Grillen beginnen bereits zu zirpen, während die emsigen Hummeln noch von Blüte zu Blüte schwirren. Ruhig, unschuldig und vollkommen friedlich. Wenn es nur so wäre. Doch dies zeigt nur die äußere Fassade des seelischen Zustandes einer jungen Frau.
Laure Winter ist 25 Jahre alt. Von Beruf Journalistin eines renommierten Kulturmagazins bei einer privaten Sendeanstalt. Ihr abwechslungsreicher Beruf sorgt bei ihr für tiefe Befriedigung. Dort kann sie ihrer ausgeprägten Neugier sowie ihrer leidenschaftlichen Kreativität nachgehen. Die meiste Zeit ihres Privatlebens verbringt sie mit Paolo. Mit ihm lebt Laure seit zwei Jahren in einer liebevollen und sehr glücklichen Beziehung. Sie verstehen sich auf einer ganz besonderen Ebene und unternehmen viel miteinander. Am liebsten gehen sie gemeinsam in den Bergen wandern. Wenn Laure jedoch auch mal für sich allein sein möchte, zieht sie ihre Bahnen im Schwimmbecken. Im azurblauen Wasser findet sie wieder zur Ruhe. Ihre ganz eigene Meditation. Abends gönnt sie sich hin und wieder einen Gin Fizz – ihr Lieblingsdrink. Sie genießt ihr Leben, fühlt sich glücklich. Das denkt sie zumindest, bis der Sturm hereinbricht…
„Laure, Liebling! Komm zu dir! Bitte wach auf! Es ist alles gut. Ich bin ja bei dir. Wach auf!“ Gerade noch im düsteren Traum gefangen spürt Laure ein sanftes Rütteln an ihren Schultern. Die hässliche Fratze des gefürchteten Verfolgers, der sie eben noch fest an den Schultern gepackt hatte, verwandelt sich in das vertraute, liebevolle Gesicht Paolos. Ganz langsam öffnet sie ihre verkniffenen Augen, um dem erlebten Albtraum zu entfliehen. Es ist beinahe stockdunkel, nur der Mondschein erhellt das Schlafzimmer und lässt die Umrisse von Paolo erahnen. Einen Moment lang überlegt Laure, ob dies tatsächlich die Realität abbildet. Oder träumt sie immer noch? Doch als sie das sanfte Streicheln von Paolos warmer Hand auf ihrer Wange spürt, weiß sie es. Dies ist wirklich. Kein Traum.
„Laure, ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst so blass aus? Ich musste dich wecken. Du hast ganz stark gezittert und gewimmert. Es war furchtbar. Da dachte ich mir, sie hat bestimmt einen schrecklichen Traum.“
Sie stockt. „Ja, das war… ein ganz furchtbarer Alptraum.“ Nach wie vor erscheint Laure die grässliche Fratze ihres Kontrahenten aus dem Traum vor Augen. Allmählich kann sie sich wieder an die Details des Traumes erinnern. Sie war auf einer fröhlichen Party mit all ihren gemeinsamen Freunden. Natürlich war auch Paolo dabei. Es herrschte eine lockere Atmosphäre. Doch plötzlich wurde es still und sie befand sich ganz allein in einem klammen Bett eines stockdunklen Raumes. Wenn sie sich recht erinnert, in einem Schlafzimmer, das ihr irgendwie vertraut erschien. War es die Einrichtung oder der Geruch, der das Zimmer einhüllte? Sie weiß es nicht mehr genau. Aber eines weiß sie nur zu gut. In diesem Raum war sie nicht allein.
Ein Mann mit einer hässlichen Fratze kam zu ihr ans Bett. Sie spürte eine unbeschreibliche Angst und bleierne Starre. Doch als der Mann ihr zu nahe kommen wollte, ergriff sie ruckartig die Flucht. Sie rannte aus dem Zimmer, hinaus auf den Flur und weiter in das Treppenhaus. Es fühlte sich an, als hätte sie mehrere Kilometer hinter sich gelassen. Immer weiter, immer wieder einen kurzen Blick nach hinten werfend. Dabei ging ihr unentwegt durch den Kopf: Ist er mir auf den Fersen? Wer ist dieser grässlich entstellte Mann? Was will er von mir?
Sie wollte weglaufen, kam jedoch kaum einen Schritt vorwärts. In ihrem panischen Zustand mühte sich solange ab, bis sie vollkommen atemlos wurde. Doch auch als ein stechender Schmerz ihr Zwerchfell durchzuckte, versuchte sie weiterhin wegzulaufen. Nur weg von diesem Scheusal. Wo sind denn nur all ihre Freunde geblieben? Wo ist Paolo?
In diesem furchtbaren Moment der Verzweiflung erschien der Ausgang vor ihr. Hell erleuchtet, fröhliches Geplauder und Gekicher drangen aus dem Freien gedämpft hervor. Hier müssten ihre Freunde sein. Und dort erkannte sie die Stimme Paolos. Sie lief noch schneller und schaffte es immerhin bis zur Türschwelle. Doch als sie sich im Türrahmen befand, umfassten sie zwei kräftige Hände an den Schultern und rüttelten grob an ihrem Körper.
An dieser Stelle ist sie erwacht. Der Traum hat ein Ende. Doch der Nachhall des Traumes sorgt für einen bitteren Nachgeschmack. Nach wie vor stellt sie sich dieselben Fragen, welche sie bereits im Traum quälten: Wer ist dieser Mann? Und wieso war sie plötzlich vollkommen allein, an einem ganz anderen Ort? Wieso ist ihr die Flucht nicht gelungen?
Tief in ihren Gedanken versunken kauert Laure in ihrem Kissen und beißt sich angestrengt auf die Lippen, bis Paolo ganz behutsam seine Hand zu ihren Lippen führt und ihre Unterlippe sanft streichelt. Er sieht sie fragend und zugleich besorgt an. Erst dann erinnert sich Laure an die Frage, die er ihr gestellt hat. „Oh ja, natürlich. Ich… ja ich habe nur noch kurz über diesen Traum nachgedacht. Eigentlich echt komisch. Du hättest dich kaputt gelacht. Wir waren auf einer Party mit Sabine, Mario, Julie und Tom. Naja und als wir alle miteinander anstoßen wollten, musste ich plötzlich auf die Toilette. Da rannte ich wie ein wildgewordenes Vieh zum Badezimmer. Doch das war bereits besetzt. Weil ich es nicht mehr halten konnte, rannte ich die Treppe hinunter, um im Garten mein Geschäft zu verrichten und als ich fast dort war, hast du mich aufgeweckt. Ein Wunder, dass ich mir nicht tatsächlich in die Hose gemacht habe. Apropos ich sollte mal für kleine Mädchen verschwinden, bevor wirklich ein Malheur passiert.“ Lächelnd verlässt sie langsam tapsend das Schlafzimmer, um im Bad zu verschwinden. Als sie die Tür verriegelt hat, gleitet sie ganz langsam an der Tür hinab in die Hocke. Mit angewinkelten Beinen verschränkt sie ihre Arme vor dem Gesicht. Was war nur los mit ihr? Was hat sie eben geträumt? Und wieso hat sie Paolo deshalb belogen?
Nach ein paar Minuten Grübelei richtet sie sich ganz langsam wieder auf und geht zum Spiegel über dem Waschbecken. Sie wirft einen Blick in das blasse, vom Schlaf zerknitterte Gesicht. Unter ihren Augen liegen dunkle Schatten. Ihre Unterlippe blutet leicht, weil sie wie wild darauf biss. Sie atmet kurz und tief durch, spritzt sich eiskaltes Wasser ins Gesicht und betätigt zu guter Letzt die Toilettenspülung. Paolo soll nicht denken, dass sie nur vorgab, auf die Toilette zu müssen.
Sie verlässt das Badezimmer und kuschelt sich im Bett ganz dicht an Paolo. Dieser ist bereits wieder eingeschlafen, was sein leises Schnauben verrät. Immerhin ist er nicht zu besorgt, denkt sie. Sie liegt noch einige Zeit wach und versucht das Rätsel zu entwirren, bis die Müdigkeit die Oberhand gewinnt und sie in einen weiteren tiefen Schlaf verfallen lässt. Dieser Albtraum wird nicht der letzte sein, denn dies ist nur der Anfang eines langen realen Albtraums im Leben von Laure Winter.
1.
Melodisches Vogelgezwitscher, erste sanfte Sonnenstrahlen und der zarte Duft von erwachenden Blumen. Ein wunderschöner Spätfrühlingsmorgen kündigt sich an. Laure sitzt bereits auf der Terrasse und schlürft an ihrem Cappuccino. Nachdenklich starrt sie in den vor ihr liegenden gehegten Garten. Dieser wurde mit Liebe zum Detail von Paolo bepflanzt. Neben einem wunderschönen Rosenbogen erblühen ringsum rosafarbene, hellgelbe, blaue und weiße Blumen in den klar abgetrennten Rabatten. Der Sommer macht sich bereit, um seine volle Kraft zu entfalten. Eigentlich kann Laure die heiß ersehnte Jahreszeit kaum noch erwarten. Endlich kann sie das Hallenbad verlassen und ihre Bahnen nun wieder im Freibad zurücklegen und sich darüber hinaus eine schöne Bräune zulegen.
Doch was sie sonst an einem so wunderschönen Tag erfreut, ist heute gänzlich unwichtig. Denn an diesem Morgen starrt sie wie hypnotisiert in die zarten Blütenknospen. Ihre Gedanken liegen ganz fern. Sie sinniert wieder über den Traum der letzten Nacht.
Wieso kam ihr diese Situation so bekannt vor? Hat sie sie schon einmal in einem Film gesehen? Darüber in einem Thriller gelesen oder hat ihr jemand schon einmal davon erzählt?
Vielleicht ist es nur eine harmlose Traumsymbolik. Doch was sollte es bedeuten? Angst vor dem Versagen beim Sender? Derzeit läuft alles bestens. Ihr Chef hatte sie letztens besonders gelobt und ihr zudem weitere Recherchearbeit für eine neue Sendung zugesagt. Für diese soll sie ein spannendes Konzept für ein außergewöhnliches Reisemagazin entwickeln. Sie freut sich schon sehr auf diese neue Herausforderung und über das Vertrauen, dass in ihre Fähigkeiten gelegt wird.
Also Ängste um den Job können es wohl nicht sein. Welche logischen Schlüsse könnte man noch aus diesem Traum ziehen? Denn auch mit Paolo läuft es wunderbar. Sie sehen sich regelmäßig und verbringen ihre Wochenenden in den Bergen oder gemeinsam im Garten. Paolo interessiert sich sehr für Laures Aufgaben im Sender und macht regelmäßig Scherze über ihre Ernsthaftigkeit und Verbissenheit im Alltag, bis auch sie wieder darüber lachen kann.
Wie auch beim letzten Mal, als sie beide ihren Abend in einer angesagten Bar verbrachten. Anstelle ihres Lieblingsdrinks - einen Gin Fizz - bekam sie eine Margarita.
Als sie den Kellner wenige Minuten darauf ansprach, dass sie diesen Drink nicht bestellt habe, erwiderte dieser, dass sie nun schon davon getrunken habe und dies ebenso ein guter Cocktail sei. Warum sie sich darüber nun so aufrege? Sie lief hochrot an und wollte gerade den Mund öffnen, um den Kellner die Meinung zu geigen, als Paolo mit einem lässigen Augenzwinkern sagte: „Lass gut sein, Liebling. Ich nehm das Getränk, nimm‘ du dafür meinen Wein. Den magst du doch auch so gern.“ Der Kellner zog von Dannen und Laure starrte Paolo verdutzt und zugleich wütend an. „Paolo, ich wollte dem Kellner gerade klar machen, dass ich ein anderes Getränk bekommen habe und dass er mir ein neues bringen soll. Dies ist seine Aufgabe. Ich dachte mir eigentlich, dass man bei einem Fehler dem Gast entgegen kommt. Eine Entschuldigungsgeste wäre wohl nicht zu viel erwartet. Und als ich ihn gerade deswegen aufmerksam machen wollte, lenkst du wieder ein. Das ist so typisch für dich!“ Paolo schmunzelt vergnügt. „Aber Laure, typisch für dich ist, dass du dich so leicht aus der Fassung bringen lässt.“ Und er lächelt weiterhin, als er weiterspricht: „Der Kellner hat einen Fehler gemacht und er ist nicht gut in seinem Job, weil er dir nicht entgegenkommt. Oder aber der Chef von ihm fordert dies so. Fakt ist auf jeden Fall, dass dies kein Drama ist. Natürlich kannst du ihn darauf aufmerksam machen, doch wollen wir uns den Abend verderben, indem der Kerl dann anschließend in deine zweite Margarita spuckt, die du letztendlich trinken würdest?“
Sie musste zugeben, dass er einerseits Recht hatte. Warum aufregen und sich die Laune verderben. Andererseits erschien ihr das als ungerecht und sie fordert nun mal gern stets ihr Recht ein. Dass Paolo diese Situation abbricht und sie somit ausbremst, passt ihr gar nicht. Doch wenn sie ihm in die sanften braunen Augen blickt kann sie nicht umhin, als ihm sofort zu verzeihen. „Ist schon ok, ich werde ihn trinken. Schmeckt ja auch gut. Und dann ist unser Abend gerettet.“ Sein Lächeln wird noch breiter. „Ja, allerdings. Danke, Schatz! Und nun lass uns von etwas anderem reden. Wie war‘s beim Sender?“
2.
Grünlich schimmerndes und dennoch klares Wasser. Golden funkelt die Sonne in den sich kräuselnden Wellen. Ein sattes Abendrot beleuchtet die umliegenden hügeligen Felder und das flache Ufer. Laure schließt die Augen und atmet sanft durch. Nur einzelnes Vogelgezwitscher erklingt. Fröhlich und aufmunternd. Ein Trost der Natur. Sie lässt den Blick über den See schweifen, der ganz zärtlich vom Wind gestreift wird.
Heute hat sie früher Feierabend gemacht und ist mit dem Auto zu ihrem Lieblingssee in der Nähe aufgebrochen. Dort sitzt sie nun auf einer einsam liegenden Bank und beobachtet das harmonische Treiben der Natur.
Hier kann sie abschalten, den Alltag einen Moment lang vergessen. Die vollkommene Harmonie. Ein wunderbarer Ort. Hier kann einem nichts Böses geschehen. Oder doch?
Es herrscht scheinbar der sprichwörtliche Frieden auf Erden. Dennoch sträuben sich bei Laure alle Nackenhaare auf. Ihr Puls rast und sie hat das Gefühl, dass sich ganz in der Nähe jemand oder etwas aufhält. Eine eigenartige Bedrohung in einem verlassenen Flecken Natur. Sie mahnt sich, ihre Gedanken auf etwas anderes zu richten. Doch die Nervosität nimmt immer weiter zu. Ihre Handflächen beginnen bereits zu schwitzen und ihre Finger zittern unkontrolliert. Nun bebt auch noch ihr kompletter Oberkörper. Zur Beruhigung wiegt sie sich vor und zurück. Die sich in ihr breitmachende Panik gewinnt jedoch die Oberhand. Die Bedrohung scheint nun ganz nah zu sein.
Obwohl sie nichts oder niemanden sehen kann, steigt ihr ein vertrauter Duft in die Nase. Süßlich herb und dazu leicht rostig. Plötzlich spürt sie außerdem ein bleiernes Gewicht auf ihren Schultern, als würde jemand fest daran ziehen und sie gegen die Erde drücken wollen. Und dann dieser Schmerz. Dieser unsäglich grässliche Schmerz. Er befindet sich tief in ihrem Inneren. Doch wenn sie sich stark darauf konzentriert, erkennt sie, dass sein Ursprung woanders liegt. Er zieht sich vom Bauch bis hin zu einer unteren Region. Dabei fühlt er sich wie tausend kleine Messerstiche an. Zugleich dumpf als auch bohrend. Unendlich andauernd. ‚Es wird nie wieder gut werden‘, dröhnt es durch ihren Kopf. ‚Brav sein und schön still sein‘, befiehlt ihr eine innere Stimme. Wieso hört diese Qual nicht auf? Was oder wer ist dafür verantwortlich?
Als ihre Schmerzen ins schier Unermessliche steigen, ist es von einem Moment zum anderen stockfinster. Das Gefühlschaos hat nun ein Ende. Oder hat es erst begonnen?
Der beruhigende Takt des antiken Weckers auf ihrem Nachtkästchen erfüllt den sonst totenstillen Raum. Daneben ist nur noch ein ganz leises Schnauben wahrnehmbar. Der Duft ist verschwunden. Stattdessen riecht es frisch und süßlich nach einer lauen Sommernacht.
Laure fühlt sich federleicht. Einzig allein der Schmerz in ihrer Intimregion ist noch zu verspüren, hat aber an Intensität bereits abgenommen. Neben ihr liegt Paolo, friedlich schlummernd. Sie richtet sich in ihrem Bett auf und wirft einen Blick in das dunkle Schlafzimmer. Was gerade noch ein Horrorszenario gewesen ist, ist jetzt eine vertraute Umgebung. Die Messingschale auf der nussbraunen Kommode. Das Poster von Monet darüber. Der berühmte Seerosenteich mit seinen herrlich pastelligen Farben. Die lavendelfarbigen und samtigen Vorhänge. Alles hat sich verändert. Es war nur wieder einmal ein böser Traum. Und nun ist sie wieder zurück.
Doch die Erleichterung mag sich nicht einstellen. Ein besorgniserregender Gedanke keimt in ihr auf. Was, wenn es einmal Realität war? Wenn ein Funken Wahrheit darin liegt? Schnell verwirft sie diesen Gedanken wieder. ‚So ein Unsinn‘, denkt sie sich. Dies muss eine ganz logische Ursache haben. Wahrscheinlich bekommt sie ihre Tage und ihr Körper muss mit einem Hormonchaos zurechtkommen. Vielleicht sollte sie wieder ihren Frauenarzt aufsuchen und sich gründlich durchchecken lassen.
Oder die seltsamen Schmerzen in der Intimregion rühren von der Pille, welche sie aktuell einnimmt. Aber vielleicht sind es auch Chlamydien. Über diese hat sie einmal in einer Frauenzeitschrift gelesen. Diese liegen im Durchschnitt bei etwa 10 % der Bevölkerung vor und werden durch häufigen Sexualkontakt mit wechselnden Partnern übertragen.
Sie ist zwar bereits seit zwei Jahren mit Paolo zusammen, vor ihrer Beziehung war sie jedoch häufig mit einigen Typen aus Bars oder auch mit welchen vom Sender im Bett. Eventuell hat sie sich dadurch angesteckt? Doch dagegen spricht, dass die Schmerzen eigentlich nur im Traum und einige Zeit nach dem Aufwachen zu verspüren sind. Aber sind Menschen nicht unterschiedlich? Vor allem in ihren Empfindungen?
Sie wird es einfach abklären lassen, dann weiß sie Bescheid. Bestimmt ist es etwas ganz Harmloses. Und Alpträume können von so vielen Situationen hervorgerufen worden sein. Von einem Film zum Beispiel, welchen sie einmal gesehen hat und ihr Gehirn sich plötzlich daran erinnert. Auf jeden Fall ist dies kein Grund zur Sorge, nur weil sie in letzter Zeit öfters Alpträume hat. Es ist alles in Ordnung. Die intensive Grübelei hat vorerst ein jähes Ende, als sie nach wenigen Minuten wieder einschläft und erst am nächsten Morgen wieder erwacht.
3.
Ist es Karma, Schicksal oder unendliches Glück? Das ist die große Frage, wenn wir auf den einen Menschen treffen, mit dem wir uns von Beginn an verbunden fühlen. Wir haben das Gefühl, dass wir uns auf dem richtigen Weg. befinden.
Eine buddhistische wie auch eine asiatische Weisheit lehren uns: ‚Großes Verstehen kommt mit großer Liebe.‘ und ‚Die Liebe ist ein scheuer Vogel, der den Schlüssel deines Gefängnisses um seinen Hals trägt.‘ Liebende verstehen, Liebende unterstützen sich und vor allem, Liebende verhelfen sich gegenseitig auf dem Weg zur Freiheit.
