Uncountry - Yanara Friedland - E-Book
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Uncountry E-Book

Yanara Friedland

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Beschreibung

Traumhafte Geschichten der Schöpfung und der Erinnerung, ein faszinierender Midrasch einer neuen literarischen Stimme. In ihren zart verknüpften poetischen Erzählungen über Vertreibung und Flucht dehnt Yanara Friedland den historischen Raum zu einem weiten Feld der Assoziationen aus. Sie erschafft durch die brillante Vermengung von Fakten und Fantasie eine nicht an die Gesetze von Raum und Zeit gebundene Gegend, die etliche Gestalten durchstreifen. Dieses Uncountry lotet Friedland in den vier Büchern "Asche", "Atem", "Hunger" und "Zukunft" aus, um in immer neuen Bewegungsmustern individuelle Erinnerung und Erfahrung mit historischen Gegebenheiten und kulturgeschichtlicher Reflexion zu verweben – und mit jüdischer Geistesgeschichte. Hier wirft der namenlose, fahnenflüchtige Soldat seinen Helm in den Graben, quert die biblische Esther den Weg, hier hadert Abraham mit dem Sohnesopfer und zieht die schwangere Mutter der Autorin in den Bendlerblock. So entsteht eine mit Worten erschaffene Landschaft der Spurensuche und Imagination, der Träume und Sehnsüchte, die jeden sichtbaren Ort mehr und mehr überlagert.

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YANARA FRIEDLAND

UNCOUNTRY

Eine Mythologie

Aus dem amerikanischen Englischvon Maria Meinel

Für meine Vorfahren

Inhalt

GESCHICHTE DER ASCHE

Prolog

I. Lilith

Schwarzes Meer

Exil

Wildnis

GESCHICHTE DES ATEMS

Prolog

I. Abraham

Umherziehen

Von

Glaube

II. Isaak

Stille

Verrat

GESCHICHTE DES HUNGERS

Prolog

I. Sarah

Unfruchtbar

Territorial

II. Hagar

Geliebte

Fortgehen

Engel

Fallen

GESCHICHTE DER ZUKUNFT

Prolog

I. Ismael

Volk

Bogenschütze

II. Esther

Erwachen

Allein

Fahne

Anmerkung

Zitatnachweise

Meine Kunst beruht auf dem Glauben an eine universelle Energie, die alles durchströmt: vom Insekt bis zum Menschen, vom Menschen bis zum Schemen, vom Schemen bis zur Pflanze, von der Pflanze bis zur Galaxie. Meine Arbeiten sind die Bewässerungsadern dieser universellen Flüssigkeit. Durch sie hindurch steigen die Lebenskraft der Ahnen, der Urglaube, die urzeitlichen Ablagerungen, die unbewussten Gedanken auf, die die Welt beleben. Es gibt keine Urvergangenheit zu erlösen: Da ist diese Abwesenheit, die Verwaistheit, die ungetaufte Erde des Anfangs, die Zeit, die uns aus dem Erdinnern heraus betrachtet. Vor allem ist da die Suche nach Herkunft.

Ana Mendieta

GESCHICHTE DER ASCHE

Prolog

Ihr Mann verstarb, darüber weinten sie. Die Gerste war zur Reife gekommen, jedes Haus wurde geputzt, die Schwellen gewienert. Die Frauen kochten Rosmarin-Huhn. Sie stahl Beeren vom Markt und stellte die Uhren im Hause um. Drei Nächte und vier Monate lang stand sie vor Tagesanbruch auf, lavendelte ihr Haar und grub Löcher im Garten. Nachts verscharrte sie dort ihre Kleidung, lagerte Schinken darin und Geschenke. Dann tötete sie auf der Straße eine alte Frau, trank aus ihren Milchkrügen und nahm ihre Schuhe. Bewach die Äcker, horte Korn und hefte dich an seine Fersen. Sie verließ das Dorf mit geschwärztem Gesicht und durchschwamm den Fluss. Ihr wollenes Kleid sog sich schwer, und die Sterne raunten. Sie sangen oder prangten nicht, schienen nur von fern herab. Ihre Füße schleppten sich tagelang über Felder und durch Wälder. Ein schmutziges Stachelschwein hinkte hinterdrein, eine verwirrte Eule flog ihr gegen die Schulter. Wo hast du heute gelesen, du könntest verletzt sein, geh fort, aber bleib bis zum Morgen hier ruhen. Sie lauschte, die Eule und das Stachelschwein zu ihren Seiten; die Sterne, ohne Duft und Belang, verloren derweil ihr Licht. Sie versuchte, sich an das Dorf ihres Vaters zu erinnern, und vermochte es nicht. Sie versuchte, sich an das Dorf ihrer Mutter zu erinnern, war sich dann aber nicht sicher, ob sie eine Mutter hatte. Hungrig beschloss sie, die Schnitter und Schnitterinnen auf den Feldern anzusprechen. Doch am nächsten Tag brach der Winter ein und spielte sein Madrigal. Sie lief sich die Füße wund über Weizenstoppeln. Ein boshaftes Lachen entstieg dem Acker und die Sonne verschwand sofort, doch das war ihr recht. Bald brach der Boden auf und barst. Pflanzen stürzten in die Herzgefäße der Erde. Dann fielen Aale und Hausstände hinab in das vormals Feste. Laute wurden von Lehmwänden geschluckt. Ein Schwarzwald der Träume war das nicht, nicht irgendein höllisches Danach. Hier war sie nun, das Haar entflochten, blutverkrustet, mit zitternden Knien. Hier war sie nun, ein von Ödnis geschöpftes, beherztes Requisit, und dachte nicht an ihr Witwensein, Begräbnisse und Morde. Die Zeugen schwanden. Sie wartete, bis alles vorbei war, die Menschen aus ihren Nestern kamen und Vögel sich in den Baumgerippen niederließen. Ein Mann an einem kleinen Feuer lächelte sie an, und sie fragte sich, ob er der Löser sei, ob sie ihm ihre Sandale darbringen solle, damit er sie nehme. Sie legte sich ihm zu Füßen; ihm fehlten ein paar Zehen. Sie rollte sich zur Schnecke und wartete auf seine Hand auf ihrem Haar. Aber der Mann blickte ins Feuer und sprach in einer nie zuvor gehörten Sprache. Tatsächlich sprach er gar nicht durch seine Zunge, sondern gab frei, was das Beben von seinem gorge geschluckt. Er reichte ihr einen Feuerfarn, und obwohl sie es besser wusste, ergriff sie ihn. Die Flamme ballte sich in ihrer Faust, und sie wartete gespannt darauf, was er ihr antun würde. Er nahm ihr Haar zwischen seine Hände und rieb die Strähnen, als sei ihnen kalt. Noch bebte die Welt vom Bersten, und sie nahmen herumwirbelnde und zerfallene Dinge, um einander Geschenke zu machen. Am nächsten Tag hatten sie Berge von Hundebeinen, Kirschvögeln, Töpfen, heißen Kartoffeln, Knochen und eine Sammlung von Zungen, Augen und anderen Körperteilen beisammen. Und obschon sie nie herausfand, wer dieser Mann am Feuer war, warum er sich so freundlich um sie kümmerte mit seinem poltrigen Tun und den eifrigen, von all den falschen Stellen geliebten Händen (er verbrachte Stunden damit, ihre Lider zu streicheln, ihre Nägel zu massieren, ihre Achseln zu beschirmen), und obwohl sie nicht ganz sicher war, warum er nicht in sie eindringen wollte, wie alle anderen Männer zur rechten Zeit, warum er sich überhaupt nicht für ihre Brüste, ihre Lippen und all das Bedeutende zwischen ihren Beinen interessierte, blieb sie ihm nah und schlief vor seinen Füßen und fehlenden Zehen. Und obwohl sie einander ihre Gedanken nicht mitteilen konnten, verwirrten sie einander Herz und Verstand. Sie versuchte, ihn für ihre Nacktheit zu gewinnen, und er lockte sie mit gesammelten Flammen, reichte ihr manchmal eine seltene Leblosigkeit oder sagte ihr einfach in seinem Kuddelmuddel von Sprache, wohin er seine Hand gern legen mochte, und tat es dann. Im Laufe der Zeit brach der Himmel wieder hervor mit seinem Sternenvolk und Mond und Sonne. Die Jahreszeiten kehrten zurück, und die Laute wurden wieder an ihre wahren Erzeuger zurückverwiesen; Vögel zwitscherten und Schatten blieben stumm. Sie brachte ihm das Kauen und das Schlucken bei, und er ließ es sich von ihr zeigen. Wohin sie gingen oder was aus ihnen geworden ist, weiß niemand. Manche meinen, sie seien die Letzten gewesen, die auf dieser Erde gesehen wurden, andere glauben, die Allerersten.

I. Lilith

Eine Frau ist eine dunkle Kammer/ Eine Frau ist ein Meer/ Eine Frau ist ungehorsam/ Eine Frau ist verdammt/ Eine Frau wohnt unter Dämonen und bringt Totgeborene zur Welt/ Eine Frau hat keine Milch in ihren Brüsten/ Eine Frau hat Eulenfüße/ Eine Frau bricht den Hausfrieden/ Eine Frau lauert unter Türschwellen, in Brunnen und Latrinen/ Eine Frau führt Männer in die Irre/ Eine Frau wird zum makabren Klischee/ Eine Frau wird aus dem Buch gestrichen/ Eine Frau findet keinen Ort für Rast

Schwarzes Meer

Katharina die Große schreibt gern. Jeden Morgen steht sie um sechs Uhr auf und geht für drei Stunden ihrer literarischen Arbeit nach, bevor sich ihre Diener die müden Augen reiben. Zuerst wäscht sie sich Gesicht und Ohren mit Eis. Dann trinkt sie fünf Tassen vom stärksten Kaffee, setzt sich mit dem Federkiel vor die Kerze und verfasst in großer, fließender Schrift Instruktionen, Korrespondenzen, Memoiren, Fabeln, Geschichten und Komödien. Ihre Produktion ist gewaltig. Sie beendet ein Stück nicht erst, bevor sie ein nächstes anfängt; das erste bleibt für immer unvollendet.

Das schwärzeste aller Meere schickt die Pest nach Europa. Schwarz: Ein aschbleiches Blau, das alles Menschengemachte, alles Menschenzerstörte gesehen hat.

Der Kornhandel entgleitet zu anderen Seehäfen; einzig die Bäume, die der Duc zu Zeiten des Opernhauses und der bestickten Tücher gepflanzt und gegossen, wiegen sich fort in den Augustnächten.

Zar Nikolaus II. rekrutiert rechte Truppen, bekannt als die Schwarzen Hundert, die jeden töten, der nicht russisch ist, zaristisch oder orthodox. 1905 erleiden die Juden von Odessa das blutigste aller Pogrome.

Katharina die Große steht auf ihrer Säule, während – weiter oben noch – das V der ziehenden Vögel zum Meer hin pfeilt.

Puschkins Büste auf Granit, mit feschen Fischen und der Inschrift »von den Odessiten«; so weiß man, von wessen Geldern sie errichtet wurde. Das Opernhaus vor und nach dem »Großen« Brand. Die Uspenski-Kathedrale mit himmlischen Glocken, überfallen, dann saniert. Der Woronzow-Leuchtturm wurde nach seiner Zerstörung zylindrisch wiedererrichtet. Der Bahnhof: klassizistisch, die erste Klasse zur Puschkinska hin, die dritte zum Alten Heuplatz, zerstört. Neu errichtet im alten Stil. Und die Stufen zum Meer, 192, sind ein paar weniger jetzt.

An der Potemkin’schen Treppe steht ein Hochstaplerpaar und schnürt einen wilden Adler, eine Eule und einen Fasan auf ein Kreuz aus Metall. Kinder fächern dem Fasan die Federn. Für ein paar Münzen kann man den Vögeln über die weichen Schädel streichen oder sich die Eule auf die Schulter setzen lassen. Die Eule hatte das Paar bei Nacht gefangen, in der Nähe der Katakomben, wo sie jenen Gaunern und Verfolgten als Glücksbringer galt, die zu spät kamen, um die Stadt noch auf dem Seeweg zu verlassen.

Exil

An einem heißen Julimorgen reist Mimi mit ihren Eltern ab. Ihr schmächtiger Körper lehnt an der Reling der Jekaterina, Kurs nach Kanada. Vom Hafen winken die Brüder. Mimi denkt nicht an das, was sie nicht wiedersehen wird.

Ihr Vater verweigert das Essen an Bord, weil es nicht koscher ist. Rinderbraten, Dörrpflaumenkompott und Baked Beans. Ein Mädchen auf dem Schiff erkrankt an Masern. Mimi ist vier Wochen krank und wird nach der Ankunft in Montreal in eine Klinik verbracht. Frauen mit schwarzen Schleiern scheinen von Käfern bedeckt. Bis ins hohe Alter noch würde Mimi den Geschmack von Dörrpflaumenkompott im Mund haben, bevor sie erkrankte.

Sie entkommen dem Schnaufen, dem Wind eines lichtlosen Tags.

Das Ritual aus Stille, Hunger und Orientierungslosigkeit zeugt Wolfsmütter.

Erst. Mal. Gibt. Es. Schmale. Kost.

Maurer $7.00, Dreher $6.00, Klempner $6.00, Klempnergehilfen $2.50, Estrichleger $5.00, Steinmetze $4.75, Tischler $4.00, Handlanger $4.00, Hufschmiede $4.00, Schmiede $4.00, Fliesenleger $4.00, Glaser $4.00, Schildner $4.00, Verputzer $4.00, Schindler $4.00, Maschinisten $3.75, Möbelschreiner $3.50, Walzwerker $3.50, Ungelernte Arbeiter $2.00 bis $2.50.

Mimis Vater, Torah-Lehrer im Osten, wird im Westen Hausierer.

Einmal verirrt er sich in einer Wohngegend und steht plötzlich vor einem jiddischen Theater, wo eine Gruppe von Schauspielern eine Übertragung von Shakespeares Der Sturm probt. Eine Weile lauscht er den gedämpften Gesprächen, den flüsternden Stimmen. Caliban ist ein großer ungarischer Jude mit einem Lispeln. Miranda fragt in die Runde: »Fun wonen is a Jid?«

Mimi lädt Fremde zu sich nach Haus, hat einen stattlichen Busen, entsinnt sich nie ihrer Kindheit. Sie erinnert an Marie-Antoinette oder Madame Bovary. Das Herrische in einer Frau kommt schnell zu Fall.

»Sie war so beliebt, dass sie ohne Freunde starb«, wird man später sagen.

Mimi hat eine Krankheit. Die Krankheit ist ein Kreischen, ein katzenfreundliches. Sie kann für ein paar Tage verschwinden, ausbrechen, und wieder verschwinden. Es ist wie beim Feuer in Neros Rom; niemand weiß, ob Mimi die Krankheit selbst gelegt hat.

Manchmal poliert sie die ganze Nacht lang das Silber. Oder brüllt ein Kirchenhaus an: »Ich spreche kein Erzengelisch!«. Dann kauft sie sich von Vaters Ersparnissen Kleider und Schmuck und zündet, die Rubine im BH versteckt, am Abend vor Schabbat feierlich die Kerzen.

Sie treffen sich bei einer Hochzeit an der Küste. Sanftlila Sonnenschirme und ein Wandelgang zum Meer. Mimi tritt zum Schrei der Möwen aus einem weißen Zelt. Sie geht aufs Wasser zu und trifft ihn am Pier. Ihr Blick durchbohrt die Ferne.

»Wie die Sonne glitzert«, beginnt er.

»Sie glitzert immer«, zischt sie.

Die Stille wird vom Rhythmus der Wellen erfasst, und ohne ihn eines Blickes zu würdigen ruft sie unvermittelt: Ho, Europa, und winkt mit ihrer Handschuhhand.

Und er, mit Buster-Keaton-Miene, polierten Schuhen und rauchiger Stimme, ist so bezaubert von ihren Purpurlippen, den hohen, blassen Wangenknochen, dem Lachen, das aus ihrer Brust geflügelte Lettern entlässt. Er ist so hin und weg von ihrem Geplauder über die Donau, ihre unglücklichen Vorfahren, den Aktienmarkt und all das Gold, das sie finden wird, dass er einen Kredit aufnimmt und ihr einen Ring an den kalten, weichen Finger steckt.

Das Winterland mit seinen blattlosen Bäumen sieht aus wie ein Stoppelgesicht. Mimi schreitet in einem Satinmantel auf und ab. »Der Atlantik«, seufzt sie, »macht mir Alpträume.« Die Türklingel geht schon früh am Morgen. Ist ihr Mann im Geschäft, empfängt Mimi den ganzen Tag Besucher. Sie serviert Kuchen, kandierte Früchte und russische Sprichwörter. Endlich hat sie eine Straße. Farwell Avenue. In Milwaukee.

Falken zeichnen sich ab vor dunklem Ackerland. Im Herbst scheinen die Himmel zu sinken. Sie hat einen schönen Namen, aber hierzulande wird sie von allen nur Mimi genannt. Ihr Lachen lässt Fenster zersplittern. In der Kälte draußen wächst es heran und betrauert das Haus. Sie trägt Kleider, Federkleider. In Amerika und für Amerika.

Mimi nennt ihre Kinder »kleine Gesichter« und schreibt jedem an die Wiege: Geh, denn du hast weder Anteil noch Erbe hier. Damit Sukkuben und verstoßene Geister ihre Babys nicht erwürgen. Sie erzählt ihrem Lieblingskind von den »Nestern« und streicht ihm dabei über die Locken. Die Nester, sagt sie, machen Gesetze. Sie kommen aus den niederen Regionen. Ihre langen Finger zwirbeln.

Sie ist keine gebildete Frau, hat Bücher nur zur Dekoration. Posthume Jackie-O.-Biografien neben Jiddischen Liedersammlungen.

Manchmal zeigt sie ein Bild von Odessa, vom Primorskij Boulevard mit seinen Akazien, und beklagt den Verlust der griechischen und türkischen Cafés, der deutschen Bäckereien und französischen Friseure.

Die sonntägliche Purpursuppe reicht die ganze Woche.

Ihre Lieblingsgeschichte ist Tod. Wenn du stirbst, gehst du an einer Wand aus Steinen entlang, die aus der Erde ragen wie lange Gebeine. Wenn du stirbst, fällst du in einen Brunnen hinab und bringst Blut zum Spiegelbild des Monds. Wenn du stirbst, trägt dich die vogeltötende Halluxkralle zum Orionbogen hinauf. Wenn du stirbst, kehrst du zurück zu Lehm und Nebel. Wenn du stirbst, wimmern die Golems. Wenn du stirbst, verschwindet die Welt. Wenn du stirbst, werde ich sterben.

Mimis Sohn, der miesgeborene, wird herausgezogen wie Wasser aus einem Brunnen. Große Zangen haben den Nacken fest im Griff. Taumeln der Laute, er drängt zurück. Seine Arme: Ruder. Die Drosselvene pocht. Auf dem Dach sind Eichhörnchen. Mimis Worte krächzen die Kehle herauf und fallen aus ihrem Mund wie unreife Beeren. Es braucht mehrere Schwestern, um Mimi zu halten. Sie brüllt. Frau der tausend Köpfe auf allen vieren; die Zange steckt noch irgendwo fest. Das Eibrot erbrochen auf weißen Laken. Das Baby ist plötzlich von taubem Fleisch umgeben, sein Kopf in der trägen Strömung eines dunklen Weihers.

Die seltsamsten Augenblicke sind immer von Lächeln bevölkert.

Wenn Kinder im Schlaf lächeln, sagt Mimi, dann spiele Lilith mit ihren weichen Gliedern, bevor sie ihnen das Mark aus den Knochen saugt.

Mimi warnt vor dem Winter. Keine Verträge, keine Reisen. Keine Geburten, keine nächtlichen Einfälle. Seit Jahren spendet sie dem Krankenhaus Geschenke. Bis ihr Sohn mies geboren wird. Mimi behauptet, dass die Hände des Arztes zittrig und die Augen blutunterlaufen gewesen seien. Der Gerichtsprozess macht Mimi im ganzen Ort bekannt. Sogar die Zeitung schreibt über sie.

Eine Nachbarin, die die Zukunft sehen kann und oft mit Tieren spricht, wird beim Abendessen blass. Sie lässt ihren Löffel in die Suppe fallen und blickt zu Mimi hin. »Da sitzt eine Krähe auf deinem Kopf«, sagt sie. Mimi bröselt Brot auf ihren beinschwarzen Haarkranz und fragt: »Frisst sie?«

Vögel nisten sich in den Schränken ein, Mäuse hinterm Kühlschrank. Mimis Muttermal auf der Wange sieht aus wie ein zerkautes Stück Fleisch, das dörrt auf der Haut. Sie zupft sich jeden Morgen vier Wimpern aus und gibt sie ihren Kindern. Die pusten ihre Wünsche über den Frühstückstisch.

Mimi züchtet Männer. Es geht das Gerücht, Mimi kümmere sich, nachdem sich ihr Ehemann in seinen frühen Tod ergeben, auf außergewöhnliche Weise um ihren miesgeborenen Sohn. »Ich bin die einzige Frau, die das für ihn tun würde«, gesteht sie später.

Ihr letzter Sohn wird kein Holzfäller und kein Doktor sein. Er wird nicht heiraten, wird keine Kinder haben. Er lebt mit ihr, bis er dreiundvierzig Jahre alt ist, dann fällt er die Treppe hinunter und blutet sich lautlos aus der Welt.

Danach spielt Mimi Gameshows mit ihren Nerven und schaut Tennisspiele in der Anstalt. Ihr Zimmer ist steril. Auf der Fensterbank stehen sechs Matrjoschkas.

In der Anstalt erzählt Mimi die Geschichte vom Holzschnitzer, mit dem sie einst in einem Haus aus Nussbaum- und Apfelholz lebte. Sie schnitzten Schwäne, tanzende Figurinen und Früchte. Niemand kennt die Geschichte genau oder versteht wirklich, wo und wann was geschah; in einigen Versionen heißt es, der Bildhauer oder Holzschnitzer habe eine Frau gehabt, die mit drei Kindern unten im Tal in einem Bauernhaus lebte und Brieffreundin von Theodore Dreiser war.

Bei anderen Gelegenheiten erzählt sie von ihren Kinderjahren in einem namenlosen ukrainischen Dorf. »Wishniak ist ein rubinroter Kirschlikör. Wir haben die Liköre im Herbst selbst hergestellt. Dann kamen Männer ins Dorf und schmissen mit diesen Likörflaschen unsere Fenster ein. Die Teppiche wurden rot. Die Kirschen pflückten Mutter und ich von den Bäumen hinterm Haus. Wir hatten ein paar Pferde.«

Es bleibt ungeklärt, ob sie in diesem Dorf oder in Odessa aufwuchs, wie sie auf einem Schiff den Hafen von Odessa in Richtung Atlantik verließ oder einen Freund von Dreiser kennenlernte.

Als Mimi in der Anstalt lebt, wird ihr Haar dünner. Sie hat viel zu tun. Sie gehe am Morgen segeln mit einem Millionär, sagt sie, und zeige ihm die Statue von Katharina der Großen hoch oben über den Pflasterstraßen ihrer Stadt. Sie passieren die Adlergrenze und meiden die Straßen, die alten Katakomben und das schwärzeste aller Meere, das alles vom Menschen Gemachte und alles vom Menschen Zerstörte gesehen hat. Hunderte Vögel fluten vom Himmel. Gegen Ende zeichnet Mimi Seekarten und stellt sie neben die Matrjoschkas auf die Fensterbank. Sie sagt, sie müsse das Licht zerteilen, bevor sie stirbt.

Wildnis