Und dann noch du! - Sanne Hipp - E-Book

Und dann noch du! E-Book

Sanne Hipp

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Beschreibung

Nathalie Sommermaiers Ehe ist gescheitert. Kein Drama, sagt sich die Hausfrau und Mutter, schließlich geht es vielen anderen betrogenen Ehefrauen genauso. Notgedrungen sucht sich die gelernte Arzthelferin einen Job, stellt sich aufgrund ihres langjährigen beruflichen Ausscheidens auf Schwierigkeiten ein. Eine sofortige Jobzusage in einer urologischen Praxis überrascht sie selbst. Es gibt ihr die Zuversicht, das Leben mit ihrem Sohn auch als Alleinerziehende zu bewältigen. Eine Hoffnung, die einen Dämpfer bekommt, als sie die Ärztin kennenlernt, die zur Zeit ihres Vorstellungsgesprächs im Urlaub gewesen war. Mit ihrem Erscheinen kann sich Nathalie plötzlich erklären, warum diese Praxis einen ständigen Personalnotstand hat. Wie lange wird sie es mit ihr aushalten? »Und dann noch du!« ist eine lesbische Romance mit zwei Protagonistinnen, die mitten im wahren Leben stehen. Entsprechend dem Setting einer urologischen Praxis enthält das Buch Themen und Szenen von und mit männlichen Patienten.

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Sanne Hipp

Und dann noch du!

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Ein lesbischer Liebesroman

Nathalie Sommermaiers Ehe ist gescheitert.

Kein Drama, sagt sich die Hausfrau und Mutter, schließlich geht es vielen anderen betrogenen Ehefrauen genauso.

Notgedrungen sucht sich die gelernte Arzthelferin einen Job, stellt sich aufgrund ihres langjährigen beruflichen Ausscheidens auf Schwierigkeiten ein.

Eine sofortige Jobzusage in einer urologischen Praxis überrascht sie selbst. Es gibt ihr die Zuversicht, das Leben mit ihrem Sohn auch als Alleinerziehende zu bewältigen.

Eine Hoffnung, die einen Dämpfer bekommt, als sie die Ärztin kennenlernt, die zur Zeit ihres Vorstellungsgesprächs im Urlaub gewesen war. Mit ihrem Erscheinen kann sich Nathalie plötzlich erklären, warum diese Praxis einen ständigen Personalnotstand hat.

Wie lange wird sie es mit ihr aushalten?

 

»Und dann noch du!« ist eine lesbische Romance mit zwei Protagonistinnen, die mitten im wahren Leben stehen.

Entsprechend dem Setting einer urologischen Praxis enthält das Buch Themen und Szenen von und mit männlichen Patienten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1

Anfangs dachte Nathalie noch, die leicht autistische Symptomatik ihres Mannes habe sich verschlimmert. Er hörte ihr kaum mehr richtig zu, schien immer abwesend zu sein, an den ohnehin wenigen Wochen im Jahr, in denen er am Familienleben teilnahm.

Aber ihre Sorge war unbegründet. Nichts hatte sich verschlimmert. Er war nur verliebt – in eine andere Frau.

Und der Abend, an dem er ihr genau das mitteilte, war ihr fünfzehnter Hochzeitstag.

 

»Ich muss dir etwas sagen.«

In der Stimme ihres Mannes schwang etwas mit, was neu war. Er klang überraschend positiv, nach einer Woche, in der er größtenteils geschwiegen hatte. In einem ersten Impuls freute sie sich darüber, doch dann wusste sie plötzlich, was er ihr sagen würde. Alles ergab auf einmal einen Sinn. Die zunehmenden Aufenthalte im Ausland, die langen Telefonkonferenzen, auch, wenn er zu Hause war, das Desinteresse an seinem Sohn, an ihr.

»Ich ...«, fing er an, besann sich, begann anders: »Du weißt, dass meine Absichten immer die besten waren, die ganzen letzten Jahre, in denen ich mich um dich und unseren Sohn gekümmert habe.« Seinem Gesicht nach zu urteilen, glaubte er selbst, was er sagte. Immerhin räumte er ein: »Soweit es mir eben möglich war, sicher war ich viel weg ...« Nathalie schwand das Blut aus dem Gesicht. Sie fühlte, wie sie blass wurde, bevor er seinen Satz beendete.

Es war so, wie sie geahnt hatte: Er hatte ein Verhältnis mit einer anderen Frau. Wie lange schon?

Seit über einem Jahr.

Ach was!

Sie musste sich setzen. Ihre Knie wurden schwach.

Sie hörte seine Stimme, als spräche er im Nebenraum. »Du möchtest doch sicher auch keinen Rosenkrieg. Wir können uns gütlich einigen. Natürlich kannst du mit Timmy hier wohnen bleiben. Ich werde sowieso gehen, denn ich habe vor auszuwandern.«

»Was?«, hörte Nathalie sich sagen. Ihre Stimme klang seltsam in ihren eigenen Ohren. »Wann gehst du?«

»So bald wie möglich«, sagte Frank. »Ich habe bereits alles beantragt. Meine Firma weiß Bescheid. Meine neue Adresse ist in Jordanien. Mein Anwalt wird alles regeln, du kannst jederzeit mit ihm Kontakt aufnehmen, wenn du Fragen hast.«

Es durchdrang die innerste Schutzhülle ihres Herzens. Ihr wurde schlecht, und in einem Anflug von Sarkasmus hielt sie es im Nachhinein für eine gute Entscheidung, sich gesetzt zu haben.

So bald wie möglich!, schrie das Echo in ihr. Laut und einnehmend. Beinahe hätte sie nicht mitbekommen, was er als Nächstes sagte:

»Ich packe noch heute das Wichtigste zusammen. Du kommst mit Timmy allein zurecht, hast es bisher ja auch geschafft. Ich weiß es. Es wird sich kaum etwas ändern für euch, wenn ich weg bin.«

Nathalie widersprach ihm nicht, versuchte nicht, ihn zu halten. Sie äußerte sich überhaupt nicht dazu, reagierte auch nicht, als er eine Stunde später über die Türschwelle ihrer gemeinsamen Wohnung schritt, in der sie und ihr Sohn Timmy ihr Leben nun allein weiterführen sollten.

Aber er hatte recht, es änderte sich wirklich nicht viel. Sie war schon lange allein für alles verantwortlich. Nur der Status ›getrennt lebend‹ machte es offiziell, dass ihre Ehe nun vorüber war. Ihm würde der Status ›geschieden‹ folgen, obwohl sie das nie gewollt hatte.

Sicher führten sie nicht die beste Ehe, aber immerhin hatten sie sich doch versprochen, füreinander da zu sein. Zählte das gar nichts? Warum verlor alles im Leben so rasch seine Gültigkeit?

Sie würde es ihrem Sohn sagen müssen.

Timmy war irgendwo bei Freunden, mitsamt seinem Laptop. Computerparty nannten sie es. Nathalie wusste, sie spielten irgendein Ballerspiel.

Wenn er nach Hause käme, würde sie es ihm sagen.

Bis dahin könnte sie noch eine Runde laufen. Sie ging ins Bad, duschte. Ja, sie duschte vor dem Sport, hatte das Gefühl, es jetzt tun zu müssen, duschte lange und ausgiebig, zelebrierte den Start in ihr Single-Dasein.

Zehntausende von Frauen waren in Stuttgart alleinerziehend, es war nicht angebracht, in Selbstmitleid zu verfallen. Sie ließ ihr halblanges Haar feucht, wie es war, schlüpfte in ihre Sportklamotten, entschied sich für die Laufschuhe mit den weichsten Sohlen, als wollte sie heute besonders sanft zu sich sein. Sie schloss die Wohnungstür hinter sich, schritt durch den ebenerdigen Hausflur, ärgerte sich heute nicht über die dort abgestellten Kinderwagen, die ihr oft genug den Weg versperrten, und schloss die schwere Haustür hinter sich. Sie atmete tief ein, bemerkte, wie sie danach hungerte, sich unter Menschen zu begeben. Jetzt bloß nicht allein sein.

Nach ein paar Blocks fing der Schlossgarten an, er bot ihr genügend Raum, sich zu verausgaben. Sie lief weiter, immer weiter, bis zum unteren Schlossgarten und zurück, durch den grünen Park mit seinen Teichen, in denen sich Enten und Schwäne tummelten.

Seit frühester Jugend betrieb sie Sport, seit sie verheiratet war, zunehmend exzessiv. Es begann damit, dass sie immer lief, wenn das Gefühl der Einsamkeit sie überkam, der Wunsch nach Zweisamkeit in ihr auftauchte und nicht gestillt wurde. Sie lief. Immer mehr, immer länger. Die Teilnahme am Marathon und Halbmarathon war ihr zur Routine geworden. Vielleicht war der Sport sogar an die Stelle vorgerückt, die eigentlich dem Partner vorbehalten war. Das mochte zutreffen.

Immerhin hatte er ihr eine jugendliche Figur erhalten, einen straffen Körper und Ausdauer.

Ihre Freundinnen beneideten sie darum, insbesondere Gertraud, ihre beste Freundin, die leider aus Zeitmangel nicht zu einer sportlichen Betätigung kam.

Sagte sie zumindest.

2

Timmy kam zur abgemachten Zeit nicht nach Hause. Nathalie war sich unsicher, ob sie sich darüber ärgern oder Nachsicht mit ihm üben sollte. Schließlich war Samstagabend.

Trotzdem machte sie sich Sorgen. Eine WhatsApp blieb unbeantwortet. Sie ging zu Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken. So stand sie wieder auf, saß weit nach Mitternacht im Wohnzimmer, nahm einen Krimi zur Hand, den sie vor Wochen schon zu lesen begonnen hatte. Sie fand nicht mehr in die Geschichte hinein, legte das Buch schließlich zur Seite, blickte sich um.

Alles im Raum schien ihr Alleinsein auszustrahlen. Die übervollen Bücherregale, die Stehlampe, die in flackerndem Licht vor sich hindümpelte. Längst hatte Nathalie eine Neue kaufen wollen. Der Teppich im Wohnzimmer war ein Erbstück ihrer Schwiegermutter. Sie würde ihn auf den Müll werfen, in den kommenden Tagen, nahm sie sich vor.

Das war also von ihrem Leben übriggeblieben: Eine große Wohnung, in der sie sich plötzlich einsam fühlte. Warum erst jetzt, nachdem es mit ihrem Mann offiziell war? Warum nicht schon in den Jahren zuvor? Sie wusste die Antwort nicht.

Sie hatte nur ein Kind, dabei hatte sie sich immer mehrere gewünscht. Wenigstens konnte sie dem einen ein gut behütetes Leben bieten. Timmy war in gesicherten Verhältnissen großgeworden, hatte die Chance bekommen, alle möglichen Sportarten, Vereine und Musikinstrumente ausprobieren, war letztendlich bei Handball und Saxofon hängengeblieben, sehr zur Freude seiner Mutter. Nathalie unterstützte ihn bei allem, was sie als eine sinnvolle Betätigung ansah, war stets Ansprechpartnerin für ihn, wenn sie sich auch vornahm, ihn nicht zu sehr zu bemuttern.

Oft waren Klassenkameraden bei ihm zu Besuch, manchmal über das ganze Wochenende, nur, um ihn nicht wie ein typisches Einzelkind zu erziehen. Bei ihnen waren alle willkommen.

Dass sie sich letztendlich ganz und gar um Haushalt und Kindererziehung gekümmert hatte, lag daran, dass sein Vater immer öfter im Ausland war.

Wie hatte er es nur geschafft, ihr so lange vorzugaukeln, dass es eben nicht anders machbar war? Seine immer länger werdende Abwesenheit, die vielen Telefonate und Skype-Anrufe, die zunehmend ihr Familienleben ersetzten? Hatte sie wirklich nicht geahnt, dass es eines Tages völlig vorbei sein könnte?

So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Und mit Timmy würde sie auch reden. So konnte es nicht weitergehen, dass jeder machte, was er gerade wollte.

Sie musste auf dem Sofa eingeschlafen sein, denn sie erwachte, als sie Timmy ins Bad poltern hörte. Kurz darauf fiel seine Zimmertür ins Schloss. Beruhigt ging auch sie ins Bad, kuschelte sich ins Bett und schlief sofort ein.

Am Morgen stand sie auf, wie an einem gewöhnlichen Tag, machte ihre zehn Minuten Gymnastik, duschte, zog sich an, trank eine Tasse Kaffee und stürzte sich in die Hausarbeit. Nachdem sie gesaugt und gewischt hatte, Bad und WC geputzt, den Korb Wäsche weggebügelt hatte, überlegte sie, was sie zu Mittag kochen konnte.

Um halb eins weckte sie ihren Sohn. »Es ist schon Mittag. Hast du keinen Hunger, mein Schatz?«

Ein Grunzen kam aus der Richtung der überbreiten Matratze, die auf dem Boden lag. »Ma, lass mich in Ruhe. Ich bin spät heimgekommen.«

»Ich weiß, ich habe es gehört. Aber steh jetzt auf, ich muss dir was sagen.«

Als ihr Sohn sich schlaftrunken aus der Decke schälte und zu ihr in die Küche kam, sagte sie ohne lange Vorrede: »Dein Vater ist ausgezogen. Wir haben uns gestern getrennt.« Sie wollte es hinter sich haben, Hauptsache, es war ausgesprochen. Dass er von seinem Vater nicht viel hatte, wusste er selbst.

Nathalie konnte nicht erkennen, ob und was diese Information bei ihm auslöste. Timmy verdrehte die Augen, machte Anstalten, in sein Zimmer zurückzugehen. »Und deshalb holst du mich aus dem Bett? Weck mich, wenn es Mittagessen gibt, ja?«

»Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?« Sie hielt ihn am Arm fest.

Er riss sich ungehalten los. »Hey, Mann, beruhig dich mal! Der Alte war doch eh nie zu Hause. Warum regst du dich so auf?«

Erschrocken trat Nathalie einen Schritt zurück, ließ es zu, dass Timmy wieder verschwand, hörte seine Tür überlaut ins Schloss fallen.

Mit dem Gefühl, es falsch angepackt zu haben, setzte sie sich in der Küche auf einen Stuhl. Das war nicht so gelaufen, wie sie es sich ausgemalt hatte. Kein Bedauern, keine gegenseitige Versicherung, jetzt füreinander da zu sein. Jetzt umso mehr, wo sein Vater ganz weg war. Da war nur ein genervter Sohn, der den Eindruck machte, als wäre ihm alles egal, als hätte er es schon längst gewusst.

Sie brauchte eine ganze Weile, um zu erkennen, dass ihr Sohn genauso geschockt war wie sie. Sie durfte jetzt nicht den Fehler machen, in ihm einen Partner zu sehen, der zu ihr halten würde. Sich danach zu sehnen, zeigte, wie verunsichert sie selbst war. Ihr Sohn war in der Pubertät, brauchte sie jetzt mehr denn je.

Wenn sie mit jemandem reden wollte, dann mit einem Erwachsenen. Gertraud! Natürlich. Ihre beste Freundin. Nathalie suchte ihr Handy, tippte auf ihren Namen, der als Drittes auf ihrer Kontaktliste stand.

»Gerti?«, fragte sie, als sie ihre Stimme hörte. »Stör ich dich, oder hast du kurz Zeit?«

Die Freundin am anderen Ende zögerte kaum, bevor sie mit der Stimme einer Frau, die zu allem bereit war, sagte: »Ja, für dich immer.«

»Frank und ich haben uns getrennt. Gestern.«

Pause am anderen Ende. Dann Gertraud, die es mal wieder auf den Punkt brachte: »Und warum hast du dann gestern nicht schon angerufen?«

Nathalie lachte auf – und dann fing sie an zu heulen. Es brach plötzlich aus ihr heraus, für sie selbst überraschend.

»Ich bin in fünfzehn Minuten bei dir«, hörte sie ihre Freundin durch den Lautsprecher. »Du bist doch zu Hause?«

»Ja«, schluchzte Nathalie, »du brauchst nicht zu kommen, Gerti, ich brauche nur jemanden zum Reden, mach dir keinen Stress ...«

Aber Gertraud hatte schon aufgelegt.

Nathalie stand auf, blickte sich um. Wie sah es hier eigentlich aus? Konnte man so eine Freundin empfangen?

Getraut brauchte genau zwanzig Minuten. Wie sie es geschafft hatte, war Nathalie ein Rätsel. Sie hatte doch selbst einen Mann und zwei Kinder, und dann machte sie sich noch auf den Weg zu ihr. Ein schlechtes Gewissen überkam sie. Es wäre doch nicht nötig gewesen, deshalb sofort zu kommen. Es passierte täglich Hunderten oder Tausenden von Frauen, dass sie betrogen und verlassen wurden.

Als sie Sturm läutete, sprang Nathalie auf, hastete zur Tür. Getraut stand davor, sah aus wie das blühende Leben. Ihr langes Haar fiel ihr locker auf die Schultern. In leuchtendem Kastanienrot. Sie war dezent geschminkt, zum Ausgehen gestylt.

»Was hattest du vor, bevor ich dich angerufen habe?«, fragte sie schuldbewusst.

Gerti winkte ab. »Meine Schwiegermutter hat uns heute alle zum Kaffeenachmittag eingeladen. Du hast mir den Tag gerettet.« Sie lachte ganz ungeniert. »Klaus hat sofort verstanden, dass ich ganz dringend zu dir muss, als ich ihm erzählt habe, dass ihr euch getrennt habt. Jetzt ist er also mit den zwei Bälgern bei seiner Mutter, und ich bin bei dir. Etwas Besseres konnte mir heute gar nicht passieren.« Sie küsste sie auf beide Wangen, schob sich an ihr vorbei. Sie schnupperte demonstrativ. »Oh, gibt’s Kaffee?«

Die Kaffeemaschine zischte und spuckte noch, als läge sie in den letzten Zügen. Beide Frauen blieben vor ihr stehen, und für einen Moment sah es so aus, als wollten sie schweigend zusehen, wie auch der Rest Wasser durch die Maschine lief.

»Kam das für dich überraschend?« Gerti sah sie mehr interessiert als mitfühlend an.

»Nein ... und ja«, Nathalie fuhr sich durch ihr halblanges, stufig geschnittenes Haar. »Wie das eben so ist. Man leugnet es bis zuletzt, redet sich ein, dass es anderen auch nicht besser geht und dass ein gewisses Auseinanderleben normal ist nach fünfzehn Jahren Ehe. Aber wenn man dann auseinandergeht, kommt es trotzdem völlig überraschend.«

»Du liebst ihn doch schon lange nicht mehr, oder?«

Nathalie starrte auf die Kaffeekanne in ihrer Hand. Sie zögerte einige Zeit, ehe sie antwortete. »Doch, irgendwie schon noch, obwohl ich die letzten Jahre eigentlich Single war. So gesehen. Trotzdem mochte ich ihn, freute mich auf die Tage, die er hier war. Erst in letzter Zeit hatte ich das Gefühl, er ist nicht mehr richtig zu uns zurückgekehrt.« Ihre Hand zitterte, als sie zwei Tassen füllte. »Aber der Junge braucht doch einen Vater«, wiederholte sie das Mantra, das die ganzen letzten Jahre durch ihren Kopf gespukt war.

»Hatte er den jemals? Dazu war er viel zu selten zu Hause. Gab es bei euch überhaupt noch ein Familienleben?«

»Sicher habe ich mich in erster Linie um Timmy gekümmert. Was die Schule angeht, die Elternabende, den Nachhilfeunterricht, Musikschule und so weiter. Aber so war das ja auch ausgemacht.«

»Und ihr als Paar. Gab es zwischen euch noch etwas?«

»Was meinst du? Sex? Ja, den gab es. Zumindest noch bis zu seinem letzten Heimurlaub. Oder meintest du etwas anderes?«

»Ja, ich meinte etwas anderes. Ich meinte einen Menschen, der für dich da ist, sich für dich und dein Leben interessiert und du dich für seines.« Gerti atmete hörbar aus.

»Ah«, sagte Nathalie, als hörte sie das zum ersten Mal. »Nein, er hat nie viel gefragt, wenn er hier war.«

»Du meinst, er hat sich nicht sonderlich für euch interessiert.« Es war keine Frage, mehr eine Feststellung.

»Er war immer sehr angespannt, auch wenn er zu Hause war. Mit seinem Job hatte er sicher viel Verantwortung, und er musste auch zu Hause immer erreichbar sein.«

»Mich wundert es, dass du nicht früher etwas unternommen hast. Weißt du, ich dachte mir schon so oft: Was machst du eigentlich die ganze Zeit über, wenn dein Mann so viel weg ist? Ich meine, du bist eine gutaussehende, junge, gesunde Frau, die ihre Bedürfnisse hat ...«

Nathalie fing zu lachen an, bevor ihre Freundin ihren Satz beendete. »Zur Not nehme ich meinen Vibrator.«

Gerti verzog das Gesicht. »Du weißt, was ich meine«, sie verdrehte die Augen, »es gibt auch andere körperliche Bedürfnisse, außer Sex. Fehlt es dir nicht, dich an jemanden anzulehnen? Einfach mal mit jemandem zu kuscheln?« Sie machte eine Pause, lachte dann. »Was ist schon Sex?« Sie zog eine Grimasse, die Nathalie verriet, dass auch das Liebesleben ihrer besten Freundin nicht ohne Defizite war. »Aber im Ernst, mich wundert es schon lange, dass du keinen Liebhaber hast, niemanden, der für dich Zeit hat für romantische Stunden. Brauchst du das gar nicht?«

»Ich laufe, Gerti. Wenn ich mich danach sehne, dann laufe ich einfach.«

Gertis Blick verlor sich irgendwo im Wohnzimmer, und als er zu ihr zurückkehrte, sagte sie: »Dann wundert es mich wirklich nicht mehr, dass du Marathon läufst.«

»Siehst du.«

Gerti strich sich die Haare aus dem Gesicht. Eine Verlegenheitsgeste. Dann fragte sie: »Und Frank beansprucht seinen Sohn nicht für sich?«

Nathalie lachte auf, wie über einen schlechten Witz. »Er kennt ihn doch kaum. Nein, er und ich dürfen hier wohnen bleiben, sagt er. Außerdem würde kein Gericht der Welt ihm seinen Sohn zusprechen.«

»Möchtest du wirklich hier wohnen bleiben? Ich meine, es ist eure gemeinsame Wohnung, hier stecken alle Erinnerungen ...« Gerti beendete ihren Satz nicht.

»Die Wohnung haben wir damals auch mit meinem Geld gekauft, da kann er keine Forderungen an mich stellen. Timmy und ich bleiben auf jeden Fall hier. Er soll hier erst mal seine Schule beenden.«

Gerti verstand es zu gut. »So gesehen ändert sich nicht viel für euch.« Dann kam ihr ein Gedanke. »Zahlt er dir Unterhalt?«

»Nein, natürlich nicht. Ich werde mir einen Job suchen müssen«, sagte Nathalie. »Das hätte ich schon längst tun sollen, aber dann wäre doch niemand mehr für Timmy da gewesen. Aber jetzt, jetzt ist er fünfzehn, jetzt braucht er mich nicht mehr sehr.« Sie überlegte. »Obwohl, vielleicht wäre es doch gut, wenn ...«

»Hör bloß auf! Der Junge leidet nicht darunter, wenn seine Mutter nicht immer um ihn herumtanzen kann. Was hast du gelernt – Arzthelferin?«

Gerti brauchte einige Zeit, um sich daran zu erinnern. Es war kaum Thema zwischen den beiden Freundinnen gewesen, sie hatten immer ihre Männer gehabt, die gut verdienten.

»Ja, Arzthelferin«, wiederholte Gerti andächtig. Aber die letzte berufliche Tätigkeit lag schon lange zurück. Zuletzt war sie in einer Hausarztpraxis in Bad Cannstatt beschäftigt gewesen, bevor sie Frank kennengelernt hatte, der sie ziemlich rasch geheiratet hatte. Gerti hatte sie noch beneidet, um ihren Mann, der so rasch Tatsachen schaffte. Aber, wie es aussah, hielt das Glück kein Leben lang an.

»Aber das ist über fünfzehn Jahre her«, grübelte Nathalie, »da kann ich mir keine allzu großen Hoffnungen machen, wieder einsteigen zu können.«

»Es gibt genügend Ärzte in der Gegend. Die suchen alle immer mal wieder jemanden. Erst vor Kurzem habe ich ...« Gerti überlegte. »Da stand eine Anzeige in der Zeitung. Eine urologische Praxis in der Innenstadt. Die ist mir aufgefallen, weil die so originell war. Guck doch mal, im Wochenblatt.«

Nathalie nickte. »Hast du mir auch einen guten einen Anwalt?«

»Sicher, meine Cousine. Sie hat in Stammheim eine Kanzlei für Familienrecht. Ich mail dir die Adresse, ja?«

Die Tür zum Kinderzimmer öffnete sich. Beide Frauen hörten Timmy den Flur entlangkommen. Er blinzelte verschlafen in Richtung Wohnzimmer. »Hi, Gertraud«, sagte er höflicher, als Nathalie erwartet hatte. Dann drehte er ab in Richtung Bad, nicht, ohne sich zuvor zu erkundigen: »Was gibt’s zu essen?«

Die beiden Frauen sahen sich an.

»Ich habe schon was vorbereitet, aber nur für zwei ...«, fing Nathalie an.

»Papperlapapp«, gab Gerti von sich. »Wie wäre es, wenn wir Kaffee trinken gehen und ein Riesenstück Sahnetorte essen, jetzt? Euer Mittagessen könnt ihr euch auch heute Abend noch einverleiben.«

»Ins Café? Wir drei?«

»Bei dir gibt es doch die gute Eisdiele, gleich um die Ecke«, sagte Gerti. »Ja, das machen wir. Auf geht’s.« Sie zwinkerte ihr zu.

Nathalie hörte in sich keine Stimme, die Einwände gehabt hätte. Im Gegenteil.

»Beeil dich«, rief sie in Richtung Bad. »Gerti und wir gehen in die Eisdiele!«

Das Geräusch aus dem Bad deutete sie als begeisterte Zustimmung.

Wenig später machten sie sich zu dritt auf den Weg.

3

Gerti verabschiedete sich eine gute Stunde später, nach einem Eisbecher und dem zweiten Espresso. Es war überraschend harmonisch, so zu dritt. Sogar Timmy redete für seine Verhältnisse überdurchschnittlich viel.

Es fühlte sich beinahe schon wieder normal an, als sie mit Timmy nach Hause ging, wäre sie nicht kurz darauf dagesessen und hätte darüber nachgegrübelt, wie man heutzutage eine Bewerbung schrieb.

Als sie das Blatt Papier, das der Drucker ausgespuckt hatte, kritisch betrachtete, kam es ihr selbst nichtssagend und langweilig vor. So eine Bewerbung fände keinerlei Beachtung.

»Hast du eine Ahnung, wie man heutzutage eine Bewerbung schreibt? Habt ihr das zufällig schon in der Schule durchgenommen?«, fragte Nathalie ihren Sohn, als sie sich immer noch verschiedene Vorlagen im Internet ansah, die ihr alle irgendwie unpassend vorkamen.

»Musst du dir denn einen Job suchen? Bekommst du kein Geld von dem Mann, der dich vor den Traualtar gezerrt hat?« Ihr Sohn ließ offensichtlich keine Gelegenheit aus, um deutlich zu machen, was er von seinem Vater hielt.

»Unterhaltspflichtig ist er nur dir gegenüber. Ich bin gesund und kann arbeiten gehen«, antwortete seine Mutter sachlich.

»Scheiße gelaufen, was?«

Wollte er sie provozieren? Sie würde die Chance, mit ihm zu reden, nicht zerstören. Es war schließlich das erste Mal, dass sie sich über den Auszug seines Vaters unterhielten.

»Es ist okay. Irgendwie fühlt es sich jetzt besser an. Ehrlicher. Findest du nicht?«

Timmy tat, als müsste er überlegen. »Na ja. Einen Vater zu haben, wäre nicht schlecht. Aber wenn er eh nie zu Hause ist, kann er ebenso gut verschwinden. Hat er eine andere?«

»Ja.«

Er brauchte eine Weile für die nächste Frage. »Schaffen wir das allein?«

»Sicher. Haben wir doch bis jetzt auch getan, oder nicht?«

»Müssen wir jetzt von hier ausziehen?«

»Nein, natürlich nicht. Die Wohnung gehört zu gleichen Teilen mir, das ist kein Problem. Das Einzige, was sich ändert, ist, dass ich einen Ganztagesjob annehmen werde und du mehr allein sein wirst. Das ist alles.«

Sie konnte fühlen, wie ihrem Sohn ein Stein vom Herzen fiel. »Na dann.« Er machte schon Anstalten, wieder zu verschwinden.

»Hallo! Hilfst du mir jetzt oder nicht?«, rief Nathalie empört.

»Mann, hey! Ich habe doch auch keine Ahnung!«, sagte er lauter als nötig, dann aber überlegte er. »Warte mal, wir hatten da ...« Er beendete seinen Satz nicht, verschwand in sein Zimmer. Als er zurückkehrte, murmelte er etwas vor sich hin: den Link, den er seiner Mutter nun in den Laptop eingab. »Probier’s mal damit.«

Sofort öffnete sich eine Seite. Eine komplette Vorlage einer Bewerbung mit Anschreiben, Lebenslauf, inklusive aller Textbausteine bezüglich Motivationsangaben etc.

 

Sie suchten gemeinsam nach einem Design, das unaufdringlich und doch professionell aussah, und Nathalie tippte rasch ihre Daten ein. Das Anschreiben schrieb Timmy fast allein beziehungsweise er diktierte es ihr und traf damit einen selbstbewussten, höflichen Ton.

Was der Junge alles konnte, wunderte sich Nathalie.

Nach einer guten halben Stunde war alles erledigt, und das Ergebnis konnte sich sehen lassen.

»Boah!«, sagte Nathalie stolz, mit sich und ihrem Sohn höchst zufrieden. »Danke, mein Schatz!«, betonte sie nachdrücklich, wenngleich es für sie auch nicht einfach gewesen war, ständig den Kommentaren des Heranwachsenden ausgesetzt zu sein. Aber – Timmy hatte sich die Zeit für sie genommen, und sie hatten das Projekt gemeinsam bewältigt, und das hinterließ ein schönes Gefühl.

 

Kaum hatte sie den Brief eingeworfen, bemerkte sie schon ihre Ungeduld in Erwartung einer Antwort. Hatte sie überhaupt noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Es dauerte nicht lange, bis eine Antwort eintraf. Nicht mehr als eine Woche. Eine Woche, die Nathalie damit verbrachte, zuerst das Ehebett zu zerlegen und dann auszumisten. Sie schaffte die Sachen ihres Mannes in die Garage, stellte ihn per WhatsApp vor die Wahl. Hätte er seine restlichen Sachen nicht innerhalb der nächsten drei Tage abgeholt, würde sie alles abgeben, für einen guten Zweck.

Ihr Ex-Mann entschied sich für den guten Zweck, denn er weilte bereits ins Jordanien, bei der Familie seiner Zukünftigen. Sie verabredeten sich zu einem längeren Telefonat in nächster Zeit.

Zum Scheidungstermin käme er zurück. Ob es ihr etwas ausmachen würde, den Anwälten gegenüber zu behaupten, das Trennungsjahr läge bereits hinter ihnen. Schließlich war er doch wirklich so gut wie kaum bei ihnen gewesen.

Nathalie ließ sich nicht lange bitten. Natürlich ginge das. Es hatte sich auch vor einem Jahr für sie schon so angefühlt, als seien sie und Timmy allein. Das machte nun wirklich keinen Unterschied mehr. Die Berechnung des Versorgungsausgleiches würde allerdings mehrere Wochen beanspruchen, so rasch ginge es dann doch nicht. Das müsste ihm seine Ex-Familie noch wert sein. Auf andere Regelungen wollte sich Nathalie nicht einlassen.

Er erkundigte sich nach Timmy. »Es geht ihm gut«, sagte Nathalie genauso kurz angebunden wie die Antwort auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden. Sie gab sich freundlich, wechselte aber kein Wort zu viel mit ihm. Was sollte sie ihm auch sagen? Es gab nichts.

»Wir sehen uns dann am Tag der Scheidung, ja?«, beendete Frank ihre Unterhaltung.

»Ja.«

Die andere Frau schien ihm Druck zu machen. Ob sie ihn gleich sofort heiraten wollte?, fragte sich Nathalie, oder sogar musste? Vielleicht war sie schwanger.

»Schön, dann sehen wir uns ja bald.« Er klang so positiv, dass es sie abstieß.

»Bis dann«, sagte sie und dachte: Du kannst mich mal! Sie schlüpfte in ihre Joggingshorts, musste dringend eine große Runde laufen.

Als sie nach zwei Stunden wieder zu Hause war, steckte ein Brief im Postkasten. Nathalie las den Absender der urologischen Praxis. Sie riss den Brief auf, begriff, dass es sich um eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch handelte, und stieß einen Jubelschrei aus.

Das Leben ging weiter! Sie und Timmy würden es auch allein schaffen.

4

Nathalie entschied sich für ein elegantes Business-Outfit. Womöglich hatte sie ihre Angst vor ihrer eigenen Inkompetenz mit einem zu eleganten Kleidungstil zu kaschieren versucht, dachte sie, als sie in der Straßenbahn saß, sich inmitten der anderen berufstätigen Menschen wahrnahm. Plötzlich erschien sie sich selbst etwas overdressed. Aber egal, jetzt musste sie das Beste daraus machen. Mit dem Vorsatz, sich ganz natürlich und auf jeden Fall bescheiden zu geben, stieg sie aus der Straßenbahn aus, suchte die Fassaden nach der Hausnummer ab. Nach zehn Minuten, in denen sie immer wieder auf ihre Armbanduhr sah, ob sie es denn auch pünktlich schaffen würde, stand sie vor einem Haus aus Beton und Glas mit mindestens zehn Stockwerken. Unten waren etliche Firmen und Praxen ausgewiesen, das Schild der urologischen Praxis entdeckte sie erst nach einem Anflug von Panik, als sie schon befürchtete, völlig falsch zu sein. Sie war nervös. Aber das war auch nicht weiter verwunderlich, schließlich hatte sie das letzte Mal vor einer gefühlten Ewigkeit gearbeitet. Und dabei sprach sie noch nicht einmal von einer urologischen Praxis, sondern von einer gewöhnlichen Hausarztpraxis. Dass sie überhaupt zu einem Vorstellungstermin eingeladen wurde, grenzte an ein Wunder. Mit pochendem Herzen begab sie sich in den vierten Stock. Sie ging langsam, damit sie nicht völlig außer Atem oben ankam. Das würde sicher einen noch schlechteren Eindruck machen. Ihre Vorzüge, die sie angepriesen hatte, waren Belastbarkeit, Freundlichkeit, Kollegialität und Flexibilität. All das würde sie nun demonstrieren müssen.

Auf in den Kampf, sagte sie sich, als sie die Tür zur Praxis öffnete.

Der Geruch von Desinfektionsmittel schlug ihr entgegen und die Ausdünstung eines PVC-Bodens. Ihr erster Blick fiel auf einen ausladenden Empfangstresen. Eine junge Frau mit halblangem, lockigem Haar saß dahinter. Sie war dezent geschminkt, trug ein Headset auf dem Kopf und telefonierte. Ihr Tonfall war freundlich und entgegenkommend, nicht genervt, wie man in Anbetracht des Andranges hätte erwarten können. Vor Nathalie standen noch drei andere.

»Guten Tag, haben Sie Ihre Versichertenkarte?«, fragte eine zweite Arzthelferin, als sie an der Reihe war. Sie war älter als die, die telefonierte, aber nicht weniger freundlich.

»Ich ... äh, ich komme zum Bewerbungsgespräch«, sagte Nathalie unsicher und schaute sich um. Wer hatte alles mitbekommen, dass sie keine Patientin war? Hinter ihr setzte sich die Schlange fort, wieder öffnete sich die Tür, und weitere Patienten kamen.

»Ah, ja!«, sagte die Arzthelferin erfreut. »Nehmen Sie Platz. Ich sage nur kurz Doktor Rohrbach Bescheid.«

Nathalie warf einen Blick in das volle Wartezimmer. Sie zog es vor, am Empfang stehen zu bleiben.

Sie musste nicht lange warten. Ein großer Mann mit dunklem Haar und dunklem, kurz gehaltenen Vollbart kam ums Eck. Er reichte ihr die Hand: »Frau Sommermaier! Schön, dass Sie es einrichten konnten, so rasch bei uns vorstellig zu werden. Kommen Sie doch bitte mit.«

Nathalie schüttelte seine Hand. »Guten Tag.« Sie beeilte sich, ihm in das letzte Zimmer des Ganges zu folgen.

Seine Ausstattung bot, neben allerlei medizinischen Gerätschaften und einer Liege, auch einen Schreibtisch mit zwei Stühlen. »Nehmen Sie doch bitte Platz«, sagte er zuvorkommend und setzte sich selbst hinter den Schreibtisch. »Wie Sie sehen, brauchen wir dringend noch eine weitere Arzthelferin in unserer Praxis. Das Geschäft geht uns nämlich nicht aus.« Er lächelte. Dann blätterte er in den Unterlagen, die er vor sich liegen hatte. Nathalie erkannte sie als die ihren wieder.

»Wann können Sie denn anfangen?«, fragte er.

»Sofort«, sagte Nathalie, nicht weniger direkt. Sie hielt seine Frage für einen Überraschungsaufschlag, den sie gut parieren wollte.

»Oh!« Sein Gesicht hellte sich auf. »Schön.«

Es verwunderte sie, ließ sie aber hoffen.

Dann zögerte er. »Sie haben bisher noch nie in einer urologischen Praxis gearbeitet?«

»Nein, aber ich habe eine rasche Auffassungsgabe«, beeilte sich Nathalie zu sagen.

»Das freut mich. Die werden Sie hier haben müssen. Sie haben natürlich eine gesetzlich übliche Probezeit. Wir bezahlen unsere Mitarbeiter übertariflich, Überstunden allerdings nur nach Aufforderung. Haben Sie noch Fragen?« Sein Blick war freundlich.

Nathalie war irritiert. War sie eingestellt? Und dazu noch so rasch?

Sie hätte ihn am liebsten geküsst. »Nein«, sagte sie. »Nicht jetzt.«

Er lächelte, stand auf. »Nun, falls Sie später noch Fragen haben, wenden Sie sich an Ingrid, die Teamchefin. Sie ist unser guter Engel hier.«

Es dauerte einen Sekundenbruchteil, bis Nathalie begriff, dass es ihm völlig ernst war und sie nun die Feinheiten mit ihrer künftigen Kollegin besprechen durfte. Sie war wirklich eingestellt.

»Wir sehen uns also morgen.« Er schenkte ihr ein Lächeln, sein Blick war abwartend.

»Ja, sicher. Wenn Sie es wünschen.«

»Schön. Kommen Sie.« Er brachte sie wieder nach vorne, stellte sie der älteren Arzthelferin vor. »Ingrid, das ist Frau Sommermaier. Sie kann ab morgen bei uns anfangen. Bitte führen Sie sie in alles ein, was sie wissen muss.« Doktor Rohrbach bedankte sich bei Nathalie, schüttelte ihr zum Abschied freundlich die Hand.

»Dann herzlich willkommen. Fragen Sie Ihre Kollegin, was immer Sie wissen wollen. Wo geht es weiter?«, fragte er Ingrid, bevor er verschwand.

»In der Zwei«, antwortete Ingrid.

Er ließ eine verdutzte Nathalie zurück, die nun von ihrer Kollegin wohlwollend gemustert wurde.

»Nun denn«, sagte Ingrid. »Größe 38 müsste passen, oder 40? Kommen Sie doch gleich mal mit, das überprüfen wir. Wir sind kurz hinten«, sagte sie zu der, die telefonierte.

Die nickte, lächelte Nathalie zu. »Herzlich willkommen im Team. Ich bin Linda.«

Kaum waren sie außer Sichtweite, reichte Ingrid ihr die Hand. »Ich bin die Teamleitung. Insgesamt waren wir fünf Helferinnen, aber zwei haben gekündigt und sind diese Woche nicht mehr zur Arbeit erschienen, und eine ist krank. Sie sehen, wir ...«, sie brach abrupt ihre Ausführungen ab. »Darf ich du sagen? Wir Helferinnen duzen uns alle untereinander, ist das okay?«

»Ja, natürlich. Ich bin Nathalie.«

»Wir haben Unterstützung dringend nötig. Doktor Rohrbach ist heute auch noch allein, da sein Kollege im Krankenhaus Dienst hat. Du musst wissen, dass Mittwoch und Donnerstag unsere Operationstage sind«, ihre Hand machte eine Geste, die die Wichtigkeit ihrer Worte noch unterstrich, »wir haben Belegbetten in der naheliegenden Klinik. Und wenn dann nur ein Arzt in der Praxis ist, dann ist das zusätzlich stressig für uns. Aber nächste Woche entspannt sich das wieder, wenn Doktor Lindtfeld aus dem Urlaub zurückkommt. Du kannst wirklich schon morgen anfangen?«

»Ja, wenn ihr hier so einen Leidensdruck habt«, sagte Nathalie und lächelte zum ersten Mal von Herzen.

Ingrid war begeistert. »Kannst du den Rest deiner Unterlagen schon morgen mitbringen? Ich gebe dir eine Liste mit, was unsere Abrechnungsstelle alles von dir benötigt. Und jetzt kannst du erst mal verschiedene Größen anprobieren, was hier noch so da ist. Sag mir anschließend, was wir dir bestellen müssen, ja?«

»Gerne.«