Und das Fleisch ist wach - Joachim Schrott - E-Book

Und das Fleisch ist wach E-Book

Joachim Schrott

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Beschreibung

Peter wacht an ein Krankenhausbett gefesselt auf und kann sich zunächst an nichts erinnern. Er bemerkt, dass er, wie nach einer Operation, an Apparate angeschlossen ist und immer wieder über ferngesteuerte Infusionen in den Schlaf versetzt wird. Verzweifelt versucht er, hinter das Geheimnis seines merkwürdigen Schicksals zu kommen und beginnt seine bruchstückhaften Erinnerungen zusammenzusetzen. Er vermutet zunächst, dass er einem Organdiebstahl zum Opfer gefallen ist, kann aber in gefesseltem Zustand nicht überprüfen, ob ihm etwas fehlt. Zudem wird jede Anstrengungen wird mit sehr starken Kopfschmerzen quittiert. Als die Infusion, die ihn zum Schlafen bringen sollte für einmal nicht funktioniert, kann er mit einer Krankenschwester, die ihn pflegen soll, Kontakt aufnehmen. Von ihr erfährt er, dass er sehr krank eingeliefert worden sei und man ihm hier das Leben gerettet habe. Da er langsam seine Erinnerung zurückgewinnt und inzwischen weiss, dass er sich kerngesund mit seiner Freundin Nicki im Urlaub auf einer karibischen Insel befand, weiss er bald, dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein muss. Die Krankenschwester ist aus seiner Sicht glaubwürdig und offensichtlich nicht in die Vorgänge eingeweiht. Obwohl sie und ihre Familie inzwischen bedroht werden und sie gezwungen wird, Peter zu pflegen, wollen sie gemeinsam herausfinden, was genau mit Peter geschehen ist. Sie weiss zunächst nicht, was Peter fehlt und wie er behandelt wurde, bevor sie seine Pflege übernehmen musste. Als sie begreift, dass sie ohne ihr Wissen in ein Verbrechen verwickelt wurde, beschliesst sie, Peter zu helfen. Parallel versucht Nicki ihren verschwundenen Freund Peter wieder zu finden und verfolgt zusammen mit Miguel, dem Security Chef ihres Urlaubshotels, verschiedene Spuren. Sie kommen zum Schluss, dass Peter einem Organhändler in die Fänge geraten sein musste.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Und das Fleisch ist wach

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Prolog

1 – Ans Bett gefesselt

2 – Abhanden gekommen

3 – Ferngesteuert

4 – Tourist verschwunden

5 – Nicht alleine

6 – Arschgeweih

7 – Erste Fluchtpläne schmieden

8 – James Bond war gestern

9 – Hämmernde Schlümpfe

10 – Identifiziert

11 – Ohnmächtig

12 – Parallelen

13 – Auf den Hund gekommen

14 – Geweih geopfert

15 – Gehirn gesucht

16 – Auf Peters Spuren

17 – Erwischt

18 – Inklusive Polizei

19 – Tierversuche

20 – Aus dem Ruder gelaufen

21 – Peter der Doppelte

22 – Auf der Spur

23 – Narkotikum

24 – Gefunden

25 – Hörspiel

26 – Showdown

27 – Menschenpuzzle

28 – Gut und Böse

Epilog

Impressum neobooks

Kapitel 1

"Auf dem Mars leben Marsianer und das ist sehr gefährlich"

Mika, 30.11.2011

Prolog

Aus dem Discman dröhnte die Musik direkt in ihren Kopf hinein - Main Stream Music, die aktuelle Hitparade. Ein leichter Wind sorgte dafür, dass die stechende Sonne nicht unangenehm auffiel. Ihre Körper waren mit Lichtschutzfaktor sechs eingecremt, mehr brauchte es damals nicht. Sie hörten Puff Daddy mit I'll be missing you, LeAnn Rimes mit How do I live, R. Kelly mit I believe I can fly oder Savage Garden mit I want you. Der Discman, Peters Errungenschaft extra für diesen Urlaub, war ideal für den Strand und fast pausenlos im Einsatz. Mit aufgesetztem Kopfhörer befand man sich sofort in einer anderen Welt und konnte die gewünschte Dosis Realität über den Lautstärkeknopf regeln. Mit einer Adapterkonstruktion schafften sie es, drei Kopfhörer gleichzeitig anzuschliessen. Das brauchte zwar Unmengen an Batterie, war aber cool und liess sie zu dritt in die gleiche Scheinwelt eintauchen. Die drei Wirtschaftsstudenten genossen eine Woche ihrer Semesterferien auf der Ferieninsel Ibiza. Zuvor hatten sie ihre Urlaubskasse mit Ferienjobs aufgebessert und wollten hier so richtig abfeiern. Sich selbst belohnen für die unsäglichen Mühen des vergangenen Semesters an der Uni. Alle drei waren Singles, fanden sich selbst gut aussehend und hatten es sich zum Ziel gemacht, am Ende des Urlaubs wenigstens eine Eroberung feiern zu können. Sie hatten es richtig gut erwischt. Ihr Leben verlief in den richtigen Bahnen, ihre Chancen für die Zukunft waren rosig. Alles hätte in bester Ordnung sein können, ja sogar sein müssen.

Hier am Strand lagen sie nun seit kurz vor Mittag, an einem Mittwoch im August 1997 und sahen wegen des Sonnencreme-Sandgemischs aus wie panierte Schnitzel. Sie erholten sich vom gestrigen Partytag dem Tag fünf ihres Urlaubs. Nach dem Genuss von Bier und Sangria in nicht überlieferter Menge, fiel das Frühstück mit je zwei bis drei Aspirin und einigen Tassen Kaffee relativ mager aus. Die Welt war noch nicht wieder im Lot. Relaxen und Restalkohol abbauen war angesagt. Und das Verarbeiten des in der Nacht erlebten. Sie hatten seit dem Aufstehen noch nicht darüber geredet, wussten aber alle drei, dass es unumgänglich war. Sie mussten eine Abmachung treffen, wie sie künftig damit umgehen sollten, aber keiner wollte das Gespräch beginnen. Einfach so tun als wäre nichts passiert, ging nicht. Sven, Peter und David hörten Musik und dösten vor sich hin, bis die Batterien des CD-Players leer waren und dieser den Geist aufgab.

Schliesslich brach Sven den Bann:

"Jungs, wir müssen reden. So geht das nicht. Was ist heute Nacht passiert? Haben wir uns strafbar gemacht? Ist IHR was passiert? Weiss sie wer wir sind?"

"Keine Ahnung. Sie ist ja weg. Und was ist eigentlich GENAU passiert? Ich war so besoffen, dass ich nicht mehr alles weiss."

erwiderte David vorsichtshalber mal. Er wollte von den anderen hören, ob ES tatsächlich geschehen war.

"Gehen wir der Reihe nach. Wir waren in der Disco und machten bei der Schaumparty mit. Überall war es nass und feucht. Die Frauen waren so angezogen, als wollten sie nur das eine. Und sie tranken sich um Kopf und Kragen. Am schlimmsten fand ich die Engländerinnen."

"Ja, aber so richtig landen konnten wir dann doch bei keiner, weil sie immer in Gruppen unterwegs waren."

"Und als es schon fast hell wurde sind wir raus an die frische Luft und wollten zurück ins Hotel. Bis dahin sind wir uns wohl einig. Dann hat uns diese blonde Tussi angequatscht. Auf Deutsch. Und sie hat gefragt warum wir jetzt schon gehen, weil sie uns doch noch alle drei vernaschen wollte."

"Genau so war's. Das hat sie gesagt!"

"Ja, sie hat's nicht anders gewollt. Sie ist ja auch freiwillig mit in unser Hotel gekommen."

"Um mit uns zu vögeln."

"Als wir dann drin waren und die Türe geschlossen war, wollte sie auf Klo. Vielleicht hat sie dort gekotzt?"

"Sie hat, ich hab's gehört."

"Dann kam sie raus und hat sich aufs Bett gesetzt. Und sie meinte, dass sie jetzt doch lieber geht und es eine doofe Idee war, mit zu uns zu kommen."

Bis dahin waren sich die Jungs also einig. Trotz möglicher, kurzzeitiger Filmrisse.

"Und dann?"

Peter wollte es von den anderen hören.

"Dann hat Sven sie daran erinnert, warum sie eigentlich hier war. Aber sie wollte nicht mehr so richtig, hat aber auch nicht 'nein' gesagt. Und ihr war so schwindlig, dass sie sich hinlegen musste und sie die Augen schloss. Wegen dem Alk und wer weiss was sie sonst noch hatte. Und als sie auf dem Rücken lag, hast du, Sven, ihr T-Shirt hochgeschoben. Sie hatte nichts drunter. Und du hast sie angefasst, mit ihren Titten gespielt. Aber sie hat gar nicht reagiert. Nur kurz etwas Unverständliches gelallt. Und dann hast du ihre Hose runtergezogen und Peter und ich sind auf den Balkon gegangen."

"Scheisse, ja. Als ich fertig war, bin ich zu euch raus und David ist reingegangen. Wir haben euch vom Balkon aus gesehen. Sie hat mit den Armen gerudert und auch was gesagt. Was denn?"

David schaute beschämt in den Sand.

"Mittendrin wollte sie plötzlich aufhören und gehen, aber ich habe sie nicht gelassen und weitergemacht. Ich kann ja nicht mittendrin aufhören. Aber gewehrt hat sie sich nicht. Sie war einfach passiv. Danach bin ich raus zu euch. Sie war schon wieder eingeschlafen. Und Peter war dran."

"Aber du warst zu besoffen, standest vor ihr und wolltest nicht oder hast keinen hochgekriegt. Stattdessen bist du ins Bad, um eine Runde reihern."

"Da war es schon wieder hell und sie hat einfach nur gepennt. Wir haben sie dann zu dritt gepackt, aus dem Zimmer gezogen, in den Lift getragen und in die Lobby gebracht. Weil keiner da war, haben wir sie in einen Sessel gesetzt und sind wieder hoch gegangen, um zu pennen."

"War das jetzt eine Vergewaltigung? Sie wollte es doch. Wir haben es alle drei gehört"

"Aber nur am Anfang, dann nicht mehr. Sie hat sich ja sogar ein bisschen gewehrt. Wahrscheinlich würde das vor Gericht schon so gewertet werden."

"Gibt es mildernde Umstände, weil wir zu betrunken waren?"

"Wieso Gericht? Wahrscheinlich kann sie sich gar nicht mehr daran erinnern. Ich weiss ja auch nicht mehr alles. Ich glaube, ich würde sie schon gar nicht mehr erkennen. Und sie war noch betrunkener als wir."

Insgeheim war Peter froh, dass er ES nicht getan hatte, auch wenn die Gründe dafür nicht gerade ehrenhaft waren. Die drei Freunde einigten sich darauf, die Wahrheit zu sagen, falls sie jemals eine Aussage machen mussten. Allerdings nur bis zu dem Punkt, als sie sich ins Bett legte. Danach würden sie aussagen, dass sie sich nicht wehrte und allenfalls kurz weggetreten war, aber sie dies gar nicht registrierten, weil sie selbst zu viel Alkohol intus hatten. Wirklich falsch war diese Aussage nicht.

Bis zu ihrer Abreise mieden sie vorsichtshalber die besagte Disco und verbrachten die letzten Tage an einem etwas weiter entfernten Strand. Das schlechte Gewissen sass tief. Am Flughafen checkten sie sogar einzeln ein und sassen im Flugzeug weit voneinander entfernt. Auf diese Art und Weise wollten sie jeglicher Art von möglicher Konfrontation aus dem Weg gehen. Niemand sprach sie an. Kurz darauf waren sie wieder zu Hause - auf sicherem Boden. Nach der Reise verloren sie nie wieder ein Wort über diese Angelegenheit und kurz nachdem sie das Vordiplom bestanden hatten, verlief auch ihre Freundschaft im Sand. Als Sven die Uni wechselte und David ein Auslandsemester einlegte trennten sich ihre Wege.

ES war nie geschehen.

*

Er war der Star in seinem Dorf, zumindest der mediale Star. Obwohl aus einfachen Verhältnissen stammend, hatte er es geschafft. Seinen Eltern war dieser Erfolg verwehrt geblieben, sie waren zwar ebenfalls sehr intelligent, doch hatten ihre Eltern es verpasst, ihnen eine anständige Schulbildung angedeihen zu lassen und sie zu fördern. Das sollte ihrem einzigen Sohn nicht passieren. Dieser sollte es besser haben und nun statt ihrer den Erfolg in die Welt tragen. Dafür kämpften sie. Stolz sollte er sie machen, sie wollten der Welt zeigen, zu was ihre Familie fähig war. Seine Eltern waren es auch, die ihn dank ihrer Beziehungen zu einem Redakteur, einige Male in der lokalen Zeitung präsentieren konnten, um über seine Erfolge zu berichten. Sie waren ehrgeizig für ihn und er nahm die Unterstützung dankbar an. Er stand gerne im Rampenlicht und so konnte er seinen verhassten ehemaligen Mitschülern zeigen, was aus ihm geworden ist. Schon als Kind fiel er als intelligent und besonders wissbegierig auf und hatte in der Schule immer die besten Noten. Die Lehrer hatten von dieser Seite nur Gutes über ihn zu berichten.

Den guten Noten hatte er es auch zu verdanken, dass er nicht von der Schule flog, denn er hatte auch eine andere Seite, eine dunkle. Er spielte Mitschüler gegeneinander aus und spinnte Intrigen, die jedoch selten aufflogen. Was ihn definitiv zum Aussenseiter machte, war aber etwas anderes: er war eines jener Kinder, die Tiere quälten. Nur so zum Spass. Fliegen die Flügel ausreissen, um zu sehen wie gut sie zu Fuss unterwegs waren, Fröschen ein Bein abschneiden, um zu überprüfen, ob sie einbeinig hüpfen konnten (sie konnten es nicht) oder Mäusen die Augen ausstechen, weil er wissen wollte, ob sie den Heimweg auch blind finden konnten. Er stand auch bei der einen oder anderen verschwundenen Katze unter Verdacht, aber nachweisen konnte man ihm nichts. Dazu war er zu schlau. Freunde hatte er keine und brauchte sie auch nicht. Schon früh war ihm klar, dass er die Insel so schnell wie möglich verlassen würde. Sie war zu klein und zu eng für ihn, denn er war zu Höherem berufen.

So hatte er es nach der Schule dank der Unterstützung seiner Eltern geschafft, ein Stipendium an einer renommierten Universität in den USA zu erhalten. Die Mischung hatte es gemacht. Intelligenz und Fleiss auf der einen Seite, was ihm zu sehr guten Noten verhalf und eine gewisse Durchtriebenheit, das konsequente Ausnutzen von Beziehungen und kriminelle Energie auf der anderen Seite, ohne die er das Stipendium nicht erhalten hätte. In den USA hatte er sich als Waisenkind ausgegeben, hatte sich von entfernten Verwandten, die seinen Eltern einen Gefallen schuldeten, adoptieren lassen, hatte hier und da ein Empfehlungsschreiben gefälscht - und schon war er dabei. Mittendrin. Die geliebte Welt der Forschung stand ihm offen. Plötzlich wurde er für das Zerstückeln von Fröschen nicht mehr gehasst, er tat es nun im Dienste der Wissenschaft. Gelernt hatte er dabei, dass man sehr weit kam, wenn man es mit der Wahrheit nicht allzu genau nahm, wenn man Einfluss nahm und manipulierte. Lange Zeit hatte er dafür keine Quittung erhalten.

Er zog sein Medizinstudium schnell und zielstrebig durch. Die guten Noten waren echt, die richtungsweisende Abschlussarbeit schrieb er selbst. Auch die Versuchsreihen entwickelte er selbst, Tierversuche machten ihm nichts aus, im Gegenteil. Die Ratten und Mäuse gaben ihr Leben schliesslich für einen guten Zweck - zum Wohle der Menschheit. Vielleicht war das das Gefährliche an ihm - er war wirklich gut, er hätte die kriminellen Dinge nicht tun müssen, um erfolgreich zu werden. Seine bedingungslose Konsequenz beschleunigte einfach. Geduld zu haben und Umwege zu gehen waren nicht seine Dinge.

Und so war es für ihn auch selbstverständlich, dass er heute, an einem Mittwoch im August 1997, kurz nachdem er sein Studium mit Bestnoten abgeschlossen hatte, genau in jener Firma anfangen konnte, die er sich für seine Forschungen vorstellte. Hier wollte er mit seiner Doktorarbeit Geschichte schreiben. Der Professor, der sie betreute sowie das Unternehmen, das ihn anstellte und mit profitieren wollte, setzten grosse Stücke auf ihn. Der Erwartungsdruck war gross, doch er wusste, dass er ihm standhalten konnte. Schliesslich hatte er einen Plan. Einen Masterplan, mit dem er in die Geschichte eingehen würde. Dank seiner Forschungen sollte ES in den nächsten Jahren zum ersten Mal geschehen. Die Titelseiten warteten auf ihn.

1 – Ans Bett gefesselt

„Scheisse“, dachte Peter als er die Augen aufschlug, „wo bin ich hier? Und was mache ich hier?“ Seine Augen streiften durch den Raum. Was er zu sehen bekam, beruhigte ihn nicht gerade. Er hatte das Gefühl in einem Krankenzimmer zu liegen. Oder präzise ausgedrückt: in einem Krankenhauszimmer. Das Bett hatte zu seinen Füssen eine weiss lackierte Umrandung aus Eisen, an der ein Dokumentenhalter befestigt war, von dem er allerdings nur die Rückseite sah. Über seinem Kopf baumelte ein kräftiges Plastikdreieck an einem Band, welches wiederum an einer Eisenstange befestigt war. Es gab keinen Zweifel. Er lag tatsächlich in einem Krankenhausbett, auf einem weissen Bettlaken, zugedeckt mit einer weissen Decke und blickte auf kahle, weisse Wände. Bei näherem Hinsehen entdeckte er lediglich ein paar dünne Risse in der Wand und zwei Nägel, an denen in früheren Zeiten wohl mal Bilder hingen. Die Gardinen – ebenfalls in weiss – waren zugezogen und hielten die wärmende Sonne etwas zurück. Die Hitze des Tages drückte dennoch durch das Fenster hinein.

„Verdammt stickig hier“, dachte er, „warum macht denn hier keiner das Fenster auf?“ Ohne sich zu bewegen checkte er den Rest des in seinem Blickfeld liegenden Teils des Raums, in dem es lediglich noch einen Tisch mit glänzenden Metallbeinen und einer weissen Resopalplatte sowie zwei Stühle zu geben schien. Der Tisch erinnerte ihn hierbei irgendwie an den Küchentisch seiner Eltern als er noch ein Kleinkind war. Für einen kurzen Moment fühlte er sich wie in eine frühere Zeit zurückversetzt. Beim Tisch konnte es sich demnach nicht um das neueste Modell handeln. Das einzige was nicht so recht zu diesem Stillleben passen wollte war eine richtig fette Spinne. Zum einen weil sie schwarz war, zum anderen weil sie es sonst nichts Bewegliches, nichts Lebendiges zu geben schien. Von zu Hause kannte er diese Art Spinne nicht. Viel zu gross und zu fett für seinen Geschmack. Aber ein schöner Kontrast zum weissen Rest. Wie vom Künstler gewollt. Er wunderte sich mit welchen Prioritäten ihn seine Gedankenwelt konfrontierte. Denn der längst entsorgte Resopaltisch seiner Eltern und die überdimensionierte Spinne sollten eigentlich nicht sein vordringlichstes Problem sein. Dann stellte er sich die beiden wirklich wichtigen Fragen erneut: „Warum bin ich hier? Und wo bin ich hier? Aber erst mal musste das beschissene Fenster aufgemacht werden.“

Als er sich aufrichten wollte, spannte er die Muskeln an und musste feststellen, dass ihn etwas zurückhielt. Seine Handgelenke waren mit festen, weissen Stoffbändern am Bett fixiert. Kleine Schweissperlen bildeten sich auf seiner Stirn, eine ungewohnte Hitze stieg in ihm auf. Ein Schweisstropfen bahnte sich kitzelnd den Weg von der Stirn über die linke Wange bis zum Hals. Ausserdem brummte sein Schädel plötzlich wie verrückt, höllische Schmerzen durchzuckten seinen Kopf, als ob Blitze von einer Schädelwand zur nächsten übersprangen. Und zudem, als war das nicht genug, fing das Zimmer um ihn herum an zu schwanken und sich zu drehen. Fast wie in einem Vergnügungspark, sagte er im Stillen noch zu sich, dann wurde es für Peter mitten an einem heissen, sonnigen Tag, wieder tiefe Nacht.

Als er die Augen erneut öffnete stellte er fest, dass die Sonne nicht mehr gegen die Gardine schien. Die Spinne langweilte sich nun an der gegenüberliegenden Wand und wartete noch immer auf ein dankbares Opfer. Er musste also einige Zeit ohnmächtig gewesen sein oder geschlafen haben. Und wer weiss wie oft die Spinne hin und her lief, während er weggetreten war. Der nächste Versuch - noch mal von vorne - er versuchte, klare Gedanken zu fassen:

„Wo bin ich? Und warum bin ich hier? Und seit wann überhaupt? Und dann noch gefesselt? Und warum dröhnt mein Schädel so fürchterlich als hätte ich gestern mehr als eine Flasche Rum getrunken? Und ausserdem muss ich pissen! Super. Trotzdem erst mal nachdenken. An was kann ich mich erinnern? Was habe ich zuletzt gemacht? Wo war ich? Und wer bin ich eigentlich noch mal? – Und wie bitteschön, soll man mit diesem Schädel auch nur einen klaren Gedanken fassen können?“

Dass er sich diese Fragen einmal stellen musste, hätte Peter zuvor nicht gedacht. Vor allem die Frage nach dem 'wer bin ich?' ist in einem normalen Leben eigentlich überflüssig. Aber offensichtlich musste das sein, um seine Gedanken zu ordnen, sie in eine Reihenfolge zu bringen. Vielleicht fiel ihm dann ganz schnell wieder ein, wie er in diese beschissene Lage kommen konnte. Im Moment lautete die Selbstdiagnose nur: Blackout. Drogen nahm er nicht, zumindest nicht freiwillig, somit kamen nur noch Alkohol oder ein Unfall in Frage. Beides sagte ihm momentan nichts. Es half also nichts, er musste graben, in der Zeit zurückgehen und sich von hinten dem Punkt nähern, an dem der Aussetzer passiert war. Wichtig waren vermutlich die letzten paar Tage, bevor 'es' passiert ist. Wacht ein normaler Mensch eines Tages mit starken Kopfschmerzen auf und findet sich wieder, gefesselt an ein Bett, in Gesellschaft einer schwarzen Spinne, in einem ihm unbekannten Raum? Vermutlich nicht.

Eigentlich war er ein ganz normaler Kerl wie er fand. Nicht zu dünn, nicht zu dick, ein trainierter Sportler mit einer guten Figur und nicht zu vielen Muskeln. Mit 1 Meter 84 und Schuhgrösse 43 war er der perfekte Durchschnittsmensch. Aber ein verdammt gut aussehender. So wie viele gerne wären - rein äusserlich zumindest. Darauf war er stolz, obwohl er wusste, dass er nicht wirklich etwas dafür konnte, genetisch bevorzugt zu sein. In diesem Punkt hatte er einfach Glück gehabt. Aber nun lag er hier. Er war kein Verbrecher, Drogendealer, Mörder oder Ähnliches. Bei der Polizei konnte er also nicht gelandet sein. Er war auch kein Säufer oder Junkie. Aber woher kam dann der Filmriss? Was konnte dann sonst passiert sein? Ein Unfall? Eine Entführung? Er konnte sich an nichts erinnern. Hätte man ihn jetzt nach dem aktuellen Jahr oder gar dem Datum gefragt, er hätte passen müssen. Sein Gehirn war für den Moment überfordert, zu viele Gedanken wollten gleichzeitig gedacht, zu viele Fragen gleichzeitig beantwortet werden. Die Leistung war beeinträchtigt, wie bei einem Reboot. Seine Gedanken schweiften dauernd ab, er konnte sie einfach nicht festhalten, sie glitschten ab wie ein nasses Stück Seife, das einem aus der Hand fiel. Dabei versuchte er doch nur, herauszufinden ob er aus irgendeinem Grund ein schlechtes Gewissen haben müsste.

Peter holte etwas weiter aus. Gut, er war früher manchmal ein Arschloch gewesen. Vor allem Frauen gegenüber. Er dachte, er könne sich das erlauben, weil die Frauen auf ihn abfuhren. Und – so hatte er es sich jahrelang zurecht gelegt – sie fuhren auf ihn ab, gerade WEIL er sich wie ein Arschloch verhielt und natürlich weil er gut aussah. Aber das hatte er sich nicht direkt vorzuwerfen. Die Frauen waren selber schuld. Dieses Verhalten des weiblichen Geschlechts konnte er zwar nicht nachvollziehen, akzeptiert hatte er es natürlich, denn es kam ihm mehr als gelegen. In diese Rolle wurde er aufgrund seines Erfolgs ja geradezu gedrängt. Sie wollten es so. Never change a winning system. Und somit konnte er sein Leben in vollen Zügen geniessen. Einmal hatte er durch einen unglücklichen Zufall zwei Freundinnen parallel, da musste er tierisch aufpassen und nichts durcheinander bringen. Gesucht hatte er diese Situation nicht und moralisch verwerflich fand er sein Verhalten damals eigentlich auch nicht. Konnte man sich gegen seine Gefühle wehren? Was konnte er denn dafür, wenn sein Herz für zwei Frauen gleichzeitig schlug? In anderen Kulturen war dies eine Selbstverständlichkeit – da war man mit zwei Frauen eher unterer Durchschnitt. Die anerzogene Monogamie der abendländischen Kultur hatte ihn jedoch schnell wieder auf den Boden westeuropäischer Tatsachen zurückgeholt. Es gab mächtig Ärger und am Ende stand er alleine da. Eins plus eins konnte also auch null sein. Eine wichtige Lektion, denn diese Situation war alles andere als lustig und er hatte sich geschworen, von da an anständiger zu werden. Schliesslich war er zu diesem Zeitpunkt schon fast dreissig Jahre auf dieser Welt und seine Eltern hatten sich schon lange von ihrem weissen Resopal-Küchentisch getrennt. Diese wilde Zeit lag nun über vier Jahre zurück – und seitdem hatte er sich nichts mehr vorzuwerfen. Er war davon überzeugt, nun erwachsen geworden zu sein, bereit für die nächsten Schritte im Leben. Mit dieser schnellen Selbstanalyse kam er der Lösung seines nun äusserst dringlichen Problems aber keinen Schritt weiter.

So reiste er gedanklich noch weiter zurück und landete unweigerlich in der einzigen finstersten Grube seiner Vergangenheit. Er erinnerte sich an die eine Situation, die er jahrelang ziemlich erfolgreich aus seinem Gedächtnis verbannt hatte. Damals war er neunzehn Jahre alt gewesen und mit zwei Kommilitonen in den Semesterferien auf Ibiza gewesen. Es war die Zeit, in der Schaumparties in Discotheken der letzte Schrei waren und auch die Zeit, in der sich die jungen Studenten unwiderstehlich fanden. Sie hatten zwar noch kein Geld, dafür gehörte ihnen schon die Zukunft. Er erinnerte sich zurück an jenen Abend an dem er mit seinen beiden Kumpels an einer solchen Schaumparty war. Das schlechte Gewissen hatte ihn nach so vielen Jahren hier in diesem Bett wieder eingeholt. Aus dem ersten Fremdschämen für betrunkene Engländerinnen, aus dem vermeintlichen Jackpot eines schnellen Sex-Abenteuers war innerhalb weniger Stunden ein vermutlich lebenslanger Albtraum geworden, der ihn immer wieder einholte, wenn ihm etwas unerklärlich erschien. Wie jetzt.

Dies war die einzige Situation in seinem Leben, die so dunkel angehaucht war, dass sie lange Schatten warf, das Einzige für das er bisher keine Quittung erhalten hatte. Doch das war lange her und immer seltener wurde er daran erinnert. So sehr er es versuchte, es gelang ihm nicht, eine Verbindung mit der damaligen Situation zu konstruieren. Vielleicht wurde er stattdessen einfach mit einer anderen Ungerechtigkeit bestraft, die gar nichts damit zu tun hatte? Peter wusste, dass das Leben grundsätzlich nicht gerecht ist. Dinge geschahen einfach. Hatte es jetzt einfach ihn getroffen? Möglich. Fatalismus.

Seit die Erinnerungen an damals verblassten, meldete sich das schlechte Gewissen nur ab und an. Wie ein guter Schweizer Käse war er in dieser Zeit zu einem seriösen, erwachsenen Menschen gereift. In diesem Abschnitt seines Lebens hatte er einen anspruchsvollen Job, wollte Karriere machen und Geld verdienen. Das erste Leben war zur Seite gestellt worden, ein neues hatte begonnen. Gesundheit, die richtige Frau und Geld – das war seine Glücksformel fürs Leben dessen Rest es noch zu leben galt. Und passend zu seinem neuen, seriösen Leben hatte sich auch tatsächlich eine neue Frau an seiner Seite eingefunden. Und was für eine! Wie als Belohnung für sein in seinen Augen nun vorbildliches und erwachsenes Verhalten. Alles lief also bestens, sogar mit langfristigen Plänen, Träumen und Wünschen für die Zukunft.

Er war ein Glückskind. Eigentlich.

Nicki war Juristin. Blond. Eine Wahnsinnsfrau. Nicht wie früher eine gezielte Akquisition. Es war eher passiert, obwohl er zuerst der festen Überzeugung war, dass er sie durch seinen unwiderstehlichen Charme erobert hatte, wie all die anderen vor ihr. Dann aber hatte er festgestellt, dass er von ihr nicht genug bekommen konnte. Dass er ihrer nie überdrüssig wurde. Das war neu. Früher wurde es ihm mit einer Frau spätestens nach ein paar Wochen langweilig. Aber Nicki war in jeglicher Hinsicht eine Wucht. Sozusagen der fleischgewordene Männertraum.

Zumindest SEIN Männertraum. SEINE Traumfrau. Sie sah nicht nur aus wie eine Göttin, gross gewachsen mit ihrem knackigen Arsch, der schlanken Taille und den 75C-Brüsten die perfekt in der Hand lagen und den süssen Nippeln, die auf jede seiner Berührungen reagierten, nein sie vögelte auch wie eine Göttin – und das trotz ihrer offensichtlichen Intelligenz. Bis dahin war das für ihn eher ein Widerspruch. Die Tatsache, dass sie etwas auf dem Kasten hatte war ebenfalls neues Terrain für Peter. Vor ihr gab es einige optische Leckerbissen, die jedoch dafür sonst nicht viel zu bieten hatten. Vielleicht war das auch ein Grund für die häufigen Wechsel. Mit Nicki hatte er also doppeltes Glück. Obwohl dies durchaus anstrengend war und alles andere als einfach. Aber auch das hatte ihn die Erfahrung gelehrt: einfach wird es mit keiner Frau. Nur machte es ihm bei Nicki nichts aus. Sie ging ihm trotz allem nicht auf die Nerven. Sie war Herausforderung und Befriedigung zugleich. Nicki war jedenfalls ein guter Ausgangspunkt für die Nachforschungen in seinem Gedächtnis. Und er dachte gerne über sie nach.

Nach sechs Wochen Beziehung ging ihm dann langsam ein Licht auf. Nicht er hatte sie rumgekriegt, es war genau umgekehrt. Er konnte ihr nicht das Wasser reichen. Sie hatte ihn im Griff, sie war ihm überlegen. Und das Schlimme war, Peter störte das überhaupt nicht – bis jetzt. Aber jetzt, wo er so darüber nachdachte… Mist!, dachte er, ich kann keinen klaren Gedanken fassen! Ich liege hier gefesselt und muss tierisch pissen.

„Hallo! Ist hier jemand? Ich muss dringend aufs Klo! Verdammt noch mal. Haaallloo!“

Zum ersten Mal seit er wieder aufgewacht war, setzte er seine Stimme ein. Sie klang irgendwie komisch. Aber, oh Mann, diese schrecklichen Kopfschmerzen! Noch mal von vorne. Nachdenken. Warum bin ich gefesselt? Ich schulde niemanden etwas. Habe keine unerledigten Affären, habe kein Verbrechen begangen, keines gesehen, keine Versprechen abgegeben, ich bin völlig unschuldig. Also warum? Was muss einem Menschen passieren, damit er sein Dasein so ans Bett gefesselt fristen muss?

Skurrile Gedanken nisteten sich in seinem Gehirn ein: Er hatte einmal gehört, dass es Autofirmen geben soll, die illegaler Weise Leichen als Crash Test Dummys einsetzten. Nicht weil sie bessere Ergebnisse lieferten, nein, einfach weil sie günstiger waren als die mit vielen Sensoren und teurer Technik ausgestatteten Dummys. Sollten sie nun einen Schritt weiter gegangen sein und lebende, betäubte Menschen für ihre Tests benutzen? Diese Zeiten sollten eigentlich vorbei sein, zumal er erst neulich gelesen hatte, dass zum Beispiel Ford für virtuelle Crashtests inzwischen sogar über ein einen digitalen Kinderdummy verfügte, mitsamt einer lebensechten Nachbildung der Skelettstruktur, der inneren Organe und des Gehirns. Sollte es etwa Autofirmen geben, die lieber analog statt digital unterwegs waren? Das glaubte er eigentlich nicht. Obwohl, neu wäre das natürlich nicht, denn auch im zweiten Weltkrieg hatte man mit Menschen experimentiert - zum Beispiel wie sie auf extreme Kälte reagieren etc.

Aber Crashtests auf einer Urlaubsinsel?

Urlaubsinsel? Plötzlich hatte er unbewusst einen Anker ausgeworfen und gedanklich eine Vollbremsung gerissen. Seine bis jetzt jüngste Erinnerung war also, dass er auf einer Insel war. Er war in den Ferien mit Nicki. Hoffnung auf die Schliessung der Erinnerungslücke keimte auf. Folglich war er weit weg von jeglicher Industrie, geschweige denn der Autoindustrie. Der Gedanke Crashtest Dummy zu sein, schien ihm dann doch so abwegig, dass er ihn wieder verwarf. Schliesslich tat ihm ausser dem Kopf auch nichts weh. Hier musste er also mit den Gedanken ansetzen. Aber vorher noch mussten wichtige körperliche Bedürfnisse befriedigt werden, ganz gemäss der maslow'schen Bedürfnispyramide. Folglich rief er mit einer merkwürdig krächzenden Stimme erneut:

„Und wenn jetzt keiner kommt, dann pisse ich ins Bett!“

Nachdem er noch einige Sekunden gewartet hatte, liess er den Dingen seinen Lauf und spürte eine deutliche Erleichterung. Wie befriedigend solche Dinge doch sein konnten. Doch zu Peters Erstaunen wurde es um ihn herum weder warm noch nass. Dafür machte er eine neue Entdeckung. Er sah, wie sich ein Beutel, der neben dem Bett herunterhing, langsam mit einer gelblichen Flüssigkeit füllte. Seiner gelben Flüssigkeit. Ein dünner, durchsichtiger Schlauch führte unter seine Bettdecke. Wie nach einer Operation. Nun bemerkte er auch den Metallständer auf Kopfhöhe, der sich gerade noch in seinem Blickfeld befand. Von diesem tröpfelte stetig eine Infusion in einen anderen Schlauch, der ebenfalls unter der Bettdecke endete – vermutlich in seinem Arm.

„Scheisse, was ist denn hier passiert? Was ist mir passiert?“

Langsam ging ihm ein Licht auf, aber so richtig hell wurde es noch nicht und von einer Erleuchtung war er meilenweit entfernt. In seinem dröhnenden Kopf spielten die Gedanken Pingpong - wenigstens ohne Nebengeräusche. Im gleichen Moment fiel dem völlig ratlosen Peter etwas Merkwürdiges auf. Nicht nur, dass kein Mensch hier zu sein schien, es war auch absolut still. Von draussen drang absolut nichts an sein Ohr. Kein Verkehrslärm, keine Vögel – nichts. Nicht einmal ein Duft, der ihn an etwas erinnern konnte. OK, das Fenster ist ja geschlossen, dachte er. Merkwürdigerweise hörte man aber sonst auch nichts. Wenn er in einem Krankenhaus lag, dann hätte man doch Leute reden hören müssen, Geschirr klappern. Türen sich öffnen und schliessen. Es gab Besucher, die sich in der Tür irrten, Schwestern und Ärzte, die nach den Kranken sehen. Einen Notknopf, um die Krankenschwester zu rufen. Er vergewisserte sich, ob er diesen nicht vielleicht übersehen hatte. Aber er fand nichts was nur annähernd nach einem Rufknopf aussah. Ans Bett gefesselt hätte dieser auch nicht wirklich etwas gebracht. Auch ein Telefon oder gar ein Fernseher waren nicht in seinem Blickfeld.

Er kam nicht mehr dazu seine Gedanken von soeben fortzuführen, denn sie vermischten sich zu einem Brei, die Bilder verschwammen erneut, der Schädel dröhnte. Kurz bevor er in einen tiefen unruhigen Schlaf fiel, dachte er im Unterbewusstsein, dass er am nächsten Morgen sicher aufwachen würde und er Nicki am Frühstückstisch von seinem merkwürdigen Albtraum erzählen würde. Ein gutes Gefühl.

2 – Abhanden gekommen

Nicki war langsam aber sicher stinksauer. Da hatte sie sich wochen- sogar monatelang mit diesem eingebildeten, zugegebenermassen gut aussehenden Schürzenjäger abgegeben, hatte versucht ihn zu einem anständigen und brauchbaren Mann zu formen und war sogar geneigt, ihn als Erzeuger ihrer künftigen Kinder in Betracht zu ziehen. Zuerst hatte sie ihn als oberflächlichen Weiberhelden eingeschätzt, denn das war auch das was man über ihn erzählte. Aber sie wollte es genau wissen, wollte unter die Oberfläche sehen und gab ihm eine Chance. Und siehe da, der Weiberheld war einsichtig und formbar - ein gelehriger Schüler. Offensichtlich hatte sie die richtigen Knöpfe gedrückt, denn zum Erstaunen aller informierten Freundinnen entwickelte er sich prächtig - so wie sie es sich vorgestellt hatte. Und jetzt, quasi während sie im Urlaub die Ernte einfahren wollte, auch um weitere Zukunftspläne zu schmieden, taucht er im dümmsten Moment ab. Sie war mehr als wütend, sie kochte und brodelte innerlich und dennoch fragte sie sich, ob sie sich Sorgen machen musste? Würde Peter wirklich einfach so verschwinden? Mitten im Urlaub? Auf einer Insel? Würde er so etwas wirklich tun? Streit hin oder her?

Nicki dachte nach. Die letzten vier Tage verliefen eigentlich so, wie sie sich es vorgestellt hatte. Wie sie beide es sich vorgestellt hatten. Nachdem das Flugzeug endlich gelandet war und der Bus sie nach einer über einstündigen Fahrt zum Glück im richtigen Hotel abgeliefert hatte, ging der Urlaub richtig los. Das Wetter war prächtig, blauer Himmel und Sonne satt. Es war heiss, aber nicht so heiss, dass man keine Lust mehr hatte, sich zu bewegen. Zudem hatten der Pool und das Meer genau die richtige Temperatur. Nicht einmal Stechmücken, Quallen oder schlechtes Essen beeinträchtigten ihre Erholung. Nach dem Frühstück gingen sie für gewöhnlich wieder auf ihr Zimmer und bereiteten sich auf das Nichtstun vor. Diese Vorbereitung bestand hauptsächlich aus einer gewissenhaften Sonnenbrandprävention, bei der sie sich gegenseitig eincremten. Bis heute hatten sie diese Aktion noch nie beenden können, ohne ihre noch glänzenden Körper aneinander und ineinander zu reiben. Zu anziehend waren ihre ausgezogenen Körper.

Alles schien perfekt zu sein. Sie hatten sich in den letzten Wochen gut aneinander gewöhnt, waren zu einem eingespielten Team geworden und wollten das Zusammensein im ersten gemeinsamen Urlaub so richtig auskosten. Es sich gut gehen lassen, denn sie arbeiteten beide viel und hart und hatten sich diese gemeinsame Belohnung redlich verdient.

Dafür bestens geeignet schien dieses Fünf-Sterne-All-Inclusive Hotel in dem man jederzeit mit allem versorgt war. Ein traumhafter Blick aufs Meer, keine oder kaum Kinder im Hotel, Essen und Trinken wann und so viel man mochte. Einfach an nichts denken müssen, die Zeit geniessen. Essen, Trinken, Sex, Strand, Baden – das waren die fünf bevorzugten Handlungen, die sich je nach Lust und Laune auch noch miteinander kombinieren liessen. Dafür standen in ihren Augen auch die fünf Sterne. Und jeder dieser Sterne war bis dahin verdient. Das einzige an das sie nicht gedacht hatten war, dass sie aufgrund ihrer Jobs bisher noch nie länger als zwei Tage am Stück zusammen waren. Und am Morgen des fünften Tages, beide hatten aufgrund der nicht zu vernachlässigenden Menge konsumierten Alkohols vorsichtshalber schon mal ein Aspirin eingeworfen, war es endlich so weit: Sie gerieten zum ersten Mal aneinander. Peter funktionierte im restalkoholisierten Zustand verständlicherweise noch etwas langsam, gezeichnet von der vergangenen Nacht mit Discobesuch und gleich zwei anstrengenden aber befriedigenden Sessions im Bett. Er schaute dieser provozierend vorbeiwandelnden blonden Arschgeweih-Tussi etwas zu lange und zu wenig unauffällig hinterher und fing sich umgehend einen bösen Blick von Nicki ein:

„Frag sie doch gleich noch nach ihrer Handy-Nummer“,

motzte sie.

„Meinst du, das hat sie in den Ferien dabei?“,

war dann auch nicht ganz die passende Antwort, um den aufkommenden Sturm im Keim zu ersticken. Dabei hatte er nur etwas gedankenverloren studiert, ob die soeben vorbeigewandelten Brüste echt waren oder mit Silikon aufgepimpt wurden. Nur so aus Interesse, quasi aus der analysierenden Sicht des interessierten Technikers. Er hielt sich für einen Experten auf diesem Gebiet und glaubte an den Wippbewegungen erkennen zu können, ob Brüste echt waren oder eben nicht. Aber bevor er sich ein abschliessendes Urteil erlauben konnte, war der erste Streit lanciert. Dieser endete knapp sieben Minuten später damit, dass Peter aufgrund einer mangelnden Verteidigungsstrategie beleidigt sein Handtuch nahm und mit einer Autozeitschrift unterm Arm in Richtung Strand verschwand. Nicki, die demonstrativ in ihre Frauenzeitschrift starrte, liess er am Pool liegen.

Eigentlich dachte Nicki, dass er nach spätestens einer Stunde wieder am Pool stünde. Viele Gründe sprachen dafür. Peter musste noch einen Brand von gestern haben und war sicher ziemlich durstig, ausserdem hatte er sicher bald Hunger, denn um diese Zeit gaben sie sich normalerweise dem Nachmittags-Snack hin, gefolgt von den ersten Drinks des Tages und einem kleinen Quickie auf dem Hotelzimmer. Eine alte viertägige Tradition, die er nicht einfach so aufgeben würde. Zudem benötigte er bald wieder Sonnencreme, ansonsten würde er ziemlich schnell einen Sonnenbrand bekommen. Dass sich Peter nach knapp zwei Stunden noch nicht blicken liess, machte sie noch wütender. Messerscharf kombinierte sie, dass er sich von irgendwoher Sonnencreme für seinen Luxuskörper organisiert haben musste. Und Peter wäre nicht Peter, wenn er hier nicht die für ihn beste und bequemste Variante wählen würde. Diese hatte im Idealfall lange Beine, zwei Brüste und einen geilen Arsch und würde sich netterweise bereit erklären, ihm den Rücken einzucremen. Womöglich war es sogar das Arschgeweih mit den noch nicht zweifelsfrei identifizierten Brüsten. Diese Gedankenspiele liessen Nicki vor Wut fast platzen.

„Aber nicht mit mir, Junge“.

Diesem Gedanken musste nachgegangen werden und so machte sich Nicki auf in Richtung Strand, um Spuren und Beweise zu sammeln. Der Strandbereich für das Hotel war abgetrennt, so dass sie wusste, wo sie suchen musste. Es kam eigentlich nur ein Strandabschnitt von ungefähr zweihundert Metern in Frage. Deshalb ging es auch nicht lange bis sie sein Handtuch entdeckte. Es lag einfach am Strand - in der prallen Sonne, obwohl es noch freie Sonnenschirme gab. Komisch, dachte sie. Das Handtuch war zwar nicht einzigartig, aber in Kombination mit der darauf liegenden Autozeitschrift gab es keine Zweifel. Allerdings lagen Badetuch und Zeitschrift alleine da. Ohne Peter mit seinem Geniesser-Gesichtsausdruck und ohne weitere Accessoires wie darauf drapierte Brüste mit Arsch – mit oder ohne Geweih. Im Wasser konnte sie ihn auch nicht entdecken. So blieb Nicki nichts anderes übrig, als ihn auf der Toilette, im Hotelzimmer oder, im allerschlimmsten Fall, in einem anderen Hotelzimmer zu vermuten. Vorsichtshalber nahm sie das Handtuch mal mit.

Hauptsächlich um ihm eins auszuwischen. Ausserdem würde er ohne Handtuch eh bald zurückkommen. Immer noch wütend ass sie zwei Stücke Kuchen und gönnte sich hinterher die erste Whisky Cola. Zum Abendessen würde er allerspätestens wieder auftauchen und dann müsse man mal sehen, was er für eine Ausrede auf Lager hatte. Die Zeit bis dahin verging rasch, zwei weitere Whisky Cola waren ebenfalls rasch vernichtet, doch Peter liess sich noch immer nicht blicken. Nicki überlegte. Sie waren schliesslich auf einer Insel, sehr weit konnte er also nicht sein. Er würde auch beim Rückflug neben ihr sitzen müssen, egal was bis dahin passierte. Würde er wirklich so etwas tun? Etwas später ging sie alleine zum Abendessen. Lustlos bediente sie sich am Buffet, trank aus Frust etwas zu viel Wein und wankte danach durch die Lobby des Hotels zum Lift, fuhr in den dritten Stock und steuerte auf das als Liebesnest gedachte Meerblick-Zimmer zu, in der Hoffnung nun dort endlich auf Peter zu treffen und ihm ordentlich die Meinung geigen zu können. Mit Unterstützung des Alkohols hatte sie sich ein gewaltiges Plädoyer zurechtgelegt.

Als sie ihren Blick durch das grosszügige Zimmer schweifen liess, stellte Nicki schnell fest, dass Peter noch nicht wieder zurück war. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren und hatte den Raum spürbar heruntergekühlt. Die beiden Sessel standen noch genau gleich, Peters Klamotten vom Vortag lagen immer noch akkurat vom Zimmermädchen zusammengelegt auf dem Bett und sogar der Fernseher hatte noch den gleichen Kanal gespeichert. Das wusste sie genau, da sie ihn ausgeschaltet hatte. Wäre Peter hier gewesen, hätte er bestimmt einmal durch die Kanäle gezappt und wäre wohl nicht in diesem Sender hängen geblieben. Es lag also alles noch genauso da, wie sie es gemeinsam nach dem Frühstück zurückgelassen hatten. Als sie sich kurz darauf fluchend ins Bett legte und den Fernseher anmachte, zeigte der Alkohol seine Wirkung. Sie dachte noch, dass Whisky Cola nicht ideal mit Rotwein harmoniert und musste als erste Massnahme einen Fuss aus dem Bett strecken um zu bremsen, als das Bett vermeintlich anfing sich zu drehen. Dann schlief sie wider Erwarten ein. Mitten in der Nacht wurde sie plötzlich wach und steuerte zielstrebig schnellen Schrittes auf die Toilette zu, um sich so einiges nochmals durch den Kopf gehen zu lassen. Nach ein paar grossen Schlucken Wasser aus der Flasche ging es ihr etwas besser, doch da sie noch keinen klaren Gedanken fassen konnte, legte sie sich wieder hin und schlief durch bis zum Morgen. Nachdem Nicki zwei Aspirin gefrühstückt hatte, beschloss sie, Peter zu suchen. Denn nun war sie langsam aber sicher überzeugt davon, dass ihm irgendetwas zugestossen sein musste. Die Wut war über Nacht verflogen. Nun begann sich die Sorge breit zu machen.

An der Rezeption fing sie mit ihrer Detektivarbeit an. Für gewöhnlich waren dort immer zwei bis drei Personen anwesend, die sich um die Anliegen der Gäste kümmerten. Nicki wunderte sich nicht, dass sich ausgerechnet die hübscheste der Damen an der Rezeption an Peter erinnern konnte, sie wusste sogar noch was er für Kleider anhatte, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Normalerweise wäre ihr das sauer aufgestossen, doch in Anbetracht der Situation sah sie grosszügig darüber hinweg. Doch leider konnte die hübsche Julie, sie hatte ein Namensschild an der prall gefüllten Bluse, auch nicht helfen, da sie ihre Arbeit erst am Morgen begonnen hatte. Ihre Kollegin sowie ein weiterer männlicher Mitarbeiter hatten denselben Schichtplan und konnten somit auch nichts beitragen. Sie unterliess es, die beiden zu befragen. Dafür erfuhr sie von Julie, dass die beiden Kollegen, die am vorigen Nachmittag und Abend Dienst hatten, heute wieder um 14.00 Uhr anfangen würden. Vielleicht konnten die ja dann helfen? Bis dahin wollte Nicki weitere Recherchen anstellen.

Sie ging also zurück in Ihr Zimmer und fuhr ihren kleinen Laptop hoch, den sie unterwegs sowohl geschäftlich als auch privat nutzte. Im Urlaub blieb er zwar meistens aus, doch benutzte sie ihn ab und zu um nach E-Mails zu sehen und um mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Heute nutzte sie ihre lieb gewonnene Infrastruktur, um die bisherigen Urlaubsfotos von ihrer Digitalkamera hochzuladen. Sie wählte ein Bild aus, auf dem Peter ihrer Meinung nach besonders gut getroffen war, lud es auf einen memory stick, ging damit zur Rezeption und bat Julie, es für sie in Farbe auszudrucken.

So fragte sie mit dem A4-grossen Farbausdruck des Fotos in der Hand der Reihe nach alle Angestellten, die sie finden konnte. Carlos, den immer fröhlichen Mann an der Bar, zwei Kellner, die inkognito, ohne Namensschilder an der Brust, gerade Kaffeetassen hin- und her trugen und einen ebenfalls namenlosen Putzmann der versuchte den Boden begehbar zu halten, da dieser gegen Ende der Frühstückszeit so aussah, wie er vermutlich bei einem All-Inclusive-Angebot aussehen muss. Offensichtlich bedeutete ein Fünf-Sterne-Hotel nicht automatisch, dass das Verhalten der Gäste gleich viele Sterne verdient hätte. Alle Angestellten hatten eines gemeinsam: sie konnten sich nicht daran erinnern, Peter seit gestern Vormittag gesehen zu haben.

Sie erweiterte Ihren Suchradius und fragte ausserhalb des Hotelgebäudes weiter. Die Hotelanlage war ziemlich weitläufig, selbst wenn man den Hotelstrand nicht mitrechnete. Neben der Vorfahrt zum Hotel, die selbst für grosse Busse ausreichend Platz bot, befand sich ein Stück täglich sorgsam gepflegter Rasen, im Anschluss daran war eine ungefähr zwei Meter hohe, blickdichte Hecke und direkt dahinter die geflieste Terrasse des Frühstücks-Restaurants. Als Nicki die Terrasse betrat, waren nur noch zwei einzeln reisende Damen, ein Herr mit dem gleichen Schicksal, zwei Paare um die dreissig und eine Familie mit zwei kleineren Kindern anwesend. Sie genossen die Ruhe und den Schatten unter den Sonnenschirmen. Nicki machte die Runde und befragte sie alle. Doch ihren Freund Peter hatte in der fraglichen Zeit niemand gesehen. Der einzelne Herr, der sich als Patrick aus Rotterdam vorgestellt hatte, bot sich jedoch an, ihr bei der Suche zu helfen. Als Nicki sich mit Peters Bild zu ihm heruntergebeugt hatte, linste Patrick Nicki jedoch einen Tick zu auffällig und zu lange in den Ausschnitt. Bestimmt war er mit dem erhaschten Blick hochzufrieden, doch Nicki vermutete, dass dies der eigentliche Grund für die angebotene Hilfe war und lehnte dankend ab.

Hinter der Terrasse zweigten zwei Wege ab. Der eine führte in Richtung der Sportanlagen wo man Tennis, Boules und Beachvolleyball spielen konnte. Der andere Weg führte zur Poolanlage mit den beiden Poolbars. Nicki wählte für ihre weitere Suche die Poollandschaft, weil sie bei der nun allmählich aufkommenden Mittagshitze niemanden beim Sport vermutete. Dort angekommen, traf sie auf zwei der ewig zu gut gelaunten Animateure. Cristiano und José.