Beschreibung

Poetisch und sanft erzählt Louise Boije af Gennäs die Geschickte der Stockholmerin Maja, deren Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt wird. Einerseits kümmert sich Maja mit viel Engagement um ihre bettlägerige Großmutter, die im Krankenhaus liegt und andererseits nimmt die Liebe zu Christos viel Platz in ihrem Leben ein. - Ein wunderschönes und facettenreiches Buch über das Erwachsenwerden.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 484


Louise Boije af Gennäs

Und eines Tages öffnet sich die Tür

Roman

Saga

Zur Erinnerung an Bojan, Stina,Lalla, Louise und all die anderen

»No man is an island, entire of itself;

every man is a piece of the continent,

a part of the main. If a clod be washed

away by the sea, Europe is the less,

as well as if a promontory were,

as well as if a manor of thy friends

or of thine own were.«

John Donne(1572–1631)Meditation XVII,Devotions upon Emergent Occasions

1

Der Geruch nasser Wolle umgab uns wie eine unsichtbare, feuchte Wolke. Der Eigengeruch des Busses nach altem scharfem Schweiß und Urin, der von den hintersten Sitzen aufstieg, mischte sich mit dem feuchten Wollgeruch, der sich von oben herabsenkte. Er rührte von Handschuhen und Schals her, irgendwo in Dachhöhe, wo wir uns krampfhaft an Haken und Stangen festhielten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, aneinanderzustoßen und so ungewünscht Körperkontakt zu haben. Augenbrauen wurden gerunzelt, wie um zu betonen, daß eine eventuelle Berührung nicht freiwillig erfolgte. Blicke richtete man unwirsch in die Ferne, ohne sie an einem bestimmten Ziel, ganz sicher aber nicht an einer bestimmten Person festzumachen. Wir schauten direkt durch die anderen hindurch, ohne das Geringste zu sehen, wie es sich eben gehörte, wenn man in der Öffentlichkeit allzu sehr in die Nähe fremder Menschen geriet.

Meine eigenen Handschuhe waren auch feucht und rochen unangenehm, das hatte ich vor dem Geldautomaten bemerkt, als ich den rechten mit den Zähnen auszog, um mit den steifgefrorenen Fingern die Karte in den schmalen Schlitz stecken zu können. Zweihundert Kronen hatte ich eingegeben; ich war überzeugt, so viel auf dem Konto zu haben. Aber ich mußte mir wieder einmal etwas falsch notiert haben, denn aus der Maschine ertönte nur ein peinlicher, langgezogener Pfeifton, gefolgt von einer grünleuchtenden Mitteilung auf dem Schirm, daß der Betrag nicht gedeckt sei.

Hinter mir in der langen Schlange traten entnervte, frierende Leute von einem Fuß auf den anderen, vielleicht mit dem gleichen Gefühl beißender Kälte in den Zehen wie ich, und einer seufzte so vernehmlich, als meine Karte wieder ausgespuckt wurde, daß ich keinen weiteren Versuch wagte. Glücklicherweise kam der Bus, so daß ich niemandem in die Augen sehen mußte, sondern einfach die Karte aus dem Automaten reißen und losrennen konnte. Spaghetti, konnte ich gerade noch denken. Ganz hinten in der Speisekammer hatte ich noch eine halbe Packung davon, und mit Margarine und französischen Kräutern zubereitet waren sie zu den Nachrichten völlig okay. Dann rutschte ich direkt vor dem Bus im Schneematsch aus, der Frankforth-Nachmias flog aus der Tasche und landete aufgeschlagen mit den Seiten nach unten in einer bräunlichen Pfütze, und ich selbst steckte mit dem Knie in einem Haufen Modder.

Die Nässe drang durch den Jeansstoff direkt bis auf die Haut und löste ein Gefühl des Unbehagens im ganzen Körper aus, wie damals, als man klein war und sich in die Hosen gemacht hatte, irgendwo auf einem unbekannten Kiesweg weit von zu Hause entfernt, auf dem man mit fremden Leuten spazierenging. Einen Augenblick glaubte ich, nun würde mir der Busfahrer auch noch die Tür vor der Nase zumachen, aber ausnahmsweise hatte ich einmal Glück. Er wartete geduldig, während ich mich hochrappelte, das Lehrbuch packte und meine Tasche jetzt mit festem Griff umfaßte. Mein Herz schlug heftig, irgendwo in Höhe der Halsgrube, als ich die glatten, grauen Busstufen hochstieg. Der Fahrer grinste mir zu, legte, noch während ich meine Karte hochhielt, den ersten Gang ein, und wir entfernten uns vom Bürgersteig. Buskarte! Wie schön; eine Sache, die unabhängig von den Geldmitteln im Portemonnaie oder auf dem Konto funktionierte. Mein Studienkredit war so gut wie aufgebraucht, obwohl wir erst November hatten, und bis zur nächsten Prüfung in einer Woche hatte ich auch nicht die Zeit, im Ica-Laden zu jobben. Ich war gezwungen, diese acht Punkte zu machen, sonst sah es mit dem Darlehen für das Frühjahrssemester ziemlich kitzlig aus.

Einen Sitzplatz bekam ich natürlich nicht, den bekam man um diese Zeit fast nie. Der Bus war brechend voll mit müden, gereizten, trübseligen, gleichgültigen Menschen. Ich wurde zwischen eine dicke Frau im verfilzten, braunmelierten Mantel und einen älteren Mann mit kaputten Zähnen gepreßt, der nach altem Tabak roch, und nur mit einer Kraftanstrengung gelang es mir, die glänzende Stange über meinem Kopf zu greifen. Schweratmend stand jemand hinter mir, der offenbar Knoblauch zu Mittag gegessen hatte. Ich kniff die Lippen zusammen, schluckte und versuchte mit den Schlingerbewegungen des Busses mitzugehen, ohne daß mir übel wurde. Vor meinem inneren Blick beschwor ich das Bild eines Wasserfalls – ein Wasserfall in den Alpen, so einer, wie man ihn auf ausländischen Schokoladenstückchen finden konnte, umgeben von hohen schneebedeckten Bergen und kleinen Kirchdörfern in der Ferne. Es war ein Trick, den ich oft benutzte, um der Übelkeit zu entgehen, wenn ich zu viel getrunken hatte oder eine Magengrippe im Anmarsch war. Ich dachte an einen sauberen Fluß, einen Wasserfall, ein Gewässer oben in den Bergen. Jede Menge frischer Luft. Grüne Wälder und hohe Berge.

Der Mann hinter mir unterdrückte ein Rülpsen und atmete dann mit offenem Mund aus. Ein stechender Knoblauchgeruch zog an meinem Gesicht vorbei und ließ den Speichel rinnen, während mein Magen sich gleichzeitig zusammenzog. Alpengipfel. Klares Wasser. Frische Luft. Kein Mensch in Sicht, nur ausgedehnte Wälder und große Weite.

Im Fenster, hinter dem Rücken der verfilzten Dame, entdeckte ich mein Gesicht, eingeklemmt zwischen dem Arm des älteren Mannes und dem Anorak eines jungen Burschen. Ich sah blaß und übellaunig aus, genauso übellaunig wie alle anderen. Ein ganz normales schwedisches Mädchen, Anfang Zwanzig, mit rattenfarbenem Haar und grauen Augen. Regelmäßigen Zügen, wie es in den Jungmädchenbüchern aus Mamas Kindheit hieß. Nicht schön, aber auch nicht gerade häßlich. Ich sah ganz einfach aus wie die Leute im allgemeinen aussehen, und schon das war erschreckend genug in einer Welt, in der man keine Chance mehr hatte, wenn man sich nicht abhob, nicht etwas Besonderes war, etwas ganz Spezielles.

Oft saß ich in der U-Bahn und erkannte mich in anderen Menschen wieder, egal wie alt sie waren. Manchmal sah ich ein kleines Mädchen mit einem Blick, der an meinen eigenen erinnerte, manchmal eine Dame mittleren Alters mit dem gleichen Gesichtsausdruck oder Profil, dann wieder eine ältere Frau, deren Körper auf die gleiche Weise zusammengesunken war, wie ich mir meinen eigenen in späteren Jahren vorstellte. Wir sind alle eine Rasse, dachte ich dann; die nordische Kartoffelzüchterrasse. Stille, nette, ängstliche Menschen, die ihre Gedanken für sich behalten und niemandem auf die Zehen treten wollen. Wir sind erzogen, der Obrigkeit, der Kirche, dem Adel, den Politikern, Lehrern, Journalisten, Gewerkschaftsbossen und Direktoren zu gehorchen. Wir sind eine leicht zu lenkende Rasse, die unter dem Begriff Demokratie koexistiert, weil das die ansprechendste und am leichtesten zu verkaufende Version der Machtausübung von oben nach unten ist. Es hat jedenfalls den Anschein, als ob wir alle mitbestimmen. Im Ausland hält man uns für ein modernes, freimütiges Volk. Doch im Grunde sind die meisten von uns dieselben Kartoffelzüchter und Schnapsbrenner geblieben, die wir immer gewesen sind, und wir haben überhaupt nichts zu sagen. Damals nicht, heute nicht und ganz gewiß nicht in der Zukunft. Um den Schmerz und die Gewißheit von unserer eigenen Bedeutungslosigkeit zu betäuben, brauchen wir in regelmäßigen Abständen ein ordentliches Besäufnis. Um irgendwann einmal richtig locker zu sein und eine Ansicht äußern zu können, müssen wir zum Schnaps greifen. So sind wir. So bin ich auch.

Der Bus schlingerte und schaukelte, und ich trat ein Stück zur Seite, um die Spiegelung meines Gesichts hinter einem Wildledermantel und einem nach Wolle riechenden Schal zu verstecken. Statt dessen betrachtete ich die Leute um mich herum. Ihre Augen schienen leer und müde zu sein, irgendwie grau, aus Mangel an Licht. Wir befanden uns immer noch auf dem Weg in die dunkle Jahreszeit, obwohl es schon so lange her war, daß wir die helle Zeit hinter uns gelassen hatten, und es noch viel länger dauern würde, bis es um uns herum wieder heller würde. Wir sind ein Volk, das schnell vergißt, dachte ich. Glücklicherweise. Jedesmal wenn das Licht zurückkommt, vergessen wir, daß es jemals dunkel gewesen ist. Wir vergessen die unendlichen Nächte und die matschigen, dunklen Tage mit nur ein paar Stunden Atempause mittendrin, wie ein Loch im Eis, von unten gesehen. Wir vergessen die Grippewochen und den Lohnstopp und die ständig steigenden Lebensmittelpreise. Wenn das Licht zurückkehrt, sitzen wir an stillen Buchten in der Dämmerung, prosten uns mit Schnaps zu, braungebrannt und glücklich und voller Mückenstiche, und wir vergessen alles außer dem milden Licht, das uns umgibt und in uns ist, in unseren Augen und auch in den Augen all der anderen. Wir stoßen auf den Sommer an, das Licht und die Hochkonjunktur, und wir glauben, mit der Dunkelheit, falls sie jemals wiederkehren sollte, bestens fertig werden zu können, denn so stark lebt das Licht in dieser Zeit in uns, daß es durch alle Arten von Dunkelheit bis zur nächsten hellen Periode zu reichen scheint, und wenn sie auch noch so weit entfernt sein mag. So schnell vergessen wir. Und so schnell verschwindet auch das Licht in uns, jedesmal und immer wieder. Wir sind ein Volk, das schnell vergißt. Was für ein Glück.

Der Bus war an meiner Haltestelle angekommen. Ich schob mich durch die feuchte Wolke, vorbei an den vielen Körpern, den vielen Mänteln, den vielen ins Nichts gerichteten Blicken und kam an der Tür an, als sie sich gerade mit einem Zischen wieder schließen wollte. In allerletzter Sekunde stellte ich meinen Fuß in die Lichtschranke, und dann fiel ich fast in die erleuchtete Nachtdunkelheit hinaus. Die Tür schloß sich hinter mir, der Bus machte einen Knicks nach oben und rollte schwer davon, einen starken Geruch nach Äthanol zurücklassend. Auch der umgab mich wie eine Wolke, brachte meinen Magen wieder in Aufruhr und ließ erneut den Speichel rinnen.

Flüsse. Alpengipfel. Frische Luft. Licht.

*

Die Wohnungstür mit dem kaputten Briefschlitz schlug scheppernd hinter mir zu. Auf dem Dielenboden lagen zwei braune Kuverts und das Werbeblatt eines Lebensmittelladens. Wenn ich nachmittags nach Hause kam, hatte ich immer ein erwartungsvolles Kribbeln im Bauch, ein Gefühl, daß vielleicht heute was Besonderes mit der Post gekommen war. Ich wußte nicht genau, was das sein sollte. Vielleicht eine Einladung zu einer tollen, luxuriösen Party, von einer ganz besonderen Person. Nicht daß ich was zum Anziehen gehabt hätte, um auf eine solche Party zu gehen. Und irgendeine besondere Person kannte ich auch nicht.

Einmal hatte eine Ansichtskarte aus Italien auf dem Dielenteppich gelegen, eine wundervolle Ansichtskarte mit einem Bild vom Mittelmeer und einem lachenden Paar in einem Restaurant im Vordergrund. Sie kam von einem Italiener, und als ich, wie immer, als erstes nach dem Absender sah und begriff, daß sie wirklich von ihm, Sandro, kam, machte mein Herz einen Doppelsprung. Vor mehreren Jahren war ich ihm auf einer Sprachreise begegnet und hatte mich Hals über Kopf in ihn verknallt. Ungefähr einen halben Tag lang hatte er in Maßen mit mir geflirtet und sich dann Chiara gewidmet, dem schönen Mädchen mit den langen Beinen aus Florenz. Als ich die Karte zu lesen begann, spürte ich die Erwartung in mir, doch als ich am Ende angelangt war, war sie längst verschwunden. »Mit Chiara ist Schluß. Vielleicht komme ich nach Stockholm«, stand da in holprigem Englisch. »Love, Sandro.« Die Karte war an Marja adressiert, nicht an Maja, nicht an mich. Plötzlich sah ich Sandro vor mir, wie er in seinem erbosten, italienischen Hochmut und angetrieben von verletztem männlichen Stolz sein ganzes dickes Adreßbuch durchpflügte und danach Ansichtskarten an alle unbekannten Mädchen abfeuerte, mit denen er jemals Adressen gewechselt hatte. Vielleicht hatte eine unbekannte Marja in Finnland nun den Vornamen Maja erhalten. Ich wollte Sandro nicht wiedersehen, und er wollte mich nicht sehen. Er wollte nicht mich sehen.

Auch ich hatte Sandro natürlich nie richtig gesehen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was für ein Mensch er eigentlich war; ich erinnerte mich nur an ein hübsches Profil und eine schlaksige Männergestalt. Vielleicht wollte Sandro gar nicht gesehen werden; vielleicht begnügte er sich damit, Mädchen aus anderen Ländern oberflächlich zu beeindrucken und dann ihre Sehnsucht mit Ansichtskarten vom Mittelmeer zu nähren. Ich aber wollte gesehen werden, von ihm oder einem anderen. Mehr als alles andere hatte ich schon immer gewollt, daß jemand mich sah. Mich sah.

Der Anrufbeantworter war Punkt zwei meiner Erwartung, wenn ich nach Hause kam. Ich hatte so einen Apparat vom Tele-Amt, einen kleinen billigen aus weißem Plastik, den mir mein Bruder Steffe überlassen hatte, als er sich ein größeres, eleganteres Modell angeschafft hatte. Manchmal ging der Apparat kaputt und mußte zur Reparatur, aber genausooft sprang er wieder an, wenn man ihn nur ein paarmal auf den Küchentisch schlug. Hatte ich keine schöne Post bekommen, konnte ich immer noch hoffen, daß irgend jemand Interessantes angerufen hatte. Auch in dem Fall wußte ich nicht genau, worauf ich hoffte; vielleicht, daß ein alter Schulfreund von sich hören ließ, etwa auf folgende Weise: »Maja! Hier ist Per. Erinnerst du dich an mich? Wir sind zusammen in die Penne gegangen. Ich habe dich gestern im Bus gesehen, und du hast unheimlich süß ausgesehen. Ich habe noch gerufen, aber die Türen gingen zu und du hast nichts gehört. Ich habe gleich, als ich nach Hause kam, im Telefonbuch nachgesehen, und da stand ja deine Nummer. Ich weiß nicht, ob du mit jemandem zusammen bist oder so, aber ... hast du vielleicht Lust, irgendwann mal ein Bier trinken zu gehen und über alte Zeiten zu reden? Ruf mich an unter 5691822!« Piep!

Meistens gab es keinerlei Nachrichten. Meistens leuchtete mir, wenn ich nach Hause kam, nur eine verdammte rote kleine Digitalnull aus dem Dunkel des Wohnzimmers entgegen. Zwei Dinge leuchteten in meinem Wohnzimmer: die Null und das Aquarium. Mein grünes Aquarium, das ich schon hatte, als ich noch zu Hause wohnte. Wenn ich auf die verdammte Null geschielt hatte, ging ich hin und legte die Hände aufs Glas, das sich lauwarm anfühlte, und blickte zu meinen Fischen hinein. Sie schienen mich nicht zu sehen, bewegten sich nur mit graziösen Schleierbewegungen durch das Wasser und schienen nicht im geringsten zu begreifen, daß ich sie mit dem Kescher herausholen und in Ei und Semmelbrösel braten konnte, wenn ich es nur wollte.

Fische waren keine guten Haustiere, besonders nicht, wenn man allein wohnte und die Null beinahe jeden Abend, wenn man nach Hause kam, ärgerlich rot leuchtete. Manchmal rief ich mich selbst von der Arbeit aus an, nur damit der Apparat eine Eins oder Zwei anzeigte. Dann ließ ich die Ziffer den ganzen Abend stehen. Einmal habe ich mehrere Tage hintereinander bei mir zu Hause angerufen, nur um wenigstens ein einziges Mal ein bißchen Gerede anhören zu können, und schließlich erinnerte ich mich nicht mehr, wie oft ich angerufen hatte. Als der Apparat eine Vierzehn anzeigte, rauschte ich eines Abends zur Tür herein, warf den Mantel ab, schlug die Beine übereinander und begann mit dem Stift in der Hand das Band abzuhören, als hätten im Laufe des Tages wirklich vierzehn Personen versucht, mich über diesen kleinen Apparat zu erreichen. Natürlich erwies sich, daß dreizehn Gespräche von mir kamen und eins von meiner Mutter, die ungefähr drei Tage zuvor angerufen hatte, und als ich zurückrief, klang sie wütend wie eine Hornisse und erkundigte sich, ob meine Universitätsstudien mich so hochnäsig gemacht hätten, daß ich keine Rücksicht mehr auf die Familie zu nehmen brauchte. In Wirklichkeit war sie es gewesen, die fast vier Wochen nichts hatte von sich hören lassen, und das schlechte Gewissen machte sie, wie üblich, aggressiv. Wie gewöhnlich rief ich sie also an und bat um Entschuldigung, und wie gewöhnlich sagte sie, es mache nichts.

An diesem Abend genoß ich die Vorfreude ein wenig. Ich ging nicht direkt von der Post zum Anrufbeantworter, sondern hängte erst meinen Mantel auf und sortierte meine Lehrbücher auf dem Schreibtisch vor dem Fenster. Ungewollt sah ich meine eigene, undeutliche Spiegelung in der Scheibe, und genau wie im Bus wich ich ihr mit dem Blick aus. Ich sah nicht so aus, wie man nach Romanen, Filmen und Werbetafeln auszusehen hatte, das hatte ich schon frühzeitig festgestellt. Auch wirkte ich nicht interessant, wie eine verkrachte Existenz zum Beispiel, nicht originell oder exzentrisch. In der Damensauna oder in einer Menschenmenge schauten mich die Leute zerstreut an, ehe sie den Blick weitergleiten ließen. Ich weckte keine Aufmerksamkeit, aber mein Anblick brachte auch niemanden dazu, den Blick abzuwenden. Man sah mich ganz einfach nicht. Ich war nur eine von vielen, völlig normal, genau so eine wie alle anderen. Im Café ›Ritorno‹, in dem ich oft einen Kaffee trank, hatten die Plunderstücke und Kuchen keine feinen französischen Namen wie anderswo, sondern auf den kleinen Schildchen standen normale, urschwedische Namen, die den Inhalt beschrieben oder die Bezeichnungen angaben, die die Kunden benutzten. Infolgedessen hieß die eine Sorte Plunderstücke »Ein Klebriges«, eine andere »Was Gutes«, eine dritte »So eins« und eine weitere Sorte »Genau so eins«. Ich hatte das Gefühl, wenn ich ein Plunderstück wäre, läge ich unter denen, die man »Genau so eins« nannte, gesprochen mit leiser Stimme vor dem Schaufenster des Cafés, im Hintergrund der schwedische Herbsthimmel.

Nachdem ich meine Sachen wegsortiert hatte, warf ich endlich einen Blick auf den Anrufbeantworter. Eine Zwei leuchtete in der Dunkelheit! Ich drückte sofort auf die Wiedergabetaste. Zwei Gespräche! Ich selbst hatte nicht angerufen. Und nur eins davon konnte schließlich falsch verbunden oder ein schrilles, falsch gelandetes Faxsignal oder auch Mutter sein, die mich an etwas erinnern wollte. Das Band lief surrend an. Erst erklang der Piepton und danach Karins Stimme. Karin war eine Freundin, die früher mit mir bei Ica gearbeitet hatte. Jetzt war sie Kellnerin im ›Hard Rock Café‹, und oft wies sie mich mit leiser Verachtung in der Stimme darauf hin, daß es an der Zeit wäre, mir einen Stoß zu geben und ebenfalls weiterzukommen. Sie meldete sich nicht mehr oft bei mir, doch wenn sie es tat, hörte sie sich an wie immer: »Hallo, ich bin es. Gott, es ist ja Ewigkeiten her. Wenn du Lust hast, kannst du morgen mit mir mitkommen. Ich will mich mit jemandem von der Arbeit im Wasahof treffen. Rufe mich heute noch an. Hier ist Karin, habe ich das überhaupt gesagt?«

Piiiep, sagte der Apparat. Dann nahm Mutters Stimme das Zimmer ein. Bei ihr war es nie der Fall, daß sie wie andere zu leise aus dem Apparat klang, so daß man vielleicht gezwungen war, das Band zurückzuspulen, um gewisse Einzelheiten zu erfassen; nein, Mutters Stimme war wirklich imstande, ein ganzes Zimmer zu füllen. Auch in der Kirche nahm Mutters Stimme den ganzen Raum ein, wenn sie bei den Liedern laut und klar mitsang. Sie war nicht etwa kirchlich, o nein. Mutter doch nicht. Religion war für sie beinahe so etwas wie Opium fürs Volk. Doch man mußte solidarisch sein und sich den jeweiligen Sitten und Gebräuchen anpassen; bei einer Hochzeit, Beerdigung oder Taufe ging man in die Kirche und füllte den Kirchenraum mit seiner Stimme. Man hatte den Willen anderer zu respektieren, und zugleich konnte man die Durchführung der Sache selbst ein wenig prägen. Als kleines Kind war ich überzeugt, daß Mama selbst Gott übertönen konnte.

»Hier ist Mama«, sagte sie jetzt, und ihre Stimme quoll zwischen Sofa und Tisch, rollte weit unter meinen Schreibtisch, wogte hinauf bis zur Decke und um die dunkle Lampe herum wie eine Flutwelle vibrierender Töne. »Bist du nicht zu Hause? Jetzt ist es halb sechs. Ich habe es auch schon bei deiner Arbeitsstelle versucht, aber Pelle hat gesagt, du kommst die ganze Woche nicht. Kannst du dir das wirklich leisten? Bist du schon wieder unterwegs? Ich hoffe wirklich, daß du diese Nachricht heute abend erhältst. Großmutter liegt in Sabbatsberg, und nun hat sie auch noch aufgehört zu essen. Ich begreife nicht, was mit ihr los ist, sie hat doch alles, was sie braucht. Jedenfalls wirst du einmal hingehen. Weder Papa noch ich schaffen es diese Woche, und von dir aus ist es ja nur ein Katzensprung. Kannst du doch machen, oder? Ruf uns an, wenn du nach Hause kommst.«

Piiiep.

Karin wollte mich mit in die Kneipe nehmen. Jemand von der Arbeit, wer konnte das sein? Einer aus dem ›Hard Rock‹, natürlich. Ein hübscher Typ mit großen Bizeps, auf den Karin scharf war. Oder so ein irres Girlie mit Lederjacke, halblangem Haar und lautem Lachen, von der Karin die abgelegten Sachen erbte. Ich war ihren Kollegen schon früher begegnet. Nicht, daß mir das etwas ausmachte. Ich war über jeden glücklich, den ich kennenlernen durfte, glücklich, überhaupt angerufen zu werden, glücklich über die Idee, mitten in der Woche auszugehen und zusammen mit Karin und ihrem unbekannten Freund oder ihrer Freundin im ›Wasahof‹ ein Bier zu trinken.

Ich ging zum Aquarium und drückte die Handflächen an das lauwarme Glas. Dort drinnen bewegten sich die Fische in ihrem graziösen Schleiertanz. Sie stiegen und sanken im unsichtbaren Wasser wie anmutige, träge Paradiesvögel in einer ganz anderen Atmosphäre als jene, die wir in unserem kläglichen Erdenleben zustandebrachten. Ich sah, wie sich meine Augen im Glas spiegelten, ganz schwach in der Dunkelheit, und ich sah, wie mir meine Zähne in dem lächelnden Mund entgegenschimmerten. Und es schien tatsächlich, als schwimme einer der kleinen Fische auf mich zu und betrachte mich mit seinen lidlosen Augen, sehe mich ausnahmsweise einmal direkt an, ohne den Blick abzuwenden. Dann legte er die Schleier zusammen, öffnete sie, legte sie zusammen und öffnete sie wieder, wendete und schwamm in eine andere Richtung davon.

*

Am nächsten Abend kam ich ungefähr zehn nach acht in den ›Wasahof‹, weil ich nicht die Erste sein wollte. Mir hatte es nie gefallen, in Kneipen allein an Bars herumzuhängen, denn ich wußte nie, ob ich etwas bestellen und allein trinken oder ob ich warten sollte und falls ich wartete, was ich in der Zwischenzeit machen sollte. Ich traute mich nicht zu rauchen, weil ich befürchtete, man könnte sehen, daß ich nur eine Sonntagsraucherin war und keine richtigen Lungenzüge machte, und lesen wollte ich auch nicht, obwohl ich beinahe immer ein Buch in der Tasche hatte, denn ich fand, das wirke zu gewollt. Ich war ganz einfach typisch für dieses Land. Immer besorgt, was andere sagen würden, immer in Angst, was andere denken könnten, obwohl alle anderen total mit sich beschäftigt waren und mich nicht einmal eines Blickes würdigten. Die Lösung des Problems sah ich darin, zu Verabredungen in Gaststätten und Bars ständig zu spät zu kommen. Ich war eigentlich ein ausgesprochen pünktlicher Typ, was die Sache ein wenig erschwerte, aber ich zog es stets vor, wie auch in diesem Fall, vier Runden um die Gustav-Vasa-Kirche zu drehen, statt rechtzeitig da zu sein und allein an der Bar herumzustehen.

Karin war nicht zu sehen. Ich ging ein paarmal durch die ganze Bar und das Speiserestaurant, die Brauen unschuldig erhoben und die Miene ausgesucht beschäftigt, als sei ich nur zufällig hierhergeraten auf dem Weg zu einer unerhört wichtigen Verabredung, und danach stellte ich mich mit einem tiefen Seufzer allein an die Bar. Ich schielte auf meine Armbanduhr. Fast Viertel nach acht. Hatte ich mich im Ort geirrt? War es nicht der ›Wasahof‹? Ich zog wieder ungeduldig die Augenbrauen in die Höhe, hob meine Schultertasche auf die Theke und zog den Kalender heraus. Diskret warf ich einen Blick hinein. Doch. »Karin Wasahof 20.00 Uhr« stand da mit rotem Stift. Und heute war Dienstag. Und das hier war der Wasahof.

Sechzehn Minuten nach acht.

Ich studierte die Theke. Sie war mit einer Messingplatte bedeckt, eingefaßt von dunklem Holz. Ganz hübsch. Am Boden befand sich eine lange Stange als Fußstütze, ebenfalls aus Messing. Oder war es etwas anderes? Vielleicht irgendein Ersatzmetall. Auf der Theke standen gewaltige Aschenbecher. Eine Schiefertafel kündigte das Bier-Extraangebot des Abends an: »Großes Doppelbock 39,–«. Doppelbock. Verbocken. Nach einem zu großen Doppelbock alles verbocken. Die Barhocker waren rund und hoch. Etwa fünfzehn oder zwanzig davon umgaben die Bar. Bis auf drei waren alle besetzt. Drei von, sagen wir, zwanzig. Das hieß, daß ein, zwei, ein Sechstel der Stühle frei waren. Nein, ein Siebentel. Dreimal sieben war einundzwanzig ... Zwei Dreizehntel der Stühle waren frei.

Oder?

Siebzehn Minuten nach acht.

Ich fuhr zusammen, als der Barkeeper plötzlich vor mir stand und fragte, was ich haben wollte. Meine Tasche ging auf, und der Inhalt fiel zu Boden. Ich fühlte, wie ich rot wurde, weil sich ausnahmsweise einmal alle Blicke auf mich richteten. Gleichzeitig versuchte ich dem Barkeeper zu erklären, daß ich nichts haben wolle – oder vielleicht doch, ein mittelstarkes Bier vom Faß – nein, lieber doch nicht, ich wollte noch warten. (Wenn sie nun nicht kam! Dann konnte ich das Geld für etwas Besseres verwenden!) Verwirrt beugte ich mich hinunter und versuchte, meine Sachen zusammenzusuchen. Der Typ neben mir hatte sich auch gebückt und meine Haarbürste und das Feuerzeug aufgehoben, und jetzt reichte er mir beides freundlich lächelnd.

»Hier«, sagte er.

»Danke«, erwiderte ich.

Dann wandte ich mich wieder zur Bar um. Mein Gesicht brannte vor Scham. Der Typ hatte sich auch wieder der Bar zugewandt. Ich musterte ihn verstohlen. Er hatte dunkle Haare, braune Augen und sah ein bißchen von der Sonne gebräunt aus, obwohl wir November hatten. Vermutlich Einwanderer. War er unterwegs, um leichtsinnige schwedische Mädchen aufzureißen? Im selben Augenblick sah er mich plötzlich an und lächelte wieder, und ich fühlte, wie ich erneut rot wurde, wie ertappt. Im selben Augenblick segelte Karin zur Tür herein, groß, blond und schön wie immer, in abgewetzter Lederjacke und ausgeblichenen Jeans.

»Hallo!« rief sie fröhlich in meine Richtung, und ich machte einen Schritt auf sie zu, um sie zu umarmen.

Aber der Einwanderertyp kam mir zuvor. Er umfaßte Karin mit beiden Armen, und sie küßte ihn herzlich auf den Mund. Ich blieb unbeholfen neben ihnen stehen, bis sich Karin endlich entschloß, mich zu sehen.

»Maja!« sagte sie und umarmte mich. »Gott, ist das lange her. Habt ihr euch bekannt gemacht?«

Ich schüttelte den Kopf, während der Typ zur gleichen Zeit bestätigend nickte. Dann grinste er mich breit an und sagte: »Sicher haben wir das. Ein Marlboro-Feuerzeug. Keine Schuppen in der Haarbürste.«

Karin blickte uns ein wenig erstaunt an, und ich beeilte mich zu erklären: »Meine Tasche ist umgekippt, und es ist alles auf die Erde gefallen.« Karin lachte ein bißchen steif.

»Das sieht dir ähnlich, du Tolpatsch«, sagte sie und wandte sich wieder dem Typen zu. »Habt ihr schon bestellt?«

Er ignorierte Karin. Statt dessen sah er mich lächelnd an und streckte mir die Hand hin. »Ich habe dich schon gesehen, als du reingekommen bist«, sagte er. »Ich heiße Christos.«

»Maja«, erwiderte ich.

Wir schüttelten uns die Hand. Karin betrachtete uns wortlos und zündete sich eine Zigarette an. Christos’ Hand umschloß die meine. Ich fand, er hielt sie ungewöhnlich lange fest. Seine Hand war warm, trocken und sonnengebräunt, und meine Hand sah in der seinen weiß und schmal aus. Plötzlich wünschte ich, nicht die Nägel abgeknabbert und sie überhaupt besser gepflegt zu haben. So wie Karin. Ihre Nägel waren immer lang, rot und bestens gefeilt.

»Was wollt ihr trinken?« fragte Christos, ließ meine Hand los und legte seine Arme um uns beide. »Ich lade euch ein.«

Karin kicherte entzückt. »Christos ist Gentleman bis in die Fingerspitzen«, sagte sie zu mir, doch ohne den Blick von ihm zu lösen. »Du wirst dich noch total ruinieren, wenn du so weitermachst. Ein großes Pils, bitte.«

Christos sah mich fragend an, aber ich brachte keinen Ton heraus. Statt dessen nickte ich, und er bestellte drei Pils.

»Werdet ihr von schwedischen Männern nie zum Bier eingeladen?« fragte er dann und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an.

»Sei nicht so selbstgefällig!« sagte Karin und boxte ihn leicht in den Bauch. »Ein Kompliment reicht ja wohl!«

»Und was sagst du dazu, Maja?« fragte Christos und wandte sich zu mir.

Ich zuckte mit den Schultern. »Kommt wohl vor«, sagte ich. »Aber es ist nicht die Regel.«

»Woher kennt ihr beide euch?« fragte Christos. »Seid ihr Freundinnen aus der Kindheit?«

»Nein, das wäre wirklich zuviel gesagt!« antwortete Karin und lachte schallend. »Voriges Frühjahr haben wir eine Zeitlang zusammen bei lca gearbeitet, ehe ich im ›Hard Rock‹ angefangen habe. Dort konnte man aber einfach nicht bleiben. Pelle, der Alte, dem der Laden gehört, kann von keiner Frau die Finger lassen. Und ich meine, an der Kasse sitzen, das ist nichts für mich.« Sie schüttelte vielsagend den Kopf. Dann fuhr sie mir unsanft über die Haare.

»Klein-Maja hier fällt es schwer, sich einen Stoß zu geben!« sagte sie. »Aber wir arbeiten dran, stimmt’s Herzchen?«

Ich lächelte. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte.

»Arbeitest du voll?« fragte mich Christos.

»Nein«, sagte ich, »ich mache das nur manchmal nebenbei, ein paar Tage in der Woche. Ansonsten studiere ich. Soziologie.«

Christos Gesicht erhellte sich, und er drehte sich noch weiter zu mir um. »Wirklich?« fragte er. »Toll! Ich studiere Wirtschaftswissenschaft. Im Moment belege ich Betriebswirtschaft. Nächstes Frühjahr werde ich fertig.«

Ich lächelte ihm dankbar zu, aber ehe ich antworten konnte, legte Karin ihre Hand auf Christos Arm.

»Maja ist unheimlich tüchtig«, sagte sie und legte den Kopf schief. »Eines schönen Tages wirst du Sozialkundlerin, stimmt’s?«

»Soziologin«, sagte ich. »Aber ich habe erst angefangen, jetzt im Herbst.«

»Was willst du danach machen?« fragte Christos.

Ich zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht«, sagte ich und verstummte.

Das Bier kam und wir prosteten uns zu. Christos lächelte Karin zärtlich an, und sie gab das Lächeln strahlend zurück. Warum sie mich zu dieser Verabredung eingeladen hatte, konnte ich beim besten Willen nicht begreifen. Aber vielleicht brauchte sie einfach einen Kontrast; ein Maß, das neben ihr nicht bestehen konnte, wodurch sie selbst noch strahlender erschien. Sie redete ununterbrochen mit Christos, lachte, warf die Haare nach hinten und benahm sich so, wie ich mich immer gern benommen hätte, wenn ich nur gewußt hätte, wie man es anstellte.

Statt dessen nippte ich schweigend an meinem Bier. Es waren jetzt viele Leute in der Bar. In den Gläsern und in den großen, verkehrt herum hängenden Behältern hinter der Theke schimmerten verschiedenfarbige Flüssigkeiten, und hinter uns lag das Stimmengewirr wie ein Geräuschteppich. Christos war lieb und nett, und Karin war hübsch und ganz okay, schließlich hatte sie mich angerufen, und ich hatte überhaupt nichts dagegen, einen Kontrast darzustellen, wenn ich an einem ganz gewöhnlichen Dienstagabend zu einem Bier eingeladen wurde und es in netter Gesellschaft trinken durfte. Hin und wieder sah mich Christos mit seinen freundlichen Augen lächelnd an. Ich kam damals und dort zu dem Schluß, daß es doch nicht ganz so dumm war, hin und wieder allein in der Bar zu warten und vielleicht zufällig die Tasche auszukippen und sich ein bißchen zu blamieren. Nur manchmal, allerdings. Zur Abwechslung.

2

Der nächste Tag war ein Mittwoch, und ich sollte eigentlich zwischen zehn und achtzehn Uhr im Ica-Laden sein, aber ich hatte mit Lotta getauscht, um lernen zu können. Wir hatten am Montag Prüfung in Angewandter Methodik, das hieß also, es ging um das ganze Fach, und ich saß den ganzen Morgen wie festgenagelt vor den Büchern, Datenblättern und Gruppenuntersuchungen an meinem Schreibtisch. Dann am Nachmittag war ich gezwungen, in die Geriatrische Klinik von Sabbatsberg zu gehen, um Großmutter einen Besuch abzustatten. Der Schneematsch war fast weggetaut, aber es wehte ein ziemlich scharfer Wind, der Regen ankündigte. Mit recht gemischten Gefühlen kämpfte ich mich im Gegenwind über das Krankenhausgelände, folgte den Schildern, die zur Geriatrie wiesen. Ich hatte in den vergangenen acht, neun Jahren nicht gerade oft an Großmutter gedacht.

Als ich klein war, hatten wir uns ziemlich häufig gesehen, denn da wohnte Großmutter in einem Häuschen in Äppelviken, und Mama pflegte meinen Bruder und mich dort abzusetzen, wenn sie etwas zu erledigen hatte. Ich erinnerte mich an lange, träge Tage bei Großmutter, in denen die Zeit anders war, irgendwie stiller als zu Hause, und in denen man unter ihrer geduldigen Aufsicht in der Küche Sirupbonbons kochen durfte, ohne daß es viel ausmachte, wenn man kleckerte und schmierte. Großmutter hatte Zeit. Sie lebte irgendwie mitten in der Zeit, so daß diese stillzustehen schien, wenn man sich bei ihr befand, und doch flog sie offenbar dahin, denn plötzlich war Mama wieder da, und es hieß schnell, schnell, und man sollte los, und wo hatte man seinen einen Schuh gelassen und die Schultasche, und Ebba möge entschuldigen, aber wir müssen wirklich los ... Großmutter protestierte nie, sie lächelte Mama nur freundlich an und nickte voller Verständnis, und dann schaute sie dich mit ihren klugen Großmutteraugen an, und man wußte, sie wußte es, daß man selbst es wußte, daß sie mitten in der Zeit lebte und daß es okay war, wenn man ein anderes Mal wiederkam, um mit ihr in dieser Zeit zu leben.

Dann wurden wir älter, schließlich Teenager und verloren jedes Interesse an Großmutter, und Mama brauchte uns nie mehr irgendwo abzusetzen, denn wir konnten allein überallhin gehen. Und dann kam es zum Zerwürfnis zwischen Papa und seinem Bruder, und Großmutter nahm irgendwie Partei für Onkel Anders, oder jedenfalls glaubte Papa das, und mehrere Jahre lang besuchte keiner von uns weder Onkel Anders und seine Familie noch Großmutter. Und dann war Großmutter plötzlich alt und in eine Wohnung mitten in der Stadt gezogen, und Papa vertrug sich mit Onkel Anders oder jedenfalls einigermaßen, und wir redeten ab und zu davon, Großmutter besuchen zu müssen, aber es kam immer so viel anderes dazwischen. Großmutter hatte immer Zeit, das wußten wir ja, und darum war das mit Großmutter nicht so wichtig; sie konnte warten, bis auch wir etwas Zeit finden würden, wir, die wir immer so beschäftigt waren. Mama machte einen Besuch, und Papa fuhr auch irgendwann mal hin, und jedesmal schien damit das gemeinsame schlechte Gewissen der Familie erleichtert zu sein, so daß man für mehrere Wochen überhaupt keinen Gedanken daran verschwenden mußte. Und die Eltern lagen uns Kindern ein bißchen in den Ohren, sagten, ihr begreift ja wohl, daß Großmutter ihre Enkel sehen will, aber jedesmal, wenn Mama das sagte, entgegnete Papa, er finde, Onkel Anders’ Familie könne sich auch mal um sie kümmern, und jedesmal, wenn Papa das sagte, entgegnete Mama, sie hätte die Male, wo sie Großmutter besucht habe, auch nicht gerade bemerkt, daß sich Onkel Anders’ Kinder dort drängelten. Und wir sagten gar nichts, sondern pflichteten dem vorhergehenden Redner nur still bei, das war ja wirklich das Letzte, daß unsere Cousins und Cousinen so wenig für Großmutter übrig hatten, schlürften unsere Suppe oder kauten schweigend unsere Blutpastete, und dann wechselte jemand das Gesprächsthema, und die Sache war wieder aus der Welt. Aus der Welt.

Aber jetzt hatte Mutter angerufen, und als ich am Dienstagabend zurückrief, machte sie mir klar, daß es nun an mir sei, die Sache zu übernehmen. Sie habe es satt, immer für alle anderen einspringen zu müssen, sagte sie, deutlich an Vater gerichtet, der im Hintergrund saß und Nachrichten schaute. Und ich sagte, sicher könne ich Großmutter besuchen. Ich dachte, das sei eine ziemlich einfache Angelegenheit, erledigt in höchstens vierzig Minuten, und ich konnte ja ein Bund Bananen mitnehmen und eine Illustrierte mit einem Kreuzworträtsel, denn das hatte sie immer gern gemocht. Und bald würde sie sicher wieder gesund und zurück in ihrer Wohnung sein, und dann brauchte ich mir nicht länger den Kopf zu zerbrechen.

Großmutter war nach Sabbatsberg gekommen, weil jemand von ihren Nachbarn Alarm geschlagen hatte. Post und immer mehr Zeitungen hatten aus Großmutters Briefkasten geragt, und das, obwohl sie doch wußten, daß Großmutter zu Hause war – schließlich war sie das immer. Großmutter wohnte nicht sehr weit von mir entfernt, in der Kungstensgata, in einem alten Mehrfamilienhaus, von dem Vater behauptete, es sei überhaupt vollgepfropft mit Senioren. Laut Vater, wenn er in der entsprechenden Stimmung war, lebten wir alle wie Bienen im Korb, jeder in seinem eigenen kleinen Bereich, trotzdem aber als Teil eines großen Ganzen. Das sei ein ausgezeichnetes Beispiel für den sozialdemokratischen Zeitgeist und seine großartigen Projekte, sagte er, vor allem, um Mutter zu ärgern, die bei der Landesorganisation der Gewerkschaft angestellt war. Drohnen rechts, Weibchen links, sagte Papa. Kinder in die Kita, Alte in die Seniorenwohnung oder ins Heim, und dann keinen Kontakt zwischen den Gruppen.

Vermutlich war es Großmutters Glück, daß die Krise sie gerade in diesem Haus erwischt hatte, in dem die Senioren sich heimlich beäugten. Wer weiß, wie lange sie sonst in ihrem Schaukelstuhl gesessen hätte. Vermutlich sechs, sieben Monate lang, und man mußte ja dankbar sein, daß sie so viel Geschmack besessen hatte, sich nicht auf den Balkon zu setzen, wie es irgendeine selbstsüchtige, halbtote Alte vor ein paar Jahren getan hatte. Man hatte sie erst gefunden, als Leichenwürmer in die Blumenkästen des Nachbarn krochen und dicke Spinnennetze über den leeren Augenhöhlen der Toten gelegen hatten. Großmutter fand man jedoch noch immer ganz lebendig in ihrem Schaukelstuhl sitzen. Der Hausmeister hatte ein paar Sanitäter mit dem Schlüssel in die Wohnung geschickt, und als sie Großmutter gefunden hatten, maßen und wogen sie die Kranke und stellten fest, daß sie an Austrocknung litt und eine Zeitlang im Krankenhaus behandelt werden müßte. Austrocknung, so lautete die Diagnose. Daß Großmutter nicht reden wollte, darüber stand kein Wort im Bericht. Einige Tage oder vielleicht Wochen in Sabbatsberg würden alles in Ordnung bringen, und danach konnte man Großmutter nach Hause in ihre Wohnung entlassen, frischgewässert und wieder aufgeblüht wie eine beschnittene Rose.

Großmutter hatte vier Wochen in Sabbatsberg gelegen, ohne einen einzigen Ton von sich zu geben. Anfangs hatte sie ein wenig gegessen, und sie hatte am Tropf gehangen, aber jetzt war es auch mit dem Appetit vorbei. Schließlich hatte der Chefarzt Mutter angerufen und gesagt, jemand aus der Familie müsse etwas tun. Nicht einen einzigen Besuch hatte Großmutter bekommen, seit sie eingeliefert worden war. Und jetzt, das konnte Mutter der Stimme des Chefarztes entnehmen, war das Personal schon leicht irritiert. Über wen und weshalb ging nicht daraus hervor. Jedenfalls sei es nun an der Zeit, daß ich hinging.

Der November in Schweden ist ein scheußlicher Monat. Die Bäume sehen so nackt aus, fast desperat, wenn sie ihre Zweige zum Himmel recken, der sich niemals öffnet, der sich nicht einmal zu erinnern scheint, was Sonnenschein ist oder wie dieses massive Grau jemals hatte durchbrochen werden können. In meinen dunkleren Stunden erinnerte mich der November an meine eigene Seele, oder wie ich meine innere Landschaft nun nennen wollte. Er war genauso karg, düster und trostlos.

Auf dem Krankenhausgelände von Sabbatsberg biß mir der scharfe Wind ins Gesicht. Hier und da leuchteten warme gelbe Lampen in den Fenstern, und ich stellte mir vor, daß es vielleicht gar nicht so schlecht war, im Krankenhaus zu liegen. Eine kurze Zeit der krassen Wirklichkeit hier draußen zu entfliehen und sich umsorgen zu lassen. Man konnte irgendwas Einfaches haben, ein gebrochenes Bein zum Beispiel, so daß man noch immer essen, trinken, Bücher lesen und fernsehen konnte, ohne daß irgend jemand mit Forderungen an dich herantrat, zum Beispiel, daß du um die und die Zeit im Ica-Laden oder draußen in der Universität zu irgendeinem Seminar erscheinen möchtest. Man würde es da drinnen sicher ganz nett haben, mit einer kleinen gelben Leselampe am Bett und reizenden Schwestern, die einem ein Glas Saft brachten und Fieber maßen. Flotte Ärzte in weißen Kitteln würden zur Visite erscheinen und flüsternde Gespräche über die junge Frau mit dem komplizierten Beinbruch führen.

Ich hatte die Geriatrie fast erreicht und mußte mich konzentrieren, um die richtige Station zu finden. Dritte Etage, hatte Mutter gesagt. Frage die Schwestern nach Frau Ljunggren. Ich zog die schwere Außentür auf und ging suchend weiter. Drei Treppen. Noch eine schwere Glastür, und ich stand vor der Station. Geriatrie. Was für ein Name. Hier handelte es sich doch schließlich ums Altwerden und damit zusammenhängende Beschwerden. Geriatrie, das klang nach Experimenten mit Ratten. Man mußte an lange Käfigreihen voller großer Nager denken, mit nackten Schädeln und rosaschuppigen Schwänzen, die frustriert am Metallgitter kratzten, wenn man vorbeiging. Hin und wieder eine Injektion, gefolgt von einem vollständig hysterischen Kreiseln im Käfig, bis sie ihre Krallen in die Luft streckten. Auch diesmal nicht das Richtige, Herr Professor. Geriatrie. Das klang jedenfalls nicht nach der Betreuung alter Leute.

Die Tür ließ sich nicht öffnen. Ich zerrte und zog, aber nichts half. Auf der anderen Seite des Glases sah ich einen glatzköpfigen älteren Mann im Rollstuhl vorbeifahren, seine Augen hatten einen verwirrten Ausdruck. Schließlich bemerkte ich, daß ganz oben am Türrahmen ein Sicherheitshebel angebracht war. Man sollte die Türen hier nicht ohne weiteres öffnen können, das war deutlich. Wegen der senilen Alten, vermutlich. Dennoch hatte ich ein unangenehmes Gefühl, als ich die Station schließlich betrat.

Zwei junge Schwestern gingen mit raschen Schritten an mir vorüber, völlig mit Lachen und Reden beschäftigt. Ich unterbrach sie und fragte nach Großmutter. Die eine wußte nicht, wo sie lag, doch die andere konnte mir den Weg weisen. Den Korridor links hinunter, vierte Tür rechts, Zimmer vier. Ich bedankte mich, und sie gingen weiter. Ich blieb erst einmal stehen, sog die Witterung ein wie ein Hund. Es roch merkwürdig; irgendwie war es ein Gemisch aus Küchendünsten und dem Geruch unmoderner Arztpraxen. Hier draußen in dem, was vermutlich eine Art Diele oder zumindest ein Verbindungsraum zwischen zwei Korridoren sein sollte, hingen Plakate und einige Kinderzeichnungen an den Wänden. Vor mir befand sich ein altmodisch möblierter Aufenthaltsraum mit einem Klavier und Polstergarnituren. Ein einsamer, allzu früh aufgestellter Adventskerzenständer leuchtete im Fenster. Ein alter Mann saß auf einem Stuhl, den Rücken zum Leuchter, und sah fern. Seine Lippen bewegten sich tonlos, sonst blieb sein Gesicht ausdruckslos vor den sich verändernden Bildern. Der Widerschein des Fernsehapparates lag auf seinem Gesicht, und es schillerte abwechselnd in Blau, Grün, Rot oder gleichzeitig in verschiedenen Farben. Es sah absurd aus. Ich machte rasch auf dem Absatz kehrt und ging den Korridor linker Hand hinunter.

Großmutter lag mit drei anderen Frauen zusammen im Zimmer. Ich sah erst all die anderen, ehe ich Großmutter entdeckte, die ganz hinten links am Fenster lag. In der vorderen rechten Ecke lag ein dickes Weib mit einer Nachthaube. Sie strickte und blickte mit mürrischem Blick zu mir auf. Das Knäuel war auf den Fußboden gerollt, doch ich hob es nicht auf – weshalb, wußte ich nicht. Ihr gegenüber saß halbaufgerichtet eine dunkelhaarige Frau mit einer Nierenschale neben sich. Ihr Atem ging flach und rasselnd und kam nur stoßweise. Ich ging ein paar Schritte ins Zimmer hinein. Rechts hinten am Fenster lag eine magere Frau mit ängstlichen Augen. Sie lächelte mir unbeholfen zu und flüsterte »Guten Tag«. Ich lächelte matt und nickte ihr zu. Und dann sah ich Großmutter.

Sie lag ganz hinten in der Ecke, und ihre Lampe brannte als einzige nicht. Sie war auch die einzige im Zimmer, die mich nicht ansah. Ihr Blick war aus dem Fenster gerichtet, hinter dem der Himmel immer dunkler wurde und die schwarzen Zweige der Bäume sich im Wind bewegten. Großmutter trug eins ihrer alten Nachthemden, an das ich mich von früher her erinnerte. Es hatte schmale blaßrosa Seidenbänder um Arme und Hals, und es duftete nach Lavendel von den kleinen Säckchen, die sie zwischen ihre Sachen zu legen pflegte. Diese Säckchen stellte sie selbst her, sie hatte mir gezeigt, wie man Lavendelblüten trocknete und kleine Stofftaschen mit Zugsaum nähte, die man dann füllte. Mama rümpfte die Nase dazu und sagte, es nähme viel zu viel Zeit in Anspruch und sei eine altmodische Sitte, die in einem gutfunktionierenden modernen Haushalt nichts zu suchen habe. »Wenn du gut riechen willst, kannst du Parfüm benutzen«, sagte sie, als ich vorschlug, auch Lavendelblüten zu trocknen und kleine Säckchen mit Zugsaum zu nähen. »Großmutter hat nichts anderes zu tun«, sagte sie dann. »Deshalb kann sie sich mit so was abgeben.« Aber ich glaubte ihr nicht. Ich ahnte, daß sich Großmutter immer mit solchen Dingen beschäftigt hatte, und daß auch damals kleine Säckchen mit Lavendel in ihrem Schrank gelegen hatten, als sie alle Hände voll zu tun gehabt hatte mit ihren Kindern, ihrer Arbeit und ihrem eigensinnigen Mann.

Als erstes sah ich, daß ihr Nachthemd nicht sauber war. Irgendeine Soße war ihr auf der linken Seite ins Halsbündchen gelaufen, und das Hemd war eindeutig schmutzig. Es war so ganz untypisch für Großmutter, nicht blitzsauber zu sein, daß ich fast zusammenzuckte. Vielleicht ging mir erst in diesem Augenblick auf, daß mit ihr nicht alles zum Besten stand und es vielleicht nicht genügen würde, sie neu zu beschneiden, mit Flüssigkeit zu füllen und wieder nach Hause zu schicken, damit die Dinge ihren alten Gang nehmen konnten.

Dann sah ich Großmutter selbst, wenn auch nur undeutlich. Schockiert begriff ich, daß Großmutter, meine Großmutter, die Großmutter, die ich in meiner Kindheit besucht hatte, nicht mehr da war. Meine Großmutter war eine muntere ältere Dame mit wachen Augen und etwas rundlicher Figur, immer hübsch und ziemlich gutgekleidet für eine Frau mit relativ geringer Rente. Die Person vor mir war nicht sie. Das war eine ausgemergelte Frau mit tiefen Falten um Augen und Mund, hängenden Hautlappen unter dem Kinn, mit glanzlosen Augen und leerem Blick. Ein Schlauch lief von einer Tropfvorrichtung direkt in ihre Armbeuge. Ihre Hände, die auf der Bettdecke ruhten, sahen gräßlich aus. Die blaufarbenen Adern hoben sich neben den deutlich sichtbaren Knochen scharf ab. Die Nägel waren gelblich und lang, standen von den Fingerkuppen ab, als wenn sie sehr lange nicht geschnitten worden waren. Blau – gelb, fuhr es mir durch den Kopf. Die schwedischen Farben. Dann ging ich ein paar Schritte auf das Bett zu und versuchte zu lächeln.

»Großmutter!« sagte ich. »Hallo Großmutter!«

Großmutter rührte keine Miene. Sie wandte mir nicht einmal den Blick zu. Starrte nur immer weiter aus dem Fenster, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden. Ich merkte, daß ich Angst bekam. Es war, als sei Großmutter tot, und doch konnte ich sehen, daß sie lebte. Sie atmete, aber trotzdem war sie wie tot. Ich riß mich zusammen, legte vorsichtig meine Hand auf ihre abgewandte Wange und drehte mir ihr Gesicht zu. Mich schauderte innerlich bei der Berührung – ich hatte keine Lust, diese lebendige Leiche anzufassen. Großmutters Haut war weich und glatt, trotz der Runzeln. Ihr Blick blieb an den Bäumen hängen, bis es ihr unmöglich war, sie noch länger zu sehen. Dann erst wandte sie mir den Blick zu. Das Gefühl des Unbehagens verstärkte sich. Es war, als sehe sie mich, aber blicke dennoch direkt durch mich hindurch. Die Augen hatten keinen Glanz, waren wie tot. Dennoch wußte ich, daß sie lebte, und ich sah, daß sie sah. Sie sah mich und zog es vor, direkt durch mich hindurchzusehen, mich auszulöschen, als gäbe es mich nicht.

»Großmutter«, sagte ich mit gespielter Fröhlichkeit. »Ich bin Maja! Ich bin es, Großmutter!«

Die Sekunden vergingen. Großmutter sah durch mich hindurch und antwortete nicht. Doch von der dunkelhaarigen Frau in der Ecke kam ein Röcheln, das zur Hälfte ein Schnaufen war. Dann spuckte sie geräuschvoll in ihren Spucknapf.

»Sie redet nicht«, sagte sie. »Es hat keinen Sinn.«

Mein Herz hämmerte wie wild, aus Angst und Wut. Ohne daß ich mich umgedreht hatte, wußte ich, daß alle drei Augenpaare auf mich gerichtet waren. Ich gab hier die Unterhaltung ab, und sie alle saßen in der ersten Reihe. Ohne die rechte Hand von Großmutters Gesicht zu nehmen, bosselte ich mit der linken die Papiertüte auf und hielt Großmutter das Bananenbund hin.

»Guck mal, Großmutter«, sagte ich. »Bananen! Dein Lieblingsobst!« Großmutter reagierte überhaupt nicht. Hinter mir hörte ich ein Röcheln, das wie ein gehässiges Lachen klang. Jetzt war es die Dicke mit dem Strickzeug, die ihre Stimme erhob.

»Sie ißt nichts. Du siehst doch, daß sie am Tropf hängt.«

Ich wehrte mich. Mußte man in diesem verdammten Krankenhaus das Zimmer denn unbedingt mit einer Menge anderer Weiber teilen? Warum durfte Großmutter nicht in einem Einzelzimmer liegen, so daß man wenigstens in Ruhe bei ihr sitzen konnte. In der nächsten Sekunde verspürte ich nur Dankbarkeit. Mit dieser lebendigen Leiche allein im Zimmer zu sitzen war im Augenblick das letzte, was ich mir vorstellen konnte. Ich ließ Großmutters Gesicht los, das merkwürdigerweise in derselben Stellung verblieb, und nahm eine Illustrierte aus meiner Tasche.

»Hier ist was zu lesen, Großmutter!« sagte ich wieder mit genauso fröhlicher Stimme. »Es sind eine Menge Kreuzworträtsel drin, die hast du doch so gern.«

Großmutter antwortete nicht. Sie verriet mit keiner Miene, ob sie meine Worte gehört hatte oder ob sie sich meiner Anwesenheit überhaupt bewußt war. Doch ihr Brustkorb bewegte sich unverdrossen auf und ab, auf und ab. Ihren Atem konnte sie nicht kontrollieren. Über Leben und Tod hatte sie trotz allem keine Kontrolle. Hinter mir erhob die feiste Frau wieder ihre Stimme.

»Du bist vielleicht eine Optimistin«, sagte sie.

Ich starrte Großmutter mit wachsendem Widerwillen an, ohne mich zu der Person umzudrehen, die gesprochen hatte. Großmutters stumpfer schwachsinniger Blick in dem alt gewordenen Greisinnengesicht ruhte auf mir, in mir oder vielmehr auf einem Punkt weit hinter mir, als sei ich unsichtbar oder durchsichtig. Ihre Nägel auf dem weißen Bettzeug leuchteten gelb. Der Brustkorb bewegte sich beharrlich auf und ab, mager wie der eines ausgemergelten Vogels, als hätte er sich entschlossen, lieber seinen Besitzer zu Tode zu quälen als selbst zu sterben. An ihrem Kinn stach ein einsames weißes Haar hervor.

Die Alte hatte einen Bart bekommen!

Wut stieg in mir auf, durchlief in Wellen meinen Körper und erfüllte mich mit Ekel. Ich starrte noch ein paar Sekunden auf Großmutters Gesicht. Dann knüllte ich meine Tüte zusammen, nahm meine Tasche und stand auf.

»Mach’s gut, Großmutter«, sagte ich ziemlich hart. »Komm wieder auf die Beine, ja.«

Dann verließ ich, hochaufgerichtet und ohne die drei anderen eines Blickes zu würdigen, das Zimmer, ging den Korridor hinunter, ließ die Glastür mit ihrer verhaßten Senilitätssperre hinter mir, stieg die Treppe hinunter und ging wieder in den Novembermatsch hinaus.

Es war das erste Mal seit acht Jahren, daß ich Großmutter gesehen hatte.

Der ganze Besuch hatte nur zehn Minuten gedauert.

*

Zu Hause angekommen, rief ich Mutter an und berichtete, daß ich bei Großmutter gewesen war. Ich erreichte sie auf der Arbeit. Wie üblich saß sie mitten in einer Sitzung und hatte keine Zeit, mit mir zu sprechen.

»Ist schön«, sagte sie nur. »Und wie steht es mit ihr?«

»Na ja«, sagte ich. »Es scheint ihr nicht besonders gut zu gehen. Sie redet nicht und ißt überhaupt nichts mehr.«

Mutter stöhnte leise. Einen Moment darauf begann sie mit jemandem in ihrer Nähe über unvollständige Berichte zu reden, und ich konnte nicht feststellen, ob sie über Großmutter gestöhnt hatte oder über diese Berichte. Schließlich sprach sie wieder mit mir.

»Wie du hörst, habe ich jetzt ein bißchen viel um die Ohren«, sagte sie. »Glaubst du, du kannst noch mal hingehen? Ich meine, einer von uns muß sich ja um sie kümmern.« Ich fluchte innerlich. Ich hatte nicht die geringste Lust, Großmutter noch einmal zu besuchen.

»Sicher«, sagte ich. »Aber sie muß ein paar Tage warten, im Augenblick habe ich keine Zeit.«

»Danke, Schatz«, sagte Mutter. »Bis bald. Küßchen.« Noch ehe sie den Hörer aufgelegt hatte, hörte ich sie schon mit jemandem im Hintergrund reden.

Ich wollte nicht noch einmal zu Großmutter gehen, unter keinen Umständen. Ich war aus verschiedenen Gründen wütend auf sie. Erstens hatte sie die Erinnerung an meine Großmutter kaputtgemacht, an die nette alte Dame mit den Apfelbäckchen in dem kleinen Haus, und das gedachte ich ihr fürs erste nicht zu verzeihen. Es war eins der wenigen glücklichen Bilder gewesen, die ich von meiner Kindheit hatte. Außerdem zwang sie mich, dauernd ins Krankenhaus zu rennen, was ich grundsätzlich nicht ausstehen konnte. Ich hatte einen Horror vor Krankenhäusern; ich mochte den Geruch nicht, auch das Gefühl nicht, das einen dort überfiel. Es roch nach hinausgezögertem Tod; das ganze Krankenhausmilieu war eine einzige große Erinnerung an das, was kommen würde, was man aber jetzt noch eine Zeitlang hinauszuschieben versuchte. Um den Tod ging es. Den Tod, den Befreier. Den Tod, die Einsamkeit. Den Tod, die große Ungewißheit. Das Ende.

Außerdem hatte Großmutter mich vor drei wildfremden Weibern blamiert und mich als komplette Idiotin dastehen lassen, mit meinen Bananen und meiner lächerlichen Illustrierten. Es war, als läge sie einfach nur da, in eine Art Hochmut gebettet, und ich sei der lächerliche Clown, der Faxen und Kunststücke zu machen hatte, damit ihr Hof sich amüsierte. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so wütend gewesen war oder mich so gekränkt gefühlt hatte. Ich war ganz einfach stinksauer, unheimlich wütend über Großmutters verdammte Zicken und Flausen. Iß, Alte, und rede! Oder stirb wenigstens wie eine normale Großmutter! Zum Teufel, gib den Geist auf! Lieg nicht so elend da, wie eine Art konzentriertes schlechtes Gewissen von uns allen! Verdammte Egoistin!

Natürlich sagte ich Mutter nichts davon, vor allem weil ich mich meiner Gefühle schämte. Statt dessen beschloß ich, nächste Woche zu Großmutter zu gehen, vielleicht diesmal mit einem Joghurt, den ich ihr einflößen und mit einem Buch, aus dem ich laut vorlesen konnte. Wollte sie nicht essen, konnte sie es ja bleibenlassen. Und wenn sie nicht hörte, was ich vorlas, dann war es auch scheißegal. Jedenfalls hatte ich was zu tun in den dreißig Minuten, die ich diesmal bleiben wollte, aber keinen Augenblick länger. Bis dahin wollte ich nicht über Großmutter nachgrübeln. Bis dahin wollte ich es mir ein bißchen schön machen.

Am Abend rief ich Eva an, die mit mir denselben Grundkurs in Soziologie belegte und die keine Fete ausließ. Ich fragte sie, ob sie Lust habe, ein bißchen mit mir rumzuziehen, trotz der bevorstehenden Prüfung. Das hatte sie; schließlich habe man ja noch das ganze Wochenende zum Pauken, sagte sie. Wir fingen bei mir zu Hause an, tranken ein bißchen Sherry aus einer alten Flasche, die ich von meinem Vater bekommen hatte. Wir tranken aus Eierbechern, während wir uns in meinem kleinen Badezimmer zurechtmachten, und wir rauchten beide Evas Zigaretten, trugen dick Eyeliner auf und redeten von Männern. Eva hatte neulich mit ihrem Freund Schluß gemacht und wollte einen neuen kennenlernen, und ich selbst hatte über zwei Jahre keine Beziehung gehabt.

Ich fand, im Herbst, wenn es auf Weihnachten zuging, fühlte man sich noch einsamer. Weihnachten war für niemanden ein schönes Fest, besonders dann nicht, wenn man keine riesengroße Familie besaß, nicht auf dem Land wohnte und keine Mutter hatte, die Zimtschnecken buk und die ganze Zeit herum wirbelte. Eine solche Mutter hatte ich nicht, und unser Weihnachten war mit den Jahren eine immer kürzere und langweiligere Angelegenheit geworden, wo die Familie nur etwa vom Donald-Duck-Film an versammelt war, zu dem wir Glühwein tranken, bis nach dem Essen, wo sich alle nach der Verteilung der Geschenke schon wieder auf den Heimweg machten. Sicher wäre es schön, jemanden kennenzulernen, besonders jetzt vor Weihnachten, aber ich machte mir da keine Hoffnungen. Es würde ja doch nur wieder in die Brüche gehen.

Eva und ich nahmen guten Mutes und mit frischgepuderten Wangen den Bus ins Zentrum. Aber je weiter der Abend voranschritt, desto mehr sank unser Mut, unsere Nasen glänzten immer heftiger, und als wir irgendwann gegen zwei im Taxi nach Hause fuhren, war ich gründlich deprimiert. Wieder einer von einer langen Reihe von Abenden in lauten, vollgestopften Bars mit einer Menge selbstgefälliger Kerle, manche im Anzug, andere in Lederjacke, ohne daß auch nur einer von ihnen das geringste Interesse zeigte.

Eva fuhr mit dem Taxi weiter, und ich stieg die Treppe zu meiner Wohnung hoch. Wie immer schepperte der Briefschlitz in der Tür, die hinter mir zuschlug, und es spielte überhaupt keine Rolle, ob ich mir literweise Eyeliner ins Gesicht geschmiert hatte oder nicht. Die Wohnung, in die ich kam, war jedenfalls genauso still und einsam. Ein kalter Mond breitete sein Licht über meinen Fußboden, ließ den Spültisch glänzen, und da standen nur ein Teller, ein Glas und etwas Besteck in der Geschirrablage. Und als ich die Schminke abgewaschen und die Sachen über eine Stuhllehne gehängt hatte, außer dem Jackett, das ich vor das Fenster hängte, um den Zigarettenrauch auszulüften, und nachdem ich die Zähne geputzt, die Haare gekämmt, ein paar Mitesser ausgedrückt, mich mit Gesichtswasser gereinigt, gecremt und das Nachthemd angezogen hatte, dann ins Bett gekrochen war und schließlich die Lampe ausgemacht hatte, als da nur noch ich, der Mondschein, das grüne Leuchten des Aquariums hinten in der Ecke und meine Möbel waren, die im Halbdunkel merkwürdig verkrüppelt aussahen, da dachte ich doch an sie. Da, verdammt noch mal, dachte ich an Großmutter.

3

Am Tag nach meinem Ausgehabend mit Eva kam ich nach Hause, ohne überhaupt an den Anrufbeantworter zu denken. Es schien völlig uninteressant, ob jemand angerufen hatte oder nicht. Ich warf die Post auf die Kommode in der Diele – Reklame und Rechnungen –, ging in meine winzige Küche und kochte schnell ein paar Makkaroni. In einer Ecke fand ich einen uralten Comic, stellte ihn gegen mein Milchglas, und dann schaufelte ich, wie gewöhnlich, die Makkaroni direkt aus dem Topf in mich hinein. Gerade als ich den Mund voll hatte, klingelte plötzlich das Telefon. Ich war so verwundert, daß ich mich nicht aufraffen konnte hinzugehen, und nach dem zweiten Signal sprang der Anrufbeantworter an.

»Hallo, hier ist Christos. Du bist offensichtlich noch immer nicht zu Hause. Ich versuch es vielleicht noch mal heute abend ...«

Mit einem Ruck sprang ich auf, so daß der Stuhl hinter mir umkippte, und kaute wie eine Besessene, während ich zum Telefon stürzte. Ich war gezwungen, einen Moment zu warten, um alles hinunterzuschlucken.

»...sonst rufe ich dich morgen an. Meine Nummer ist dieselbe, wie ich vorhin gesagt habe ...«

Ich riß den Hörer hoch.

»Hallo?«

»Tag! Du bist zu Hause?«

Mein Herz hämmerte wie wild. »Nein, ich bin gerade gekommen. Ich meine, ich war zu Hause, aber ich habe nicht gedacht, daß jemand angerufen hat. Also ich meine, ich habe den Anrufbeantworter nicht abgehört.« Eine kleine rote Drei leuchtete im Halbdunkel.

»Ich habe gegen fünf angerufen«, sagte Christos. »Wenn du das Band abhörst, erfährst du, was ich wollte.«

»Kannst du es mir denn jetzt nicht sagen?«

Er lachte. Es klang sogar ein bißchen verlegen. »Ich habe nur gesagt, daß ich deine Nummer von Karin habe. Und ich wollte wissen, ob du Lust hast, mich zu treffen.«

Ihn zu treffen! Er, Christos, wollte mich treffen!!! Ich war total