Verlag: Midnight Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Und es wurde finster - Alexander Lorenz Golling

Der erste Fall für Kommissar Brauner Kriminalhauptkommissar Brauner aus Ingolstadt hat einen schwierigen Fall zu lösen: Im Dorf Moosbach wurde auf dem heruntergekommenen Bauernhof Finsterholz ein schrecklicher Mehrfachmord verübt und eine ganze Familie ausgelöscht. Die Ermittlungen verlaufen stockend, denn die Dorfbewohner vertrauen eher Gott als der Polizei und ein landwirtschaftlicher Helfer scheint seit der Tat wie vom Erdboden verschluckt. Die einzige Zeugin ist Amelie, doch das 14-jährige Mädchen hat Trisomie 21 und kann nicht sprechen. Wenn Brauner und sein Team doch nur ihre Zeichnungen erkennen könnten … Je weiter das Team ermittelt, desto mehr offenbart sich die Ähnlichkeit zu einem bis heute nicht aufgeklärtem Verbrechen. Ein schlechtes Omen für Brauner und sein Team? Meinungen zum Buch:"Der Einstig ins Buch ist mir sehr leicht gefallen, die Geschichte ist unheimlich spannend und lässt sich flott und flüssig lesen. Der Spannungsbogen baut sich auf den ersten Seiten auf und bleibt bis zum Ende bestehen."(Bettina F. auf NetGalley.de)"Die Liebe zum Detail gab mir als Leser das Gefühl, die Geschichte aus der Sicht von Kommissar Brauner zu sehen und mitermitteln zu können. Auch wenn einige falsche Fährten gelegt wurden, denen ich freimütig gefolgt bin, war am Ende jede Frage beantwortet und in sich stimmig." (Rezensentin bei nichtohnebuch.blogspot.de)

Meinungen über das E-Book Und es wurde finster - Alexander Lorenz Golling

E-Book-Leseprobe Und es wurde finster - Alexander Lorenz Golling

Und es wurde finster

Der Autor

Alexander Lorenz Golling wurde 1970 in Augsburg geboren. Nach einem Musikerdasein in Augsburg und erfolgter Berufsausbildung in Schwäbisch Gmünd ließ er sich in Oberhausen bei Neuburg nieder, um seiner Arbeit im sozialen Bereich nachzugehen. Im Februar 2012 begann er, Romane und Kurzgeschichten des Genres Horror und Mystik zu schreiben. "Und es wurde finster" ist sein erster Krimi. 

Das Buch

Der erste Fall für Kommissar Brauner

Kriminalhauptkommissar Brauner aus Ingolstadt hat einen schwierigen Fall zu lösen: Im Dorf Moosbach wurde auf dem heruntergekommenen Bauernhof Finsterholz ein schrecklicher Mehrfachmord verübt und eine ganze Familie ausgelöscht. Die Ermittlungen verlaufen stockend, denn die Dorfbewohner vertrauen eher Gott als der Polizei und ein landwirtschaftlicher Helfer scheint seit der Tat wie vom Erdboden verschluckt. Die einzige Zeugin ist Amelie, doch das 14-jährige Mädchen kann nicht sprechen. Wenn Brauner und sein Team doch nur ihre Zeichnungen erkennen könnten … Je weiter das Team ermittelt, desto mehr offenbart sich die Ähnlichkeit zu einem bis heute nicht aufgeklärtem Verbrechen. Ein schlechtes Omen für Brauner und sein Team?

Von Alexander Lorenz Golling sind bei Midnight erschienen:Die letzte RauhnachtKeltenmordUnd es wurde finster

Alexander Lorenz Golling

Und es wurde finster

Ein Donau-Krimi

Roman

Midnight by Ullsteinmidnight.ullstein.de

Originalausgabe bei MidnightMidnight ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinSeptember 2018 (2)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018Umschlaggestaltung:zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © privatE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95819-216-4

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Inhalt

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

Epilog

Leseprobe: Martinsmorde

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Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

Prolog

Er tastete sich durch sein dunkles Zimmer. Ihm war kalt. Es war eine frostige Januarnacht, und er war nur mit seiner Unterhose bekleidet.

Der Andere war gekommen. Und er hatte es geschehen lassen, wie vor nicht allzu langer Zeit schon einmal. Er war jetzt in seinem Körper, in seinem Hirn. Es mussten wieder ein paar Namen auf der Liste ausgestrichen werden.

Weil sie bösartig waren. Weil sie das Leben, das sie lebten, nicht nutzten, um Gutes zu tun. Sondern ausschließlich Schlechtes. Es musste getan werden. An ihrer Stelle würden dann wieder neue Leben geboren werden, die es vielleicht besser machen würden.

Er hatte das Brotmesser aus der Küche dabei. Keine professionelle Waffe, gewiss – aber für seine Zwecke würde sie voll und ganz ausreichen. Langsam und bedächtig schlich er von Stufe zu Stufe an dem hölzernen Geländer entlang, das den gewundenen Treppenabstieg ins Erdgeschoß markierte.

Plötzlich hörte er ein lautes Knacken von unten. Er hielt inne. Wie zur Salzsäule erstarrt wartete er auf weitere Geräusche. Angstschweiß brach ihm aus allen Poren. Er umklammerte das Messer fest in seiner rechten Hand.

Es hätte katastrophale Folgen, würde er entdeckt werden. Nicht nur für ihn. Für alle Beteiligten. Denn er handelte in höherem Auftrag. Die verfluchten Seelen mussten gehen, damit neue geboren werden konnten. Notfalls musste er jetzt schon kämpfen. Er ging in die Hocke. Spannte seinen sehnigen Arm an. Stoßbereit.

Komm schon. Doch es kam nichts.

Nach einer Weile wurde ihm die unnatürliche Haltung zu anstrengend. Er setzte sich vorsichtig auf die Treppe, immer noch sprungbereit, das Messer direkt vor seinem Gesicht haltend. Als er minutenlang nichts mehr hörte, entspannte er sich etwas.

Kein Knacken mehr. Vielleicht war es ja nur ein Tier gewesen. Eine Katze. Oder eine Ratte. Also setzte er sich wieder in Bewegung, jedes Geräusch vermeidend, so gut es eben ging.

Dann war er unten angekommen. Und schlich, wieder zunehmend nervös, den schmutzigen gefliesten Flur entlang. Die Tür zum Wohnzimmer zu seiner Linken war halb offen; es war dunkel. Kaltes, zwielichtiges Mondlicht fiel durch den Türspalt auf den Gang. Die gegenüberliegende Tür zur Küche war geschlossen. Doch durch die Ritzen drang eindeutig Licht.

Kein Ton war zu hören. Aber er wusste, dass sie da waren. Sie konnten nirgendwo anders sein. Anna war erst vor einer Stunde zu ihnen gegangen. Er hatte sie gehört.

Er murmelte, kaum hörbar, uralte Beschwörungsformeln. Spucke lief an seinem Mundwinkel herunter. Zitternd legte er seine Hand auf die Türklinke. Er hielt die Luft an. Mehrere Sekunden lang, bis kleine Blitze vor seinen Augen zu tanzen begannen.

Ich bin nur dein williges Werkzeug, Meister.

Dann riss er mit einem tiefen, urweltlichen Schrei die Tür auf und stürzte in den Raum, das Messer zum ersten Stoß erhoben.

1

Montagmorgen. Wie grausam.

Die kalte Wintersonne warf durch das heruntergelassene Rollo goldene Muster ins Büro. Ungehalten schob Kriminalhauptkommissar Hendrik Brauner seinen Kaffee von sich. Er schmeckte widerlich, was zum einen an der schon seit Langem ungespülten Kaffeekanne, zum anderen aber auch an Brauners mieser Stimmung liegen konnte, die er schon beim Aufstehen verspürt hatte. Dabei war er sich anfangs noch gar nicht bewusst gewesen, warum. Erst während des Zähneputzens und Anziehens ging ihm so langsam der Grund für seinen Frust auf.

Seine Tochter Emily war heute zum ersten Mal über Nacht weggeblieben. Zwar mit seiner Erlaubnis, denn eine Party mit Klassenkameraden zu feiern war ja mit 17 Jahren nichts Ungewöhnliches, aber dennoch nagte ein dunkles Gefühl, zusammengesetzt aus Sorge und uneingestandener Eifersucht, an ihm. Und dieses Gefühl war auch auf dem Weg zur Arbeit nicht verschwunden. Im Gegenteil.

Danke, Dad! Ich komme spätestens morgen Mittag wieder!

Natürlich. Dann, wenn er schon bei der Arbeit war. Schüler wollte er wieder sein und Weihnachtsferien haben, so wie sie jetzt. Man lernte diese Phase erst zu schätzen, wenn sie vorüber war. Leider. Mit vielen Dingen verhielt es sich so.

Schon die ganze Zeit über hatte er der Versuchung widerstanden, sie auf ihrem Handy anzurufen. Wahrscheinlich schlief sie noch. Hoffentlich alleine.

Hendrik Brauner versuchte, einen eiskalten Knoten im Magen herunterzuschlucken. Ohne Erfolg. Dazu gesellte sich nun auch noch Sodbrennen. Letzteres, vermutete er, wurde eindeutig von dem billigen Kaffee in diesem Büro verursacht. Nein, er würde sie jetzt nicht versuchen zu erreichen. Wie würde das auch aussehen vor ihren Freunden?

Bullenpapa muss Tochter kontrollieren.Wie peinlich …

Auf dem Schreibtisch vor ihm lag ein Haufen Akten, die noch der Bearbeitung bedurften, manche dringend, andere weniger dringend. Fast durchgehend handelte es sich um ungeklärte Altfälle bis hinunter in die Achtzigerjahre. Cold Cases. Brauner hasste diesen Ausdruck. In diversen US-Serien wurden diese Fälle von findigen Detectives herausgezogen und plötzlich ziemlich schnell und mit reichlich Action gelöst. Das war sicher spannend für die Zuschauer, hatte aber ziemlich wenig mit der drögen Realität langwieriger Ermittlungsarbeit zu tun.

Auch wenn die neuen Akten schon auf EDV-Basis angelegt wurden, so gab es immer noch genügend alte Karteien im Keller des Polizeipräsidiums Oberbayern-Nord, eines alten Backsteinbaus, der ursprünglich vor über hundert Jahren als Kaserne errichtet worden war und heute sowohl die regionale Schutz- als auch Kriminalpolizei beherbergte.

Die Tür ging auf. Herein kamen die Kollegen Dominik Pfahls und Max Ingram; die beiden Kriminalkommissare waren, neben einem Anwärter, KHK Brauner unterstellt. Sie bildeten zusammen eines von mehreren Kommissariaten der Kripo Ingolstadt.

»Was schaust so griesgrämig? Ist dir heute Morgen eine Laus über die Leber gelaufen?«

»Nein, alles bestens«, log Brauner mit gekünsteltem Lächeln.

Schwachsinn, so ein Verhalten. Man sieht auf hundert Meter Entfernung, dass es nicht der Wahrheit entspricht.

»Na ja, mir geht es nicht besonders gut, und dieser minderwertige Kaffee schmeckt auch beschissen. Könntet ihr nicht mal eine bessere Marke einkaufen? Da dreht sich einem ja der Magen um!«

Schon besser. Immer ehrlich bleiben und Vorbild sein für die Kollegen. Die bösen Buben sind da draußen, nicht hier drinnen.

»Jetzt erzähl mal. Hat dich deine Alte wieder geärgert, Hendrik?«

Dieser Tonfall war unter ihnen normal. Die drei kannten sich seit Jahren, bildeten den festen Kern des Teams, und auch der Austausch von privaten Einzelheiten war nicht gering gewesen. Sie bezeichneten sich selbst untereinander als ›platonisch verheiratetes Ermittlerteam‹, waren eine relativ konstante Einheit ohne große Personalfluktuation, wie das so schön auf Neudeutsch hieß.

Wer was taugte und von seiner Chemie her in das Team passte, blieb. Wer nicht – nun, der wurde eben von Brauner in eine andere Abteilung »weiterempfohlen«.

»Nein, meine Ex-Frau hat diesmal ausnahmsweise nichts mit meiner schlechten Laune zu tun. Aber egal. Was gibt‘s Neues?«

Es war ein plumper Ablenkungsversuch, aber er funktionierte.

»Nicht allzu viel«, entgegnete Ingram. Damit war die montägliche Blitzrunde, ein Informationsaustausch, eingeläutet.

»Das Wochenende ist ruhig verlaufen. Wir mussten nur am Samstag zu einem Wohnungseinbruch mit Körperverletzung ausrücken, aber das hast du ja wahrscheinlich schon gelesen.«

»Hm … ja.« Hatte Brauner nicht. Aber er würde es gleich nachholen.

Max Ingram setzte sich ihm gegenüber auf den Bürotisch. »Mal wieder die berüchtigten Altakten, was?«

»Ja. Diese Fälle müssen bearbeitet werden, auch wenn nicht viel dabei herauskommen wird. Weißt du ja.«

»›Nicht viel‹ ist gut. Eigentlich gar nichts wäre ehrlicher.«

»Wer weiß, vielleicht ergibt sich ja durch neue kriminalistische Ermittlungsmethoden doch plötzlich eine Spur, und wir können ein jahrelang verschüttetes, ungelöstes Verbrechen aufklären. Auch ein später Erfolg ist ein Erfolg.«

Ingram hüstelte. »Erfolg für wen? Unsere Egos?«

»Nein. Obwohl, vielleicht auch das, ja. Aber in erster Linie geht es doch um die Opfer oder, im Falle eines Mordes, auch um die Hinterbliebenen. Die Gewissheit, die es ihnen ermöglicht, endlich mit dem Verlust eines wichtigen Menschen abschließen zu können, nach Jahren des Haderns mit dem Schicksal. Dafür wälze ich auch gerne mal einen Berg alter, staubiger Akten.«

»Meine Begeisterung hält sich in Grenzen«, erwiderte Ingram. Er war grundsätzlich der Ansicht, dass man sich mit voller Kraft und Elan aktuellen Fällen zuwenden und nicht ständig seine wertvolle Zeit damit verbringen sollte, in der Vergangenheit herumzustöbern. Irgendwann war ein Fall nun mal Geschichte.

»Jetzt mal ehrlich: Wer will heute denn wirklich noch wissen, wer Jack the Ripper war? Einige Historiker vielleicht, ja. Aber das war's dann auch schon.«

»Das halte ich für ziemlich überspitzt, Max.«

Der Kriminalhauptkommissar nahm Ingram seine Ansichten nicht übel. Sein Kollege war ein fröhlicher Mensch, der mehr in der Gegenwart als in der Vergangenheit lebte und sich auch über die Zukunft keinen allzu großen Kopf machte. Anders als Hendrik Brauner.

»Könntet ihr mir vielleicht …«

Dominik Pfahls konnte seine Frage nicht zu Ende stellen, denn in der Tür stand Inspektionsleiter Hartmann. Brauner erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte. Wenn ihr Vorgesetzter seine Stirn in Falten gelegt und die Mundwinkel nach unten gezogen hatte, dabei aber erst mal auffallend ruhig blieb, bedeutete das selten etwas Gutes.

Einfordern der Aufmerksamkeit durch Stillschweigen. Wenn jemand dieses Spielchen aus dem Effeff beherrschte, dann war es der Erste Kriminalhauptkommissar Hartmann. Er war schon seit dreieinhalb Jahren der zuständige Inspektionsleiter. Hartmann schloss die Tür hinter sich und räusperte sich kurz.

»Wir haben einen neuen Fall. Ziemlich entsetzlich.«

Gespanntes Schweigen.

»Nördlich von Burgheim wurden heute Morgen vier Tote gefunden. Und zwar in einem abgelegenen Dorf namens Moosbach. Das Anwesen nennt sich ›Finsterholz‹. Der Anruf kam gerade eben erst rein. Sie müssen ausrücken. Herr Brauner, würden Sie bitte den Fall übernehmen und hinfahren? Die Spurensicherung ist bereits unterwegs.«

Ein gut als Frage versteckter Befehl.

»Ja, natürlich. Dominik, du kommst mit. Max, du bleibst bitte hier und hältst die Stellung.«

Pfahls und Brauner zogen sich schweigend an, nahmen ihre Dienstpistolen an sich und fuhren nach einer kurzen genaueren Einweisung zur Örtlichkeit des Verbrechens los.

Das Schweigen hielt auch über den größten Teil der Fahrt an. Pfahls war nicht sehr gesprächig, sondern ein eher ruhiger und introvertierter Typ, kein Sympathieträger wie Max Ingram, aber zuverlässig. Brauner schätzte ihn sehr für seine Arbeit.

»Was hast du eigentlich vorhin noch sagen wollen?«

»Was meinst du?«

»Na, vorhin, als der Hartmann reinkam, hast du uns doch eine Frage stellen wollen, oder?«

»Ach so – ja. Wollte eigentlich nur wissen, ob ich ein paar Brötchen holen sollte. Da ja gerade sowieso tote Hose war …«

Brötchen. Brauner schauderte bei diesen Ausdrücken.

Dominik Pfahls kam aus Brandenburg an der Havel, und gerade im tiefsten Bayern merkte man ihm seine Herkunft mit fast jedem Wort an.

»Dominik. Es heißt hierzulande Semmel und nicht Brötchen.«

Brötchen. Diese Weicheier da oben, grausig.

Brauner bog von der B16 links nach Süden ab. Eine hügelige Landschaft, weiß gepudert mit Schnee. Sie passierten die kleine Ortschaft Strassdorf und bogen dann nach rechts ab. Nach einer Überleitung über die B16 befanden sie sich auf einer Birkenallee, die geradewegs nach Moosbach führte. Verschneites Flachland, eine ehemalige, nun trockengelegte Moorlandschaft, durchzogen von Entwässerungskanälen, umfing sie schon bald auf beiden Seiten.

Wenn die Unterhaltung der beiden Polizisten bis jetzt schon ziemlich einsilbig gewesen war, so verebbte nun endgültig jedes Wort. Man konnte spüren, dass es mit diesem Ort eine besondere Bewandtnis hatte. Und zwar keine gute. Brauner bemerkte ein Ziehen in seiner Magengegend. Sie würden bald ihr Ziel erreicht haben.

Finsterholz. Was für eine unheimliche Bezeichnung.

Die Birkenallee mündete schließlich in die Ortschaft Moosbach. Es war ein locker gegliedertes Straßendorf; gleich nach dem Ortschaftsschild erblickten sie zur linken Seite ein altes, abseits gelegenes Gehöft, das einen reichlich verfallenen Eindruck machte.

Wahrlich ein Einödhof.

»Wir halten hier an und laufen den Rest. Ist ja nicht weit. Außerdem können wir uns dann gleich mal ein wenig umsehen und uns einen besseren Eindruck von der Umgebung machen.«

Brauner fuhr rechts an den Feldweg, der zu dem Anwesen führte, heran und parkte. Es war noch genug Platz, um an ihnen vorbeizukommen. Für andere Polizeifahrzeuge … und die Leichenwagen. Der Schnee knirschte unter ihren Sohlen, als sie sich auf den Weg zu dem nahen Anwesen machten.

Sie betraten den Hof. Ein VW-Bus und zwei Streifenwagen waren dort geparkt. Insgesamt war das Anwesen recht einfach aufgebaut: Das Wohnhaus, an dem sie sich gerade entlangbewegten, war das kleinere Gebäude von insgesamt zweien. Es war in verblasstem Gelb gestrichen, der Putz bröckelte aber schon überall ab, sodass an vielen Stellen das Ziegelwerk darunter sichtbar wurde.

Linker Hand, im rechten Winkel dazu, war eine umfangreiche Scheune angebaut, die sich ebenfalls in einem desolaten Zustand befand. Brauner und Pfahls gingen auf das Wohnhaus zu und suchten den Eingang.

Aus dem Stall, der im hinteren Teil des Wohnhauses eingefügt war, kamen die typischen Geräusche von Kühen. Ein Mann trat aus dem geöffneten hölzernen Flügeltor.

»Wer sind Sie? Wollen Sie zur Polizei?«

»Wir sind die Polizei. Ich bin Kriminalhauptkommissar Brauner, das ist mein Kollege, Herr Pfahls. Wissen Sie, wo die anderen Beamten sind?« Brauner zückte seinen Dienstausweis. Pfahls tat es ihm gleich.

»Oh, entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht erkannt – Sie tragen ja keine Uniform. Die anderen sind im Wohnhaus, gleich dort.«

Er wies auf eine kleine Tür mit einem vergitterten Guckfenster. Ursprünglich war sie anscheinend mal grau gestrichen gewesen, doch nun blätterte die Farbe in großen Stücken von ihr ab. Unmittelbar daneben, nahe der Wand, wuchs ein Baum, der die Tür und ein daneben liegendes Fenster halb verdeckte.

Sie betraten über zwei Stufen einen engen Flur mit einem alten, uneben gefliesten Boden in schmutzigem Gelb. Aus der ersten Tür gleich links drangen Gesprächsfetzen zu ihnen.

Sie öffneten die Tür und standen in der dunklen Küche des Hauses. Auch die Glühbirne an der Decke verschaffte nicht ausreichend Licht. Einige Polizisten und mehrere Personen in Schutzanzügen, offenbar von der Spurensicherung, hielten sich hier auf.

Ein Streifenpolizist drehte sich nach ihnen um. Sein Gesicht war bleich und ernst.

»Guten Tag, Kriminalpolizei. Ich bin Hendrik Brauner, dies ist mein Kollege Dominik Pfahls. Wie …«

Er sah sich um und verstummte.

Die geräumige Bauernküche sah aus wie ein Schlachthaus.

Verdammter Mist. Ich habe ja schon viel gesehen. Aber so was …

Ein blutiger Haufen Kleidung lag auf dem Boden zwischen zwei Leichen. Brauner ging einen Schritt darauf zu. Als er näher kam, erkannte er, dass es sich keineswegs um Kleidung handelte, sondern um einen Haufen Gedärme und anderer innerer Organe, herausgerissen aus dem bis zur Unkenntlichkeit zerstörten Leichnam daneben.

Brauner hielt sich schnell die Hand vor den Mund und stürmte auf den Hof, wo er seinen spärlichen Mageninhalt von sich gab. Erschöpft richtete er sich wieder auf. Das war widerlich. Abstoßend. Krank.

Brauner wischte sich seinen Mund mit einer Handvoll Schnee ab. Er verweilte noch ein wenig und vertrat sich auf dem harschen, fest vereisten Boden die Beine. Durchatmen. Wieder zu sich selbst kommen.

Er ging ein Stück vom Wohnhaus weg zu einigen am Rande stehenden Bäumen und betrachtete das Anwesen aus der Totale. Das schneebedeckte Dach des Hauses war teilweise eingesunken und löchrig. Nur die aus grauen Feldsteinen erbaute äußere Giebelwand der Scheune machte einen stabilen Eindruck. Die fensterlose Mauer wirkte abweisend. Nur eine kleine, schießschartenähnliche Öffnung war ganz oben unter dem Dachspitz vorhanden.

Fast wie bei einer Burg, dachte er. Der Hof musste alt sein. Aber es war Zeit, ins Haus zurückzugehen. Er war nicht zum Sightseeing oder zum Kotzen hergekommen, sondern um Ermittlungen aufzunehmen.

»Ist dir schlecht geworden?«, fragte Pfahls.

Brauner nickte.

»Verstehe ich. Zugegeben, so etwas ist mir noch nie untergekommen, und den jungen Kollegen hier auch nicht. Darf ich vorstellen – KHK Brauner.«

»Bannert mein Name. Wir sind von der Polizeiinspektion Neuburg.«

Brauner nickte wieder und ließ seinen Blick durch die Runde schweifen.

Die Küchenzeile, daneben ein altmodischer Gasherd, auf dessen Herdplatte ein alter, emaillierter Topf mit Essensresten stand. Darüber befand sich ein kleines Fenster, das nur spärliches Tageslicht einließ. Die Anrichte führte über die Ecke nach rechts und schloss kurz vor einer Tür, die vermutlich zur Speisekammer führte, ab. Zu seiner Rechten ein robuster Esstisch, auf dem das Spusi-Team seine Habseligkeiten deponiert hatte. Die Stühle um ihn herum waren grau bemalt und mit stilisierten Blumen verziert.

Klassische Bauernmalerei. Allerdings waren die Stühle nun besudelt mit unterschiedlich großen Blutspritzern.

Insgesamt vier Leichen lagen in unterschiedlichen Positionen auf dem Küchenboden, teilweise grausam verstümmelt. Gestocktes Blut hatte sich in großen Lachen vor allem um die Köpfe der Opfer gesammelt. Auf dem gefliesten Küchenboden war es noch nicht vollständig eingetrocknet.

Brauner wandte sich ab und sprach den Streifenpolizisten direkt an. »Wann und von wem wurden sie gefunden?«

»Bei uns in Neuburg ging um kurz nach sieben Uhr ein Anruf ein. Er kam von diesem Anwesen. Der Anrufer, ein gewisser Herr Garchinger, meldete, dass er und ein Freund auf die Leichen gestoßen seien, als sie auf dem Hof nach dem Rechten sehen wollten.«

»Warum vermuteten die beiden denn, dass etwas nicht in Ordnung war?«

Bannert räusperte sich. »Nun, eine Bewohnerin des hiesigen Hofs stand plötzlich um sechs vor der Tür des Betreffenden drei Häuser weiter. Ihr war es offenbar gelungen, dem Gemetzel zu entkommen – wie sie die eisige Nacht verbracht hat, ist mir allerdings ein Rätsel. Sie hatte nur ein einfaches Nachthemd an.«

»Also hat jemand vom Hof überlebt? Können wir die Frau zu den Vorkommnissen befragen? Wo befindet sie sich im Augenblick?«

»Ja, also, das ist jetzt ein wenig schwierig. Das heißt: Sie befindet sich gerade auf dem Anwesen vom Herrn Garchinger. Aber das mit dem Befragen ist so eine Sache …«

»Warum?«

»Nun, das betreffende Mädchen – sie heißt Amelie Steiner – ist nach Aussage von Herrn Garchinger die Tochter von Sarah Steiner und hat eine geistige Behinderung. Und sie kann nicht sprechen.«

Brauner merkte auf. »Aha. Und wo befinden sich dieser Herr Garchinger und sein Freund?«

»Der eine, ein Herr Breitenbauer, ist schon wieder weg, aber der Garchinger ist noch hier. Wir haben beide übrigens schon kurz vernommen, mit dem spärlichen Ergebnis, das ich Ihnen gerade mitgeteilt habe. Er ist im Stall und füttert die Kühe. Die Arbeit muss ja auch irgendeiner machen.«

Das war also der Mann vor der Stalltür gewesen.

»Haben Sie schon das Anwesen durchsucht? Ich meine, es kann ja sein, dass sich der Mörder noch irgendwo hier versteckt hält?«

»Ja, durchaus. In den Zimmern oben befindet sich niemand mehr und in der Scheune auch nicht. Wir haben sogar auf dem Scheunenboden nachgesehen. Auch der Dachboden ist vollkommen leer.«

Herr Wengerer von der Spurensicherung stand plötzlich vor Brauner.

»Ach, Sie? Leiten Sie die Ermittlungen hier?«

»Erst einmal mache ich mir ein Bild. Haben Sie schon erste Erkenntnisse?«

»Noch nicht allzu viel. Insgesamt haben wir vier Tote hier im Haus, alle in der Küche. Drei Frauen, ein Mann. Die Magd sowie der Mann gehörten laut Herrn Garchinger, der uns bei der Identifizierung der Toten half, nicht zur Familie. Anhand der Leichenstarre und dem Gerinnungsgrad des Blutes können wir beziehungsweise der Leiter des Forensikteams, Dr. Heinrichs, nur sagen, dass der Tod dieser Menschen ungefähr vor neun bis zehn Stunden erfolgt ist. Und dass es offenbar kein normaler Mord war. Genaueres in den nächsten Tagen.«

Brauner stutzte.

»Kein normaler Mord? Hören Sie mal, was ist denn an einem solchen Verbrechen überhaupt normal?«

»Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe die Aufgabe, den Tatort zu sichern und wichtige Spuren zu ermitteln. Mit Rhetorik kenne ich mich nicht aus.«

»Schon gut. Was meinen'S denn jetzt genau damit, hm?«

»Wer Menschen so ermordet und entstellt, ist ganz offenbar ein Psychopath. Mit normal habe ich einen relativ gewöhnlichen Raubmord gemeint, in dem die Täter darauf aus sind, möglichst viel Beute zu machen und dafür Opfer in Kauf nehmen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das hier der Fall war.«

»Können Sie sich nicht vorstellen? Ehrlich?« Typisch Spusi-Techniker. Glauben, alles mit ihren Pinseln, Fotos und Genproben lösen zu können.

»Dominik, könntest du bitte mal damit anfangen, nach Hinweisen zu suchen, die auf verschwundene Wertsachen hindeuten können? Wo sind eigentlich die Schlafräume der Familie? Im Obergeschoß?«

Brauner hatte beim Betreten der Diele an deren Ende einen engen gewundenen Treppenaufgang nach oben gesehen.

»Ja, dort sind die Schlafzimmer«, antwortete Bannert. Dominik Pfahls machte sich auf den Weg. Wengerer wandte sich wieder an Brauner.

»Sie sehen ja, wie die Leichen aussehen. Vor allem die beiden Frauen wurden übel zugerichtet. Hier, sehen Sie« – damit kniete er sich vor die Leiche einer älteren Frau – »dies ist Christine Steiner, 54 Jahre. Sie war sozusagen das Familienoberhaupt, seit ihr Mann vor einem halben Jahr verschwunden ist. Der Mörder hat ihr die Kehle durchgeschnitten, und zwar so tief, dass der Schnitt bis auf die Wirbelsäule geht. Dann hat er ihren Bauch aufgeschlitzt und sämtliche Gedärme herausgerissen. Mehr kann ich dazu auch nicht sagen, aber die Gerichtsmedizin wird sich der Sache annehmen.«

Brauner zwang sich hinzusehen. All die Jahre bei der Kriminalpolizei hatten ihn nicht abstumpfen können. Was eigentlich gut war und für seinen Charakter sprach. In diesem Fall jedoch wäre eine gewisse Abhärtung nicht von Nachteil gewesen. Er spürte, wie ihm wieder schlecht wurde, und zwang sich, sich zu konzentrieren.

»Und was ist mit ihr?« Er deutete auf eine zweite, kaum mehr erkennbare Frau.

»Das ist die Tochter des Hauses, Sarah Steiner. 35. Sie wurde am schlimmsten von allen verunstaltet, das sehen Sie ja.«

Abermals verspürte Brauner einen Brechreiz in sich aufsteigen. Er schluckte ihn hinunter.

Sie war vollkommen zerfetzt. Auf den ersten Blick konnte er gar nicht erkennen, ob sie überhaupt einmal ein Mensch gewesen war. Es machte alles einen formlosen, wenngleich auch schrecklichen Eindruck auf ihn. Sarah Steiner. Sie schien zu grinsen. Aber es war ihr an etlichen Stellen freigelegter Schädel, der diesen Effekt hervorrief.

Brauner wandte sich ab und pustete die angehaltene Luft hörbar aus.

»Und sie?«

Diesmal war es Bannert, der die Antwort gab.

»Anna Rankenbichler, die landwirtschaftliche Helferin des Hauses. Sie hat in einer kleinen Kammer hier im Haus gewohnt. Man hat sie mit etlichen Messerstichen getötet und ihre Augen ausgestochen.«

Landwirtschaftliche Helferin. Also die Magd, auf gut Deutsch.

Brauner beugte sich vorsichtig über die Tote. Sie lag auf der Seite. Eine glibberige weißliche Masse, das, was einmal ihre Augen gewesen waren, hing ihr aus den Höhlen und über das Gesicht bis in die Blutlache, die sich unter ihrem Kopf gebildet hatte.

Diese arme Frau. Diese arme, arme Frau. Welcher Mensch macht so etwas? Welches Arschloch …?

»Was ist mit dem Mann? Er gehört nicht dazu?«

»Nein. Josef Anwander gehörte nicht zur Familie. Genauer gesagt: Er hat noch nicht dazugehört.«

»Wie darf ich das verstehen?«

»Na, er war der Verlobte von Sarah Steiner. Laut der Aussage vom Garchinger hätten die beiden in ein paar Wochen geheiratet«, sagte Bannert.

»Interessant.«

Brauner betrachtete den in der hintersten Ecke liegenden Leichnam des Mannes. Auch er hatte eine durchschnittene Kehle. Bezeichnend war hier allerdings, dass die Hose heruntergezogen und sein Penis abgeschnitten worden war.

Im Gehirn des Kriminalhauptkommissars begann es zu arbeiten. Die durch den entsetzlichen Anblick der Opfer ausgelöste Langsamkeit des Denkens fiel wieder von ihm ab.

»Das könnte ein wichtiges Indiz sein.«

»Äh, wie bitte?« Bannert war erstaunt über Brauners zusammenhanglosen Kommentar.

»Der abgeschnittene Penis. Er könnte ein Indiz sein. Haben Sie eigentlich die Personalausweise der Opfer gefunden?«

»Ein paar, ja. Sie lagen fast alle in einem Einmachglas mit allerlei Krimskrams auf dem Fensterbrett, und der Herr Anwander hatte seinen im Geldbeutel dabei.«

Hendrik Brauner prüfte die Ausweise. Sie waren unauffällig. Nur Sarah Steiners Blick auf dem Passbild prägte sich ihm ein.

Vom Flur her ertönten Schritte und holten ihn zurück aus seinen Gedanken. Dominik Pfahls war zurückgekommen.

»Alles picobello. Keine durchwühlten Schubladen und Schränke. Auf den ersten Blick also nichts, was auf einen Raubmord hindeuten könnte.«

»Das glaube ich gerne. Gibt es eigentlich Verwandte, die informiert werden sollten?«

»Was die Steiners betrifft, nein. Zumindest laut Herrn Garchinger. Der Familie Anwander in Burgheim muss aber leider der Tod ihres Sohnes mitgeteilt werden. Genauso auch den Verwandten von Anna Rankenbichler«, sagte Bannert.

»Gut. Danke. Wir werden das dann übernehmen. Wissen Sie, wo die Betreffenden wohnen?«

»Bis jetzt haben wir dazu nur vage Angaben von Herrn Garchinger bekommen. Die Mutter von Josef Anwander soll in Burgheim wohnen, und von Anna Rankenbichler weiß er, dass sie einen Bruder in Bergen bei Neuburg an der Donau haben soll.«

»Alles klar.«

Damit zückte Brauner sein Handy und rief Max Ingram im Präsidium an. Er gab ihm den Auftrag, die genauen Adressen der Verwandten herauszufinden und sich dann wieder bei ihm zu melden.

»Dominik, wir werden gleich im Anschluss hinfahren und Frau Anwander den Tod ihres Sohnes mitteilen. Wir können ihr ein paar Fragen stellen, sofern es die Umstände zulassen. Sie wird vermutlich ziemlich schockiert sein.«

Sie wechselten einen betretenen Blick. Beiden Männern war bewusst, dass diese Aufgabe zu den schwierigsten ihres Berufes gehörte.

Brauner kramte einen kleinen Notizblock aus seiner Manteltasche und trat auf die Diele. Er wollte die Spurensicherung nicht weiter stören. Stichpunktartig hielt er nun für seinen späteren Bericht die vorgefundene Situation fest; auch ein altgedienter Kommissar hatte kein unendliches Gedächtnis. Pfahls folgte ihm.

»Den Garchinger müssen wir noch kurz interviewen. Ich denke, wir sollten ihn zu einer Vernehmung laden. Schließlich war er der Erste am Tatort und kannte alle Opfer.«

Pfahls nickte. Gerade als sie losgehen wollten, schaltete sich Bannert wieder ein.

»Eine nicht ganz unbedeutende Sache wäre da noch. Es gab auf dem Hof noch einen anderen landwirtschaftlichen Helfer. Der konnte bis jetzt nicht gefunden werden. Entweder wurde seine Leiche gut versteckt – oder er ist vom Hof geflohen.«

»Das sagen Sie mir erst jetzt? So etwas ist enorm wichtig!« Brauner spürte, wie Wut in ihm hochkochte. »Wie heißt denn der Mann?«

»Der Herr Garchinger kannte ihn nur vom Sehen. Sein Nachname war ihm nicht bekannt.«

»Aha. Und sein Vorname?«

»Paul.«

Brauner schluckte seine Wut hinunter.

»Hat er auch auf dem Anwesen gewohnt, wie seine Kollegin?«

»Ja, schon, und …«

»Haben Sie noch nicht in seiner Stube nachgesehen, ob irgendetwas vorhanden ist, worauf sein Name vermerkt ist? Personalausweis? Oder ein Arbeitsvertrag? Wenn er hier gearbeitet hat, wird sich doch wohl einer finden lassen! Nein? Mann, so schwer kann das doch nicht sein!«

»Das ist nicht meine Aufgabe, sondern Ihre, Herr Brauner.«

Brauner verstummte. Bannert hatte recht. »Vielen Dank. Dominik? Wir durchsuchen seine Stube. Wo liegt sie?«

»Im oberen Stockwerk, glaube ich.«

»Danke.«

Mit schnellem Schritt marschierten Brauner und Pfahls die Diele entlang und nahmen die Wendeltreppe nach oben.

Als Brauner das erste Zimmer begutachten wollte, winkte sein Kollege sofort ab. »Hier war ich vorhin schon. Es ist das Schlafzimmer eines Ehepaars, ziemlich klar an dem Doppelbett ersichtlich. Es gehörte also vermutlich Christine Steiner. Es muss einer der anderen drei Räume sein.«

Das nächste Zimmer war offensichtlich nur von einer Person bewohnt worden, und diese war, wie man an diversen Hygieneartikeln und Fotos erkennen konnte, eindeutig eine Frau gewesen. Die Kleider im Schrank bestätigten diese Vermutung. In der kleinen Kommode neben dem Bett fand Brauner einen ledernen Geldbeutel mit hundertfünfzig Euro in Scheinen, inklusive des Ausweises von Anna Rankenbichler.

42 Jahre. Und dann einfach abgeschlachtet.

Erst der kleine Raum gleich daneben erregte die Aufmerksamkeit Brauners. Nicht, weil die Einrichtung auf einen Mann hingedeutet hätte – nein, es befand sich überhaupt nichts Persönliches hier. Nicht die kleinste Spur. Lediglich einige bräunlich schimmernde Tropfen auf dem lackierten Holzfußboden stachen ihm ins Gesicht. Die Bettwäsche war eindeutig gebraucht; sie roch nach Schweiß und war ungeordnet. Es hatte also auf jeden Fall jemand hier gelebt. Der Schrank war leer, ebenfalls die Kommode. An der Wand wiesen ein Umriss, der sich durch seine hellere Tönung vom dunkleren Rest abhob, und ein alter Nagel darauf hin, dass hier ein Kruzifix gehangen haben musste. An der Außenwand, gleich neben dem kleinen Fenster, hatte sich ein Wasserschaden breitgemacht; er war von dunklem Schimmel überzogen. Es roch nach Fäulnis.

Wer hier gehaust hatte, war auf und davon.