Und ewig grüßt das Moppel-Ich - Susanne Fröhlich - E-Book
Beschreibung

»Ein Leben jenseits Konfektionsgröße 40 ist möglich.« Susanne Fröhlich Warum ist dünn sein immer noch das beherrschende Schönheitsideal vieler Frauen? Mit »Moppel-Ich« hat Susanne Fröhlich einen großen Bestseller geschrieben und eine große Diskussion über das Thema »Schlankheitswahn« angestoßen. Selbstbewusst, selbstironisch und offen schildert sie in ihrem neuen Buch nun, wie es ihr seitdem mit dem ewigen Auf und Ab auf der Waage ergangen ist, wie die Öffentlichkeit darauf reagiert und wie sich das Verhältnis der Menschen zum Thema »Gewicht und Figur« in Deutschland grundsätzlich verändert hat. »Und ewig grüßt das Moppel-Ich« ermuntert zu mehr Gelassenheit gegenüber erniedrigenden Schönheitsidealen und beweist: Frauen können mehr als Kalorien zählen und sich dünne machen. »Der Kampf geht weiter – diesmal allerdings geht es um Gewichtigeres als ein paar lächerliche Extra-Pfunde.« Susanne Fröhlich

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:309


Susanne Fröhlich

Und ewig grüßt das Moppel-Ich

Sachbuch

Fischer e-books

»Du hast einfach Talent zum Essen.«

 

Mein elfjähriger Sohn Robert bei einem üppigen Fünfgangmenü bei »Sterneköchin« und Freundin Hélène Herbst 2009

Danke Conny – für alles!

Der Glücksfresser

Sie sind das verdammte Thema »Idealgewicht« einfach leid? Sie wollen nichts mehr darüber hören, wie man eben mal im Schlaf ohne Mühe abnehmen kann, würden aber dennoch natürlich sehr gerne Ihren Speck über Nacht irgendwie loswerden? (Falls es mal so weit sein sollte, melde ich mich hiermit unverbindlich an – ich hätte am nächsten Morgen gerne den Körper von Shakira!) Sie finden das ganze Thema Diät und Co. überbewertet und langweilig, grämen sich aber insgeheim trotz allem und befinden sich schon deshalb in einem Dauerdilemma?

Dann geht es Ihnen ähnlich wie mir. Ich bin komplett genervt, bekomme eine Art unsichtbaren Ganzkörperhautausschlag, wenn ich das Wort »Diät« nur höre, und würde wirklich gerne auch mal über etwas anderes sprechen. Warum aber schaffe ich das genauso wenig wie viele andere da draußen in der kaloriendominierten Welt? Was ist an diesem Thema eigentlich so weltbewegend? Wie ist es dazu gekommen? Wieso hat Übergewicht ein ebensolches in den Medien? Wieso vergeht kein verdammter Tag mehr, an dem nicht irgendetwas über Zu- und Abnehmen eines »Promis« in den Zeitungen steht? Passiert sonst nichts?

Woran liegt das alles? Ist es heutzutage wirklich entscheidend, was man wiegt? Ist Dünnsein mittlerweile das neue Jungsein? Das neue Reichsein? Definitiv ja.

Dünnsein ist die Währung, die aktuell zählt. Unlängst sagte Kate Moss: »Nichts schmeckt so gut wie das Gefühl, dünn zu sein.« Und: »Man kann nie zu reich oder zu dünn sein«, hatte schon die Herzogin von Windsor gesagt, und nie war zumindest der letzte Satz wahrer als heute. Das Streben nach der Idealfigur eint selbst extrem unterschiedliche Frauen und mittlerweile auch Männer. Der Druck wächst.

Ein Zeitalter wie unseres, in dem über Fünfzigjährige der Magersucht verfallen und laut Untersuchung mehr als 70 Prozent der Frauen bereit wären, auf fünf zusätzliche Lebensjahre zu verzichten, um in der Restzeit in Größe 36 zu passen, in einem solchen Zeitalter kann man kaum mehr ungestraft einen Body-Mass-Index jenseits der 25 haben.

Sind wir alle bekloppt? Wer setzt uns eigentlich unter diesen Zwang? Wer sagt eigentlich, dass wir da mitspielen müssen? Kann man einfach aussteigen – wie beim Kartenspiel »Ich passe« sagen –, ohne sozial geächtet zu werden? Kann man es tatsächlich schaffen, entspannt zu essen und eine Waage zu betreten, ohne Schweißausbrüche zu haben? Endlich mal wieder ein Weißbrot nur als das sehen, was es ist: ein Brot? Okay – ein Brot ohne Körner und mit viel weißem Mehl. Bösem weißen Mehl. Eine Kohlenhydratbombe. Aber letztlich halt doch nur ein Brot. Eines, von dem unsere dünnen französischen Nachbarn nicht genug bekommen können.

Warum nur tun wir uns das alles an? Viele von uns sogar immer wieder? Vom Hin und Her und der daraus resultierenden Erkenntnis handelt dieses Buch.

Nun werden Sie sich vielleicht fragen: Warum noch ein Buch zu diesem Thema?

Ist mit »Moppel-Ich« nicht alles gesagt gewesen? Ich dachte eigentlich ja. Zu meinem großen Erstaunen musste ich feststellen, dass Moppel-Ich als etwas gesehen wurde, was es auf keinen Fall sein sollte: ein Diätbuch.

Ich habe mich mit dem unendlichen Kampf gegen die überflüssigen Pfunde beschäftigt, und wahrgenommen wurde das Ganze als Anleitung zum Abnehmen. Etwas, was nie in meiner Absicht lag. Klar, ich habe damals abgenommen, aber es ging um mehr. Um das ganze Drumherum. Um eine komplette Industrie. Um den Druck. Um den Verzicht, die verdammte Plackerei und den elendigen Kampf. Die skurrilen Begleiterscheinungen. Und natürlich die ganz große Frage nach dem Warum. Und dem »Wofür das alles?« Steht der Aufwand im Verhältnis zum Benefit? Was hat man eigentlich vom Schlanksein? Verspricht Schlanksein eventuell mehr, als es halten kann?

Die Reaktionen, als ich wieder zugenommen hatte (etwas, was ich nie für ausgeschlossen gehalten hatte!), waren vehement. Hämisch, gehässig und so drastisch, dass ich erschrocken bin. Schließlich bin ich weder die Einzige, der das passiert ist, noch die Erste. Den meisten geht es ähnlich. Was führt also zu solchen Reaktionen? Zu übelsten Beschimpfungen und Körperkontrollen mitten auf der Fußgängerzone, als eine Frau mir ungefragt die Jacke aufmachte, um zu gucken, wie es gewichtsmäßig um mich steht? Wieso schreibt jemand E-Mails mit der Anrede: »Fette Sau!« Was macht Menschen ausgerechnet bei diesem Thema derart aggressiv? Gäbe es nicht jede Menge andere Themen, über die man sich herrlich ereifern könnte? Politik zum Beispiel, mangelnde Hilfsbereitschaft, Kinderarbeit oder Ähnliches. Wie wäre es mit der Tatsache, dass Frauen immer noch etwa 22 Prozent weniger Gehalt für die gleiche Arbeit bekommen als Männer – und das in Deutschland? Ich könnte eine sehr lange Liste mit diversen Aufregern erstellen, komischerweise führt keines dieser Themen je zu solch tollwutartigen Reaktionen.

Was ist es, was Menschen beim Thema Dicksein zu Furien werden lässt? Wie kann man sich über Gewichtsschwankungen einer fremden Person derart ereifern? Ist das »Scheitern« etwas, das auch ihnen die Hoffnung raubt? Ist es eine Stellvertretersache? Oder nur pure Schadenfreude, die man in diesem Fall auch hemmungslos ausleben darf? Schließlich gilt für Moppel keinerlei Political Correctness. Über dicke Menschen darf man sich offen empören. Obwohl sie niemandem etwas tun. Wäre da nicht eine Form von Mitleid oder Verständnis die normalere Reaktion? Ein »Schade!« statt ein »O Gott, wie ekelhaft!« Oder ein »Kenne ich, gibt Schlimmeres!«

Da werden Fotos von Pierce Brosnan und seiner Frau Keely Shaye Smith am Strand gezeigt, und die Zeitung titelt: »James Bond mit seinem Lieblingswal«. Ist das jetzt witzig, nur weil die bildschöne Keely nicht in Size Zero passt? Anscheinend ist es für Zeitungsmacher unvorstellbar, dass ein Mann wie Pierce Brosnan, im Filmleben umgeben von Top-Figürchen der Bond-Girls, im echten Leben ein bisschen mehr Frau mag? Gilt das jetzt schon als Charity, wenn ein schöner Mann sich mit einer Frau jenseits Kleidergröße 42 abgibt? Und das, obwohl er sicherlich auch andere Möglichkeiten hätte …

Natürlich weiß ich, dass ich selbst freiwillig mit dem Thema an die Öffentlichkeit gegangen bin. Mit anderen Worten: Wer mit seinem Speck offensiv umgeht, muss mit den Reaktionen leben. Schließlich bin ich die Autorin von »Moppel-Ich«, und es war klar, dass man nach der Veröffentlichung eines solchen Buches unter einer gewissen Beobachtung steht. Ich hatte aber, vielleicht für viele erstaunlich, angenommen, dass Menschen ein Buch auch lesen und die vorhandene Botschaft verstehen. Eine Botschaft, die eben nicht lautete: Nimm sofort ab und ja nie wieder zu.

Natürlich war mir bewusst, dass man mit einem solchen Thema einer gewissen medialen Gewichtskontrolle unterliegt. Dass man aber tatsächlich und wahrhaftig auf eine Waage gezwungen wird, hatte ich schlicht nicht für möglich gehalten. Vor allem nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Aber ein Gutes hatte die unselige Wiegeaktion bei »Wetten, dass..?« (später mehr dazu) immerhin. Nach der Bild-Schlagzeile am nächsten Tag: »Wiegt Frau Moppel-Ich wirklich 108 Kilo?« kann einen in puncto Gewicht wirklich nichts mehr schrecken. Vor allem weil alle, die mich danach getroffen haben, eher angenehm überrascht waren. 108 Kilo. Eine stattliche Zahl. Übrigens, nur nebenbei bemerkt, ich habe noch nie so viel gewogen, aber nach einer solchen Schlagzeile auf der Titelseite kann man auch im Bikini in den Supermarkt gehen.

Wenn Oliver Pocher Mariah Carey in einer »Wetten, dass..?«-Sendung als »Presswurst« bezeichnet, ist das laut Thomas Gottschalk frech und unverschämt. Aber macht es automatisch ein Verhalten salonfähig, erwachsene Frauen auf eine Waage zu zerren? Der Moderator der Sendung findet: »Wenn man wie Susanne Fröhlich das Thema Diät als Geschäftsmodell entdeckt hat, ist das auch zumutbar!« So hat er sich wörtlich geäußert. Diät als Geschäftsmodell? Bin ich Miss Weight-Watchers? Vertreibe ich »Du darfst«-Salami? Verticke ich dubiose Pillen im Internet? Verspreche ich etwas, was ich selbst nicht halten kann? Ich habe ein Buch geschrieben, nicht das Thema Diät als Geschäftsmodell entdeckt. Und es hätte schon gelangt, den Untertitel des Buches zu lesen. Vorne drauf steht, groß und deutlich: »Moppel-Ich. Der Kampf mit den Pfunden«. Nicht etwa »Der Sieg über die Pfunde«. Und auch nicht: »Der ultimative Abnehm-Guide«. Oder: »So nehmen Sie rasant und dauerhaft ab«.

Dass ich eindeutig zugenommen hatte, war offensichtlich. Das Wiegen hatte etwas Demonstratives. Ein Strafwiegen. Man soll, besonders als Frau, sein »Maul eben nicht so voll nehmen!« In jeder Hinsicht. Aber wer einmal vor etwa 13 Millionen Menschen auf einer Waage stand, dem ist so schnell nichts mehr peinlich. So gesehen hat alles am Ende doch noch was Gutes.

Wie kann es sein, dass heutzutage Doofheit absolut salonfähig ist, ein Moppel-Dasein aber eigentlich mindestens eine Burka verlangt? Selbstbewusstsein und Dicksein schließen sich in der Öffentlichkeit aus. Wer ein Moppel ist, hat gefälligst demütig zu sein. Kleinlaut und leise, schließlich hat sich der Moppel offensichtlich nicht unter Kontrolle. Ein Moppel hat in der westlichen Welt wenig zu lachen. Und muss sich ständig rechtfertigen.

Damit ist bei mir jetzt Schluss. Ich will mich nicht für meinen Körper entschuldigen. Warum auch: Immerhin ist er meiner. Also kann ich wohl auch entscheiden, wie ich mit ihm umgehe. Das heißt nicht, dass ich in Ekstase gerate, wenn ich mich morgens nackt im Spiegel sehe. Ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich Mantra-artig ständig sagen, wie toll sie sind. Ich bin Realistin und kann erkennen, wenn es Optimierungspotential gibt. Mir ist klar, dass man aus einem meiner Oberschenkel auch gut zwei durchschnittliche machen könnte. Oder drei sehr dünne. Aber soll ich mich deshalb vor die nächste U-Bahn werfen? Ist es inzwischen strafbar, Mops-Schenkel zu haben? Wenn sie mich nicht stören, was regen sich dann andere darüber auf?

Immerhin ist das Gute an diesen Schenkeln: Es sind meine und nicht Ihre. Und wenn Sie Ihre neben meine halten, dann sehen Ihre garantiert richtig dünn aus! Ist das nicht wunderbar? Braucht es nicht Moppel-Schenkel, damit normale Schenkel was hermachen? Es gibt nun mal keine Norm-Schenkel! Genauso wenig wie Norm-Körper. Trotzdem streben wir immerzu danach. Und glauben, nur weil wir nicht ganz im »Normbereich« (der wirklich nur noch winzigen Spielraum lässt) sind, müssen wir uns eben auch einiges gefallen lassen. Wenn Sie dazu bereit sind – Ihre Entscheidung. Ich spiele nicht mehr mit. Ziehe nicht brav den Kopf ein, wenn über irgendeins meiner Körperteile gewitzelt wird.

Ich werde nicht mehr nett sein, wenn andere frech sind. Warum auch? Schließlich wahre auch ich zumeist die Grenzen der Höflichkeit. Wenn demnächst ein glatzköpfiger kleiner Mann mit ziemlich fiesem Mundgeruch meint, einen Witz über mein Gewicht machen zu müssen (natürlich vor einer herrlich großen Runde), werde ich nicht mitlachen, sondern verbal zurückschlagen und dann lachen. Anderen ungefragt etwas zu ihrem Äußeren zu sagen, ist übergriffig. Unverschämt und dreist. Aber wie schon erwähnt: Political Correctness ist etwas, was für Moppel nicht gilt. Niemand würde sich heutzutage erdreisten, lautstark zu behaupten, dass Südländer stinken oder Ähnliches.

Bemerkungen über Moppel hingegen sind absolut in Ordnung. Da gibt es keinerlei Beißhemmung. Aber es gibt die Möglichkeit, zurückzubeißen, und ich verspreche, ich werde sie nutzen.

Hinzu kommt: Ich habe schlicht keine Lust mehr, mich dem »Glücksfresser« Abnehmen zu unterwerfen. Denn das ist es, was die ständige Beschäftigung mit dem nervigen Thema ist: Ein absoluter Glücksfresser. Wir sind nicht glücklich, während wir essen, weil wir uns natürlich sofort schämen und grämen für jeden Bissen, den wir in den Mund schieben. Wenn wir nicht essen, uns also alles verkneifen, was verlockend erscheint, sind wir auch nicht glücklich. Verzicht ist eben kein Glücksbringer. Wir sind nicht glücklich, wenn wir in Modezeitschriften blättern und sehen, wie wir nie sein können. Unzufriedensein macht dann auch noch extrem schlechte Laune. Und schlechte Laune macht hungrig. Ein fataler Kreislauf.

Was hat dazu geführt, dass Schlanksein eine so immense Bedeutung bekommen hat und damit ein Abweichen von idealisierten Standards so verwerflich ist?

Ist es die immerwährende Hoffnung, das große Versprechen, das mit dem Schlanksein verbunden ist? Schlanksein steht für gesund sein, für Leistungsfähigkeit, Sportlichkeit, Jugendlichkeit und Diszipliniertheit. Die schlichte Übersetzung lautet: Wer schlank ist, ist auch glücklich. Stimmt das wirklich so? Sind schlanke Menschen per se gesünder? Sehen sie wirklich jünger aus? Wo liegt der Gewinn von weniger Gewicht? Kann nicht auch ein Moppel gesund, fit, sportlich, jugendlich und diszipliniert sein? Ich glaube ja. Immerhin bin ich meiner Meinung nach all das. (Bis auf das jugendlich vielleicht – aber warum auch, ich bin 47, und da ist man aus dem Alter eben raus!)

Ist Schlanksein mittlerweile nicht sogar noch mehr? Die Form einer modernen Religion, Opium fürs Volk, für dessen Beschaffung Millionen von Menschen tagtäglich größte Mühen auf sich nehmen, ein Aberglaube, der sie von anderen, wichtigeren Dingen abhält und ablenkt. Man könnte herrlich Karriere machen, Sprachen lernen und einfach nur Spaß am Leben haben, stattdessen verbringen weltweit immer mehr Frauen und mittlerweile auch Männer ihre Lebenszeit damit, Kalorien zu zählen oder sich um ihren BMI zu grämen. Das verschiebt Prioritäten und setzt neue. Prioritäten, die es definitiv nicht wert sind.

Kann man es schaffen, ein entspannteres Verhältnis zu diesem Thema zu bekommen? Ich glaube, man kann. Man kann es wenigstens versuchen. Ich habe es satt zu lesen, wie viel ich angeblich wiegen sollte. Ich werde niemals mehr so viel wiegen – bzw. so wenig. (Außer man hackt mir den Kopf und die Gliedmaßen ab!)

Irgendwann muss man sich entscheiden. Ja ich bin ein Moppel – und ich werde wohl einer bleiben –, aber man kann auch als Moppel durchaus ein feines Leben haben. Vor allem kann man endlich mal damit anfangen, dieses Leben auch in die Tat umzusetzen. Wenn man aufhört, sich an Unmöglichem abzuarbeiten, hat man unendlich viel mehr Spaß. Falsche Vorstellungen bleiben nicht nur Vorstellungen – sie bleiben auch falsch.

Ewig zu warten, alles zu verschieben bis zu dem Tag, an dem man dünn ist – oder wenigstens schlank –, ist krank. Vielleicht kommt dieser Tag X nie. Mal ehrlich: Und wenn schon. Das Leben ist zu kurz für eine Dauerdiät. Ob ich will oder nicht – ich werde bleiben, wie ich bin. Um all diese Themen geht es in Moppel-Ich reloaded, denn, wie wir alle wissen: »Ewig grüßt das Moppel-Ich«.

Kleiner Rückblick

Insgesamt muss man sagen: Ich bin meinem Speck dankbar. Jeder einzelnen kleinen und größeren Rolle. Dem Bauchfett, dem Schenkelfett, dem Oberarmfett – ja, an dieser Stelle noch einmal: Danke. Natürlich auch an die sonstigen Fettpolster – aber ihr wisst, bei Dankesreden bekommen nur die wichtigsten entsprechendes Lob. Schließlich bin ich eine der wenigen, die sagen kann, ich habe mit meinem eigenen Speck Geld verdient. (Okay, vielleicht noch Mastschweine, die aber haben bekanntlich wenig Spaß an der Sache!) Immerhin.

Moppel-Ich war erfolgreicher, als ich es je für möglich gehalten hatte. Das hat mich sehr gefreut. Scheinbar gibt es da draußen doch noch mehr Frauen wie mich, die immer wieder versuchen, die Waage versöhnlich zu stimmen. Ein Kampf, wie eine never ending Story. Ein Kampf, der ermüdet, Zeit und Energie frisst und der noch ernüchternder ist, als seinem Mann dabei zuzuschauen, wie er sich an den Fußzehen herumpult. Warum nur steigen wir immer wieder in den Ring und auf die Waage? Ist das Ergebnis die Mühen wert? Ändert sich ein Leben tatsächlich so eklatant, wenn man ein paar Kilos verliert? Hat sich mein Leben verändert? Ist das Leben leichter, wenn man selbst leichter ist?

Zunächst mal: Ja.

Ja, weil ich besser aussah. Schlanker eben. Das macht vor allem die Klamottenwahl unkomplizierter. Beherzt habe ich sofort alles aussortiert, was zum klassischen Moppel-Outfit gehört. Lange, sehr lange schwarze Blazer, Tuniken jeder Art und natürlich alles, was hinter der Vier keine Null hatte. Einfach aus Prinzip. Wer schlanker ist, wird schnell ein wenig überheblich, vor allem sich selbst gegenüber, leider manchmal auch anderen gegenüber. Man fühlt sich so wahnsinnig willensstark. Immerhin hat man einen grässlichen Kampf gewonnen. Man hat tatsächlich abgenommen und hofft natürlich, dass sich dieser neue Zustand hält. Obwohl man tief drinnen ein wenig zweifelt, vor allem weil man sich selbst ja kennt. Trotzdem: Weg mit den alten sooo großen Klamotten. Da wird man ja keinesfalls je wieder reinpassen. Schlanksein, so glaubt man – getragen vom Siegesrausch –, ist eine Einbahnstraße ohne Wendemöglichkeit.

Aber ich bin der klassische Jo-Jo-Moppel. »Heute dünn und morgen dick – der Frauen Geschick« hat Ringelnatz gedichtet, und bei mir ist es genauso. Ich habe für Moppel-Ich und durch das Schreiben von Moppel-Ich abgenommen. 23 Kilo, um genau zu sein. Nun, gut fünf Jahre danach habe ich wieder fast alle Kilos drauf. (Vier sind tatsächlich immer noch weg – jedenfalls heute, ich kann aber für nichts garantieren!) Das ist gelinde gesagt: Ärgerlich.

»Schön blöd«, denken Sie. Klar ist das blöd. Mehr als blöd. Saublöd. Aber eben nur blöd – kein Drama. Kein Weltuntergang. Keine schlimme Krankheit. Der Speck war weg, jetzt ist er wieder da. Er ist eben anhänglich. Jedenfalls bei mir. Er ist und bleibt einer meiner treuesten Weggefährten. Ein lästiges Anhängsel, dass umso hartnäckiger wird, je mehr Aufmerksamkeit man ihm schenkt. Es ist eine Art Symbiose, mein Speck klammert sich an mich, wie RTL an Dieter Bohlen. Normalerweise profitieren bei einer symbiotischen Beziehung beide Seiten, nur irgendwas läuft da schief. Der Speck fühlt sich bei mir anscheinend sehr wohl, was ich im Umkehrschluss davon habe, ist manchmal allerdings doch zweifelhaft.

»Selbst schuld«, ist Ihr nächster Gedanke, und auch das ist wahr. Schließlich wurde ich weder zwangsernährt noch anderweitig zur Nahrungsaufnahme gezwungen. Niemand rannte mir mit leckeren Schnittchen hinterher oder lockte mich zum Büfett. Keiner zerrte mich zum Kühlschrank oder hat mir den Einkaufswagen mit Leckereien vollgeladen. Das war ich ganz allein. Nicht unter Drogen- oder Alkoholeinfluss, sondern mit einigermaßen klarem Verstand. Schade, es wäre natürlich wesentlich angenehmer, die Schuld jemand anderem zuzuschieben. Dem Wetter, den Genen, der Regierung oder irgendeiner fremden Macht. Aber die sind es nicht. Ich bin für meinen Speck verantwortlich. Was jedoch den Umgang mit dem Speck angeht und die daraus resultierende Hysterie, da gäbe es schon ein paar Adressen, die eine Teilschuld nicht nur an meinem, sondern auch an ihrem Speck haben. Aber im Endeffekt und im großen Ganzen: Mea culpa!

Also, fragen Sie sich, wie konnte es dann dazu kommen? Wieso quält man sich erst gnadenlos, um im Anschluss schleichend die Körper-Airbags zurückzugewinnen? Gibt es beim ewigen Kampf gegen überflüssige Pfunde, jedenfalls augenscheinlich bei mir, keinen Erkenntnisgewinn? Oder ist der vermeintliche Gewinn doch dauerhaft nicht so süß wie eine doppelte Portion Tiramisu?

Spätestens nach dem zweiten oder dritten Anlauf und dem jeweiligen Rückfall beginnt man am eigenen Verstand zu zweifeln. Ist man einfach nur gefräßig und disziplinlos? Nur bedingt lernfähig?

Bei mir trifft das sicherlich zu. Ich habe einen unbändigen Hang zum Essen. Mein Sohn drückt das freundlicher aus. Bei einem wunderbaren Abendessen einer Freundin, die herausragend kochen kann (danke, Hélène!), sagte er: »Du hast Talent zum Essen!« Da ist zweifellos was dran. Nahrung stimmt mich gut gelaunt. Nahrung hat durchaus auch etwas Tröstliches. Lenkt ab von Langeweile oder Frust. Ist Kompensation, aber längst nicht nur das. Essen macht eben einfach auch Spaß. Ist Lust. Ist Genuss. Und nicht nur, was die Köstlichkeiten auf dem Teller anbelangt. Auch das ganze Drumherum ist wunderbar: Wenn man beim Einkauf einmal nicht ewig darüber nachdenken muss, welche Yoghurtsorte weniger Kalorien hat, wenn man dann in der Küche etwas Schönes für die Familie vorbereitet und schließlich alle zusammen mit Freude essen. Wenn man sich abends mit Freundinnen in einem Restaurant trifft, an einem schön gedeckten Tisch sitzt, viel reden und schön speisen kann. Anstatt schon wieder einen Salat oder einen gedünsteten Fisch – ohne alles – zu sich zu nehmen und sich überlegen zu müssen, dass man – würde man sich noch eine Weinschorle bestellen – am nächsten Tag praktisch gar nichts essen darf.

Ein Genuss, den man sich selbst oft genug versaut, indem man ständig – wie einen Tinnitus – eine Stimme im Ohr hat, die einem zuflüstert: Das darfst du nicht, jenes ist nicht erlaubt, und wenn du jetzt noch eine Scheibe Weißbrot isst, dann werden deine Schenkel und du es morgen bitter bereuen. Ein kleiner Sprechautomat, der bei Frauen, die auf ihre Figur achten, quasi serienmäßig eingebaut ist. Und der nie pausiert. Denn essen muss man ja, das heißt: Man ist ständig mit Essen konfrontiert und kann es nicht – wie etwa Zigaretten oder Oliver Pocher – einfach aus seinem Leben verbannen. Beim Essen funktioniert deshalb »aus den Augen, aus dem Sinn« nicht. Es lebt von der Wiederholung und ist immer da. Und damit die Beschäftigung mit dem, was vermeintlich richtig und was falsch ist.

Zurück zum unerfreulichen Thema Zunahme. Warum nur konnte ich mein Gewicht nicht halten? Wieso habe ich mir nach und nach alles wieder schön draufgefuttert? Will mein Körper vielleicht lieber kräftiger sein? Bin ich als Moppel konzipiert? Oder schaffe ich es schlicht nicht, mich dauerhaft zu disziplinieren? Bin ich vielleicht einfach nicht heiß genug auf eine wirklich heiße Figur? Oder ein lebender Speckmagnet?

Beim Erscheinen von Moppel-Ich im Frühjahr 2004 war ich in Höchststimmung und für meine Verhältnisse schlank. Wie wir alle wissen, ist das eine sehr, sehr individuelle Angelegenheit. Ich passte in Kleidergröße 38 (bei ausgesprochen wohlwollenden Herstellern) und ansonsten in 40. Eine Größe, bei der viele schon ernsthaft an sofortige Diät denken. Eine Größe, die bei Vorher-Nachher-Geschichten meistens auf der Vorher-Seite steht. Wer über 60 Kilo wiegt und das bei einer Körpergröße von mindestens 1,70 Meter, gilt in Heften wie »Bunte« und Ähnlichem schon als drall. Oder freundlicher ausgedrückt als Vollweib. Mir allerdings hat meine neue Konfektionsgröße vollkommen gelangt, ich war geradezu euphorisch. Ich wollte gerne eine Sechs auf der Waage sehen. Bei 69 Kilo war mein Ziel deshalb erreicht. Noch mehr – oder besser noch weniger – brauchte ich nicht.

Dennoch war es streng genommen immer noch viel zu viel. Denn was das Thema »Gewichtsabnahme« anbelangt, sind Frauen ja nie fertig. Während ich mich sozusagen schon auf dem Feldberg als Gipfelstürmerin fühlte und hoffte, dort mein Basislager einrichten zu können, sind viele von uns ja unterwegs auf den K2 der Schlankheit – sie streben nach Size Zero. Jedenfalls nach dem, was man so an Beiträgen in Internetforen liest. Demnach hatte ich mich mit meiner Gewichtsabnahme nicht etwa für das Siegertreppchen, sondern allenfalls für eine – übrigens ziemlich lausige – Startposition an der internationalen Diät-Olympiade qualifiziert: http://www.erd beerlounge.de/erdbeertalk/Size-Zero-_t347973s3

JULE:

Ich liebe es so schlank zu sein und anziehen können, wozu ich lust hab ohne dass es aufträgt. es gehört verboten röhrenjeans und enge lederhosen größer als grösse 36 zu verkaufen. mir kommt jedesmal das kotzen wenn ich sowas sehe. hab selbst größe 32/34 und bin total stolz darauf. die männer sagen sie stehen nicht auf so dürre mädchen aber das ist total gelogen 90 % der männer hätten gern so eine freundin gibt aber leider zu wenig schlanke frauen. lieber zu dünn als zu dick.

(Ich hoffe, dass Jule mich niemals trifft, wenn ich mit einer engen Hose unterwegs bin. Ich will nicht verantworten müssen, dass das dünne Mädel auch noch kotzen muss!)

Kleine Bemerkung noch am Rande, liebe Jule: Wer wegen seiner Schönheit geliebt oder sogar geheiratet wird, wird auch deswegen verlassen!

LISA:

Ich hab auch Size Zero – und?! Früher hatte ich ne 34, aber jetzt zum Glück wieder 32 … mit ner anderen Grösse komm ich einfach nicht klar. Aber ich bin auch nur 1,57 m gross, 14 Jahre & hab insgesamt nen schmalen Knochenbau, hab auch nur nen BMI von 17,4. & außerdem geh ich fast jeden tag joggen, außer wenn’s regnet. Aber Leute als ›krank‹ zu bezeichnen, nur weil sie size zero schön finden, find ich scheiße. Manche finden halt dünne schön, und andere welche mit ner weiblichen Figur. Ich versteh z.B. auch nicht, wie man sich in grösse 38 wohl fühlen kann. Ich würd mir darin voll fett vorkommen … Irgendwie beneide ich solche Leute auch. Naja, ich finds jedenfalls schön.

Es ist eben nie genug. Einerseits. Andererseits: Kleidergröße 32 ist sooo irrsinnig winzig und für mich völlig utopisch. Wer je eine Jeans in Size Zero (etwa Jeansgröße 24–25) gesehen hat, kann sich kaum vorstellen, dass Frauen über 1,50 Meter da reinpassen. Das sieht aus wie eine Kindergröße. Ich schätze, mir hätte eine solche Hose als Elfjährige gepasst (und ich war ein schlankes Kind!). Damit wir uns hier nicht missverstehen: Ich bin keine Dünnenhasserin. Wieso auch? Wer schmal gebaut ist und in Size Zero passt – fein. Aber für durchschnittlich gebaute Frauen ist diese Größe ungefähr so erreichbar wie der Mond. Genauso gut könnten wir uns Prada-Taschen für alle oder endlich eine gerechte Bezahlung auch für Frauen beim Universum bestellen. Das würde dann leider sagen: »Also ich könnte dir beispielsweise einen freien Parkplatz direkt vor der Haustür verschaffen. Oder dir versprechen, dass nie mehr Socken in der Waschmaschine verschwinden. Aber Size Zero? Träum weiter!«

Hier zur Info die ungefähren Maße, will man in Kleidergröße Zero passen: ca. 80–55–80 cm, BMI15 bis 16, ca. 43 bis 48 Kilo bei einer Größe von 170 cm.

Einmal abgesehen davon, dass man von den meisten weiblichen Hüftknochen einiges abmeißeln müsste – es gibt natürlich Frauen, die wie Victoria Beckham das weibliche Plansoll erfüllen. Von ihnen erfährt man dann gelegentlich etwas über die Tagesgestaltung einer Size Zero. So war neulich in einer Zeitschrift zu lesen, sie würde täglich nicht mehr als 700 Kilokalorien zu sich nehmen. Wer bereit ist, diesen Preis zu bezahlen, viel Vergnügen. Ich jedenfalls kenne meine Möglichkeiten. Schon mein Becken würde sich niemals bereiterklären, in eine Size Zero zu passen. Egal wie streng ich mit mir wäre. Knochen sind Knochen, die kann man nicht weghungern. Und am Ende steht man dann da wie Madonna, die sich nach jahrelangem harten Training (täglich mindestens zwei Stunden Hanteltraining, Ballett, Yoga oder Joggen) von ihrem Exmann Guy Ritchie anhören musste: »Sie fühlt sich an wie ein Stück Knorpel!« Und obwohl sie vermutlich Summen in ihre Optik investiert, mit denen man ganze afrikanische Staaten sanieren könnte, liest man mittlerweile überall: »Auch an Madonna nagt der Zahn der Zeit.« Das wäre an sich einfach eine Tatsache, schließlich werden wir alle älter. Andererseits zeigt es auch, dass mit dem Einsatz – vor allem bei allen Fragen rund um den Frauenkörper – der Ertrag nicht automatisch steigt.

Deshalb war ich eigentlich sehr zufrieden mit der schönen Zahl »40« auf den Kleideretiketten. Ich hätte sie mir am liebsten außen auf die Kleidung genäht. Albern, aber wahr. Übrigens kenne ich wirklich Frauen, die Ähnliches machen. Ungefragt anderen ihre Kleidungsetiketten zeigen. Den Beweis liefern, dass sie es geschafft haben und in 34 oder 36 passen. 38 geht auch noch. Ab Kleidergröße 40 gilt man eigentlich immer noch als Moppel. Steht eine Zahl hinter der Vier, die keine Null ist, hat man schon ein Etikett, das sich leider nicht mehr einfach wegschneiden lässt. Man sieht auch ohne es schriftlich zu brauchen, dass es sich ganz offenbar um einen Mops handelt. Ich war und bin lange genug selbst Mops, um das beurteilen zu können. Und ich weiß, wie berauschend es sich anfühlt, einmal wenigstens etwa ein Cockerspaniel zu sein. Etwas geschafft zu haben, was man ganz tief drinnen für nahezu ausgeschlossen hielt. Ja, Abnehmen – so man es schafft – ist euphorisierend. Ich habe es genossen. Keine Frage. Das Gefühl, die Bluse oder das T-Shirt in der Hose zu tragen, war schön. Endlich mal Gürtel zeigen. Einkaufen war wie eine Robbie-Williams-Tournee – ein einziger Erfolg.

Sich als Moppel einigermaßen gut zu kleiden ist, wie alle Moppel wissen, schwer. Kleidergrößen jenseits der 42 sind rar und schnell vergriffen. Wer in Ladenketten einkaufen will, sollte tunlichst 36, 38 oder höchstens 40 haben. Das sind die gängigen Größen. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Selbst eine Marilyn Monroe müsste sich heute bei Zara mit einem Schal zufriedengeben. Oder einer Sonnenbrille, einer Handtasche oder einem Paar Schuhe. Was mich immer wieder wundert, ist, wie wenig einsichtig Bekleidungsunternehmen sind. Da ist ein Markt, da sind Frauen, die bereit wären, Geld auszugeben, und trotz allem verweigern viele Modefirmen hartnäckig Größen jenseits der 42. Fast als wäre es etwas Anrüchiges. Aber was nutzen all die Beschwerden, da ist eine Industrie zum Großteil völlig beratungsresistent.

 

Zurück zu den erfreulichen Seiten des Abnehmens: Das Lob von allen Seiten tat gut. Für keine andere Leistung in meinem Leben bin ich je so gelobt worden. Ich stand bis zum Hals in Lorbeerkränzen. Das hat mich allerdings stutzig gemacht. Keine Frage, ich war schon stolz, aber es war ja kein Nobelpreis, den ich gewonnen, sondern nur ein paar lästige Kilos, die ich verloren hatte. Dass Verlust so bejubelt wird, gilt nur für Gewicht. Ansonsten ist Verlust per se nichts Schönes. Insofern ist man schon irritiert. Manchmal war das Lob auch leicht getrübt: » O toll, du hast abgenommen«, (kleine Pause) »wurde aber auch Zeit.« Eine Aussage, die vielleicht ehrlich gemeint, aber auch unverschämt war. Niemand würde sagen: »Oh, du hast Englisch gelernt, wurde ja auch mal Zeit.« Zu Gewichtsfragen äußern sich Menschen ungefragt. Gewicht ist eben offensichtlich. Kein »Manko«, das man verstecken kann, oder eben nur sehr bedingt. Übrigens wissen die meisten Moppel selbst, dass sie Moppel sind, so wie Menschen, die lispeln, das zumeist auch selbst wissen. Würde man jemanden, der lispelt, darauf hinweisen? Wohl kaum. Man tut sich ja schon schwer, einem Kollegen zu sagen, dass das Deo erfunden wurde.

Mit keinem anderen Lob kann man Frauen angeblich so erfreuen wie mit: »Du hast ja abgenommen!« In Umfragen geben Frauen an, dass es ihr liebstes Kompliment ist. Noch vor: »Ich liebe dich!« Ich gestehe hier und jetzt: »Ich liebe dich« ist für mich nach wie vor das Schönste, was mir jemand sagen kann. Ich finde das Abnehmlob dagegen mittlerweile zweifelhaft, denn es beinhaltet ja auch immer den stillen Vorwurf, dass man vorher zu viel drauf hatte. Eben nicht in Ordnung war. Ähnlich wenig Begeisterung kann man bei mir für den Satz ernten: »Du hast doch ein recht schönes Gesicht!« Was um alles in der Welt heißt das übersetzt? »Dein Körper ist Scheiße!«? Schade, da nützt dann auch das Gesicht nicht mehr viel.

Wenn man dünner ist, ist man insgesamt beweglicher. Aber ich war auch vorher in der Lage, im Stehen mit den Händen auf den Boden zu kommen oder eine Treppe hochzugehen, ohne auszusehen, als müsste ich sofort an eine Herz- Lungen-Maschine angeschlossen werden. Ich war ein Moppel, aber nicht schwer krank. Im Gegenteil. Im gelegentlichen direkten Vergleich mit sehr viel Schlankeren habe ich mich häufig sogar als wahre Fitness-Queen erwiesen. Ich jedenfalls musste mich nicht – wie eine ziemlich dünne Freundin – gleich im ersten New Yorker Kaufhaus erstmal eine Viertelstunde hinlegen und habe beim dritten keine Kapitulationserklärung abgegeben. Aber nicht nur beim Shoppen bin ich ausdauernd, ich konnte und kann mühelos eine Stunde joggen. Das muss auch mal gesagt werden. Schließlich unterliege ich wie jeder Moppel dem Generalverdacht, meine einzige körperliche Aktivität sei es, mir selbst ein Grab zu schaufeln. Bis zu einem gewissen BMI hat ein Moppel nicht per se einen schlechteren Gesundheitszustand als ein Nicht-Moppel.

Wenn das Zuviel an Fett zur körperlichen Last und Belastung wird, dann ist Abnehmen ein Muss. Schwindelerregende Blutdruckzahlen, Atemnot und Ähnliches sind kein ästhetisches Problem. Ich habe Menschen kennengelernt, die aufgrund ihres Gewichts einfach viele Dinge nicht mehr tun konnten. Keine noch so kleine Treppe steigen, kein Fahrrad fahren, einer saß auf dem Rasen und kam allein nicht mehr hoch. Wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist. Von den Menschen, die ihr Leben liegend verbringen müssen, weil sie nicht mehr stehen können, mal ganz abgesehen. Alles was extrem ist, bedarf ärztlicher Hilfe. Dazu gehören sicher Fett-, aber auch Magersüchtige.

Und nun?

Auf ein Neues. Ich mag zwar wankelmütig und leicht entflammbar sein (weniger in hormoneller als in kulinarischer Hinsicht), aber ich bin kein Mensch, der schnell aufgibt. Was man ein-, zwei- oder mehrmals geschafft hat, kann man auch wieder schaffen. Glaubt man. Und fängt immer wieder von vorne an. So lange, bis man drei-, vier- oder sogar fünfmal ein- und dieselben Kilos so oft ab- und wieder zugenommen hat, dass die schon kleine Briefkästen haben – weil sie ja so etwas wie einen Zweitwohnsitz an Schenkeln, Bauch oder Oberarmen haben. Jedes Mal denkt man, man müsse nur einfach die Maßnahmen ändern, eine neue Abspeckmethode versuchen, um das leidige Thema endlich abhaken zu können. Manchmal träumt man – befeuert von einschlägigen Werbungen und Ratgebern – davon, einfach essen zu können, ohne groß darüber nachzudenken oder vorher so viel abgenommen zu haben, dass man sich wenigstens einmal keine Gedanken über den Kaloriengehalt einer Pizza machen müsste.

Hat man oft genug abgenommen und wurde – wie in jenen Alpträumen, in denen man das Flugzeug verpasst, egal wie sehr man sich beeilt – von seinem Moppel-Ich trotzdem jedes Mal wieder zurück an den Start geschickt, ist man irgendwann so weit, sich zu fragen: Wieso tue ich es nicht? Weshalb höre ich nicht einfach auf mit Abnehmen? Vielleicht, weil es einem von aller Welt als Kapitulation vor dem Moppel-Ich ausgelegt werden könnte? Weil man damit zeigt, dass man nicht stark genug ist? Und vor jedem gefüllten Teller einknickt? Weil man nicht mehr will, was doch alle Frauen wollen sollen: dünn sein? Andererseits: Bei allem anderen im Leben wird es einem als durchaus klug ausgelegt, wenn man lernt. Wenn man nach dem ersten Fehlversuch mit einem Mann etwa, der einem nicht guttut, in Zukunft Kerle meidet, die kaum mehr Bindungsfähigkeit besitzen als Hirsche. Wenn man nach einmal Haarefärben mit »Summer Blonde« feststellt, dass man damit aussieht, als hätte man sich einen Stützstrumpf übergestülpt, und danach die Finger davon lässt. Wenn man eben nicht noch mal vom Felsen kopfüber ins Wasser springt, nachdem man sich schon beim ersten Mal beinahe eine Querschnittslähmung zugezogen hat. Steht man trotzdem wieder auf dem Felsen, würde natürlich alle Welt darauf tippen, dass man kaum mehr im Kopf hat als eine Makrele. Außer beim Schlanksein. Da können wir noch so oft erfahren, dass unser Körper leider eine völlig andere Vorstellung vom »Wohlgefühlgewicht« hat als etwa Karl Lagerfeld, und dass jeder Versuch, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, mit ein paar mehr Kilo als vor dem Beginn der Diät endet – wir fahren trotzdem immer wieder (im übertragenen Sinn) gegen dieselbe Wand. In meinem Fall ist dort bestimmt schon eine Plakette mit meinem Namen angebracht.

Aus diesen und noch ein paar anderen Gründen habe ich beschlossen, einfach aufzuhören. Nicht mit dem Essen, sondern mit der permanenten Beschäftigung mit dem Thema. Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem Hunger – zumeist jedenfalls – kein Problem ist, und finde es schlimm genug, dass es überhaupt Menschen gibt, die nicht wissen, wie sie ihre Familie satt kriegen können. Wenn man länger überlegt, wird einem klar, wie dekadent das ganze Thema ist. Die meisten von uns haben genug zu essen. Das ist ein großes Glück. Ein unglaublich großes Glück. Die wenigsten von uns haben eine Ahnung, wie schlimm Hunger sein muss. Weltweit hungert jeder sechste Mensch. Nicht weil er in irgendeinen Fummel reinpassen will, sondern schlicht und einfach weil er nichts zu essen hat (so der »Spiegel« vom 19.Juni 2009). Während wir vor gefüllten Kühlschränken sitzen und trotzdem bloß zwei hartgekochte Eier auf dem Teller liegen haben, versuchen die Einwohner Haitis ihre vor Hunger kneifenden Mägen mit getrockneten Lehmfladen zu täuschen, um sich nicht selbst zu verzehren. Das ist doch verrückt. Das sollten wir uns immer mal wieder klarmachen.

Wir müssen nicht hungern, aber Millionen von uns tun es freiwillig. Ich erinnere mich, was mir eine Freundin über ein Abendessen im Kreis von sehr schicken Frauen erzählt hat. Ihre Tischnachbarin pickte im Essen herum. Irgendwann sagte sie: »Ach« (ein Seufzer), »ich gehe jeden Abend hungrig ins Bett!« Ich war, ehrlich gesagt, erschüttert. Warum tut diese Frau das? Nur um ihr Gewicht zu halten? Um nur ja nicht zuzunehmen? Wie traurig ist eine solche Aussage bei genauer Betrachtung. Das Groteske: Sie hatte für diese Bemerkung mit Sicherheit Bewunderung erwartet. Leider zu Recht. Unter Frauen schätzt man sich ja für solcherlei »Leidensfähigkeit«.

Ich will gesund sein und fit sein – das kann man erstaunlicherweise auch ohne den BMI eines Top-Models. Davon mal abgesehen ist das mit dem viel zitierten Body-Mass-Index ohnehin eine höchst umstrittene Angelegenheit. Der BMI sagt nämlich rein gar nichts darüber aus, wie speckig man ist. Man kann einen absolut niedrigen »lobenswerten« BMI haben und trotzdem fettig sein. Top-Sportler hingegen, durchtrainiert und muskulös, haben oft einen Wert, der bei jeder Hausarztuntersuchung rot angestrichen würde. Der BMI (Körpergewicht dividiert durch Körpergröße in Metern hoch 2), der heutzutage angestrebt wird, liegt unter der magischen Grenze von 25. Dabei gibt es eine Menge Untersuchungen, die besagen, dass ein BMI zwischen 25 und 30 die höchste Lebenserwartung erhoffen lässt.

Wer leichtes Übergewicht auf die Waage bringt, lebt länger und wird seltener krank (siehe »Deutsches Ärzteblatt«, Bd. 106, S.641, 2009 sowie die »Süddeutsche Zeitung« vom 1.Oktober 2009). Die genannte Untersuchung wertete 42 der Top-Studien aus, in denen der Zusammenhang von Gewicht, Lebensdauer und Krankheiten untersucht wurde. Die Verschiebung des idealen BMIs auf unter 25 ist demnach einfach etwas, was man beim Essen eine leere Kalorie nennen würde: ohne jeglichen Nährwert. Mittlerweile liest man gelegentlich sogar, dass einem kaum etwas das Leben (und nicht nur seine Qualität) mehr verkürzt als ständige Crash-Diäten. Wohingegen man sogar mit einem BMI über 30 – vorausgesetzt, man beschäftigt sich nicht hauptsächlich damit, mit seinem Sofa eine organische Verbindung einzugehen – pumperlngesund sein kann.

Gesundheitsexperten haben mir also die Lizenz dazu gegeben, bei einer Größe von 1,74 Meter satte 82 Kilo zu wiegen. Das ist eine ganze Menge. Auf jeden Fall eine ganze Menge mehr, als ich gedacht habe. Eine ungemein beruhigende freundliche Zahl, sehr viel höher, als ich für möglich gehalten habe, und sehr viel einfacher zu erreichen. Das Schöne: Je älter man wird, umso großzügiger darf man das mit dem BMI sehen: Im Alter von 70 Jahren geht ein BMI zwischen 27 und 35