Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Und morgen bist du tot E-Book

Peter James  

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E-Book-Beschreibung Und morgen bist du tot - Peter James

›Ein Meisterwerk, Mr James!‹ Kate MosseDer fünfte Fall für Detective Superintendent Roy Grace Während eine neue Liebe das Privatleben des sympathischen Ermittlers Roy Grace aufhellt, zwingt ihn sein neuester Fall zu einem Blick ins Herz der Finsternis.Am Strand von Brighton werden die Leichen zweier Jugendlicher angespült, denen lebenswichtige Organe fehlen. Roy Grace und sein Team kommen einer Bande von Organhändlern auf die Spur, die ein gewissenloses Geschäft mit der Angst betreiben. Gleichzeitig sucht die Mutter der 15-jährigen Caitlin verzweifelt nach einem Spenderorgan für ihre Tochter. Denn ohne eine neue Leber ist sie dem Tod geweiht. Wie weit geht eine Mutter, um ihr Kind zu retten? Und wie weit gehen skrupelose Verbrecher, die in Menschen bloße Ersatzteillager sehen?Ein nervenaufreibender Thriller, der einen auch nach dem Lesen noch lange nicht loslässt.

Meinungen über das E-Book Und morgen bist du tot - Peter James

E-Book-Leseprobe Und morgen bist du tot - Peter James

Peter James

Und morgen bist du tot

Thriller

Aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg

Fischer e-books

Im Andenken an

Fred Newman

 

Respekt!

1

SUSAN HASSTE DAS MOTORRAD. Sie sagte immer zu Nat, Motorradfahren sei die gefährlichste Sache der Welt. Nat zog sie dann gern damit auf, dass das statistisch gesehen falsch sei. Der gefährlichste Ort auf Erden sei die eigene Küche. Dort werde einen der Tod am wahrscheinlichsten ereilen.

Er sprach aus seiner Erfahrung als Oberarzt. Natürlich gab es schlimme Motorradunfälle, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was in Küchen passierte.

Menschen erlitten Stromschläge, weil sie Gabeln in Toaster steckten. Sie brachen sich den Hals, weil sie von Stühlen fielen. Sie erstickten. Fielen einer Lebensmittelvergiftung zum Opfer. Besonders gern erzählte er die Geschichte einer Patientin aus der Notaufnahme des Royal Sussex County Hospital, in dem er arbeitete oder, wie er zu sagen pflegte, sich überarbeitete. Die Frau war halb in ihre verstopfte Spülmaschine gekrochen und hatte sich dabei ein Ausbeinmesser ins Auge gerammt.

Motorräder seien überhaupt nicht gefährlich, nicht einmal seine gewaltige rote Honda Fireblade (die in drei Sekunden auf hundert beschleunigte). Das Problem seien die anderen Verkehrsteilnehmer. Man müsse sie eben im Auge behalten, fertig, aus. Außerdem sei der CO2-Ausstoß seiner Fireblade deutlich geringer als der ihres klapprigen Audi TT.

Das allerdings überhörte sie.

Sie überhörte auch sein Gejammer, weil er das in fünf Wochen bevorstehende Weihnachtsfest mit den Schwiegermonstern verbringen musste, wie er ihre Eltern zu nennen pflegte. Seine verstorbene Mutter hatte immer gesagt, man könne sich seine Freunde aussuchen, nicht aber seine Verwandten. Wie recht sie gehabt hatte!

Irgendwo hatte er gelesen, ein Mann hoffe bei der Hochzeit, dass seine Frau sich nie verändern werde, während die Frau das Ziel verfolge, ihn zu verändern.

Nun ja, Susan Cooper machte ihre Sache gar nicht schlecht, denn sie setzte die vernichtendste Waffe des gesamten weiblichen Arsenals ein: Sie war im sechsten Monat schwanger. Und Nat natürlich stolz wie Oskar. Er wusste nur zu gut, dass er bald der Wirklichkeit ins Auge blicken und die Fireblade gegen etwas Praktisches eintauschen musste. Einen Kombi oder Van. Und um Susans soziales und ökologisches Gewissen zu beruhigen, auch noch mit einem beschissenen Diesel-Elektro-Hybrid-Motor, Herrgott nochmal!

Das konnte ja heiter werden!

Er war erst in den frühen Morgenstunden nach Hause gekommen und saß gähnend am Küchentisch ihres Häuschens in Rodmell, etwa fünfzehn Kilometer von Brighton entfernt. Im Frühstücksfernsehen lief gerade ein Bericht über einen Selbstmordanschlag in Afghanistan. Laut Fernseher war es elf nach acht, nach seiner Uhr zwei Minuten früher. Aber es fühlte sich an wie mitten in der Nacht. Er löffelte seine Frühstücksflocken, spülte sie mit Orangensaft und schwarzem Kaffee hinunter und eilte noch einmal nach oben. Er küsste Susan und tätschelte zum Abschied ihren Bauch.

»Fahr vorsichtig«, sagte sie.

Glaubst du etwa, ich fahre mit Absicht riskant?, dachte er, sagte aber nur: »Ich liebe dich.« – »Ich dich auch. Ruf mich an.«

Nat küsste sie noch einmal, ging hinunter, zog Helm und Lederhandschuhe an und trat in den frostigen Morgen hinaus. Es dämmerte gerade erst, als er die schwere rote Maschine aus der Garage schob. Der Boden war gefroren, aber es hatte seit mehreren Tagen nicht geregnet, also war kein Glatteis zu befürchten.

Er schaute zu dem Fenster mit den geschlossenen Vorhängen hin-auf und drückte zum letzten Mal in seinem Leben den Anlasser seines geliebten Motorrads.

2

DR. ROSS HUNTER war eine der wenigen Konstanten in ihrem Leben, dachte Lynn Beckett, als sie an der Praxistür klingelte. Wenn sie ehrlich mit sich war, so ziemlich die einzige Konstante. Abgesehen vom Versagen. Das war definitiv eine Konstante. Sie war eine richtig gute Versagerin, das war schon immer so gewesen. Geradezu brillant. Sie könnte ohne weiteres in der Nationalmannschaft antreten.

Im Grunde hatte sie in ihrem 37-jährigen Leben einen ganzen Rattenschwanz von Katastrophen hinterlassen, angefangen mit Kleinigkeiten wie damals, als sie sich mit sieben Jahren die Kuppe ihres Zeigefingers an einer zufallenden Autotür abgetrennt hatte. Je ernster das Leben wurde, desto schlimmer wurden auch die Katastrophen. Als Kind hatte sie ihre Eltern enttäuscht, als Ehefrau ihren Mann, und jetzt enttäuschte sie als alleinerziehende Mutter ihre halbwüchsige Tochter.

Die Praxis befand sich in einer großen edwardianischen Villa in einer ruhigen Nebenstraße von Hove. Früher hatte es hier nur solche freistehenden Häuser gegeben, doch viele der prächtigen Villen waren abgerissen und durch Mehrfamilienhäuser ersetzt worden. In den verbliebenen Villen waren Büros oder Arztpraxen untergebracht.

Sie trat in den vertrauten Flur, in dem es nach Möbelpolitur und Desinfektionsmitteln roch. Dr. Hunters Sekretärin saß am Schreibtisch und telefonierte. Lynn setzte sich ins Wartezimmer.

In den vergangenen fünfzehn Jahren hatte sich der große, schäbige Raum nicht verändert. Derselbe weiße Fleck an der Stuckdecke, dessen Umrisse entfernt an Australien erinnerten, derselbe Gummibaum vor dem Kamin, derselbe muffige Geruch und dieselben zusammengewürfelten Sessel und Sofas, die aussahen, als hätte man sie in ferner Vergangenheit bei einer Wohnungsauflösung erstanden. Selbst die Zeitschriften auf dem runden Eichentisch sahen aus, als lägen sie seit Jahren dort.

Sie warf einen Blick auf einen gebrechlich wirkenden alten Mann, der tief in einem Sessel mit kaputten Sprungfedern hing. Er hatte seinen Gehstock in den Teppich gebohrt und hielt ihn fest umklammert, als wollte er nicht gänzlich im Sessel verschwinden. Neben ihm saß ein ungeduldig wirkender Mann Mitte dreißig, der mit seinem BlackBerry beschäftigt war. In einem der Ständer lagen mehrere Broschüren, darunter ein Ratgeber, wie man mit dem Rauchen aufhören könnte, doch ihr augenblickliches Nervenkostüm verlangte eher nach einem Ratgeber, wie man noch mehr rauchen konnte.

Auf dem Tisch lag eine aktuelle Ausgabe der Times, aber ihr war nicht nach Lesen zumute. Sie hatte kaum geschlafen, seit Dr. Hunters Sekretärin sie am gestrigen Vormittag angerufen und gebeten hatte, gleich heute Morgen allein in die Praxis zu kommen. Sie fühlte sich zittrig, ihr Blutzuckerspiegel war zu niedrig. Sie hatte zwar ihre Medikamente genommen, danach aber kaum gefrühstückt.

Nachdem sie sich auf die Kante eines harten Stuhls gesetzt hatte, wühlte sie in ihrer Tasche und steckte sich einige Traubenzuckertabletten in den Mund. Weshalb wollte Dr. Hunter sie eigentlich so dringend sehen? Ging es um die Blutuntersuchung von letzter Woche oder eher um Caitlin? Wenn sie früher Angst gehabt hatte – so wie damals, als sie einen Knoten in ihrer Brust entdeckt oder befürchtet hatte, das irrationale Verhalten ihrer Tochter sei auf einen Gehirntumor zurückzuführen –, hatte er immer selbst angerufen und ihr mitgeteilt, dass die Ergebnisse von Biopsie, CT oder Blutuntersuchung negativ seien und es keinen Grund zur Sorge gebe. Abgesehen davon, dass bei Caitlin immer Grund zur Sorge bestand.

Lynn schlug nervös die Beine übereinander. Sie hatte ihren besten Mantel angezogen, blau, eine Mischung aus Wolle und Kaschmir, den sie im Winterschlussverkauf erstanden hatte. Dazu einen dunkelblauen Strickpulli, eine schwarze Hose und schwarze Wildlederstiefel. Auch wenn sie es nicht zugeben wollte, versuchte sie, bei ihren Arztbesuchen immer möglichst gut auszusehen. Sie donnerte sich nicht auf, machte sich aber nett zurecht. Wie jede zweite seiner Patientinnen schwärmte auch sie seit langem für Dr. Hunter. Natürlich hätte sie nie gewagt, ihm das zu zeigen.

Seit sie und Mal sich getrennt hatten, lag ihr Selbstwertgefühl am Boden. Sie war eine attraktive Frau und hätte noch sehr viel attraktiver sein können, wenn sie wieder ein bisschen zugenommen hätte, wie ihre Freunde und ihre kürzlich verstorbene Schwester ihr immer sagten. Der Spiegel zeigte ihr täglich ihr ausgemergeltes Gesicht. Ausgemergelt von sechs Jahren ständiger Sorge um Caitlin.

Kurz nach ihrem neunten Geburtstag hatte man bei ihrer Tochter eine Lebererkrankung diagnostiziert. Seither schienen sie beide in einem langen, dunklen Tunnel zu stecken. Die endlosen Termine bei Spezialisten. Die Untersuchungen. Die kurzen Krankenhausaufenthalte in Sussex und die längeren in der Spezialabteilung für Lebererkrankungen des Royal South London Hospital. Einmal war Caitlin fast ein ganzes Jahr dort geblieben. Sie hatte Operationen über sich ergehen lassen müssen, bei denen man Stents in ihre Gallenwege einsetzte. Dann wurden diese wieder entfernt. Es folgten endlose Transfusionen. Manchmal fühlte Caitlin sich so schlapp, dass sie in der Schule einschlief. Sie konnte nicht mehr auf ihrem geliebten Saxophon spielen, weil sie Atemprobleme bekam. Und als sie ins Teenageralter kam, wurde Caitlin zunehmend zorniger und rebellischer. Warum ich?, lautete die ständige Frage.

Eine Frage, die Lynn nicht beantworten konnte.

Unzählige Male hatte sie voller Angst in der Notaufnahme des Royal Sussey County Hospital gesessen, während man ihre Tochter behandelte. Als sie dreizehn war, hatte man Caitlin den Magen ausgepumpt, nachdem sie eine Flasche Wodka aus dem Barschrank geklaut hatte. Mit vierzehn war sie im Haschischrausch von einem Dach gestürzt. Dann war da die schreckliche Nacht, in der sie um zwei Uhr morgens mit glasigen Augen, schweißüberströmt und zähneklappernd in Lynns Schlafzimmer aufgetaucht war und verkündet hatte, sie habe eine Ecstasy-Tablette geschluckt, die ihr irgendein Typ in Brighton gegeben hatte. Ihr Kopf tue weh.

Jedes Mal kam Dr. Hunter ins Krankenhaus und blieb bei Caitlin, bis sie außer Gefahr war. So war er eben.

Die Tür ging auf, und er kam herein. Hochgewachsen, aufrecht, elegant im Nadelstreifenanzug, mit gutgeschnittenem Gesicht, graumelierten Haaren und sanften grünen Augen hinter einer halbmondförmigen Brille.

»Kommen Sie herein, Lynn!«, sagte er. Seine kräftige, energische Stimme klang an diesem Morgen seltsam bedrückt.

Für Dr. Ross Hunter gab es zwei Gesichtsausdrücke, mit denen er seine Patienten begrüßte. Einmal das normale, warme und aufrichtige Lächeln, mit dem er Lynn in den ganzen letzten Jahren empfangen hatte. Aber es gab da auch die düstere Miene, bei der er die Zähne in die Unterlippe grub. Eine Miene, die er gewöhnlich nicht zeigte.

Lynn sah sie an diesem Tag zum ersten Mal.

3

ES WAR EINE GÜNSTIGE STELLE für eine Radarfalle. Das wussten die Pendler, die regelmäßig über diesen Abschnitt der Lewes Road nach Brighton hineinfuhren. Obwohl eine Geschwindigkeitsbegrenzung von sechzig Stundenkilometern galt, konnten sie nach der Ampel ungehindert beschleunigen und mussten auf der Schnellstraße nicht mehr abbremsen, bis sie die Radarfalle in anderthalb Kilometern Entfernung erreichten.

Für jene, die sich nicht auskannten, war der BMW-Kombi mit der auffällig bunten Markierung, der in einer Seitenstraße parkte und halb hinter einer Bushaltestelle verborgen war, eine unerfreuliche Überraschung am frühen Morgen.

Police Constable Tony Omotoso stand neben dem Wagen, stützte das Lasermessgerät auf dem Dach ab und zielte mit dem roten Punkt auf die vorderen Kennzeichen der Fahrzeuge; bei einer Toyota-Limousine drückte er den Auslöser. Die Digitalanzeige meldete siebzig Stundenkilometer. Der Fahrer hatte die Polizisten entdeckt und auf die Bremse getreten. Die strengen Richtlinien sahen eine Toleranz von zehn Prozent über dem Tempolimit plus drei km/h vor. Der Toyota fuhr mit leuchtenden Bremslichtern weiter. Als Nächstes richtete Omotoso das Gerät auf das Nummernschild eines weißen Ford Transit – neunundsechzig Stundenkilometer. Dann schoss eine schwarze Harley Softail vorbei, die viel zu schnell für eine Messung war.

Links von ihm wartete startbereit sein Kollege PC Ian Upperton mit Mütze und gelber Sicherheitsjacke. Beide Männer froren.

Upperton betrachtete die Harley. Er liebte Motorräder, und es war sein großer Traum, Motorradpolizist zu werden. Allerdings waren Harleys Reisemaschinen, während seine wahre Leidenschaft den Rennmotorrädern wie BMW, Suzuki Hayabusa oder Honda Fireblade galt. Mit denen musste man sich richtig in die Kurve legen, nicht nur an den Handgriffen wie an einem Lenkrad kurbeln.

Eine rote Ducati tauchte auf, doch der Fahrer hatte sie schon gesehen und kroch im Schneckentempo vorüber. Der klapprige grüne Fiesta auf der Überholspur allerdings nicht.

»Der Fiesta!«, rief Omotoso. »Dreiundachtzig!«

PC Upperton trat vor und winkte den Wagen an den Straßenrand, doch der fuhr einfach weiter.

»Na schön.« Er wiederholte laut – »Whiskey Vier-Drei-Zwei Charlie Papa November« – und sprang hinters Steuer.

»Arschlöcher!«

»Blöde Wichser!«

»Warum jagt ihr keine richtigen Verbrecher?«

»Ja, statt arme Autofahrer zu verfolgen.«

Tony Omotoso drehte sich um und sah zwei Jugendliche vorbeischlendern.

Weil auf englischen Straßen in jedem Jahr 3500 Menschen sterben, während nur 500 ermordet werden, darum, hätte er am liebsten gesagt. Weil Ian und ich Tag für Tag tote und zermalmte Körper von der Straße kratzen, und das nur wegen solcher Arschlöcher wie dieses Fiesta-Fahrers.

Aber dafür blieb keine Zeit. Sein Kollege hatte schon das Blaulicht aufs Dach gesetzt und die Sirene eingeschaltet. Er warf die Laserpistole auf den Rücksitz, stieg vorne ein, knallte die Tür zu und schnallte sich an, während Upperton das Gaspedal durchtrat und in eine Verkehrslücke schoss.

Omotoso spürte den Adrenalinstoß, das Kribbeln im Magen, als er in den Sitz gedrückt wurde. Das war einer der Höhepunkte seiner Arbeit.

Der Bildschirm auf dem Armaturenbrett, der für die automatische Nummernschilderkennung zuständig war, blinkte und zeigte den Eintrag des Fiesta. Whiskey Vier-Drei-Zwei Charlie Papa November zahlte keine Steuern, war nicht versichert und auf einen Fahrer zugelassen, dem man den Führerschein entzogen hatte.

Upperton wechselte auf die Überholspur und näherte sich rasch dem Fiesta.

Dann kam ein Funkruf. »Hotel Tango Vier-Zwei?«

»Hier Hotel Tango Vier-Zwei, was gibt’s?«

»Wir haben eine Meldung über einen schweren Verkehrsunfall. Kollision zwischen Motorrad und Pkw an der Kreuzung Coldean Lane und Ditchling Road. Könnt ihr übernehmen?«

Scheiße, dachte er, der Fiesta sollte nicht so davonkommen. »Ja, sind schon unterwegs. Alarmiert die Patrouillen in Brighton. Ford Fiesta, amtliches Kennzeichen Whiskey Vier-Drei-Zwei Charlie Papa November, Farbe Grün, fährt auf der Lewes Road mit überhöhter Geschwindigkeit nach Süden und nähert sich dem Kreisverkehr. Vermuten Entzug der Fahrerlaubnis.«

Er musste gar nichts sagen. Upperton trat schon auf die Bremse, setzte den rechten Blinker und hielt Ausschau nach einer Lücke im Gegenverkehr.

4

MALCOLM BECKETT KONNTE schon das Meer riechen, als er in seinem dreißig Jahre alten blauen MBGGT an der Ampel zur Hafeneinfahrt hielt. Der Geruch war wie eine Droge, das Salz des Ozeans floss in seinen Adern. Wann immer er sich vom Meer entfernte, brauchte er danach einen Schuss. Seit er als Jugendlicher eine Ingenieurausbildung bei der Royal Navy begonnen hatte, war er immer zur See gefahren. Zehn Jahre bei der Royal Navy und nunmehr einundzwanzig bei der Handelsmarine.

Er liebte Brighton, wo er geboren und aufgewachsen war, weil es so nah an der Küste lag. Am glücklichsten aber war er an Bord eines Schiffes. An diesem Tag endete sein dreiwöchiger Landurlaub, und er würde die nächsten drei Wochen an Bord der Arco Dee verbringen, auf der er als Leitender Ingenieur arbeitete. Noch vor gar nicht so langer Zeit, dachte er wehmütig, war er der jüngste Leitende Ingenieur der Handelsmarine gewesen, doch jetzt mit siebenundvierzig galt er fast als Veteran, als alter Seebär.

Auch sein Wagen war in die Jahre gekommen. Er kannte ihn ebenso gut wie sein geliebtes Schiff, hatte ihn unzählige Male auseinandergebaut und wieder zusammengesetzt. Mal horchte er zärtlich auf das Dröhnen des Motors im Leerlauf und meinte, ein leises Geräusch am Stößel zu hören. Nächstes Mal würde er den Zylinderkopf ausbauen und einige Regulierungen vornehmen.

»Alles okay mit dir?«, wollte Jane wissen.

»Mit mir? Klar doch, bestens.«

Es war ein schöner Morgen, strahlend blauer Himmel, windstill, das Meer so ruhig wie ein Mühlenweiher. Nach den Stürmen des Spätherbstes, die seine letzte Fahrt recht unangenehm gestalteten, hatte sich das Wetter beruhigt, vorerst jedenfalls. Es würde kühl, aber herrlich sein.

»Wirst du mich auch vermissen?«

Er legte ihr den Arm um die Schulter und drückte sie an sich. »Wie wahnsinnig.«

»Lügner!«

Er küsste sie. »Ich vermisse dich jede Sekunde, in der ich nicht bei dir bin.«

»So ein Quatsch!«

Er küsste sie noch einmal. Als die Ampel grün wurde, trat sie die Kupplung, legte den ersten Gang ein und fuhr die abfallende Straße hinunter.

»Mit einem Schiff kann ich schlecht mithalten«, sagte sie.

Er grinste. »War ein toller Fick heute Morgen.«

»Ich hoffe, er hält eine Weile vor.«

»Keine Sorge.«

Sie bogen nach links ab, fuhren um das Ende der Hove Lagoon, auf deren künstlichen Seen man Ruderboote mieten, Surfunterricht nehmen und Schiffsmodelle fahren lassen konnte. Vor ihnen, am östlichen Rand des Hafengebietes, befand sich eine Privatstraße mit weißen Häusern im maurischen Stil, in denen Prominente wie Heather Mills und Fatboy Slim wohnten.

Der Salzgeruch wurde stärker, ebenso der Schwefelgestank und das Aroma von Öl, Tauen, Farbe und Kohle.

Der Hafen von Shoreham lag im äußersten Westen von Brighton and Hove und bestand aus einem eineinhalb Kilometer langen Becken, das von Holzplätzen, Lagerhäusern, Bunkerstationen und Baustofflagern gesäumt wurde. Früher war es ein geschäftiger Handelshafen gewesen, doch das Aufkommen der großen Containerschiffe, die ihn nicht anfahren konnten, hatte seinen Charakter verändert.

Er wurde noch immer von Frachtschiffen und Fischerbooten benutzt, vor allem aber von Baggerschiffen, die Kies und Sand vom Meeresboden förderten und an die Bauindustrie verkauften.

»Was hast du in den nächsten drei Wochen vor?«, fragte er.

Das Vertrauen in ihre Ehefrauen war für alle Seeleute von Bedeutung. Als er bei der Royal Navy angefangen hatte, hatte man ihm erzählt, dass manche Seemannsfrauen ein Päckchen OMO-Waschpulver ins Fenster stellten, wenn ihre Männer unterwegs waren. Es bedeutete Old Man Overseas – mein Alter ist auf See.

»Jemmas Krippenspiel, das du leider verpassen wirst«, sagte sie. »Und Amy reist in vierzehn Tagen ab. Bis dahin schleicht sie schmollend durchs Haus.«

Amy war Janes elfjährige Tochter aus erster Ehe, mit der er ein gutes Verhältnis hatte.

Jemma war ihre gemeinsame sechsjährige Tochter, der er sehr nahestand. Sie war liebevoll, klug und absolut lebensfroh, ein vollkommener Kontrast zu seiner kranken, ihm fremd gewordenen Tochter aus erster Ehe, die er gernhatte, zu der er aber trotz aller Bemühungen nie eine richtige Beziehung hatte aufbauen können. Es tat ihm leid, dass er Jemmas Auftritt als Jungfrau Maria verpassen würde, aber die Familie war es gewöhnt, Opfer für seinen Beruf zu bringen. Es war einer der Gründe für die Scheidung von seiner ersten Frau gewesen, daran musste er oft denken.

Er betrachtete Jane, als sie an den Häusern vorbei auf die lange, gerade Straße bog, die südlich am Hafenbecken vorbeiführte. Sie fuhr betont langsam, als wollte sie den Abschied hinauszögern. Jane war quirlig und reizend, hatte einen kurzen roten Bob und eine freche Stupsnase. Sie trug Lederjacke, weißes T-Shirt und verschlissene Jeans. Der Unterschied zwischen seinen beiden Frauen hätte nicht größer sein können. Jane war Therapeutin und behandelte Angsterkrankungen. Sie liebte ihre Unabhängigkeit und genoss die drei Wochen Freiheit, nach denen sie ihn, wie sie sagte, umso mehr zu schätzen wusste.

Lynn hingegen, die für ein Inkassobüro arbeitete, war immer hilfsbedürftig gewesen. Zu hilfsbedürftig. Natürlich war es schön, wenn eine Frau einen begehrte, sich nach einem sehnte. Aber er wurde vor allem gebraucht. Und dieses Gebrauchtwerden hatte sie letztlich auseinandergebracht. Er hatte gehofft, beide hatten gehofft, ein Kind werde etwas daran ändern, aber das war nicht der Fall gewesen.

Danach war es sogar noch schlimmer geworden.

Jane fuhr langsamer und setzte den Blinker. Sie hielt an und ließ einen mit Holz beladenen Lkw vorbei, bog rechts ab und fuhr durch das offene Tor der Firma Solent Aggregates. Sie hielt vor dem Container, in dem die Sicherheitskontrolle untergebracht war.

Mal stieg aus. Er trug schon seinen weißen Overall und die Gummistiefel. Er öffnete den Kofferraum, hievte die große Reisetasche heraus und setzte den gelben Schutzhelm auf. Dann beugte er sich durchs Fenster und küsste Jane zum Abschied. Es war ein langer, genießerischer Kuss. Auch nach sieben Jahren brannte ihre Leidenschaft noch heftig, einer der Vorteile, wenn man regelmäßig drei Wochen voneinander getrennt war.

»Ich liebe dich«, sagte er.

»Ich liebe dich noch mehr«, antwortete sie und küsste ihn noch einmal.

Er war groß, schlank und kräftig. Ein gutaussehender Mann mit einem offenen, ehrlichen Gesicht und kurzem blondem Haar, das allmählich schütter wurde. Ein Mann, den die Kollegen mochten und respektierten, der keine dunkle Seite hatte. Er war so, wie er sich gab.

Er sah zu, wie sie den Rückwärtsgang einlegte, horchte auf das Geräusch des Auspuffs und des Motors, als sie Gas gab. Ein Leitblech des Doppelauspuffs musste ersetzt werden. Wenn er zurückkam, würde er ihn auf die Hebebühne setzen. Außerdem musste er einen Blick auf die Stoßdämpfer werfen, bei Bodenwellen lag der Wagen nicht so gut auf der Straße. Vielleicht mussten auch die vorderen Stoßdämpfer erneuert werden.

Als er den Container betrat und sich in das Register eintrug, wobei er mit dem Wachmann scherzte, war der Wagen schon vergessen. Der Steuerbordmotor der Arco Dee hatte fast 20000 Betriebsstunden, nach den Firmenrichtlinien war eine Inspektion fällig. Er musste den richtigen Zeitpunkt dafür berechnen. In den Weihnachtsferien waren die Trockendocks geschlossen, doch die Eigentümer der Arco Dee interessierten sich nicht für Ferien. Wenn er neunzehn Millionen Pfund für ein Schiff ausgegeben hätte, würde auch er es möglichst rund um die Uhr einsetzen.

Als Mal beschwingten Schrittes auf den schwarz-orangefarbenen Schiffsrumpf zuging, ahnte er nichts von der Ladung, die er von der bevorstehenden Fahrt mitbringen würde, und von dem Trauma, das damit über sein Leben hereinbrechen sollte.

5

DR. HUNTERS SPRECHZIMMER war ein langgestreckter Raum mit hoher Decke und Schiebefenstern, durch die man in einen kleinen ummauerten Garten blickte, der kaum von den kahlen winterlichen Bäumen und Büschen abgeschirmt wurde. Man sah bis zur eisernen Feuertreppe des gegenüberliegenden Hauses. Lynn hatte oft gedacht, dass das Sprechzimmer in früherer Zeit, als dies alles ein hochherrschaftliches Haus gewesen war, vermutlich als Esszimmer gedient hatte.

Sie mochte Häuser, vor allem deren Innenleben. Eines ihrer liebsten Hobbys bestand darin, Herrenhäuser und Schlösser zu besichtigen, und früher hatte auch Caitlin Spaß daran gehabt. Sie plante schon länger, eine Ausbildung zur Dekorateurin zu machen, sobald Caitlin auf eigenen Füßen stand und der Druck, Geld zu verdienen, abnahm. Vielleicht würde sie Ross Hunter anbieten, seine Praxis aufzufrischen. Genau wie das Wartezimmer konnte auch dieser Raum neues Leben vertragen. Die Tapete und die Wandfarbe waren bei weitem nicht so würdevoll gealtert wie der Arzt selbst. Allerdings musste sie zugeben, dass die Tatsache, dass sich der Raum in all den Jahren kaum verändert hatte, auch etwas Beruhigendes besaß. Er verströmte eine intellektuelle Atmosphäre, die sie immer als angenehm empfunden hatte.

Bei jedem Besuch wirkte das Sprechzimmer ein bisschen chaotischer. Die grauen Aktenschränke mit den vier Schubladen schienen sich ständig zu vermehren, ebenso die darauf stehenden Kästen, in denen er seine Patientenakten aufbewahrte. Auf einem Aktenschrank stand ein Wasserspender aus Plastik. In einem beleuchteten Kasten an der Wand hing ein Diagramm für Sehtests; auf den altmodischen, vollgestopften Bücherregalen teilte sich die weiße Marmorbüste eines antiken Gelehrten, vermutlich Hippokrates, den Platz mit mehreren Familienfotos.

An einer Seite befanden sich hinter einem Paravent die Untersuchungsliege, einige Monitore und andere medizinische Gerätschaften und Lampen. Der Boden war an dieser Stelle mit Linoleum ausgelegt, das in den Teppich eingefügt war und an einen Mini-OP erinnerte.

Ross Hunter winkte Lynn zu einem der schwarzen Ledersessel vor dem Schreibtisch. Sie setzte sich, stellte die Tasche ab und behielt den Mantel an. Sein Gesicht wirkte noch immer angespannt und ernster als sonst. Das machte sie furchtbar nervös. Das Telefon klingelte. Er hob entschuldigend die Hand, als er sich meldete, und machte ein Zeichen, es werde nicht lange dauern. Während er sprach, warf er einen Blick auf den Bildschirm seines Laptops.

Sie schaute sich im Zimmer um und hörte zu, wie er mit jemandem sprach, dessen offenbar schwerkranker Angehöriger ins Martletts, das örtliche Hospiz, verlegt werden sollte. Der Anruf verursachte ihr noch größeres Unbehagen. Sie betrachtete die Garderobe, an der ein einsamer Mantel hing, vermutlich der von Dr. Hunter, und fragte sich beiläufig, was das elektrische Gerät daneben darstellen sollte, das ihr noch nie aufgefallen war.

Er beendete den Anruf, notierte sich etwas, warf noch einen Blick auf den Bildschirm und konzentrierte sich dann wieder auf Lynn. Seine Stimme klang sanft und besorgt. »Danke, dass Sie gekommen sind. Ich wollte lieber mit Ihnen allein sprechen, bevor ich mit Caitlin rede.« Er wirkte nervös.

»In Ordnung«, wollte sie sagen, brachte aber keinen Ton heraus. Es war, als hätte jemand ihren Mund und ihre Kehle mit Löschpapier betupft.

Er nahm eine Akte von einem Stapel, legte sie auf den Schreibtisch und schlug sie auf. Er rückte die Brille zurecht und las, als wollte er Zeit gewinnen. »Ich habe hier die neuesten Untersuchungsergebnisse von Dr. Granger. Leider habe ich keine guten Nachrichten für Sie, Lynn. Sie zeigen eine stark anomale Leberfunktion.«

Dr. Neil Granger war der örtliche Gastroenterologe, bei dem Caitlin seit sechs Jahren in Behandlung war.

»Die Enzymwerte sind stark erhöht«, fuhr er fort. »Vor allem die des Gamma-GT-Enzyms. Und die Zahl der Blutplättchen ist sehr gering, sie hat dramatisch abgenommen. Hat sie viele blaue Flecken?«

Lynn nickte. »Ja, und wenn sie sich schneidet, blutet es sehr lange.« Sie wusste, dass Blutplättchen in der Leber produziert und bei einer gesunden Leber sofort an die verletzte Stelle transportiert wurden, wo sie Schorf bildeten und so die Blutung stillten. »Wie hoch sind die Enzymwerte?« Nachdem sie jahrelang alles im Internet recherchiert hatte, was sie von den Ärzten gehört hatte, kannte sie sich mit dem Thema recht gut aus. Gut genug, um zu wissen, wann Grund zur Sorge bestand, aber nicht gut genug, um eine Lösung zu kennen.

»Bei einer normalen gesunden Leber liegen die Enzymwerte bei 45. Die Laboruntersuchungen vor einem Monat zeigten 1050. Die neuesten Tests schon 3000. Dr. Granger ist sehr besorgt deswegen.«

»Was hat das zu bedeuten, Ross?« Ihre Stimme klang erstickt und schrill. »Dieser Anstieg, meine ich?«

Er schaute sie ernst und voller Mitgefühl an. »Die Gelbsucht wird schlimmer«, sagte er. »Genau wie die Enzephalopathie. Einfach ausgedrückt, Caitlins Körper wird vergiftet. Sie leidet zunehmend unter Halluzinationen, oder?«

Lynn nickte.

»Sehstörungen?«

»Manchmal.«

»Juckreiz?«

»Der macht sie wahnsinnig.«

»Kurz gesagt, Caitlin reagiert nicht mehr auf die Medikamente. Sie leidet unter einer irreversiblen Zirrhose.«

Lynn spürte, wie sich eine düstere Schwere in ihr ausbreitete. Sie schaute trostlos aus dem Fenster. Zur Feuertreppe hinüber. Auf einen winterlichen, skelettartigen Baum. Er sah tot aus. Sie fühlte sich auch tot.

»Wie geht es ihr heute?«

»Ganz gut, ein bisschen niedergeschlagen. Sie klagt über Juckreiz. Sie war fast die ganze Nacht wach und hat sich Hände und Füße gekratzt. Sie sagt auch, ihr Urin sei sehr dunkel. Und ihr Bauch ist geschwollen, das findet sie am schlimmsten.«

»Ich kann ihr Entwässerungstabletten geben, um die Flüssigkeit auszuleiten.« Er notierte etwas auf der Karteikarte, und auf einmal wurde Lynn ungehalten. Was sollte die Notiz auf einer blöden Karteikarte? Warum hatte er für so etwas keinen Computer?

»Ross, Sie sprachen von – von einer dramatischen Abnahme. Was kann man dagegen tun? Wie lässt sich das rückgängig machen?«

Er sprang vom Schreibtisch auf, trat an ein deckenhohes Bücherregal und kam mit einem braunen keilförmigen Gegenstand zurück. Er machte Platz auf dem Schreibtisch und legte den Gegenstand darauf.

»So sieht die Leber eines Erwachsenen aus. Caitlins ist nur unwesentlich kleiner.«

Lynn schaute das Modell an, wie sie es schon tausendmal getan hatte. Dann zeichnete er auf einen Notizblock etwas, das aussah wie Brokkoli. Er erklärte geduldig, wie die Gallengänge funktionierten, doch als er das Diagramm fertiggestellt hatte, wusste sie nicht mehr darüber als zuvor. Außerdem gab es nur eine Frage, die jetzt wirklich wichtig war.

»Man muss dieses Versagen doch irgendwie rückgängig machen können«, sagte sie, klang aber nicht überzeugend. Es war, als wüssten sie beide, dass sie sechs Jahre wider alle Wahrscheinlichkeit gehofft hatten und nun mit dem Unvermeidlichen konfrontiert wurden.

»Leider ist das, was hier passiert, nicht rückgängig zu machen. Dr. Granger befürchtet, dass uns die Zeit davonläuft.«

»Wie meinen Sie das?«

»Sie hat nicht auf die Medikamente angesprochen, und es gibt nichts, das wir ihr jetzt noch geben könnten.«

»Aber es muss doch etwas geben? Vielleicht eine Dialyse.«

»Die hilft bei Nierenversagen, nicht aber bei Leberversagen. Für die Leber gibt es nichts Vergleichbares.« Er wurde still.

»Warum nicht, Ross?«, fragte sie nach.

»Weil die Funktionen der Leber zu komplex sind. Ich zeichne Ihnen mal einen Querschnitt auf und –«

»Ich will nicht noch ein blödes Diagramm!«, brüllte sie und brach in Tränen aus. »Ich will doch nur, dass es meiner Kleinen bessergeht. Sie müssen doch irgendetwas für sie tun können.« Lynn zog die Nase hoch. »Was passiert denn jetzt, Ross?«

Er biss sich auf die Lippe. »Sie braucht eine Transplantation.«

»Eine Transplantation? Scheiße, sie ist fünfzehn! Fünfzehn!«

Er nickte, sagte aber nichts.

»Ich brülle ja nicht Sie an … es tut mir leid – Ich …« Sie wühlte nach einem Taschentuch und wischte sich die Augen. »Meine Kleine hat schon so viel durchgemacht. Eine Transplantation?«, fragte sie noch einmal. »Ist das wirklich die einzige Möglichkeit?«

»Leider ja.«

»Und sonst?«

»Offen gesagt, sonst wird sie nicht überleben.«

»Wie lange haben wir noch?«

Er hob hilflos die Hände. »Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Wochen? Monate?«

»Höchstens ein paar Monate. Aber falls Caitlins Leber weiterhin in diesem Tempo versagt, dann auch viel weniger.«

Es herrschte langes Schweigen. Lynn schaute in ihren Schoß. Schließlich fragte sie ganz leise: »Ross, ist eine Transplantation riskant?«

»Ich würde lügen, wenn ich nein sagte. Das größte Problem besteht darin, eine passende Leber zu finden. Es gibt einfach zu wenige Spender.«

»Sie hat eine seltene Blutgruppe, nicht wahr?«

Er warf einen Blick in seine Unterlagen. »AB negativ. Ja, das ist selten, etwa 2 Prozent der Bevölkerung haben diese Gruppe.«

»Ist die Blutgruppe wichtig?«

»Ja, aber ich weiß nicht, wie die genauen Kriterien aussehen. Eine Kreuzprobe könnte Aufschluss darüber geben.«

»Was ist mit mir? Könnte ich nicht meine Leber spenden?«

»Eine Teilspende ist denkbar, wenn man einen der Leberlappen verwendet. Aber dazu müssten Ihre Blutgruppen übereinstimmen. Außerdem glaube ich nicht, dass Ihre Leber groß genug ist.«

Er ging einige Karteikarten durch. »Sie haben Blutgruppe A positiv. Ich weiß nicht recht.« Er lächelte düster und hilflos. »Das wird Ihnen Dr. Granger genauer erklären können. Und auch, ob Ihr Diabetes eine Rolle dabei spielt.«

Es machte ihr Angst, dass der Mann, dem sie so vertraute, auf einmal ratlos und verloren wirkte.

»Na toll«, sagte sie bitter. Der Diabetes war ein unwillkommenes Andenken an das Ende ihrer Ehe. Typ 2, später Ausbruch, durch Stress verursacht, wie Dr. Hunter ihr erklärt hatte. Daher hatte sie sich noch nicht einmal mit Fressorgien trösten können. »Caitlin muss also warten, bis jemand stirbt, der die richtige Blutgruppe hat. Ist es das, was Sie mir sagen wollen?«

»Vermutlich schon. Außer es gibt ein Familienmitglied oder einen engen Freund, der als Spender in Frage käme und bereit wäre, einen Teil seiner Leber zur Verfügung zu stellen.«

Lynn sah wieder einen Hoffnungsschimmer. »Wäre das möglich?«

»Die Größe ist ein wichtiger Faktor. Es müsste ein sehr großer Mensch sein.«

Der einzige große Mensch, der ihr spontan einfiel, war Mal. Doch sie verwarf diesen Gedanken sofort wieder, als ihr einfiel, dass Mal sich vor Jahren mit Hepatitis B angesteckt hatte, so dass er als Spender nicht in Frage kam.

Lynn rechnete rasch im Kopf. In Großbritannien lebten 65 Millionen Menschen. Etwa 45 Millionen davon waren Jugendliche und Erwachsene. Also wären zwei Prozent etwa 900000 Menschen. Das war eine Menge. Vermutlich starben jeden Tag Menschen mit der Blutgruppe AB negativ.

»Wir wären in einer Warteschlange, oder? Wie die Geier. Wir müssen warten, bis jemand stirbt. Und wenn Caitlin bei der Vorstellung völlig ausrastet? Sie wissen doch, wie sie ist. Sie meint, man dürfe überhaupt kein Lebewesen töten. Sie bekommt schon zu viel, wenn ich in der Küche eine Fliege erschlage!«

»Ich denke, Sie sollten mit ihr zusammen in die Praxis kommen. Ich kann heute Nachmittag gern mit ihr reden. Vielen Familien hilft es, Organe ihrer Angehörigen zu spenden. So gewinnt deren Tod für sie einen Sinn, einen Wert. Soll ich versuchen, es ihr auf diese Weise zu erklären?«

Lynn umklammerte die Sessellehnen und versuchte, ihr Entsetzen zu unterdrücken. »Ich fasse es nicht, dass ich so denke, Ross. Ich war nie ein gewalttätiger Mensch. Und jetzt sitze ich hier und wünsche mir, dass irgendwo irgendein Fremder stirbt.«

6

DURCH DEN UNFALL staute sich der morgendliche Berufsverkehr in der Coldean Lane schon fast bis zum Fuß der Anhöhe. Links breitete sich die städtische Wohnsiedlung Moulescomb aus, rechts befand sich hinter einer von Bäumen gesäumten Mauer der Stanmer Park, eine der größten Grünflächen der Stadt.

PC Ian Upperton steuerte den BMW vorsichtig am Heck des Busses vorbei, der das Ende der Schlange bildete, bis er die Straße vor sich einsehen konnte. Dann wechselte er auf die Gegenfahrbahn.

PC Tony Omotoso saß schweigend neben ihm und hielt die Autoschlange im Auge, falls jemand ungeduldig werden und so dumm sein sollte, einen Überholversuch zu starten oder zu wenden. Viele Fahrer waren abgelenkt oder hatten die Musik zu laut gestellt, um die Sirene zu hören. Manche fummelten im Rückspiegel an ihrer Frisur herum. Er war angespannt vor Sorge, wie immer, wenn sie auf dem Weg zu einem Verkehrsunfall waren. Man wusste nie, was einen erwartete.

Bei schweren Unfällen verwandelten sich die Autos in tödliche Fallen, spießten oder schlitzten die Insassen auf, zermalmten oder verbrannten sie in ihrem Inneren. Gerade noch fuhr man lässig durch die Gegend, hörte Musik oder quatschte mit dem Beifahrer, und im nächsten Bruchteil einer Sekunde waren Menschen in einem verschlungenen Metallhaufen gefangen, dessen Kanten scharf wie Rasierklingen waren, litten furchtbare Schmerzen, standen unter Schock und waren völlig hilflos. Er hasste Idioten im Straßenverkehr, unfähige und rücksichtslose Fahrer und jene Schwachsinnigen, die sich nicht anschnallten.

Sie erreichten jetzt die Hügelkuppe. Dort befand sich die schwer einsehbare Kreuzung mit der Ditchling Road. Ein blauer Range Rover mit eingeschaltetem Warnblinker bildete den Anfang der Schlange. Ein Stück weiter stand ein altes 3er BMW Cabrio mit offener Fahrertür quer auf der Straße. Der Wagen war leer. Hinter der Tür befand sich eine breite V-förmige Delle, und das Hinterrad war nach innen gedrückt. Die Rückscheibe war zerschmettert. Kurz dahinter stand eine Gruppe Menschen auf der Straße. Mehrere drehten sich um, als der Streifenwagen sich näherte, und traten beiseite.

Durch die Lücke sah Omotoso einen kleinen weißen Ford Lieferwagen. Daneben lag ein Motorradfahrer mit ausgestreckten Armen und Beinen. Unter dem schwarzen Helm sickerte ein rotes Rinnsal hervor und bildete eine Lache auf dem Asphalt. Zwei Männer und eine Frau knieten neben ihm. Ein Mann schien mit ihm zu sprechen. Ein Stück weiter lag ein rotes Motorrad.

»Schon wieder eine Fireblade«, sagte Upperton grimmig, als er abbremste.

Die Honda Fireblade war die klassische Maschine für Biker über vierzig, die zuletzt als Teenager gefahren waren. Jetzt hatten sie genügend Geld, um sich wieder ein Motorrad zu leisten, und wollten natürlich die schnellste Maschine auf der Straße haben, obwohl sie nicht wussten, wie viel schneller und schwieriger in der Handhabung die modernen Motorräder geworden waren. Die Statistik war deprimierend und wurde von den täglichen Erfahrungen der Verkehrspolizei untermauert. Die größte Risikogruppe waren nicht wilde Teenager, sondern Geschäftsleute mittleren Alters.

Als sie anhielten, gab Omotoso über Funk durch, dass sie sich an der Unfallstelle befanden, und erfuhr, dass Krankenwagen und die Feuerwehr unterwegs waren. »Wir brauchen einen Inspektor der Verkehrspolizei, Hotel Tango Drei-Neun-Neun«, sagte er und gab das Rufzeichen für den diensthabenden Inspektor durch. Es schien schlimm zu sein. Selbst von hier aus konnte er erkennen, dass es nicht das hellrote Blut einer oberflächlichen Kopfverletzung war, sondern der dunkle Farbton innerer Blutungen.

Sie stiegen aus und schauten sich an der Unfallstelle um. Tony Omotoso wusste aus Erfahrung, dass man in seinem Beruf niemals voreilig auf den Unfallhergang schließen durfte. Die Schleuderspuren und die Position von Auto und Motorrad deuteten darauf hin, dass der Wagen ausgeschert und frontal mit dem Motorrad zusammengestoßen war. Das Motorrad musste ein hohes Tempo gehabt haben, um solchen Schaden anzurichten und den Wagen ins Schleudern zu bringen.

Das Wichtigste war, andere Straßenteilnehmer nicht zu gefährden. Der Verkehr in beiden Richtungen schien sicher zu stehen. In der Ferne war eine Sirene zu hören.

»Die blöde Kuh ist einfach ausgeschert. Einfach so!«, rief eine Männerstimme. »Er hatte keine Chance!«

Sie rannten zu dem Motorradfahrer, ohne auf den Ruf zu achten. Omotoso drängte sich zwischen den Leuten hindurch und kniete sich hin.

»Er ist bewusstlos«, sagte die Frau.

Das dunkle Visier des Helms war heruntergeklappt. Der Polizeibeamte wusste, dass man ihn so wenig wie möglich bewegen durfte. Ganz behutsam hob er das Visier und berührte das Gesicht des Mannes, drückte die Lippen auseinander und tastete im Mund nach der Zunge.

»Können Sie mich hören, Sir? Können Sie mich hören?«

Hinter ihm fragte Ian Upperton: »Wer ist der Fahrer des BMW?«

Eine Frau kam auf ihn zu, das Handy umklammert, das Gesicht weiß wie ein Laken. Sie war Mitte vierzig und ziemlich aufgetakelt, mit blondiertem Haar, und trug eine pelzbesetzte Jeansjacke, Jeans und Wildlederstiefel.

Sie sprach mit der rauen Stimme einer Kettenraucherin. »Ich«, sagte sie. »Scheiße, oh Scheiße, Scheiße, Scheiße. Ich habe ihn nicht gesehen. Er war so schnell. Ich habe ihn nicht gesehen. Die Straße war frei.« Sie zitterte, stand unter Schock.

Der erfahrene Beamte näherte sich ihrem Gesicht. Er wollte ihren Atem riechen. Er hatte eine gute Nase und merkte oft noch am nächsten Morgen, ob jemand die Nacht durchgefeiert hatte. Möglich, dass da ein Hauch von Alkohol war, aber sie roch vor allem nach Pfefferminzkaugummi und Zigaretten.

»Würden Sie bitte auf den Beifahrersitz meines Wagens kommen? Ich bin gleich da«, sagte er.

»Sie ist einfach ausgeschert!«, sagte ein Mann im Anorak vollkommen fassungslos. »Ich war genau hinter ihm.«

»Bitte geben Sie mir Ihren Namen und Ihre Adresse, Sir«, sagte der Beamte.

»Natürlich. Sie ist einfach ausgeschert. Bedenken Sie, er war ja auch in Bewegung. Ich saß in meinem Range Rover.« Er deutete mit dem Daumen auf den Wagen. »Er ist praktisch an mir vorbeigeflogen.«

Upperton sah den Krankenwagen kommen. »Ich bin gleich wieder da, Sir«, sagte er und eilte hinüber.

Die erste Bewertung der Lage würde darüber entscheiden, wie weiter zu verfahren war. War der Motorradfahrer tot, würden sie die Straße sperren, bis die Spurensicherung ihre Arbeit erledigt hatte. Über Funk forderte er zunächst zwei weitere Einheiten an.

7

DIE ZEIT DER Weihnachtsfeiern hatte in diesem Jahr schon früh begonnen. Um Viertel vor neun an einem Mittwochmorgen saß Detective Superintendent Roy Grace im Büro und pflegte seinen Kater. Normalerweise kam das selten vor, doch in letzter Zeit schienen sich die Kater zu häufen. Vielleicht hatte es etwas mit dem Alter zu tun – im August würde er vierzig. Oder vielleicht …

Was genau?

Eigentlich sollte er sich ruhiger fühlen, das war ihm klar. Zum ersten Mal, seit seine Frau Sandy vor fast zehn Jahren verschwunden war, hatte er eine feste Beziehung zu einer Frau, die er über alles liebte. Vor kurzem hatte man ihn zum Leiter der Abteilung Kapitalverbrechen befördert, und das größte Karrierehindernis in Gestalt von Assistant Chief Constable Alison Vosper, die ihn nie gemocht hatte, zog ans andere Ende des Landes, um dort eine Stelle als Deputy Chief Constable anzutreten.

Warum also wachte er morgens oft mit einem so beschissenen Gefühl auf? Warum trank er plötzlich so hemmungslos?

Hatte es damit zu tun, dass Cleo, die bald dreißig wurde, subtil und manchmal auch weniger subtil darauf hinwies, dass sie eine noch engere Bindung wünschte? Er war praktisch schon zu ihr und Humphrey, dem Mischlingswelpen, gezogen. Er wollte unbedingt mit ihr zusammen sein, und überdies war sein Freund und Kollege Detective Sergeant Glenn Branson, dessen Ehe in Trümmern lag, zu einem ständigen Gast in seinem Haus geworden. So viel ihm dieser Mann auch bedeutete, waren sie doch zu verschieden, um eine WG zu bilden. Es war einfacher, Glenn sich selbst zu überlassen, obwohl Roy die Unordnung, die sein Freund hinterließ, nur schwer ertragen konnte. Am schlimmsten war das Durcheinander, das er in Roys geliebter Schallplatten- und CD-Sammlung anrichtete.

Er trank den zweiten Kaffee an diesem Morgen und schraubte die Mineralwasserflasche auf. Am Vorabend war er beim Weihnachtsessen des Leichenschauhauses von Brighton and Hove gewesen, das in einem chinesischen Restaurant am Yachthafen stattgefunden hatte. Statt vernünftig zu sein und danach ins Bett zu gehen, war er noch mit ein paar Leuten ins Rendezvous-Casino gezogen, wo er mehrere Brandys getrunken hatte. Die verursachten bei ihm den schlimmsten Kater überhaupt. Außerdem hatte er auf die Schnelle fünfzig Pfund beim Roulette und weitere hundert beim Blackjack verloren, bevor Cleo ihn glücklicherweise nach Hause schleppte.

Normalerweise saß er um sieben Uhr morgens am Schreibtisch, war diesmal aber erst vor zehn Minuten eingetroffen. Bisher hatte er nichts geleistet, außer sich Kaffee zu besorgen und in seinen Computer einzuloggen. Am Abend stand die nächste Party an, ein Chief Superintendent namens Jim Wilkinson gab seinen Ausstand.

Er schaute aus dem Fenster auf den Parkplatz und den Supermarkt gegenüber. Dahinter breitete sich die Stadt aus, die er so mochte. Es war ein schöner, frischer Morgen, und die Luft war so klar, dass er in der Ferne den hohen weißen Schornstein des Kraftwerks am Hafen von Shoreham erkennen konnte. Dahinter lag das blaue Band des Ärmelkanals, das ganz in der Ferne mit dem Horizont verschmolz. Er arbeitete erst seit wenigen Monaten in diesem Büro. Vorher hatte er auf das graue Untersuchungsgefängnis geblickt und genoss die Verbesserung noch immer. Aber nicht an diesem Tag.

Entsetzt stellte er fest, dass seine Hände am Kaffeebecher zitterten. Scheiße, wie betrunken war er denn gewesen? Verschwommen erinnerte er sich, dass Cleo gar nichts getrunken hatte und noch gefahren war. Verdammt, er wusste nicht einmal mehr, ob sie Sex gehabt hatten.

Er hätte heute Morgen nicht herkommen sollen. Vermutlich lag er immer noch über der Promillegrenze. Sein Magen rotierte wie ein Betonmischer, und er bezweifelte, ob die beiden gebratenen Eier, die Cleo ihm aufgedrängt hatte, wirklich eine gute Idee gewesen waren. Er fror und zog das Jackett wieder über. Dann überprüfte er im Computer die Meldungen der letzten Nacht. Alle polizeilich gemeldeten Vorfälle in der Stadt wurden hier registriert, es kamen ständig neue hinzu, und die alten wurden aktualisiert.

Unter den schwereren Vergehen waren ein Übergriff auf Homosexuelle in Kemp Town und ein Überfall in der King’s Road. Dann ein Verkehrsunfall in der Coldean Lane, die Meldung war soeben aktualisiert worden. Es hatte eine Kollision zwischen einem Pkw und einem Motorrad gegeben. Die erste Meldung stammte von 8.32 Uhr, um 9.00 Uhr war ein Polizeihubschrauber mit Sanitätern an Bord angefordert worden.

Das klang nicht gut, dachte er, wobei ihn ein leichter Schauer überlief. Er mochte Motorräder, hatte früher selbst eins gefahren, bis er zur Polizei ging und Sandy kennenlernte. Sein ehemaliger Kollege Dave Gaylor, der kürzlich in den Ruhestand gegangen war, hatte sich eine coole schwarze Harley mit roten Rädern gekauft. Nun, da Roy im Zuge seiner Beförderung seinen Dienstwagen frei wählen konnte, war er versucht, den Alfa Romeo, der kürzlich bei einer Verfolgungsjagd schwer gelitten hatte, gegen ein Motorrad einzutauschen. Vorausgesetzt, die Idioten von der Versicherung spuckten etwas aus. Als er Cleo davon erzählt hatte, war sie völlig ausgerastet, obwohl sie selbst gern sportlich fuhr.

Cleo, die als leitende Leichenbeschauerin im städtischen Leichenschauhaus von Brighton and Hove arbeitete, hatte eine ganze Litanei tödlicher Verletzungen heruntergebetet, die sie bei glücklosen Gästen, die Motorradunfällen zum Opfer gefallen waren, erlebt hatte. Und er wusste, dass Motorradfahrer in Medizinerkreisen, in denen schwarzer Humor an der Tagesordnung war, als Organspender auf Rädern bekannt waren.

Dennoch stapelten sich auf seinem gnadenlos überfüllten Schreibtisch Motorradzeitschriften mit Testberichten und Anzeigen für gebrauchte Maschinen.

Neben den Akten, die er in seiner neuen Funktion zu bearbeiten hatte, und den Bergen von Unterlagen zu schwebenden Gerichtsverfahren hatte er auch die Herrschaft über sämtliche ungelösten Fälle der Sussex Police geerbt. Der Kollege, der dafür zuständig gewesen war, hatte sehr plötzlich die Stelle gewechselt. Die Akten lagerten in grünen Plastikkisten und machten den Raum, in dem sich sein Schreibtisch, der kleine runde Besprechungstisch mit den vier Stühlen und die schwarze Einsatztasche befanden, noch enger als üblich.

Die Arbeit an den ungelösten Fällen ging unerträglich langsam voran. Niemand hatte genügend Zeit, sich wirklich darum zu kümmern, außerdem gab es meist auch nichts zu tun. Die Polizei musste auf Fortschritte in der forensischen Wissenschaft wie neue Entwicklungen in der DNA-Analyse hoffen, um neue Verdächtige zu ermitteln, oder abwarten, bis eine Ehefrau, die früher gelogen hatte, um ihren Mann zu schützen, ihre Meinung änderte und gegen ihn aussagte. Allerdings würde sich die Situation bald ändern, da man ihm ein neues Team genehmigt hatte, das alle alten Fälle überprüfen sollte.

Grace hatte ein schlechtes Gewissen, und die Kisten erinnerten ihn daran, dass dies die letzte Gelegenheit war, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfuhr und die Familien einen Schlussstrich ziehen konnten.

Die meisten Fälle kannte er auswendig. In einem ging es um einen schwulen Tierarzt namens Richard Ventnor, den man vor zwölf Jahren erschlagen in seiner Praxis aufgefunden hatte. Tief berührt hatte ihn der Fall von Tommy Lytle, sein ältester Fall. Vor siebenundzwanzig Jahren war der elfjährige Junge an einem Februarnachmittag nicht von der Schule heimgekommen und nie wiedergesehen worden.

Sein Blick wanderte zu den Gerichtsakten. Die Bürokratie des Justizsystems war schier unglaublich. Er trank einen Schluck Wasser und fragte sich, wo er anfangen sollte. Dann lenkte ihn die Liste mit Weihnachtsgeschenken ab, die er gerade zusammenstellte. Er kam aber nur bis zum ersten Gegenstand, den die Eltern seiner neunjährigen Patentochter Jaye Somers vorgeschlagen hatten. Sie wussten, dass er ihr gerne etwas schenkte, was ihn nicht als langweiligen alten Knacker, sondern cool erscheinen ließ. Also schlugen sie ein Paar schwarze Ugg Boots aus Wildleder in Größe drei vor.

Wo bekam man Ugg Boots?

Ein Mensch würde ihm diese Frage definitiv beantworten können. Grace schaute zu einer grünen Kiste, der vierten im Stapel rechts vom Schreibtisch. Der Schuh-Dieb. Ein ungelöster Fall, der ihn seit langem faszinierte. Innerhalb von mehreren Jahren hatte der Schuh-Dieb in Sussex sechs Frauen vergewaltigt und eine von ihnen getötet. Vermutlich war es ein Versehen gewesen, weil er in Panik geraten war, das jedenfalls vermutete die Polizei. Irgendwann hatten die Vorfälle dann aufgehört. Möglicherweise lag es daran, dass sich das letzte Opfer energisch zur Wehr gesetzt und ihm die Maske teilweise heruntergerissen hatte. Nach den Angaben der Frau konnte ein Phantombild angefertigt werden, was den Täter unter Umständen abgeschreckt hatte. Vielleicht war er auch gestorben oder weggezogen.

Drei Jahre zuvor hatte man in Yorkshire einen neunundvierzigjährigen Geschäftsmann verhaftet, der Mitte der achtziger Jahre mehrere Frauen vergewaltigt und danach ihre Schuhe mitgenommen hatte. Eine Zeitlang hatte die Sussex Police gehofft, er könne ihr Mann sein, doch die DNA-Untersuchungen schlossen das aus. Außerdem war die Vorgehensweise der Vergewaltiger ähnlich, aber nicht identisch. James Lloyd aus Yorkshire hatte den Opfern beide Schuhe abgenommen, der Schuh-Dieb aus Sussex hingegen nur einen, und zwar immer den linken, und dazu den Slip.

Natürlich konnten es auch mehr als sechs Frauen gewesen sein. Vergewaltigte Frauen schämten sich oft zu sehr, um mit ihren Aussagen zur Polizei zu gehen. Von allen Verbrechern hasste Grace Pädophile und Vergewaltiger am meisten. Diese Männer zerstörten das Leben ihrer Opfer für immer. Von einem Missbrauch im Kindesalter oder einer Vergewaltigung erholten sich die Opfer nie so ganz. Sie konnten versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, doch das Erlebte würden sie nicht vergessen.

Er war nicht nur zur Polizei gegangen, weil sein Vater Polizist gewesen war, sondern hatte sich auch einen Beruf gewünscht, in dem er dazu beitragen konnte, die Welt ein bisschen besser zu machen. In den letzten Jahren richtete sich angesichts der technischen Entwicklungen sein ganzer Ehrgeiz darauf, die Täter, die sich hinter den Akten in den grünen Kisten verbargen, zur Rechenschaft zu ziehen. Jeden Einzelnen von ihnen. Und ganz oben auf seiner Liste stand der unheimliche Schuh-Dieb.

Eines Tages.

Eines Tages würde sich der Schuh-Dieb wünschen, er wäre nie geboren worden.

8

WIE BETÄUBT VERLIESS Lynn die Arztpraxis. Sie ging zu ihrem klapprigen orangefarbenen Peugeot, an dem eine Radkappe fehlte, öffnete die Tür und stieg ein. Meist ließ sie den Wagen unverschlossen, weil sie – bisher leider vergeblich – hoffte, er werde gestohlen und sie könne Geld von der Versicherung kassieren.

Letztes Jahr hatte man ihr in der Werkstatt gesagt, er werde die nächste Hauptuntersuchung und den Abgastest nur nach aufwendigen Reparaturen bestehen. Diese wiederum würden mehr kosten, als das Auto wert war. Die gefürchtete Untersuchung war in einer Woche fällig.

Mal hätte den Wagen selbst reparieren können, er konnte alles reparieren. Mein Gott, das vermisste sie wirklich. Und jemanden, mit dem sie jetzt reden konnte. Jemanden, der sie unterstützte beim Gespräch mit ihrer Tochter, vor dem sie sich so fürchtete.

Sie holte das Handy aus der Tasche und wählte die Nummer ihrer besten Freundin Sue Shackleton. Sie kämpfte mit den Tränen. Sue war auch geschieden und alleinerziehende Mutter von vier Kindern, vor allem aber war sie ein chronisch fröhlicher Mensch.

Während Lynn mit ihr sprach, kam eine Politesse vorbei, doch sie hatte noch über eine Stunde Parkzeit. Sue reagierte wie immer mitfühlend, aber realistisch.

»Manche Dinge geschehen einfach, Liebes. Ich kenne jemanden, der eine Nierentransplantation hatte, das ist jetzt schon sieben Jahre her, und es geht ihm prima.«

»Ja, aber bei Caitlin ist es anders. Man kann jahrelang mit Dialyse überleben, solange man keine Transplantation bekommt, aber nicht mit Leberversagen. Es gibt keine andere Möglichkeit. Ich habe solche Angst um sie, Sue. Es ist eine sehr schwere Operation, bei der vieles schiefgehen kann. Und Dr. Hunter hat gesagt, er könne den Erfolg nicht garantieren. Ich meine, Scheiße, sie ist erst fünfzehn, um Gottes willen!«

»Und welche Alternative gibt es?«

»Das ist es ja gerade, keine.«

»Dann ist die Entscheidung doch ganz einfach. Soll sie leben oder sterben?«

»Natürlich will ich, dass sie lebt.«

»Dann musst du es akzeptieren und stark und zuversichtlich sein. Um ihretwillen. Wenn sie etwas überhaupt nicht gebrauchen kann, dann eine Mutter, die zusammenbricht.«

Diese Worte hatte sie noch im Ohr, als sie das Gespräch beendete und Sue versprach, später auf einen Kaffee vorbeizukommen. Vorausgesetzt, sie konnte Caitlin allein lassen.

Du musst stark und zuversichtlich sein. Um ihretwillen.

Das war leicht gesagt.

Sie wählte Mals Handynummer, da sie nicht wusste, wo er sich gerade befand. Sein Schiff lag nicht immer an der gleichen Stelle, und er hatte kürzlich von Wales aus im Bristol Channel gearbeitet. Ihre Beziehung war freundschaftlich, wenn auch ein wenig steif und förmlich.

Er meldete sich beim dritten Klingeln, die Verbindung war schlecht.

»Hi, wo bist du gerade?«

»Vor der Küste bei Shoreham. Etwa sechzehn Kilometer außerhalb der Hafenmündung, wir fahren gerade zum Abbaugebiet. In ein paar Minuten bin ich außer Reichweite. Was gibt’s?«

»Ich muss mit dir sprechen. Caitlin geht es schlechter, sie ist sehr krank. Todkrank.«

»Scheiße«, sagte er, wobei seine Stimme leiser und das Knistern in der Leitung lauter wurde. »Erzähl.«

Sie fasste die Diagnose zusammen, da sie wusste, wie schnell das Signal verschwinden konnte. Sie konnte seine Antwort kaum verstehen. In sieben Stunden sei das Schiff zurück, dann wolle er sich wieder melden.

Danach rief sie ihre Mutter an, die zum Kaffeetrinken im Bridgeclub war. Sie war eine starke Frau und schien in den vier Jahren, seit Lynns Vater gestorben war, noch stärker geworden zu sein. Sie hatte ihrer Tochter irgendwann gestanden, dass sie schon seit Jahren nicht mehr gut miteinander ausgekommen waren. Sie war eine praktische Frau, die sich von nichts aus der Ruhe bringen ließ.

»Du solltest eine zweite Meinung einholen«, sagte sie sofort. »Sag Dr. Hunter, du möchtest eine zweite Meinung hören.«

»Ich glaube, das hat wenig Sinn. Dr. Hunter und der Facharzt sind einer Meinung. Es passiert genau das, was wir schon lange befürchtet haben.«

»Trotzdem musst du eine zweite Meinung einholen. Ärzte können sich irren. Sie sind nicht unfehlbar.«

Zögernd versprach Lynn, sich darum zu kümmern. Auf der Heimfahrt zermarterte sie sich das Hirn. Wie viele zweite Meinungen sollte sie denn noch einholen? Sie hatte in den vergangenen Jahren alles versucht, hatte das Internet durchforstet und in allen großen Universitätskliniken der USA nachgefragt. In deutschen Krankenhäusern. In der Schweiz. Sie hatte sämtliche alternativen Behandlungsmethoden und Heiler jeglicher Art ausprobiert. Glaubensheilung, Heilung durch Vibrationen, Fernheilung, Handauflegen, Priester, Pillen aus kolloidalem Silber, Homöopathie, Kräuterheilkunde, Akupunktur.

Sicher, ihre Mutter hatte nicht unrecht. Vielleicht war die Diagnose tatsächlich falsch. Vielleicht wusste ein anderer Spezialist etwas, was Dr. Granger nicht wusste, und konnte eine weniger drastische Behandlung empfehlen. Oder es gab ein neues Medikament. Doch wie lange konnte sie suchen, wenn sich der Zustand ihrer Tochter rapide verschlechterte? Wann musste sie akzeptieren, dass die Schulmedizin in diesem Fall vielleicht den einzigen Ausweg bot?

Als sie in dem kleinen Kreisverkehr von der London Road in die Carden Avenue bog, ertönte ein metallisches Scheppern. Sie schaltete in einen anderen Gang und hörte das bekannte Rumpeln am Auspuff, an dem eine Halterung gebrochen war. Caitlin sagte immer, es sei der Sensenmann, der anklopfe, weil das Auto im Sterben liege.

Ihre Tochter hatte einen makabren Sinn für Humor.

Sie fuhr den Hügel hinauf nach Patcham. Tränen traten ihr in die Augen angesichts der Unermesslichkeit der Situation. Oh, Scheiße. Sie schüttelte fassungslos den Kopf. Nichts, aber auch gar nichts in ihrem Leben hatte sie darauf vorbereitet. Wie sollte sie ihrer Tochter beibringen, dass sie eine neue Leber brauchte? Eine Leber, die man einer Leiche entnommen hatte?

Sie bog in ihre Straße ein und fuhr in die Einfahrt, zog die Handbremse an und schaltete den Motor aus. Wie üblich hustete er, dass der ganze Wagen erbebte und der Auspuff auf den Boden schlug, bevor er verstummte.

Sie bewohnte eine Doppelhaushälfte in einer ruhigen, steil ansteigenden Wohnstraße. Über die Bäume hinweg, hinter denen sich die London Road und die Bahnlinie verbargen, blickte man auf die eleganten Traumhäuser und weitläufigen Gärten an der Withdean Road, die auf der anderen Seite des Tals lagen. In ihrer Straße waren alle Häuser in den 1930er Jahren nach dem gleichen Schema erbaut worden: drei Schlafzimmer, weiche Linien mit einem Hauch von Art déco, der ihr immer gefallen hatte. Sie besaßen kleine Vorgärten, eine Garage und großzügige Grundstücke.

Die Vorbesitzer waren ein älteres Ehepaar gewesen, und als Lynn einzog, hatte sie große Pläne mit dem Haus gehabt. Doch in sieben Jahren hatte sie es sich nicht einmal leisten können, die schäbigen alten Teppiche herauszureißen, ganz zu schweigen davon, Wände zu durchbrechen und den Garten neu zu gestalten. Frische Farbe und neue Tapeten, mehr war nicht drin gewesen. Die düstere Küche roch noch immer nach alten Leuten, trotz aller Bemühungen mit Lufterfrischern und Potpourris.

Eines Tages, hatte sie sich versprochen. Eines Tages.

Dann würde sie sich auch ein kleines Atelier im Garten bauen. Sie malte leidenschaftlich gern Aquarelle von Brighton und feierte erste Erfolge damit.

Sie schloss die Haustür auf und trat in die enge Diele. Sie schaute die Treppe hinauf und fragte sich, ob Caitlin schon aufgestanden war. Von oben war nichts zu hören.

Schweren Herzens ging sie die Treppe hinauf. An Caitlins Zimmertür klebte ein großes, handgeschriebenes Schild mit roten Buchstaben auf weißem Hintergrund: Bitte klopfen. Es hing dort, solange sie denken konnte. Lynn klopfte.

Keine Antwort, wie üblich. Caitlin schlief entweder oder dröhnte sich über Kopfhörer die Ohren zu. Sie ging hinein. Das Zimmer sah aus, als hätte man die Möbel mit einem Bulldozer durchs Fenster gekippt.

Irgendwo inmitten des Durcheinanders aus Kleidung, Kuscheltieren, CDs, DVDs, Schuhen, Make-up, einem überquellenden rosa Papierkorb, einem umgekippten rosa Hocker, Puppen, einem Mobile aus blauen Schmetterlingen, Einkaufstüten von Top Shop, River Island, Monsoon, Abercrombie and Fitch, Gap und Zara und einer Dartscheibe, an der eine violette Federboa hin, befand sich das Bett. Caitlin lag auf der Seite in einer der ungewöhnlichen Positionen, in denen sie zu schlafen pflegte. Sie hatte Arme und Beine angezogen, ein Kissen über dem Kopf, der nackte Po und die Oberschenkel schauten unter der Decke hervor. In ihren Ohren steckten die Stöpsel des iPod, der Fernseher lief. Irgendeine Wiederholung von The Hills.

Sie sah aus wie tot.

Einen furchtbaren Moment lang glaubte Lynn, es könnte wahr sein. Sie stürzte zum Bett, wobei sie sich im Aufladekabel des Handys verfing, und berührte den langen, schlanken Arm ihrer Tochter.

»Ich schlafe«, knurrte Caitlin.

Erleichtert atmete Lynn auf. Durch die Krankheit schlief ihre Tochter sehr unregelmäßig. Sie setzte sich lächelnd auf die Bettkante und streichelte Caitlins Rücken. Mit der kurzen schwarzen Gelfrisur sah sie manchmal aus wie ein Biegepüppchen, dachte sie. Groß, dünn, fast mager, schlaksig. Sie schien biegsame Drähte statt Knochen zu haben.

»Wie fühlst du dich?«

»Es juckt.«

»Möchtest du frühstücken?«, fragte sie hoffnungsvoll.

Caitlin war nicht magersüchtig, aber kurz davor. Sie war von ihrem Gewicht besessen, hasste Nahrungsmittel wie Käse oder Nudeln, die sie als Fettbomben bezeichnete, und stieg ständig auf die Waage.

Caitlin schüttelte den Kopf.

»Ich muss mit dir reden, Liebes.« Sie sah auf die Uhr. Fünf nach zehn. Gestern bei der Arbeit hatte sie gesagt, sie werde später kommen. Gleich musste sie anrufen und sich für den ganzen Tag abmelden. Der Arzt hatte am Nachmittag nur eine winzige Lücke im Terminplan, um mit Caitlin zu sprechen.

»Ich hab zu tun«, knurrte ihre Tochter.

Plötzlich verlor Lynn die Geduld und riss ihr die Stöpsel aus den Ohren. »Es ist wichtig.«

»Reg dich ab, Frau!«

Lynn biss sich auf die Lippe und schwieg einen Moment. Dann sagte sie: »Ich habe für heute Nachmittag einen Termin bei Dr. Hunter. Um halb drei.«

»Du machst mich fertig. Ich bin heute Nachmittag mit Luke verabredet.«

Luke war ihr Freund. Er studierte irgendetwas IT-mäßiges an der University of Brighton, das er ihr nicht verständlich hatte erklären können. Lynn hatte in ihrem Leben viele Idioten kennengelernt, aber Luke war einer der schlimmsten. Caitlin war seit über einem Jahr mit ihm zusammen. In diesem Jahr hatte Lynn ungefähr fünf Wörter aus ihm herausgequetscht und die auch nur mit Mühe. Klar, ja, sicher, irgendwie, so, darauf schien sich sein Vokabular zu beschränken. Allmählich argwöhnte sie, dass beide einander so gut verstanden, weil sie vom selben Stern stammten, der sich ganz am Ende des Universums befand. In irgendeiner beschissenen galaktischen Sackgasse.

Sie küsste ihre Tochter auf die Wange und streichelte zärtlich über ihr steifes Haar. »Wie fühlst du dich heute, mein Engel? Vom Juckreiz mal abgesehen?«

»Ganz okay. Bin müde.«

»Ich war gerade bei Dr. Hunter. Wir müssen darüber reden.«

»Nicht jetzt. Muss relaxen. Okay?«

Lynn saß ganz still da und holte tief Luft, um die Beherrschung nicht zu verlieren. »Liebes, der Termin bei Dr. Hunter ist sehr wichtig. Er will, dass es dir bessergeht. Die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, scheint eine Lebertransplantation zu sein. Darüber möchte er mit dir sprechen.«

Caitlin nickte. »Kann ich jetzt meine Kopfhörer wiederhaben? Das ist eines meiner Lieblingsstücke.«

»Was hörst du gerade?«

»Rihanna.«

»Hast du gehört, was ich gesagt habe, Liebes? Wegen der Lebertransplantation?«

Caitlin zuckte die Achseln und knurrte: »Meinetwegen.«

9

BEI EINEM TEMPO VON bescheidenen zwölf Knoten benötigte die Arco Dee eineinhalb Stunden, um das Abbaugebiet zu erreichen. Diese Zeit verbrachte Malcolm Beckett mit den täglichen Routineüberprüfungen sämtlicher zweiundvierzig Sirenen und Warnleuchten des Schiffes. Er hatte soeben Wartungsarbeiten an den Sirenen im Maschinenraum, dem Kielraum und am Bugstrahlruder durchgeführt und stand jetzt auf der Brücke, um die dazugehörigen Warnleuchten am Instrumentenbrett zu überprüfen.

Trotz des scharf auffrischenden Windes war es ein herrlich sonniger Tag. Die sanfte Dünung machte die Fahrt angenehm. Normalerweise war er an solchen Tagen am liebsten auf See, doch heute hing eine dunkle Wolke über ihm: Caitlin.

Als er mit der Überprüfung fertig war, warf er einen Blick auf den Wetterbericht und stellte fest, dass die Vorhersage für den Tag weiterhin gut war. Die Aussichten für morgen waren Südwestwind der Stärke fünf bis sieben, auf West drehend fünf bis sechs bei mäßiger bis rauer See und gelegentlichen Regenfällen. Weniger erfreulich, aber kein Grund zur Sorge. Die Arco Dee konnte bis zu einer konstanten Windstärke sieben baggern, doch darüber hinaus wurden die Arbeitsbedingungen zu gefährlich. Die Ausrüstung konnte Schaden nehmen, vor allem die Baggerschaufel, die dann fortwährend auf den Meeresboden schlug.

Ursprünglich war das Schiff für die Arbeit in geschützten Flussmündungen gebaut worden, und der flache Rumpf sorgte bei voller Beladung für einen Tiefgang von nur etwas über vier Metern. Das war nützlich, wenn das Schiff in sandigen Häfen wie Shoreham eingesetzt wurde, wo die Hafeneinfahrt bei Ebbe zu flach wurde, um Schiffsverkehr zu erlauben. Die Arco Dee konnte bis zu einer Stunde vor und nach Niedrigwasser den Hafen befahren, doch der Nachteil war, dass es bei schwerem Seegang an Bord ungemütlich wurde. Auf der angenehm warmen, geräumigen Hightech-Brücke herrschte stille Konzentration. Sie befanden sich zehn Seemeilen südöstlich von Brighton und hatten das Abbaugebiet fast erreicht. Gelbe, grüne und blaue Linien bildeten auf einem schwarzen Bildschirm ein Rechteck, das die 260 Quadratkilometer Meeresboden markierte, die die Hanson Group, der Mischkonzern, dem die Baggerflotte gehörte, von der Regierung gepachtet hatte. Das Gebiet war ebenso exakt vermessen wie das Festland, und wenn sie sich darüber hinausbewegten, riskierten sie hohe Bußgelder und den Verlust der Abbaurechte.