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Klaus N. Ehinger Roman John ist von dem uralten Menschheitstraum, in die Zukunft blicken zu können, gefangen. Er verspürt tief in seinem Inneren einen stillen Ruf, eine Berufung, die auf dem Höhepunkt ihrer Erfüllung vom Traum zu einem seine Persönlichkeit spaltenden Albtraum werden sollte. Eine auf zyklische Planetenbewegungen aufbauende und auf das Weltbild Platos zurückgehende Berechnungsmethode würde den von der Menschheit ewig verfolgten Traum, die Zukunft berechnen und vorhersehen zu können, in fantastischer, aber auch zutiefst erschreckender Art und Weise erfüllen, denn John muss erkennen, dass bereits in unmittelbar bevorstehender Zukunft, ab 2013 große Gefahren auf die Menschheit zukommen werden. Schon das Jahr 2008 sollte einen kleinen Vorgeschmack dessen bringen, was dann in unbändiger Grausamkeit droht. Die Erde wird danach verändert sein, die Menschheit in ihrem Streben um Jahrzehnte zurückgeworfen und doch würde sich eine unendlich wohltuende Ruhe ausbreiten, der von Hass getragene Kriegshandlungen und Missachtungen für lange Zeit fremd sein werden.
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Um in die Zukunft zu sehen, musst du rückwärts blicken!
Jede Krise bietet eine Chance
Geordnete und gelenkte Fügung, oder chaotischer Zufall?
Grafisches Abbild des Schicksals
Das Nahtoderlebnis
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Illusion!
Der letzte Prozess
Am Abgrund
Das zweite ICH und der Blick in die Zukunft
Goldener Schlüssel in eine andere Welt
Narbiges Gesicht der Geschichte
2000–2100, was erwartet die Menschheit wirklich?
Der Blick in die Zukunft
Mit Neptun Opposition Medium coeli in seinem Horoskop war John ein Mensch, der sich auf der unendlichen Suche nach dem Traum der Wahrheit befand. Er suchte in dem lichten Nebel, der die Dimension des Verstandes von dem der Träume trennt. Nach der mühevollen Entschlüsselung eines bunten Lebenspuzzles, die schließlich in einer gigantischen, aber auch zutiefst beängstigenden Entdeckung gipfeln sollte, würde er seinen kühnsten und von der gesamten Menschheit stets verherrlichten Traum verwirklichen können, das Zukünftige berechnen und prognostizieren zu können.
Er ahnte nicht, dass auf ihn auch gleichzeitig eine betonschwere, erdrückende Last zukommen und ein Traum zum Albtraum werden würde, der vor seinem inneren Auge einen Film des Schreckens, aber auch mit Lichtblicken versehene Visionen auslösen würde, die sich an dem Scheidepunkt seines Lebens zu einer schizophrenähnlichen Spaltung von Gefühl und Verstand auswachsen sollten, um den gigantischen Druck einer kaum zu ertragenden Bürde verteilen zu können.
Eine weltbeherrschende, führende Vorzeigenation würde beispielsweise, wie auch andere Staaten, stark gefährdet sein, dem wirtschaftlichen Niedergang entgegenzugehen und durch Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Korruption, kriegerische Auseinandersetzungen, Erdbeben und Überflutungen in eine bodenlose Bedeutungslosigkeit abzurutschen.
Eine pervers demokratische Struktur würde die eigenen Teufel entlarven und sich im Sumpf der missbrauchten Freiheit festfahren. Geschwächt und verwundet würde eine Macht zu Boden fallen und schwer wieder aufstehen.
Terroristen und Verbrecher würden schon bald mit unendlich Menschen verachtender, roher Destruktion und Zerstörungswut den Politikern dieser Welt immer einen entscheidenden, kleinen Schritt voraus sein und eine scheinbar stabile Welt in einen hilflosen, Schwindel erregenden Schleuderkurs stürzen.
Selbst die Nachfolge Petri, der heilige Stuhl in der Stadt der Päpste, würde enormen Gefahren entgegengehen und in ihrer historischen Substanz elementar gefährdet sein. Nach außen wunderschön aussehende Larven, eine karnevalsähnliche Verkleidung, würden schon bald fallen und schreckliche, von unmenschlicher Gier zerfressene Fratzen offenbaren. Sie würden sich wieder alle sicher fühlen und in ihren gerade erworbenen Meriten aalen, doch nicht alles, was schön und heil aussieht, würde sich als solcherart entpuppen.
Das folgende Ungleichgewicht und die entstehende Schieflage in der irdischen Machtverteilung und den verfaulten Strukturen der Wirtschaft würden schon bald zu umwälzenden Veränderungen auf dieser Erde führen, begleitet von bislang unvorstellbaren Aggressionen der in ihrer Grundsubstanz aufgewühlten und schwer gekränkten Natur. Menschen würden zu Spielbällen zweifelhafter Machenschaften. Strukturen, geschaffen von teuflisch selbstsüchtigen Individuen, würden wie Kartenhäuser zusammenfallen und mit schonungsloser, brutaler Deutlichkeit marode gewordene Fundamente offenlegen. Nahezu jeder würde betroffen und in seinem Innern erschüttert sein.
Die Erde würde danach anders aussehen, die Menschheit wäre in ihrem Streben um Jahrzehnte zurückgeworfen und doch würde sich eine unendlich wohltuende Ruhe ausbreiten, der von Hass getragene Kriegshandlungen und Missachtungen für lange Zeit fremd sein würden. Die natürliche Schönheit des einfachen Lebens, gereinigt von verkrusteten, schnöden Banden einer rücksichtslos erdrückenden und völlig unbeherrschbar gewordenen teuflischen Gier, würde sich als Silberstreif am Horizont entfalten.
Das herrliche Gefühl des tiefen Luftholens würde sich verbreiten, eine Empfindung, ähnlich wie der seltsam ungewohnte, aber doch einzigartige und unendlich wohltuende Moment, den wahrscheinlich jedes fühlende Wesen bereits erleben durfte. Die Erde würde stillstehen, um einen Moment auszuruhen.
„ Und plötzlich steht die Erde still“
Kein Grashalm, kein Busch, kein Baum bewegt sich, die Vögel haben achtungsvoll und gespannt ihre vielfältigen Rufe eingestellt und scheinen auf den Baumwipfeln erstarrt.
Der Schmetterlingsschlag bewegt die Luft nicht mehr und kein Mensch ist zu sehen, selbst der Wind hält seinen Atem an und auch die Sonne wirkt irgendwie anders, distanziert, abwartend, aber keineswegs unfreundlich oder gar feindlich. Alles ist unwirklich und fremd, so als würde sich das Leben auf etwas Neues, auf etwas Überraschendes und sehnsuchtsvoll Erwartetes einstellen.
Stell dir vor, es fließt kein Öl, kein Gas und auch kein Strom, kein Flugzeug zieht seine Kreise, kein Auto stört die Stille und kein Schiff verlässt den sicheren Hafen.
Eine Szene wie nach einem gigantischen Unwetter, Erdbeben oder gar Krieg, wenn sich alles auf Ruhe, Liebe, Ehrlichkeit und einen Neubeginn gegenseitiger Achtung freut, wenn die Erde zum Stillstand gekommen zu sein scheint und ihren Lauf neu beginnt, nachdem sie durch eine wilde Bewegung einer unendlich guttuenden Befreiung die lästigen und äußerst aufsässigen Parasiten gerade abgeschüttelt hat.
John würde eine Prognosemethode besitzen, die nicht auf visionäre Hirngespinste und dubiose Konstrukte einer Zukunftsdeutung angewiesen sein würde. Nein, er würde die Zukunft klar und deutlich berechnen und in einem eindeutigen Kurvenbild darstellen können, aus deren Verlauf man sich bildhaft ausmalen konnte, was geschehen würde.
Doch noch war John in der Unendlichkeit der im Dunkeln verborgenen Geheimnisse auf der Suche nach seiner Berufung, die er zu diesem Zeitpunkt höchstens erahnen konnte. Er suchte, ohne genau zu wissen was. Jeder Sehende und gut geschulte Kenner der Sterne hätte ihm bei seiner astrologischen Struktur treffsicher und mit großer Bestimmtheit mehrere Berufswechsel prophezeit, was sich dann am Ende aber als nur bedingt richtig herausgestellt hätte. Als Kind nannten ihn seine Eltern einen Träumer. Mit Mondknoten in Haus 10, an der Spitze seines Horoskops, tobte in ihm ein Grundkonflikt zwischen dem Bedürfnis nach Ruhe, Häuslichkeit und Innenkehr einerseits sowie dem Streben nach Ruhm, öffentlicher Anerkennung und dem Erreichenwollen großer Ziele andererseits.
Die tiefe innere Verarbeitung dieser enormen Gegensätze vermittelte nach außen den trügerischen Eindruck eines unentschlossenen Zauderers und Spätzünders.
Er konnte in seinem Zimmer sitzen und beobachtete, anstatt seine Hausaufgaben zu machen, stundenlang die spielerisch aus grauen Wolken tanzenden Schneeflocken und versuchte sie mit einer nie endenden Geduld und Anstrengung zu zählen oder eine gemeinsame Struktur in ihrem Erscheinungsbild zu finden.
Er erblickte mit leuchtenden, träumerischen Augen bei diesem untauglichen Vorhaben obendrein märchenhafte Wesen und verlor sich in dem Spiel der Mächte, das Jetzt und Heute völlig vergessend. Alle Geheimnisse, die zwischen Himmel und Erde verborgen waren, faszinierten und fesselten ihn tief und er war bereit, für ihre Entschlüsselung alle Mühe der Welt auf sich zu nehmen, was sich in seinem Leben auf schicksalhafte und dramatische Weise ausbezahlen sollte.
Was ihm die Schule vermitteln wollte, langweilte ihn tiefgründig und blockierte oft die Entfaltung seiner wirklichen Fähigkeiten und Talente. So war es kein Wunder, dass es seine Eltern nicht sonderlich leicht hatten, bei ihm ihre hochgesteckten Ambitionen zu platzieren, denn sein Vater, der ein angesehener Arzt war, wollte mit seiner strengen, fast unbeugsamen Art natürlich aus John unbedingt ebenfalls einen Akademiker formen und auf keinen Fall einen gesellschaftlichen Rückschritt in den Bereich seiner eigenen Herkunft zulassen.
Johns Vater war als Sohn eines Bauern geboren, von den Eltern, die ihn damit tief trafen und schwer demütigten, abgeschoben und von Verwandten großgezogen worden.
Sein Selbstwertgefühl und seine Persönlichkeit waren deshalb ein Leben auf gesellschaftliche Anerkennung angewiesen und so verwundert es nicht, dass er sich in einem beinah selbstzerstörerischem beruflichen Einsatz insgesamt drei Herzinfarkte einhandelte, allerdings hatte er im Gegenzug auch seinem labil gewachsenen Ego eine scheinbare Selbstsicherheit verleihen können, indem er auf eine äußerst regionalprominente Patientenschar herabblicken durfte.
John hatte so sehr schnell gelernt, allzu großen Respekt vor „hohen Tieren“ gar nicht erst aufkommen zu lassen, denn sie waren krank und leidend wie jeder andere auch, also ganz normale Menschen, obgleich sie ihre Nasen meist höher trugen und ihr Rückgrat etwas steifer war als bei denen, die zu ihnen aufblickten.
Sein Vater war ein guter, ein sehr guter Arzt, mit der Leidenschaft einer schwer gedemütigten, aber auch von großem Ehrgeiz getriebenen Seele, immer im Stande, neue, innovative, überraschende Wege zu gehen, die anderen verschlossen blieben.
Johns Vater hatte gute, aber auch im Dunkeln angesiedelte Werte, die seinem Sohn Wegweiser, aber auch Abschreckung werden sollten. Insgesamt war sein Einfluss auf John äußerst positiv, und in erstaunlicher Weise wegbereitend, ja sogar charakterbildend.
Mit einer seiner mystischen Fähigkeiten erschütterte er Johns undefinierbare innere Sehnsucht nach allem im Nebel Befindlichen in erdbebenähnlicher Art und Weise.
John war angespannt wie ein zum Bersten gedehnter Violinenbogen, als sein Vater ihm zum ersten Mal eine Wünschelrute in die Hände gab. Als sich dann die v-förmige Astgabel aus dem Holz einer Trauerweide auch noch wie von Geisterhand in sich selbst verwand und die Spitze aus einer waagrechten Haltung plötzlich zu Boden zeigte, obgleich John die beiden anderen Enden mit seinen Händen fest umschloss, bis seine Knöchel weiß anliefen, vibrierte jede Nervenfaser unter seiner Haut wie von einem Fieberschub erschüttert.
Er hatte mit aller Kraft, die sein gut durchtrainierter Körper hergab, versucht, genau diesen Ablauf, bei dem er dem Vater insgeheim immer Scharlatanerie unterstellt hatte, zu verhindern, doch er war völlig chancenlos.
Die Astgabel in seinen festen Händen machte, was sie wollte, erfüllt von einem für unmöglich gehaltenen, nicht zu bändigenden Eigenleben.
Wer oder was bewegte dieses eigentlich leblose Ding durch seinen Körper und absolut gegen seinen Willen? Der Ablauf, der beliebig oft wiederholbar und immer an denselben Stellen zu verzeichnen war, hatte John bildhaft und unausweichlich gezeigt, dass es zwischen Himmel und Erde unerklärliche oder aber zumindest schwer begreifbare Dinge gab, die den Menschen in seiner eingebildeten Wichtigkeit und unendlichen Borniertheit, alles beherrschen zu können, stark relativierte.
Diese Erkenntnis beherrschte seine innersten Gefühle sein gesamtes Leben lang und der erregende Bann, in den ihn solche Abläufe zogen, sollte seine Wirkung niemals verlieren, besonders nachdem sich herausgestellt hatte, dass an den Stellen, an denen die Wünschelruten ausschlugen, auch wirklich in einer bestimmten Erdtiefe Wasser zu finden war.
Der Vater hatte bei unzähligen Versuchen festgestellt, dass ganz offensichtlich ein Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und Wasseradern bestand, vor allem, wenn ein Patient längere Zeit auf einem derartigen Spannungsfeld schlief.
Die Veröffentlichung eines Buches über diese für die damalige Zeit äußerst gewagte These wurde ihm von einer mit Konservatismus verseuchten und autoritären Ärztekammer unter Androhung eines Berufsverbotes untersagt.
John wurde auch von dieser unglaublich rigiden Willkürhandlung und realitätsverschlossenen Ignoranz nie mehr losgelassen, denn sie machte ihm schon früh deutlich, wie wichtig es ist, um die Wahrheit zu kämpfen.
Sein sensitver Vater verlor übrigens diese Fähigkeit des Wünschelrutengehens völlig abrupt nach seinem ersten Herzinfarkt.
Johns Mutter, die dem Vater in der täglichen Arbeit helfend zur Seite stand, war von einer erstaunlichen, manchmal sogar erschreckenden Offenheit, die in diversen Situationen auch beleidigend wirken konnte. Diese, im tiefsten Sinn sehr wertvolle und überaus schätzenswerte Eigenschaft sollte auch ein signifikant kennzeichnendes Attribut der Charaktereigenschaften werden, die sich nach und nach in John entwickelten.
Die Mutter war aber auch die in jeder Familie so wichtige „gute Seele“ und feinfühlige Vermittlerin zwischen den Fronten. Allerdings wusste John sehr wohl, dass die Wirkung unumstößlich und wie aus Beton gegossen war, wenn sie sich in gänzlicher Einigkeit voll hinter den Vater stellte.
So unterstützte sie den Vater enthusiastisch in der unumstößlichen akademischen Zielsetzung für den einzigen Sohn voll und ganz, obgleich beide in ihrem Innersten bei den Anlagen, die ihr Sprössling tagtäglich seinem Umfeld bot, äußerst zwiespältige und zweifelnde Gefühle entwickelten.
Doch ihre Beharrlichkeit sollte sich erstaunlicherweise, wenn auch unter Durchschreitung riesiger Höhen und Tiefen, auszahlen, denn John hatte tief in den Windungen seiner Persönlichkeit Anlagen versteckt, die sich erst nach und nach aus dem Umfeld ihrer träumerischen Nachbarschaft befreien und für den Alltag fit machen mussten.
John war zwar ein Träumer, dennoch hatte er auch Saturn und Pluto im Sextil zur Sonne in seinem Horoskop, was ihm bei allem, was er tatsächlich wollte, eine erstaunliche Zielstrebigkeit gab, die sich in diesem frühen Stadium allerdings äußerst selten blicken ließ. Diese seltene Struktur entwickelte sein Wesen nach und nach zu einer außergewöhnlichen Zuverlässigkeit, gepaart mit einem großen, ja sogar machtvollen Durchsetzungsvermögen, was natürlich sein suchendes und träumerisches Wesen relativierte und einen spannungsvollen Gegensatz aufbaute.
Im Zeichen Zwillinge geboren und von Merkur geleitet, war er auch ein schematischer Denker, ein Kopfmensch, der Zusammenhänge, die ihn faszinierten, äußerst schnell erfassen und verarbeiten konnte. Da es allerdings gerade die Zusammenhänge waren, die keinen in seinem Umfeld wirklich interessierten und die keiner erkennen wollte, vor allem unglücklicherweise am wenigsten seine Lehrer, entwickelte sich aus ihm ein eher mittelprächtiger Schüler, in dem Vieles schlummerte, was ungeduldig auf seinen Abruf warten musste.
Er konnte nicht einfach, wie andere Schüler dies trickreich taten, etwas auswendig lernen und danach irgendwann wieder vergessen. Nein, er musste alles völlig neu erfinden, Sinn und Zweck erfassen können, um dem so erlangten Wissen eine bleibende Heimat bieten zu können. Schon früh spürte er, dass diese Persönlichkeitsstrukturen in ihm zu einer Symbiose zusammenwachsen und ihn schlussendlich direkt zum Ziel seiner Träumereien führen würden. Er ahnte, dass sich die undurchsichtigen neptunschen Nebel eines Tages auflösen würden, was ihm trotz der oft problematischen Kommunikation mit seinem Umfeld eine äußerst große Zuversicht und ein erstaunliches Selbstbewusstsein verlieh.
Was er allerdings zu diesem relativ frühen Zeitpunkt seines Lebens nicht erahnen konnte, war, dass er eines Tages auf eine sensationelle Möglichkeit stoßen würde, mit deren Hilfe eine verblüffend genaue und wirklichkeitsnahe Zukunftsvorhersage möglich sein würde.
Kriegsgefahren und Katastrophenneigungen würden ebenso deutlich vorhersehbar sein wie Phasen der Entspannung.
Eine unheimlich faszinierende Möglichkeit, sich auf das Kommende einrichten und entsprechend handeln zu können. Mit diesem Instrument sollte zu gegebener Zeit ein fast fotohaft genaues und packendes, aber gleichzeitig auch sehr erschreckendes Bild der menschlichen Zukunft entstehen. Schon für die unmittelbar bevorstehende Zeit, nämlich für die Phase von 2013–2022 sollte sich aus dem Kurvenbild ein sehr ernster und für die gesamte Menschheit dieses wunderschönen Planeten erhebliches Unheil ankündigender Absturz ergeben, der sogar die tiefen Täler, in die der Erste und Zweite Weltkrieg eingelagert waren, weit übertreffen sollte, allerdings auch mit Lichtblicken und Hoffnungen versehen und nicht gänzlich aussichtslos. John würde lernen, ein System um viele Dimensionen erweitern zu können. Was er dann sehen würde, wäre ein tief in seinem Innern einschlagender Schock. Er würde zu gegebener Zeit, nach monatelanger mit fast manisch betriebener Intensität und einer Sucht nahekommenden akribischen Detailarbeit, ein Bild vor sich haben, das nicht nur in ihm grausame Eindrücke der Vergangenheit wachrufen, sondern auch jedes Härchen an seinem Körper steil in die Höhe schießen lassen würde. Er würde seine Augen weit aufreißen und mit einer schreckerfüllten Mundbewegung
„Vorsicht, Vorsicht, höchste Gefahr!!!!!!!“
in die Welt hinausschreien wollen, obgleich ihn in diesem Moment niemand hören würde.
„Vorsicht, höchste Gefahr, passt auf“
Höchste Gefahr würde ihm ein Kurvenbild zeigen, das er Punkt für Punkt berechnet, weiterentwickelt und analysiert haben würde.
„ Vorsicht, Vorsicht, schaut euch die Bilder haargenau an!!!!!!!!!“
würde seine innere bis aufs äußerste erregte Stimme rufen, ohne in diesem Moment zu wissen, wem diese wirklich zugeordnet werden sollte. John würde zunächst seine gigantische Erregung in den Griff bekommen müssen, bevor er das ganze Ausmaß seiner Entdeckung begreifen würde.
Ein Kurvenausschnitt der Zeitphase, in die der Zweite Weltkrieg ebenso eingelagert war wie auch die Zeit, die ihm vorausging, würde sich vor ihm entfalten, in seinem Gedächtnis geprägt vom Börsensturz des 25. Oktober 1929, der den bis dahin schrecklichsten Ausrutscher der Menschheit, verbunden mit Millionen von unschuldigen Menschenopfern, den Zweiten Weltkrieg, einleitete.
Grafik 1900–2000. Schwerpunkt: 1926–1945
Grafik 2000–2100. Schwerpunkt: 2001–2021
Er würde zusätzlich einen Kurvenausschnitt der Zeit von 2001–2021 mit unübersehbaren und Angst erregenden grafischen Parallelen vor sich ausgebreitet sehen.
„Öffnet euere Sinne und passt auf!!!!!!!“
Zwei völlig verschiedene Kurvenausschnitte mit zeitlich unterschiedlichen Zuordnungen und doch frappierend ähnlichen Strukturen.
„ Um die Zukunft zu sehen, musst du rückwärts blicken!“
Er würde stark beunruhigt in seiner Erinnerung abrufen, dass bei dem ersten Kurvenausschnitt die Auslöser der weltweiten Destabilisierung von Amerika ausgingen.
Der Wiederaufbau Europas nach dem Ersten Weltkrieg, aber auch die fälligen Reparationsverpflichtungen des Deutschen Reichs wurden fast überwiegend durch amerikanische Banken finanziert.
So war die weltwirtschaftliche Situation am Ende der 20er-Jahre durch eine nahezu vollständige Abhängigkeit der europäischen Marktwirtschaften von der in Schleuderkurs geratenen US-Konjunktur gekennzeichnet.
Aufgrund eines seit 1922 anhaltenden steilen Aufschwungs in den USA führten völlig unrealistisch überzogene Gewinnerwartungen im Konsumgüterbereich und in der überhitzten Bauwirtschaft zu Überkapazitäten, ohne dass die tatsächliche Marktlage berücksichtigt wurde.
John wurde es heiß und heißer. Sein Verstand schien verwirrt, denn er wusste nicht mehr so richtig, welcher Zeit er diese Abläufe tatsächlich zuordnen sollte. Die aktuelle Gegenwart schien mit der Vergangenheit auf traumatische Weise zu verschmelzen!!!!
Hatte die Menschheit denn tatsächlich nichts gelernt und würde sich die Vergangenheit wirklich in so einfältiger Prägung wiederholen?!
Als in den USA der Absatz langlebiger Verbrauchsgüter ins Stocken geriet, weil die bezahlten Löhne hinter Unternehmensgewinnen weit zurückblieben und die Bevölkerung kein Geld mehr für Käufe hatte, gaben die Börsenkurse extrem nach. Dies führte innerhalb von wenigen Tagen zu einer Panik, die am 25. Oktober 1929, dem so genannten Schwarzen Freitag, ihren Höhepunkt erreichte und zum totalen Zusammenbruch der New Yorker Börse führte.
Da die Banken nun von überall ihre kurzfristigen Kredite zurückriefen, weitete sich die Krise rasch auf Europa aus. Die einsetzende weltweite Depression hielt für Jahre an und destabilisierte insbesondere die Weimarer Republik.
Überall gingen Banken, Versicherungen und andere elementaren Träger der Wirtschaft in Konkurs und die Arbeitslosigkeit stieg weltweit in absolut katastrophale Dimensionen.
Die Weltwirtschaftskrise bewirkte eine weitgehende Auflösung der brüchig gewordenen Systeme und bereitete mit ihren sozialen Auswirkungen den Boden für das Erstarken radikaler Massenbewegungen, wie z.B. des Nationalsozialismus, vor.
Die Demokratien wurden durch die globale Krise der Wirtschaft nachhaltig geschwächt.
Die Massenarbeitslosigkeit wurde erst um den Preis einer allgemeinen Aufüstung beseitigt, doch das sehr instabil gewordene, vor Aggression und Unzufriedenheit stark schlingernde Erdgefüge wurde in einen gigantischen Weltkrieg gestürzt.
„ Macht euere Augen auf und schärft die Sinne!“
Der nahezu parallel verlaufende Kurvenabsturz für die Zeit von 2001–2021 sollte wiederum seinen unheilvollen Beginn in Amerika nehmen, als Börsenturbulenzen entstanden und ein erstarkter Weltterror, der seinen traurigen Höhepunkt in einem unfassbaren Szenario des blanken Horrors fand, als sich am 11. September 2001 über dem mächtigen Himmel Amerikas ein teuflisches Feuerwerk von zerrissenen Flugzeugteilen und zerfetzten Menschenkörpern entlud.
Was würde folgen?
Es würden sich große Gefahren eröffnen, wenn zuvor führende, von vielen beneidete, aber auch ebenso tief verhasste Staatsgefüge in Unwichtigkeit abgleiten würden. Durch Destabilisierung und Führungslosigkeit würden sie zu stark geschwächten Angriffsflächen kriegerisch gestimmter Geister und zu entblößten Zielen hassender und verblendeter Terrorgruppen werden. Andere, bislang unbedeutende Staatsgefüge könnten erstarken und ungeahnte Bedeutung erlangen!
Europa würde sich fast untrennbar im Sinne einer siamesischen Zwillingsschaft an das schwächende und absinkende Amerika binden und Staaten, wie z.B. Russland, isolieren. Andere Partner mit unvorstellbarem Potenzial könnten die geschmähte Hand dankbar ergreifen und es könnten sich Unheil bringende, unüberwindliche Mauern auftürmen.
„ Vorsicht, passt auf, große Gefahr!!!!“
John würde später in seinem Leben im Stande sein, Genaueres über die Zukunft der Menschen sagen zu können. Er würde die Menschen warnen können, sie aber auch gleichzeitig tief erschrecken.
„ Vorsicht, macht die Augen auf!“
Die Zeit ab 2001, aber ganz besonders das Jahr 2008 würde bereits wesentliche Themenkreise offenbaren, die dann nach 2013 das Erdszenario in bedrohlichem und aus dem Ruder laufendem Ausmaß bestimmen könnten.
Die Warnung 2008 würde zwar heftig, aber noch beherrschbar sein, bevor dann endgültig ab 2013 die riesengroßen Tsunamiwellen über die aufgewühlten Meere, aber auch im übertragenen Sinne über die vom Menschen geschaffene und marode gewordene Weltwirtschaft tosen würden. 2008 könnte die letzte Chance sein, das zu korrigieren und zu retten, was noch zu retten ist. Ja, die Menschheit würde auch zu diesem Zeitpunkt noch einige entscheidende Weichen stellen und den irdischen Zug in stillere Gefilde führen können.
Die Turbulenzen und sich am Himmel 2008 zeigenden dunklen Wolken einer ungewissen Zukunft würden sie bereits wieder verdrängt haben und sich sicher fühlen, wenn dann das Jahr 2013 als Beginn einer neuen gefährlichen und alles auf den Prüfstand stellenden Phase anbrechen würde!
Für John, der zu diesem Zeitpunkt eine derartige Entwicklung seines Lebensweges in dem innersten Geflecht seiner Sinne höchstens in rudimentären Zügen erahnen konnte, war allerdings völlig klar, dass nur derjenige, der lebendige Träume empfinden konnte, in der harten Welt des Alltags die tatsächliche und gottgefügte, im Verborgenen liegende Wahrheit, finden würde.
Dieses scheinbar weltentrückte Gespür entfachte in ihm auf spielerische Art und Weise einen unentrinnbaren Hang für die im Halbschatten vegetierende Sparte der Randwissenschaften, die für ihn voller pulsierenden Lebens und bunter Ideen waren, anders als völlig unbeweglich eingefahrene und verstaubte Lehren hochnäsiger Fachidioten, die vor lauter Selbstgefälligkeit ihren Blick nicht mehr über den Tellerrand hinausrichten konnten.
John interessierte alles ungemein, was mit Leben und Tod sowie den geheimnisumwobenen Zusammenhängen zwischen Himmel und Erde zu tun hat.
So scheint es dann doch ein ironischer Lapsus des Schicksals zu sein, dass eine Laufbahn in einer provozierend realen akademischen Materie folgte, nämlich nach der Schule und Abitur das Studium der Rechtswissenschaften, ein Abschluss als Kriminologe und begleitend Teilstudien in Psychologie, Soziologie und Volkswirtschaft.
Parapsychologie, die das Verborgene entlarvende und Brücken schlagende Wissenschaft nicht erklärbarer Phänomene, zog ihn in dieser Zeit als Ausgleich zur nüchternen Juristerei ganz besonders in ihren Bann, sodass er niemals in Gefahr geriet, vom Muff, der die Talare umgab, gnadenlos erstickt zu werden.
Die Lehre von den okkulten Erscheinungen, zu denen auch die physischen paranormalen Phänomene wie Tele- oder Psychokinese, Materialisation, Spuk und Levitation zählen, ließ ihn nie mehr wirklich los, denn sie kam dem tiefen Gegensatz seiner Persönlichkeit, einerseits von anderen Welten und Dimensionen zu träumen oder sogar an sie zu glauben, anderseits aber auch für ihr tatsächliches Bestehen analytische Beweise zu fordern, voll entgegen, da die Parapsychologie wissenschaftlich versucht, scheinbar unerklärliche Phänomene methodisch und experimentell zu erfassen.
Trotz dieser scheinbar perspektivlosen Integration in die nüchterne Welt des Alltags vergaß er seine lebendigen Träume nie, die ihn auch in dieser Lebensphase zu einem Suchenden machten, der einen Weg fand, ohne ihn tatsächlich sehen zu können. John verschlang neben seinen Studien, Bücher, die mit dem Leben nach dem Tod, mit Sterben und Wiedergeburt, mit dem Göttlichen und Teuflischen, mit dem Mystischen und der Geschichte der Menschheit ebenso zu tun hatten wie mit dem Lauf der Sterne.
Die fast unausweichliche Folge war, dass er dann irgendwann auch bei den schillernden Mythen astronomischer und astrologischer Lehren landete, die den gespenstischen Nebel, der seinen suchenden Verstand umgab, zu gegebener Zeit auf sensationelle, aber auch Angst auslösende Art und Weise lüften sollten.
Er sollte allerdings 56 bunte Jahre alt werden, bis sich der mystische Schlüssel im Schloss der Pforte drehte und sich die Türe in die Welt des Verborgenen öffnete. Die Entdeckung, die er machte, sollte ihn stark verunsichern, denn sie würde ihm Dimensionen und Blicke in die Zukunft eröffnen, die ihn erschreckten und doch nicht mehr losließen.
Er würde plötzlich sehen können, was der Menschheit in unmittelbarer Zukunft droht. Was er bereits, wie viele andere, in seinem Innersten fühlte, würde eine erschreckend deutliche Kontur annehmen. Besonders die Zeit ab dem Jahre 2013 würde in seinen Blickpunkt rücken und ihm Schauer über den Rücken jagen. Schauer der Erregung, aber auch der Furcht.
Doch der Reihe nach!
Bis John an diesem extremen Wendepunkt seines Lebens ankam, waren noch tiefgründige Erfahrungen notwendig, die fortschreitend dazu beitrugen, Licht in das Nebulöse seiner Lebensentwicklung zu bringen.
Versehen mit den Insignien erfolgreich abgeschlossener Studien und der behördlichen Erlaubnis, sich im Stande der Rechtsanwälte etablieren zu dürfen, eröffnete John eine Anwaltskanzlei, die allerdings an diesem schicksalhaften Tag mit der mutmaßlichen Billigung seiner zukünftigen Klientel ruhte, denn er heiratete gleichzeitig seine wunderbare langjährige Freundin Jeanette. Sie war seine absolute Traumfrau und Lichtgestalt. Groß, schlank, intelligent und natürlich auch schön. Was er besonders mochte, waren ihre langen, feinstrukturierten, mit einem seidenartig schimmernden Glanz versehenen, dunklen Haare.
Sie war Lehrerin aus Leidenschaft und unterrichtete auch die kreativsten aller Fächer, nämlich Kunst, sowie Kunstgeschichte an einem Gymnasium. Mit ihrer bunten Fantasie eines durch und durch musischen Wesens brachte sie viel Farbigkeit und positive Energie in sein Leben. Alles war traumhaft schön, bis bei Jeanette nach einem Ehejahr eine schreckliche Entdeckung gemacht wurde. Sie hatte Schilddrüsenkrebs und die Schilddrüsen mussten beidseitig komplett entfernt werden.
Alles änderte sich schlagartig und dramatisch, denn keiner wusste, ob damit Jeanettes bis dahin kurzes Leben zu Ende gehen würde oder ob eine Heilung möglich war.
Jeanette überlebte und besiegte die Krankheit, allerdings zu einem hohen Preis, denn sie musste ihre geliebte Tätigkeit als Lehrerin aufgeben und hatte auf ihrem zukünftigen Lebensweg tiefe Täler zu durchgehen, denn der gesamte Hormonhaushalt musste so gut als möglich künstlich durch nebenwirkungsreiche Medikamente geregelt werden. Sie konnte keine Kinder kriegen und ihr Leben hatte sich schlagartig dramatisch verändert.
Allerdings, und dies ist symptomatisch für das Leben von John, stellte sich diese Erkrankung auch als zunächst nicht erkannte, große, fast einmalige Chance für beide heraus, denn nicht nur die fest eingefahrenen und zur fast unumstößlichen Gewohnheit gewordenen Lebensstrukturen, sondern auch die Einstellung zum Leben änderten sich durch diesen Vorfall tiefgründig.
Es wurde plötzlich und drastisch klar, dass alles Körperliche, alles Materielle vergänglich ist und ein Mensch darauf gefasst sein muss, dass ihm das Wertvollste und Wichtigste im Leben urplötzlich durch rigorose und erbarmungslose Schicksalsfügung genommen werden kann, ohne dass offensichtlich durch das göttliche Schicksal eine faire Gegenwehr zugelassen wird. Es wurde klar, dass ideelle Werte hochrangiger einzuschätzen sind als materielle und jeder Moment im Leben seine tiefe Wichtigkeit besitzt.
In dieser Phase überkam John eine innere, kämpferische Auflehnung, wie sie ihn immer wieder in seinem Leben übermannte, wenn er sich hilflos den ungnädigen Mächten ausgesetzt fühlte und eigentlich nicht wirklich etwas tun konnte.
Jeder Mensch dürfte die unheilvoll zermürbende Verzweiflung der Hilflosigkeit kennen, die erdrückende Albträume aufbaut und bis in die unmittelbare Nähe des Wahnsinns führt. Schon als Schüler und Student hatte er immer wieder das Verlangen, Vorhersagen wagen zu müssen. Er hatte immer das sehr tiefe Bedürfnis, die Zukunft vorausschauen zu können und das Schicksal trickreich zu überlisten, um sich rechtzeitig auf die Höhen und Tiefen, die ihm das Schicksal in seinem Lebensweg bereiten würde, einstellen und einrichten zu können, weil ihm bewusst war, dass die Fügungen so leichter zu ertragen sein würden. Er wollte seine Zukunft ordnen und beherrschen. Er wollte absoluter und souveräner Herr seiner Sterne sein und nicht der Beherrschte. Die Trefferquote seiner intuitiven Prognosen war relativ hoch, ohne dass er tatsächlich begründen konnte, wie die Treffsicherheit zu Stande kam.
Jeanettes Krankheit war jedenfalls unbändiger Anlass für den in ihm zu einem riesigen Verlangen angewachsenen Wunsch, die Zukunft voraussehen zu können. Nicht in der Form einer Spekulation oder irgendeines undurchschaubaren Hokuspokus, sondern im Rahmen einer verlässlichen Struktur, möglichst vorausberechenbar.
Hätte man so die Krankheit voraussehen und früher bekämpfen oder gar vermeiden können? Hätte man seiner über alles geliebten und verehrten Frau diese teuflische Erfahrung und Züchtigung ersparen können? Kann man generell den eigenen Lebensweg selbst und frei bestimmen? Oder ist das irdische Leben ein Determinismus, eine unausweichliche, frustrierende Vorgabe irgendeiner Macht? Wie hängt das göttlich erscheinende System der Sterne und Planeten mit dem oft ungöttlich erscheinenden Geschick der Erde und der Menschen zusammen? Gibt es wirklich Zyklen, die sich in gleicher oder zumindest ähnlicher Weise wiederholen und so Rückschlüsse auf die erbarmungslos ungewisse Zukunft ermöglichen? Fragen über Fragen, die ihn tief im Inneren seines Geistes unablässig bewegten und seine Seele in hitzige, nach Aufklärung lechzende Wallungen versetzten.
Er wusste, dass Prophezeiungen ein uralter Menschheitstraum sind und die Menschen immer schon versuchten in die Zukunft zu schauen und Prophezeiungen aufzustellen. Das Leben verlangte immer schon ständiges Vorausdenken und unsere Handlungen sind in der Regel alle ziel- und erfolgsorientiert, dennoch ist der Ausgang, also das, was auf uns zukommt, meist ungewiss und liegt im Dunkeln. John wusste auch aus täglichen Anschauungen, dass verlässliche Aussagen möglich sind und dass der Mensch das voraussagen kann, was einem bekannten und für uns erkennbaren Zyklus unterliegt. Z.B. wissen wir, wann und wo Sonne und Mond auf - und untergehen, welche Jahreszeiten das Leben begleiten und wie sie normalerweise im Kern verlaufen. Auch können wir ganz sicher voraussagen, dass jedes Lebewesen einmal sterben wird, wobei es mit der Fixierung eines genauen Sterbezeitpunkts schon wieder äußerst problematisch wird.
Wir wissen auch, dass auf das Heute grundsätzlich ein Morgen folgt, doch eben gerade nicht, aus was das Morgen besteht, was es uns bringen wird, obgleich dies elementar wichtig sein könnte. Wir gehen mangels anderer Erkenntnisse einfach davon aus, dass es morgen so weitergeht, wie es gestern Abend geendet hat, und verhalten uns in eingefahrenen, gewohnten Bahnen, gefährlich gewohnheitsgemäß. Die Überraschungen bleiben allerdings oft nicht aus, so wie dies das Schicksal von Jeanette und John drastisch vor Augen geführt hatte.
Diese plötzlich eintretenden Ereignisse zwingen uns zum Reagieren, mitunter ist es allerdings schon zu spät und das Kind in den Brunnen gefallen, sodass wir nur das Wenige retten können, was noch zu retten ist. Wie viel leichter wäre es für unser Handeln, wenn wir klar und deutlich wüssten, was uns erwartet, auch wenn das Wissen manchmal schwerer zu ertragen wäre als das Nichtwissen. Um optimal leistungsfähig zu sein, müssten wir also wissen, was sein wird. Das Leben zwingt uns durch das Nichtwissen ständig, bewusste, oder unbewusste Voraussagen zu machen und eine Wahl zu treffen.
Z.B. kommt es zum Regnen, brauche ich heute Regenkleidung, oder wie verhalte ich mich in einem angesetzten Gespräch mit meinem Chef, wie gehe ich am besten auf seine Forderungen und Wünsche ein, oder was kann er überhaupt von mir wollen usw.?
Fragen über Fragen, gestellt von einer latenten Unsicherheit, die uns ständig begleitet und deren genaue Antworten wir erst kennen, wenn sie bereits in schicksalhafter Weise beantwortet sind. Dann erkennen wir, ob unsere inneren Prognosen richtig oder aber falsch waren.
John war klar, dass dies der eigentliche Grund ist, warum sich die Menschheit seit Urzeiten mit allen möglichen und unmöglichen Methoden über Jahrtausende hinweg unermüdlich bemühte, an irgendwelchen Indikatoren zu erkennen, was auf sie zukommt. Man versuchte Zukunftsinformationen zu erhalten aus Zeichen der Natur oder entstehenden Mustern, z.B. durch die Deutung von Vogelzügen, ihrer Anordnung, ihrer Richtung usw., durch die Beschaffenheit der Eingeweide von Opfertieren, vor allem der Leber, durch Strukturen, die entstehen, wenn man Knochen oder Steine auf die Erde wirft, und viele andere Methoden. Weissagungen durch Orakelauslegung, Interpretation von wahrgenommenen Erscheinungen und Träumen oder die Prophezeiung durch spontane Inspiration waren ebenfalls wichtige Prognosemöglichkeiten.
Als äußerst wichtige Methode, Nostradamus nannte sie die wichtigste aller Prognosearten, entwickelte sich aus der Beobachtung der Sterne die Astronomie und hieraus die Astrologie.
Man erkannte zyklische Abläufe, die sich wiederholten, und begann dogmatisch in empirischer Weise festzuhalten, was bei bestimmten Konstellationen geschieht. Zunächst erfolgte die kontinuierliche Weitergabe erhaltener Erkenntnisse mündlich, dann wurden sie nach und nach konsequent verarbeitet und schriftlich festgehalten, weil es den Menschen klar wurde, wie wichtig es ist, über Generationen gewonnene Erkenntnisse weiterzuverfolgen. Man sah, dass sich Vorfälle unter gewissen Konstellationen wiederholten. Als dies immer wieder geschah, konnte man sich in der Form einer Prognose für das nächste Eintreten einer entsprechenden Anordnung am Himmel einrichten. Erste Ansätze zur Bestimmung von Tagen und Monaten sind bis ins dritte Jahrtausend vor Christus nachweisbar, ging es John durch den Kopf.
Reine Mondphasen wurden sogar schon ca. 6500 v.Chr. systematisch registriert und dargestellt, hatte er erst kürzlich in einem Buch gelesen. Die Himmelsscheibe von Nebra, die ca. 3600 Jahre alt sein dürfte, ist ein sehr eindrückliches Dokument für die Darstellung des Sternenhimmels und stellt die bislang älteste Abbildung für eine früheuropäische Kosmologie dar, war ein weiterer Hinweis in dieser Lektüre gewesen, ebenso, dass die Wiege der nachweisbaren Astrologie Babylon gewesen sein muss.
John war auch bewusst, dass die ältesten schriftlichen Überlieferungen aus Mesopotamien stammen und bereits die Sumerer tiefe astrologische Kenntnisse besaßen, die sie an Chaldäer und Babylonier weitergaben. Auch die Priesterkaste Ägyptens verfügte über ein sehr ausgeprägtes astrologisches Wissen.
Von Ägypten wurde die Astrologie über Griechenland und Rom ins Abendland weitervermittelt. Von den nachweisbaren Anfängen zeugen Keilinschriften aus der Bibliothek Assurbanipals (um 640 v.Chr.) und der noch heute verwendete Tetrabiblos des Ptolemäus (ca. 150 n.Chr). Eines der ältesten erhaltenen Werke stammt von Sargon I und wurde in der Bibliothek des Königs Assurbanipal entdeckt.
Selbst die bekanntesten Philosophen, wie z.B. Plato, Exodus und Aristoteles, sollen sich, wie sich aus der einschlägigen Literatur ergibt, die John in dieser Lebensphase geradezu verschlang, im dritten bis vierten Jahrhundert vor Christus mit den hiermit verbundenen Mythen beschäftigt und wichtige Abhandlungen verfasst haben.
Immer häufiger drängte sich John der Gedanke auf, die klassische Astrologie einmal in seinem Leben von Grund auf zu studieren, denn irgendwie kam er von der Idee nicht los, dass alles miteinander verflochten und das eine vom anderen abhängig sein müsse, denn er hatte sich auch mit dieser Materie bereits intensiv beschäftigt, soweit es seine Freizeit zugelassen hatte. Er war aber leider bis zu diesem Lebensabschnitt über ein autodidaktisch angelegtes Studium der Sternenkonstellationen nicht hinausgekommen, obgleich ihn oft die Ahnung fast erdrückte, dass hier die endgültige Lösung seiner Suche schlummern würde. Warum sollte sich die Menschheit mit diesen fantastischen Abläufen über Jahrtausende hinweg beschäftigt haben, wenn sie nicht fühlte, dass hier in der Unendlichkeit des Alls der Kern alles Wissens zu finden sein könnte?
Ihm war tief bewusst, dass im Mittelalter die Astrologie aus dem Alltag nicht wegzudenken gewesen war und Einfluss auf alle Abläufe im täglichen Leben der Menschen gewann, auch prägte sie stark den Volksglauben. Ihre Blütezeit erlebte sie im 14. bis 17. Jahrhundert und beeinflusste ganz besonders die Medizin, Philosophie und Theologie. Es gab kaum einen anerkannten Arzt, der nicht gleichzeitig auch Astrologe war.
Nostradamus ist wohl der bekannteste. Auch Päpste, wie z.B. Silvester II., Johannes XIX., Julius II., Leo X., Clemens VII. und Paul III., sowie viele weltliche Machtträger gehörten zu den Anhängern der Astrologie. An den Universitäten von Bologna und Padua gab es sogar astrologische Lehrstühle. Wenn diese Einrichtungen auch heute noch beständen, wäre John mit Sicherheit von einem entsprechenden Studium nicht abzuhalten gewesen. So musste er sich mit einschlägiger Literatur begnügen, die doch viele Fragen offenließ.
Vor der Suche nach Mitteln und Wegen, um genaue Prognosen machen zu können, stellte sich im innersten Kern Johns immer wieder die elementare und bohrendste Frage, ob das, was kommt, überhaupt vorhersehbar ist, denn dann müsste alles, was auf uns zukommt, ja bereits feststehen und unausweichlich sein. Andererseits hätten wir dann, wenn alles feststehen würde, keinen entscheidenden Einfluss auf das Geschehen, denn es wäre ja nicht mehr veränderbar.
Er versank in der Zeit, in der Jeanette akut und schwer von ihrer Krankheit getroffen und gepeinigt wurde, immer wieder in eine tiefe und abgekehrte Grübelei, denn die Möglichkeiten, die sich dem Verstand aufdrängten, waren klar und doch geeignet, in ihrer Gegensätzlichkeit den menschlichen Geist an den Abgrund tiefer Verzweiflung, ja sogar des Wahnsinns zu treiben. Er hatte es zumindest geschafft, in seinem Gehirn drei Unterscheidungen zu isolieren und so eine scheinbare Ordnung in ein mystisches System zu bekommen.
Die Theorie, wonach es grundsätzlich eine Vorhersehbarkeit der Zukunft gibt, weil der Zeitablauf von Gott wie ein Dominospiel aufgebaut ist. Wenn der erste Stein fällt, fallen zwangsläufig auch alle weiteren in der vorbestimmten und zeitlich vorgegebenen Reihenfolge. Bei dieser Theorie muss der einsehende Geist von der Unfehlbarkeit Gottes ausgehen, was bedingt, dass das System ohne Abweichungen abläuft. Wenn der Ablauf aber feststeht, ist er auch grundsätzlich voraussehbar, nicht jedoch zu verändern.
Die zweite Theorie, wonach alles der Schwerkraft unterliegt und in diesem Rahmen auch veränderbar ist. Nicht nur die Erde zieht z.B. den Menschen an, sondern, wenn dieser hochspringt, zieht er auch, wenn auch nur in geringem Umfang, die Erde an. Es gibt also Bewegungsspielraum der Veränderbarkeit durch den Einzelnen, was Voraussagen schwer oder gar unmöglich macht.
Zuletzt, wie immer im Leben, eine Mischung aus beidem, wonach zwar der Dominoeffekt abläuft, aber dennoch beeinflussbar ist. Dann wären zwar bestimmte generelle Zyklen vorhersehbar, aber vom Menschen individuell beeinflusste Abänderungen nur bedingt möglich.
John fiel hierbei der berühmte Ausspruch Ciceros ein, der generell von einer göttlichen Vorbestimmung ausging, also auch von einer Vorbestimmung der eigenen Handlungen:
„ Man hat keinen Nutzen davon zu wissen, was notwendig geschehen wird, denn es ist ein Elend, sich vergebens zu quälen.“
Aus diesem deprimierenden Ausspruch, der John immer wieder in eine tiefe Frustration schleuderte, war deutlich erkennbar, welche profunde und tiefe Angst vor der Zukunft im Innern der Menschheit schlummerte. Die Angst, sich zu bemühen und zu quälen und am Schluss doch nichts verändern zu können.
John war allerdings auch deutlich bewusst, wie gegensätzlich über diese Thematik auch in den größten Geistern dieser Welt gedacht und reflektiert wurde, denn Thomas von Aquin (1225–1274), einer der bekanntesten und fähigsten Theologen, Astronomen und Astrologen, sagte beispielsweise zu der Problematik der Vorhersagbarkeit:
„Die Mehrzahl der Menschen folgt den Leidenschaften, den Regungen des sinnlichen Strebensvermögens. Zu diesen Regungen können die Himmelskörper ihren Einfluss beisteuern. Es gibt aber nur wenige Weise, die derartigen Leidenschaften widerstehen. Und darum können die Sterndeuter für die Mehrzahl der Fälle voraussagen, vor allem, wenn sie sich an allgemeine Aussagen halten. Nicht aber im Einzelnen, denn nichts hindert einen Menschen durch freie Selbstbestimmung den Leidenschaften zu widerstehen… Man kann Zukünftiges aus der Beobachtung der Sterne nur in dem einzelnen Falle erkennen, wo das Zukünftige aus den himmlischen Körpern hervorgeht…
Das Voraussagen zukünftiger, natürlicher Ereignisse, die notwendigerweise aus den Gestirnen hervorgehen müssen, ist auch nicht verboten, sondern zulässig. Wenn jemand Ereignisse voraussagt, welche der menschliche Geist voraussehen kann, also Dinge, die notwendigerweise oder in der Mehrzahl der Fälle eintreten, so handelt er nicht als Wahrsager…
Darum sagen auch die Sterndeuter selbst:
„Der Weise steht über den Sternen, sofern er nämlich seine Leidenschaften beherrscht.“
Diese positive Passage konnte John zumindest partiell aus seiner tiefgründigen Frustration herausziehen, denn hier war eine gewisse Zuversicht und Hoffnung erkennbar, da Thomas von Aquin sichtlich und ganz offenkundig davon ausging, dass es einerseits eine Vorbestimmung gibt, die die generellen Linien und Zyklen festlegt, dass aber bei der Ausfüllung dieser Vorgaben durchaus ein Handlungsfreiraum besteht, der uns Menschen, und zwar jedem von uns, mehrere Wege eröffnet. Von Aquin schließt daraus auch, dass eben große und generelle, von Gott vorgegebene Zyklen leichter voraussehbar sind als kleine, auf die der Mensch Einfluss hat. Er geht sogar davon aus, dass weise Menschen, die sich mit der Systematik beschäftigt haben, den Einflüssen der Sterne durch eigenes, vorausschauendes Handeln ausweichen, sie antizipieren bzw. ihnen vorbeugen können.
Also hätte man bei der Erkrankung von Jeanette und allen anderen Schicksalsschlägen doch deren Entwicklung erkennen und positiv beeinflussen können!??
John war bei dem zermürbenden Wirrwarr an Gedanken, die ihm durch den Kopf schwirrten, eines klar: Wenn es eine Prognostik gab, musste sie an dem Wissen und den Erfahrungen der Vergangenheit anknüpfen. Dies zeigten uns die bekannten Naturzyklen. Was wir genau erforscht hatten, konnte uns, zumindest in einem gewissen Umfang, Aufschluss über die Zukunft geben.
„ Um die Zukunft zu sehen, musst du rückwärts blicken!“
steht in der Bibel im Buch Jesaja geschrieben.
John glaubte zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich an die Möglichkeit, die Zukunft voraussehen und so beeinflussen zu können, wie er sich das erwünschte. Die Gedanken waren zwar da und beschäftigten ihn in dieser Zeit ununterbrochen, aber immer noch im Dunkeln des Nebels. In seinem Innersten war dieser Wunsch zwar unverrückbar verankert, doch der reale Weg endete zu diesem Zeitpunkt noch völlig abrupt an einer unüberwindbaren Klippe.
Noch!
Jeanette und John mussten sich unausweichlich der brutalen und ungnädigen Lebenssituation stellen. Das Leben sollte und musste ja irgendwie weitergehen. John, der zu diesem Zeitpunkt nicht nur sein erstes Ehejahr hinter sich hatte, sondern auch ein Jahr als Anwalt tätig war, musste hilflos mit ansehen, wie Jeanette physisch und psychisch litt. Er wird in seinem Leben nie den von unendlicher Traurigkeit geprägten Satz vergessen, dem er sich immer und immer wieder hilflos gegenübersah:
„Ich will doch jetzt noch nicht sterben!“
Mehrere substanzzehrende und das Gleichgewicht eines Menschen spaltende Operationen, Versuche, wirklich Versuche, die fehlenden Schilddrüsen künstlich medikamentös zu ersetzen, die Verzweiflung schürende, völlige Isolation bei der Radium-Jod-Behandlung, tiefe Not und ungnädige Angst, brutale, zerstörerische Ungewissheit, mehrere Zusammenbrüche und schlussendlich Aufgabe ihres geliebten Jobs als Lehrerin, nach mehreren vom Scheitern begleiteten Versuchen, es doch noch zu schaffen.
Hätte es eine Möglichkeit gegeben, dieses unzählige Jahre des Lebens stehlende Desaster zu vermeiden, oder spielt das Schicksal mit uns Tennis, jeden Einzelnen gnadenlos, wie einen Spielball der Mächte, durch die Sphären des Lebens jagend?
Auch das nächste Ereignis in ihrem gemeinsamen Leben war von seltsamer Fügung geprägt und gab ihm bei seiner Einordnung wieder heftig zu denken. Welchen Sinn hatte es, dass Jeanette und John gerade in dieser Zeit, als Jeanette zu Hause mutterseelenallein mit ihrer Krankheit und den tiefgründigen Angstzuständen, denen Körper, Seele und Geist ausgesetzt waren, kämpfen musste, per Zufall und relativ ungewollt zu einer rabenschwarzen Katze kamen. Sie war ca. sechs Wochen alt und wurde von ihnen „Monkey“ genannt, weil sie durch die Wohnung turnte wie ein Affe.
Der kleine agile und überaus lebensfrohe Kater war in dieser schweren Phase Partner, Freund, Hilfe, Therapie, Spielzeug und auch Kindersatz. Er lenkte Jeanette ab und half ihr, die einsame Zeit, bis John von der Arbeit kam, leichter zu überbrücken und das tiefe Leid, das Jeanette immer wieder völlig unvermittelt anflog, zumindest zeitweise zu verdrängen.
Als Jeanette nach der schweren Prüfung durch diese seuchenhafte Abart aller Krankheiten, wieder versuchte zu arbeiten, wurden John und Jeanette so unverhofft, wie er gekommen war, von ihrem noch sehr jungen, aber unbezahlbar wertvollen kleinen Freund wieder verlassen. Ihn ereilte ein für Katzen nicht besonders seltenes, aber für Jeanette und John, so wie wahrscheinlich für jeden anderen Katzenbesitzer, unglaublich unnötiges und tief trauriges Schicksal. Er wurde direkt vor ihrer Wohnung von einem unachtsamen und wahrscheinlich nicht gerade tierliebenden Autofahrer aus seinen noch kaum begonnenen Lebensträumen gerissen.
Mitten in der Finsternis, die einem wunderschönen Tag gefolgt war, hatten sie das Geschenk, das sie in der schwersten Zeit ihres bisherigen Lebens erhalten hatten, in einer verfluchten Lache aus noch frischem Blut gefunden. Ihr kleiner Kater war tot! Noch in der gleichen Nacht wurde er zusammen mit einem nicht enden wollenden Fluss von Tränen im wunderschönen Garten der Schwiegermutter zu Grabe getragen und wieder bohrten die alten und doch immer neuen mystischen Fragen, die sich tagein, tagaus Millionen von Menschen in völlig ausweglosen und unendlich verzweifelten Situationen stellen, ein tiefes scheußliches Loch in die Psyche.
„Geordnete und gelenkte Fügung oder chaotischer Zufall? Wäre dies vermeidbar gewesen und warum trifft es gerade uns und nicht unseren Nachbarn oder irgendjemand anderen?“
Sie mussten auch diesen Schlag mit der Wirkung eines völligen K. o. sämtlicher Sinne überwinden und sich mit der leeren und nicht wirklich zu erfassenden Trostformel betäuben, dass alles seinen Sinn zu haben scheint.
John konnte sich allerdings die in ihm ständig nagende Fragestellung nach der Auswahl, mit der das Schicksal derartige Schläge verteilte, nicht wirklich einsichtig beantworten.
Gott oder wer auch immer die Fäden zog, konnte doch nicht so teuflisch ungerecht und willkürlich sein, dass er einzelne Menschen mehr strafte als andere. Dies alles musste doch irgendeinem verlässlichen und nachvollziehbaren System unterliegen, das die riesigen Differenzen in den Bestrafungen und Geißelungen bestimmter Menschen nachvollziehbar machte.
Hatte es vielleicht damit zu tun, dass jeder sein Schicksal selbst verschuldete oder aber das Positive verdiente? Dies wäre aber nur möglich, wenn es mehrere Leben geben würde, denn wie konnte es sonst z.B. passieren, dass besonders unglückselige Wesen bereits mit fast unerträglich wirkenden negativen körperlichen oder geistigen Bürgschaften auf diese wunderschöne und doch unergründliche Erde geschmissen werden.
Wenn es nur dieses eine, einzige und mitunter lächerliche Dasein geben würde, wäre es ja tatsächlich ein brutal zufälliges und völlig willkürliches, gnadenloses Auswahlverfahren, das die Menschheit mit den unendlichen Differenzierungen einer fast pervers anmutenden Palette von Peinigungen oder aber, im positiven Fall, unverhofften unglaublich wertvollen Wohltaten treffen konnte.
War das alles nur mit den abgedroschenen, lapidar erscheinenden Schlagworten „Pech oder Glück“ zu fassen? Dies konnte und wollte John weder annehmen und schon überhaupt nicht akzeptieren.
Er glaubte zutiefst und unerschütterlich an eine höhere Gerechtigkeit, der das obige Gedankengebilde völlig widersprechen würde. So trieb ihn die Pein, mit der Jeanette belegt worden war und tagtäglich Millionen von Menschen belegt werden, unausweichlich in eine Beschäftigung mit der Materie „Tod und das, was die Menschheit gedanklich aus diesem das gesamte All erfüllenden Wort gemacht hatte“.
Er wusste, dass die Theorie der Reinkarnation, Wiedergeburt, Wiederfleischwerdung auf der Vorstellung einer mehrfachen irdischen Existenz des Menschen basiert bzw. die Idee, dass die menschliche Seele nach dem körperlichen Tod auf dieser Erde oder in anderen Existenzbereichen wieder als empfindendes Wesen geboren wird, seit Urzeiten bei allen Kulturvölkern verbreitet ist.
Teilweise werden diese Vorgänge auch mit Seelenwanderung, Transmigration und anderen Terminologien in Verbindung gebracht, brachte ihm seine Erinnerung an das bereits Gelesene in sein Gedächtnis zurück.
So stellte z.B. Pythagoras Grundsätze der Wiederverkörperung auf, die er Metempsychose nannte. Er stützte sich dabei auf Erfahrungen aus eigenen Rückführungen (Regressionen).
Plato stellte die Theorie auf, dass Leben immer wieder erneuert wird und dass die Lebenden aus den Toten entstehen. Kernpunkt seiner Vorstellung ist allerdings ein rein moralisches Kriterium, wonach das frühere Verhalten die alleinige Ursache der jeweiligen Reinkarnation ist, was der Vermutung Johns, dass jeder Mensch sein Schicksal selbst bestimmt, schon sehr nahe kam.
Die Vorstellungen eines neuen Lebens nach dem Tode ist auch in vielen Kulturen und religiösen Lehren verbreitet. Allerdings ist der Reinkarnationsgedanke im Verhältnis zur Existenz der Menschheit und zur Religionsgeschichte seltsamerweise eine relativ neue Idee. Im Gegensatz hierzu ist der feste Glaube an eine Wiederauferstehung und daran, dass alle Menschen einmal vom Tode wiedererweckt werden, recht alt, ebenso der Gedanke, dass die Menschheit einem Gericht ausgesetzt sein wird.
John wusste bereits aus früheren, noch recht oberflächlichen Studien dieser Thematik, dass die christliche Kirche sich gegen die Inkarnationslehre wandte, nachdem sie diese anfänglich toleriert hatte. Auf dem Konzil von Konstantinopel (533 n.Chr.) und danach auch auf dem Konzil von Braga sprach sie den Bann gegen alle aus, die eine „fabulöse Präexistenz der Seele und eine monströse Restauration ihrer selbst lehrten bzw. davon ausgingen, dass sündige Seelen zur Strafe auf der Erde in menschliche Körper geworfen würden“.
Das Christentum spricht von einer tatsächlichen, körperlichen Wiederauferstehung. Der Auferstehungsglaube geht von einem ewigen Leben als Erlösung und Freiheit aus, wogegen andere Religionen zum Teil ewiges Leben als ewige Verdammnis ansehen. Im Christentum wird Christus als Erlöser angesehen, der gerade diesen ewigen Kreislauf unterbrechen soll. Allen denjenigen, die an ihn glauben, wird ein ewiges Leben versprochen, weg vom ewigen Kreislauf einer nicht endenden Bestrafung durch eine sich immer wiederholende Reinkarnation.
Allerdings fand John auch in christlicher Literatur diverse Hinweise auf den Reinkarnationsgedanken. Hierbei scheint es sich jedoch nach vorhandenen Überlieferungen nicht um einen endlosen Kreislauf zu handeln, sondern um eine begrenzte Möglichkeit oder Chance der Wiedergutmachung.
Z.B. im Thomas-Evangelium. Dort werden folgende Worte Jesu Christi genannt:
„ Heute, wenn ihr euer Ebenbild seht, freut ihr euch. Wenn ihr aber eure Bilder seht, die vor euch geworden sind,… wie viel werdet ihr ertragen?“
Im Evangelium der Pista Sophia finden sich ebenso Stellen wie in vielen anderen Evangelien, die den Schluss zulassen, dass Reinkarnation nicht zwangsläufig sein muss, sondern eine Möglichkeit darstellt, begangene Sünden wieder gutzumachen. So spricht Jesus im oben genannten Evangelium z.B. vom „Kreislauf“ oder von „Kreisläufen der Auswechslung des Körpers“. Hiernach wird der sündige Mensch „wiederum in die Welt zurückgeworfen, übereinstimmend mit der Art der Sünden, die er begangen hat“.
Einen für ihn sehr wichtigen Hinweis fand John im Markus-Evangelium. Dort wird wörtlich Folgendes gesagt:
„… Darauf erschien er in einer anderen Gestalt zweien von ihnen, als sie unterwegs waren und aufs Land gehen wollten."
Im Johannes-Evangelium fand sich folgende weitere Passage:
„… Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war… Als Jesus dann seinen Jüngern erschien, sagte er zu ihnen, Friede sei mit euch. Nach diesen Worten zeigt er ihnen seine Hände und seine Seite.“
Diese Zitate, so überkam es John bei ihrer Lektüre plötzlich, könnten darauf hindeuten, dass Jesus, als er seinen Jüngern erschien, nicht er selbst war, sondern in einem anderen Körper seine Anwesenheit offenbarte.
Im Markus-Evangelium wird ausdrücklich auf eine andere Gestalt hingewiesen und im Johannes-Evangelium erkennt Maria ihn zunächst überhaupt nicht und seinen Jüngern muss er erst die Hände und seine Seite zeigen, wahrscheinlich um so zu beweisen, dass er identisch ist mit dem am Kreuz Geschundenen. Seine Wunden waren auch in einem neuen Körper notwendig, denn er wollte ja tatsächlich zeigen, dass er der „Gekreuzigte“ ist.
John wusste, dass Fachleute dieser Materie annehmen, dass die konservative christliche Kirche viele Dokumente und Hinweise, die den Reinkarnationsgedanken beweisen könnten, vernichtet oder unterdrückt haben musste.
Der Bann durch das Konzil von Konstantinopel konnte wahrscheinlich gerade deshalb verständlicherweise nicht verhindern, dass die größten Denker und viele Religionen die Idee der Wiedergeburt aufrechterhielten, ging es John bei der weiteren Lektüre durch den Kopf.
So geht z.B. der Hinduismus seit ca. 700 v.Chr. ununterbrochen von der Vorstellung aus, dass die menschliche Seele unsterblich sei und nach dem Tod der körperlichen Existenz in einem neu in Erscheinung tretenden Wesen wieder eine körperliche Bleibe finde. Die Form und Qualität der neuen Existenz ist nach dieser Meinung unzertrennlich mit dem in früheren Leben erworbenen Karma verbunden. Aus guter Handlung entsteht Gutes, aus schlechter Handlung entsteht Schlechtes. Entsprechend dem Prinzip von Ursache und Wirkung stellen alle vorausgegangenen Handlungen und Taten die Voraussetzungen für die künftige Wiedergeburt dar. Der Tod ist also nicht der Abschluss des Lebens, sondern lediglich ein Übergang in eine andere, neue Daseinsform unter Beibehaltung des seelischen Wesenskerns. Es handelt sich nach der buddhistischen Meinung um einen Kreislauf bzw. Zyklus, der bis zur endgültigen Erlösung immer und immer wieder durchlaufen werden muss. Die endgültige Erlösung kann durch den Weg des Wissens, den Weg der Tat oder durch den Weg der Gottesliebe erlangt werden.
Im Buddhismus wird nicht von einer Seelenwanderung oder Wiederfleischwerdung ausgegangen, vielmehr wird die Wiedergeburt verstanden als eine Kontinuität der Geistesprozesse und ein Fortleben der beim Tod eines Individuums nicht erloschenen Kräfte. Alles, was der Mensch getan hat, bildet sein Karma. Die Ursache dieser Art von Wiedergeburt liegt im Begehren nach Sinnesbefriedigung sowie im Trieb nach Sein und Verwirklichung und wiederholt sich immer wieder, solange entsprechende Triebkräfte vorhanden sind. Buddha hat gelehrt, dass das gesamte Wirken eines Menschen, ebenso wie das Denken, sich in der Struktur des jeweiligen Individuums niederschlägt und bei einer Reinkarnation die wesentliche Grundlage für ein neues Leben bildet.
So verwunderte es John nicht, dass der Buddhismus, dem innersten Wunsch eines schwer geknechteten Wesens folgend, versucht den Menschen anzuleiten, sich vom „Rad der Wiederverkörperung" zu befreien. Dies kommt ganz deutlich im Totenritual zum Ausdruck, in dem der Mensch im Moment des Sterbens von dem anwesenden Lama angewiesen wird, nicht ins Unbewusste zu versinken, sondern bei klarer Erkenntnis die Schwelle vom Leben zum Tod endgültig zu überschreiten.
Demgegenüber hat sich im tibetischen Buddhismus die Vorstellung einer bewussten Wiedergeburt entwickelt. Im Islam scheint der Gedanke der Wiedergeburt nur bei einer kleinen Minderheit (Drusen) eine elementare Rolle zu spielen.
Auch Theosophie, Anthroposophie, Esoterik, Spiritismus sowie Teile der Naturwissenschaft gehen ebenfalls von modifizierten Formen der Reinkarnation aus.
In den letzten Jahrzehnten hat der Gedanke der Wiedergeburt vor allem durch die Psychologie und Psychotherapie einen enormen Aufschwung erlebt, erkannte John in der Tatsache, dass man heutzutage überall auf Erfahrungen stößt, wonach Menschen in Hypnose in vorgeburtliche Zeiten zurückversetzt wurden und von Wahrnehmungen berichteten, die auf frühere Daseinsperioden hindeuten. Viele Aussagen solcher Rückführungsprotokolle konnten nachträglich verifiziert werden, indem man durch detaillierte Nachforschungen beweisen konnte, dass das von den zurückgeführten Personen Gesagte eindeutig zutraf. Schilderungen von so genannten sphärischen Zwischenphasen, in denen die hypnotisierten Menschen sich zwischen zwei Reinkarnationen zu befinden scheinen, besitzen eine sehr große Ähnlichkeit mit den Schilderungen von Menschen mit Nahtoderlebnissen.
Als ganz besonders beeindruckend empfand John die Tatsache, dass offensichtlich ganz andere Dimensionen oder Parallelwelten erlebt werden, die mit menschlichen Worten kaum zu beschreiben sind, ohne zu ahnen, dass er mit diesem unvorstellbaren Mysterium schon bald eine besonders tief unter die Haut gehende Begegnung haben würde.
Wenn man alle diese Erkenntnisse in eine logische Ordnung und Reihenfolge bringt, durchzuckte es das Denken von John, spricht sehr viel dafür, dass die Theorie der Reinkarnation sehr reale Hintergründe haben könnte.
Allerdings scheinen sich im Kern auch viele Richtungen der Reinkarnationslehre einig zu sein, dass die wiederholte Inkarnation nicht zwingend sein muss, sondern dass es sich hierbei um eine Möglichkeit handelt, begangene Fehler wieder gutzumachen und dadurch endgültig in eine höhere Dimensionen aufsteigen zu können. Anders gesagt: Wer in seinem Leben eine angemessene Perfektion in „Geist und Seele“
