Verlag: Limes Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Und über mir das Meer E-Book

Mary Lynn Bracht  

4.9 (10)
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E-Book-Beschreibung Und über mir das Meer - Mary Lynn Bracht

»Ein tief berührender Stoff über die Grausamkeit des Krieges und die Beharrlichkeit der Liebe.« The Bookseller

Korea, 1943. Hanas Mutter hat sie immer gewarnt: Pass auf deine Schwester auf, und komm den japanischen Soldaten nicht zu nahe. Wie ihre Mutter ist Hana eine Haenyeo, eine der Taucherinnen, die in den Tiefen der See nach den Schätzen des Meeres sucht. Doch dann passiert es doch, während Hana im Wasser ist. Ihre Schwester Emi ist in Gefahr entdeckt zu werden, und Hana kann sie nur retten, indem sie sich selbst opfert. Sie wird von japanischen Soldaten entführt und in ein Bordell des Militärs gebracht. Aber sie wäre nicht eine Haenyeo, wenn sie sich ihrem Schicksal fügen würde.
Südkorea, 2011. Emi hat die letzten sechzig Jahre versucht zu vergessen, welch großes Opfer ihre Schwester für sie gebracht hat. Doch erst als sie sich ihrer Vergangenheit stellt, kann sie beginnen, ihren Frieden zu finden und vielleicht auch zu verzeihen ...



Meinungen über das E-Book Und über mir das Meer - Mary Lynn Bracht

E-Book-Leseprobe Und über mir das Meer - Mary Lynn Bracht

Buch

Hana ist eine Haenyeo, sie gehört zu den weiblichen Tauchern, die auf der koreanischen Insel Jeju leben. Von ihrer Mutter lernte sie zu tauchen, den Atem anzuhalten und Seeigel vom Meeresboden zu schneiden. Jedes Mal, wenn sie zum Luftholen an die Oberfläche kommt, soll sie nach ihrer jüngeren Schwester Emi Ausschau halten, die am Strand bleiben muss. Korea ist nämlich von japanischen Soldaten besetzt, die es auf die Frauen abgesehen haben. Eines Tages taucht Hana, während Emi am Strand spielt. Als sie die Oberfläche erreicht, schaut sie zu ihrer Schwester an der Küste und sieht, wie sich ein japanischer Soldat dem Strand nähert. Außer sich beginnt Hana in Richtung Ufer zu schwimmen und kann gerade noch verhindern, dass ihre Schwester entdeckt wird. Aber ihr Schicksal scheint besiegelt: Hana wird von zwei Soldaten entführt und als »Trostfrau« in ein japanisches Bordell gebracht. Aber eine Haenyeo lässt sich nicht so schnell einfangen …

Fast 70 Jahre später kann sich Emi immer noch nicht damit abfinden, dass ihre Schwester sich damals für sie geopfert hat. Sie hat sie nie wiedergesehen, man hat aber auch vermieden, über diesen Teil der koreanischen Geschichte zu reden. Emi weiß aber, dass sie ihren Frieden so nicht finden wird, und sie macht sich auf, die Wahrheit zu ergründen …

Autorin

Mary Lynn Bracht studierte Creative Writing an der Universität von London. Als amerikanische Autorin mit koreanischen Wurzeln lebt sie in London. Sie wuchs in einer großen Gemeinde voller Frauen auf, die während der Nachkriegszeit in Südkorea groß geworden waren. 2002 besuchte Mary Lynn Bracht das Dorf, in dem ihre Mutter ihre Kindheit verbrachte. Während dieser Reise erfuhr sie unglaubliche Geschichten und hörte zum ersten Mal von den »Trostfrauen«. Und über mir das Meer ist ihr erster Roman.

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Mary Lynn Bracht

Und über mir das Meer

Roman

Deutsch von Elke Link

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »White Chrysanthemum« bei Putnam, G.P. Putnam’s Sons, an imprint of Penguin Random House LLC, New York, und Chatto & Windus, Penguin Random House UK, London.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage

Copyright der Originalausgabe © 2018 by Mary Lynn Ltd

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Limes in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkterstr. 28, 81673 München

Redaktion: Susann Rehlein

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: plainpicture/Cavan Images

NG · Herstellung:

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-20703-8V001www.limes-verlag.de

Für Nico

Prolog

Bald geht die Sonne auf, und die Dämmerung wirft bizarre Schatten auf den Pfad. Hana lenkt sich ab, damit keine Phantasiegestalten nach ihren Fesseln greifen. Sie folgt ihrer Mutter hinunter zum Meer. Ihr Nachthemd flattert in dem sanften Wind. Hinter ihr kommen leise Schritte. Ohne sich umzudrehen, weiß sie, das ist ihr Vater, ihre noch schlafende kleine Schwester auf den Armen. Am Strand werden sie schon von einigen Frauen erwartet. Hana erkennt die Gesichter in der Morgenröte, aber die Schamanin hat sie noch nie gesehen. Die heilige Frau trägt ein traditionelles hanbok-Kleid in Rot und Königsblau und beginnt nun zu tanzen.

Die Versammelten weichen vor ihren wirbelnden Bewegungen zurück und sammeln sich zu einer kleinen Gruppe, fasziniert von der Anmut der Schamanin. Sie singt eine Begrüßung für den Meeresdrachengott, heißt ihn auf ihrer Insel willkommen und lädt ihn ein, durch die Bambustore an die sanften Gestade der Insel Jeju zu kommen. Die Sonne schimmert am Horizont, ein Kreis aus schillerndem Gold. Hana zwinkert, als der neue Tag anbricht. Die Zeremonie ist illegal, die japanische Besatzungsregierung hat sie verboten, aber ihre Mutter hat darauf bestanden, vor Hanas erstem Tauchgang als vollwertige haenyeo ein traditionelles gut-Ritual abzuhalten. Die Schamanin bittet um Schutz und einen reichen Fang. Während die Schamanin ihre Worte stetig wiederholt, stupst Hanas Mutter Hana an der Schulter, und sie verbeugen sich gemeinsam, gehen auf die Knie, so dass sie mit der Stirn den feuchten Sand berühren, auf diese Weise würdigen sie die baldige Ankunft des Meeresdrachengotts. Als sie wieder aufrecht steht, flüstert ihre Schwester ihr verschlafen zu: »Ich will auch tauchen«, und die Sehnsucht in ihrer Stimme rührt Hana an. »Kleine Schwester, du stehst auch bald an dieser Stelle, und dann bin ich an deiner Seite, um dich willkommen zu heißen«, flüstert sie zurück und freut sich auf die Zukunft, die vor ihnen beiden liegt.

Salziges Meerwasser rinnt ihr über die Schläfen, und sie wischt es mit dem Handrücken ab. Jetzt bin ich eine haenyeo, denkt Hana, während sie der Schamanin zusieht, wie sie am Ufer weiße Bänder kreisen lässt. Sie greift nach der kleinen Hand ihrer Schwester. Nebeneinander stehen die beiden da und lauschen den Wellen, die sich am Strand brechen. Das Rauschen des Ozeans ist das einzige Geräusch, als die kleine Gruppe schweigend Hanas Aufnahme in ihre Gemeinschaft anerkennt. Wenn die Sonne ganz über den Meereswellen aufsteigt, wird Hana mit den haenyeo ins tiefe Wasser tauchen und ihren Platz unter den Frauen des Meeres einnehmen. Aber zuerst müssen sie heimlich nach Hause zurückkehren, verborgen vor neugierigen Blicken.

Hana, komm heim. Die Stimme ihrer Schwester klingt ihr laut in den Ohren und ruft sie ruckartig in die Gegenwart zurück, in das Zimmer und zu dem Soldaten, der noch neben ihr auf dem Boden schläft. Die Zeremonie entgleitet in die Dunkelheit. Hana bemüht sich verzweifelt, sie nicht zu verlieren, ein wenig noch will sie verweilen und kneift die Augen zu.

Seit fast zwei Monaten wird sie jetzt gefangen gehalten, aber hier vergeht die Zeit quälend langsam. Sie versucht, nicht an das zurückzudenken, was sie erdulden musste, wozu sie gezwungen wird, was sie ihr zu sein befehlen. Zu Hause war sie jemand anderer, eine andere.

Eine Ewigkeit scheint seither vergangen zu sein, und Hana fühlt sich dem Tod näher als den Erinnerungen an die Heimat. Das Gesicht ihrer Mutter taucht aus dem Wasser auf, Salzwasser auf den Lippen. Bruchstücke von Erinnerungen an einen glücklicheren Ort.

Die Zeremonie mit der Schamanin stand für Kraft und Stärke, wie die Frauen des Meeres sie verkörpern, und mit ihnen Hana. Der Soldat, der neben ihr liegt, bewegt sich. Er wird sie nicht besiegen, das gelobt sie sich. Sie liegt die ganze Nacht wach und stellt sich vor, wie sie entkommt.

Hana

Insel Jeju, Sommer 1943

Hana ist sechzehn und kennt nichts anderes als ein Leben unter Besatzung. Japan annektierte Korea im Jahr 1910. Hana spricht fließend japanisch, in der Schule lernt sie japanische Geschichte und Kultur, und es ist ihr verboten, in ihrer koreanischen Muttersprache zu sprechen, zu lesen oder zu schreiben. In ihrem eigenen Land gilt sie als zweitklassige Bürgerin mit geringeren Rechten, aber das tut ihrem Stolz als Koreanerin keinen Abbruch. Hana und ihre Mutter sind haenyeo, Frauen des Meeres, und sie arbeiten selbstständig. Sie leben in einem kleinen Dorf an der Südküste der Insel Jeju und tauchen in einer Bucht, die von der Hauptstraße zur Stadt nicht einsehbar ist. Hanas Vater ist Fischer. Mit den anderen Männern aus dem Dorf befährt er das Südmeer und meidet dabei die kaiserlichen Fischerboote, die Koreas Küstengewässer plündern, um den Fang dann zurück nach Japan zu bringen. Hana und ihre Mutter haben nur mit japanischen Soldaten zu tun, wenn sie zum Markt gehen, um ihren Fang zu verkaufen. Das verschafft ihnen eine Freiheit, die nicht viele auf der anderen Seite der Insel, nicht einmal auf dem koreanischen Festland hundert Meilen weiter im Norden, genießen dürfen. Die Besatzung ist ein Tabuthema, besonders auf dem Markt. Nur die Tapferen wagen, es anzuschneiden, und selbst dann nur flüsternd und hinter vorgehaltener Hand. Die Dorfbewohner sind die hohen Steuern leid, die erzwungenen »Spenden« für Kriegszwecke und die Entsendung von Männern an die Front, um dort zu kämpfen, und von Kindern, um in japanischen Fabriken zu arbeiten.

Auf Hanas Insel ist das Tauchen Frauenarbeit. Die Frauen kommen körperlich mit den Tiefen des Meeres leichter zurecht als die Männer. Sie können den Atem länger anhalten, tiefer tauchen und ihre Körpertemperatur besser bewahren, und deshalb genießen die Frauen der Insel Jeju seit Jahrhunderten eine seltene Unabhängigkeit. Hana folgte ihrer Mutter schon in frühem Alter ins Meer. Sobald sie das Köpfchen heben konnte, lernte sie schwimmen. Allerdings war sie schon fast elf, als ihre Mutter sie zum ersten Mal mit ins tiefere Wasser nahm und ihr zeigte, wie man Abalonen von Felsen am Meeresgrund abschnitt. In ihrer Aufregung ging Hana früher als erwartet die Luft aus, und sie musste rasch zurück an die Oberfläche. Ihre Lunge brannte. Als sie schließlich auftauchte, atmete sie mehr Wasser als Sauerstoff ein. Prustend, das Kinn kaum über dem Wasser, verlor sie die Orientierung und geriet in Panik. Plötzlich kam eine Welle und begrub sie unter sich, so dass sie noch mehr Wasser schluckte.

Mit einer Hand schob ihre Mutter Hanas Kopf aus dem Wasser. Heftig hustend, schnappte Hana nach Luft. Nase und Hals brannten. Ihre Mutter, die sie sicher im Nacken hielt, redete sanft auf sie ein, bis sie sich wieder erholt hatte.

»Beim Auftauchen musst du immer zum Ufer hinsehen, sonst verlierst du die Orientierung«, sagte ihre Mutter und drehte Hana zum Land hin. Dort saß ihre jüngere Schwester im Sand und passte auf die Eimer mit dem frischen Fang auf. »Halte nach jedem Tauchgang nach deiner Schwester Ausschau. Vergiss das nie. Wenn du sie siehst, bist du in Sicherheit.«

Als Hana wieder normal atmete, ließ ihre Mutter sie los und tauchte mit einer eleganten Rolle vorwärts wieder in den Ozean ein. Hana sah noch ein bisschen länger zu ihrer Schwester hin, ließ den heiteren Anblick, wie das kleine Mädchen am Strand saß und auf die Rückkehr ihrer Familie aus dem Meer wartete, auf sich wirken. Als es ihr wieder richtig gutging, schwamm Hana zur Boje und gab ihre Abalonen zum Fang ihrer Mutter, der sicher in einem Netz verstaut war. Dann machte sie selbst eine Rolle vorwärts und tauchte hinunter in das brummende Innere des Ozeans, auf der Suche nach einem weiteren Meerestier, das sie ihrer Ernte hinzufügen konnte.

Ihre Schwester war noch zu jung, um mit ihnen so weit vom Ufer entfernt zu tauchen. Wenn Hana auftauchte und zum Ufer blickte, jagte ihre Schwester manchmal Möwen nach und fuchtelte wild mit irgendwelchen Stöcken herum.

Hana war schon sieben Jahre alt, als ihre Schwester zur Welt kam. Sie hatte befürchtet, sie würde ihr Leben lang ein Einzelkind bleiben. Von ganzem Herzen hatte sie sich einen jüngeren Bruder oder eine Schwester gewünscht – alle ihre Freundinnen hatten zwei, drei, manche sogar vier Geschwister, mit denen sie jeden Tag spielen und sich die Hausarbeit teilen konnten, während Hana alles alleine erledigen musste. Doch dann wurde ihre Mutter schwanger, und Hanas Vorfreude war so groß, dass sie jedes Mal strahlte, wenn sie einen Blick auf den immer dicker werdenden Bauch erhaschte.

»Heute bist du viel dicker, Mutter, ja?«, fragte sie am Morgen der Geburt ihrer Schwester.

»Ja, ich bin sehr, sehr dick, und unwohl fühle ich mich auch«, antwortete ihre Mutter und kitzelte Hanas Bauch.

Hana ließ sich auf den Rücken fallen und kicherte vor Vergnügen. Sobald sie wieder zu Atem gekommen war, setzte sich Hana neben ihre Mutter und legte ihr die Hand auf den gewölbten Bauch. »Meine Schwester oder mein Bruder müssen doch jetzt fast fertig sein, Mutter?«

»Fast fertig? Das hört sich an, als würde ich Reis in meinem Bauch kochen, du Dummerchen!«

»Nicht Reis, aber meine neue Schwester … oder meinen Bruder«, fügte Hana rasch hinzu und spürte einen zaghaften Tritt gegen ihre Hand. »Wann kommt sie oder er heraus?«

»Vor mir sitzt eine sehr ungeduldige Tochter.« Belustigt schüttelte ihre Mutter den Kopf. »Was hättest du denn lieber, eine Schwester oder einen Bruder?«

Hana wusste, die korrekte Antwort würde »einen Bruder« lauten, damit ihr Vater einen Sohn hätte, an den er sein Wissen über das Fischen weitergeben könnte, aber im Geiste antwortete sie anders. Hoffentlich bekommst du eine Tochter, damit sie eines Tages mit mir im Meer schwimmen kann.

An diesem Abend setzten bei ihrer Mutter die Wehen ein, und als sie Hana ihre kleine Schwester zeigten, konnte sie, sosehr sie sich auch bemühte, enttäuscht zu sein, ihr Glück nicht verbergen. Sie lächelte strahlend, und doch bemühte sie sich mit aller Macht, so zu klingen, als wäre sie enttäuscht.

»Es tut mir leid, dass es kein Sohn ist, Mutter, wirklich.« Hana schüttelte in gespielter Trauer den Kopf.

Dann wandte sie sich ihrem Vater zu und zog ihn am Ärmel. Er beugte sich herunter, und sie legte ihm die Hände um das Ohr.

»Ich muss dir etwas gestehen, Vater. Es tut mir sehr leid für dich, dass es kein Sohn ist, dem du das Fischen beibringen kannst, aber …« Sie holte tief Luft, bevor sie den Satz beendete. »Aber ich freue mich, dass ich eine Schwester habe, mit der ich schwimmen kann.«

»Wirklich?«, fragte er.

»Ja, aber sag es Mutter nicht.«

Mit ihren sieben Jahren beherrschte Hana die Kunst des Flüsterns noch nicht, daher gab es leises Gelächter unter den engsten Freunden ihrer Eltern. Hana wurde still. Ihre Ohren glühten. Sie versteckte sich hinter ihrem Vater und blickte unter seinem Arm hindurch, um zu sehen, ob ihre Mutter es auch gehört hatte. Ihre Mutter sah ihre älteste Tochter an, dann schaute sie hinab auf den hungrigen Säugling, der an ihrer Brust saugte, und flüsterte ihrer jüngsten Tochter etwas zu, gerade so laut, dass Hana es auch hören konnte.

»Du bist die meistgeliebte kleine Schwester auf der ganzen Insel Jeju. Weißt du das? Niemand wird dich jemals mehr lieben als deine große Schwester.« Sie blickte zu Hana hin und bedeutete ihr, an ihre Seite zu kommen. Die Erwachsenen in dem Raum verstummten, als sich Hana neben ihre Mutter kniete. »Du bist jetzt ihre Beschützerin, Hana«, sagte die Mutter ernst.

Hana betrachtete ihr winziges Schwesterchen. Sie streckte die Hand aus, um den schwarzen Haarflaum zu streicheln, der ihr auf dem Kopf wuchs.

»Sie ist ja ganz weich«, staunte Hana.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe? Du bist jetzt eine große Schwester, und das bringt Verpflichtungen mit sich. Zuallererst bist du ihre Beschützerin. Ich werde nicht immer da sein können. Wir leben vom Tauchen im Meer, wir müssen regelmäßig zum Markt, deshalb wirst von jetzt an du auf deine kleine Schwester aufpassen müssen, wenn ich es nicht kann. Kann ich mich auf dich verlassen?«, fragte ihre Mutter ernst.

Hana zog die Hand sofort zurück. Sie neigte den Kopf und antwortete gehorsam: »Ja, Mutter, ich werde auf sie aufpassen. Das verspreche ich.«

»Ein Versprechen gilt für immer, Hana. Vergiss das nie.«

»Ich werde daran denken, Mutter, immer.« Hanas Blick ruhte auf dem friedlichen Gesicht ihrer schlafenden kleinen Schwester. Dem Baby tropfte etwas Milch aus dem Mundwinkel, und ihre Mutter wischte sie mit dem Daumen ab.

Während die Jahre vergingen und Hana anfing, mit ihrer Mutter im tieferen Wasser zu tauchen, gewöhnte sie sich daran, ihre Schwester in der Ferne zu sehen, das Mädchen, mit dem sie nachts unter einer Decke schlief und das alberne Geschichten in die Dunkelheit flüsterte, bis schließlich der Schlaf kam. Das Mädchen, das über wirklich alles lachte, sie hatte ein Lachen, das jeden ansteckte. Sie wurde Hanas Anker, der sie mit dem Ufer und mit dem Leben verband.

Hana weiß, ihre Schwester zu beschützen, bedeutet, sie von japanischen Soldaten fernzuhalten. Das hat ihr die Mutter eingebläut: Sie dürfen euch niemals zu Gesicht bekommen! Und lass dich vor allem nicht alleine von einem erwischen! Die warnenden Worte ihrer Mutter sind von einer ahnungsvollen Angst erfüllt, und Hana hat mit sechzehn Jahren das Gefühl, sie hatte Glück, dass es bisher nie dazu kam. Doch an einem heißen Sommertag ändert sich das.

Es ist später Nachmittag. Die anderen Taucherinnen sind längst zum Markt gegangen, als Hana Korporal Morimoto zum ersten Mal sieht. Ihre Mutter wollte noch ein zusätzliches Netz für eine erkrankte Freundin füllen, die an diesem Tag nicht tauchen konnte. Ihre Mutter ist immer die Erste, die Hilfe anbietet. Hana taucht auf, um Luft zu holen, und blickt zum Ufer. Ihre Schwester hockt auf dem Sand und hält sich schützend die Hand vor die Augen, um nach Hana und ihrer Mutter Ausschau zu halten. Mit neun Jahren ist sie jetzt alt genug, um alleine am Ufer zu bleiben, aber noch zu jung, um mit Hana und ihrer Mutter ins tiefere Wasser zu schwimmen. Sie ist klein für ihr Alter und noch keine kräftige Schwimmerin.

Hana hat eine große Meeresschnecke gefunden und will gerade freudig ihre Schwester rufen, da bemerkt sie einen Mann, der Richtung Strand geht. Sie bewegt die Beine, um etwas höher zu steigen und ihn deutlicher sehen zu können. Der Mann ist ein japanischer Soldat. Ihr Magen verkrampft sich sofort. Warum ist er hier? Normalerweise entfernen sie sich nie so weit vom Dorf. Sie sucht den Strand innerhalb der Bucht nach anderen Soldaten ab, doch er ist allein. Er geht direkt auf ihre Schwester zu.

Ein Felsvorsprung schützt ihre Schwester vor seinem Blick, aber nicht mehr lange. Wenn er weiter in diese Richtung geht, wird er unweigerlich auf sie stoßen und sie mitnehmen – sie in eine Fabrik nach Japan bringen, wie die anderen jungen Mädchen, die aus dem Dorf verschwinden. Ihre Schwester ist nicht kräftig genug, um die Arbeit in einer Fabrik oder die brutalen Bedingungen, unter denen sie dort leben müssen, zu überstehen. Sie ist zu jung und wird zu sehr geliebt, um von hier weggeholt zu werden.

Hana sucht den Horizont nach ihrer Mutter ab, aber sie ist noch unter Wasser, sieht den japanischen Soldaten nicht. Sie hat keine Zeit zu warten, bis ihre Mutter wieder auftaucht, und selbst wenn sie es jetzt täte, wäre ihre Mutter zu weit weg. Sie jagt am Rand des Riffs, wo es in ein gewaltiges Nichts abfällt und meilenweit kein Meeresboden sichtbar ist. Es ist Hanas Aufgabe, ihre kleine Schwester zu beschützen. Das hat sie ihrer Mutter versprochen.

Hana taucht unter die Wellen, schwimmt mit voller Kraft in Richtung Strand. Sie kann nur hoffen, vor dem Soldaten bei ihrer Schwester zu sein. Wenn sie ihn lange genug ablenken kann, gelingt es ihrer Schwester vielleicht, zu entkommen und sich in der nahe gelegenen Bucht zu verstecken, und dann kann Hana ins Meer fliehen. Er würde ihr doch sicherlich nicht ins Wasser folgen?

Die Strömung drückt gegen sie, als würde sie Hana unbedingt zurück aufs Meer hinausschieben wollen, in Sicherheit. Panisch durchbricht sie die Wasseroberfläche, holt tief Luft und wirft dabei einen kurzen Blick auf das Fortkommen des Soldaten. Er geht immer noch auf den Felsvorsprung zu.

Nun schwimmt sie oberhalb der Wellen. Zwar ist ihr bewusst, dass sie sich zeigt, aber sie will nicht zu lange unter Wasser bleiben, aus Angst, nicht mitzubekommen, wie sich der Soldat weiterbewegt. Hana hat die halbe Strecke zu ihrer Schwester zurückgelegt, da bleibt er stehen. Er sucht irgendetwas in der Tasche. Sie taucht wieder mit dem Kopf ins Wasser ein und schwimmt schneller. Als sie das nächste Mal Luft holt, zündet er sich gerade eine Zigarette an. Bei jedem weiteren Atemzug ist er ein klein wenig weiter vorangekommen. Er bläst eine Rauchwolke aus, zieht an der Zigarette, atmet aus, jedes Mal, wenn sie den Kopf hebt, bis zum letzten Atemzug, als er auf das Meer hinausblickt und Hana bemerkt, die schnell auf ihn zu schwimmt.

Sie ist nur noch zehn Meter vom Ufer entfernt und hofft, er kann von seinem Standpunkt aus nicht ihre kleine Schwester sehen. Sie ist noch hinter den Felsen verborgen, aber nicht mehr lange. Ihre kleinen Hände liegen auf dem groben Sand, und sie möchte sich gerade abstützen, um sich aufzurichten. Hana kann ihr nicht zurufen, unten zu bleiben. Sie schwimmt schneller.

Hana taucht unter die Oberfläche, schiebt mit jedem Schwimmzug das Wasser weg, bis ihre Hände den sandigen Untergrund berühren. Dann richtet sie sich abrupt auf und rennt die letzten Meter durch das seichte Wasser. Falls er ihr etwas zugerufen hat, während sie zu dem Felsvorsprung rennt, hat sie es nicht gehört. Das Herz hämmert ihr in den Ohren und übertönt alles. Es fühlt sich an, als wäre sie bei ihrem Sprint ans Ufer um die halbe Welt gerannt, aber sie darf noch nicht stehenbleiben. Ihre Füße fliegen über den Sand auf ihre Schwester zu, die sie nichtsahnend anlächelt und sich anschickt, Hana zu begrüßen. Bevor sie jedoch ein Wort sagen kann, stürzt Hana sich auf sie, packt sie an den Schultern und wirft sie auf den Boden.

Sie hält ihrer Schwester mit der Hand den Mund zu, damit sie nicht aufschreit. Als sie Hanas Gesicht über sich sieht, weiß sie, sie muss still sein. Hana drückt ihre Schwester in den Sand. Am liebsten würde Hana sie eingraben, um sie vor dem Soldaten zu verbergen, aber sie hat keine Zeit.

»Wo bist du hin?«, ruft der Soldat zu Hana hinunter. Er steht auf einem niedrigen Felsvorsprung mit Blick über den Strand. Von der Kante aus könnte er hinuntersehen und würde sie beide unterhalb von sich entdecken. »Hat sich die Meerjungfrau in ein Mädchen verwandelt?«

Seine Stiefel knirschen auf den Steinen über ihnen. Der zitternde Körper ihrer Schwester fühlt sich zerbrechlich an. Ihre Angst ist ansteckend, und auch Hana fängt an zu zittern. Ihr wird klar, dass es keine Fluchtmöglichkeit für ihre Schwester gibt. Von seinem Standpunkt aus kann er in alle Richtungen sehen. Sie werden beide ins Meer fliehen müssen, aber ihre Schwester kann nicht lange schwimmen. Hana kann stundenlang im tiefen Wasser bleiben, aber ihre kleine Schwester wird ertrinken, wenn der Soldat beschließt auszuharren. Sie hat keinen Plan. Sie kann nicht weg.

Langsam löst sie die Hand vom Mund ihrer Schwester und blickt ihr ein letztes Mal ins Gesicht, bevor sie aufsteht. Er hat stechende Augen, und sie spürt seinen Blick, der über ihren Körper wandert.

»Kein Mädchen, sondern eine erwachsene Frau.« Er lacht tief und grollend.

Er trägt eine beigefarbene Uniform, Kampfstiefel und eine Kappe. Seine Augen sind schwarz wie der Felsvorsprung unter seinen Füßen. Hana ist vom Schwimmen noch außer Atem, und jedes Mal, wenn sie nach Luft schnappt, wirft er einen Blick auf ihre Brust. Ihr weißes Tauchhemd aus Baumwolle ist dünn, und sie bedeckt sich rasch die Brüste mit ihren Haaren. Aus der kurzen Baumwollhose rinnt Wasser an ihren zitternden Beinen hinunter.

»Was versteckst du denn da vor mir?«, fragt er und versucht, über die Kante des Felsens zu sehen.

»Nichts«, antwortet Hana rasch. Sie tritt von ihrer Schwester weg, so dass sein Blick ihr folgt. »Es ist nur … ein besonderer Fang. Ich wollte nicht, dass Sie denken, er gehört niemandem. Das ist nämlich meiner.« Sie zieht einen der Eimer auf den Felsvorsprung und lockt den Soldaten von der Stelle weg, wo ihre Schwester liegt.

Er interessiert sich nicht für den Eimer sondern nur für Hana. Nachdem er sie lange gemustert hat, blickt er hinaus aufs Meer und über den Strand.

»Warum bist du noch da? Die anderen Taucherinnen sind doch schon auf dem Markt.«

»Meine Freundin ist krank, deshalb fange ich etwas für sie mit, damit sie nicht hungern muss.« Das ist eine Halbwahrheit und kommt ihr leicht über die Lippen.

Er sieht sich um, als würde er nach Zeugen suchen. Hana hält Ausschau nach der Boje ihrer Mutter, aber sie entdeckt sie nicht. Ihre Mutter hat den Soldaten immer noch nicht gesehen, ihr ist noch nicht einmal aufgefallen, dass Hana nicht mehr da ist. Hana macht sich langsam Sorgen, ob ihre Mutter etwa in der Tiefe Probleme bekommen hat. Zu vieles schießt ihr durch den Kopf. Der Soldat betrachtet nun noch einmal die Felskante, als würde er die Anwesenheit ihrer Schwester unter sich spüren. Hana überlegt fieberhaft.

»Ich kann sie Ihnen verkaufen, wenn Sie Hunger haben. Vielleicht können Sie Ihren Freunden welche mitbringen.«

Er wirkt nicht überzeugt, deshalb versucht sie, den Eimer näher zu ihm zu schieben. Meerwasser schwappt über den Rand, und er tritt zur Seite, damit seine Stiefel nicht nass werden.

»Entschuldigung«, sagt sie rasch und hält den Eimer ruhig.

»Wo ist deine Familie?«, fragt er plötzlich.

Seine Frage trifft sie unvorbereitet. Sie blickt aufs Wasser hinaus und sieht den Kopf ihrer Mutter unter einer Welle durchtauchen. Das Boot ihres Vaters ist weit draußen auf dem Meer. Sie und ihre Schwester sind allein mit diesem Soldaten. Sie wendet sich gerade zu ihm um, als sie zwei weitere Soldaten sieht. Sie kommen auf sie zu.

Die Worte ihrer Mutter fallen ihr wieder ein: Und lass dich vor allem nicht alleine von einem erwischen. Was sie auch sagt, nichts kann Hana jetzt noch retten. Sie hat den kaiserlichen Soldaten nichts entgegenzusetzen. Sie dürfen mit ihr machen, was sie wollen, das weiß sie, aber sie ist nicht die Einzige, die in Gefahr ist. Sie löst den Blick von den rollenden Wellen, die sie einladen, wieder ins Meer zu tauchen, zu entfliehen.

»Sie sind tot.« Selbst für ihre eigenen Ohren klingen diese Worte wahr. Wenn sie eine Waise ist, dann gibt es niemanden, der wegen ihrer Verschleppung zum Schweigen gebracht werden muss. Ihre Familie wird in Sicherheit sein.

»Eine tragische Meerjungfrau«, sagt er und lächelt. »Im Meer gibt es ja wirklich Schätze zu heben.«

»Was haben Sie denn da, Korporal Morimoto?«, ruft einer der herbeikommenden Soldaten.

Morimoto dreht sich nicht zu ihnen um, sein Blick ruht weiterhin auf Hana. Die beiden Männer nehmen sie in die Mitte. Morimoto nickt ihnen zu, nur ein kleines Neigen des Kopfes, bevor er sich abwendet. Und so geht sie mit den Soldaten, sie sagt kein Wort des Widerstands, aber ihre Beine verteidigen sie, indem sie sich weigern zu funktionieren. Sie hängen von ihrem Körper wie nutzlose Klötze, aber das hält die Soldaten nicht ab. Sie packen Hana fester und heben sie hoch, so dass ihre Zehen dünne Spuren durch den Sand ziehen.

Emi

Insel Jeju, Dezember 2011

Eine schmale orangefarbene Linie zieht sich über den Horizont und erleuchtet den grauen Dezemberhimmel über dem dunklen Wasser des Südmeers. Emis Knie protestieren in der Kälte vor dem Sonnenaufgang. Ihr linkes Bein fühlt sich schwer an. Sie zieht es etwas nach, während sie zum Strand hinunterschlurft. Die anderen Frauen sind bereits dort, samt ihren Neoprenanzügen und Tauchmasken. Nur eine Handvoll der üblichen Taucherinnen steht zitternd am Wasser, manche schon ganz umgekleidet, manche sind noch dabei. Emi führt die geringe Zahl der Anwesenden auf den winterlichen Morgen zurück. Als sie jünger war, hätte auch sie es sich zweimal überlegt, ihr warmes Bett zu verlassen, um in dem eisigen Wasser tauchen zu gehen, aber mit dem Alter wurde sie zäher.

Auf halbem Weg über den steinigen Strand hört Emi, wie JinHee den Frauen eine Geschichte erzählt. Es ist eine von Emis Lieblingsgeschichten. Sie und JinHee sind gemeinsam aufgewachsen. Ihre Freundschaft besteht nun schon seit beinahe sieben Jahrzehnten, und Emi wartet auf die dramatische Pause, die immer vor dem Gelächter kommt. Ein Windstoß hebt eine blaue Plane an. Darunter kommt ein altes Fischerboot zum Vorschein, die weiße Farbe blättert in Löckchen ab. Das gackernde Gelächter ihrer Freundinnen erfreut Emis Ohren. JinHee sieht Emi in ihrem Schildkrötentempo auf sie zu humpeln und hebt die Hand zum treuen Gruß. Die anderen Damen drehen sich um und winken.

»Wir warten auf dich«, ruft JinHee. »Bist du nicht aus dem Bett gekommen?«

Emi verschwendet keine Energie auf eine Antwort. Sie begutachtet sorgfältig die spitzen Steine am Strand, um nicht auszurutschen. Ihre Kniegelenke haben sich beim Gehen gelockert, und sie hinkt nicht mehr ganz so. Das linke Bein bewegt sich beinahe im Takt des rechten. Die anderen Taucherinnen warten, bis sie bei ihnen ist, bevor sie nacheinander ins Wasser gehen. Emi trägt bereits ihren Neoprenanzug. In einem Haus zu wohnen, das nur wenige Schritte vom Strand entfernt ist, hat schon seine Vorteile, auch wenn es nur eine kleine Hütte ist. Ihre beiden Kinder sind erwachsen und leben in Seoul, deshalb braucht sie nicht mehr als einen Ort zum Schlafen und zum Essenkochen, und ihre Hütte ist genau das. JinHee reicht Emi eine Tauchermaske.

»Wozu denn das?«, fragt Emi. »Ich habe doch selbst eine.« Sie holt ihre Maske aus der Styroporbox und zeigt sie JinHee.

»Dieses alte Ding? Es hat einen Sprung, und der Riemen ist schon hundertmal gerissen.« JinHee spuckt in den Sand. »Die hier ist neu. Mein Sohn hat mir zwei aus Daejeon mitgebracht.« Sie tippt gegen die Scheibe einer identischen Maske, die sie sich bereits übergezogen hat.

Emi betrachtet die neue Maske genau. Sie ist leuchtend rot, und auf dem Glas steht TEMPERED. Sie sieht hübsch aus, und Emi fühlt sich müde, als sie ihre alte betrachtet. Das Gummiband ist an drei Stellen mit Doppelknoten repariert, und auf der linken Seite ist das Glas gesprungen, so dass sie unter Wasser nicht richtig sehen kann. Noch ist die Maske dicht, aber bestimmt nicht mehr lange.

»Na los, setz sie auf«, drängt JinHee sie.

Emi zögert. Sie betastet die glänzende Scheibe. Die anderen Damen haben im Wasser bereits ihre Bojen gesetzt, um ihre Stellen zu markieren. Ihre Köpfe tanzen neben den schwimmenden orangefarbenen Bojen, dann tauchen sie eine nach der anderen in die sanften Wellen des Morgens ein. Emi sieht ihnen einen Augenblick zu, bevor sie JinHee die Maske wiedergibt.

»Die habe ich aber für dich mitgebracht.« JinHee schiebt sie weg. »Ich will sie nicht. Ich brauche doch nur eine neue.« JinHee murmelt vor sich hin, während sie ins Wasser watschelt. Ihre Flossen klatschen bei jedem Schritt auf die Oberfläche. Emi weiß, JinHee wird sich nicht umstimmen lassen, ganz egal, was sie sagt. Sie ist stur wie keine zweite. Emi blickt auf die beiden Masken hinab, die sie nebeneinander vor sich hält. Ihre schwarze Maske sieht neben der roten uralt aus, aber es wäre schade drum, wenn sie JinHees Geschenk annehmen würde. Sie würde sie nicht lange genug verwenden können.

»Deine hat einen Sprung, und du weißt, dass du zu tief tauchst. Eines Tages platzt sie, und dann bist du blind!«, ruft ihr JinHee über die Schulter zu, bevor sie in die Wellen eintaucht, um zu ihrer Lieblingsstelle zu schwimmen.

Emi legt die rote Maske in JinHees Kühlbox und bückt sich, um ihre Flossen anzuziehen. Dann folgt sie ihrer alten Freundin ins Meer. Die Kälte sendet ihr eine Schockwelle durch alle Knochen.

JinHee wartet, bis Emi neben ihr ist, das Wasser plätschert ihr gegen die Brust.

»Was war es denn heute?«, fragt JinHee.

Irgendwie weiß es JinHee immer, wenn Emi einen Alptraum hatte. Vielleicht sieht ihre alte Freundin ihr das am Gesichtsausdruck an, oder ihr ist über Nacht noch ein silbergraues Haar mehr gewachsen. JinHee wird auf jeden Fall wissen wollen, welcher Dämon das gesichtslose Mädchen verschlungen hat. An diesem Morgen will sich Emi nicht an das Geschöpf erinnern, das sie in eine solche Panik versetzt hat, aber sie weiß, ihre Freundin wird keine Ruhe geben. Emi betrachtet das ruhige Wasser und lässt die Erinnerung zu.

Da ist die Stimme, die sie nur in ihren Träumen hört. Es ist die Stimme eines Mädchens, gleichzeitig vertraut, aber auch fremd, und Emi erkennt nicht, wer spricht. Das Mädchen ruft Emis Namen. Ihre Stimme wird in Wellen zu Emi getragen, als würde sie mehr als tausend Meilen weit über das leere Meer kommen.

Sie würde dem Mädchen gerne etwas zurufen, aber wie es häufig in Träumen der Fall ist, kann sie nicht sprechen. Emi kann nur auf der Felswand stehen und den Rufen des Mädchens im tosenden Wind lauschen, kann sich nur mit bloßen Zehen an dem rasierklingenscharfen Fels festklammern und sich bemühen, die kleine Gestalt durch ihre wilden Hurrikanhaare, die ihr ins Gesicht peitschen, im Blick zu behalten.

Ein winziges Boot kommt über die unruhige See auf den Felsen zu, auf dem Emi steht. Ein junges Mädchen sitzt in dem Boot und ruft ihren Namen. Ihr Gesicht ist ein weißer Fleck in dem dunklen Meer. Emi stößt einen stillen Schrei aus, als das Mädchen über Bord geht und von einem großen Blauwal verschluckt wird, der manchmal auch ein grauer Kalmar ist und manchmal ein furchterregender Hai, aber gestern Nacht war es ein Wal, nachtblau und wie ein Ungeheuer. Danach wachte sie auf, hielt sich den Hals, ausgedörrt und schwitzend, und der Traum ließ sie mit dem Bild eines Mädchens zurück, das vor langer Zeit an einen Krieg verloren wurde.

»Der Kalmar, glaube ich«, sagt Emi zu JinHee. Warum sie lügt, weiß sie nicht genau. Vielleicht ist es einfacher, Jin-Hee über einen falschen Traum palavern zu hören als über einen echten. »Ja, es war der Kalmar.« Sie nickt entschlossen, als wäre damit das Gespräch zu Ende, aber JinHee lässt sie nicht so einfach davonkommen.

»War er wieder grau? Oder war er diesmal weiß?« Sie stupst Emi an. »Na komm, ich will dir doch nur helfen.«

»Die Farbe ist ja wohl egal.« Emi schüttelt den Kopf und wischt sich eine Strähne aus den Augen. »Er hat sie so oder so verschluckt.«

»Grau ist ekelhaft, und weiß ist unnatürlich, gespenstisch. Ein gesunder Kalmar ist rötlich oder rotbraun, manchmal auch leuchtend orange. Vielleicht wirst du von einem Geisterkalmar heimgesucht, einem Phantom aus deiner Vergangenheit.«

JinHee hatte schon immer eine rege Phantasie. Emi zischt Luft durch die Zähne. Sie watet tiefer ins Wasser hinein und bewegt sich dabei so langsam wie am Ufer, aber sobald ihr die Wellen bis zu den Schultern reichen, taucht sie und ist wie verwandelt. Emi ist ein Fisch, eins mit dem Meer, schwerelos und schön. Die luftleere Stille unter den Wellen beruhigt sie, als sie den Meeresboden nach Beute absucht.

Tauchen ist ein Geschenk. Das hat ihre Mutter ihr gesagt, als Emi an der Reihe war, diesen Beruf zu erlernen. Mit siebenundsiebzig Jahren glaubt Emi nun endlich zu verstehen, was ihre Mutter meinte. Ihr Körper ist nicht gut gealtert. An diesen kalten Wintermorgen schmerzt er, in der Sommerhitze rebelliert er, und jeden Tag aufs Neue droht er, sie zu verlassen, aber sie weiß, sie muss den Schmerz einfach aushalten, bis sie ins Wasser kann. Dann kann sie sich von den Fesseln des Alters befreien. Schwerelosigkeit beruhigt ihren schmerzenden Körper. Immer wieder zwei Minuten lang den Atem anzuhalten, wenn sie auf der Suche nach den Gaben des Meeres taucht, ist wie eine Meditation.

Zwanzig, dreißig Meter unter den Wellen ist es dunkel. Es ist ein Gefühl, als würde sie in den Mutterschoß sinken, und das einzige Geräusch ist das Pochen ihres pumpenden Herzens in ihren Ohren. Vereinzelte Sonnenstrahlen durchbrechen die Düsternis, und ihre alten Augen gewöhnen sich bald an den trüben Schleier. Sie taucht mit dem Kopf voran und sucht nach dem vertrauten Riff ihres Jagdreviers. Sie entspannt ihren Geist und denkt nur daran, was sie wohl finden wird, wenn sie dort ist. Sekunden vergehen, langsam, und eine Stimme dringt in ihre Einsamkeit ein.

Schlaf, drängt die Stimme, ruhig und ernst, wie eine Hand, die sanft ihr Gesicht streichelt. Lass dieses Leben los. Emi stoppt die Abwärtsbewegung, bevor sie auf den Felsboden kracht. Ihre jahrelange Erfahrung hilft ihr. Sie vertreibt die Stimme aus Emis Gedanken und zwingt ihre Augen, sich zu konzentrieren.

Nachdem sie ein paar Büschel sich wiegenden Seegrases durchkämmt hat, entdeckt sie den roten Kraken, der eine Blaukrabbe belauert. Die Krabbe spürt, dass sie in Gefahr ist, und ergreift seitwärts die Flucht, aber der Krake ist schlau und versteckt sich in einer Felsspalte. Die Krabbe bleibt stehen und fängt wieder an, nach Essbarem zu suchen. Der Oktopus zieht zwei Beine über den Sand und streckt sich, bis sein bauchiger Körper zum Vorschein kommt, umgeben von den sternförmig angeordneten Tentakeln. Unter Wasser verwandelt er sich in einen trüben Fleck, schnappt sich die Krabbe und verschwindet wieder in der Felsspalte. Emi hat dieses tragische Schauspiel im Lauf des letzten Jahres häufig mitangesehen. Sie fühlt sich dem Kraken und seiner von vielen Schlachten vernarbten Haut verbunden. Einer seiner Tentakel ist kürzer als die anderen, wahrscheinlich ist er einmal nur knapp entkommen. Doch im Gegensatz zu Emis Bein wird sich der Tentakel selbst reparieren, und alles wird wieder so sein, als wäre nie etwas gewesen.

In der Nähe der Felsspalte gibt es mehrere Seeigel, und Emi sammelt sie vom Meeresboden auf. Der Oktopus spürt ihre Anwesenheit und stößt eine schwarze Tintenwolke aus, so dass seine Felsspalte von dem Unterwasserrauch verborgen wird. Emi wedelt mit der Hand und spürt ganz kurz schwammiges, weiches Fleisch an den Fingern. Sie reißt die Hand an die Brust, schießt nach oben, schwimmt an die Oberfläche und sieht zu, wie der flüchtende Krake am trüben Horizont verschwindet.

Während Emi Atem holt, tadelt ChoSun sie: »Warum erstichst du ihn nicht einfach, wenn du ihn das nächste Mal siehst? Herr Lee würde für diesen Oktopus gutes Geld zahlen, aber du lässt ihn immer davonkommen. So eine Verschwendung!«

Die Frauen behalten einander im Auge, wenn sie tauchen. Sie haben sich darauf trainiert, auf die anderen, die in ihrer Nähe tauchen, achtzugeben, für den Fall, dass eine von ihnen in Schwierigkeiten kommt. Mulsum, Wasseratmen, das bedeutet den Tod für die haenyeo, und zwei haben in diesem Jahr schon das Leben verloren. Trotzdem wäre es Emi lieber, sie würden sie nicht so genau beobachten. Sie hat keinerlei Interesse daran, länger unten zu bleiben, als ihre Lunge erlaubt. Vielleicht wartet ChoSun darauf, Emis Platz in der Ordnung der Dinge einzunehmen, sich ihr Tauchrevier anzueignen und endlich die Gelegenheit zu bekommen, den alten Oktopus zu töten.

»Lass sie in Ruhe«, sagt JinHee streng.

ChoSun zuckt mit den Schultern und taucht mit einer eleganten Rolle vorwärts nach unten, fast ohne zu spritzen, wie ein Seelöwe.

»Sie ist nur eifersüchtig, weil du den Atem länger anhalten kannst als sie, das weißt du, ja?« JinHee bläst Wasser aus der Nase.

»Du stimmst ihr zu«, sagt Emi.

»Natürlich nicht«, erwidert JinHee und reckt die Nase nach oben. Die Muschelschalen klappern, als sie ihr grünes Netz richtet.

»Schon gut. Ich weiß ja, dass es keinen Sinn ergibt. Ich fände es nur einfach schade, diese alte Oktopusdame zu fangen. Sie ist wie eine gute Freundin.«

»Eine gute Freundin, ach was!« JinHee lacht und verschluckt sich am Meerwasser. Sie bespritzt Emi und schüttelt den Kopf. Gemeinsam tauchen sie wieder unter und jagen weiter.

Als ihr Netz zu einem Viertel gefüllt ist, taucht Emi auf, um ihrer Lunge etwas Ruhe zu gönnen. Ihr Brustkorb fühlt sich heute eng an, und Emi schwimmt nicht so gut wie sonst. Sie ist irgendwie benebelt. JinHee taucht neben ihr auf.

»Alles in Ordnung?«

Emi sucht den Himmel ab und blickt in Richtung der aufgehenden Sonne. Noch hängt sie über dem Horizont. Bald wird sie hinauf in den Himmel steigen, das Meer wird erwachen, und die Fischer werden mit ihren Motorbooten und Netzen das Wasser in Besitz nehmen. Die Stimme in ihrem Kopf schweigt. Sie hört nur, wie die Wellen an ihre Boje klatschen, den hohen Chor von sumbi von ihren Freundinnen, die bei jedem Auftauchen die Lunge entleeren, und die Seevögel, die über ihr am Morgenhimmel krächzen. Emi wendet sich JinHee zu, die sie ansieht.

»Du willst schon los?«, fragt Jin Hee.

»Ja, es ist Zeit. Kannst du meinen Fang zum Markt mitnehmen?«

»Natürlich. Ich wünsche dir Glück.« Sie winkt zum Abschied.

Emi nickt und schwimmt zurück zum Strand. Leicht gleitet sie durch das Wasser, genießt das Geschenk, das ihre Mutter ihr weitergegeben hat. Es scheint tausend Jahre her zu sein, seit sie das Tauchen gelernt hat. Es schmerzt zu sehr, an die Vergangenheit zu denken, und Emi schiebt die Erinnerung weg. Sie erreicht das Ufer und tritt den beschwerlichen Rückweg zu ihrer Hütte an. An Land hängt ihr das Fleisch schwer an den alten Knochen. Sie stolpert über einen Stein und hält inne, um das Gleichgewicht wiederzufinden.

Eine dünne Wolkendecke verwandelt alles wieder in Grau. Emi spürt plötzlich die Last ihres Alters, und noch zehn Jahre dazu. Nach jedem vorsichtigen Schritt folgt eine Pause, denn ihr linkes Bein braucht seine Zeit, um nachzukommen. Während sie langsam und vorsichtig über den Strand geht, vergleicht sie sich mit der Blaukrabbe, die über den Meeresboden huscht. Sie setzt einen Fuß nach dem anderen auf und findet Halt zwischen den Felsen, langsam und vorsichtig, denn sie weiß nur zu gut, dass es im Handumdrehen vorbei sein kann. Doch der alte Oktopus wird sie heute nicht fangen. Es gibt einen Ort, wo sie sein muss, und die Zeit ist ihr nicht gewogen.

Hana

Insel Jeju, Sommer 1943

Die japanischen Soldaten zwingen Hana mit vier weiteren Mädchen hinten in einen Lastwagen. Ein paar haben Striemen im Gesicht. Sie müssen Widerstand geleistet haben. Die Mädchen sitzen, von Schock und Angst gezeichnet, ganz still im Auto. Hana fragt sich, ob sie eine kennt, vielleicht vom Markt. Zwei Mädchen sind ein paar Jahre älter als sie, eine ist deutlich älter, und die vierte ist viel jünger als alle anderen. Sie erinnert Hana an ihre kleine Schwester, und sie hält an diesem Gedanken fest. Das Mädchen sitzt in diesem Lastwagen, weil es keine ältere Schwester hat, die es retten konnte. Hana versucht, der Kleinen tröstende Gedanken zu schicken, aber sie weint die ganze Zeit. Hana möchte alles, nur nicht weinen. Sie möchte den Soldaten ihre Angst nicht zeigen.

Der Wagen hält an der Polizeiwache, gerade als die Sonne untergeht. Einige der Mädchen bekommen leuchtende Augen, als sie die Wache sehen. Hana kneift die Augen zu Schlitzen zusammen, als sie das kleine Gebäude betrachtet. Dort drinnen ist nichts, was sie retten wird.

Vor vier Jahren wurde ihr Onkel auf die Polizeiwache beordert. Nur wenige Koreaner hatten offizielle Posten inne, allesamt Sympathisanten, Anhänger der japanischen Regierung, Verräter ihrer eigenen Landsleute. Sie zwangen ihren Onkel, einzurücken und für ein Land zu kämpfen, das er verachtete.

»Wenn sie uns nicht aushungern können, töten sie uns auf dem Schlachtfeld. Sie schicken ihn in den Tod. Hörst du mich? Sie ermorden deinen kleinen Bruder«, schrie ihre Mutter Hanas Vater an, als sie erfuhr, dass er abberufen wurde, um für den japanischen Kaiser in China zu kämpfen.

»Keine Sorge, ich kann schon auf mich aufpassen«, sagte ihr Onkel und fuhr Hana durch die Haare. Er kniff ihre kleine Schwester in die Wange und lächelte.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf, und von ihr stieg Zorn auf wie Dampf von einem Kessel mit kochendem Wasser.

»Du kannst nicht auf dich aufpassen. Du bist doch kaum ein Mann. Du bist nicht verheiratet. Du hast keine Kinder. Mit diesem Krieg rotten sie uns aus. In diesem Land wird es keine Koreaner mehr geben.«

»Das reicht«, sagte Hanas Vater, und zwar so leise, dass es Beachtung fand.

Er blickte vielsagend zu Hana und ihrer Schwester. Ihre Mutter baute sich vor ihm auf, als wolle sie ihm gleich noch mehr Worte entgegenschleudern, doch dann sank sie zu Boden, schlang die Arme um ihren Leib und schaukelte auf den Knien vor und zurück.

Hana hatte noch nie erlebt, dass ihre Mutter sich so verhielt. Sonst war sie immer stark und selbstsicher. Hana hätte ihre Mutter sogar als hart beschrieben, hart wie ein Stein, der dem stärksten Druck des Ozeans standhält, mit einer glatten Oberfläche, aber dennoch unzerbrechlich. Doch an diesem Tag war sie so verletzlich wie ein Kind. Das beunruhigte Hana, und sie nahm die Hand ihrer kleinen Schwester.

Ihr Vater ging zu ihrer Mutter und umarmte sie.

Ihr Onkel ging voller Zuversicht zur Polizeiwache. Ersatzkleidung und von ihrer Mutter liebevoll zubereitetes Essen trug er in einem Beutel über der Schulter. Mutig zog er in den Krieg und starb sechs Monate später an der Front.

Hana ruft sich sein jugendliches Gesicht in Erinnerung. Er war neunzehn, als er starb. Ihr, als Zwölfjähriger, kam er damals furchtbar alt vor. Für sie war er ein Erwachsener, weil er viel größer war als sie und eine tiefe Stimme hatte. Jetzt begreift sie, dass er Angst gehabt haben musste, genau wie sie jetzt. Die Angst ist wie ein körperlicher Schmerz. Die Angst vor der ungewissen Zukunft. Die Angst, ihre Eltern niemals mehr wiederzusehen. Die Angst, ihre Schwester wird alleine im Meer zurückgelassen. Die Angst, in einem fremden Land zu sterben. Die japanische Armee schickte das Schwert ihres Onkels nach Hause, ein japanisches Schwert, das ihr Vater ins Meer warf.

In dem Lastwagen vor derselben Polizeiwache sitzend, begreift Hana, warum ihre Mutter so verzweifelt war, nachdem ihr Onkel weggegangen war. Sie will nicht daran denken, wie ihre Mutter sich wieder hilflos auf dem Boden hin und her wiegt, weil Hana die Nächste war, die für den Krieg des Kaisers abtransportiert wurde.

»Raus«, befiehlt ein Soldat und lässt die Ladeklappe des Lasters herunter.

Er führt die Mädchen im Gänsemarsch in die Polizeiwache. Hana bemüht sich, weder als Erste noch als Letzte in der Reihe zu gehen. Wie bei einem Fischschwarm hofft sie, in der Mitte am sichersten zu sein. Auf der Wache ist es ruhig. Sie kann nicht aufhören zu zittern. Ihre Haare sind noch feucht vom Meerwasser, und ihre Taucherkleidung bedeckt nicht viel von ihrem Körper. Sie schlingt die Arme um sich und bemüht sich nach Kräften, nicht so mit den Zähnen zu klappern. Lautlosigkeit, das strebt sie an, damit sie unsichtbar werden kann.

Ein Polizist an der Empfangstheke begutachtet die Mädchen und nickt dem Soldaten, der sie abliefert, zu. Er ist ein Koreaner, ein Sympathisant, ein Verräter. Er wird ihnen nicht helfen. Die letzten Funken Hoffnung schwinden aus den Augen der Mädchen, und alle starren die Schlieren auf dem frisch gebohnerten Boden an. Der Polizist am Empfang befiehlt den Mädchen, ihre Vor- und Familiennamen in ein Buch zu schreiben, dazu ihr Alter und den Beruf ihrer Eltern. Hana hat bereits am Strand gelogen, als sie Morimoto erzählt hat, ihre Familie sei tot, und nun zögert sie, weil sie nicht weiß, wie sie die Lüge aufrechterhalten soll.

Der Polizist am Empfang kennt sie nicht, aber wahrscheinlich kennt er ihre Eltern, zumindest unter ihrem japanischen Namen Hamasaki. Der koreanische Nachname ihrer Mutter lautet Kim, der ihres Vaters Jang. Verheiratete Frauen behalten immer ihren Nachnamen. Die beiden Mädchen vor ihr möchten den Soldaten zu Gefallen sein und benehmen sich wie pflichtbewusste Untertanen, indem sie ihre kolonisierten japanischen Namen hineinschreiben, aber Hana hat den Verdacht, dass es zu spät für solche Manöver ist. Stattdessen setzt sie die Namen ihrer Eltern zu einem zusammen, Kim, JangHa. Sie hofft, aufgrund des falschen Namens wird niemand herausfinden, dass ihre Familie noch am Leben ist, und womöglich zurückkehren, um ihre Schwester zu holen, während sie gleichzeitig darauf hofft, dass ihre Eltern den Namen in dem Buch lesen und wissen, dass sie hier durchgekommen ist. Das ist ihre letzte Hoffnung.

Nachdem sie ihre Namen eingetragen haben, werden die Mädchen in ein kleines Büro geführt. Die schäbigen beigefarbenen Wände sind mit Propagandaplakaten zugepflastert, die die Vorzüge einer freiwilligen Meldung zum Kriegseinsatz für Japan anpreisen. Ähnliche Plakate hängen am Markt, wo die haenyeo und die Fischer ihren Fang gleichermaßen an Dorfbewohner und an japanische Soldaten verkaufen. Die Menschen auf den Plakaten haben lächelnde Gesichter und leuchtende japanische Augen. Hana mochte diese Bilder nie. Sie erinnern sie an die geheuchelten Mienen, die alle aufsetzen, wenn die Soldaten sich ihren Ständen nähern.

Ihr Vater ist der einzige Erwachsene, den Hana kennt, der diesen falschen Gesichtsausdruck nicht zustande bekommt. Seine Miene strahlt stattdessen die Wut über den Tod seines Bruders aus, klar und unnachgiebig. Wann immer sich ein Soldat dem Stand ihrer Familie näherte und mit der Mündung seines Gewehrs prüfend in den Meeresfrüchten herumstocherte, verlor er plötzlich seinen Gleichmut, sobald er ihren Vater erblickte. Dem Soldaten begannen die Hände zu zittern, und er ging einfach wieder weg, wortlos und verwirrt.

Hana hat das schon vielfach beobachtet, und jedes Mal fragte sie sich, ob es der Schmerz in den Augen ihres Vaters war, den die japanischen Soldaten sahen, oder etwas Unheilvolleres. Sahen die Soldaten ihren eigenen Tod voraus? Hana sah immer gerne zu, wie die Soldaten davoneilten, wie durch Zauberei.

Als sie mit den anderen Mädchen dasteht, umgeben von den Plakaten treuer Untertanen mit verlogenen Mienen, bemüht sie sich, möglichst zornig dreinzublicken, so dass jeder Soldat, der ihr Gesicht sieht, vor den Flammen in ihren Augen die Flucht ergreift. Vielleicht besitzt auch sie die Zauberkraft ihres Vaters.

»Zieht das an und beeilt euch«, brüllt ein Soldat sie an. Jedes Mädchen bekommt ein beigefarbenes Kleid, Nylonstrumpfhosen, weiße Unterwäsche und einen Baumwoll-BH. Die Kleider unterscheiden sich leicht, aber sie sind aus demselben Stoff geschneidert.

»Wozu sind die?«, flüstert eines der Mädchen. Sie ist sorgsam darauf bedacht, in Anwesenheit der Soldaten nur japanisch zu sprechen.

»Das muss eine Uniform sein«, antwortet ein zweites Mädchen.

»Wo bringen sie uns hin?«, fragt das Mädchen, von dem Hana denkt, dass es kaum älter als ihre eigene Schwester ist, voller Angst.

»Das ist für das Patriotische Frauenkorps. Meine Lehrerin hat erwähnt, dass sie Freiwillige rekrutieren«, sagt das Mädchen neben Hana. Sie klingt zuversichtlich, dennoch zittert sie vor Angst.

»Freiwillige wofür?«, gelingt es Hana schließlich zu fragen. Ihre Kehle ist wie ausgedörrt, und ihre Stimme ist rau.

»Nicht reden«, brüllt ein Soldat und hämmert gegen die Tür. »Noch zwei Minuten.«

Rasch ziehen sie sich fertig an und stellen sich in einer Reihe an der gegenüberliegenden Wand auf. Als die Tür aufgeht, schrecken sie zurück. Morimoto kommt herein und betrachtet Hana von oben bis unten, bevor er die Begutachtung der anderen Mädchen aufnimmt. Er hat sie hierhergebracht. Er schickt sie weg. Sie prägt sich sein Gesicht ein, damit sie weiß, wem sie die Schuld für ihre Verschleppung geben kann, wenn sie wieder nach Hause zurückkehrt.

»Gut. Sehr gut. Und jetzt geht und sucht euch passende Schuhe. Dann ab in den Lastwagen.« Er scheucht sie hinaus, aber bevor Hana durch die Tür gehen kann, packt er sie am Arm. »In diesen Kleidern siehst du viel jünger aus. Wie alt bist du?«

»Sechzehn«, antwortet sie und versucht, ihren Arm loszureißen, aber er gräbt ihr die Finger tiefer ins Fleisch. Bei dem plötzlichen Schmerz bekommt sie weiche Knie, aber sie gibt keinen Ton von sich.

Er scheint über ihre Antwort nachzudenken, während er ihr zusieht, wie sie sich bemüht, nicht zu weinen. Sie senkt den Blick, aber er hebt ihr Kinn an und zwingt sie, ihn anzusehen. Er trinkt sie, als wäre sein Durst unstillbar.

»Sie sitzt neben mir.« Er lässt sie los.

Ein Soldat, der vor dem Büro steht, salutiert und nimmt Hana mit, damit sie sich ein Paar unförmiger Schuhe aussuchen kann. Ein alter Mann lehnt an der Wand. Als sie an ihm vorbeigeht, wendet er das Gesicht von ihr ab. In diesem Moment verachtet sie ihn für seine Feigheit, aber gleich darauf vergibt sie ihm. Angst haben sie alle. Ein Soldat kann einem Koreaner mit dem Stiefelabsatz den Schädel zerquetschen, und wenn seine Familie eine Strafe für das Verbrechen fordert, könnte es sein, dass eines Tages ihr Haus niederbrennt und sie einfach verschwindet und nie mehr gesehen wird.

Draußen kommt ein kalter Wind auf. Es scheint, als hätten die Götter die Jahreszeiten verwechselt und sich entschlossen, einen kühlen Luftzug in die Sommernacht zu schicken, um sie zu begleiten. Der im Leerlauf laufende Motor übertönt das Schluchzen der Mädchen, denen jetzt klar wird, dass sie wirklich von zu Hause weggebracht werden. Hana möchte die Sicherheit der Gruppe nicht verlassen. Als ein Soldat sie zur Vorderseite des Lastwagens schiebt, leistet sie Widerstand. Sie versucht, hinter dem letzten Mädchen zu bleiben und ebenfalls hinten einzusteigen.

»Hey, du nicht. Du kommst hier rein.« Er zeigt auf die Beifahrertür.

Die anderen Mädchen fixieren Hana, ihr Gesichtsausdruck zeigt eine Mischung aus Angst und Verzweiflung. Als sie auf die offene Tür zugeht, glaubt sie, in einigen Augen Erleichterung zu erkennen, Erleichterung, weil sie selbst es nicht sind.

Hana klettert neben den Fahrer. Im Inneren ist es auch nicht wärmer. Er wirft ihr einen kurzen Blick zu und widmet seine Aufmerksamkeit wieder der Windschutzscheibe, als Morimoto nach ihr einsteigt. Er riecht nach Tabak und Schnaps.

Schweigend fahren sie durch die Nacht. Hana hat zu große Angst, um die Soldaten zu beiden Seiten von ihr anzusehen, deshalb sitzt sie starr da und versucht, keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Soldaten reden weder miteinander noch mit ihr, lieber starren sie teilnahmslos durch die Windschutzscheibe. Die Küste weicht, und der Hallasan zeichnet sich dunkel am Himmel ab, bevor er wieder verschwindet, als sie die andere Seite der Insel erreichen. Der Fahrer kurbelt das Fenster herunter und zündet sich eine Zigarette an. Es riecht nach Meer, und Hana nimmt den beruhigenden Duft in sich auf, während der Lastwagen über schmale, kurvenreiche Straßen fährt, die zur Küste und dem Kanal zwischen Jeju und der südlichsten Spitze der koreanischen Halbinsel führen. Hana wird übel. Sie hält sich den Bauch, damit er sich beruhigt.

Weit unterhalb von ihnen, an einer felsigen Küste, entdeckt Hana die wartende Fähre, die im Hafen festgemacht ist. Der Laster fährt dröhnend über die leere Straße, aber Morimotos Schweigen durchdringt selbst diesen Lärm, und Hana spürt die Macht seines Rangs.

Der Fahrer setzt sie am Hafen ab und salutiert vor Morimoto, bevor er wieder davonfährt. Mit Klemmbrettern ausgerüstete Soldaten registrieren sie und bringen sie zu anderen Mädchen, die sich in einem improvisierten Gehege zusammendrängen. Über ihnen fliegen Seevögel, ohne Notiz von der Szene unter sich zu nehmen. Hana wünscht sich Flügel, um mit ihnen mitzufliegen. Ein Soldat brüllt der wachsenden Gruppe von jungen Frauen und Mädchen Befehle zu, und sie werden zur Fähre geführt. Keine sagt auch nur ein Wort.

Während Hana die Gangway hinaufsteigt, starrt sie ihre Füße an. Jeder Schritt bringt sie weiter von zu Hause weg. Sie hat die Insel noch nie verlassen. Die Erkenntnis, dass sie in ein anderes Land gebracht wird, macht ihr furchtbare Angst, und ihre Beine weigern sich, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Wenn sie dieses Schiff besteigt, sieht sie ihre Familie vielleicht nie mehr wieder.

»Weiter!«, brüllt ein Soldat.

Das Mädchen hinter ihr schubst sie leicht nach vorne. Sie hat keine Wahl. Hana geht weiter, während sie sich leise verabschiedet. Von ihrer Schwester, die sie am meisten vermissen wird, aber Hana ist froh, sie vor diesem Schicksal gerettet zu haben, wo auch immer es hinführt. Ihrer Mutter wünscht sie, dass ihr beim Tauchen nichts zustößt. Ihrem Vater wünscht sie Tapferkeit auf See, aber im Geheimen wünscht sie sich auch, dass er sie findet. Sie stellt sich vor, wie sein kleines Fischerboot hinter der Fähre herfährt, fest entschlossen, sie zurück nach Hause zu holen. Sogar in ihrer Phantasie ist das ein hoffnungsloses Bild, aber sie wünscht es sich trotzdem.

Die Fähre hat unter Deck kleine Kabinen. Hana und die Mädchen aus dem Lastwagen werden zu mindestens dreißig weiteren gesteckt. Die anderen tragen ähnliche Uniformen und blicken genauso verängstigt drein. Ein paar Mädchen teilen das wenige Essen, das sie dabeihaben. Einige Soldaten schoben ihnen aus Mitleid während der Fahrt symbolische Häppchen zu: Reisbällchen, ein Stückchen getrockneten Tintenfisch, ein Mädchen bekam sogar eine Birne. Die meisten sind so verstört, dass sie nichts hinunterbringen, und es erleichtert sie ein wenig, das Essen mit den anderen zu teilen. Hana nimmt ein Reisbällchen von einer jungen Frau an, die mindestens zwanzig zu sein scheint.

»Danke«, sagt sie und knabbert an dem hart gewordenen Reis.

»Wo kommst du her?«, fragt die Frau.

Hana gibt keine Antwort, sie weiß nicht, ob sie schon mit jemandem sprechen sollte. Sie hat keine Ahnung, wem sie trauen kann.

»Ich komme aus der Gegend südlich des Hallasan. Ich weiß nicht, warum ich hier bin«, sagt die Frau, als Hana nicht antwortet. »Ich habe ihnen gesagt, dass ich verheiratet bin. Mein Mann kämpft gegen die Chinesen. Ich muss nach Hause, wegen seiner Briefe. Wer soll sie sonst in Empfang nehmen, wenn ich nicht da bin? Ich habe ihnen gesagt, dass ich verheiratet bin, aber …«

Eine andere mischt sich ein. »Warum haben sie dich mitgenommen, wenn du verheiratet bist? Hat dein Mann Schulden?« Um die verheiratete Frau bildet sich ein kleines Grüppchen.

»Nein, er hat keine Schulden.«

»Von denen du weißt«, sagt eine andere Frau.

»Sie sagt, er hat keine Schulden. Er ist im Krieg.«

Andere steuern ihre Meinung bei, und bald entwickelt sich eine rege Diskussion. Hana rückt von den Frauen ab und sucht Trost bei den stillen Mädchen. Ihre Augen sind vor Angst geweitet, während die älteren und die Frauen ihre Wut und ihr Unverständnis kundtun.

»Aber warum sind die dann hier, wenn das angeblich eine Schuldnerfähre ist? Das sind noch nur Kinder.«

»Ihre Eltern haben Schulden«, lautet eine Antwort.

»Ja, sie sind verkauft worden, genau wie wir.«

»Das ist nicht wahr«, sagt Hana. Ihre Stimme zittert. »Meine Mutter und ich sind haenyeo. Wir schulden keinem Menschen etwas. Nur das Meer könnte etwas von uns einfordern.«

Es wird still im Raum. Ein paar der Frauen sind überrascht, dass ein so junges Mädchen mit solcher Autorität spricht, und das sagen sie ihr auch. Die jüngeren Mädchen rücken näher an Hana heran, als hofften sie, etwas von ihrer Stärke abzubekommen. Sie setzt sich an die hintere Wand und schlingt die Arme um ihren Leib. Ein paar Mädchen tun es ihr gleich. Während sie schweigend dasitzen, fragt sich Hana, was ihnen wohl droht, wenn sie das Festland erreichen. Werden die Soldaten sie nach Japan bringen oder irgendwo ins tiefste China hinein, wo gekämpft wird?

Hana lässt sich noch einmal die Fahrt im Lastwagen durch den Kopf gehen, als sie zwischen den beiden Soldaten saß. Der Fahrer nahm kein einziges Mal Notiz von ihr, aber Morimoto schien jede ihrer Bewegungen wahrzunehmen. Wenn sie sich anders setzte, setzte auch er sich anders hin; wenn sie hustete, berührte er ihren Arm mit seinem. Sein Körper, selbst sein Atem, synchronisierte sich mit ihrem. Sie musste sich extrem beherrschen, ihn nicht anzusehen, und nur einmal war ihr das nicht gelungen.

Er zündete sich eine Zigarette an, und sie spürte die heiße Flamme an der Wange. Aus Angst, er würde sie verbrennen, wandte sie den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Er hatte darauf gelauert, dass sie ihn ansehen würde. Sie erwiderte seinen Blick, musterte sein Gesicht, bis er ihr einen Mundvoll Rauch in die Augen blies. Hustend wandte sie sich ab und schaute wieder durch die Windschutzscheibe.

Die Fähre gleitet langsam in den Kanal hinein, und die schwere See macht Hanas Magen zu schaffen. Sie würde so gerne in den Ozean eintauchen und nach Hause schwimmen. Im Geiste sieht sie den entsetzten Blick ihrer Schwester vor sich. Hana schließt die Augen. Sie hat ihre Schwester vor dieser Reise ins Ungewisse gerettet. Wenigstens ihre Schwester ist in Sicherheit.

»Glaubst du, sie bringen uns alle nach Japan?«, fragt ein Mädchen sie.

Hana öffnet die Augen wieder und spürt die erwartungsvollen Blicke der anderen auf sich ruhen. Hana versteht aber nicht, warum sie ausgerechnet von ihr eine Antwort erhoffen.

»Ich weiß es nicht«, antwortet sie entschuldigend.

Daraufhin scheinen sie in sich zusammenzusinken, wiegen sich mit den Bewegungen der Fähre. Sie hat keine Ahnung, wie sie die anderen trösten sollte. Ihr fällt wieder ein, was im Dorf gesagt wird. Wenn man sie einmal weggeholt hat, kommen die Mädchen niemals wieder nach Hause. Den trauernden Eltern von Mädchen werden keine Schwerter mit Dankesschreiben geschickt. Mädchen verschwinden. Nur Gerüchte kommen zu Hause an, Gerüchte, die man den verbliebenen Kindern niemals erzählen kann.

Nicht lange, nachdem Hana eine voll ausgebildete haenyeo wurde, hörte sie auf dem Markt zufällig ein Gespräch zweier Frauen mit an. Mit gedämpften Stimmen unterhielten sie sich über ein Mädchen aus dem Dorf, das auf der Nordseite der Insel gefunden worden war.

»Sie ist furchtbar krank, die Vergewaltigung hat sie in den Wahnsinn getrieben«, sagte eine der Frauen. Hanas Interesse war geweckt. Sie wusste nicht, was das Wort bedeutete. Sie beugte sich weiter vor, in der Hoffnung, die Frau würde es erklären.

»Der Vater musste sie im Haus verstecken. Sie ist wild … wie ein Tier.«

Die andere Frau schüttelte traurig den Kopf und senkte den Blick. »Keiner will sie mehr haben, selbst wenn sie es schafft, wieder gesund zu werden. Armes Ding.«

»Ja, armes Ding, und der arme Vater. Die Schande wird ihm in ein frühes Grab folgen.«

»Was für eine Bürde für ihn.«

Die Frauen sprachen dem Vater des Mädchens weiter Trost zu, als wäre er dabei und könnte sie hören. Hana überlegte, was wohl ein Mädchen so wild machen und den Vater in einen frühen Tod treiben könnte. Später an diesem Abend fragte sie ihre Mutter danach.