Beschreibung

»A wie Alltag: unsere wichtigste Quelle für Glück. Das Wunderbare: Die Vorkommen sind beachtlich und sie zu erschließen ist einfach. Man muss nur die Augen öffnen und sich ihrer bewusst werden«. Willkommen in der Welt von Christophe André! Europas Experte für Positive Psychologie und Bestsellerautor aus Frankreich wird unser Lebensgefühl verändern. Seine Betrachtungen versprühen eine Leichtigkeit, die man augenblicklich in die Welt tragen möchte. André lehrt uns: »Wenn jemand sagt, ›ich bin glücklich‹, meint er damit: Ich habe zwar Ärger, aber der lässt mich kalt. Keinen Ärger haben? Unmöglich. Von ihm kalt gelassen werden? Nicht immer leicht, aber häufig möglich!« Dieses Buch öffnet uns die Augen. Und was wir sehen, ist schön.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 487


Christophe André
Und vergiss nicht, glücklich zu sein!
Aus dem Französischen übersetzt von Martin Klaus und Manuela Lenzen Illustrationen und Handschrift: Gennett Agbenu, Berlin
Campus Verlag Frankfurt/New York
Für Christian Bobin, der immer den Mut hat, nach seinem Herzen zu handeln.
Über das Buch
»A wie Alltag: unsere wichtigste Quelle für Glück. Das Wunderbare: Die Vorkommen sind beachtlich und sie zu erschließen ist einfach. Man muss nur die Augen öffnen und sich ihrer bewusst werden«. Willkommen in der Welt von Christophe André! Der renommierte Experte für Positive Psychologie und Bestsellerautor aus Frankreich wird unser Lebensgefühl verändern. Seine Betrachtungen versprühen eine Leichtigkeit, die man augenblicklich in die Welt tragen möchte. André lehrt uns: »Wenn jemand sagt, ›ich bin glücklich‹, meint er damit: Ich habe zwar Ärger, aber der lässt mich kalt. Keinen Ärger haben? Unmöglich. Von ihm kalt gelassen werden? Nicht immer leicht, aber häufig möglich!« Dieses Buch öffnet uns die Augen. Und was wir sehen, ist schön.
Über den Autor
Dr. Christophe André ist Psychiater und Psychotherapeut am Hôpital Sainte-Anne in Paris und gilt als einer der renommiertesten Psychologen Frankreichs. Er hat zahlreiche populäre psychologische Sachbücher geschrieben, u.a. zusammen mit François Lelord, von denen einige auch in Deutschland zu Bestsellern wurden.

Inhalt

Vorwort für die deutsche Ausgabe
Einleitung: »Ich möchte den Chef sprechen!«
A wie atmen
ABC – Aberglaube – Abgründe – Abhandlungen über das Glück – Abhängigkeit – Abstand – Abstinenz – Achtsamkeitsmeditation – Akrasie – Akzeptieren – Alles ist gut – Alltag – Alter Herr – Altruismus – Anderen Glück wünschen – Anfängergeist – Angst – Ängstlich und glücklich – Anklagen – Ansteckung – Antidepressiva – Antivorbilder – Arbeit und Glück – Arkadien – Asien – Ataraxie – Atmung, Liebe und Wohlwollen – Aufhören zu denken – Aufmerksamkeit – Ausgang – Ausprobieren – Ausruhen vor dem Schlaf – Auswahl
B wie beim Wort nehmen
Bach und Mozart – Bedauern – Begegnungen – Beleidigung durch Glück – Beim Wort genommen werden – Berechtigt – Besinnung – »Beweg deinen Hintern!« – Bewundern – Bewundernswerter Autor? – Bewusstsein – Bildschirme
C wie Chancen
Chancen auf Glück – Cioran – Coué
D wie Dankbarkeit
Dänemark – Dankbarkeit – Danksagungen des Marc Aurel – »Das hast du mir noch nie gesagt« – Demokratie – Demokratie und warme Dusche – »Denk daran, dass ich dich geliebt habe« – Depression – Der merkwürdige Herr, der überhaupt nichts tat – Diktatur des Glücks – Download – Drei schöne Dinge – Dringend oder wichtig?
E wie Ehrfurcht
Easterlin-Paradox – Effizienz und Glück – Egoismus – Egoismus, ist er unvermeidlich? – Ehegatte – Eheleben – Ehrfurcht – Einkaufswagen oder das wahre Leben – Einsamkeit – Elektrizität – Ekstase – E-Mail eines Freundes – Emotionales Gleichgewicht – Emotionen – Emotionen, negative – Emotionen, positive – Empathie – Endlichkeit – Enthusiasmus – Entzücken – Epikur – Epiktet – Erfolg – Erinnerungen und Vergangenheit – Erleichterung – Ermüdung – Ernsthafte Dinge – Erster Kuss – Erwachen – Eudämonie – Euphorie – Ewige Wiederkehr – Ewigkeit – Existenzielle Ängste
F wie Freude
Fallende Blüten – Falsche Propheten – Familie – Fehler der anderen – Fensterläden – Fernsehen – Fisch – Flexibilität – Flow – Flut von Negativismus – Fontenelle – Forever young – Fragilität – Frankreich – Freiheit – Freud – Freude – Freunde – Freundlichkeit – Friedhof – Früher – Frühling – Fortschritte machen – Fülle des Glücks – Fußgänger
G wie genießen
Gärtner – Ganz einfach gut – Gebet – Geduld – Gegenwart – Gegenwärtiger Augenblick – Geheimnisse des Glücks – Gehirn – Gelassenheit – Geld – Genesen – Genießen – Genuss-Menü – Gerede – Gesundheit – Gewaltlosigkeit – Gewissheiten Positiver Antipsychologie – Glaube – Glück auf dem Rastplatz – Glück der anderen – Glücklichsein beschließen – Glück messen – Glücksrezepte – Glück und Vergnügen – Glück und Verlangen – Glück vergessen – Gräser und Wälder – Grenzen der Positiven Psychologie – Großzügige Schwester – Großzügigkeit – Grübeleien – Gute Laune – Gute Taten
H wie heute
»Halt dich gerade!« – Harmonie – Hedonistische Gewöhnung – Hedonismus – Hedonistisches Gleichgewicht – Herbst – Herbstwind – Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! – Heute – Hochbegabt für Glück – Hoffnung – Horror und Glück – Humor – Hunde und Katzen
I wie Illusionen
Ich – Illusion – Impfstoff – Induktion von Emotionen – Infragestellen – In fünf Jahren sterben – Intelligenz
J wie Jubel
Ja, aber: nie wieder! – Jahreszeiten – Der Ja-Sager – Jeremia – Jubel
K wie Karma
K – Kann Glück unglücklich machen? – Express-Karma – Kassandra – Kausalitäten – Kinder – Klagen – Koan – Koan über das Böse – Kohärenz – Kontrolle – Körper – Krankheit – Kreativität: die Maus, die Eule und der Käse – Krill – Krise – Kritik des Glücks
L wie Leben
Lachen – Lächeln – Langeweile – Langlebigkeit – Langsamkeit – Langweilige Leute – »Lass die Sonne herein!« – Leben – Lehre – Leichtigkeit – Leiden – Lernen – Letzte Male – Liebe – Loslassen – Lotto – Lüge
M wie Mantra
Mama – Mandela – Mantra – Marc Aurel – Marone – Martin Luther King – Materialismus in der Psychologie – Mathematische Formeln für das Glück – Meckern oder nicht meckern – Medaillen – Meister des Glücks – Melancholie – Mentale Bilder und Geschwindigkeit – Midlife-Crisis – Milde – »Mist, Mist, Mist!« – Mitleid – Modernität – Montesquieu – Moral – Moskau – Morgen
N wie Natur
Nachgeben – Nachsicht – Nachteile des Glücklichseins – Nachts im Freien – Nahrung – Natur – Neid – Neugier – Neuroplastizität – Nicht urteilen – Nirwana – Nostalgie – Not – Nützlich
O wie Offenheit
Offenheit des Geistes – Ohne Glück … – Ohnmächtig, aber da – Ökologie und Psychologie – Optimismus – Oxymoron des Glücks
P wie perfekter Augenblick
Panne – »Papa, wenn du stirbst …« – Partys – Perfekter Augenblick – Perfektion des Glücks – Perplexität – Petersilie, gegenseitige Hilfe und Nasenpopel – Pflichten des Glücks – Pipi – Plattitüden – Polizei – Politisch und psychologisch – Positiv denken – Positive Klarstellung – Positive Lenkung – Positive Psychologie – Positives bei anderen sehen – Prävention – Prinz de Ligne – Probleme – Psychoanalytiker – Psychodiversität – Psycho-Neuro-Immunologie
Q wie Quellen des Glücks
Qualen in der Freude – Quellen des Glücks – Quietismus
R wie Recht auf Unglück
Rächer mit der Maske – Recht auf Glück – Recht auf Unglück – Reichtum beruhigt – Religion – Revolutionen – Rückfälle – Rue des Champs-Pierreux – Rührung
S wie Sonne
Sandwich – Schaben, Kirschen und negative Tendenz – Schadenfreude – Schal – Scharfsinn – Schaufenster für Emotionen: das Gesicht – Schaufenster – Schenken – Schicksalsschlag – Schizophrenie und Liebe – Schlechte Laune – Schlechtes sagen, ohne es zu tun – Schlecht gelaunter Affe – Schmerz – Schnurrbart – Schön – Schuld – Schuldig, weil man glücklich ist – Schwach oder verletzlich? – Schwan – Seil und Kette – Selbstheilung – Selbstkontrolle – Selbstmord – Selbstwertgefühl – Selektives Gedächtnis – Seufzen oder nicht mehr seufzen – Sex und Glück: »Oh ja!« – Sex und Glück: »Naja …« – Sinn des Lebens – Sklave seiner selbst – Snobismus – Snoopy – Sokrates – Sorgen – Sorge um das Glück – Soziale Bindungen – Später – Spinoza – Stärken und Schwächen – Steiler Hang und Freundschaft – Stille – Stimmungsabhängigkeit – Stolz – Stopp! – Strecken
T wie Traurigkeit
Tetrapharmakos (»Vierfache Medizin«) – Therapie – Tiere – Tod – Todeslager – »Total happiness!« – Tragisch – Training für den Geist – Trauer des Caligula – Trauer und Trost – Träumen – Traurigkeit – Trost – Trotzdem – »Tu dein Bestes« – Tugenden
U wie Unglück
Überall – Überfluss – Üble Nachrede – Umherschweifen des Geistes – Unangenehmer Miesepeter – Ungewissheit (vor angenehmen Ereignissen) – Ungewissheit (nach angenehmen Ereignissen) – Ungewissheit und Angst – Unglück – Unhöflich – Untugend – Utopie
V wie Verzeihung
Veränderung: die Möglichkeit – Veränderung: die Schritte – Vergangenheit – Die Vergangenheit schönen – Vergleiche – Vergnügen – Verrückte – Verzeihung – Verzichten – Verzweiflung – Vier Lebensregeln – Vorbilder und Antivorbilder – Vorher und nachher – Vorsätze – Vorschreiben oder verbieten – Vorurteile und Geländewagen – Vorurteile (Rückfall)
W wie Wohlwollen
Waffenstillstand (Armistice) – Wahrheit – Walden – Walhalla – Wall Street – Wann bin ich wirklich ich selbst? – »Was hast du heute für andere getan?« – Weisheit – Weltuntergang – Werbung – Wert – Wetter – Widerstandsfähigkeit – Widmung – Wiederfinden – Winter – Wintersonnenwende – Wissenschaft – Wohlbefinden – Wohlwollen – Wölfe – Wolken – Worry – Worte, Worte – Wünsche
X wie anonym
X – X in Aktion – Xenismus – Xerophil
Y wie Yin und Yang
Yacht – Yin und Yang – Yippie!
Z wie Zen
Zahnfee – Zahnschmerz – Zappen – Zebras – Zeit haben – Zeitweise glücklich – Zen – Zerstreuungen und Streuungen – Zucchini-Gratin – Zukunft – Zufrieden – Zum Atmen gezwungen – Zu spät – Zu viel Glück? – Zum Schluss
Schluss: In der Stunde meines Todes
Anmerkungen

Vorwort für die deutsche Ausgabe

Ich freue mich sehr, Ihnen die deutsche Fassung dieses Buches zu präsentieren, das gewiss mein persönlichstes Werk ist. Meine Beziehung zu Deutschland ist einfach, in meinen Augen aber bedeutsam: Im Unterschied zu vielen Franzosen, die für dieses Land eine Mischung aus Angst und Bewunderung empfinden, fühle ich Zuneigung, denn Deutschland ist für mich mit zahlreichen Erinnerungen an glückliche Momente verbunden.
Die erste Erinnerung geht auf meine Schulzeit, genauer auf die Jahre nach dem Wechsel von der Grund- in die weiterführende Schule zurück. Meine Eltern beschlossen, mich für eine Klasse anzumelden, in der die erste Fremdsprache Deutsch war, während fast alle anderen Englisch oder Spanisch wählten (das war in Toulouse, im Süden Frankreichs, etwa hundert Kilometer von der spanischen Grenze entfernt). Ihnen ging es dabei zunächst nur um schulischen Ehrgeiz: Deutsch galt als schwierig, und nur guten Schülern wurde empfohlen, sich für Klassen anzumelden, in denen es unterrichtet wurde. Im ersten Jahr hatte ich das Glück, auf eine außergewöhnlich sympathische, sehr engagierte und hübsche Lehrerin zu treffen, die diese Kurse in Momente des Glücks verwandelte, und in die alle Jungen der Klasse sehr verliebt waren. Wir waren höchst motiviert, die deutsche Sprache und etwas über die deutsche Kultur zu lernen …
Dies alles freute meinen Großvater mütterlicherseits, zu dem ich eine sehr intensive Beziehung hatte (siehe zum Beispiel den Eintrag »Schaufenster« dieses Buches). Wie alle Männer seiner Generation hatte er während des Zweiten Weltkriegs gegen die Deutschen gekämpft. Nach der Niederlage Frankreichs 1940 wurde er als Kriegsgefangener nach Deutschland geschickt, um in einem landwirtschaftlichen Betrieb zu arbeiten. Als aktiver Kommunist hatte er kein Ressentiment gegen die Deutschen, denn er betrachtete den Krieg als eine Manipulation der Völker durch das, was er mit zusammengezogenen Augenbrauen und tiefer Stimme »das Großkapital« nannte, das darauf ziele, sie gegeneinander aufzubringen. Er war also eher bereit, sich mit ihnen zu verbrüdern, als sie zu hassen. Er pflegte sogar gute Beziehungen zu den Betreibern des Bauernhofs, auf dem er arbeitete, und besuchte sie, als wieder Friede war, häufig. Er hatte also ebenfalls ein freundschaftliches Verhältnis zu Deutschland …
Dann kam, wie für alle Schüler in der Sekundarstufe, die Zeit der Sprachaustausche. Da meine Eltern mich immer noch in den bestmöglichen Klassen haben wollten (wir kamen aus bescheidenen Verhältnissen, und meine Eltern wollten, dass ich Erfolg hatte), hatten sie mich auch bei der zweiten Fremdsprache immer noch nicht für Englisch oder Spanisch angemeldet, sondern für Latein und Altgriechisch. Also blieb mir als mögliches Ziel nur Deutschland, was mir überhaupt nicht missfiel, da ich sehr neugierig darauf war, dieses Land »in echt« kennenzulernen. Die Familie, bei der ich einen Sommer lang wohnte, lebte in Essen im Ruhrgebiet. In touristischer Hinsicht ist das vielleicht nicht die attraktivste Stadt, doch ich begegnete einer außergewöhnlich netten Familie, warmherzig und gastfreundlich, die mich wie einen Sohn behandelte. Auch dies sind schöne Erinnerungen an glückliche Momente …
Schließlich kamen die Studienjahre und die medizinische Fakultät. Mein bester Freund und ich waren damals von Berlin begeistert. Wir fuhren oft dorthin. Das war zu Anfang der 1980er-Jahre, kurz vor dem Fall der Mauer. Ich erinnere mich noch lebhaft an die sehr spezielle Atmosphäre in jedem der beiden Teile der Stadt: Westberlin als Insel des Kapitalismus und der künstlerischen Freiheit inmitten eines kommunistischen Ozeans; und Ostberlin, das wir regelmäßig besuchten, wie eine Reise in eine andere Welt, trist und bewegend zugleich. Da wir Deutsch sprachen, hatten wir zahlreiche Begegnungen mit jungen Berlinern und vor allem mit jungen Berlinerinnen. Meine Liebe für den Klang der deutschen Sprache hat ihren Ursprung sicherlich eher in diesen Jahren als in der Schulzeit, denn die Musik der Liebesworte einer Freundin klingt für immer in den Ohren nach …
Nun gut, ich werde Ihnen jetzt weder von meinem intensiven Genuss der Werke Bachs, Goethes, Schillers und anderer erzählen, noch von meinem Freund Florian, einem deutschen Fotografen, der in Paris lebt und mir regelmäßig von den Schönheiten des Schwarzwalds vorschwärmt. Ich möchte lediglich hiermit schließen: In Deutschland gibt es ein Sprichwort, das lautet »Glücklich wie Gott in Frankreich«. Ich gebe zu, wir sind sehr glücklich hier. Doch was mich angeht, würde ich hinzufügen: »und so glücklich, wie ich jedes Mal in Deutschland war«.
Christophe André, Paris, Sommer 2014

Einleitung: »Ich möchte den Chef sprechen!«

Es begann alles ganz normal: Das Arbeitsessen in einem kleinen Pariser Restaurant mit einem extravertierten, etwas unruhigen und sehr selbstbewussten, mir aber sehr lieben Freund, neigte sich dem Ende entgegen. Wir hatten gut gegessen, in angenehmer Umgebung mit schneller und freundlicher Bedienung. Tadellos. Und dann unterbricht mein Freund plötzlich das Gespräch, zieht die Augenbrauen hoch und ruft nach dem Kellner. Der ist ein wenig beunruhigt, möchte wissen, was los ist, aber mein Freund antwortet nur: »Ich möchte den Chef sprechen!« Der Kellner, verblüfft und durchaus bedauernswert, geht also. Ich frage: »Was ist los? Ist etwas nicht in Ordnung?« Doch mein Freund gibt mir nur die etwas vage Antwort: »Nein, nein, du wirst schon sehen«. Er sieht dabei recht selbstzufrieden aus, was mich aber nicht wirklich beruhigt.
Dann kommt der Kellner mit dem Chef zurück, den er aus der Küche geholt hat: »Stimmt etwas nicht, meine Herren?« Und mein Freund antwortet mit einem breiten Lächeln: »Nein, es ist alles bestens! Ich wollte Ihnen nur persönlich meinen Glückwunsch aussprechen! Das Essen war köstlich und der Service perfekt!« Nach kurzer Fassungslosigkeit (offenbar war ihnen so etwas noch nicht passiert) breitet sich ein Lächeln auf den Gesichtern von Chef und Kellner aus. Dann unterhalten wir uns noch ein Weilchen mit ihnen darüber, dass Gäste den Chef für gewöhnlich nur rufen, um sich zu beschweren, nicht, um ihn zu beglückwünschen.
So entdeckte ich die Positive Psychologie.

Negative Psychologie?

Bis dahin hatte ich in meinem Beruf und in meinem Leben negative Psychologie betrieben. Ich hielt es mit Jules Renard1: »Wir sind nicht glücklich: Unser Glück, das ist das Schweigen des Unglücks.«
Als junger Psychiater hatte ich ein einfaches Bild von meinem Beruf: kranke Menschen behandeln und sie wieder ins Gleichgewicht bringen, damit sie ihr Leben weiterleben können. In der Hoffnung, sie nicht wiederzusehen, oder jedenfalls nicht so bald. Als junger Mensch war ich nicht sehr glücklich, auch wenn ich das Leben interessant und manchmal lustig fand. Wenn sich tagelang nichts Positives für mich ereignete, begnügte ich mich mit dem Negativen und war bereit, darüber zu lachen, so wie Woody Allen, als er sagte: »Ich würde gern mit einer Botschaft der Hoffnung enden, doch ich habe keine! Wären Sie auch mit zwei Botschaften der Hoffnungslosigkeit einverstanden?« Kurz, die Psychiatrie war nicht lustig, das Leben auch nicht.
Doch allmählich gingen mir die Augen auf, über meinen Beruf und über mein Leben.
Ich werde Ihnen hier nicht mein Leben erzählen, ich spreche in diesem Buch ohnehin genug von mir (von mir als gewöhnlichem Vertreter der Menschheit und nicht als besonderem, anderem, irgendwie bemerkenswertem Wesen). Doch die Positive Psychologie hat für mich Vieles verändert, zum Guten natürlich. Ich weiß heute, dass meine Arbeit als Psychiater nicht einfach darin besteht zu reparieren, was im Geist und in der Seele meiner Patienten beschädigt ist (Negative Psychologie), sondern auch darin, ihnen zu helfen, das zu entwickeln, was bei ihnen gut läuft oder was mit ein wenig Mühe gut laufen könnte, damit sie glücklicher sein und das Leben genießen können (Positive Psychologie). Nicht nur, weil ich ihnen wohlgesonnen bin, sondern auch, weil ich weiß, weil wir nun wissen, dass Glück ein ausgezeichnetes Mittel ist, psychischen Leiden vorzubeugen oder Rückfälle zu verhindern (und da es in der Psychiatrie zahlreiche Rückfälle gibt, hat man einen guten Grund, sich mit dem Glück zu befassen). Wir dürfen die Psychotherapie nicht länger als eine Methode betrachten, die darin besteht zu sagen: »Erzählen Sie mir Ihre Probleme, wieder und wieder, und dann werden wir sehen, was wir damit anfangen …« Wir dürfen nicht weiter darauf warten, dass die Menschen erkranken und wieder erkranken, um sie zu behandeln und wieder zu behandeln. Deshalb brauchen wir die Positive Psychologie. Und es muss sich dabei wirklich um Positive Psychologie handeln, nicht um einen Ersatz oder eine Mogelpackung.

»Denken Sie nicht mehr daran! Denken Sie positiv!« Das ist keine Positive Psychologie …

Als ich noch neu im Beruf war, sagten meine älteren Kollegen ihren Patienten, wenn sie geheilt, aber doch mal wieder niedergeschlagen waren: »Jetzt ist alles gut, vergessen Sie das alles, denken Sie positiv und genießen Sie das Leben.« Und leider, leider erlitten sie häufig einige Monate oder Jahre später einen Rückfall.
Heutzutage wissen wir, dass die Depression eine Krankheit ist, die dazu tendiert zurückzukehren, so wie Krebs dazu tendiert, Metastasen zu bilden. Aber Achtung: Eine Tendenz ist keine Gewissheit; der Begriff besagt nur, dass unsere Leiden dazu neigen zurückzukehren, wenn wir uns keine Mühe geben, wenn wir unsere Lebensweise nicht ändern, wenn wir weitermachen wie zuvor. Deshalb interessieren wir uns heute dafür, wie man Rückfällen vorbeugt: Wir raten unseren Patienten nicht mehr, zu vergessen, sondern ihre Lebenweise und ihre Denkweise zu ändern. Wir versuchen nicht unbedingt, sie zu beruhigen (»Das ist vorbei, das kommt nicht wieder«), sondern ihnen die Augen zu öffnen (»Das kann zurückkommen«), ihnen dabei aber Hoffnung zu machen (»Doch kann man viel tun, um das zu verhindern«). Wir sagen ihnen, »Denken Sie daran«, nicht um ihnen Angst zu machen, sondern um sie dazu zu bewegen, sich um sich selbst zu kümmern. Und wir geben ihnen eine genaue Anleitung, wie das gelingen kann: Genau so arbeitet die Positive Psychologie!
Wenn man geheilt ist, muss es einem natürlich gelingen, nicht zu viel an das zu denken, was schlecht laufen könnte (dabei kann uns die Psychotherapie helfen), aber man muss auch verstärkt daran denken, was gut laufen könnte (das ist die Rolle der Positiven Psychologie).
Trotzdem besteht Positive Psychologie nicht darin, vage gute Ratschläge zu geben wie »Nehmen Sie das Leben leicht!« oder »Denken Sie positiv!« Sie ist auch kein Sichtschutz, der den Patienten daran hindert, die Probleme zu sehen, oder gar eine Aufforderung, seine Aufmerksamkeit nur auf die glücklichen und fröhlichen Aspekte seines Lebens zu richten – mit dem Risiko zu vergessen, dass Widrigkeiten und Unglück ebenfalls integrale Bestandteile dieses Lebens sind. Sie ist keine trügerische Sicht auf das Dasein, es geht nicht darum zu hoffen, dass das Leben freundlich zu uns sei, oder mit aller Kraft zu versuchen, es so zu sehen.
Positive Psychologie ist viel ambitionierter, komplizierter und subtiler.

Was ist Positive Psychologie?

Sie ist ganz einfach die Erforschung dessen, was im menschlichen Geist gut funktioniert, derjenigen mentalen und emotionalen Fähigkeiten, die uns helfen, das Leben zu genießen, Probleme zu lösen und Unglück zu überwinden – oder es zumindest zu überleben. Sie lässt uns Optimismus, Vertrauen, Dankbarkeit und ähnliche Gefühle empfinden. Das Ziel ist zu verstehen, wie wir diese kostbaren Fähigkeiten in unserem Geist bewahren können, und vor allem diese Kunst denjenigen beizubringen, die sie brauchen. Als Mediziner sehe ich natürlich, inwiefern sich dies auf meine Patienten anwenden lässt: den Niedergeschlagenen helfen, weniger niedergeschlagen zu sein, den Ängstlichen, weniger ängstlich zu sein, und zwar nicht nur, indem man ihre Symptome lindert, sondern auch, indem man ihnen hilft, ihre Aufmerksamkeit auf die glücklichen Aspekte ihres Lebens zu richten. Dazu sind sie nicht in der Lage, wenn ihre Krankheit akut ist, und wenn es ihnen besser geht und sie dazu in der Lage wären, wissen sie nicht, wie sie es anstellen könnten. Im weiteren Sinne können natürlich alle Menschen, nicht nur die besonders Verletzlichen, lernen, mit ihrem Menschsein besser zurechtzukommen, ihr Wohlbefinden und ihr Glück zu kultivieren und an andere weiterzugeben. Das hätte zahlreiche Vorteile, nicht nur im Gesundheitsbereich, sondern für alle Institutionen, in denen man heute – zu Recht – davon überzeugt ist, dass Menschen, denen es psychisch gut geht, ihr Bestes geben, ob beim Lernen (in der Schule), bei der Arbeit (im Unternehmen) oder beim mutigen und großmütigen Regieren (in der Politik).2
Die Positive Psychologie hat drei wesentliche Komponenten: Sie ist Überzeugung, Wissenschaft und Praxis.
Zuerst die Überzeugung: Leben ist eine Chance. Und diese Chance verderben wir oft, weil wir nicht intelligent genug sind. Es handelt sich dabei nicht um die Intelligenz, mit der wir mathematische Formeln oder komplexe Probleme lösen, sondern um die Intelligenz des Glücks, die darin besteht, das Leben so zu sehen wie es ist, umfassend, mit seinen schönen und seinen schlechten Seiten, und es zu lieben, ganz gleich was geschieht. Diese Intelligenz besteht nicht darin, neues Wissen zu erwerben, sondern darin, mit überkommenen Gewissheiten zu brechen, vor der Tür des eigenen Geistes zu kehren, um dem Glück einen Weg zu bahnen, das, wie man weiß, in den einfachen Dingen liegt. Dann die Wissenschaft: Was die Positive Psychologie von guten Ratschlägen oder älteren Methoden (die innerhalb ihrer Institutionen durchaus zweckmäßig sein können) unterscheidet, ist, dass sie nach wissenschaftlicher Bestätigung sucht. Nicht nur gute Gefühle, auch gute Argumente: klinische Studien (was funktioniert und was funktioniert nicht?), Biologie, Neuroimaging und so weiter. Bei ihrer Suche nach dem, was unser Wohlbefinden fördern könnte, geht die Positive Psychologie so methodisch wie gründlich vor und entdeckt dabei häufig Konzepte und Überzeugungen der antiken Philosophie wieder und bestätigt sie: Für die Griechen und Römer war das intelligente Streben des Bürgers nach Glück ein hohes und legitimes Ziel, und es setzte eine regelmäßige Arbeit an sich selbst voraus.
Und schließlich die Praxis: Wissen und Konzepte genügen nicht. Nie. Um weiterzukommen, muss man etwas tun!

Fünf Regeln für die Praxis der Positiven Psychologie

Es gibt sehr viele wissenschaftliche Arbeiten und Handbücher zur Positiven Psychologie, doch alle betonen die folgenden zentralen Punkte.
1) Wichtig ist, was ich tue, und nicht, was ich weiß
Seit mehr als zwei Jahrtausenden verkünden die Weisen des Morgen- und des Abendlandes den Menschen die gleichen Botschaften: Für ein glückliches Leben muss man den Augenblick genießen, der Natur nahe bleiben, andere Menschen respektieren, ein einfaches und nüchternes Leben führen, ruhig Blut bewahren und so weiter. Das ist derartig offenkundig, dass man in Bezug auf diese Ratschläge gelegentlich von »großen Plattitüden« spricht. Und dennoch, so platt sie auch sein mögen, diese Empfehlungen sprechen uns an – wir wissen und fühlen, dass sie richtig sind. Alle hören den Weisen zu, alle bewundern sie, alle stimmen ihnen zu. Und dann gehen alle davon und machen weiter wie bisher. Niemand macht sich an die Arbeit. Bestenfalls versucht man es halbherzig, besteht dann aber nicht weiter darauf, weil es schwieriger ist als erwartet, weil es ermüdend ist oder weil man nicht augenblicklich Ergebnisse erzielt; und schließlich gibt man auf. Und wenn der Weise uns etwas gereizt nachläuft und am Ärmel festhält, antworten wir ihm: »Ja, ja, ich weiß, ich weiß.« Natürlich wissen wir! Sogar ein Kind weiß, was glücklich und was das Leben schön macht! Nur verstehen wir nicht, dass die Schwierigkeit nicht im Wissen liegt, sondern in dessen Anwendung, besonders wenn diese regelmäßig und anhaltend sein soll. Wir verstehen nicht, dass es nicht darum geht, was ich weiß, sondern darum, was ich tue. Liegt es vielleicht daran, dass wir uns mit der Positiven Psychologie so schwer tun? Weil wir lieber abschätzig lächeln als prüfen, weil wir den Intellekt zu hoch schätzen und die Praxis zu gering? Wir sind lieber Denker und Kommentatoren des Glücks als dessen Handwerker und Praktiker.
2) Ohne Schweiß kein Preis?
Wir wissen sehr gut, dass wir regelmäßig trainieren müssen, um mehr Kondition, mehr Kraft, mehr Gelenkigkeit zu erlangen. Wir wissen, dass es nicht reicht zu sagen: »Ab jetzt werde ich versuchen, mehr Kondition, Kraft oder Gelenkigkeit zu haben«, und dies sehr stark zu wollen. Uns ist klar, dass wir laufen müssen, Muskeltraining machen, Yoga oder Gymnastik. Regelmäßig.
Für unseren Körper akzeptieren wir dies, aber was die guten Vorsätze für unsere Psyche angeht, denken wir weiterhin: »Dieses Mal mache ich ernst, ich bin motiviert und ich werde versuchen, mich weniger zu stressen, das Leben mehr zu genießen, weniger zu meckern, die schönen Momente besser auszukosten, statt sie mir durch meine Sorgen zu verderben.« Aber nein, so funktioniert das nicht! Wie für die Kondition oder die Muskeln reicht es nicht zu wollen, man muss trainieren. Ein solches »Training des Geistes« sind die Übungen der Positiven Psychologie. Man darf sie nicht als nette Spielereien betrachten. Es geht darum, neuronale Netze, die positive Emotionen mobilisieren, auszubilden und regelmäßig zu aktivieren.
Ich erkenne gern an, dass die Formel »Ohne Schweiß kein Preis« etwas radikal ist. Einige Lebensfreuden schenkt uns das Leben unverhofft und unverdient, jedenfalls ohne dass wir uns darum bemüht hätten. Es hat aber zwei Nachteile, wenn man sich nur an diese vom Himmel kommenden Gnadengaben hält: 1) Sie kommen nicht so häufig vor; 2) wir könnten sie verschwenden und sogar versäumen sie zu bemerken, wenn unser Geist sich nur mit unseren Sorgen und »den Dingen, die zu tun sind«, befasst. Deshalb wird uns ein wenig Schweiß einiges mehr an Glück bescheren. Ein Freund sagte einmal zu mir: »Aber Christophe, ist Glück, das nach Schweiß riecht, nicht wie ein Paar, das sich bemüht, sich zu lieben? Kommt wahre Liebe nicht ohne Anstrengungen aus? Wie das wahre Glück?« Ja, mein Freund, nur … Auch in der Liebe muss man sich anstrengen! Nicht so sehr, um Liebe zu erwecken, sondern damit sie anhalten, tiefer werden, sich entwickeln, lebendig und interessant bleiben kann. Ohne diese Bemühungen wird die Liebe nicht auf Dauer brennen.3 Das Gleiche gilt für das Glück: Unsere Bemühungen dienen nicht so sehr dazu, es herbeizurufen oder aus dem Nichts entstehen zu lassen, sondern dazu, es besser zu ergreifen, wenn es vorbeigeflogen kommt, es besser auszukosten. Und es während unseres gesamten Lebens lebendig und gegenwärtig zu halten.
Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Bemühungen unser Glück nur dann mehren, wenn sie auf wirksamen Strategien beruhen: Je mehr Mühe man sich gibt, desto bessere Ergebnisse erzielt man. Aber unter einer Bedingung: Man muss die richtigen Anstrengungen unternehmen!4 Die Positive Psychologie möchte herausfinden, welche das sind.
3) Nicht nachlassen
Die Übungen der Positiven Psychologie vermitteln nicht augenblicklich ein Glücksgefühl. Oder jedenfalls nur selten. Sie bereiten diese Empfindungen lediglich vor und fördern sie, machen uns aufmerksamer gegenüber angenehmen Situationen, sensibler für die schönen Dinge und Momente unseres Lebens. Die Veränderungen erfolgen allmählich, wie bei jedem Lernvorgang. Auch dies kennen wir: Wenn man etwas Neues lernt, braucht es häufig Zeit, bis sich greifbare Ergebnisse einstellen. Wir wissen dies und akzeptieren es für alles Lernen – Klavier oder Englisch, Aquarellmalerei oder Tennis. Für alles, außer für unser psychisches Wohlbefinden. Das soll sofort funktionieren. Und weil dem nicht so ist, sagen wir uns häufig: »Ich hab’s ja versucht, aber es hat nicht geklappt.« Und wir schließen daraus, dass die Methode wirkungslos oder dass sie für uns nicht geeignet ist. In der Presse gibt es häufig satirische Beiträge zu diesem Thema, auch im Fernsehen spottet man darüber: »Ich habe alles versucht, um glücklich zu sein, und wissen Sie was? Alles Quatsch, ich bin jetzt überhaupt nicht glücklicher!« Was würde man von jemandem sagen, der uns erzählte: »Ich habe die Geige genommen, ich habe mit dem Bogen über die Saiten gestrichen, und es ist nicht nur nichts Schönes dabei herausgekommen, sondern es klang ganz schrecklich. Die Geige taugt nichts!«?
4) Das Seil und die Fäden
Die Übungen der Positiven Psychologie folgen dem, was ich »Seillogik« nenne: Ein Seil besteht aus zahlreichen Fäden, von denen jeder einzelne zu dünn ist, um etwas Schweres zu heben. Doch wenn sie miteinander verdrillt sind, werden sie zu einem Seil, und das kann sehr schwere Gewichte heben oder ziehen (es kann etwa die Last des Unglücks anheben, auch wenn sie sehr schwer wiegt). Das Training des Geistes im Sinne der Positiven Psychologie folgt diesem Muster: Eine einzige Art der Anstrengung, der Übung, genügt nicht, um unsere mentalen Gewohnheiten zu verändern. Wir müssen die Übungen nicht nur wiederholen, wie wir oben gesehen haben, sondern sie auch zusammentragen und vervielfachen. Zusammengenommen werden sie dann eine große Kraft zur Veränderung entfalten. Das ist letztendlich wie bei der Ernährung: Auch wenn wir nur gesunde Nahrungsmittel zu uns nehmen, muss die Diät vielfältig und ausgewogen sein. Auch wenn Obst gut für die Gesundheit ist, werden wir am Ende ein Problem haben, wenn wir nichts anderes essen. In der Positiven Psychologie gibt es eine sehr große Vielfalt von Übungen, sie entspricht der ebenfalls sehr großen Vielfalt von Eigenschaften, die wir für ein glückliches Leben kultivieren müssen.
5) Ein Platz für das Unglück
Die Positive Psychologie hat nicht zum Ziel, völlig zu verhindern, dass wir unglücklich werden. Das wäre unrealistisch. Sie hat das Ziel, uns dabei zu helfen, es nicht unnötigerweise oder zu lange zu sein. Denn Widrigkeiten und Unglück gehören nun einmal zum menschlichen Schicksal, alle Traditionen, östliche wie westliche, haben uns stets daran erinnert: Das Glück ist das Licht und das Unglück ist sein Schatten, beide sind untrennbar. Deshalb interessiert sich die Positive Psychologie auch für die Resilienz, dafür, wie man dem Leiden widerstehen kann: nicht einfach, indem man Leidensanlässe soweit wie möglich umgeht oder einschränkt, sondern auch, indem man die mentalen Ressourcen nutzt, über die ein jeder von uns verfügt. In der gegenwärtigen Welt, jedenfalls in ihrem reichen westlichen Teil, gibt es ein interessantes Paradox: Je mehr unsere Gesellschaft versucht, uns durch eine Vielzahl von Versicherungen und Transferleistungen vor Unglück zu schützen, desto stärker greifen die psychotherapeutischen Verfahren (und zwar nicht nur in der Positiven Psychologie) den klassischen Diskurs der Stoiker wieder auf: Man muss die Tatsache akzeptieren, dass in unserem Leben widrige Ereignisse auftreten und sich darauf vorbereiten, statt davon zu träumen, ihnen niemals begegnen zu müssen.

Hin zu einem aufgeklärten Glück

Das Glück des Einzelnen und der Gesellschaft ist das große Ziel der Positiven Psychologie. Dieses Glück kann aber nicht als Sichtschutz dienen, als Schirm, der uns alle Widrigkeiten vergessen lässt. Es muss für uns vielmehr eine Kraftquelle sein, die uns hilft, der Not entgegenzutreten, wie Claudel einmal bemerkte: »Das Glück ist nicht das Ziel des Lebens, sondern das Mittel zum Leben.« Das Glück ist das Mittel, um die düstere Seite des Lebens zu ertragen. Ohne das Glück käme uns das Dasein vor wie eine Folge von Ärgernissen und Sorgen, manchmal auch Dramen. Was es auch wirklich ist. Doch zum Glück ist es nicht nur das: Das Dasein ist auch eine Folge von Freuden und Entdeckungen, die uns dabei helfen, durch die Not zu gehen, und die uns motivieren weiterzumachen, ganz gleich, was kommen mag.
Es ist also unnütz, uns auf die Suche nach einem abstrakten Glück jenseits der Jahreszeiten unseres Lebens zu machen, bleich wie die Früchte, die im Gewächshaus angebaut werden. Das einzige Glück, das zählt, ist jenes, das in unserem Leben verwurzelt ist: verbeult, unregelmäßig, unvorhersehbar, doch letztlich schmackhafter, mit einer Geschichte, die seinen Gehalt und sein Aroma ausmacht.
Das Unglück zu akzeptieren heißt jedoch nicht, es zu wünschen, es zu lieben, es zu erdulden. Es bedeutet lediglich, seine düstere Gegenwart anzuerkennen, zu wissen, dass es da sein wird, regelmäßig, zu allen Zeiten unseres Lebens, sei es in Form eines leisen Hauches (als Schatten im Bild unserer glücklichen Augenblicke) oder eines wilden Sturms (in den dunkelsten Stunden unserer Existenz). Das bedeutet auch anzuerkennen, dass wir das, was wir heute für Unglück halten, vielleicht morgen oder übermorgen als eine Chance betrachten werden, eine schmerzhafte Erfahrung zwar, die aber unseren Lebenslauf zu unserem Vorteil verändert hat. Soll man ständig nach einer – positiven oder negativen – Bedeutung suchen, nach einem Zusammenhang in all dem, was uns widerfährt? Oder soll man es akzeptieren, mit einem Lächeln auf den Lippen und einem offenen Geist für das Mysterium, wie der Dichter Christian Bobin vorschlägt? Der hellsichtige Bobin sagt Folgendes: »Ich begriff auch sehr schnell, dass wahre Hilfe nie so aussieht, wie wir sie uns vorstellen. Hier bekommen wir eine Ohrfeige, dort reicht man uns einen Fliederzweig, und es ist stets derselbe Engel, der seine Gunst verteilt. Das Leben strahlt, eben weil es unverständlich ist.«5
Ohrfeigen und Flieder stehen auch auf dem Programm der folgenden Seiten.
Und der Engel?
Er ist da, hinter dir.
Er schaut dir über die Schulter.
Wie immer.

A wie atmen

Was auch geschehen mag, atme. Wenn du liebst oder wenn du weinst, wenn alles ist und nichts. Ganz einfach, weil du lebst.
ABC Die Idee zu diesem Buch kam mir (zum Teil), als ich mein Büro betrachtete: eine fröhliche Unordnung. Natürlich ist es voller wissenschaftlicher Bücher und Zeitschriften. Und verschiedenster Dinge aller Art: Meditationsbank, Grünpflanzen, Ikonen, Marien- oder Buddhastatuen, ein Gerät, um sich am Kopf zu massieren. Eine Wand mit Kinderzeichnungen, die meine Töchter, meine Neffen, Patenkinder oder auch andere Kinder gemalt haben. Bilder, die mir Freunde schenkten, ein Poster von den All Blacks, ein Porträt von Martin Luther King, ein Plüsch-Freud, Fotos meiner Töchter, ein Wimpel des Stadions von Toulouse. Das alles ist für mich eine Quelle des Glücks und der Dankbarkeit dem Leben gegenüber. Es ist eine heterogene Zusammenstellung, doch so ist auch das Glück: eine Anhäufung von Momenten und Erfahrungen, die scheinbar ebenso bunt zusammengewürfelt sind wie diese Dinge.
So kam es zu diesem Buch, das eine Sammlung von Geschichten und Reflexionen rund um die Suche nach dem glücklichen Leben ist, und zwar in ihrer modernen und wissenschaftlichen Form, der sogenannten »Positiven Psychologie«. In einer solchen Sammlung, die kein anderes erkennbares Ordnungsprinzip hat als das Alphabet, kann man das komplexe und unvorhersehbare Wesen des Glücks vielleicht am besten darstellen: kleine verstreute Stückchen Glück, die man hier und da aufgesammelt hat, und deren Wiederholung das Gefühl eines glücklichen Lebens mit sich bringt. Gelegentlich kommt in uns das Gefühl auf, dass all diese Augenblicke einen Sinn und einen Zusammenhang haben. Das hält natürlich nicht an, zum Glück, denn das wäre zu ernst und zu langweilig. Wir wenden uns dann wieder der Zerstreuung zu, das heißt dem Leben. Aber diese flüchtige Erkenntnis ist wunderbar und motivierend.
Ist dieses Buch eine Fibel oder ein Wörterbuch? Auf den ersten Blick ähneln sich beide wegen ihrer alphabetischen Reihenfolge. Abgesehen davon, dass die Schulfibel früher das Lesen vermitteln wollte. Ich hoffe, dass Sie, während Sie zwischen den Artikeln dieses ABC-Buchs der Positiven Psychologie hin und her springen, spüren, wie Sie mehr Klarheit darüber erlangen, was Ihr Leben glücklicher machen kann. Ich bin überzeugt, dass man Glücklichsein lernen kann. Zunächst, weil zahlreiche Arbeiten dies belegen.1 Dann deshalb, weil ich es selbst gelernt habe. In Sachen Glücklichsein gibt es, wie wir sehen werden, Hochbegabte, zu denen ich aber nicht gehöre. Ich gehöre eher zu den gewöhnlichen Schülern, die sich für den Stoff interessieren und sich deshalb Mühe geben. Diese Bemühungen tragen stets Früchte. Sie machen uns nicht unbedingt zu stets glänzenden Virtuosen. Aber zu Menschen, die eindeutig glücklicher sind, als wenn sie sich keine Mühe gegeben und es dem Leben überlassen hätten, sich um ihr Glück zu kümmern, indem es ihnen Ereignisse und Begegnungen auf den Weg wirft, die sie aufnehmen oder ignorieren können.
Die Hochbegabten werden diese Fibel also kaum lesen müssen, die Desillusionierten werden keine Lust dazu haben, aber alle anderen werden sich vielleicht dafür interessieren.
Aberglaube Es ist lustig, wie abergläubisch manche Leute in Bezug auf das Glück sind. Ein wenig wie bei der Gesundheit, wenn die Leute auf die Frage »Wie geht’s?« nicht zu antworten wagen »Mir geht’s sehr gut«, aus Angst, den bösen Blick auf sich zu ziehen und krank zu werden. Genauso habe ich Freunde, die nicht gern zugeben: »In diesem Moment bin ich vollkommen glücklich.« Stets ist da die Befürchtung, dass ihnen das Unglück bringen könnte. Es ist auch wirklich wahrscheinlich, dass, wenn alles gut für uns läuft, unsere Gesundheit uns früher oder später (große oder kleine) Probleme bereiten und unser Glück abnehmen wird. Aber es gibt natürlich keine Kausalwirkung: Nicht weil wir uns eingestanden haben, dass wir glücklich oder gesund sind, haben sich die Dinge zum Schlechteren gewandelt, sondern weil diese Phänomene einem klassischen Gesetz unterliegen, der »Regression zum Mittelwert«2. Jedes Phänomen, das aus dem Mittelwert ausbricht, hat die ganz natürliche Tendenz, dahin zurückzukehren. Die Spitzenwerte des Glücks und die Abgründe des Unglücks gehorchen dieser Regel. Ein Grund mehr, das Glück zu genießen, wenn es da ist, und im Unglück nicht zu verzweifeln: Weder das eine noch das andere währt ewig.
Abgründe »Die Vergangenheit ist ein bodenloser Abgrund, der alles Vergängliche schluckt; und die Zukunft ist ein anderer Abgrund, zu dem wir keinen Zutritt haben; der eine verfließt fortwährend in den anderen; die Zukunft fließt durch die Gegenwart in die Vergangenheit; wir stehen zwischen diesen beiden Abgründen und spüren es; denn wir spüren das Verrinnen der Zukunft in die Vergangenheit; diese Empfindung ist die Gegenwart über dem Abgrund.«
Dieser Satz stammt von Pierre Nicole, einem jansenistischen Theologen, und hat mich sehr erschüttert, als ich ihn zum ersten Mal las (in einem Buch eben mit dem Titel Abîmes [Abgründe] von Pascal Quignard). Und er bewegt mich immer noch jedes Mal, wenn ich ihn wieder lese, durch seine Musikalität und seine geheimnisvolle Aura. Er ruft mir diesen Abgrund in Erinnerung, über den sich unsere fragilen Leben spannen, und das unendliche Verrinnen der Zeit. Entsetzen setzt ein. Und wenn der Moment des Entsetzens vorüber ist, was tun? Durchatmen, lächeln. Den Schmerz und die Klage annehmen. Die verrückte Zerbrechlichkeit der Gegenwart annehmen. Akzeptieren, dass die Dinge so sind wie sie sind. Weiterhin regelmäßig den Abgrund betrachten, der sich uns ununterbrochen in Erinnerung bringt, diesen Abgrund, der sich durch diese unaufhörliche und unerbittliche Bewegung verkörpert, in der die Gegenwart nur das »Verfließen der Zukunft in die Vergangenheit« ist. Und dann den ganzen Rest ansehen: das Leben. Durchatmen, lächeln, wieder und wieder. Freunde sagten zu mir: »Fang dein ABC nicht mit negativen Begriffen an.« Aber nein, Freunde, das ist nicht schlimm, die Leser sind nicht blöd: Sie wissen, dass das Unglück niemals weit vom Glück entfernt ist. Vielmehr verhält es sich so: Angesichts bestimmter Ängste haben wir das Bedürfnis nach Glück. Spüren aber auch seine Grenzen, denn es lässt die Abgründe nicht verschwinden. Fest steht aber vor allem seine Notwendigkeit: Nur das Glück kann uns davon abbringen, in die Abgründe zu starren, indem es uns dazu bringt, andere ebenso faszinierende Dinge zu betrachten: das Leben, die Liebe, die Schönheit.
Abhandlungen über das Glück Man meint häufig, dass unser Zeitalter Spitzenreiter in Sachen Bücher und Schriften über die Kunst, glücklich zu sein, sei. Ich bin mir da nicht so sicher, denn diesen Rekord hält wahrscheinlich das 17. Jahrhundert. Voltaire, Rousseau, Diderot, Madame du Deffand, Madame du Châtelet, alle großen Geister der Zeit haben über das Glück geschrieben. Die Gründe für dieses Phänomen sind vielfältig. Sie sind zugleich religiös (der Rückgang der Allmacht des Katholizismus im alltäglichen Leben und der Rückgang des Strebens nach dem Heil zugunsten des Strebens nach Glück), philosophisch (die Geburt des modernen Individualismus) und politisch (die Demokratisierung des Glücks) motiviert. Jedes Mal, wenn die Macht der Religionen zurückgeht, wenn die persönlichen Freiheiten zunehmen und die Demokratie sich ausbreitet, gewinnt das Streben nach Glück an Bedeutung. In der Hoffnung, dass der Zustand von Dauer ist …
Abhängigkeit Glücklich zu sein bedeutet, abhängig zu sein. Philippe Delerm schreibt sogar: »Glücklich zu sein bedeutet, jemanden zu haben, den man verlieren kann.«3 Ist Abhängigkeit von der Liebe wie Abhängigkeit vom Glück? Auf jeden Fall wie die Abhängigkeit vom Atmen oder vom Essen, also ganz normal, denn das sind die Grundbedürfnisse eines jeden Menschen.
Abstand »Wenn jemand sagt, ›Ich bin glücklich‹, so meint er damit ganz einfach: ›Ich habe zwar Ärger, aber der lässt mich kalt.‹« (Jules Renard, »20. Januar 1902«, Tagebuch). Keinen Ärger haben? Unmöglich. Von ihm kaltgelassen werden? Nicht immer leicht, aber häufig möglich.
Abstinenz In Des Teufels Wörterbuch definiert der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce einen Abstinenzler wie folgt: »Ein schwacher Mensch, der der Versuchung nachgibt, sich selbst ein Vergnügen zu versagen.« So gibt es viele Glücksabstinenzler, die meinen, dass das Glück sie endgültig verweichlichen würde. Also verschieben sie es auf später, sie möchten lieber weitergehen, weiterarbeiten, weiter nur schuften und leiden. Im besten Fall träumen sie vom Glück. Sie halten sich für stark, doch vielleicht sind sie bloß schwach: Sie haben Angst loszulassen und sich gehen zu lassen.
Achtsamkeitsmeditation Die Korrelationen zwischen Achtsamkeit und subjektivem Wohlbefinden (dieser verschämte Name, den man dem Glück in der wissenschaftlichen Forschung gibt) werden seit Langem beschrieben und analysiert.4 So verändert ein Meditationstraining von nur wenigen Wochen Dauer die elektrische Aktivität des Gehirns in dem Sinne, dass eine Zunahme der EEG-Signatur von positiven Emotionen zu beobachten ist.5 Neue Arbeiten setzen die Erforschung dieser Verbindung fort: Teilnehmer eines zwölftägigen Meditationsseminars, das in zwei Teilen mit einem Abstand von drei Monaten stattfand, hatten zum Beispiel deutlich höhere Scores für ihr subjektives Wohlbefinden als die Kontrollgruppe.6 Die Mechanismen des Zusammenhangs zwischen Achtsamkeit und Positiver Psychologie sind zahlreich und ziemlich logisch:
Achtsamkeit erhöht die mentale Aufnahmefähigkeit für angenehme Momente des Alltags, die häufig vernachlässigt werden, weil sich unsere Aufmerksamkeit auf unsere Sorgen oder Ziele konzentriert. Indem wir uns unser Leben stärker vergegenwärtigen, erschließen sich uns zahlreiche Quellen von Wohlbefinden. Es bedeutet, sich die Zeit zu nehmen, innezuhalten und Luft zu holen, den Himmel zu betrachten, einem Vogel zu lauschen, eine Speise zu genießen.
Sie hilft denjenigen, die sie regelmäßig praktizieren, der hedonistischen Gewöhnung zu entgehen. Das ist die Neigung unseres Geistes, die Quellen für Wohlbefinden nicht mehr wahrzunehmen, wenn sie in unserem Leben ständig gegenwärtig sind. Indem die Achtsamkeit uns dazu bringt, alle Dinge und Einzelheiten unseres Alltags auf frische und neue Weise zu betrachten, hilft sie uns, zahlreiche unbedeutende Augenblicke zu genießen.
Achtsamkeit kann außerdem negative Emotionen begrenzen, indem sie das Grübeln erschwert; dies ist einer der wichtigsten Wirkungsmechanismen bei der Verhinderung von depressiven Rückfällen.7 Man weiß, dass ein Patient, der grübelt, sich doppelt bestraft: erstens, indem er sein Leiden verstärkt und zweitens, indem er seinen Geist für die schönen Momente des Lebens verschließt (indem er beispielsweise seine beruflichen Probleme während eines Familienwochenendes wälzt).
Achtsamkeit trägt durch mehrere Mechanismen8 zur automatischen emotionalen Regulierung bei. Einer besteht in einer erhöhten Fähigkeit, frühzeitig die Veränderungen der eigenen emotionalen Zustände9 zu erkennen und sich somit frühzeitig und auf geeignete Weise um sie zu kümmern.
Sie weitet den Aufmerksamkeitsfokus und fördert somit das Entstehen von positiven Emotionen. Achtsamkeit lässt Praktizierende realisieren, dass man im Leiden oder auch bei alltäglichen Handlungen die natürliche Tendenz hat, die Aufmerksamkeit zu verengen und zu konzentrieren; indem der achtsame Mensch sich darum bemüht, regelmäßig den Aufmerksamkeitsfokus zu öffnen und zu weiten, fördert er direkt das Entstehen von positiven Emotionen. Denn es ist bekannt, dass Letztere mit einer erweiterten Aufmerksamkeit zusammenhängen, die uns empfänglicher für den allgemeinen Zusammenhang als für Einzelheiten werden lässt.10 Sie stabilisiert die Aufmerksamkeit. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Aufmerksamkeitsstreuung mit einer größeren Wahrscheinlichkeit mit negativen emotionalen Empfindungen verbunden ist.11Achtsamkeit verändert auch das Verhältnis zu unserem eigenen Selbst,12 indem sie insbesondere unsere Fähigkeiten zum Selbstmitleid (im Sinne der Sensibilität für die eigenen Gefühle) entwickelt.13 Das ist der Grund, weshalb Anhänger der Positiven Psychologie sich sehr für Achtsamkeitsmeditation interessieren.14
Akrasie Willensschwäche, die dazu führt, dass wir nicht nach unseren Werten und Absichten handeln können. Dass wir wütend werden, obwohl wir beschlossen haben, ruhig zu bleiben; egoistisch handeln, obwohl wir wissen, dass Großzügigkeit das einzige Mittel ist, um in dieser Welt friedlich zusammenzuleben; uns beschweren, obwohl wir wissen, dass das zu nichts führt. Und warum? Pascal meint, das liege in unserer Natur: »Der Mensch ist weder Engel noch Tier und das Unglück will es, dass, wer einen Engel aus ihm machen will, ein Tier aus ihm macht.« Die Psychologie spricht hier von mangelnder Selbstkontrolle. Es ist nicht leicht, ein Verhalten zu praktizieren, das wir nicht sehr früh in unserer Kindheit gelernt, bei vielen anderen lange Zeit beobachtet und selbst geübt haben. Im Zusammenhang mit der Positiven Psychologie erscheint uns Akrasie als ein normales und vorhersehbares Problem, zumindest was die Verhaltensweisen angeht, die wir im Erwachsenenalter entwickeln müssen, weil wir sie in jungen Jahren nicht erlernt haben. Haben wir einmal beschlossen, uns zu ändern, ist es eine Frage der neuronalen Verschaltung, der Reflexe und des wiederholten Übens; eine Frage der Ausdauer, der Richtung, in die man gehen muss. Und man braucht Zeit, in der man sich nicht nach den erzielten Ergebnissen beurteilen darf. Schwierigkeiten zu haben bedeutet nicht, dass etwas unmöglich ist, für die Menschen allgemein oder für einen selbst, sondern nur, dass es schwierig ist.
Akzeptieren Alles beginnt mit dem Akzeptieren. Das heißt Ja sagen zum Leben, Ja sagen zu den Sorgen. Zu den Sorgen auch? Ja, zu den Sorgen auch. Obwohl das Unglück stets präsent ist und das Glück sich verbirgt? Ja, auch dann. Einfach Ja sagen.
Akzeptieren, das bedeutet nicht, Leid positiv zu bewerten, es bedeutet nur festzustellen, dass es existiert. Es bedeutet nicht zu sagen, »Es ist gut«, sondern zu sagen, »Es ist da«. Und gleich danach, »Was kann ich tun?« Und zu akzeptieren, dass in diesem »Was kann ich tun?« Möglichkeiten aller Art stecken. Ich kann die Situation ändern oder meine Reaktion, mich bewegen oder abwarten. Wir denken häufig, dass die Revolte des »Nein« (»Nein, das ist nicht möglich; nein, ich werde kämpfen«) der ruhigen Kraft des »Ja« überlegen sei. Das ist manchmal richtig, aber nicht immer. Und am stärksten ist die Verbindung beider: »Ja, das ist so, ich akzeptiere es, ich sehe es, es ist da; aber nein, ich kann die Dinge nicht so laufen lassen.« Leicht gesagt, was heißt das aber in der Praxis?
In der Praxis besteht das Akzeptieren darin, gedanklich jemandem gegenüber Ja zu sagen, der uns nicht zustimmt; nicht Ja zu seinen Argumenten (»Ja, er hat recht«), sondern Ja zur Existenz dieser Argumente und Ja zu seinem Dissens (»Ja, ich weiß wohl, dass er mir nicht zustimmt«) und ihm weiter zuzuhören, um ihn gut zu verstehen und ihm dann gut widersprechen zu können.
Es bedeutet, Ja zur Niederlage zu sagen, ohne sich ihr jedoch zu unterwerfen. Ja zur Not zu sagen, denn es gibt sie, aber dann nicht die Schultern hängen zu lassen. Akzeptieren bedeutet, sich die Zeit zu nehmen, genau hinzuschauen, was vor sich geht. Sich die Zeit zum Durchatmen zu nehmen, um zu verstehen und um nachzuspüren, bis man erkennt, was man tun kann. Es geht nicht um ein Akzeptieren statt Handeln, sondern um ein Akzeptieren vor der Wahl der angemessenen Handlung. Der echten Wahl. Ohne zu akzeptieren werden wir nur impulsiv reagieren und diese Reaktionen werden uns stets auf die gleiche Weise zum selben Ergebnis führen. Und wo liegt der Zusammenhang mit dem Glück? Ganz einfach: Akzeptieren bewahrt uns vor sinnlosen Kämpfen. Grabenkämpfen, die erschöpfen und manchmal unnütz sind, wo Loslassen besser wäre; Kämpfen in unserem Geist, denn unser Grübeln über den Widerstand gegen die Wirklichkeit (»Das ist nicht möglich!«, »Das ist nicht wahr!«, »Ich träume!«) erschöpft uns innerlich.
Alles ist gut Glücklich sein, wenn alles gut läuft, das ist gar nicht so absurd. Wie der Philosoph Alain bemerkte: »Auf allen Schulen müsste es Unterricht geben in der Kunst, glücklich zu sein. Nicht in der Kunst, glücklich zu sein, wenn einen das Unglück beim Wickel hat: Das überlasse ich den Stoikern; vielmehr in der Kunst, glücklich zu sein, wenn die Umstände erträglich sind und die Bitternis des Lebens sich auf Kleinigkeiten beschränkt.«15
Alltag Wichtigste Quelle für die Glücksproduktion. Die Vorkommen sind beträchtlich, die Nutzung ist einfach: Man muss nur Augen und Bewusstsein öffnen.
Alter Herr Er ist einer meiner Lehrmeister des Glücks. Heute ist er auch ein alter kranker Mann. Ich habe ihn vor einigen Tagen wiedergesehen, und wir haben etwas Zeit miteinander verbracht. Ich war bewegt, als ich diesen Mann sah, von dem ich in fünfundzwanzig Jahren viel gelernt habe. Und ich bin besorgt um ihn. Er ist alt und leidet an einer bedrohlichen und einschränkenden Krankheit; wie wird er diese beiden Klippen umschiffen? Ich gebe zu, ich bin auch um meinetwillen etwas besorgt. Ich habe Angst zu erfahren, wie dieser intelligente Mensch, mein liebstes Vorbild für Glück, nun ganz am Ende seines Weges den Crashtest der Krankheit und des nahenden Todes überstehen wird.
Also höre ich ihm zu, ich beobachte ihn. Er ist älter geworden, und er ist langsamer, weniger agil. Man sieht, dass er gelegentlich vom Leiden geschüttelt wird, es zeichnet sein Gesicht und seinen Körper. Die Müdigkeit auch: Ich bemerke, dass er diskret auf bestimmte Gesten (etwas aufheben, das zu Boden gefallen ist) oder auf bestimmte Worte (etwas Kompliziertes erklären) verzichtet. Aber in vielen anderen Momenten wird alles wieder lebendig. Sein Gesicht hellt sich auf, seine Stimme wird klar, seine Augen nehmen neuen Glanz an. Das Glück kehrt zurück, wie die Sonne, die durch die Wolken dringt, oder wie der Wind, der plötzlich die Segel eines langsam gewordenen großen Bootes bläht und ihm wieder Schwung und Tempo verleiht. Dann freut er sich, zeigt Interesse, lässt seinen Geist funkeln, verströmt Freundlichkeit und Wohlwollen. Er ist immer noch so, wie ich ihn kennengelernt, geliebt und bewundert habe. Das Ende naht, sein Ende, aber er ist sich unter dem Staub der Jahre nicht untreu geworden, sein Wesen hat sich nicht verändert. Er hat noch dieselben Werte (das Leben ist immer die Mühe wert, und es ist viel schöner, wenn man lacht, wann immer es möglich ist) und die gleiche Empfänglichkeit für Glück (sich darüber freuen, das Leben in sich selbst und um sich herum zu sehen). Er hat das Beste aus seinem Leben herausgeholt, sich selbst und andere glücklich gemacht, so gut er es konnte. Er weiß, dass seine Zeit bald zu Ende geht. Das macht ihn manchmal etwas traurig, denn er liebte das Leben sehr, doch es hindert ihn nicht daran, im Grunde weiterhin glücklich zu sein.
Ich empfinde eine Mischung aus Zärtlichkeit und Dankbarkeit. Ich fühle mich beruhigt und versöhnt. Und mehr denn je motiviert, seinem Beispiel zu folgen: Gib dein Bestes, und vergiss nicht, glücklich zu sein, wann immer das Leben es dir erlaubt.
Altruismus bedeutet, sich für das Glück anderer einzusetzen, sich für seinen Nächsten zu interessieren und sich ihm zu widmen, ohne dafür einen Dank oder eine Gegenleistung zu erwarten.
Griesgrämige Zeitgenossen behaupten, dass Altruismus nichts anderes sei als ein verkleideter Egoismus: Ich helfe anderen, weil ich mir davon Wohlbefinden und Vergnügen verspreche, vielleicht sogar Wiedergutmachung und Dank von dem Menschen, dem ich geholfen habe – und der es mir eines Tages vergelten wird, so hoffe ich wenigstens. Oder von der Gesellschaft, die mir Bewunderung entgegenbringt. Das gibt es bestimmt. Aber nicht so häufig; und vielleicht verwechselt man hier die Motivation mit den Folgen. Dass Altruismus Bewunderung und Dank bewirkt, ist offenkundig. Dass er nur dadurch motiviert ist, scheint mir eine Ausnahme zu sein und nicht die Regel. Die Arbeiten der Positiven Psychologie und der Evolutionslehre weisen heute in diese Richtung.16 Das Gute an diesen Arbeiten ist zudem, dass sie zeigen, dass altruistische Gesten allmählich das Glück derjenigen steigern, die sie ausführen.
Wie funktioniert das? Zweifellos durch mehrere Mechanismen. Zum einen ist es die Freude, Dank zu ernten. Ich halte beispielsweise gern an, um Fußgänger an Überwegen ohne Ampel über die Straße zu lassen. So habe ich häufig Anspruch auf ein Lächeln oder eine kleine Dankesgeste mit der Hand. Zum anderen die Freude daran, jemandem eine Freude bereitet zu haben. Und nicht zuletzt beruht es auf einer noch viel tieferliegenden Empfindung, der Freude daran, die Welt besser oder zumindest etwas weniger schlecht gemacht zu haben, dem Eindruck, ein Körnchen Sanftmut gesät zu haben; oder auch auf der Freude, vielleicht eine andere Person motiviert zu haben, selbst auch etwas freundlicher und altruistischer zu sein. Es ist diese dunkle und mächtige Empfindung, seine Aufgabe als Mensch erfüllt und die Welt mit dem heilsamen Virus Altruismus infiziert zu haben.17
Anderen Glück wünschen Wir müssen uns über das Glück anderer freuen können. Funktioniert das nicht, haben wir etwas Grundlegendes nicht verstanden. Es ist leicht, sich über das Glück der Menschen zu freuen, die wir lieben. Jenseits dieses kleinen Kreises ist es schwieriger – Gefühle wie Gleichgültigkeit oder Neid können im Weg stehen. Wenn wir Schwierigkeiten mit dem Glück anderer haben, hilft es, wenn wir uns in Erinnerung rufen: Je mehr Glück es auf der Erde gibt, desto schöner ist unser aller Leben; mehr Glück bedeutet weniger Gewalt und Leiden.
Anfängergeist Geisteszustand nennt man die Einstellung, mit der wir aufnehmen, was uns geboten wird und was wir erleben, wie wir es beurteilen, was wir darüber denken. Unnötig darauf hinzuweisen, dass diese Einstellung in der Positiven Psychologie eine herausragende Bedeutung hat, übrigens auch in jeder anderen Form der psychologischen oder psychotherapeutischen Praxis. Keine der in diesem Buch vorgebrachten Überlegungen oder Empfehlungen wird in Ihren Augen, oder besser vor Ihrem kritischen Sinn, Gnade finden, wenn Sie Ihren Geist nicht dafür öffnen. Ihre Einstellung muss nicht unbedingt positiv oder wohlwollend, aber wenigstens neugierig und ehrlich sein. Das wird im Zen-Buddhismus Anfängergeist genannt. Es bedeutet: Nicht über etwas urteilen, bevor man es nicht ausprobiert hat. Wenn man Schwierigkeiten hat, weder aufgeben noch die Methode kritisieren, sondern mehr trainieren und üben. Der Anfängergeist, das ist Neugierde gemischt mit Lebendigkeit und Demut. Das ist, auch wenn man skeptisch ist, ein wohlwollender und teilnehmender Skeptizismus.
Angst Alle unsere Ängste nehmen uns etwas von unserem Glück. Sie versperren uns den Horizont. Angst, das ist Angst zu scheitern, etwas zu verpassen, nicht geliebt zu werden, krank zu werden, zu leiden, zu sterben. Die Stoiker und Behavioristen erklären uns, die einzige Möglichkeit, sich zwar nicht unbedingt von ihnen zu befreien (viele davon können wir nicht rational fassen), aber von der Macht, die sie über uns haben, unabhängig zu werden, liege darin, ihnen entgegenzutreten. Ihnen nicht mehr zu entfliehen und ihnen nicht mehr zu gehorchen, sich umzudrehen und ihnen ins Gesicht zu schauen. Dann sehen, was geschieht – meistens passiert nichts. Jedenfalls äußerlich, während es innen wehtut und stark rumort. Wir fliehen vor unseren Ängsten wie ein Pferd vor seinem Schatten. Wir werden sie niemals abhängen können. Doch indem wir aufhören zu fliehen, hören wir auf, sie zu nähren.
Ängstlich und glücklich Im Allgemeinen sind die Menschen mäßig glücklich und mäßig ängstlich. Und das gleichzeitig. Wer nicht versteht, dass diese Verbindung nicht nur möglich, sondern sogar unvermeidlich ist, versteht die Positive Psychologie nicht!
Angst ist das schmerzvolle Wirklichkeitsbewusstsein, Glück das fröhliche. In beiden Fällen bleiben wir in der Realität. Die Angst sagt uns: »Gewiss ist es ein Glück zu existieren, doch man muss einen Preis dafür zahlen, und zwar in Form von Sorgen und Nöten.« Und das Glück flüstert uns zu: »Gewiss sind Sorgen und Nöte nie weit, und doch, was für ein Segen ist die Existenz!« Da wir wissen, dass beide Recht haben, schwanken wir ständig zwischen ihnen hin und her. Unser Geist neigt sich der einen oder der anderen Wahrnehmung der Wirklichkeit zu. Bis zu dem Tag, an dem wir begreifen, dass es nur eine einzige Realität gibt, die aus den glücklichen und den unglücklichen und schmerzvollen Momenten besteht.
Die Wirklichkeit, so lehrt uns der Philosoph Clément Rosset, ist das, was sich den Illusionen und den Trugbildern widersetzt.18 Häufig heißt es, das Glück sei nur eine Illusion, weil es das Unglück gebe und der Tod stets der Sieger bleibe. Doch wer so argumentiert, hat nichts verstanden. Denn es gibt ebenso die Trugbilder der Hoffnungslosigkeit und der Negativität. Und das klarsichtige Glück, das die Not und seine Trugbilder akzeptiert, ist ein reales Glück. In diesem Sinne sind wir zugleich ängstlich und glücklich.
Anklagen Wenn wir besorgt und enttäuscht sind, und wenn dann auch noch eine Prise Frustration und Wut hinzukommt, nehmen wir unangenehme Situationen nicht mehr als normale Probleme in einem normalen Leben wahr, sondern als Anomalien in einem grundsätzlich ungerechten Leben. Und wir wollen nach Schuldigen suchen, in unserer Umgebung oder in uns selbst. Der weise Epiktet sagt dazu: »Den Ungebildeten erkennt man daran, dass er anderen Vorwürfe macht, wenn es ihm schlecht geht, den philosophischen Anfänger daran, dass er sie sich selbst macht. Der wirklich Gebildete macht solche Vorwürfe weder einem anderen noch sich selbst.«19 Wir gewinnen viel Zeit, Energie und Glück, wenn wir lernen, nicht immer zu versuchen, einen Verantwortlichen anzuklagen oder zu verurteilen – sich selbst, die anderen oder das ach so fiese Leben. Es kommt darauf an zu erkennen, was repariert werden muss, damit das nicht noch einmal geschieht, in diesem Sinne zu handeln und dann zu anderem überzugehen. Die Zeit, die man für Wut und Grübeln verwendet, ist für das Glück verlorene Zeit. Und außerdem ist das Leben kurz, würde Epiktet hinzufügen!
Ansteckung Glück ist ansteckend, wie es alle Emotionen sind, seien sie positiv oder negativ. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass unser Glückspegel allmählich ansteigt, wenn wir Jahr für Jahr Umgang mit glücklichen Personen haben.20 Zweifellos die entspannteste Weise, glücklicher zu werden!
Antidepressiva Leider sind das keine »Glückspillen«. Ich habe bewusst und absichtlich »leider« geschrieben. Manchmal würde ich einigen meiner Patienten, die das Leben besonders stark malträtiert, gern die Möglichkeit geben, durchatmen und genießen zu können. Doch so funktioniert das nicht. Antidepressiva machen nicht glücklicher, lassen unser Gehirn nicht künstlich gute Laune erzeugen, sondern sie mindern die Intensität unserer seelischen Schmerzen, genauso wie ein Schmerzmittel unsere physischen Schmerzen lindert. Das ist schon viel, wenn es funktioniert (leider sprechen nicht alle Kranken auf Antidepressiva an). Dennoch können Antidepressiva, wenn sie wirken, bei einigen Patienten eine erstaunliche Wirkung haben. Sie können eine Fähigkeit verleihen, das Leben zu genießen,21 die über die Minderung oder Eliminierung negativer Emotionen (Depressionen oder Ängste) hinausgeht. Es ist, als erlaube dieses Aussetzen der seelischen Leiden es, das Licht des Glücks besser wahrzunehmen als zuvor.