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Svenja Paulus steht unter einem schrecklichen Verdacht. Die Kommissarin soll heimtückisch ihren Jugendfreund getötet haben. Noch bevor Svenja die groteske Beschuldigung aus der Welt schaffen kann, schlägt die 15-jährige Iska bei ihr auf. Die eigenwillige Jugendliche lebt im Heim und schwört, ungewollt Zeugin einer Bluttat geworden zu sein. Svenja verweigert ihr die Unterstützung, weil sie weiß, wie gerissen Iska ist. Womöglich ist sie sogar selbst in das Verbrechen im Heim verstrickt? Während Iska auf eigene Faust nach dem Täter sucht, dämmert Svenja, dass beide Verbrechen auf verstörende Weise zusammenhängen. Noch bevor sie Iska zu Hilfe eilen kann, schwebt diese in Lebensgefahr …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Epilog 1
Epilog 2
Anmerkung
Weiterlesen ...?
Impressum
Der Wahnsinn begann damit, dass ihre Freundin aus dem Nachthimmel fiel. So gab sie es später zu Protokoll, obwohl es nicht der Wahrheit entsprach.
Sie beteuerte, dass sie das grässliche Geräusch niemals vergessen werde, mit dem das Mädchen vor ihren Füßen aufs Pflaster prallte. Sie schwor tausend Eide, nie zuvor solche Angst gefühlt zu haben. Bis in alle Ewigkeit werde sie den Anblick des Bluts nicht vergessen, das ungehemmt aus dem Kopf des grotesk verdrehten Körpers quoll. Schwarz habe es gewirkt im Mondlicht.
Ihr Herz sei stillgestanden, und für einen rasenden Moment habe sie befürchtet, dass es nie wieder zu schlagen begänne.
Dann sei sie losgerannt, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Die Küche des Hauses in Augsburg-Lechhausen ist dunkel, ein geöffneter Laptop bildet die einzige Lichtquelle. Das müde Gesicht der Frau vor dem Gerät schimmert bläulich.
Sorgenfalten. Augenringe.
Sie fährt sich mit der rechten Hand durchs kurze schwarze Haar.
Was wolltest du mir sagen, du verdammter Idiot?
Schon seit Beginn der Dämmerung starrt Svenja Paulus auf den Monitor. Immer wieder hat sie jeden Zentimeter des trivialen Fotos mit dem Blick abgesucht. Sie konnte trotzdem nicht erkennen, welche Botschaft darin verborgen sein soll. Es muss sie aber geben. Geistesabwesend greift sie in eine getöpferte Schale mit Süßigkeiten, die standardmäßig den schmalen Esstisch ziert. Sie nimmt sich ein Snickers, öffnet die Verpackung mit den Zähnen und beißt ein Drittel der Kalorienbombe ab. Es ist ihr dritter Schokoriegel. Aus dem Inneren, irgendwo zwischen Magen und Milz, meldet sich das schlechte Gewissen.
Du solltest nicht so viel Süßes essen.
Zucker ist Gift für den Körper, er verursacht Karies, macht süchtig und fett. Svenja ist kürzlich siebenunddreißig geworden und hat sich damit abgefunden, nicht gertenschlank zu sein. In depressiven Momenten findet sie sich dick, in euphorischen ›kurvenreich‹.
Scheiß drauf. Wenn sie an einem Problem nagt, dürfen es auch mal drei Schokoriegel hintereinander sein. Joggt sie morgen halt ’ne Extrarunde. Sie steckt den Rest des Riegels in den Mund und kaut genüsslich darauf herum. Nahrung muntert Svenja auf, wenn sie schlecht gelaunt ist.
Und selten war sie schlechter gelaunt als jetzt.
Wegen des Bilds auf dem Laptop.
Wegen des Mords, den ihre Kollegen ihr anhängen wollen.
»Gehst du gar nicht ins Bett? Ist schon halb eins.«
Paul hat sich in die Küche geschlichen, ohne dass Svenja ihn bemerkte. Das Deckenlicht flammt auf, sie kneift die Augen zusammen.
Pauls Lausbubenfrisur ist zerzaust, er trägt lediglich Boxershorts. Sein gebräunter Oberkörper ist gut definiert, vier Mal Muckibude pro Woche. Die Mädels liegen ihm zu Füßen.
»Ich geh gleich schlafen«, murmelt sie.
Doch wozu? Ihr Bett ist kalt und leer. Außerdem kann Svenja morgen so lange liegen bleiben, wie sie möchte. Wartet ja kein Job auf sie. Sie darf das Polizeirevier nicht mehr betreten.
»Aber du, mein Lieber, du solltest längst in der Heia sein«, sagt sie. »Ist morgen nicht Berufsschule?«
»Übermorgen.« Paul holt einen Tetra Pak Milch aus dem Kühlschrank und trinkt in großen Zügen. Svenja hat ihm schon hundertmal erklärt, dass er sich ein Glas nehmen soll, doch im Moment fehlt ihr die Kraft zum Nörgeln. Auch weiß sie, dass es keinen Sinn mehr ergibt, ihn zurechtzuweisen. Ihm Schlafenszeiten vorzuschreiben. Paul ist fast erwachsen.
»Du siehst scheiße aus, Mum.«
Er meint es nicht böse.
»Das hört man gern.« Sie grinst schief. »Bist du zu Mette auch so galant?«
»Sie heißt Merve, Mum! Nicht Mette.« Er wischt sich mit dem Handrücken die Milch von der Oberlippe. Dunkler Flaum. »Gibts so einen Namen überhaupt?«
»Äh … ja, klar. Merve. Wusste ich doch.« Dass der Name mit einem M beginnt, hat Svenja sich immerhin gemerkt. Sie ist Pauls neuer Eroberung erst ein einziges Mal begegnet und konnte das Mädchen nicht besonders gut leiden. Svenja hofft, ihre Antipathie verhohlen zu haben, wünscht sich aber insgeheim, dass die selbstverliebte Studentin nicht die letzte Schwiegertochter-Aspirantin bleibt. Paul ist sechzehn und reif für sein Alter, aber nicht alt genug, um sich ewig an so eine Klugscheißerin zu binden.
»Ach, Mum«, sagt er. »Ich mach mir halt Sorgen.«
»Etwa um mich? Wieso das denn?«
»Merkst du es nicht? Man kann sich nicht mehr mit dir unterhalten. Fast so, als ob du in der Pubertät wärst. Seit sie dich entlassen haben, starrst du bloß noch in den Laptop. Dabei ist das eigentlich mein Job, so als Teenager.«
Paul hat einen feinen Humor, doch jetzt klingt er, als wäre er Svenjas Mutter, und nicht umgekehrt. Das ist das einzig Positive an seiner neuen Flamme. Merve ist älter als er, bei Teenagern sind zwei Jahre Welten. Paul ist durch sie sensibler geworden, findet Svenja, fast erwachsen.
»Lieb, dass du dich um mich kümmerst, Sohn.«
Sie findet es geradezu ›niedlich‹, doch dieses Reizwort meidet sie. Paul will alle möglichen Eigenschaften besitzen, Niedlichkeit ist keine davon. Er will männlich sein. Ein Beschützer.
»Ich pass schon auf mich auf«, versichert sie. »Und übrigens: Ich bin nicht entlassen worden, sondern nur beurlaubt. Vom Dienst befreit. Das ist ein Unterschied.«
»Wenn ich so viel Urlaub hätte, würde ich chillen.«
»Es ist nicht diese Art von Urlaub.«
»Ich weiß.« Paul schiebt die Unterlippe nach vorn.
Svenja kennt das Gesicht. Es brennt ihm etwas unter den Nägeln, von dem er nicht weiß, ob er es aussprechen soll. Er ringt sich durch.
»Du hast den Mann nicht getötet, oder?«
»Was? Natürlich nicht! Glaubst du echt, dass ich jemanden umbringe? Auf diese Weise, mit einem Prügel?«
»Aber du kanntest das Opfer?«
»Ja. Entfernt.«
Das entspricht nicht ganz der Wahrheit.
Pauls offenkundiges Misstrauen schmerzt sie. Nicht mal ihr eigener Sohn traut ihr über den Weg.
»Wir fragen uns halt bloß, warum sie dich sonst beurlaubt hätten.«
»Ihr fragt euch das?« Sie dehnt das ›ihr‹. »Sagt sie so etwas … deine Merve?«
Paul zuckt nur die muskulöse Schulter.
»Ich habe es dir doch erklärt«, sagt Svenja. »Es gibt Anhaltspunkte, die mich in den Täterkreis rücken. Der Mann war ein entfernter Bekannter von mir, und ich hatte kurz zuvor mit ihm gesprochen. Eine Zeugin will ein Motorrad in der Nähe des Tatorts gesichtet haben. Ein Motorrad, wohlgemerkt! Nicht meinMotorrad. Sie konnte keine Nummer erkennen, aber es genügte für einen begründeten Anfangsverdacht.«
»Hm.« Paul scheint nicht überzeugt zu sein.
»Es existiert kein einziger stichhaltiger Beweis«, sagt Svenja. »Sonst säße ich längst in U-Haft. Sie haben alles unternommen, um mich festzunageln, auch mein Handy überprüft. Aber ich habe vor der Tat nun mal nicht mit dem Opfer telefoniert.«
»Komm schon! Als ob du so einen Anfängerfehler machen würdest.«
»Bitte glaube mir! Ich habe damit nichts zu tun, Paul. Aber solange der Fall nicht geklärt ist und ich völlig entlastet bin, lassen sie mich nicht als Ermittlerin arbeiten.«
»Und was machst du da die ganze Zeit?« Er deutet auf den Laptop. »Was ist das für ein komisches Foto, das du seit Tagen anstarrst?«
Paul dreht die Plastikkappe wieder auf den Milchkarton. Der Deckel sieht zerbrechlich aus in seinen kräftigen, von der Arbeit zerschnittenen Händen. Er stellt die Packung auf den Tisch. Hundert Euro, dass er sie dort stehen lässt.
»Hat die Frau auf dem Bildschirm etwas mit dem Mord zu tun, den sie dir in die Schuhe schieben wollen?«
»Ich denke nicht.«
Lüge!
»Magst du mir mehr erzählen?« Er nimmt die zerknitterten Snickers-Folien in den Blick, die sich einträchtig vor dem Milchkarton scharen. »Kann doch nicht sein, dass du nächtelang hier rumhockst und dir vor lauter Sorgen haufenweise krass ungesundes Zeug reinknallst.«
Weil Klugscheißer-Merve Zucker ablehnt, meidet Paul ihn jetzt auch. Ausgerechnet er. Vor wenigen Monaten träumte Svenjas Sohnemann noch davon, sich als Erwachsener ausschließlich von Lakritz und Gummibärchen zu ernähren. Aber womöglich ist sie ungerecht. Er absolviert eine Kochlehre, lernt gerade alles über gesunde Ernährung, also genau das, was sie ihm nie beibrachte.
»Ich kann momentan nicht über das Foto sprechen, Schatz. Bitte versteh! Ich muss meine Gedanken erst sortieren. Aber du sollst nicht glauben, dass ich jemanden ermordet habe. Es wird sich herausstellen, dass das nicht stimmt.«
Sie hofft, dass er sich mit der Antwort zufriedengibt und nicht weiter in sie dringt.
Svenja ist Hauptkommissarin, Dezernat 3, schwere Kriminalität. Ihre Aufklärungsquote ist herausragend, ihr Team wurde mehrfach belobigt. Aufgrund unglücklicher Umstände geriet sie vor einigen Monaten jedoch unter Mordverdacht und wurde vom Dienst freigestellt. Sie hofft, dass das Bild auf dem Laptop der Schlüssel zu ihrer Entlastung ist. Und aus einem bestimmten Grund wäre es nur fair, auch Paul über dessen Bedeutung aufzuklären, doch das bringt sie nicht übers Herz.
»Zerbrich dir nicht meinen Kopf, Schatz, ja? Geh ins Bett und schlaf dich aus. Du musst morgen fit sein.«
»Wie du meinst.« Er platziert die Milch im Kühlschrank. Wette verloren.
Mit einem feuchten Kuss auf Svenjas Wange verabschiedet er sich. Sie hält seinen Kopf fest und wuschelt ihm durchs dichte dunkle Haar.
»Danke, dass du dich um mich kümmerst, Großer. Ich liebe dich. Bin total stolz auf dich, weißt du. Deine Ausbildung, und alles. Du wirst mal ein Sternekoch, das steht fest. Mach dir keine Gedanken um mich, kommt alles ins Lot.«
Paul verzieht sich. Es ist unwahrscheinlich, dass der künftige Maître de Cuisine jetzt sofort schläft. Wie üblich wird er auf dem Smartphone zocken – oder was auch immer sonst er damit macht. Svenja hat es längst aufgegeben, ihn erziehen zu wollen. Sie weiß nur, dass sie ihn morgens selten leicht aus den Federn kriegt.
Sie wendet sich wieder dem Laptop zu und betrachtet zum hundertsten Mal das Foto. Das Rätsel, das sie seit Tagen vergeblich zu knacken versucht. Marcel gab ihr das Bild, obwohl sie ihn nicht darum bat. Das Arschloch.
Pauls Vater.
Den er nicht kennengelernt hat. Svenja fühlt sich manchmal schäbig, nie den Mut besessen zu haben, ihrem Sohn die Wahrheit zu gestehen. Ihr fehlten die Traute und die Energie, um Paul bei nächtlicher Stunde zu erklären, was für ein Unmensch sein Erzeuger ist, und wie der seltsame Schnappschuss mit all dem zusammenhängt.
Zusammenhing.
Marcel kam kürzlich ums Leben. Er ist der Tote, den Svenja auf dem Gewissen haben soll.
Die Einzelheiten des Fotos auf dem Bildschirm verschwimmen vor Svenjas Augen. Marcel wurde kurz vor seiner Ermordung aus dem Gefängnis entlassen. Er hat seinen Sohn nie zu Gesicht bekommen, weil Svenja es mit allen Mitteln verhinderte.
Sie liebt Paul über alles. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er nur deshalb entstanden ist, weil Marcel beim Sex heimlich das Kondom abgestreift hat. Für diese Niedertracht existiert ein englisches Wort, Stealthing. Mittlerweile ein Straftatbestand. Doch was hätte Svenja das genutzt? Wegen Stealthingkam Marcel seinerzeit jedenfalls nicht hinter Gitter.
Nach seiner Entlassung rief er Svenja an und bat sie um eine Unterredung. Als sie ihn abwies, stellte er sich ihr in den Weg und drängte ihr einen Umschlag auf, dessen Inhalt beweisen sollte, dass er unschuldig verurteilt worden war.
Svenja glaubte ihm kein Wort. Die hässliche Brandnarbe an ihrem Bein belegt Marcels Skrupellosigkeit zur Genüge. Außerdem steckte sie bis zum Hals in Ermittlungen und dachte nicht im Traum daran, für die Ehrenrettung ihres hinterhältigen Ex auch nur eine Sekunde Lebenszeit zu opfern. Sie steckte den Umschlag ungeöffnet in eine Schublade und vergaß ihn.
Kurze Zeit später fand man Marcels Leiche im Siebentischwald, sein Kopf zu Brei geschlagen, Svenja unter Verdacht. Sie ließ den einzig richtigen Zeitpunkt verstreichen, um Paul das Gespinst aus Lügen zu offenbaren, das sie über den Verbleib seines Vaters gewebt hatte: Dass sein Erzeuger sich auf Nimmerwiedersehen aus dem Staub gemacht habe, als sie schwanger wurde, und sie keinen Schimmer habe, wo er sich aufhalte.
Dabei hätte Paul ein Recht auf die Wahrheit, müsste alles über Marcels Identität erfahren. Auch darüber, welches Leid er Svenja zufügte, als sie noch jung und verletzlich war.
Sie wird ihrem Sohn bei Gelegenheit die Wahrheit beichten, nimmt sie sich vor. Irgendwann. Wenn er nicht mehr mit Erwachsenwerden beschäftigt ist und Svenja wieder fest im Sattel sitzt. Ganz sicher.
Sie weiß, dass sie sich was vormacht. Tatsächlich wird die Hemmschwelle von Tag zu Tag höher, die bequeme Lüge geradezurücken. Insgeheim hofft sie zwar, dass das Band zwischen Mutter und Sohn stark genug ist, um den Vertrauensbruch zu verkraften, den das späte Geständnis darstellte. Trotzdem fürchtet sie Pauls Reaktion, hat maßlose Angst, dass er sich von ihr abwendet, wenn er erfährt, wie kalt sie ihn jahrelang belog, bis er keine Gelegenheit mehr hatte, seinen Vater lebend zu treffen.
Was wird Paul tun, wenn er erfährt, dass Svenja Marcel nicht nur sein ganzes Leben von ihm fernhielt, sondern nun sogar verdächtigt wird, ihn eigenhändig getötet zu haben?
Schlimmstenfalls wird er sie aus seinem Leben verbannen. Und Svenja wird seinen Zorn ertragen müssen. Trotzdem weint sie Marcel keine Träne nach. Tief drinnen fürchtet sie nämlich noch etwas viel Schlimmeres.
Dass Marcel seinem Kind mehr vererbt haben könnte als sein blendendes Aussehen und sein entwaffnendes Lächeln. Mehr als bisher sichtbar war. Etwas, das Svenjas Erziehung unterdrücken konnte, das aber trotzdem in ihm schlummert.
Das Lügen. Das Täuschen. Der Hang zur Gewalt.
Zum Glück ist bei Paul bislang nichts davon zutage getreten. Doch Svenja hätte es sich nie verziehen, wenn er Marcel getroffen und sich ihn als Vorbild erkoren hätte. Wenn er selbst nach und nach so geworden wäre wie sein Vater.
Ein Schwein in Menschengestalt.
Marcel war Svenjas erster richtiger Freund gewesen. Große Gefühle, erster Sex. Sie war in allem eine Spätzünderin und trotz Volljährigkeit unerfahren. Die Schmetterlinge flatterten heftig – und kurz. Nach nur einem Jahr wandte Svenja sich von Marcel ab, nachdem der sein wahres Gesicht gezeigt hatte. Der coole Dream Boy mit der feuerroten Ducati, in den alle ihre Freundinnen verschossen waren, entpuppte sich als eifersüchtig und untreu.
Als Svenja ihn in die Wüste schickte, ahnte sie noch nicht, dass sie von ihm schwanger war. Sie hatte sich Hals über Kopf in Patrick verknallt, den einzigen Mann, von dem sie bis heute glaubt, ihn innig geliebt zu haben. ›Big Love‹ würde Paul es wohl nennen.
Patrick war zehn Jahre älter als Svenja und erheblich reifer als der Kindskopf Marcel. Er war ebenfalls Polizist, erfahren, zärtlich, liebevoll. Durch ihn erkannte Svenja, dass der angeberische Marcel auf eine eigenartige Weise prüde war, verklemmt. Patrick, hingegen, ließ sie ihren Körper auf eine Art spüren, von der sie zuvor nichts geahnt hatte. Er blieb an ihrer Seite, als die Schwangerschaft nicht mehr zu verheimlichen war, aufmerksam und sensibel. Der ideale Vater.
Es war unfair von Svenja, ihm nicht zu gestehen, dass es nicht sein Kind war, und für die Unehrlichkeit schämt sie sich bis heute. Doch es spielte ohnehin keine Rolle mehr, denn sie machten die Rechnung ohne Marcel. Von Eifersucht und Hass getrieben, beschaffte der sich einen Kanister Benzin und fuhr in das Alpental, in dem sie in Zweisamkeit mit Patrick Verlobung feierte. Kaltblütig verrammelte Marcel die Türen und Fenster von Patricks Ferienhütte, übergoss sie mit Sprit und fackelte sie ab.
Svenja entrann dem Feuer in letzter Sekunde durch ein Kellerfenster. Sie konnte Patrick nicht retten, er verbrannte bis zur Unkenntlichkeit. Die runzlige Narbe an ihrem Unterschenkel und ihre Panik vor Flammen werden sie bis zum Tod an die furchtbare Nacht erinnern.
An Marcels Ruchlosigkeit.
Eine erdrückende Last von Beweisen brachte ihn ins Gefängnis, es gab Aufnahmen von der Überwachungskamera einer Tankstelle, an der er das Benzin abfüllte. Die Reifenspuren der Ducati fanden sich in der Nähe der verkohlten Hütte im Gunzesrieder Tal. Der leere Kanister mit seinen Fingerabdrücken lag in einem Gebüsch, ein stichhaltiges Alibi konnte er nicht vorweisen. Natürlich nicht. Trotzdem bestand er vor Gericht auf seiner Unschuld und hielt an der Behauptung fest, er sei in eine Falle gelockt worden. Von wem, wisse er nicht. Die Polizei fand dafür null Hinweise.
Als Marcel Svenja nach der Haftentlassung heimsuchte, fünfzehn Jahre später, beteuerte er, mit dem Inhalt seines Umschlags »endgültig und einwandfrei« belegen zu können, dass ihm die Schuld an dem tödlichen Brand untergeschoben worden war. Leider eskalierte das kurze Gespräch zu einem Streit, weil Marcel Svenja mit aller Macht entlocken wollte, ob er Pauls Vater sei. Sie verweigerte ihm die Auskunft und trennte sich im Unfrieden von ihm, und ohne dass sie mehr über den Grund seiner Unschuldsbeteuerung erfahren hätte.
Es interessierte sie nicht. Sie hatte mit der Vergangenheit abgeschlossen.
Doch dann schlug ein Unbekannter Marcel den Schädel ein, und die Mordkommission ermittelte, dass Svenja die letzte Person gewesen war, die ihn lebend gesehen hatte. Dass sie bei dieser letzten Begegnung einen aggressiven Zwist mit ihm austrug, verschärfte den Verdacht. Ebenso die Tatsache, dass einer von Pauls Baseballschlägern plötzlich unauffindbar war.
Svenja leugnete nicht, sich mit Marcel gezofft zu haben, weil er sie wiederholt belästigte, doch sie bestritt den Mord. Da sie zum Tatzeitpunkt allein gewesen war, konnte sie kein glaubhaftes Alibi vorweisen, weshalb dem Polizeipräsidenten nichts anderes übrig blieb, als sie zu beurlauben.
Erst vor wenigen Tagen erinnerte Svenja sich dann an Marcels Umschlag und kramte ihn aus der Schublade hervor.
Der Inhalt erwies sich als sein letzter schlechter Witz.
Statt Hinweisen auf den wahren Brandstifter enthielt das Kuvert lediglich einen USB-Stick mit einer einzigen Bilddatei …
Svenja mustert das Foto feindselig, wie gefühlte tausend Male zuvor. Und zum tausendsten Mal ist ihr schleierhaft, wie so ein belangloser Schnappschuss die Unschuld eines rechtskräftig verurteilten Mordbrenners hätte beweisen sollen. Ihr fällt nur eine Erklärung ein: in seiner Großspurigkeit hatte Marcel noch einmal Unruhe in Svenjas Leben stiften wollen, über seinen gewaltsamen Tod hinaus. Denn mehr ist da nicht.
Der Fotograf hat eine junge Frau porträtiert, Studentin vielleicht. Große braune Augen. Sie hat ihre Sonnenbrille im nussbraunen Haar platziert und lächelt knapp an der Linse vorbei. Mit beiden Händen, die Fingernägel kurz gestutzt, hält sie ein Glas Latte macchiato vor ihren Mund und verdeckt damit halb ihre Lippen. Schwarzes Sommertop, blaue Jeans, Smartwatch. Vor ihr steht ein Teller mit einem Imbiss, den der untere Bildrand abschneidet, ein Omelett womöglich. Den Hintergrund, leicht verschwommen, bildet der Außenbereich eines Cafés oder Restaurants. Eine schmucklose Straße, die sich in jeder beliebigen Kleinstadt befinden könnte. Kein Straßenschild, kein Kirchturm, kein Rathaus, aus dem man den tatsächlichen Ort der Aufnahme schließen könnte. Hinter dem roten Ziegeldach eines zweistöckigen Hauses – Fünfzigerjahre, teilsaniert – ragt ein kurzer Fabrikschornstein in den wolkenlosen Himmel. Alle Tische des Cafés sind besetzt, aufgrund mangelnder Tiefenschärfe erkennt man die Gesichter der Café-Gäste nicht.
Außer der Dateigröße und dem Aufnahmedatum – am Vormittag des 15. Aprils – befanden sich auf dem Stick keine Metadaten zu dem Foto. Das Datum passt zum schräg einfallenden Sonnenlicht. Golden bestrahlt es die Gäste und taucht die Fassaden der gegenüberliegenden Gebäude in blaue Schatten. Über den Stühlen der Café-Besucher hängen Jacken, die sie angesichts der angenehmen Temperatur abgelegt haben.
Leider ist Svenja die Frau mit dem Kaffeeglas unbekannt, eine Personensuche mit Google blieb erfolglos. Das Datum gibt ebenfalls Rätsel auf. Die Aufnahme wurde vor gut zwei Jahren abgespeichert. Marcel saß damals noch im Knast, er selbst kann das Bild nicht geschossen haben. Er hatte am 15. April keinen Freigang, das hat Svenja recherchiert. Was also hat diese Studentin mit dem mörderischen Brandanschlag zu tun, den Marcel vor fünfzehn Jahren auf Svenja und Patrick verübte? Sie war damals noch ein Kind, höchstens im Grundschulalter.
Frustriert knallt Svenja den Laptop zu. Sollte es sie tatsächlich geben, so versteht sie Marcels Botschaft nicht. Und sie hasst es, dass der Frust an ihr nagt. Aber warum? Marcel ist tot, für ihn hat der Beweis seiner Unschuld keine Bedeutung mehr. Ihm kann Svenja nicht helfen und hätte es auch nicht gewollt. Patrick, die Liebe ihres Lebens, wird nicht wieder lebendig, wenn sie die Wahrheit über den Brandanschlag ausgräbt. Es würde sich nichts ändern.
Doch.
Wenn Marcel die Feuersbrunst tatsächlich nicht gelegt hätte, liefe da draußen Patricks Mörder frei herum. Ihn würde Svenja gern zur Strecke bringen.
Aber etwas anderes ist noch wichtiger: Wenn sie Paul reinen Wein über seinen toten Vater einschenkt, irgendwann, wenn sie sich genügend Mut angetrunken hat, dann soll es die Wahrheit sein. Ohne den leisesten Zweifel.
Und dazu gehört, wie viel Schuld Marcel auf sich geladen hat.
Und wie viel sie selbst.
Seltsam, dass ich nicht aufhören kann, über den Moment nachzudenken, an dem ich dich sterben ließ. Die Erinnerung ist schon leicht verschwommen, aber die Gewissheit, einen kapitalen Fehler begangen zu haben, lebt unvermindert fort. Sie wird mir wohl bleiben.
Doch was hätte ich tun sollen? Ich habe mich ja nicht bewusst dafür entschieden. Es war anders geplant, doch du hast mir die Kontrolle aus der Hand gerissen.
Deine Entscheidung.
Aber weißt du, was ich dir übel nehme?
Dass du dich kein bisschen gewehrt hast!
Das Summen des Handys reißt Svenja aus dem Schlummer. Ihre linke Schulter schmerzt, sie braucht einen Augenblick, um zu begreifen, dass sie vor Erschöpfung am Küchentisch eingenickt ist.
Draußen ist es noch dunkel. Sie tastet nach dem Telefon. Manchmal meldet sich am frühen Morgen die Dienststelle, um sie an einen Tatort zu rufen.
Der Gedanke macht sie munter. Braucht man ihren Rat, obwohl sie suspendiert ist? Kommt man ohne Augsburgs Top-Ermittlerin nicht aus?
Die Hoffnung verfestigt sich, als Svenja eine Polizeinummer auf dem Display erkennt, beginnend mit den Ziffern 323.
Um den Mord an Marcel kann es nicht gehen. Wenn sich gegen Svenja Indizien erhärtet hätten, würde man nicht anrufen. Dann stünde ein Einsatzkommando auf der Matte.
»Ja, bitte?«
»Ist da KHK Paulus?« Die sonore Männerstimme kommt Svenja bekannt vor, sie hat aber kein Gesicht vor Augen.
»Mit wem spreche ich?«
»Joe Lauter, Dezernat 4.«
Sie erinnert sich an den älteren Kollegen vom Kriminaldauerdienst, der wegen Erkrankung beurlaubt war, jetzt aber zurück auf seinem Posten ist. Svenja kann sich nur einen Grund vorstellen, weswegen er sie am frühen Morgen kontaktiert: Er braucht ihren Sachverstand.
»Wie kann ich dir helfen?«
Joe ist kurz angebunden. »Eine Mordkommission der Kripo Ulm bittet um Amtshilfe.« Svenja hört Papier rascheln, offenkundig liest Joe etwas ab. »Es geht um eine gewisse Franziska Torrano.«
Bei der Nennung des Namens erscheinen die markanten Züge einer dunkelhäutigen Jugendlichen vor ihrem inneren Auge, und das zerstörte Gesicht von deren Mutter – eine Reminiszenz an Svenjas letzten großen Fall.
»Iska? Was ist mit ihr?«, fragt sie.
»Fahndung. Man sucht sie. Mehr darf ich nicht sagen.«
Eine üble Ahnung beschleicht Svenja. »Sagtest du ›Mordkommission‹?«
Die Frage scheint ihm unangenehm zu sein. »Äh, ich kann dir wirklich nicht mehr anvertrauen.«
»Weil ich vom Dienst freigestellt bin? Warum rufst du mich dann überhaupt an?«
»Die gesuchte Torrano ist aus dem Wohnheim ausgebüxt, in dem sie untergebracht war. Die Leiterin hat den Ulmern mitgeteilt, dass du sie kennst.«
»Stimmt. Weiter?«
»Du seist in gewisser Weise ihre nächste Angehörige.«
»Das ist Quatsch, ich bin nicht mit Iska verwandt. Ich habe gegen sie ermittelt.«
»Du hast anscheinend trotzdem den Eindruck erweckt, als ob dir viel an ihr läge.«
»Das ist nicht ganz richtig.« Svenja fühlt sich dennoch ertappt. Sie war mit der Aufklärung einer Kindesentführung betraut, und die Fünfzehnjährige zählte zum Kreis der Verdächtigen. Sie vermutete, dass Iska das Kleinkind entführt hatte, um ihre Lehrerin zu erpressen, doch am Ende gelang es der Polizei nicht, der Jugendlichen eine Täterschaft nachzuweisen. Das kleine Entführungsopfer blieb unversehrt, doch aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände schoss die Pädagogin Iskas Mutter ins Gesicht und tötete sie.
»Ich habe Iska bei der Suche nach einer Wohngruppe unterstützt«, sagt Svenja. »Daraus eine besondere Bindung abzuleiten, wäre übertrieben. Sie hat mir leidgetan, weil sie auf so grausame Art zur Waise geworden war.«
»Die Mordkommission bittet auch nur darum, dass du das Mädel festhältst und dich umgehend meldest, falls sie bei dir auftaucht. Das ist alles.«
»Mach ich.«
»Sie ist nicht zufällig schon da?«
»Nein. Natürlich nicht.«
»Gut. Sieh dich bitte vor. Schlösser halten sie anscheinend nicht auf.«
»Ich weiß, wie Iska tickt, Joe. Ich komme mit ihr klar. Noch besser würde ich mich allerdings fühlen, wenn ich den Grund wüsste, warum man nach ihr fahndet.«
»Kein Kommentar.«
»Wie du meinst. Ich glaube ohnehin nicht, dass sie sich hier blicken lässt. Sie hat mir hoch und heilig versprochen, nichts mehr anzustellen. Ich würde ihr einen Einlauf verpassen, wenn sie hier einfach so aufkreuzt. Das weiß sie.«
»Wo könnte sie sein?«
»Ich weiß es nicht. Ihr werdet sie aber nicht so leicht finden. Normale Teenager kehren nach ein paar Tagen zurück, wenn sie ausgebüxt sind – Hunger, Heimweh, Hilflosigkeit. Damit dürft ihr bei Iska nicht rechnen. Sie ist zu clever.«
»Wie auch immer. Wir müssen sie aufspüren, so oder so. Und zwar schnell, bevor noch mehr Unheil geschieht.«
»Welches Unheil? Was meinst du damit?«
Joe schweigt.
»Okay. Wie du meinst. Dann viel Erfolg!«
Joe trennt die Verbindung.
Er lässt Svenja beklommen zurück.
Bevor noch mehr Unheil geschieht.
Klingt nicht gut.
Als Svenja sie zum ersten Mal traf, passte Iska in keine Schublade. Sie war unter schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, vaterlos, mit einer Mutter, die vom Leben enttäuscht war und sich aufgegeben hatte. Iska war eine jugendliche Querulantin, die nicht genug Ecken fand, um sich daran zu stoßen. Wegen Brandstiftung aus der Schule geflogen, schon mit dreizehn in einer Jugendgang. Sie soff und nahm Drogen und beging eine Vielzahl kleiner Delikte, die wegen Strafunmündigkeit folgenlos blieben. Iska war hochintelligent, trotz ihrer ruppigen Art sensibel, und besaß einen nahezu krankhaften Gerechtigkeitssinn. Dass ihr Stiefvater ihr im Kindesalter das Einbrecherhandwerk beibrachte, vervollständigte die prekäre Mischung.
Bevor noch mehr Unheil geschieht.
Die Schmallippigkeit des Kollegen lässt Svenja Schlimmes ahnen. Wegen einer Bagatelle setzt man keine Mordkommission ein.
Und, ja, Svenja mochte das Mädchen. Mehr, als sie offen zugab und mehr, als für eine Kommissarin im Umgang mit einer Verdächtigen zuträglich war. Aber trotz ihrer Eskapaden war Iska praktisch noch ein Kind, als Svenja gegen sie ermittelte. Jünger als ihr eigener Sohn. Sie hatte sich trotz aller Sympathie professionell verhalten, bis der Fall abgeschlossen war. Als Svenja sie in das Wohnheim brachte, hatte sie gehofft, die vom Tod ihrer Mutter Traumatisierte würde dort zur Ruhe kommen. Sie würde im behüteten Umfeld ihre Potenziale entfalten und einen robusten moralischen Kompass entwickeln, der sie trotz ihrer schwierigen Lebensumstände auf Kurs hält.
»Habe ich mich so in dir getäuscht? Bist du jetzt einen Schritt zu weit gegangen?«
Iska war kaltschnäuzig gewesen, zumindest nach außen hin, der raue Ton in Augsburgs Gassen hatte sie hart werden lassen, aber nicht gewissenlos. Das ultimative Verbrechen traute Svenja ihr damals nicht zu. Tut es auch heute nicht, obwohl alle Anzeichen darauf hindeuten.
Auf Mord.
»Hast du jemanden umgebracht? Suchen sie deshalb so fieberhaft nach dir?« Svenja hofft, dass nicht …
Sie wischt ihre Besorgnis beiseite. Im Moment kann sie weder Iska weiterhelfen noch der Polizei.
Die Uhr zeigt halb sieben. Sie beschließt, nicht mehr ins Bett zu gehen, sondern ihrem Kollegen Alwin eine Nachricht zu schicken. Ob er sie vor Dienstbeginn wohl kurz treffen könne? Sie benötige seinen Rat mit einem eigenartigen Foto …
Als Svenja ihre Katzenwäsche beendet hat und aus dem Bad zurückkommt, hat Alwin bereits geantwortet.
Geht klar. Vor dem Revier in zwanzig Min.? Rein darfst du ja nicht :(
Svenja reißt einen Zettel vom Küchenblock und kritzelt eine kurze, aber eindringliche Nachricht darauf, die sie gut sichtbar auf dem Tisch platziert. Sicher ist sicher. Sie zieht die Lederjacke an, nimmt ihren Helm vom Regal, geht hinaus und steigt auf ihre Kawasaki.
Der Schall des Motorrads ist noch nicht verklungen, da öffnet sich die Tür der Speisekammer, die an Svenjas Küche grenzt. Eine kleine Gestalt schleicht aus ihrem Versteck, in dem sie jedes Wort des Telefonats zwischen Svenja und ihrem Kollegen vom KDD belauscht hat.
Die Gestalt zieht ihr Handy aus der Tasche und liest in dessen Licht Svenjas handschriftliche Botschaft.
Die Kommissarin beschwört ihren Sohn, auf keinen Fall eine dunkelhäutige Jugendliche namens Iska ins Haus zu lassen, egal, welche Story die ihm auftische.
Sie ist gefährlich!
Falls sie hier auftaucht, unternimm nichts.
Ruf mich sofort an!
Iska zerknüllt den Zettel und stopft ihn in die Tasche.
Zu spät, denkt sie. Bin schon da.
Birgit Paulus erwacht früh. Zu früh. Ihr Radiowecker zeigt 6:45. Vorbei die Zeiten, als sie noch mittags schlief, weil sie bis in die Morgenstunden getanzt hat. Heute schmerzen ihre Knochen bereits vor dem Aufstehen, ohne dass sie auch nur mit dem kleinen Zeh gewackelt hätte.
Kurz vor sieben.Keine Uhrzeit, um sich aus dem Bett zu quälen. Doch Birgits Blase drückt. Sie wird sich aus der warmen Decke schälen und zur Toilette trotten müssen, sonst platzt sie.
Als sie aus dem Bad zurückkommt, hört sie ein Klappern, das aus dem Erdgeschoss zu kommen scheint. Ihr Enkel Paul sollte längst in der Klinik sein, in deren Großküche er seine Lehre absolviert. Sein Dienst beginnt um sechs, doch manchmal verschläft er, weil er nachts zu lange zockt. Seine Mutter Svenja pennt neuerdings bis in die Puppen, seit sie nicht mehr in den Dienst muss. Also wer macht da unten Krach?
Im Pyjama schlurft Birgit die Treppe hinab. Hoffentlich keine Ratten. Sie fürchtet weder Tod noch Teufel, eine Eigenschaft, die sie an Svenja und Paul vererbt hat. Aber haariges Ungeziefer jagt ihr Angst ein, seit eine Ratte ihr als Kind in die Hand biss. Sepsis. Dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen. Verdammte Biester!
Birgits linkes Knie sticht bei jeder der steilen Stufen. Arthrose, sagte der jugendliche Arzt. »Sie sind halt nicht mehr die Jüngste.«
Wieder vernimmt sie ein Klappern aus der Küche, als drücke jemand schwungvoll die Besteckschublade zu.
Neulich hat Pauls neue Freundin bei ihnen übernachtet, Merve. Svenja erlaubte es, obwohl sie die junge Türkin offensichtlich nicht sehr mochte. Vielleicht ist das Merve in der Küche? Im Gegensatz zu ihrer Tochter kann Birgit Pauls Neue gut leiden. Sie ist nicht so menschenscheu wie Svenja und hat sich mit dem klugen Mädchen schon über Gott und die Welt unterhalten.
Behutsam stößt Birgit die angelehnte Küchentür einen Spaltbreit auf. Wenn ihr jetzt eine Ratte durch die Beine läuft, ist der Tag versaut.
Keine Ratte. Auch nicht Merve.
Am Tisch sitzt eine schmale Gestalt, dunkle Hautfarbe, Pauls Alter. Seitlich vom trüben Licht des offenen Kühlschranks beleuchtet, mampft sie geräuschvoll eine Scheibe Toast. Sie hat sie aus der Brotbox gezogen und ungeröstet mit Marmelade bestrichen.
Birgit hat das dunkelhäutige Mädchen noch nie zuvor gesehen, wundert sich aber nicht. Paul wechselt seine Freundinnen regelmäßig, schade um Merve!
Birgit spricht sie so sanft wie möglich an, will sie beim Essen nicht zu Tode erschrecken, denn sie rechnet bestimmt nicht mit einer zerzausten Alten im Schlafanzug.
»Hallo, bitte keinen Schreck kriegen.«
Frommer Wunsch. Die Fremde zuckt zusammen und wendet sich so ruckartig zu ihr, dass der Toast auf der Marmeladenseite vor Birgits nackte Füße klatscht.
Sie knipst das Licht an.
Der volle Mund des Mädchens ist vor Bestürzung weit aufgerissen.
»Du bist die Freundin von Paul, richtig?« Eine Schwarze hatte er noch nie.
Das Mädchen klappt den Mund wieder zu, schüttelt den Kopf, findet keine Worte. Sie ist nicht hübsch im allgemeinen Sinne, findet Birgit, aber auf eine herbe Art sehr attraktiv.
»Ja, nein … und wer sind Sie?«
Das mokkabraune Gesicht ist schmal mit hohen Wangenknochen. Ihre ausdrucksstarken dunklen Augen werden von einem viel zu großen Basecap beschattet, auf dessen Schirm eine Sonnenbrille thront. Am Hals hängen teuer aussehende Kopfhörer.
»Ich bin Pauls Oma. Hat er dir nicht erzählt, dass wir hier zusammenleben? Seine Mutter, er und ich?«
»Äh … nein.«
»Hat er wohl vergessen.«
Am Anfang hatte Birgit sich gesträubt gegen Svenjas Vorschlag, mit in das Haus zu ziehen. Doch Svenja insistierte. Sie wollte sich Birgit gegenüber dankbar zeigen, weil die sich aufopfernd um Paul gekümmert hatte, als er noch ein Säugling und Svenja in der Ausbildung war. Weil Birgits Rente klein ist, willigte sie schließlich ein, obwohl sie vorhersah, dass es kompliziert werden würde.
»Soll ich dir ein richtiges Frühstück machen?« Sie hat keine bessere Idee, was sie mit dem schockierten Mädchen reden soll.
»Nö, danke.«
Birgit setzt sich. »Wie heißt du eigentlich?«
»Iska. Eigentlich Franziska, aber den Namen hasse ich.«
»Verstanden, Iska. Ich bin Birgit.«
Sie streckt die Hand aus, doch Iska ignoriert sie.
»Ich bin nicht seine Freundin. Nicht, wie Sie denken. Wir kennen uns von Insta. Ich brauche seine Hilfe.«
Eine Alkoholfahne weht zu Birgit herüber. Iskas Augen sind glasig und gerötet. Ein abgewetzter Militärrucksack steht auf dem Stuhl neben ihr, ein verschmutzter Bundeswehrparka hängt über der Lehne. Aus seiner Tasche linst die blaue Kappe einer Wodkaflasche.
»Er hat dich reingelassen? Paul?«
»Äh, ja.«
»Bevor er zur Arbeit fuhr?«
»Ja … hm, genau. Er musste weg. Würden Sie mir wohl helfen, Frau …?«
»Nenn mich Birgit! Pauls Freunde sind auch meine Freunde.«
Sie kann sich keinen Reim darauf machen, wieso ihr Enkel seine angetrunkene Bekannte im Haus zurückließ, ohne jemand über ihre Anwesenheit zu informieren. Paul ist zuverlässig, es passt nicht zu ihm. Aber dass sie dem Mädel helfen wird, steht außer Frage.
Iska scheint sich langsam von ihrem Schrecken zu erholen. »Ich habe auch schon mit Ihrer Tochter gesprochen.«
»Ach so? Svenja ist wach? Ich hab sie nirgends gesehen.«
»Sie ist vorhin mit dem Motorrad weg.«
Einerseits ist Birgit verwirrt, andererseits beruhigt. Wenn Svenja einverstanden war, dass Pauls Freundin hier frühstückt, ist alles in Ordnung. Wie sonst wäre die Anwesenheit des Mädchens zu erklären?
»Sie meinte, ich könnte auch duschen, wenn ich will«, sagt Iska.
»Okay, alles klar, sicher. Das Bad ist oben. Ich gebe dir Handtücher.«
Iska blickt auf die Uhr am Herd. Sie wirkt plötzlich unruhig. »Ihre Tochter meinte, dass Sie mich vielleicht wo hinfahren können.«
»Das hat Svenja gesagt?«
Iska nickt. »Hat sie.«
»Und wohin?«
»Na ja … mein Vater hat mich rausgeschmissen. Meine Eltern sind geschieden. Ich will zu meiner Mum.«
»Oje. Weiß deine Mama schon, was passiert ist?«
»Ja, doch sie kann mich nicht holen. Kein Auto. Würden Sie mein Shuttle sein?« Birgit kann sich den lauernden Blick nur mit Iskas Verwirrtheit erklären.
»Hm … ja. Jetzt gehst du erst mal duschen, okay? Ich zieh mir derweil was an.«
Sie ahnt, dass Iska ihr nicht die volle Wahrheit sagt, aber da Svenja augenscheinlich ihren Segen gab, wird sie Pauls Freundin den Gefallen tun. Iska erinnert Birgit an ihre eigene, wilde Jugend.
Nicht unsympathisch.
Es regnet in Strömen, als Svenja nach Hause zurückkommt. Sie ist durchnässt, will rein, die feuchten Kleider loswerden und eine heiße Dusche nehmen.
Sie hat ihren Partner Alwin am Eingang der Polizeistation angetroffen. Er wirkte bedrückt. Es gäbe keine Fortschritte im Mordfall von Svenjas Ex, noch immer zähle sie zu den Hauptverdächtigen.
Svenja beruhigte ihn. Es würde sich bald alles aufklären. Sie zeigte ihm das Foto von der jungen Frau im Café und deutete an, dass darin womöglich der entscheidende Fingerzeig verborgen sei, um sie vom Tatverdacht zu befreien: Wenn Marcel unschuldig im Gefängnis gesessen hatte, wäre seine Entlassung eine Bedrohung für den wahren Brandstifter gewesen. Vielleicht hatte der ihn getötet, als Marcel ihn mit dem Bild konfrontierte?
Angesichts der Profanität des Schnappschusses schien Alwin davon nicht überzeugt. Er versprach Svenja trotzdem, die Fotodatei Büşra Ceylan zu übergeben, einer Expertin für digitale Forensik. Er habe zwar wenig Hoffnung, aber mithilfe ihrer digitalen Magie könne Büşra womöglich mehr über die abgebildete Frau oder den Aufnahmeort herausfinden.
Svenja bockt die Kawasaki neben dem Bürgersteig auf und schwingt sich herab. Trotz der Feuchtigkeit, die bis auf die Haut vorgedrungen ist, fühlt sie sich heiterer als seit Wochen. Alwins Beistand gab ihr Mut.
Erst jetzt bemerkt sie, dass oben im Bad Licht brennt. Ist ihre Mutter etwa schon auf?
Könnte sein.
Birgit erwacht immer früher, je älter sie wird, obwohl sie als Rentnerin ausschlafen könnte.
Ohne den Integralhelm abzunehmen, eilt Svenja auf den schützenden Eingang zu. Sie ist alarmiert, als sie an der Garderobe einen schmutzig-grünen Parka hängen sieht, daneben einen verwaschenen Rucksack. Beide Gegenstände erkennt sie sofort. Sie gehören Iska Torrano.
»Hast du meinen Zettel nicht gelesen?«
Birgit sitzt am Küchentisch und blättert in der ›Augsburger Allgemeinen‹.
»Was für einen Zettel?«
Svenja zeigt nach oben, von wo man das Wasser der Dusche plätschern hört, begleitet von einem fröhlichen Pfeifen.
»Ich habe dir eine Nachricht hinterlassen. Hier auf dem Tisch, weil du WhatsApp ja nicht liest.«
»Da war nichts.«
»Doch. Ich habe dir geschrieben, dass du sie unter keinen Umständen ins Haus lassen sollst.« Svenja deutet nochmals an die Decke.
»Dieses Mädchen ist gefährlich!«
»Du übertreibst mal wieder.« Birgit wirkt belustigt. »Sie saß lammfromm in der Küche und hat geschmaust, als ich runterkam. Paul hat sie reingelassen. Sie sagt, du hättest ihr erlaubt, sich was zu essen zu nehmen, und …«
»Nein! Das habe ich ganz sicher nicht!«
Birgit zieht eine beleidigte Miene. »Aha? Wie war es dann? Es wirkte alles selbstverständlich.«
»Das ist ihre Masche.« Svenja seufzt. Es tut ihr bereits leid, Birgit so angefahren zu haben. Sie weiß, wie geübt Iska darin ist, andere davon zu überzeugen, was sie will. Svenja hätte Birgit persönlich vor ihr warnen müssen.
»Sorry, Mama. Du kannst nichts dafür.«
Vermutlich hat Iska sich eigenmächtig Zutritt verschafft, als Svenja und Paul fort waren. Sie ließ den Zettel vom Küchentisch verschwinden und band der arglosen Birgit einen Bären auf.
»Ich geh in den Keller«, sagt Svenja. »Muss mich aufwärmen.«
Unten steht eine zweite Dusche, die sie im Sommer benutzen, wenn sie oft im Garten sind.
»Ich mach schnell. Iska ist ein Teenager, sie duscht sicher ewig. Falls sie trotzdem runterkommt, bevor ich fertig bin, sag ihr nichts von mir, verstanden? Gib ihr was zu essen, halte sie hin.«
Birgit nickt verständnislos.
»Schließ die Türen ab«, ergänzt Svenja. »Lass sie nicht aus den Augen. Sie darf unter keinen Umständen das Haus verlassen!«
Die Dusche am Morgen ist ein schönes Ritual, das ich immer genieße. Nicht heute.
Mehrfach schrubbe ich mich von oben bis unten ab, es ist mein kläglicher Versuch, mich von der Schuld reinzuwaschen. Doch die Bilder der furchtbaren Nacht haben sich viel zu tief eingebrannt, das Duschgel ist machtlos. Obwohl ich bürste, bis meine Haut rot und wund ist, fließt nur Wasser in den Auslauf. Mein Unrecht bleibt haften.
Du hast mich ungläubig angestarrt, voller Entsetzen. Mir gefiel die Furcht in deinen Augen, das muss ich zugeben. Sie verlieh mir ein Gefühl von Macht. Du bliebst stumm, was solltest du auch sagen? Du wusstest, dass du mir ausgeliefert warst.
Für einen Moment befürchtete ich, vielleicht hoffte ich es sogar, die Angst vor dem Tod würde dir übermenschliche Kräfte verleihen. Ich spannte meine Muskeln an, um mich gegen einen plötzlichen Angriff zu wappnen.
Doch du hast dich nicht auf mich gestürzt. Dein Gesichtsausdruck veränderte sich, deine Züge wurden weich. Lächeltest du etwa?
Du schlossest die Lider, und viel zu spät erkannte ich, was du vorhattest. Ich reagierte viel zu langsam. Es konnte ja nicht dein Ernst sein!
Als es vorüber war, brauchte ich einen Moment, um meinen Schock zu überwinden und dich anzublicken. Das Mordwerkzeug in meiner Hand schimmerte im Mondlicht, die kalte Brise ließ mich erschauern.
Deutlich zeichnete sich dein toter Körper vom dunklen Boden ab. Noch jetzt ringe ich um Fassung, wenn ich daran denke.
