Beschreibung

Frédéric ist Mitte dreißig und hat alles, was er braucht. Nur keine Familie. Denn seit sein Vater einst in der Weihnachtszeit ohne ein Wort verschwand, will er keine Nähe mehr zulassen. Eines Wintertages erreicht ihn die Nachricht einer Erbschaft: eine Schatzkarte mit Aussicht auf ein impressionistisches Meisterwerk, die ein offenbar Fremder ihm hinterlassen hat. Doch die Hinweise, auf die er bei seiner Suche stößt, lassen ahnen, dass der Schatz, dem er auf der Spur ist, seine eigene Vergangenheit ist ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 276


Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Motto

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Epilog

Über die Autorin

Caroline Vermalle wurde 1973 in der nordfranzösischen Picardie geboren. Nach dem Studium der Filmwissenschaften in London drehte sie Dokumentarfilme für die BBC. 2007 kehrte sie nach Frankreich zurück und veröffentlichte ein Jahr später ihren ersten Roman DENN DAS GLÜCK IST EINE REISE – von der Presse hoch gelobt und ausgezeichnet mit dem Prix Chronos de littérature 2011 und dem Nouveau talent 2009. UND WENN ES DIE CHANCE DEINES LEBENS IST? ist ihr dritter Roman.

Besuchen Sie die Website der Autorin:

www.carolinevermalle.com

Caroline Vermalle

Und wenn esdie ChancedeinesLebens ist?

Roman

Aus dem Französischen übersetzt von Karin Meddekis

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

Einband-/Umschlagmotiv: © Bildagentur Huber/Da Ros Luca;

© shutterstock/Akaiser

Innengestaltung: Christina Krutz Design, Biebesheim unter Verwendung von Illustrationen von © shutterstock/Oksancia; © iStockphoto/enderstse

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-4557-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Ryan

»Bei diesem kleinen Tanz …

Wie hieß er nur … wie hieß er denn nur …?

Nein … welcher Tanz es war … daran erinnere ich

mich nicht mehr. Ich erinnere mich hingegen wohl,

dass sie dabei glücklich waren und sich tief in

die Augen sahen, und das war schön.«

BOURVIL

(Le petit bal perdu)

»… die erhabene Ruhe der Dinge.«

SENECA

(Von der Kürze des Lebens)

P R O L O G

Dunkelheit. Im Hintergrund hört man Ella Fitzgeralds samtige Stimme Someone to Watch over Me singen. In der Luft ein schwacher Duft von Gewürzen und Schokolade.

OSCAR:

Hallo, Engel. Du bist noch immer da?

ENGEL:

Ja, Oscar.

OSCAR:

Gut. (Pause.) Riechst du das? Die Frau von oben hat sich eine heiße Schokolade gemacht. Ich weiß nicht, was sie da hineingetan hat, aber es riecht wirklich gut …

ENGEL:

Zimt.

OSCAR:

Ja, stimmt, Zimt. Nun gut. (Ein Seufzer.) Ist es noch nicht so weit?

ENGEL:

Nein, Oscar. Erst morgen.

OSCAR:

Morgen … gut, morgen also. Ich nehme an, was den genauen Zeitpunkt angeht, versteht der Chef keinen Spaß. Zu früh ist zu früh, und zu spät ist zu spät. Und morgen hat dann meine Stunde geschlagen, ja?

ENGEL:

Genau.

OSCAR:

Gut. (Ein Seufzer. Ein Löffel klirrt gegen eine Trinkschale. Der Duft der heißen Schokolade wird intensiver.) Weißt du, da wir gerade darüber sprechen, möchte ich dir etwas sagen, Engel. Es ist nicht etwa so, dass ich etwas dagegen hätte zu gehen, weißt du. Und ich bin auch keiner von denen, die herumnörgeln. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass es ein wenig zu früh ist, wenn ich morgen gehen soll.

ENGEL:

Wie oft habe ich das schon gehört, mein kleiner Oscar. Es ist immer entweder zu früh oder zu spät. Nur die Weisen verstehen, dass der gewählte Augenblick genau der richtige ist. So ist das Leben.

OSCAR:

Die Weisen, die Weisen. Ich bekomme Komplexe, wenn du so sprichst. Weißt du, morgen ist Weihnachten. Ich dachte mir, es könnte vielleicht eine … eine … wie heißt es noch gleich … eine Gnadenfrist geben.

ENGEL:

Nein.

OSCAR:

Du musst zugeben, Spaß versteht ihr nicht. (Pause.) Na gut. (Pause.) Ich weiß, du hast es mir bereits gesagt. Erkläre es mir trotzdem noch einmal, damit ich es auch wirklich richtig verstehe: Sobald ich dort bin, habe ich alles vergessen? Keine Erinnerungen mehr, an gar nichts?

ENGEL:

Dort, wo du hingehst, brauchst du nichts von dem, was du heute hast. Morgen werden deine Erinnerungen vollkommen ausgelöscht sein. Warum solltest du dich erinnern wollen?

OSCAR:

Weil … es gibt Erinnerungen … an denen man hängt, du weißt doch, wie das ist. Es gibt da vor allem eine Geschichte … eine Geschichte, an die ich gerne denke, einfach so, weil sie mir jedes Mal … Jedenfalls liegt sie mir sehr am Herzen. (Er hängt einen Augenblick seinen Gedanken nach und lächelt traurig.) Außer mir kennt niemand die ganze Geschichte. Für immer verloren … (Pause.) Das ist verrückt, nicht wahr? Von allem, was ich habe … Sicher, es ist nicht viel, wenn ich es recht bedenke, doch ich sage dir, wenn ich irgendetwas dorthin mitnehmen könnte …

ENGEL:

Man nimmt nichts mit.

OSCAR:

Ich weiß, ich weiß, aber ich sage es dennoch. Wenn ich eine einzige Sache mitnehmen könnte … nun, dann wäre das die Erinnerung an diese Geschichte … (Ein tiefer Seufzer.) Wenn es aber so bestimmt ist, kann man nichts machen.

ENGEL:

Es ist so bestimmt.

Ella Fitzgerald verstummt. Die Nacht ist hereingebrochen, und der Duft der heißen Schokolade ist verflogen. Oscar ist in melancholisches Schweigen versunken.

ENGEL:

Oscar?

OSCAR:

Hm?

ENGEL:

Wir haben noch Zeit, bevor der morgige Tag anbricht. Möchtest du mir deine Geschichte erzählen?

OSCAR:

Ich bin kein guter Erzähler.

ENGEL:

Doch, bestimmt.

OSCAR:

Hm, wenn du darauf bestehst. Also, pass auf. Hm. (Er räuspert sich.) Ich muss sie mir zuerst wieder genau ins Gedächtnis rufen. Ich weiß nicht, ob ich mich an alles erinnern kann.

ENGEL:

Mir würde auch eine Zusammenfassung genügen.

OSCAR (empört):

Eine Zusammenfassung! Eine Zusammenfassung, sagt er zu mir! Das hieße doch, Perlen vor die Säue zu werfen! Diese Geschichte muss man richtig auskosten. Und wenn du mich ständig unterbrichst …

ENGEL:

Tut mir leid. Ich höre dir jetzt zu (mit einem Schmunzeln in der Stimme). Auch wenn mir nicht entgangen ist, dass du mich ein Schwein genannt hast.

OSCAR:

Ja, ja, wegen dir verliere ich ständig den Faden. Das ist gemein. (Er räuspert sich erneut.) Auf die Ufer der Seine in Paris fiel der Schnee …

Auf die Ufer der Seine in Paris fiel der Schnee, und zwei junge Frauen schauten zu, wie die Flocken durch die Luft wirbelten. Die kalte Fensterscheibe in der obersten Etage eines Stadtpalais auf der Île Saint-Louis war an zwei Fleckchen beschlagen. An dem einen zeichnete sich der Kussmund der 25-jährigen Pétronille ab. Ihre hübschen kastanienbraunen Locken fielen ihr bis auf die Schultern, und sie zupfte an ihrer Strickjacke herum, unter der sich ihre Kurven abzeichneten. Die andere beschlagene kleine Stelle zitterte jedes Mal, wenn ihre ältere Schwester Dorothée seufzte. Sie war 31 Jahre alt, blond und schlank, und ihre strahlenden blauen Augen spiegelten Entschlossenheit wider. Dorothée zupfte normalerweise nicht an ihren Strickjacken herum. Das hatte sie sich erst vor sechs Monaten angewöhnt, als sie schwanger und ihr Bauch immer dicker wurde.

»Es gibt Leute, die haben einfach Glück im Leben«, sagte Dorothée seufzend. »Sieh nur diese Aussicht hier …«

Notre-Dame, das Panthéon, der Tour Montparnasse, der Eiffelturm – dieses weltberühmte Bild von Paris wie die Ansicht auf den Postkarten, die an den Ufern der Seine verkauft wurden. Pétronille seufzte ebenfalls. Wenn sie den Eiffelturm erblickte, lief ihr immer ein Schauder über den Rücken. Nein, kein richtiger Schauder, sondern vielmehr der Hauch eines winzigen Flügelschlages, wenn ein Vogel sich in die Lüfte emporschwingt. Gleichzeitig blitzte die Erinnerung an einen flüchtigen Augenblick auf: das Glück der kleinen Dinge. Wenn Pétronille sie in eine Flasche hätte füllen können, hätte sie sie gesammelt. Sie hätte sie daheim in ihrer kleinen Wohnung aufbewahrt, dort unten in einer der tausend dunklen Straßen, die die Hauptstadt durchzogen, dort, von wo man nur in die Fenster anderer Wohnungen sah. Hier in dieser großen Wohnung inmitten der grauen Dächer, die der Schnee allmählich weiß färbte, war das anders. Von hier aus konnte man beobachten, wie das Herz von Paris schlug, wenn man sich die Zeit nahm, genau hinzuschauen. Leider war sie hier in einer fremden Wohnung.

»So«, sagte Pétronille, »wir müssen gehen. Wenn er nach Hause kommt und uns hier sieht, gibt es richtig Ärger.«

Pétronille sammelte die Verpackungsreste ein, die auf dem alten Parkettboden herumlagen, und stopfte sie in einen großen schwarzen Müllbeutel. Sie bewunderte noch einmal, was sie gerade ausgepackt hatte: ein kleines, nur knapp 30 Zentimeter hohes Gemälde. Ein stilles winterliches Dorf, ein paar kahle Bäume, Gestalten, die die Kälte zur Eile antrieb, und links unten, fast ein wenig verschämt, die zur Seite geneigte Signatur des Künstlers: Alfred Sisley.

»Du hast doch gesagt, dass er immer bis tief in die Nacht im Büro bleibt«, widersprach Dorothée, die noch immer ihre Nase am Fenster platt drückte.

»Ja, aber was, wenn er ausgerechnet heute beschlossen hätte, früher nach Hause zu gehen? Komm.« Pétronille stellte den Müllbeutel neben die Konsole nahe der Eingangstür, auf der sich wichtig aussehende Post stapelte.

Dorothée schlenderte durch die Wohnung und betrachtete die erlesene Einrichtung.

»Es ist trotzdem nicht gerecht. Dieser Typ hat einfach alles. Er ist reich und ein hervorragender Anwalt; er besitzt eine traumhafte Wohnung, guten Geschmack … Ist das nicht zu viel Glück für einen einzigen Menschen?«

Pétronille sagte kein Wort, doch es erfüllte sie mit Stolz, dass ihre Schwester das Gemälde des Impressionisten bewunderte, das an der Wand lehnte. Dann wanderte Dorothées Blick zu den Fotos in den silbernen Rahmen auf dem marmornen Kaminsims. Sie zeigten Leute aus der feinen Gesellschaft und viele VIPs: ein Fußballstar, ein Minister und Dany Simonet, derzeit eine der beliebtesten Schauspielerinnen Frankreichs. Dorothée nahm das Schwarz-Weiß-Porträt des Mannes in die Hand, der auf allen diesen Bildern zu sehen war.

»Sag bloß, das ist er«, rief sie mit großen Augen aus.

Pétronille warf einen Blick auf das Foto: Ende 30, markante Gesichtszüge, lockiges braunes Haar, gebräunter Teint und die Miene eines jugendlichen Filmhelden vergangener Zeiten. Ein angedeutetes schüchternes Lächeln und strahlende Augen, dunkel wie Bitterschokolade. Das war er. Rechtsanwalt Frédéric Solis. Pétronilles Chef.

»Ja, ich weiß, aber deswegen brauchst du trotzdem nicht gleich …«, wiegelte Pétronille lächelnd ab, als würde sie das gar nicht berühren.

»Der Typ sieht ja bombig aus!«, platzte Dorothée heraus. »Du und deine Heimlichtuerei! Da fällt mir gerade ein: Weißt du, dass in deinem Horoskop für Dezember steht, dass du um den 22. herum jemanden kennenlernen wirst? Es heißt doch, dass sich die tollsten Männer meist in ihre Sekretärinnen verlieben. Ich kann ihn mir jedenfalls gut als Schwager vorstellen.«

»Auch wenn dir es jetzt das Herz bricht, aber ich habe ihn bereits bei meinem Einstellungsgespräch im September kennengelernt. Und ich bin nicht seine Sekretärin.«

Pétronille legte großen Wert darauf, als persönliche Assistentin und nicht als Sekretärin bezeichnet zu werden. Vor allem, da sie schon einige Jahre studierte, ohne dass allerdings der Abschluss in Sicht war. Und besonders ihrer Schwester Dorothée gegenüber, deren Lebenslauf wirklich beeindruckend war. Sie war nämlich Leiterin einer Marketingabteilung und hatte schon im Alter von Pétronille eine persönliche Assistentin gehabt. Sogar jetzt in ihrem Mutterschaftsurlaub hatte Dorothée nichts von ihrer natürlichen Autorität eingebüßt, die ihre jüngere Schwester von jeher tief beeindruckte.

»Jetzt reg dich doch nicht wegen so einer Lappalie auf, Nini«, erwiderte Dorothée. »Du weißt schon, was ich meine.«

»Außerdem«, flüsterte Pétronille, »bin ich gar nicht sein Typ.«

»Woher willst du das wissen?«, flüsterte nun auch Dorothée. »Und warum sprichst du so leise?«

Auch wenn es vollkommen unsinnig war, beruhigte es Pétronille zu flüstern. Ihr Chef würde furchtbar wütend werden, wenn er Dorothée hier antraf.

»Seine letzte Freundin war Model«, sagte Pétronille. »Weißt du, diese Frau, die Werbung für Chanel macht … Sie war diesen Sommer auf dem Cover der Vogue.«

»Du machst wohl Witze! Marcia? Das Topmodel, Marcia Gärtener?«

»Hm.«

»Und, ist er noch mit ihr zusammen?«

»Hm, nein, ich glaube nicht.«

»Na also …«, trällerte Dorothée.

Pétronille konnte gerade noch die Bemerkung zurückhalten, dass die beiden sich vor acht Monaten endgültig getrennt hatten. Eigentlich sollte sie so etwas gar nicht wissen. Sie versuchte sich auf die Unterlagen zu konzentrieren, die sie aus Frédérics Arbeitszimmer holen sollte. Allmählich verlor sie den Überblick über all das, was sie hier zu erledigen hatte.

»Reinigung, Gemälde, Abfall, Post, Reisepass, ach ja, die Geburtsurkunde für seinen neuen Reisepass …«

Sie ging auf das Arbeitszimmer zu und ließ die immer noch fassungslose Dorothée zurück, die auf ihrem Handy herumtippte. Als Pétronille mit drei Akten unter dem Arm wieder aus dem Zimmer kam, drehte sie sich suchend im Kreis: Ein Möbelstück fehlte. Ja, sie hätte schwören können, dass hier noch letzte Woche ein Sekretär mit feiner Intarsienarbeit aus dem 18. Jahrhundert stand. Seltsam. Ihre Schwester, die sich im Wohnzimmer über ihr Smartphone beugte, kicherte.

»Worüber lachst du?«

»Sieh mal«, sagte Dorothée und zeigte ihr ein Foto von Frédéric Solis und Marcia Gärtener, das Paparazzi geschossen und ins Internet gestellt hatten. Er versteckte sich hinter seiner Ray-Ban, doch sie strahlte. »Erinnert dich das nicht an etwas?«

»Nein – außer dass mein Chef gleich in seiner Wohnung auftauchen und mich rausschmeißen wird, weil ich meine Schwester dorthin eingeladen habe, ohne ihn zu fragen. Nein, sonst fällt mir nichts dazu ein.«

»Mann, er sieht doch aus wie Ken! Barbie und Ken!«

Pétronille kicherte und winkte ihrer Schwester, ihr zu folgen. Auf Zehenspitzen durchquerten sie das Schlafzimmer, und Pétronille öffnete den Kleiderschrank. Sie nahm den Smoking heraus, den sie in die Reinigung bringen sollte. Dorothée lachte laut. »Fehlt nur noch die Discokugel!«

Ebenfalls lachend legte Pétronille sich den Smoking über den Arm.

»Sieh mal. Wer, glaubst du, ist das …?«, fragte Dorothée sie dann in ernstem Ton.

Sie deutete auf einen Bilderrahmen aus Holz, der auf einer modernen Kommode stand. Das Foto, das sich im Laufe der Jahre leicht gewellt hatte, zeigte die Profilaufnahme einer Frau mittleren Alters. Sie hielt sich sehr gerade und trug das von grauen Fäden durchzogene Haar zu einem ordentlichen Knoten hochgesteckt. Der Fotograf musste sie in ihrer bescheiden eingerichteten Wohnung überrascht haben. Eine trotz aller Zerbrechlichkeit starke Frau, die ein wenig schüchtern wirkte und argwöhnisch in die Kamera blickte. Sie hatte die gleichen glänzenden dunklen Augen wie Frédéric. Diese Frau gehörte nicht in die Welt der Berühmtheiten auf dem Kaminsims, dachte Pétronille. Sie war auch sensibel genug, um zu begreifen, dass sie durch die Entdeckung dieses kleinen Bildes eine unsichtbare Grenze übertreten hatte. Daher zog sie ihre Schwester schnell aus dem Schlafzimmer. Ehe Pétronille die Tür schloss, sah sie sich noch einmal um und warf, einer Ahnung folgend, einen Blick aus dem Fenster. Genau in diesem Augenblick hielt ein Taxi vor dem hochherrschaftlichen Stadthaus. Ein Mann in einem beigefarbenen Mantel stieg aus und trat auf den weiß verschneiten Bürgersteig.

»Mist! Verdammter Mist! Er kommt!«

Mit dem Smoking über dem Arm hastete Pétronille los und sammelte ihre Sachen ein. Dorothée, aus schwesterlicher Solidarität ebenso aufgeregt, folgte ihr auf dem Fuß. Mit ihrem vorgewölbten Bauch stieß sie gegen die antike Konsole, die auf etwas wackeligen Beinen stand, und die Post darauf fiel zu Boden. Vier Hände ergriffen hastig Umschläge, Akten, Müllbeutel, Mützen, Mäntel, Handschuhe, Smoking, Handtaschen, Handys und Schlüssel.

»Oje, er lädt niemals jemanden zu sich nach Hause ein. Es wird ihm gar nicht gefallen, dass ich dich mit in seine Wohnung genommen habe. Und das auch noch heute, nachdem der Sisley im Wert von einer halben Million geliefert wurde … Verdammter Mist, und obendrein läuft in drei Wochen mein Jahresvertrag aus. Und den wird er ganz bestimmt nicht verlängern, wenn er dich hier sieht. Wie blöd muss man eigentlich sein …«

Dorothée, die bei der Erwähnung des eine halbe Million teuren Gemäldes zunächst erschrocken innegehalten hatte, blitzte ihre Schwester verschmitzt an.

»Bleib du hier. Ich gehe voraus. Er hat mich doch noch nie gesehen, nicht wahr? Ich nehme einfach den Aufzug. Er weiß ja nicht, aus welcher Etage ich komme.«

»Gute Idee«, stimmte Pétronille ihr zu. »Wir treffen uns an der Metro. Beeil dich!«

Sie schloss die Tür hinter ihrer Schwester und atmete tief durch. Typisch Dorothée – eine clevere Frau. Als sie klein war, spielte Dorothée gerne Detektiv, und Pétronille war ihre Gehilfin. Aber sie sagte immer »Gefiehlin«.

Pétronille schaute in den großen Spiegel mit dem vergoldeten Rahmen. Sie kämmte sich und schlüpfte in ihren Mantel. Vor jeder Begegnung mit Frédéric kämpfte sie mit Lampenfieber. Und sie errötete dauernd.

Mitten auf der Île Saint-Louis, im kleinen Garten des imposanten Stadthauses an der Ecke Quai d’Anjou und Rue Poulletier, waren die Blumenbeete schon ganz weiß. Die große Haustür knarrte leise, als Frédéric Solis sie aufstieß. Als er eintrat, kam ihm die Eingangshalle fremd vor. Selbst die prächtige Wendeltreppe und der Luftzug der zufallenden Tür schienen anders als sonst, als wäre alles aus dem Gleichgewicht geraten. Plötzlich fiel ihm ein, warum. Heute hatte er sich ausnahmsweise entschlossen, früher nach Hause zu gehen. Es sah alles so anders aus, weil es noch hell war. Während die Schneeflocken auf den Schultern seines Kaschmirmantels schmolzen, wartete Frédéric, bis der Aufzug schließlich im Erdgeschoss hielt. Eine charmante junge Blondine stieg aus dem engen, aber dennoch vornehm wirkenden alten Aufzug, und grüßte ihn mit einem selbstbewussten Lächeln. Eine sehr attraktive Frau, dachte Frédéric, als er ebenfalls lächelnd ihren Gruß erwiderte. Ihre Gesichtszüge kamen ihm irgendwie bekannt vor, aber … Ah, sie war schwanger. Ohne Hast kehrte er um und hielt ihr die schwere Eingangstür auf. Dorothée dankte ihm für seine Aufmerksamkeit. Frédéric blickte der schwangeren Frau einen Augenblick hinterher, bis sie im Schnee verschwand, und spürte einen Stich im Herzen. Dann vergaß er die Fremde wieder und kehrte federnden Schrittes zum Aufzug zurück. Ein hochgewachsener Mann mit einer sportlichen Figur und stets tadellos elegantem Auftreten. In dem Aufzug, der ihn zu seiner Wohnung fuhr, wirkte er jedoch immer, als wäre er in einen zu kleinen Käfig gesperrt worden.

Auf dem Treppenabsatz traf er Pétronille. Sie errötete, als sie ihm stotternd erklärte, dass die Lieferung von Sotheby’s früher als erwartet eingetroffen sei und sie in der Wohnung auf den Sisley gewartet habe.

Frédéric bedankte sich höflich, und seine ernste, klare Stimme hallte durch das marmorne Treppenhaus. »Haben Sie es schon gesehen?«

Seine Assistentin schien nicht zu verstehen, was er meinte.

»Das Gemälde«, sagte er und musterte Pétronille mit seinen schönen Augen.

»Ach so, ja, ja, ich habe es gesehen«, stammelte Pétronille. »Es ist sehr schön. Nun, ich meine, es ist eine gute Investition. Herzlichen Glückwunsch.«

Frédéric lächelte. Eine Investition. Eine weitere, eine von vielen. Das glaubten die Leute jedenfalls. Umso besser.

»Schönen Nachmittag, Pétronille«, sagte er freundlich.

Frédéric wartete, bis seine Assistentin im Treppenhaus verschwunden war, ehe er die Wohnung betrat. Er ging ein paar Schritte über das Parkett und legte die Schlüssel auf die Konsole. Und dann sah er es.

Sein kleines Gemälde lehnte schüchtern an der Wand – eine graue ruhige, poetische Schneelandschaft. Frédéric setzte sich auf den Boden, um dem Bild ganz nahe zu sein. Er schaute sich jeden einzelnen Pinselstrich genau an. Am liebsten wäre er mit den Fingern die Ölfarbe nachgefahren, doch seine Hand verharrte mitten in der Bewegung in der Luft wie ein Drachen an diesem Stück des Himmels, das ein Mann während eines Winters vor 150 Jahren betrachtet hatte. Jetzt gehörte dieser Himmel Frédéric ganz allein. Die dunkle Gestalt, die einen schmutzigen, vereisten Feldweg entlangging. Besonders faszinierten ihn die Fußstapfen. Nirgendwo sonst sieht man die Schritte der Menschen besser als im Schnee. Die Spuren dieses Fremden würden von jetzt an seine Wände und seine frühen Morgenstunden mit Leben erfüllen – von der Hand eines Künstlers an einen Zweig der Ewigkeit gehängt. Und er hätte ihn gerne gefragt: »Kennen Sie diesen Maler, der mich so sehr bewegt?«

Ja, Frédéric hätte sicherlich geweint, wenn nicht all diese Menschen auf dem Kaminsims gestanden hätten. Der Rechtsanwalt Frédéric Solis, einer der aufsteigenden Sterne von Dentressengle-Espiard-Smith, der renommiertesten Anwaltskanzlei von Paris. Rechtsanwalt Frédéric Solis, spezialisiert auf Scheidungen in der High Society, Experte für gebrochene Herzen, elegant, unerbittlich und teuer. Sehen Sie ihn sich an, diesen brillanten Rechtsanwalt, der so heftig mit den Tränen kämpft, dass sie den Blick auf das leicht verschwommene impressionistische Gemälde des großen Alfred Sisley kaum trüben. Nur die unscheinbare Dame in dem Holzrahmen hätte es verstanden, aber sie sah ihn nicht, denn sie war ganz allein im Schlafzimmer. Frédéric gab sich der Betrachtung des herrlichen Himmels noch stundenlang so intensiv hin, wie er den inzwischen dunklen Himmel über Paris niemals betrachtet hatte. Und dann hörte er, wie die Farben des Weges seinen Namen riefen.

»Frédéric? Frédéric! Frédériiiic!!«

Frédéric war sieben Jahre alt und lag zusammengerollt in seinem Bett in dem kleinen Zimmer am Ende des Flurs. Er blickte auf die Tapete, die sich an einer Stelle von der Wand löste, während er auf dem goldenen Anhänger mit dem Bild der Jungfrau Maria herumkaute, den er an einer Halskette trug. In Wahrheit schaute er nirgendwohin, sondern er lauschte. Seit drei Tagen hatten sich die Geräusche im Haus verändert. Er wunderte sich auch über die geröteten Augen seiner Mutter, die Anwesenheit der Großeltern und das verlegene Schweigen der Erwachsenen. Frédéric lauschte, ob er nicht die knarrend sich öffnende Tür und dann die ernste und zugleich heitere Stimme seines Vaters hörte. Die melodischen Silben einer langen Geschichte, die alles erklären würde. Die Geräusche, die er vernehmen würde, wenn sein Vater zurückkehrte. Nun wartete er bereits seit drei Tagen auf ihn, und noch immer hörte er diese Geräusche nicht. Dabei war an diesem Tag Weihnachten. Weihnachten 1979.

Wie seine Mutter und auch sein Vater war Frédéric ein Einzelkind. Sein Vater arbeitete bei einer Firma, die Schreibwaren herstellte. Er entwarf Kalender. Er war ein sanfter, kultivierter und heiterer Mann. Pünktlich. Oft war er ein wenig geistesabwesend und zog sich in seine eigene Welt zurück, vor allem, wenn Frédéric wieder einmal etwas angestellt hatte. Er überließ es seiner Frau, ihn zu bestrafen, doch er war immer da, wenn man ihn brauchte. Und er liebte Weihnachten sehr. Ganz besonders das Schmücken des Christbaums. In diesem Jahr hatten sie den Christbaum am 5. Dezember gekauft, fünf Tage später als im Jahr zuvor. Im letzten Jahr rieselten an Weihnachten die Tannennadeln nämlich zu Tausenden von dem verdorrten Baum, sobald Frédéric gegen einen Zweig stieß. Sie hatten darüber gelacht und sich vorgenommen, im nächsten Jahr etwas geduldiger zu sein. Während seine Mutter am 5. Dezember die Krippe aufstellte, schmückten Frédéric und sein Vater in jenem Jahr den Christbaum mit roten und grünen Kugeln sowie mit glitzernden Girlanden, die von Jahr zu Jahr immer mehr von ihrer Pracht einbüßten. An diesem Morgen wusste Frédéric, dass der Christbaum im Esszimmer in der Dunkelheit blinkte. Auch der Christbaum wartete auf seinen Papa.

»Frédéric! Kommst du runter, mein Junge?« Seine Großmutter hatte seit jeher eine sanfte Stimme, doch seit drei Tagen war sie noch sanfter.

Frédéric stieg aus dem Bett und durchquerte in seinem Flanellpyjama mit den zu kurzen Ärmeln den kalten Flur. Dann betrat er die Küche. Seine Mutter toastete Brot und wandte ihm dabei den Rücken zu. Seit drei Tagen wandte sie ihm oft den Rücken zu. Er sah nur ihren wie immer tadellos hochgesteckten Knoten. Frédérics Großmutter, die vom Alter schon ein wenig gebeugt war und einen Morgenmantel aus Molton trug, gab ihm einen Kuss. Es kratzte ein bisschen. Sein Großvater, der wie aus dem Ei gepellt aussah, saß mit strenger Miene schweigend am Tisch vor seinem Malzkaffee.

»Guten Morgen, Frédéric, mein Junge.« Der alte Mann starrte auf den ramponierten Kettenanhänger. Opa war ein tiefgläubiger Mann und würde ihn sicherlich dafür tadeln, doch Oma warf ihm einen einschüchternden Blick zu.

»Oma hat dir ein Brot gemacht. Setz dich hin«, stammelte sein Großvater deshalb nur und räusperte sich. »Der Weihnachtsmann hat dich wieder verwöhnt. Wir schauen uns den Christbaum an, sobald du aufgegessen hast.«

Seine Mutter gab ihm einen Kuss. Frédéric spürte, dass sie stärker geschminkt war als sonst und das Make-up dick aufgetragen hatte. Frédéric wollte ihr ins Gesicht sehen, aber seine innere Stimme riet ihm, es lieber nicht zu tun. Langsam aß er sein in heiße Schokolade getunktes Brot, und der Kakao rann ihm das Kinn hinunter. Die drei Erwachsenen sprachen darüber, wann die Messe begann, über die Heizung, die höher gestellt werden musste, und über Opas Rückenschmerzen. Es war kein Gespräch wie sonst, denn man hörte immerzu das Ticken der Wanduhr in den Pausen zwischen den Sätzen. Und noch immer diese Tür, die sich nicht öffnete.

Bald wurde es Zeit für Frédéric, seine Nase auf die Glastür zu drücken, die die Küche vom Esszimmer trennte. In dem Dämmerlicht, das nur das Blinken der Girlanden durchbrach, sah er das kleine Jesuskind in der Krippe liegen. Es war viel größer als die anderen provenzalischen Krippenfiguren, die es auf dem braunen Papier umringten, fast doppelt so groß wie die Kuh. Frédéric dachte, dass es ein riesiges Jesulein war wie die Kampfroboter in Goldorak, die ganze Städte zertrampelten, während die Menschen unter ihren Füßen alle laut schrien. Dann wanderte sein Blick zu den Paketen unter dem Christbaum. Frédérics Herz tat einen Satz, aber gleich darauf fiel ihm wieder die Tür ein, die geschlossen blieb, und das Herz wurde ihm schwer.

Das Licht wurde angeknipst, und die drei Erwachsenen setzten sich nebeneinander auf die Couch und lächelten Frédéric an. Dem Jungen fiel auf, dass der Kalender mit den schönen Bildern, die ihm so gut gefielen, nicht mehr neben dem Christbaum hing. Da jetzt aber nicht der rechte Zeitpunkt war, darüber nachzudenken, nahm er das kleinste Paket in die Hand. Er begann, das Papier aufzureißen, und während er noch immer sein Geschenk betrachtete, hörte er sich leise sagen: »Sollen wir nicht vielleicht warten, bis Papa kommt, ehe wir die Geschenke auspacken?«

Seine Mutter öffnete den Mund, stieß einen leisen Schrei aus und lief in die Küche. Frédéric kam es so vor, als würde sie beinahe wanken. Seine Großmutter folgte ihr und schlang die Arme um ihre Schultern. Der Junge vernahm ihre Schritte auf der Treppe und ab und zu ein Schluchzen.

Er war mit seinem Großvater allein. »Dein Vater kommt nicht«, sagte der.

Frédéric riss langsam den Rest des Papiers von dem Paket und entdeckte ein Majorette-Auto. Es war violett mit grünen Flammen auf den Seiten. Dieses Modell hatte er noch nicht. Er hatte es in der Spielwarenabteilung im Supermarkt gesehen. Es war fantastisch. Frédéric hätte es gerne im Esszimmer über die Fensterbank und unter dem Tisch über den Boden sausen lassen und ein Wettrennen mit seinen anderen Autos veranstaltet. Dann hätte dieses hier gewonnen. Stattdessen lauschte er, was sein Großvater zu sagen hatte. Im Augenblick sprach er nicht, aber Frédéric wusste, dass sein Opa gleich etwas sagen würde, denn er fuhr sich mit seinen alten Händen nervös über die Oberschenkel.

»Dein Vater hat etwas sehr Schlimmes getan, und … und jetzt sitzt er weit von hier entfernt im Gefängnis. Er kommt nicht mehr zurück. Du musst sehr tapfer sein, mein Kleiner. Du wirst das schaffen, nicht wahr?«, sagte er und legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter.

Frédéric nickte zögernd und senkte den gelockten Kopf.

»So, so«, fuhr sein Großvater fort und klopfte ihm auf die Schulter. »Das ist wirklich ein schönes Auto, das du da bekommen hast.« Der alte Mann fuhr sich wieder mit den Händen über seine Oberschenkel.

Frédéric spürte, wie Tränen seinen Körper erfüllten, aber seltsamerweise nicht die Augen. Er rollte sein Auto ein paar Zentimeter unter dem Christbaum über den Boden, doch das Auto wollte nirgendwohin. Der Junge, der seinem Opa gerne eine oder zwei oder auch tausend Fragen gestellt hätte, spürte, dass der keine Fragen mehr beantworten wollte. Frédéric nahm sich vor, all diese Fragen später seiner Mutter zu stellen.

32 Jahre später spürte dieser Junge, der neben seinem Sisley auf dem Boden hockte und auf die Lichtreflexe schaute, die die Touristenboote auf der Seine an die Decke seiner großen Pariser Wohnung warfen, wie jene Fragen, die er niemals gestellt hatte, immer noch gegenwärtig waren. Er hat es zu etwas gebracht, der Sohn des Mannes, der Kalender entwarf, dachte Frédéric, immer noch in seinem Kaschmirmantel. Und als er es zu etwas gebracht hatte, wurde ein anderer Mensch aus ihm. Größer. Wie das Jesulein war er zu groß für seine Familie und ihr Schweigen geworden. Also verließ er sie alle, sobald sich die Möglichkeit bot. Dennoch hatte er seine Mutter geliebt. Natürlich ohne es ihr jemals zu sagen. Sogar auf ihrer Beerdigung sprach er diese Worte nicht aus. Als sie starb, war er 21 Jahre alt und somit reif genug, um es zu sagen. Sie hätte wissen sollen, dass er sie bewunderte, weil sie so viel für ihn getan hatte, nicht wahr? Sie hatte ihn ganz alleine großgezogen, nie mehr geheiratet und ihn all die Jahre vor den traurigen Dezembermonaten beschützt. In ihrer Familie war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man jedes Wort auf die Goldwaage legte. Anstatt zu sprechen, hatte er härter für die Schule und später fürs Studium gearbeitet als alle anderen, jeden Tag und jede Nacht. Er würde es weiterhin tun aus Liebe zu den Gemälden der großen Meister und weil ihm seine Karriere wichtig war. Frédéric hatte sich geschworen, niemals Kinder zu haben. Es war besser, der Nachwelt Scheidungen berühmter Leute zu hinterlassen als Weihnachtsgeschenke mit bitterem Nachgeschmack.

Mit steifen Gliedern stand er auf und knipste das Licht an. Warum trübten gerade heute Abend so traurige und wirre Gedanken sein Glück? Er wedelte mit der Hand durch die Luft, als wollte er Fliegen verscheuchen. Frédéric betrachtete die beiden anderen Schätze seiner Sammlung, und ihr Anblick beruhigte ihn. An einer Wand des Salons hing eine etwa zehn Zentimeter große quadratische Skizze des Impressionisten Camille Pissarro: ein mit Bleistift und Tusche auf Karton gezeichnetes Feld im Winter mit zwei Bauern. Die Spuren ihres Alltags, ihrer Füße und ihrer Mühsal im Schnee. Und im Eingangsbereich über der Konsole das Triptychon von Utagawa Hiroshige: drei Frauen im dichten Schneegestöber. Ihre Schritte im Schnee, flüchtige Spuren eines kleinen Spaziergangs. Hiroshige war kein Impressionist, aber dieses Bild hatte Claude Monet, der dessen Holzschnitte sammelte, inspiriert. Eines Tages würde Frédéric über das nötige Geld verfügen, um einen Monet, einen Caillebotte, einen Gauguin, einen größeren Sisley oder ein Gemälde von Pissarro zu erwerben. Die Freuden eines Sammlers, alle Schätze der Welt in Reichweite, was für eine herrliche Erfindung der Menschen! Während die meisten sich mit Kleinigkeiten begnügten, leistete Frédéric Solis sich den Luxus großer Meisterwerke. Er war bereit, die schmerzlichen Opfer zu bringen, die diese Begeisterung für impressionistische Winterlandschaften verlangte.

Schließlich zog Frédéric den Mantel aus und hängte ihn in den Garderobenschrank neben der Tür. Die Briefe lagen auf der Konsole, als wollten sie seine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Er zögerte, denn er wusste, was es für Briefe waren. Mahnungen. Die Opfer, die er für seine Gemälde bringen musste, waren noch nicht groß genug. Auf der Wohnung lastete eine Hypothek, seine Konten waren überzogen, und er hatte begonnen, seine Antiquitäten zu verkaufen. Die Gläubiger mussten warten. Er war der Rechtsanwalt Frédéric Solis, und das Geld würde schon wieder fließen. Seufzend nahm er ein Einschreiben zur Hand. Diese Forderung musste er sicherlich begleichen.

Frédéric öffnete den Umschlag und las den Brief durch. Links oben stand das Firmenlogo einer Notariatskanzlei. Frédéric schüttelte den Kopf und starrte ungläubig auf den Brief. Das war wirklich eine gute Nachricht! Er wurde aufgefordert, sich bei besagtem Notar einzufinden, damit eine Erbschaftsangelegenheit geregelt werden konnte. Eine Erbschaft! Ein paar Minuten lang verharrte Frédéric unbewegt. Dann lächelte er übers ganze Gesicht und atmete tief durch. Dieser überraschende Glücksfall würde bestimmt dazu beitragen, dass er einen Teil seiner Schulden begleichen konnte. Eine Erbschaft! Welch ein Tag! Champagner!

Erst nach dem zweiten Schluck Champagner wurde ihm bewusst, dass er den Namen des Verstorbenen gar nicht kannte. Ein Mann war gestorben und ernannte ihn zu seinem Erben, und Frédéric konnte sich überhaupt nicht an ihn erinnern. Er las den Brief noch einmal durch und suchte den Namen des Verstorbenen: Fabrice Nile.

Fabrice Nile. Eine ganze Weile dachte er angestrengt nach – FabriceNileFabriceNileFabriceNile – und ging im Kopf die Namen seiner Mandanten und Bekannten durch. Er blickte auch suchend zum Himmel von Paris, an dem mittlerweile die Nacht vollends heraufgezogen war, ohne dass irgendein Gesicht vor seinem inneren Auge auftauchte. Schließlich dachte er an jenen Weihnachtsmorgen zurück, doch auch damals gab es niemanden dieses Namens.

Frédéric trank noch einen Schluck Champagner. Morgen würde er zu dem Notar gehen und erfahren, um wen es sich handelte. Er würde wohlhabend nach Hause zurückkehren, und sein Steuerberater würde endlich aufhören, ihm ständig zu erklären, dass er am Rande des Ruins stand. Er müsste nicht länger an Menschen aus der Vergangenheit denken, und alles wäre gut.

Ja, alles wäre gut.