Und wenn sie nicht gestorben sind ... - Volker Kästel - E-Book

Und wenn sie nicht gestorben sind ... E-Book

Volker Kästel

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Beschreibung

Ein misslungenes Regierungsprojekt hat den größten Teil der Menschheit in untote Fressmaschinen verwandelt. In kleinen Gruppen kämpfen die wenigen Überlebenden um ihr Dasein, doch sollte man den Kontakt mit den Infizierten vermeiden, da die Seuche hochgradig ansteckend ist. Ich bin Rolf und habe schreckliche Dinge getan, denn ich bin einer dieser Infizierten. Aus irgendeinem mir unerfindlichem Grund, erwache ich immer öfter aus meiner Lethargie und suhle mich in Selbstmitleid, bis ich eines Tages auf ein kleines Mädchen treffe und eine neue Aufgabe finde: Ich werde sie ab sofort beschützen! Leider erschweren mir nicht nur meinesgleichen diese Arbeit ...

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Seitenzahl: 428

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dann leben sie noch heute...

Doch wenn sie gestorben sind, wahrscheinlich auch...

Inhaltsverzeichnis

Überlebende

Ich

Die Gruppe

Der Sinn des Todes

Auf Tour

Raiders

Heldentod

Was nun?

Italienische Küche

Unfalltour

Frieden

Florice´s Flucht

Vermisst

Alleine

Begegnung

Rosas Weg

Kontakt

Es geht weiter

Kapitel 2

Kämpfende Truppe

Der Prediger

Glaubensfragen

Der Sinn des Lebens

Das Mädchen

Kampfeinsatz

Zusammentreffen

Elitesoldat

Beichte

Rettung

Beichtgeheimnis

Falsch

Hilfe

Virus

Aufstand

Wissenschaftler

Rettung

Ärger

Flucht nach Amerika

Rache

Forschung

Reinigung

Ärger

Erneute Flucht

Verfolgung

Karlsruhe

Epilog

Überlebende

Jessica Thomas war eine durchtrainierte Frau in den Endzwanzigern, die zu früheren, besseren Zeiten schon für jedes Abenteuer zu haben war. Immer war sie auf der Suche nach dem Kick gewesen. Jetzt kamen ihr die viele Erfahrungen zu Gute.

Wenn es darum ging, Freiwillige zu finden, die auf Besorgungstour gingen, war sie immer die Erste, die sich meldete.

Sie stoppte den Mercedes GLS hinter dem großen Einkaufszentrum, dort wo normalerweise die Waren angeliefert wurden. Jetzt stand hier nicht einmal mehr ein einziger LKW herum.

„Sieht sauber aus“, richtete sie sich an ihren Begleiter, während sich beide aufmerksam umblickten.

Der Angesprochene war ein 35 Jahre alter Auswanderer aus Litauen, der schon seit mehr als 10 Jahren in Deutschland lebte.

„Da!“, nickte er bestätigend, „Ich kann auch nichts entdecken.“ Sein ausgeprägter, russischer Akzent wirkte auf sie sehr anziehend. Wenn sie ehrlich war, wirkte Borill im ganzen mehr als sympathisch auf sie. Er war zwar 10 Jahre älter als sie, aber seine kurz geschorenen Haaren und sein Dschingis-Khan-Bärtchen standen ihm ausgesprochen gut, außerdem strahlte er immerwährend Fröhlichkeit und Optimismus aus. Und abgesehen davon, was soll´s, die ganze Welt ging den Bach hinunter...

Jessica stockte in ihren Gedanken, als er ihr seine Hand auf den Unterarm legte. „Schau! Da hat sich bewegt etwas!“, flüsterte er und deutete in Richtung der Mülltonnen. Beide waren zum zerreißen angespannt. Abgesehen davon, dass weder Jessica noch Borill dabei Vergnügen empfanden, die Toten auf ihren allerletzten Weg zu schicken, wussten sie, dass die Kämpfe auch immer mit einer nicht unerheblichen Ansteckungsgefahr verbunden waren und daher auch für sie zumindest den vorletzten Weg bedeuten konnte.

Mit der ihr angeborenen Eleganz sprang eine getigerte Katze auf den Deckel der Mülltonne, der daraufhin laut schepperte.

Das Tier beugte sich zur Seite herab und wackelte aufgeregt mit der Schwanzspitze, die wie ein eigenes Wesen wild hin und her zuckte.

„Hat wohl ein Leckerli entdeckt“, freute sich Jessica erleichtert. Borill nickte. „Gut für uns, wenn Katze da rennt, ist vermutlich nix anderes dort.“

Ach, seine prägnante Aussprache, da könnte sie zerfließen...

Das R sprach er deutlich härter aus als es hier in Süddeutschland üblich war und mit den Adjektiven hatte er noch Probleme, aber es passte eben zu ihm.

Borill streifte seinen Mundschutz über und setze die Schutzbrille auf. „Dann kucken wir uns hier mal um.“

Jessica tat es ihm gleich, stieg aus und nahm ihren Stock aus dem hinteren Fahrzeugraum. Es handelte sich um einen zugespitzten Besenstiel, mit diesem hatte sie die nötige Reichweite, falls sie einen Infizierten töten musste.

Borill setze lieber auf brachiale Gewalt. Er hatte ein Abflussrohr aus Metall, das über einen Meter lang war.

„Ich hätte nach Amerika gehen sollen, da hätte ich jetzt M16 oder gute, alte Kalaschnikow“, sein Grinsen war auch unter der Maske deutlich erkennbar.

„Wahrscheinlich wärst du da schon lange tot“, erwiderte Jessica. „Als noch die Nachrichten über das Internet liefen, habe ich mal eine Berichterstattungen verfolgt. In den USA gab es wahrscheinlich mehr Tote durch Schießereien als durch Infizierungen. Jeder Depp besitzt doch dort drüben eine Wumme und diese wird dann auch gerne benutzt und vorsichtshalber alles abgeknallt was in die Nähe kommt, egal ob untot oder nicht.“

„Trotzdem, lieber habe ich Kugel im Kopf als dieses beschissene Virus.“

Sie standen nun beide am Personaleingang, Borill griff nach dem Türknauf. Jessica hatte sich daneben aufgestellt, bereit etwas eventuell herausstürmendes mit der stumpfen Seite ihres Besenstiels auf Abstand zu halten. Er schaute sie fragend an, sie nickte still zustimmend.

„War klar,“ sagte er, als er erfolglos probierte den Knauf zu drehen. „Geschlossen!“

Hilflos sah sie an der Hausfront entlang.

„Vielleicht finden wir bei den Fenstern dort drüber irgendwo eine Möglichkeit hinein zu kommen.“ Jessica deutete mit ihrem Stock an die Wand zu ihrer Seite.

Sie schlichen sich gemeinsam hinüber.

„Ah, Gut! Scheibe schon eingeschlagen, nicht einmal Lärm müssen wir machen.“ Man hörte Borill die Freude an, endlich klappte mal etwas. Bei den letzten beiden Geschäften, die se plündern wollten,, mussten sie unverrichteter Dinge und ohne Beute wieder abziehen. Durch die vielen Infizierten, die dort herum lungerten, wäre ein Beutezug zu gefährlich gewesen.

Vorsichtig spähten sie in den Raum. Es handelte sich wohl um einen ehemalige Aufenthaltsraum. Eine kleine Küchenzeile mit eingebauter Spüle und ein Mikrowellenherd standen für die Pause machenden Mitarbeiter bereit. An der Wand hing ein großes Poster, das einen strahlend lächelnden Mitarbeiter zeigte. `Heute schon gelächelt?´, stand darunter. In der Mitte des Raumes befand sich ein Tisch mit fünf einfachen und nicht zusammen gehörenden Stühlen drum herum, die Türe an der anderen Seite war geschlossen.

„Also Los!“ Jessica hievte sich katzengleich auf das etwa ein Meter sechzig hohe Fensterbrett und sprang in den Raum hinein. Es knirschte unter ihren Füßen, was in der umliegenden Stille entsetzlich laut wirkte und sie verzog unwillkürlich ihr Gesicht.

Es fuhren keine Autos mehr, kein Flugzeug befand sich in der Luft, keine Fabriken wurden mehr in der Ferne betrieben und noch nicht einmal die Stimmen, die normalerweise unmerklich in der Luft von überall her kamen, waren mehr zu vernehmen.

Dadurch entstand eine geisterhafte Stille, wie man sie früher höchstens in abgeschiedenen Gegenden wie zum Beispiel der Sahara erleben konnte.

Borill lies sich etwas sanfter von dem Fensterbrett herab gleiten und schob die Scherben mit der Fußspitze etwas beiseite, bevor er auftrat.

Sie nahmen wieder die gleiche Aufstellung an der Türe ein wie kurz zuvor, Borill drückte die Klinke herab und öffnete langsam die Tür. Mit seiner kleinen Taschenlampe leuchtete er in den dunklen Flur. Da die Notbeleuchtungen hier schon lange nicht mehr funktionierte, fraß sich der kleine Lichtfinger einsam in den dunklen Gang.

„Rechts oder links?“ fragte er mit gedämpfter Stimme.

„Der Lieferanteneingang war links, also liegen dort die Lagerräume“, gab Jessica ebenso leise zurück.

So schlichen sie den linken Gang entlang und durchschritten die Tür zu den Lagern. Auch hier war keine tote oder lebende Menschenseele zu entdecken.

„Unsere Glückssträhne hält an“, sagte Jessica, “nicht eine von den Matschbirnen ist zu sehen.“

„Nenne die nicht so“, erwiderte Borill, “das waren einmal Menschen, Gottes Geschöpfe.“

„Jetzt fang nicht schon wieder damit an! Diese Kreaturen sind nun mal matschig in der Birne, also passt der Ausdruck und was ich von deinem Gott halte weist du ja.“

Borill war trotz allem ein gläubiger Mensch geblieben, aber hier war nicht der richtige Ort um Glaubensfragen zu diskutieren.

Auch wenn er und Jessica als Team sehr gut zusammenarbeiteten, sich gegenseitig ergänzten und auch sonst ohne Probleme miteinander aus kamen, lagen sich die Beiden bei theologischen Fragen regelmäßig in der Wolle. Er war streng katholisch erzogen worden und glaubte an Gott, auch daran, dass das alles hier einen tieferen Sinn hatte, den er zwar nicht verstand, aber Gott wusste was er tat. Jessica glaubte an keine göttliche Macht, sie glaubte eher an das, was jeder selbst vollbringen konnte. Abgesehen davon weigerte sie sich an ein gutes, großherziges Wesen zu glauben, das so etwas schreckliches wie die Seuche zuließ.

Der Lagerraum war überraschend aufgeräumt und daher gut zu überblicken. Die Tore zum Verkaufsraum standen weit geöffnet, doch fiel von dort nicht viel Licht herein, da die verglaste Frontseite zu weit entfernt war. Ein anderes Tor, das verschlossen war, führte wahrscheinlich in weitere Lagerräume.

„Ich checke Türe, du riskierst Blick nach innen!“

Jessica nickte, was er nicht sehen konnte, da der Strahl seiner Lampe nicht auf sie gerichtet war, doch da sie sich in Richtung der Verkaufsräume davon schlich, wusste er, dass sie verstanden hatte und er machte sich auf den Weg zur Tür.

Ein Hochgefühl durchflutete Borill, als er merkte, dass er die Eingangstür von innen Problemlos öffnen konnte, was er auch tat, woraufhin helles Tageslicht in den Raum flutete.

Umgehend machte er sich daran die aufgestapelten Kisten durch zu sehen.

„Ah, Spielzeug...“, bemerkte er verdrossen.

Jessica stand mittlerweile wieder hinter ihm und blickte über seine Schulter. „Geil, Nerf-Guns, da können wir die Matschbirnen mit Schaumgummikugeln zurück schlagen...“, sie nahm sich eine der kleineren Spielzeugpistolen, packte sie in ihren Rucksack und machte sich bereits an dem nächsten Stapel Kartons zu schaffen. „Neue Fluchtfahrzeuge,“ sagte sie, vom Karton aufschauend und breit grinsend, „hier sind Bobby Cars drin...“

„Hier sind ganz offensichtlich nur Spielzeuge“, meinte Borill, nachdem sie noch einige weitere Kartons kontrolliert hatten.

„Ja, scheint so...“, erwiderte Jessica. „Wohin jetzt? Erst der Lagerraum oder in den Laden raus?“

„Ich kann Lagerräume nicht leiden, die sind nicht sicher, gehen wir wie jeder anständige Kunde in Verkaufsraum“, sagte Borill und trat hinaus, mit der Lampe in der Linken den geisterhaften Raum so weit wie möglich ausleuchtend. Das wenige Tageslicht, das bis zu ihnen einfiel machte das Szenario noch unheimlicher.

Sie kamen an einem Spirituosenregal heraus.

Die meisten Geschäfte richteten ihre Regale so ein, dass die Alkoholika bei den Personaldurchgängen lagen, das minderte die Diebstahlgefahr.

Viele der Flaschen lagen zerbrochen auf dem Boden. Auch an den anderen Regalen erkannten sie, dass zumindest in der Verkaufshalle bereits einige andere Plünderer vor ihnen bei der Arbeit gewesen waren.

„Wow“, rief Borill entzückt aus. „Da liegt noch Flasche Smirnoff!“ Er bückte sich, nahm die Flasche auf und begutachtete sie wie einen Schatz gegen das von der anderen Seite des Ladens schwach einfallende Tageslicht. „Wir können gehen, ich habe alles, was ich brauche“ , meinte er hämisch Grinsend, während er die Flasche in seinem Rucksack verstaute.

Sich über den Spaß amüsierend achtete Jessica einen Moment nicht auf ihren Tritt und stieß gegen eine Flasche mit Haarspray, die laut klirrend in andere ihrer Sorte hinein rollte.

Mit eingezogenem Kopf, die Luft zwischen den zusammengepressten Zähnen einziehend wartete sie auf das Ende des Schepperns.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, als die Flaschen endlich ausgerollt waren, horchten beide angespannt in das Halbdunkel. Zuerst war da weiterhin nur Stille, dann hörten sie ein Rumpeln aus dem hinter ihnen liegenden Lagerraum.

Jessica schaute Borill fragend an.

„Wir riskieren es noch zu bleiben, wir brauchen dringend Lebensmittel! Szybko! Schnell!” Da Borill direkt an der polnischen Grenze aufgewachsen war und eine polnische Mutter hatte, fiel er in Streßsituationen immer wieder mal in die Sprache seiner Matka zurück.

Ohne weiter darauf zu achten keinen Lärm zu verursachen beeilten się sich in die Lebensmittelabteilung zu kommen. Der Geruch nach verfaultem Obst und Schimmel war hier im warsten sinne des Wortes Atemberaubend.

„Dort!”, rief er, als er auf die Regale mit den Konserven zeigte. „Pack ein was du kannst, keine Zeit etwas auszusuchen.”

Als się davor standen mußten się resigniert feststellen, dass bereits andere Plünderer ganze Arbeit geleistet hatten.

Jessica griff sich die letzten beiden verbliebenen und noch intakten Gläser mit sauren Gurken und packte diese schnell in ihren Rucksack. Dann hielt się inne. Das Rumpeln aus den Lagerräumen wurde heftiger, es hörte sich an, als müssten dort mindestens ein gutes Dutzend dieser Typen sein.

„In die Baby Abteilung!”

Borill schaute się irritiert und verwirrt an. „Du bekommst Baby?”

„Nein”, antwortete się amüsiert,”aber Plünderer brauchen keine Babynahrung.”

Sie spurteten los zu den Regalen mit dem Babyzubehör.

„Jackpot!”, jubelte się und riss die Hände in die Höhe.

„Danke, Herr!”, schlug Borill zeitgleich das Kreuzzeichen.

Hier standen noch etliche Babygläser in den Regalen. Hastig füllten się ihre Rucksäcke bis an die Grenze der Belastbarkeit.

„Und jetzt? Hinten raus oder suchen wir einen anderen Weg?”

Borill überlegte kurz. „Probieren wir es hinten. Die Türen der Lagerhalle haben auf mich festen Eindruck gemacht.”

In dem kleinen Abschnitt, den się einsehen konnten, hielten sich mehr Untote auf, als sie zu zählen vermochten.

Die stabileTür wackelte bereits in ihrer Halterung. Vorsichtig, um die Infis, wie się die Infizierten auch nannten, nicht noch mehr auf zu stacheln, schlichen się sich an der gegenüberliegenden Wand entlang zur offenstehenden Tür, die się nach draußen führen würde.

Obwohl się sich langsam bewegten und keine Lampen benutzen und sich im Schatten aufhielten, schienen die Infizierten się zu registrieren, der Druck gegen die geschlossene Tür verstärkte sich und die Toten ergriff eine wachsende Unruhe.

„Biec! Lauf!” Sie rannten gleichzeitig zu der Rettung verheisendenTüre, hinter ihnen knackte die Verbindung zu dem anderen Lagerraum. Keiner der Beiden nahm sich die Zeit und sah sich um.

Borill stürmte als erster aus der Tür zur Laderampe heraus und prallte mit voller Wucht gegen einen Infizierten. Von der Wucht des Aufpralls wurden beide zu Boden geschleudert, der Rucksack, den Borill eben noch in den Händen gehalten hatte fiel klirrend zu Boden, als sie einen meter tiefer aufschlugen.

Der Infizierte ging sofort dazu über beißend nach Borill zu schnappen, denn eine Schrecksekunde gab es für diese Wesen, die jeden Schrecken selbst darstellten, nicht.

Eine klauenartige Hand hatte im Kampf Borills Mundschutz weg gerissen, ob beabsichtigt oder nur zufällig, das wusste Borill nicht, im Moment machte er sich darüber auch keine Gedanken, denn obwohl die Gestalt ausgemergelt war, machte ihre Wildheit und Kraft dem muskulösen Russen erheblich zu schaffen.

Ein lautes Krachen, gefolgt von einem dumpfen Dröhnen, zeigte an, dass sie gleich in richtig ernsthaften Schwierigkeiten stecken würden. Die Tür zum Lagerdepot hatte dem Druck der Untoten nicht standhalten können und war komplett aus den Angeln gebrochen.

„Augen zu!“, schrie es, als im gleichen Moment ein angespitzter Holzspieß tief und mit Wucht durch das linke Auge in das dahinter liegende Hirn des Infizierten getrieben wurde. Eine ekelerregende Flüssigkeit ergoss sich über das Gesicht des unter dem Toten liegenden Borill. Jessica riss ihren Speer wieder zurück und ohne abzuwarten lief sie weiter. Borill presste den Mund fest zusammen und hielt die Luft an. Mit der Kraft einer aufkommende Panik gelang es ihm den Toten von sich zu stoßen. Er sprang auf, schnappte seinen Rucksack und spurtete zum Wagen. Dicht auf folgte er der Gefährtin, die ihm vielleicht gerade eben das Leben gerettet hatte.

Jessica sprang hinter das Steuer des SUV, warf in der gleichen Bewegung ihren Rucksack in den hinteren Passagierraum, ohne darauf zu achten, dass der wertvolle Inhalt nicht beschädigt wurde und drehte den Schlüssel, der noch im Schloss steckte. Sie hatten es sich angewöhnt, die Schlüssel nie abzuziehen.

Die Horde der Untoten sprintete bereits auf sie zu. Wie sie es von ihrem Mercedes gewohnt war sprang dieser sofort an.

Borill hechtete auf den Beifahrersitz und noch bevor er ganz im Auto war, ein Bein hing noch zur Tür hinaus, startete die Fahrerin durch und der Wagen machte einen Satz nach vorne.

Als die Beifahrertür gegen Borills Schienbein schlug verzog er kurz das Gesicht. Dann hatte Borill seinen Platz eingenommen und die Tür zu gezogen. Er sagte nichts, sondern kramte nur hektisch in seinem Rucksack.

„Bist du klar? Hat er dich gebissen?“ Keine Antwort.

Stattdessen zog der Angesprochene seine Wodkaflasche hervor, die wie durch ein Wunder den Sturz überlebt hatte, offenbar waren nur Babygläser zu Bruch gegangen. Er öffnete sie ohne darauf zu achten, wo der Deckel hinfiel und kippte sich fast die halbe Flasche über sein Gesicht.

Jessica wusste ohne ein Wort, was sie zu tun hatte und verlangsamte ihre Fahrt ein wenig. Im Spiegel sah sie, wie sich die Horde bereits näherte. Wie schnell diese Wesen doch sein konnten, wenn Frischfleisch sie lockte.

Sie nahm Borill die Flasche ab, dank des ALS ließ sich der Wagen in jeder Situation leicht und spursicher fahren. Borill legte die Hände zu einer Mulde zusammen und lies sich den Wodka einfüllen. Damit rieb er sich kräftig das Gesicht ab.

Dass dabei seine Kleidung und große Teile der Inneneinrichtung in Alkohol getränkt wurden interessierte in diesem Moment keinen der Beiden.

Nach dieser Wäsche nahm er die Flasche wieder an sich und setzte sie an seinem Mund an. Jessica beobachtete die Untoten noch immer im Rückspiegel und startete dann durch, um sie endgültig hinter sich zu lassen.

Borill gurgelte den Wodka und spie ihn gegen seine Beifahrertüre wieder aus, dann gönnte er sich einen kräftigen Schluck.

„Ah! Bester Wodka von Welt!“, sagte er und sank erschöpft in den Sitz, mehr außer Hoffen und Beten konnte er jetzt nicht mehr tun, sein Schicksal lag nun in Gottes Händen.

Ich

…..

Angewidert zog ich meine Hand zurück.

Es entstand ein schmatzendes Geräusch als ich sie aus der Bauchdecke des Mannes vor mir heraus zog. Der arme Kerl hatte mittlerweile aufgehört zu schreien, doch spürte ich noch immer Leben in ihm.

Doch was tat ich da? So sollte mein zukünftiges Leben aussehen? Konnte ich das denn wirklich als Leben bezeichnen? Verderben und Leid über andere bringen?

Die stinkende Flüssigkeit der zerrissenen Gedärme troff an meinen Armen entlang und lief von meinem Mundwinkel herab, während ich wie in Trance benommen meine Hände anstarrte.

Der etwa 35- jährige Mann hatte am Ende keine Chance mehr gegen uns gehabt.

Als wir seine Lebenskraft spürten und die Jagd begann, waren wir nur zu dritt gewesen, da hätte er vielleicht noch eine geringe Chance gehabt uns zu entkommen. Unser Opfer war schlank und schnell gewesen, Übergewichtige gab es nicht mehr viele, zum Einen war Nahrung zu wertvoll geworden um es einfach ohne Hunger in sich hinein zu stopfen, zum Anderen waren fette Leute einfach zu langsam für unsereins.

Eine Bordsteinkante beendete die Flucht. Sein Fuß knickte um, was ihn zu Fall brachte.

Einige Dosen und eine Wasserflasche kullerten achtlos über den Boden.

Bevor sich der Arme wieder erhoben hatte, um verzweifelt humpelnd seine Flucht fortzusetzen, hatte der Untote rechts von mir einen Sprint eingelegt und ihn umklammert, was den Mann erneut zu Fall brachte.

Als sich die ersten Zähne in sein Fleisch bohrten und blutige Stücke aus ihm heraus gerissen wurden, wusste der Mann dass es nun vorbei war. Dennoch trat und schlug er um sich wie ein Wahnsinniger. Uns Infizierte stört das jedoch nicht, da unsereins keinerlei Schmerz mehr empfindet und Mitleid uns fremd ist.

Mittlerweile sind wir zu acht und versuchen, unserem Instinkt gehorchend, sein Blut und sein Fleisch und die darin enthaltene Lebenskraft in uns aufzunehmen.

Die Verfolgung und das Erlegen des Mannes, so musste man es nennen, denn wir waren zu gefährlichen Raubtieren geworden, erlebte ich normalerweise nur in meinem Unterbewusstsein, doch nun hatte ich wieder einen jener seltenen klaren Augenblicke in denen mir alles was ich tat und seit meiner Verwandlung getan hatte, bewusst wurde und ich ekelte mich dafür vor mir selbst.

Vor mittlerweile über einem halben Jahr wurden die ersten Infektionen bekannt, scheiße, es war kurz vor Weihnachten gewesen! Anfangs waren es nur kleinere Meldungen im Internet, die aufgrund der Terrorgefahr und der Gefahr eines großen Krieges untergingen. Vielleicht hätte man zu diesem Zeitpunkt mit Aufklärung und Frühwarnung noch alles abwenden können oder zumindest die Folgen mindern, aber den Politikern war es wichtiger ihre eigenen Schäfchen ins trockene zu bringen.

Mehrere Afrikanische Kleinstaaten hatten sich zusammengeschlossen, der Europäischen Union den Krieg erklärt und bereiteten einen Einmarsch über Italien und Spanien vor.

Voraus gegangen waren Streitereien, da die meisten EU-Staaten sich weigerten afrikanische Flüchtlinge anzuerkennen und diese an den Grenzen abwiesen. Der Unmut der dortigen Bevölkerung wuchs, ebenso wie der Neid und die Gier und Europa war schließlich zum Greifen nahe.

Die für eine Invasion benötigten Gelder und Waffen stammten vermutlich zu einem großen Teil aus asiatischen Ländern, was sich allerdings nur schwer nachverfolgen lies.

Diese Gelegenheit wurde dann auch noch von verschiedenen Terrorzellen genutzt um Unruhe zu stiften. Großangelegte Terroranschläge von mehreren Gruppen aus dem Sudan gegen gezielte Punkte in Europa wurden zeitgleich ausgeführt. Zusammen waren bei diesen Anschlägen über tausend Todesopfern in Europa und den USA zu beklagen, die Zahl der Verwundeten ging in den fünfstelligen Bereich.

Die USA fühlten sich genötigt sich zur Wehr zu setzen und drohten mit großen, weltweiten Offensiven. Die Russische Föderation konnte das natürlich nicht einfach hinnehmen und drohte deshalb sich ebenfalls in diese Streitereien einzumischen, ein neuer, globaler Krieg, nie gekannten Ausmaßes stand bevor.

So verwundert es nicht, dass die ersten Infektionen von der Öffentlichkeit größtenteils als unwichtig abgestempelt wurden und man sich den wichtigeren Dingen zuwandte, zumal China, wo diese Fälle bekannt wurden, in weiter Ferne lag.

Es handelte sich laut Medien einfach nur um eine neue, besonders aggressive Art der China-Grippe, die Europa schließlich jedes Jahr heim suchte. Man sperrte die Infizierten in Quarantäne, beobachtete sie und versuchte ihnen medikamentös zu helfen.

Bis offiziell zum ersten mal von einer Pandemie, einem Seuchenausbruch, gesprochen wurde vergingen gerade einmal vier Wochen. Während des alljährlichen Weihnachtstrubels wollte keiner etwas hören von Weltweiten Krisen, Hungersnöten und grassierenden Seuchen. Von der Mehrheit der Europäer wurde diese neue Gefahr schlichtweg verdrängt.

Natürlich wurde auch zu dieser zeit von den Regierungen noch alles herunter gespielt. Dann ging es plötzlich rasend schnell. Von China aus überschwappte die Seuche innerhalb weiterer vier Wochen die gesamte Weltkugel. In den Städten fielen die Menschen übereinander her und zerfleischten sich auf offener Straße. In den Geschäften kam es vermehrt zu Plünderungen und viele, die an einem harmlosen grippalen Infekt erkrankten, wurden erschlagen, in einigen Fällen sogar lebendig verbrannt.

Amerika und einige kleinere Inselstaaten versuchten noch sich durch Abschottung zu schützen, doch war es zu diesem Zeitpunkt dafür bereits zu spät gewesen.

Mittlerweile sind wohl weit über 90 Prozent der Weltbevölkerung der Seuche zum Opfer gefallen, ohne dass genauere Erkenntnisse über die Ursache oder den Virus selbst offiziell bekannt gemacht wurden.

Am wahrscheinlichsten wird eine Infektion durch einen Biss übertragen, wobei der Virus in verhältnismäßig großen Mengen durch den Speichel des Infizierten in die Blutbahn des noch Gesunden übertragen wird. Da sich das Virus durch Tröpfcheninfektion verteilt, genügt es aber meistens schon, nur mit dem Blut oder anderen Flüssigkeiten eines Erkrankten in Berührung zu kommen. Wenn dich ein Infizierter, auch wenn bei diesem die Verwandlung noch nicht eingesetzt hat, an niest oder in deine Richtung hustet, kann das den Tod bedeuten oder wie einige wenige, extrem gläubige und hoffnungsvolle Gutmenschen behaupten, ein neues Leben. In der Anfangszeit gab es massenweise selbsternannte Helden, die ohne einen Schutz auf die Infizierten eindroschen, wie sie es von einschlägigen Zombiefilmen her kannten. Hierbei kam es zu vielen neuen Infektionen, da das Blut der Infizierten in Augen und Mund, bzw. in kleine Wunden der Gesunden eindrang und die Flüssigkeiten sich vermischten und schon war es vorbei mit dem gesunden Leben.

Die Gruppe

An einem blauroten Postkasten in amerikanischen Stiel bog der SUV von der großen Straße ab und fuhr auf einen mit privat gekennzeichneten Zufahrtsweg, der zu einem abseits gelegenen Hof führte. Die Einfahrt auf den Hof selbst war von Birken gesäumt und wurde durch einen kleinen Bollerwagen blockiert, der zur Seite geschoben werden konnte. Erst bei genauerem hinsehen erkannte man die ausgerollte Nagelsperre, wie sie früher von der Polizei verwendet wurde, hinter dem Bollerwagen. Diese auch Stopsticks genannten Nagelstreifen waren mit hohlen Nagelreihen ausgestattet, damit die Luft schnell aus den Reifen des sie überfahrenden Fahrzeuges entweichen konnte, damit wollten die Bewohner verhindern, dass sich Fremde ungerechtfertigter weise Zutritt zu ihrem Hof verschafften.

Hinter der Sperre hielt Ed wache. Er hatte eine Jagdbüchse, eine 98er HEYM, im Anschlag. Diese Waffe konnte zwar immer nur einen Schuss abgeben und musste dann jedes mal erst wieder umständlich neu geladen werden, doch dieser eine Schuss hatte eine hohe Durchschlagskraft und konnte sehr genau und auch auf weite Entfernungen punktgenau und tödlich gesetzt werden.

Ed war mit 58 Jahren der älteste Bewohner des kleinen Hofes, hatte lange, strähnige Haare, bei denen sich das dunkle Braun trotz des relativ hohen Alters noch gut gegen die weisen Silberstreifen behauptete. Er trug ein schwarzes T- Shirt, auf dem die Silhouetten einiger kriechender Zombies abgebildet waren und eines Läufers der vor ihnen davon rannte. Darunter stand in roter Blutschrift: Zombies hate fast food! Jeder hatte eben seine eigene Art mit der Apokalypse umzugehen.

Jessica lehnte sich aus dem Fahrerfenster und winkte ihm freundlich zu. „Wir haben Leckereien gefunden, die auch für die ältere, zahnlose Generation gut ist“, rief sie frotzelnd. Ed fehlten schon einige Zähne, denn sein Gebiss war alles andere als in gutem Zustand. Das Kauen bereitete ihm jedes mal Probleme, da die Entzündungen bereits bis tief in die Kiefer reichten und beim Kauen extreme Schmerzen verursachten.

„Lol, Haferbreichen?“, fragte er grinsend, wobei er die Reste seiner lückenhaften Zahnreihen entblößte.

„Noch besser, Babygläschen!“

„Geil, die habe ich schon immer gern gemocht“, rief er fröhlich, schulterte das Gewehr und begann damit den Weg frei zu räumen.

„Die Anderen hocken gerade in der Küche zusammen, wir wollen eine Besprechung abhalten, jetzt da ihr endlich da seid.“

„Quack nicht rum, von wegen endlich da seid. Das war eine mariotastische Zeit...“, sagte sie gespielt beleidigt. „Ist aber OK, dann können wir auch gleich Bestandsaufnahme machen“, bedankte sie sich noch mit einem Kopfnicken als sie an der behelfsmäßigen Sperre vorbei fuhr.

Mit dem Hof hatte die Gruppe unsagbares Glück gehabt. Er war verlassen gewesen, doch es waren reichlich Vorräte im kleinen Keller angelegt worden. In erster Linie handelte es sich um verschiedene Marmeladen und sauer eingelegtes Gemüse, alles von den ehemaligen Bewohnern selbst eingekocht. Sogar einige Dosen mit Schweinefleisch und Wurst von einer, vermutlich illegalen, Hausschlachtung hatten sich darunter befunden.

Das Beste war allerdings eine kleine Handpumpe auf dem Hof, die frisches Grundwasser lieferte, was in diesen Zeiten mit Gold nicht aufzuwiegen war, da die öffentliche Wasserversorgung bereits vor Wochen ihren Geist aufgegeben hatte.

Es gab hier nicht einmal einen normalen Elektroofen, doch der wäre sowieso nutzlos gewesen, da die Stromversorgung ebenfalls schon lange zusammengebrochen war. In der Küche stand ein alter Monsterofen, der mit Holz oder Kohle befeuert werden konnte.

Insgesamt waren sie 9 Leute, die sich zusammen geschlossen hatten um zu überleben.

Außer Jessica, Borill und Ed waren da noch Frank und Rosa Tippner, ein grünes Pärchen, das vor der Apokalypse versucht hatte mit friedlichen Demonstrationen die Welt zu verbessern, Ralf, ein 24jähriger Bankangestellter, Bruno, ein ehemaliger Metzger, Xuo Mang, ein chinesischstämmiger Austauschstudent der Betriebswirtschaftslehre und begeisterter Sportler und um ihrem Glück noch eine kleine Krone aufzusetzen, Dr. Carla Fischer, eine 38jährige Allgemeinmedizinerin. Als letztes wäre da noch Florice zu nennen, ein erst 10 Jahre altes Mädchen, das sich Frank und Rosa als Ersatz für ihre verlorenen Eltern ausgesucht hatte.

Genau wie Ed es gesagt hatte, waren alle in der geräumigen Wohnküche zusammen gekommen. Florice lag bäuchlings auf dem Boden und malte. Sie schaute kurz zu Jessica und Borill auf, als diese eintraten und widmete sich dann wieder ihren Zeichnungen. Ihre Bilder waren in sehr viel rot gehalten und mindestens ein Toter war immer darauf abgebildet, was jedes mal das Missfallen Rosas erregte.

Nachdem die Neuankömmlinge freudig begrüßt worden waren, begannen diese damit ihre Rucksäcke auf den Tisch aus zu räumen.

„Hier, Florice, damit kannst du üben dich zu verteidigen“, sagte Jessica und warf dem kleinen Mädchen die mitgebrachte Nerf-Gun zu. Diese sprang sofort auf und fing das Päckchen noch in der Luft geschickt auf.

„Das Kind soll eigentlich nicht mit Waffen spielen,“ bemerkte Frank gedehnt und vorwurfsvoll, „die ist doch noch viel zu klein, nö?“

Rosa legte ihre Hand auf die Seine. „Da hat mein Frank voll recht, ey.“

Beide bedienten nicht nur mit ihrer Sprechweise und Einstellung das Klischee der 70er/ 80er Jahre Hippies, sondern auch mit ihrer Kleidung. Diese war weit geschnitten, bunt und mit großen Blumen verziert. Rosa hatte ein Tuch um den Kopf gebunden. Es machte den Eindruck, als wären sie aus einem alten Filmstreifen entsprungen und kämen direkt aus Woodstock zurück.

Bruno saß am Tisch, legte das Gesicht in seine Hände und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Jetzt fangt nicht schon wieder mit diesem Öko- Scheiß an! Erstens hat es noch keinem Kind geschadet mit Waffen zu spielen und zweitens kann es nicht schlecht sein, wenn sie sich zu verteidigen weiß.“

„Da muss ich ihm recht geben“, drang es von der Tür her, wo Ed gerade den Raum betreten hatte.

„Aber so viel Gewalt überall, da kann sie gar kein Kind mehr sein...“, erwiderte Frank.

„Das Kind sein ist vorbei,“ mischte sich nun auch Carla ein.

Die Ärztin war eine Respektsperson und hatte unfreiwillig so etwas wie eine Führungsrolle in der kleinen Gruppe übernommen, „der Virus hat es verdrängt.“

Frank und Rosa merkten, dass sie gegen diesen gesammelten Widerstand nicht ankommen konnten und ließen zerknirscht das Thema auf sich beruhen.

Florice interessierte sich nicht für die Diskussion, die über sie geführt wurde, denn sie hatte mittlerweile die Pistole ausgepackt und sich Xuo als Zielscheibe ausgesucht, der gerade als sterbender Zombie zu Boden ging.

„Ok“, sagte Carla, „widmen wir uns den wichtigen Dingen.

Erst einmal Danke an Euch“, wobei sie Borill und Jessica zunickte. Sie begutachtete die Beute. “Babynahrung enthält viele wichtige Nährstoffe, das war ein besserer Fang als ein paar Konservendosen mit irgend einem totgekochten, vitaminfreiem Inhalt. Gab es Probleme?“

„Ich werde wohl Nacht in Kammer verbringen“, meinte Borill Achselzuckend.

Alle wussten, was das bedeutete. Die Kammer war ein extra Raum in der Scheune, in den sie nur eine Schlafgelegenheit eingerichtet hatten. Das Besondere an diesem Raum war, dass er mit einem Riegel wahlweise von außen oder innen verschlossen werden konnte. Bestand bei jemandem die Gefahr, dass er infiziert war, musste derjenige von innen verriegeln. Sollte sich der Verdacht bestätigen und er würde sich in der Nacht verwandeln, würde er als Untoter die Türe nicht mehr öffnen können und die Anderen konnten sich dann Gedanken um seine Entsorgung machen. Das war nicht schön, aber leider notwendig.

„Ich habe alles mit Alkohol abgewaschen so gut es ging und Gott und der heilige Sebastian werden mich schützen, er ist Schutzpatron gegen Seuchen, also kein Problem“, lächelte Borill vertrauensvoll in die Runde, sein Glaube war unerschütterlich.

„Gut, wir hoffen und beten mit dir, dass er das wirklich tut,“ Carla legte ihm bei diesen Worten freundschaftlich die Hand auf die Schulter, er spürte, dass sie es ehrlich meinte. „Aber wir müssen uns noch über etwas anderes Gedanken machen“, fuhr sie fort, wieder an die gesamte Runde gewandt. „Mit dem Essen sieht es nicht schlecht aus, wir haben jetzt Ende Juli und bald können wir Vorräte anlegen von dem, was um uns herum wild wächst. Allerdings haben wir nur noch fünf von unseren Hühnern, irgendein Raubtier hat gestern Nacht wieder eines gerissen, vielleicht kann sich mal jemand Gedanken über eine Falle machen. Was mir jedoch die größeren Sorgen bereitet ist zum einen unsere Medikamentenbestückung und zum anderen unsere Bewaffnung.“

„Waffen?“, meinte Rosa skeptisch. „Wir haben doch ein Gewehr, das ist eigentlich schon zu viel, die Infizierten kommen hier nicht her, die schaffen es nicht mal über den kleinen Holzzaun.“

Frank nickte eifrig um seine Frau zu unterstützen.

„Du machst dir etwas vor, Rosa“, ergriff wieder Carla das Wort. „Infizierte könnten eine Lücke ausnutzen oder über den Bollerwagen stolpern, aber die sind nicht das Problem. Wir leben hier in einer Oase, sozusagen im Schlaraffenland und ich mache mir Sorgen um weitere eventuell noch lebenden Mitmenschen.“

„Aber die können wir doch bei uns aufnehmen“, protestierte Erstere.

„Wenn Fremde zu uns kommen und bereit sind sich einzugliedern stellt das auch kein Problem dar..., bis zu einer gewissen Menge“, mischte sich Jessica ein. „Ich habe etliche Endzeitfilme gesehen, die Gefahr sind Banden von Schmarotzern die sich ungefragt nehmen was sie wollen, übrigens auch dich“, bei diesen Worten sah sie Rosa herausfordernd an.

Carla hob beschwichtigend die Hände, bei Rosa und Jessica trafen jedes mal zwei Welten aufeinander, kein Tag ohne Streit. „Lasst es gut sein, Leute und mich weiter ausführen!“

„Dich können sie gerne haben“, zischelte Rosa noch leise.

Carla schaute sie tadelnd an, woraufhin Rosa kleinlaut den Kopf senkte. „Jessica hat recht, wir wissen nicht, was noch alles auf uns zu kommt. Wir haben ein Jagdgewehr und Eds Armbrust, das war es!“

Sie sah auffordernd in die Runde und wartete auf nützliche Beiträge.

Xuo rappelte sich vom Boden auf, wo er für Florice den Toten gespielt hatte. „Das heißt dann ja wohl, dass wir in eine Stadt müssen, ein Waffengeschäft suchen das wir plündern können!?“

„Stadt vielleicht nicht, eventuell finden wir ein Geschäft für Jagdzubehör etwas außerhalb...“, überlegte Borill laut.

„Ich bin mal auf ´ner Mopedtour“, Ed nannte seine alte XL 500 immer nur liebevoll sein Moped, „durch Königsbach-Stein getourt, das ist ein kleines Kaff hier in der Nähe. Hatte wahrscheinlich nur ein paar tausend Einwohnern, da gab es einen kleinen Polizeiposten und wo Bullen sind, da sind auch Waffen.“

„Ein paar tausend Infizierte? “, steuerte der ewige Schwarzseher Ralf bei. “Wollt ihr freundlich mit denen reden?

Und wie wollt ihr bei der Polizei einbrechen? Habt ihr schweres Gerät?“

„Also ich möchte es gerne probieren,“ streckte Xuo die Hand, „klingt nach einer interessanten Aufgabe und irgendwie komme ich da schon rein!“

„Ich bin auch dabei! Hört sich spaßig an, bei der Polizei einzubrechen“, Jessica musste unwillkürlich kichern.

„Sehr gut, wir haben allerdings noch das medizinische Problem, deshalb wäre es sinnvoll, die Gelegenheit zu nutzen und dort noch einen Arzt aufzusuchen. Ich habe fast nichts mehr an Medikamenten. Die Entzündung an Franks Handverletzung hat meine letzten Reserven aufgebraucht. Ein paar steril verpackte Skalpelle und Faden können auch nicht schaden, der beste Arzt ist nur so gut wie sein Arbeitsmaterial.“

„Oh, ja, das mit der Hand war richtig schlimm,“ Frank nickte in Gedanken versunken und Rosa streichelte tröstend seinen Kopf. Er hatte sich vor drei Wochen mit einem Schraubendreher in die Hand gestochen, was an und für sich nicht so schlimm gewesen wäre, da er die Wunde aber nicht ordnungsgemäß gereinigt hatte, entzündete sie sich und er musste mit der letzten Antibiotika behandelt werden, die sie noch auf Lager gehabt hatten.

„Ich kann mit gehen zu Doktor“, schlug Borill vor.

Nein, nein! Du bleibst morgen schön in deiner Kammer, ruhst dich aus und betest! Bruno wird mich begleiten, der ist kräftig und kann einiges tragen.“ Bruno brummte nur zustimmend.

Der Sinn des Todes

…..

Als ich wieder klar wurde, fand ich mich an einer Straßenkreuzung wieder. Vor mir waren vier Autos ineinander verkeilt. Schreie waren schon lange keine mehr zu hören, auch konnte ich dort kein menschliches Leben mehr erspüren. Doch weiter rechts spürte ich eine Katze oder vielleicht sogar einen Fuchs im Gebüsch versteckt. Kleinere Nagetiere und Insekten spürte ich jede Menge rings um mich herum, doch waren diese nicht so interessant wie menschliches Leben, vielleicht, weil die kleinen Snacks nicht so leicht zu kriegen waren.

Selbstverständlich wurde auch dieses Leben aufgenommen, wenn es zufällig oder aus Unachtsamkeit zu uns kam, doch so etwas geschah nur noch selten. In der Anfangszeit kamen manchmal Ratten an uns Infizierte heran, um sich an unserem sterbenden Fleisch satt zu fressen, da hatte ich ein oder zweimal Glück gehabt und eine von ihnen erwischt. Doch die Tiere kannten mittlerweile die Gefahr, die von uns Verwandelten ausging. In meinem alten Leben hatte ich in dem Bericht einer Tiersendung gesehen, dass niemals zwei Ratten in dieselbe Falle tappten, weshalb man bei Ratten auch ein zeitverzögertes Gift einsetzen musste und wahrscheinlich kamen sie deshalb nicht mehr zu uns, hat sich wohl unter ihnen herum gesprochen, dass man uns nicht trauen kann.

Was sind diese Viecher doch schlau... Ich bemerkte ein Zucken, das hätte ein Lächeln geben sollen, in meinem in vielerlei Bezug gefühlslosen Gesicht.

Mittlerweile hasste ich die klaren Momente wie diesen jetzt gerade. In diesen Augenblicken wurde mir die ganze Tragweite dessen bewusst, was ich war und schlimmer noch, was ich alles getan hatte.

Die Gier danach Leben aufzunehmen war übermächtigen. Ein unzähmbares Verlangen nach frischem Blut und Fleisch. In diesen wachen Augenblicken flatterten viele Erinnerungsfetzen der Zeiten, in denen ich nicht wusste, was ich tat durch meinen Kopf und das waren Dinge, an die ich mich lieber nicht erinnern mochte.

Es roch nach Tod, Urin und Fäkalien. Ich schaute an mir hinab. Es war widerlich, ich war es selbst, der hier so stank! Nicht einmal solch einfachen Grundbedürfnisse wie zum Beispiel ein Toilettengang waren mir mehr geblieben.

Mir war schwindelig und jeder Muskel fühlte sich an als wäre er überdehnt, Schmerzen verspürte ich allerdings auch in klaren Momente nicht.

Gegenüber erkannte ich ein kleines Bekleidungsgeschäft. Es sah sichlich einmal nobel aus und warum nicht? Einkaufen und frische Kleidung besorgen, fast wie im richtigen Leben, also stakte ich hinüber.

In den Laden hinein zu kommen bereitete keine Schwierigkeiten, die Frontscheibe war eingeschlagen und vor anderen Infizierten brauchte ich auch keine Angst zu haben, ich musste noch nicht einmal leise sein. Die ersten Probleme bekam ich, als ich eine der Hosen greifen und nach der Größe sehen wollte. Die Feinmotorik meiner Finger war dermaßen schlecht geworden, dass es mir vorkam als wäre ich ein Astronaut. Dieser Vergleich hinkt vielleicht etwas, aber ich erinnere mich daran, dass Astronauten bemängeln, wie wenig Gefühl sie in den Fingerspitzen ihrer Anzügen hatten.

…..

Wieder so ein Ausfall. Ich bin noch immer in dem Bekleidungsgeschäft, mir ist aber bewusst, dass ich schon Stunden hier herum stehe ohne irgend etwas zu tun.

Vermutlich ist das wohl so eine Art Sparmechanismus den das Virus in mir aktiviert. Trotz allem habe ich das Gefühl, dass diese Aussetzer mal für mal immer kürzer werden und dafür die lichten Momente immer länger und vor allem deutlicher und klarer. Es ist als kämen meine Denkmaschine ganz langsam wieder in Schwung.

Aber das ist jetzt Egal, ich hatte noch immer mein Bekleidungsproblem.

Wenn ich bei den Jeans nicht klarkam musste eben etwas anderes her.

Unbeholfen wankte ich zu den Jogginghosen, dieses stundenlange still stehen war nicht gut für Muskeln und Gelenke.

Mir gelang es irgendwie meine verdreckte Kleidung abzustreifen und in eine der neuen Hosen hinein zu schlüpfen, jedoch nicht ohne mich vorher mit einer anderen Hose aus dem Sortiment etwas zu säubern. Widerlich, aber um das Stück war es nicht wirklich schade gewesen, graue Sternchen, wer dachte sich nur so etwas aus?

Auf Unterwäsche verzichtete ich der Einfachheit halber gänzlich. Außerdem fand ein T- Shirt mit großem Smilie, der Kopfhörer trug, bei mir einen dankbaren Abnehmer. Dieses Shopping war nicht schlecht, es lenkte mich von meiner Grübelei ab.

In einem großen Spiegel begutachtete ich mich. Ich war mit Sicherheit der am bestgekleidetste Zombie weit und breit. Das runde, gelbe Gesicht auf meinem Shirt strahlte etwas Fröhlichkeit aus, nur die Fratze darüber sah irgendwie nicht sehr gesund aus.

Irgendwo unterwegs hatte ich wohl einen meiner Schuhe verloren. Die Fußsohle war bereits wund gelaufen, blutete aber nicht. Nicht nur, dass ich keinerlei Schmerzen empfand, eigentlich empfand ich gar nichts, selbst beim Anblick meines geschundenen Fußes, so als wäre es nicht mein eigenes Körperteil. Merkwürdig. Da es hier auch eine kleine Schuhabteilung gab, suchte ich mir gleich ein paar Sportschuhe heraus, die mit Klett zu verschließen waren und nach langem Probieren und einem weiteren, aber diesmal nur sehr kurzem Aussetzer hatte ich es geschafft mir die neuen und vermutlich auch passenden Schuhe anzuziehen. Das ist gar nicht so einfach, wenn man kein Gefühl hat und nicht spürt, ob ein Schuh drückt oder am Fuß herum schlabbert.

An der nahen Türe stand in großen Buchstaben `Personal´. Ich ging hin und stieß gegen die Tür, doch sie blieb geschlossen. Also drückte ich ungelenk die Klinke hinab, nun schwang sie nach innen auf und ich trat ein.

Eine junge Frau kam auf mich zu. Sie stank genauso streng wie ich bis vor kurzem noch gerochen hatte. Mit leerem Blick starrte sie mich an. Obwohl es hier relativ dunkel war konnte ich sie sehen. Vielleicht war sehen der falsche Ausdruck, es war mehr ein Spüren, denn sie hatte Leben in sich, allerdings ein Leben nach dem es mich nicht gelüstete. So etwas ist schwer in Worte zu fassen, sie war irgendwie blau, anderes Leben, das erstrebenswerte Leben, spürte ich eher rot.

Ich fragte mich, ob sie wohl auch lichte Momente hatte in denen sie klar denken konnte. Wahrscheinlich hatte sie keine wirklich schlimmen Erinnerungen, so wie ich. Allem Anschein nach war sie gleich nach ihrer Infizierung hier herein geflüchtet und hatte sich hier in diesem geschlossen Raum versteckt und ihrem Schicksal ergeben, da konnte man keine `schlechten Dinge´ tun. Die junge Frau, Susanna stand auf ihrem Namensschild, war total ausgezehrt und vermutlich würde sie auch trotz des Virus nicht mehr lange an ihrem untoten Leben bleiben, denn auch wir Untoten konnten Verhungern, es dauerte nur unsäglich lange.

Auf dem Tisch lag ein angebissener Schokoriegel und ich beschloss ihn zu essen, auch wenn ich überhaupt keinen Drang nach dieser Art Nahrung verspürte.

Es war ein merkwürdiges Gefühl diesen Riegel zu essen, ich vermute, dass mein Körper diese Art der Nahrung noch immer verwerten kann, doch war es schal und Geschmacklos und ich sehnte mich nach Leben, das ich stattdessen zu mir nehmen konnte.

…..

Mittlerweile stand ich wieder draußen, vor dem Geschäft in dem ich mich eben noch befunden hatte, das Virus hatte mich gelenkt. Ich erinnere mich zwar nach diesen Aussetzern noch zum größten Teil an das, was ich in diesen Momenten getan habe, in denen ich nicht ich selbst bin, habe aber nur ein schlechtes bis überhaupt kein Zeitgefühl für die Abschnitte in denen ich Abwesend bin, auch wenn ich mir gerne etwas anderes einrede. Der Einfachheit halber bezeichne ich diese Zeitabschnitte als Abwesend, die Zeiten in denen ich klar denken kann bin ich Anwesend. Könnt ihr meinen Gedankengängen folgen? Habe ich mir selbst aus gedacht.

Da ich zu den abwesenden Zeiten nicht ich selbst bin und das Gefühl zu den anderen Zeiten eher ist, als würde ich mich selbst besuchen, erscheinen mir diese Bezeichnungen als überaus passend. Vielleicht kann ich auch meine grausamen Taten auf diese Weise besser vor mir selbst rechtfertigen, für das Gewissen ist jede Ausrede willkommen.

Mittlerweile kommen immer wieder Erinnerungen zu mir, die aus der Zeit vor der Infektion stammen. Das fehlte seltsamerweise bisher, wer ich einmal war, was ich früher, in einem noch intakten Leben getan hatte, wer meine Familie war und so fort.

Ich entsinne mich an einen Obdachlosen, der aus einer kleinen Seitenstraße gewankt kam und stürzte. Bei dem Versuch ihm auf zu helfen nieste er mich an und zu allem Überfluss riss mir der Typ mit seinen Fingernägeln auch noch die Hand auf. Vielleicht wurde ich in diesem Augenblick mit dem Virus infiziert. Sicher sagen kann ich das aber nicht. Zu dieser Zeit hatte ich bereits erste Berichterstattungen im Fernsehen über diese neue Grippe gesehen, sie wurde aber eher verharmlost, schließlich kam jedes Jahr eine Grippewelle über Europa. Das Internet war zu diesem Zeitpunkt bereits voll von panikmachenden Berichten und Filmen, über die verheerenden Auswirkungen dieser neuen Grippe. Berichte vor allem aus dem weit entfernt liegenden Ausland, vielleicht tatsächlich aus China, vielleicht aber auch aus Korea oder so.

Fies, aber zum Glück alles weit, weit weg.

Damals hatte ich mir etwas Geld dazu verdient indem ich mich der Pharmaindustrie als Versuchskaninchen zur Verfügung stellte. Da ich gerade von einer Untersuchung gekommen war dachte ich mir, erste Hilfe können die Mädels dort sicherlich auch leisten, zumal aus Versicherungstechnischen Gründen bei jeder Injektion ein Arzt anwesend sein musste, also ging ich nochmal zurück.

Die Wunde wurde ordnungsgemäß gereinigt und ich bekam ein Pflaster darauf.

Mein Impfstatus wurde am PC überprüft und für OK befunden, da mein Tetanus erst im letzten Jahr aufgefrischt worden war. Zum Glück hatte die Firma ja alle meine gesundheitlichen Daten auf dem PC und ich wurde wieder nach Hause geschickt. Zwei Nächte später bekam ich dann Fieber und Krämpfe und klinkte mich irgendwann komplett aus. Das Nächste, woran ich mich erinnerte, waren immer wieder kehrende kurze Wachphasen in denen ich mich an Vergangenes erinnerte, anfangs wie nach einem Traum, später immer klarer werdend. Das meiste davon wollte ich auch gerne für einen Traum halten, es war einfach zu schrecklich um wahr zu sein...

Den ersten Menschen, den ich tötete, war meine Freundin gewesen. Sie war auch die Erste, an die ich mich wieder erinnerte. Als sie..., na wie hieß sie denn noch mal?... Es fällt mir einfach nicht mehr ein, aber ich erinnere mich noch genau an jedes kleine Merkmal ihres Gesichtes. Zum Beispiel die süßen Grübchen, wenn sie so tat, als wäre sie sauer auf mich.

In Wahrheit konnte sie mir nie wirklich böse sein. Schnuckie hatte ich sie genannt... Als sie an jenem Tag nach der Arbeit im Krankenhaus nach Hause kam, hatte ich sie bereits an der noch offenen Wohnungstür begrüßt. Es tröstet mich, dass es bei ihr sehr schnell ging. Da sie mir erschöpft die Wange für einen Willkommenskuß hin hielt, lag ihr Hals frei. Anschließend spazierte ich durch die geöffnete Tür nach draußen, weitere Beute suchend.

Irgendwann befanden sich fast nur noch Infizierte auf der Straße. Ich erkannte sie an ihrem blau schimmernden Leben.

In Actionfilmen hatte ich manchmal Infrarotaufnahmen von Personen gesehen, so ähnlich wirkte das jetzt auf mich, jedoch vermischt mit dem normalen Sehen, also hatte ich jetzt sogar eine verbesserte Sicht.

…..

Auf dem Schild vor mir stand: Dr. Alexander Großmann, Arzt für Allgemein- und Sportmedizin, Sprechzeiten Mo – Fr 8.30

– 16.30 Uhr und nach Vereinbarung.

Es war egal, wo ich meine Zeit verbrachte, also drückte ich gegen die Türe und trat ein. Ein weiteres, kleineres Schild wies auf den Behindertenzugang im Hof hin. Da mir Treppensteigen keine Probleme bereitete, wählte ich den direkten Weg über die fünf Stufen, die zu Dr. Großmanns Praxis hinaufführten. Zu meiner Überraschung fand ich hier keine lebenden Untoten vor. Acht Leichen lagen verteilt im Warteraum, diese Untoten waren aber wirklich tot. Alle Leichen wiesen schwere Kopfverletzungen auf, wie unschwer an den zertrümmerten Schädeldecken und der eingetrockneten Hirnmasse zu erkennen war, die sich vermischt mit dem alten Blut in großen Flecken an Wänden und auf dem Boden um die Köpfe der armen Geschöpfe herum befand. In diesem Moment bedauerte ich es, dass mein Geruchssinn intakt war, aber zumindest bekam ich keine Würgereflexe. Ich sah das Leben in unzähligen Fliegen von den Leichen hoch stieben, als ich mich ihnen näherte. Die Tür fiel selbstständig hinter mir wieder ins Schloss.

Automatisiert schnappte ich nach dem Leben der Fliegen, wie ein Fisch der auf dem Trockenem nach Luft schnappt, doch diese waren zu flink.

Ich trat durch irgendeine Tür und stand in einer Toilette. Im Spülkasten befand sich sich noch etwas Wasser und mein langsam wiederkehrende Verstand sagte mir, dass ich trinken musste. Na ja, Keime und Bakterien würden mich wohl nicht umbringen, also nahm ich mir einen der unbenutzten, so hoffte ich zumindest, Urinbecher und schöpfte mir etwas von dem grell blauen Wasser heraus und zwang mich es zu trinken.

Als nächstes schlenderte ich in den Behandlungsraum. Die Schränke waren aufgebrochen worden und ihr Inhalt auf dem Boden verteilt. Vermutlich hatten die Plünderer, vielleicht Junkies, hier nur nach starken Medikamenten und Drogen gesucht und den Rest einfach achtlos überall verteilt.

Auf Tour

Gleich früh Morgens machte sich Jessica daran ihren SUV zu überprüfen. Es war zu einer ihrer Routinen geworden, vor jeder Fahrt das Fahrzeug gründlich durch zu checken. Die Rücklichter und die Blinker hatte sie bereits vor Wochen eingeschlagen, nur das vordere Scheinwerferlicht erstrahlte jetzt und wurde genauso überprüft, wie der nachträglich über der Beifahrerseite angebrachte Suchscheinwerfer und sämtliche Flüssigkeitsstände.

Da auf jeder einzelnen Tour ihr aller Leben nicht unwesentlich von dem einwandfreien Funktionieren ihres Fahrzeuges abhing, ging sie bei dieser Arbeit sehr gründlich vor. Xuo unterstützte sie dabei.

„Der Ölstand ist schon im unteren Drittel, wir sollten bei einer unseren nächsten Abstecher frisches Öl besorgen“, sagte er in fast akzentfreiem Deutsch, nur durch die etwas in die Länge gezogenen Konsonanten konnte man auf seine Herkunft schließen.

„OK“, gab Jessica kurz zurück, sie war gerade dabei den Reifendruck und den Allgemeinzustand der Reifen zu checken.

Carla kam hinzu. „Und? Abfahrbereit?“

„Gleich hab ich´s“, gab Jessica in die Arbeit vertieft zur Antwort.

Die Ärztin sah sich suchend um. „Wo ist Bruno?“

Jessica sah auf und erhob sich und streckte ihren Rücken durch. „Vielleicht schläft er noch...“

„Ne, da kommt er...“, verbesserte sie sich selbst und zeigte zur Tür.

Wer da kam war nicht Bruno, sondern ein freudestrahlender Borill.

„Seht ihr Leute, mir geht es gut! Gott hat mir geholfen und mich beschützt“, sagte er und schlug sich leicht die Hände auf die Brust, wie als wollte er zeigen `hier bin ich, gesund und munter´. „Kein Fieber, nicht einmal Bauchschmerzen, nur Hunger.“

Carla ging ihm ein Stück entgegen, nahm seinen Kopf etwas zurück und sah ihm in die Augen. Nachdem sie seine Augen mit einer Hand beschattet hatte, die morgendliche Sonne strahlte bereits hell am Himmel und es versprach ein herrlicher Tag zu werden, lies sie wieder das Licht auf seine Augen fallen. „Sieht gut aus, keine Anzeichen einer amaurotische Pupillenstarre“, erklärte sie eher beiläufig und mehr zu sich selbst. „Trotzdem bist du noch nicht außer Gefahr, denkt daran, 48 Stunden, das bedeutet, zwei Nächte in der Kammer, tagsüber nie alleine bleiben.“

„Jawohl, Frau Doktor, natürlich nicht“, er wand sich aus Carlas Händen. „Ich kenne Probleme“, antwortete er in seinem überzogen klingendem Russen-Slang bei dem er die Artikel meist unbeachtet lies. „Wollte nur sagen, Bruno kann nicht mit! Ist krank, hat furchtbare Scheißerei. Ich werde dafür mit gehen.“

Alle drei sahen ihn ungläubig an.

„Das ist kein Problem“, sagte er, als er in ihre verdutzten Gesichter sah. „Verwandlung geht nicht von jetzt auf sofort und ich fühle mich top fit, wie russischer Superathlet.“

Carla überlegte einen Moment, dann nickte sie zustimmend.

„Gut, du bist dabei.“

„Da!“, freute er sich auf Russisch und hieb die Faust durch die Luft.

Mittlerweile war auch Ed zu ihnen gestoßen. „Auf dem Plumpsklo riecht es fürchterlich, hat da einer ´nen Zombie gefressen?“

„Ja, Bruno, war nicht gut für ihn“, antwortete ihm Borill lachend.

Der Plan sah vor, dass Ed mit seinem Motorrad erst durch das Dorf fahren sollte, um auf diese Weise möglichst viele Infizierte, die seinen Lärm hörten und ihm folgten, heraus zu locken und von den Anderen weg. Sein Part war dann beendet und er sollte wieder in einem großen Bogen hierher zurück kehren.

Jessica würde Carla und Borill bei einem Arzt, dessen Lage sie in den Gelben Seiten gefunden hatten, absetzen und nachdem sie selbst und Xuo bei der Polizei fertig waren, wieder dort abholen.

Es hatte Diskussionen gegeben, ob es sinnvoll war, sich zu schwächen und die Gruppe aufzuteilen, am Ende waren sie sich aber überein gekommen, dass es das aller Wichtigste war, die Stadt so schnell wie nur irgend möglich wieder zu verlassen.

An Waffen hatten sie nicht viel dabei, das einzige Gewehr behielt Ralf, da er hier am Hof solange die Wache übernehmen musste. Es grenzte nach ihrer einstimmigen Meinung sowieso an Wahnsinn in einer Stadt mit ehemals mehreren tausend Einwohnern eine Schusswaffe abzufeuern, wenn es nicht die allerletzte Möglichkeit war.

Ansonsten hatte Ed die einzige schussfähige Waffe dabei, eine Barnett Panzer II, seine Armbrust. Es handelte sich dabei um ein älteres Modell, allerdings mit hoher Durchschlagskraft.

Diese hatte er in einer extra dafür selbst gebastelten Halterung untergebracht, sie steckte etwas hinter ihm an der Seite seiner XL so hatte er jederzeit schnellen Zugriff darauf..