Beschreibung

Es ist eine unerwartete Frage, die Kathy Izards Leben für immer verändert. »Und wo sind hier die Betten?«, will der ehemalige Obdachlose Denver Moore (bekannt durch den Bestseller »Genauso anders wie ich«) von ihr wissen, als sie ihm stolz die Obdachlosenarbeit präsentiert, in der sie sich ehrenamtlich engagiert. Fortan lässt ihr diese Frage keine Ruhe mehr. Sie fühlt sich herausgefordert, mehr zu tun, als in der Suppenküche mitzuarbeiten – und so gibt die Grafikdesignerin und Mutter von vier Töchtern ihren Job auf und stellt sich einer Herausforderung, die viel zu groß für sie zu sein scheint: Häuser für Obdachlose zu bauen. Dabei kommt sie nicht nur mit ihrer eigenen Vergangenheit ins Reine, sondern erlebt auch Wunder über Wunder und kann schließlich gar nicht mehr anders, als zu erkennen: Ja, es gibt einen Gott. Er hat einen Plan für uns und ist in unserem Leben am Wirken. Und so verrückt es sich auch anfühlen mag, auf sein Flüstern zu hören – verrückter wäre, es nicht zu tun.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 362


Kathy Izard

„Und wo sind hier die Betten?“

Über das Buch: Es ist eine unerwartete Frage, die Kathy Izards Leben für immer verändert. »Und wo sind hier die Betten?«, will der ehemalige Obdachlose Denver Moore (bekannt durch den Bestseller »Genauso anders wie ich«) von ihr wissen, als sie ihm stolz die Obdachlosenarbeit präsentiert, in der sie sich ehrenamtlich engagiert.

Fortan lässt ihr diese Frage keine Ruhe mehr. Sie fühlt sich herausgefordert, mehr zu tun, als in der Suppenküche mitzuarbeiten – und so gibt die Grafikdesignerin und Mutter von vier Töchtern ihren Job auf und stellt sich einer Herausforderung, die viel zu groß für sie zu sein scheint: Häuser für Obdachlose zu bauen. Dabei kommt sie nicht nur mit ihrer eigenen Vergangenheit ins Reine, sondern erlebt auch Wunder über Wunder und kann schließlich gar nicht mehr anders, als zu erkennen: Ja, es gibt einen Gott. Er hat einen Plan für uns und ist in unserem Leben am Wirken. Und so verrückt es sich auch anfühlen mag, auf sein Flüstern zu hören – verrückter wäre, es nicht zu tun.

Über die Autorin:Kathy Izard ist verheiratet, hat vier Töchter, lebt in Charlotte und arbeitete 20 Jahre lang als Grafikdesignerin. 2007 initiierte sie in ihrer Stadt das Programm „Homeless to Homes“, fand darüber nicht nur zu einem erfüllten Leben, sondern auch zum Glauben, und schuf mit „Moore Place“ ein Zuhause für über hundert vormals obdachlose Menschen, die alle ihre ganz eigene Geschichte haben.

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96362-967-9 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2018 by Kathy Izard Originally published in English under the titleThe Hundred Story HomePublished by arrangement with Thomas Nelson, a division of HarperCollins Christian Publishing, Inc. USA German edition © 2019 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Anja Findeisen-MacKenzie Umschlagbilder: © iStockphoto.com / Nebula Cordata; bubaone Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Satz und Datenkonvertierung E-Book: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH

www.francke-buch.de

Manchmal muss alles erst in großen Buchstaben am Himmel erscheinen, damit wir die eine Zeile entdecken, die längst in unser Herz hineingeschrieben wurde.

David Whyte, „The Journey“

Vorbemerkung der Autorin

Die in diesem Buch geschilderten Ereignisse trugen sich im Verlauf vieler Jahre zu, die meisten zwischen 2007 und 2012. Ich habe die Einzelheiten möglichst genau wiedergegeben, wie es meiner Erinnerung entsprach, wobei ich Tagebücher und E-Mails zu Hilfe nahm. Einige Namen wurden geändert, um die Privatsphäre der betreffenden Personen zu schützen. Manche Schilderungen wurden zeitlich etwas gerafft, um einen besseren Erzählfluss zu erreichen, aber alle Geschichten in diesem Buch sind tatsächlich so geschehen.

Vorwort

Im Jahr 2007 stellte mir ein Mann, den ich kaum kannte, eine einfache Frage, die mein Leben für immer verändern sollte. Der Mann war Denver Moore, der Co-Autor des Buches „Genauso anders wie ich: Eine unglaublich wahre Geschichte.“ Er wollte von mir wissen:

Und wo sind hier die Betten?

Nach dieser Begegnung habe ich mich jahrelang gefragt, warum Denver mich ausgerechnet mit dieser Frage konfrontiert hatte. Damals war ich Ehefrau, Mutter von vier Kindern, Grafikdesignerin und ehrenamtliche Mitarbeiterin in einer Suppenküche. Was konnte ich denn schon gegen das Problem der Wohnungslosigkeit in Charlotte, meiner Heimatstadt, unternehmen? Wie kam Denver bloß auf diese Idee?

Doch schließlich habe ich erkannt, dass die eigentliche Frage eine andere war. Sie lautete: Warum hatte ich mir seine Frage so zu Herzen genommen?

Es heißt, es gebe zwei große Tage in unserem Leben: den Tag, an dem wir geboren werden, und den Tag, an dem wir das Warum verstehen.

Dieses Buch erzählt die Geschichte meiner Reise zum Warum.

In den Jahren davor hätte ich Ihnen nicht widersprochen, wenn Sie behauptet hätten: Es gibt keinen Gott.

Heute würde ich Ihnen antworten: Sie haben nur nicht richtig hingehört.

1. Sechs Kerzen, ein Wunsch

Wir alle müssen unsere Heimat verlassen, um eine realere und größere Heimat zu finden.

Richard Rohr1

Es war der Tag, den ich nie vergessen werde, in dem Jahr, das ich am liebsten für immer vergessen würde.

Ich stand auf Zehenspitzen und schaute über den Rand ihres großen grünen Zeichentisches. Ich sah meiner Mutter zu, wie sie sorgfältig zehn Kunstwerke erschuf. Konzentriert beugte sie sich vornüber, damit sie näher an ihrem Bleistift arbeiten konnte. Wir waren in ihrem geräumigen Atelier, das in unserem neuen, mit Zwischengeschossen ausgestatteten Haus an das Schlafzimmer meiner Eltern angrenzte. Unsere fünfköpfige Familie wohnte erst seit Kurzem dort, in der letzten Straße einer neu erbauten Siedlung im Westen von El Paso, Texas, und wir Kinder hatten alle ein eigenes Zimmer.

Das Atelier war ein fast vierzig Quadratmeter großer Raum mit gewölbten Decken und natürlichem Tageslicht, das durch die Fenster hereinströmte. Zwei Brennöfen standen darin und es gab Staffeleien, Leinwände, Acryl- und Ölfarben sowie Schränke, in denen noch weitere Materialien waren. Ein Kassettenrekorder und einige Schachteln voll mit klassischer Musik sorgten dafür, dass der Raum mit dem Klang von Symphonien erfüllt war, während wir arbeiteten. Meine beiden Schwestern und ich waren wahrscheinlich die einzigen drei kleinen Mädchen, die dazu ermutigt wurden, Grußkarten selbst zu gestalten, statt welche zu kaufen. Wenn Verwandte Geburtstag hatten, ein Jubiläum oder Feiertage bevorstanden, holte Mutter die Malutensilien heraus und ließ uns ganz persönliche Karten anfertigen. Glitter und Klebstoff allein reichten nicht; wir mussten ein Thema, eine Illustration und eine Botschaft haben, genau wie bei einer richtigen Grußkarte. Für mich war dieser Raum in unserem Haus immer eine Art Liebesbrief meines Vaters an meine Mutter. Er wollte, dass sie sich hier entfalten konnte, wenn sie schon in die texanische Wüste verpflanzt worden war.

El Paso war die Heimatstadt meines Vaters und meine Mutter war ein Jahrzehnt zuvor von North Carolina hierher gezogen, aus reiner Liebe zu ihm. Alle Häuser in unserer Nachbarschaft waren grundsätzlich im Stil einer Ranch erbaut, mit zusätzlichen architektonischen Elementen aus dem Westen: Ziegeldächer, bunte Lehmziegel und Holzbalken, die über bogenförmigen Fenstern herausragten. So als ob man sich für sein Haus ein Fiesta-Paket zum Draufsatteln bestellen würde. Jeder Vorgarten sah ähnlich aus: eine Landschaft aus Kakteen und Felsen. Nur unserer war anders. Mutter hatte die Felsen etwas sanfter gestaltet mit dem Besten, was ihr Heimatstaat zu bieten hatte: Sie hatte auf unser tausend Quadratmeter großes Grundstück Rosenbüsche und Bradford-Birnbäume gepflanzt. Ich bin sicher, dass man in der örtlichen Baumschule noch nie etwas von Bradford-Birnbäumen gehört hatte, als meine Mutter vier davon bestellte.

Mutter war ganz und gar in ihre Arbeit vertieft, während ich sie an ihrem Zeichentisch beobachtete. Ihre schlanken Finger – die Nägel dezent lackiert – drückten fest auf den Bleistift, als sie sorgfältig die Worte auf die Vorderseite der Klappkarte schrieb, die sie aus weißem Tonpapier ausgeschnitten hatte. Diese Vorzeichnung mit Bleistift war nur ein grober Entwurf, der sicherstellen sollte, dass die Buchstaben mittig und in gleichmäßigem Abstand angeordnet waren.

Als Nächstes nahm sie ihren Füller mit der tiefschwarzen Tinte und malte langsam die Linien nach, bis die Buchstaben einer nach dem anderen erschienen. Wenn sie eine Karte vollendet hatte, nahm sie die nächste zur Hand, bis alle zehn Karten in perfekt angeordneter Schrift die Worte verkündeten:

Herzliche Einladung zum 6. Geburtstag von Katherine Grace Green

Wochenlang hatte meine Mutter ihre gesamte kreative Energie investiert, um einen unvergesslichen Tag für mich zu planen. Sie selbst konnte sich nicht daran erinnern, als Kind auch nur einen Kuchen zum Geburtstag bekommen zu haben, nicht einmal einen gekauften. Und so hatte sie sich geschworen, dass ihre eigenen Töchter sich immer an ihre Geburtstagsfeiern würden erinnern können. Sie begann, indem sie ein Motto auswählte; alles, was meine Mutter tat, hatte ein bestimmtes Motto. Ob Einladungen, Spiele, Kuchen oder kleine Geschenke zum Mitgeben – alles passte zusammen und wurde für den großen Tag mühsam geschrieben, gemalt oder gebacken. Zu meinem sechsten Geburtstag, so hatte sie beschlossen, sollten alle Motive aus Comics stammen. Wochenlang hatten wir entsprechende Zeitschriften gesammelt und nun drückte meine Mutter mir eine abgerundete Bastelschere in die Hand, damit ich einen fünfzehn Zentimeter langen Cartoon-Streifen mit Goofy ausschneiden konnte. Ich klebte ihn auf die Innenseite einer Klappkarte und fügte noch ein paar abgetippte Informationen hinzu, um meiner besten Freundin Andrea klarzumachen, dass sie nicht nur zu meiner Party eingeladen war, sondern auch in Verkleidung dieser Disney-Figur erscheinen sollte. Auf jeden Fall würde es Preise für die besten Kostüme geben.

Meine Mutter ließ mich meine Comicfigur aussuchen. Ich entschied mich für Linus, damit ich eine blaue Decke herumtragen und Snoopy (meiner Freundin Susie) folgen konnte. Meine Schwester Allyson, nur eineinhalb Jahre älter als ich, war ganz verrückt nach Disney-Prinzessinnen und wollte gern Cinderella sein, damit sie ihr blondes Haar zu einem Knoten binden und in einem langen blauen Mantel herumlaufen konnte.

Meine Mutter aber sprach sich dagegen aus, denn Cinderella ist schließlich keine Comicfigur. Also ließ Allyson sich widerwillig als Lucy von den Peanuts verkleiden. Meine älteste Schwester Louise war zwölf Jahre alt und schon meilenweit davon entfernt, an der Geburtstagsfeier ihrer kleinen Schwester teilzunehmen. Sie erklärte sich jedoch bereit, mit auf die kleinen Gäste aufzupassen. Verkleiden wollte sie sich allerdings nicht, was für meine Mutter eine herbe Enttäuschung war, wo sie es doch so sehr gern hatte, uns drei Mädchen für den Gottesdienst sonntags im Partnerlook anzukleiden.

Schließlich kam der große Tag und ich konnte vom Küchenfenster aus sehen, wie meine Freundinnen an unserer Haustür erschienen. Andrea kam als Goofy, Nancy als Minnie Maus, Beth als Beetle Bailey. Mütter und Töchter bevölkerten unsere vordere Veranda, bestaunten die kreativen Kostüme der Gäste, vor allem aber den genialen Erfindungsreichtum meiner Mutter.

„Lindsay, ich weiß gar nicht, wie du immer auf all diese Partyideen kommst!“

„Ich kann noch nicht einmal eine gerade Linie zeichnen, geschweige denn Kalligrafie.“

„Woher nimmst du nur die Zeit dafür?“

Meine Mutter winkte nur ab, senkte den Blick und berührte verlegen ein paar Strähnen ihres kastanienbraunen Haares, das im Friseursalon mithilfe von Haarspray kunstvoll fixiert worden war. Innerlich aber platzte sie fast vor Stolz. Sie konnte die Komplimente vielleicht nicht annehmen, aber sie stimmten alle. Sie gehörte fest zum Gremium der Elternvertreter, war im Vorstand der Football-Juniorenliga, Chormitglied und Sonntagsschullehrerin in der First Presbyterian Church und eine außergewöhnliche Ehefrau und Mutter.

Wie schaffte sie das nur alles?

Die Geburtstagsparty verlief wie immer perfekt.

Als es Zeit wurde, die Kerzen auf der Geburtstagstorte auszupusten, drängten meine Freundinnen sich rund um unseren Küchentisch. Der Kuchen war ein weiteres Kunstwerk aus der Hand meiner Mutter. Sie zündete die Kerzen an, während meine Freundinnen und Schwestern sangen: „Happy Birthday, liebe Kathy!“

„Wünsch dir was!“, rief meine Mutter mir zu.

Ich hoffe, ich bekomme einen Spielzeugherd.

Mutter wusste, was ich mir wünschte. Als ich meinen Berg an Geschenken in Angriff nahm, entdeckte ich eine rechteckige Schachtel, die mit Comic-Seiten eingepackt war, sodass auch das Geschenk zum Motto des Festes passte. Darin befand sich mein eigener kleiner Herd.

Das war der BESTE TAG ÜBERHAUPT.

Als der letzte Gast nach Hause gegangen war, konnte ich sehen, dass meine Mutter vollkommen erschöpft war. Schnell lief ich zu ihr hin und presste mein Gesicht an ihre Beine; ich umarmte sie fest, während wir dort im Flur standen. Der Boden unter unseren Füßen bestand aus Plexiglas-Fliesen, die aussahen wie türkisfarbene und hellgrüne Muscheln, die auf dem klaren Ozean treiben.

In diesem Moment war ich wirklich überzeugt davon, dass meine Mutter auf dem Wasser gehen konnte.

Sie strich über mein dünnes dunkelblondes Haar, und als ich zu ihr aufsah, zupfte sie wie abwesend die Strähnen meines Ponys gerade. Mit ihren Gedanken schien sie ganz woanders zu sein, während sie die feinen Haare gerade strich, die eigentlich gar nicht frisiert zu werden brauchten. Ihr Blick wanderte von meinem Haar hin zu etwas, das in der Küche war. Sie löste sich langsam von mir, weil sie etwas erledigen wollte. Sie ging zu der über zwei Meter breiten Arbeitsfläche, auf der ein grünes Telefon in der Farbe einer Avocado stand. Es passte zu allen anderen Geräten in der Küche, die exakt in demselben Farbton bemalt waren. Beim Telefon lag der Poststapel einer ganzen Woche, neben Mutters Kalender, ihren Notizkarten und der Bibel.

Diese drei Dinge wurden von meiner Mutter besonders verehrt – denn mit Kalender und Notizkarten organisierte sie ihren Alltag und mit der Bibel ihr ewiges Schicksal.

Ihre Pflichten hielt Mutter immer auf kleinen Karteikarten fest, die sie mit einem vierfarbigen Kugelschreiber beschrieb. Wenn sie auf das eine Ende drückte, konnte sie die passende Farbe für ihre Notiz auswählen. Nun nahm sie eine der weißen Karten zur Hand, die Ordnung in ihren ausgefüllten Alltag brachten, und studierte die Wochenliste:

Gemeinde: Baumwollkugeln für die Sonntagsschule

Juniorliga: Kaffeetrinken mit dem Vorstand (siebenlagige Kekse backen)

Ballett Fahrgemeinschaft: Louise & Allyson

Donnerstag Kathy: Party

Sie nahm ihren Kugelschreiber und strich den letzten Punkt zufrieden durch.

„Also, das haben wir geschafft!“, sagte sie und versuchte sich selbst von ihrem Erfolg zu überzeugen.

Es war der 29. Januar 1969.

Es sollte keine sechs Monate mehr dauern, bis meine Mutter das erste Mal weg sein würde, und erst sechzehn Jahre später würde sie wieder ganz zu uns zurückkehren.

Wenn ich das an jenem Tag geahnt hätte, dann hätte ich mir meinen Geburtstagwunsch für ein größeres Wunder als einen Spielzeugherd aufgehoben.

* * *

Mein Vater sah es nicht kommen. Auch sonst niemand.

Die altmodische Liebesgeschichte meiner Eltern begann, als sie Collegefreunde und echte akademische Asse waren. Mein Vater, John Leighton Green Jr., wuchs in El Paso auf, wo er nicht nur in der nationalen Liga Tennis spielte, sondern auch den besten Notendurchschnitt hatte, den je ein Schüler an der Highschool erreicht hatte. Dabei hatte er auch noch zwei Klassen übersprungen und die Highschool bereits mit sechzehn beendet. Nach dem Schulabschluss reiste er acht Bundesstaaten weiter nach North Carolina, wo er das Davidson College besuchte und schließlich meine Mutter kennenlernte, die dreißig Minuten entfernt in Charlotte am Queens College studierte.

Meine Mutter, Lindsay Louise Marshall, hatte die Highschool in Winston Salem, North Carolina, absolviert und war ebenso begabt wie mein Vater. Sie war die Beste in ihrer Klasse, eine im ganzen Bundesstaat bekannte Violinistin und talentierte Malerin. Für das Queens College hatte sie sich entschieden, weil sie mit ihrem Highschool-Freund verlobt war und er im nahe gelegenen Davidson College studierte. Sie waren sich beide einig, dass ein Studium an nicht allzu weit voneinander entfernten Universitäten ihre Liebe bis zu ihrer geplanten Hochzeit lebendig erhalten würde. Die Eltern meiner Mutter mochten ihren Verlobten jedoch nicht, und als die Beziehung nach dem ersten Collegejahr auseinanderging, sagte mein Großvater nur: „Dafür haben wir lange gebetet.“

Meine Eltern lernten sich im zweiten Studienjahr meiner Mutter kennen. Eine Freundin arrangierte ein Blind Date und die beiden gingen in Charlotte ins Kino. Bei dieser ersten Verabredung erzählte mein Vater meiner Mutter, er sei sich noch nicht sicher, ob er Jurist oder Pastor werden wolle. Meine Mutter, die streng religiös war und christliche Pädagogik als Hauptfach belegt hatte, erklärte rundheraus: „Wer in die Justiz geht, hat als Pastor nichts verloren.“

Vater ließ sich durch ihre Meinung nicht abschrecken und auch nicht durch die Tatsache, dass sie sich nicht besonders für ihn zu interessieren schien. Er arrangierte ein zweites Treffen und schickte ihr ein Dutzend rote Rosen.

„Weißt du, warum ich dir die Rosen geschickt habe?“, fragte er sie.

„Warum denn?“, wollte meine Mutter wissen.

„Weil ich dich liebe!“

„Nun ja, ich bin mir nicht so sicher, was ich für dich empfinde“, sagte sie, aber mein Vater gab nicht auf.

Als Kind wurde ich von meinen Schwestern immer geneckt, ich würde ein „Papa-Gesicht“ machen, wenn ich mich sehr auf etwas konzentrierte. Dann runzelte ich nämlich eine Augenbraue, kniff die Augen zu und biss die Zähne zusammen. Ich stelle mir vor, wie mein Vater dort im Schlafsaal des Davidson College ein solches Gesicht machte, während er überlegte, wie er diese sanfte Schönheit aus dem Süden dazu bringen könnte, ihn zu lieben.

Am Valentinstag trafen sie sich zu einem besonderen Date und mein Vater war vorbereitet. Dieses Mal brachte er seine Bibel mit und las ihr laut aus 1. Korinther 13 vor: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Mutter war der Meinung, dies sei das Romantischste, was sie je erlebt hatte, und an diesem Abend sagte sie ihm: „Ich liebe dich auch.“

Sie trafen sich jedes Wochenende. Eines Abends, als sie im Gebäude einer Universitäts-Bruderschaft in einer Ecke saßen, sagte meine Mutter: „Weißt du, ich habe keine Ahnung, wo El Paso ist!“

„Warum heiratest du mich nicht, dann weißt du Bescheid?“, antwortete mein Vater.

Und so wechselte meine Mutter im Januar ihres vorletzten Studienjahres an die University of Texas in El Paso. Mein Vater hatte sein Studium bereits abgeschlossen und absolvierte seinen Militärdienst am Stützpunkt Fort Bliss außerhalb von El Paso. Mutter würde ihr Studium in Texas beenden und dann wollten sie im Sommer heiraten. Als sie im Schlafsaal des Queens College Mutters Sachen packten, kam die Englisch-Professorin meiner Mutter herein und sagte in tadelndem Tonfall zu meinem Vater: „Unterstehen Sie sich, sie vom Queens College fortzunehmen, bevor sie ihren Abschluss gemacht hat. Sie ist eine der intelligentesten Studentinnen, die ich je hatte.“

Doch die beiden hörten nicht auf sie.

Sie heirateten am 9. Juni 1956, einen Tag nach Vaters Geburtstag, denn er sagte, das sei das schönste Geburtstagsgeschenk, das er je bekommen könnte. An ihrem ersten Hochzeitstag und an jedem weiteren und immer am Valentinstag schenkte mein Vater ihr ein Dutzend rote Rosen und sie lasen sich gegenseitig 1. Korinther 13 laut vor.

Unsterblich verliebt beendete meine Mutter zielstrebig ihr Studium. Während der Fahrt zu ihrer neuen Heimat, die 2675 Kilometer von North Carolina entfernt lag, dachte meine Mutter bestimmt gründlich über das nach, was sie aus Liebe getan hatte. Der Name El Paso bezieht sich auf den „Pass in den Bergen“ und die Stadt selbst liegt rund um die steil ansteigenden baumlosen Franklin Mountains. Kakteen und Steppenhexen sind hier weitverbreitet und es gibt in dieser Grenzstadt mehr Schilder auf Spanisch als auf Englisch.

So fremd El Paso für sie auch sein mochte, schien meine Mutter ihren Schritt doch nie zu bereuen. Mein Vater war die Antwort auf ihre Gebete – die Verheißung eines Lebens, das mit Gott, Liebe, Familie und dem Dienst für die Gemeinschaft erfüllt war. Sie konnte nicht vorhersehen, welche Wendungen ihr Leben mit meinem Vater nehmen würde. Mein Vater wechselte von der theologischen an die juristische Fakultät und arbeitete sehr viel, um Partner in einer Kanzlei werden zu können. Mutter schien in ihrer Kreativität, ihrem Muttersein und in ihren ehrenamtlichen Aufgaben unaufhaltsam zu sein. Doch das neue Haus, für das sie jahrelang gespart hatten, sollte die Kulisse für eine ganz andere Geschichte werden.

Jenes Jahr mit meiner perfekten Comic-Geburtstagsparty, 1969, sollte auch das Jahr werden, an dem Mutters brillanter Verstand das erste Mal zerbrach – eine völlig unvorhersehbare Situation, bei der wir alle ebenfalls Schaden nahmen.

1 Richard Rohr: Falling Upward. A Spirituality for the Two Halves of Life. Hoboken, New Jersey: Jossey-Bass, 2011, S. 84.

2. Gutes tun. Andere lieben.

Eine Zuflucht zu finden, einen Ort außerhalb der Zeit, ist nicht viel anders, als Glauben zu finden.

Pico Iyer2

Mein Vater und meine Mutter würden beide sagen, dass es der Glaube war, der uns half, die Katastrophe zu überleben.

Meine Eltern waren überzeugte Christen, stammten beide von einer langen Linie presbyterianischer Pfarrer und Missionare ab. Meine Familie ging nicht nur jeden Sonntag zur Kirche, sondern auch fast den ganzen Sonntag. Da war zunächst die Sonntagsschule, dann der Hauptgottesdienst, dann die Jugendgruppe am Nachmittag und schließlich der Jugendchor.

Im Hauptgottesdienst saßen wir als Familie immer in derselben Bank der First Presbyterian Church von El Paso. Es hing kein Schild an der Bank und niemand wies uns offiziell unsere Plätze zu, aber die anderen hielten sie uns immer frei. Wir saßen auch stets in derselben Anordnung nebeneinander. Zuerst kam Großvater, der über fünfzig Jahre als hochgeschätzter Arzt in El Paso tätig gewesen war. Er hatte vielen Kindern auf die Welt geholfen und später auch deren Kindern. Und trotzdem arbeitete er auch noch ehrenamtlich in der Gemeinde und im Schulausschuss mit. Er engagierte sich so leidenschaftlich für die Bildung, dass später eine Grundschule nach ihm benannt wurde und jedes Kind dort eine Karte erhielt, die es an Großvaters berühmtes Motto erinnern sollte:

Du bist so gut wie alle anderen; du bist nicht besser als die anderen.

Neben Großvater saß Gigi; das war der Spitzname von Großmutter Green. Ich liebte und bewunderte sie. Sie hatte große braune Augen, die einen unter einer Wolke von blausilbernen Haaren ansahen. Wenn sie ihre Arme um mich schlang, nannte sie meinen Namen immer mit scherzhaftem Unterton: „Katarina, wie geht es dir?“ Und sie wollte es wirklich wissen. Immer. Wenn sie mir zuhörte, gab sie mir das Gefühl, dass meine Worte das Wichtigste waren, was sie je gehört hatte. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich nicht nur geliebt, sondern geradezu bewundert.

Wir alle wussten, warum. Gigi hatte vier Brüder und sie war mit Abstand die Jüngste. Als sie fünf Jahre alt wurde, waren ihre Eltern bereits beide tot und sie war ein Waisenkind, für das die Brüder nicht sorgen konnten. Darum lebte Gigi fortan bei Grace Walker, von der ich meinen zweiten Vornamen habe.

Grace wohnte auf einem großen Anwesen, wo sie als Verwalterin für die unverheiratete Erbin arbeitete. Es war eine luxuriöse Umgebung für Gigi, doch sie wuchs in diesem extravaganten Zuhause auf als jemand, der weder ganz zur Familie noch zum Personal gehörte. Sie wurde Teil der Reisegesellschaft, die alle drei Monate wieder aufbrach, um zu einem der vier Anwesen der Erbin zu ziehen – irgendwo in den USA oder in Kanada, je nachdem, wo das Klima gerade am besten war. Gigi wurde immer wieder entwurzelt und konnte sich an keiner Schule wirklich einleben. Sie wuchs mit nur wenigen Freundinnen und ohne einen Sinn für Familie auf. Nach eigenen Worten war sie „ein armes reiches kleines Mädchen“.

Folglich war für Gigi ihre eigene Familie, die sie später gründete, äußerst wichtig: zwei Söhne, zwei Schwiegertöchter und fünf Enkelinnen. Meine Cousinen lebten weiter weg in San Antonio, darum waren meine Schwestern und ich diejenigen Enkelkinder, die von Gigi verwöhnt wurden. Jede von uns wurde einmal in der Woche zu einem besonderen Übernachtungsbesuch bei Gigi eingeladen und dann gab sie uns jedes Mal ihre berühmten Minzschokolade-Stäbchen nach einem besonderen Rezept, das sie niemandem verriet, nicht einmal als die Juniorenliga es gerne in ihr Kochbuch aufgenommen hätte.

Ich kuschelte mich auf das rosa Tweed-Sofa neben Gigi und ließ meine Finger über die erhabenen Quadrate des Stoffes gleiten, während ich mit ihr sprach. Gigi hörte meinen Erzählungen geduldig zu. Sie hielt dabei meine Hand und sah mich mit ihren runden schokoladebraunen Augen an, die ihr, selbst als sie schon über achtzig war, immer einen Ausdruck kindlichen Staunens verliehen. Und sie staunte tatsächlich immer. Sie staunte über mich, meine Schwestern und einfach über jeden, den sie traf. Sie interessierte sich aufrichtig für andere Menschen – woher sie kamen, was sie erlebt hatten –, denn sie wusste, dass jeder eine Geschichte hatte, die sich zu erzählen lohnte.

Neben meinen Großeltern saßen mein Vater, meine Mutter und wir drei Mädchen in der Bank. Mutter wollte immer, dass ich neben ihr saß, damit sie mich ins Bein kneifen konnte, sobald ich unruhig wurde. In der Kirche still zu sitzen fiel mir nämlich schwer.

Normalerweise versuchte ich mich selbst zu beschäftigen, indem ich hinauf an die dunkle Eichendecke starrte, die zwölf Meter über unseren Köpfen war, und mich fragte, wie sie wohl die Glühbirnen da oben wechselten. Von beiden Seiten des Mittelbalkens gingen weitere Balken aus, die in riesigen Bögen geschwungen waren, sodass ich das Gefühl hatte, mich in der Arche Noah zu befinden, die kieloben schwamm. Doch eigentlich sollte ich ja nicht über Glühbirnen nachdenken, sondern das Wort Gottes hören. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass Gott zu mir sprach.

Ich benahm mich nur deshalb im Gottesdienst gut, weil ich wusste, dass das Beste an diesem Tag, ja das Beste der ganzen Woche, danach kam: das Mittagessen bei Gigi. Das Haus meiner Großeltern bestand außen aus braunen Backsteinen und war innen mit dickem Putz verkleidet. Alle Durchgänge waren bogenförmig. Wenn man hineinging, war es, als betrete man ein Heiligtum, das nach Bratkartoffeln und zerlassener Butter duftete. Gigis wöchentlicher Schmaus mit Lammfleisch, Minzsoße, Kartoffeln, grünen Bohnen mit Mandeln und einem Biskuitkuchen mit Karamellsoße war ein Fest für meine Seele. Er sättigte mich mehr als jede Predigt.

Jeden Sonntag versammelten wir uns zum Mittagessen um den Tisch im Esszimmer, während Großvater, der Bildung für das Wichtigste im Leben eines Menschen hielt, uns immer über die vergangene Woche, über unser Leben und unsere Zukunft befragte.

„Kathy, was ist dein Lieblingsfach?“

„Allyson, erzähl mir von deinen Gedichten.“

„Louise, welches College kommt für dich infrage?“

Dieses sonntägliche Mittagessen war kein Fastfood und keine flüchtige Zwischenmahlzeit. Wir verbrachten gut und gerne eineinhalb Stunden miteinander. Und das war meine eigentliche Sonntagsschule. Großvater erzählte von seiner Arbeit im Schulausschuss, Gigi von ihrem Engagement in der Juniorenliga, Vater von seinem Dienst im Krebszentrum von El Paso und Mutter von ihrer Arbeit im Mädchen-Klub.

Mutter nahm uns drei Töchter immer mit, wenn sie in den südlichen Teil von El Paso fuhr, wo sie im Mädchen-Klub mitarbeitete. Um dorthin zu gelangen, mussten wir die Autobahn I-10 nehmen, auf deren einer Seite El Paso lag und auf der anderen die mexikanische Stadt Juarez. Diese Autobahn führte entlang dem Rio Grande, der natürlichen Grenze zwischen den USA und Mexiko. Rio Grande bedeutet „großer Fluss“, aber dort, wo er nach El Paso hineinfließt, ist er gar nicht so groß. In den meisten Teilen der Stadt ist er nur ein schlammiger, zwanzig Meter breiter Graben – und doch bestimmt er das Schicksal der Menschen.

Kinder, die nördlich des Flusses in einem Krankenhaus geboren werden, kommen anschließend in ein Zuhause, wo es elektrischen Strom und sanitäre Anlagen gibt, ein Luxus, der für jene Kinder unvorstellbar ist, die nur fünfzig Meter entfernt auf der anderen Seite des Flusses das Licht der Welt erblicken. Diese leben nämlich auf schmutzigem Boden in Hütten aus Pappkarton, die mit Kerosinlampen erleuchtet werden.

Mütter, die auf der falschen Seite des Flusses wohnten, riskierten es, die Grenze zu überqueren, um in El Paso als Haushälterinnen bei Familien aus der Mittelschicht zu arbeiten, wo sie zehnmal mehr verdienten als in Juarez. Das bedeutete aber, dass sie ihre Familien verlassen mussten und nur alle paar Monate nach Hause konnten, wenn überhaupt. Väter aus Mexiko wateten jeden Tag durch das Wasser, das ihnen bis zu den Oberschenkeln reichte, um in El Paso auf dem Bau oder in der Landschaftsgestaltung zu arbeiten. So konnten sie ihren Familien ein halbwegs anständiges Leben ermöglichen.

Ich war in El Paso aufgewachsen und empfand daher ein gewisses Unbehagen und sogar eine innere Scham, weil ich auf der „richtigen“ Seite des Flusses lebte, die richtigen Eltern hatte und mir deshalb alle Chancen offenstanden. Ich fühlte mich auch hilflos angesichts all dessen, was auf der „falschen“ Seite des Flusses passierte.

Ich vermute, dass es meinem Vater ähnlich ging. Vielleicht wurden meine Schwestern und ich deshalb zu Menschen erzogen, die nicht nur gut sein sollten, sondern auch Gutes tun sollten. In den frühen 1970er-Jahren, als die Töchter in den amerikanischen Südstaaten immer noch mit dem vorrangigen Ziel erzogen wurden, gute Ehefrauen und Mütter zu werden, erwarteten meine Eltern und vor allem mein Vater viel mehr von uns. Er erzog uns zu Menschen, die die Welt verändern sollten. Immer wieder sagte er zu mir: „Kathy, du kannst alles erreichen, wirklich alles.“

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mein Vater jemals mit mir über Ehe und Familie gesprochen hätte. Wir redeten über Colleges, eine Berufsausbildung und das eigentliche Ziel – die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Vater glaubte von ganzem Herzen daran, dass jede von uns genau das tun würde.

Dabei schien es für ihn keine Rolle zu spielen, dass wir ziemlich abseits im Westen von Texas lebten. Er ging ganz einfach davon aus, dass wir alle El Paso eines Tages verlassen würden, um unsere unauslöschlichen positiven Spuren in dieser Welt zu hinterlassen.

Im Gottesdienst lernte ich zwar nicht allzu viel, dafür aber an den Sonntagen meiner Kindheit. Ich glaubte an zwei Gebote. Das eine kam von meinem Vater: Tu Gutes. Das andere von Gigi: Andere lieben.

2 Pico Iyer: Falling Off the Map. Some Lonely Places of the World. New York: Knopf Doubleday, 2011, S. 9.

3. Verrückt Gewordenen schickt man keine Karte

Hier ist die Welt. Schönes und Schreckliches wird geschehen. Hab keine Angst.

Frederick Buechner 3

Die Landschaft von El Paso, die so erstaunlich nah an der mexikanischen Grenze lag, hinterließ bei mir nicht nur das unbehagliche Gefühl des Privilegiertseins, sondern auch ein Unbehagen angesichts der Wüste.

Wenn es windstill ist, scheinen Wüsten altehrwürdige, solide, unbewegliche Orte zu sein. Doch sie können auch trügerisch sein. Denn dort entstehen unvorhersehbare, eindrückliche Naturphänomene: Luftspiegelungen, Sturzfluten, Sandstürme – verheerende Sandstürme.

Als ich in die erste Klasse ging, wurde der Schulunterricht einmal wegen eines besonders schlimmen Sandsturms abgebrochen. Unsere Mütter wurden benachrichtigt, dass sie uns früher abholen sollten, und so warteten wir in unserem Klassenzimmer mehrere Hundert Meter vom Parkplatz entfernt. Die Lehrer bildeten eine Menschenkette, um uns in Sicherheit zu bringen. Sie stemmten sich gegen die heftigen Windböen, während sie ein langes Seil in den Händen hielten. Wenn unsere Namen aufgerufen wurden, verließen wir den Schutz unseres Klassenzimmers und hielten uns an dem dicken Seil fest, bis wir am Parkplatz angekommen waren. Unterwegs blieben wir immer wieder stehen und rieben uns die Sandkörner aus den Augen.

Am Morgen war der Himmel noch klar gewesen, ohne jeden Hinweis darauf, dass sich ein solches Drama abspielen würde. Im Rückblick war das, was später in meiner eigenen Familie geschah, ganz ähnlich wie ein solcher plötzlicher, unvorhersehbarer Sturm.

Im Frühling 1969, drei Monate nach meiner perfekten Geburtstagsfeier, machten sich bei meiner Mutter die ersten Probleme bemerkbar. Sie muss gespürt haben, dass sich ein Unwetter zusammenbraute, und so versuchte sie, ihre Welt im Griff zu behalten. Ihre erste Verteidigungsmaßnahme bestand darin, dass sie ihre allgegenwärtigen Karteikarten und den vierfarbigen Kugelschreiber zum Einsatz brachte. So gewissenhaft, wie ein Meteorologe die Windströmungen beobachtet und festhält, so brachte sie ihre Gedanken in eine logische Ordnung: Systematisch zeichnete sie alle To-dos schriftlich auf. Diese Kunst beherrschte sie perfekt.

Einkäufe Orangensaft Brot (von Pepperidge Farm) Grüne Bohnen mit Mandeln (von Jolly Green Giant) Hühnchen

Fahrgemeinschaft Dienstag: Jazz und Ballett, Louise und Allyson Mittwoch: Klavier, Allyson Donnerstag: Ballett, Kathy

Karten Jubiläum (Johnson) Geburtstag (Karen, Anne)

Klar. Sorgfältig. Sie machte keine Fehler. Ihr Haus, ihre Töchter, ihre Freunde – alle brauchten ihre Aufmerksamkeit. Das Abendessen musste vorbereitet werden. Die Fahrgemeinschaften musste man im Überblick behalten. Karten mussten verschickt werden. Immer waren da die Karten. Egal, wie es meiner Mutter ging, sie war fest verankert in ihrem Grußkarten-Hobby. Die Karten zu kaufen und zu versenden war eine Säule ihrer Tätigkeit als Hausfrau und gab ihrem Tagesablauf eine feste Gestalt. Wir Kinder mussten Karten im Atelier herstellen, aber meine Mutter kaufte alle ihre Karten im Schreibwarenladen. Jede Woche versandte sie treu ihre Grußkarten zu Geburtstagen, Jubiläen und großen Festtagen an zahllose Freunde und Verwandte.

Meine mittlere Schwester und ich waren zu Hause die besten Freundinnen. Allysons Fantasie kannte keine Grenzen und so waren wir Märchenprinzessinnen oder Kobolde, die in einem weit entfernten Königreich lebten.

In einem kleinen Koffer bewahrten wir unsere kostbare Sammlung von Puppenkleidern auf: Abendgarderoben, Alltagskleidung, Badeanzüge und reichlich Accessoires. Wir verbrachten Stunden damit, unseren unglaublich perfekt aussehenden Plastikfiguren die glitzernden Stoffe anzuziehen; wir tauchten völlig ab in das magische Land, in dem unser orangefarbener Veloursteppich im Flur unten zu einem Strand auf einer entlegenen Insel wurde. Eines Nachmittags brannte die Sonne, die wir aus der Flurlampe gebastelt hatten, ein Loch in Barbies Kopf, weil die Puppe sich den ganzen Tag dicht an der Glühbirne gesonnt hatte.

Louise spielte nur noch selten mit uns und an jenem Tag war sie im oberen Stockwerk mit ihren zwei besten Freundinnen und tauschte mit ihnen im Flüsterton Geheimnisse aus, von denen wir keinerlei Ahnung hatten. Louise war für mich wie ein exotisches Tier, das im Zimmer neben mir wohnte, aber nie mit mir redete. Sie sprühte sich mit Jungle-Gardenia-Parfüm ein und verabredete sich mit gut aussehenden Cowboys. Ich wollte unbedingt so werden wie sie oder wollte zumindest von ihr bemerkt werden.

Als ich einmal von meinem Barbie-Wunderland aufsah, erblickte ich meine Mutter im Garten hinter dem Haus. Ihr hochgestecktes Haar war gerade so zwischen den Rosenbüschen sichtbar. Sie bewegte sich konzentriert zwischen den Blättern und achtete nicht auf die Dornen. In der Hand hatte sie eine Rosenschere, schien damit aber keinen bestimmten Zweck zu verfolgen. Ich sah, wie sich ihre Lippen bewegten, während sie durch den Garten ging, und so stand ich auf, um herauszufinden, ob sie sich vielleicht mit der Nachbarin unterhielt.

Doch da war niemand.

Allyson und ich öffneten die Hintertür einen Spaltbreit, um zu hören, was meine Mutter sagte. Sie ging von Blüte zu Blüte und sprach ernsthaft mit ihren geliebten Rosen.

Während wir Mutter beobachteten, schien sie gelegentlich unsere Gesichter zu bemerken, die zwischen den Vorhängen im Flur hervorlugten. Doch sie schaute nur durch uns hindurch, so als ob sie uns gar nicht erkennen würde.

„Wir müssen Louise holen“, sagte Allyson.

Als wir die Flurtreppe zur Küche hochliefen, entdeckten wir überall ein großes Durcheinander. Eine offene Dose mit gefrorenem Orangensaftkonzentrat schmolz auf der Arbeitsplatte in der Küche und tropfte auf den Boden. Alte Hutschachteln waren aus dem Schlafzimmerschrank geholt worden und lagen offen herum, überall verstreut. Mutter war sonst immer sehr ordentlich in ihrer Haushaltsführung, doch jetzt sah das Haus aus, als hätte ein Tornado darin gewütet.

Wir hämmerten an die Tür von Louise, bis sie sie endlich einen Spaltbreit öffnete und uns verächtlich beäugte.

„Was?!“

„Irgendwas ist mit Mama los“, rief Allyson. Während sie redete, begann sie zu weinen. Ich stand hinter ihr, klammerte mich an ihren Arm und nickte.

Louise verdrehte die Augen.

„Doch, es stimmt, Louise! Du musst es dir ansehen!“

Louise folgte uns den Flur entlang und stampfte dabei kräftig mit den Füßen auf. Doch als sie sah, wie der Boden im Schlafzimmer meiner Eltern mit leeren Hutschachteln übersät war, blieb sie abrupt stehen.

„Da ist noch mehr“, versicherte Allyson ihr.

Wir eilten die Treppe hinunter und blieben kurz neben der Orangensaft-Pfütze auf dem Linoleum stehen.

Das deutlichste Anzeichen, dass etwas mit Mutter nicht stimmte, war jedoch der Zustand ihres Schreibtisches, der Teil der Küchenarbeitsfläche war. Die sonst so perfekte Schrift auf ihren Karteikarten war nun unleserlich und unverständlich:

Laden

Texte Lieder

Silber-Meffer

Lucille Snoopy

„Wo ist Mama?“, fragte Louise mit eindringlicher Stimme.

„Bei ihren Rosen“, weinte Allyson.

Wir liefen die wenigen Stufen zum Anbau hinunter. Mutter war immer noch im Garten zu sehen, sie bewegte sich in kleinen Kreisen durch die Rosenbüsche und sprach mit ihren Pflanzenkindern.

Wir, ihre drei Töchter, beobachteten sie und versuchten das Ganze zu verstehen. Wie konnte das unsere Mutter sein? Meine Mutter merkte es immer, wenn eine Haarsträhne in meinem Pony schief hing, doch diese Frau dort draußen sah mich nicht einmal, sie erkannte ihre eigenen Töchter nicht. Flehend schaute ich meine beiden Schwestern an und wartete auf eine Erklärung. Mutters Verhalten schien völlig zusammenhanglos. Sie war so ganz losgelöst von uns.

Louise rannte durch den Anbau und nahm die kleine Treppe in zwei Sprüngen. Ally und ich hielten uns an der Hand und rannten hinter ihr her. Louise packte den Telefonhörer in der Küche und wählte eine Nummer aus dem Gedächtnis.

„Gigi, hier ist Louise. Mit Mama ist irgendwas nicht in Ordnung. Du musst sofort herkommen!“

Aneinandergekuschelt warteten wir auf Gigi und beobachteten unsere Mutter, die das Chaos, das sie angerichtete hatte, gar nicht zu bemerken schien.

Endlich kam Gigi und überredete Mutter, ins Haus zu kommen. Vater kam sofort aus dem Büro nach Hause. Tief erschüttert und verwirrt hielt er Mutters Hände und sprach liebevoll auf sie ein, als wäre sie eine Fremde, die ihn anscheinend gar nicht hörte. Großvater stieß im Krankenhaus zu ihnen. Er hatte seinen dreißig Jahre alten Arztkoffer aus brüchigem Leder dabei, obwohl es darin nichts gab, was Mutter hätte heilen können.

Mutter verbrachte die Nacht im Krankenhaus, die erste von vielen, die sie in psychiatrischen Einrichtungen würde zubringen müssen. In den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren konnten diese Kliniken den Patienten nur wenig Linderung und kaum Heilung verschaffen.

An jenem Abend zog ich mich in mein geheimes Versteck oben auf meinem Schrank zurück. Dort war gerade genug Platz, damit eine Sechsjährige sitzen und ihre Füße herunterbaumeln lassen konnte. Das war mein Indoor-Baumhaus, in das nur meine Stofftiere durften. Ich rollte mich dort oben zusammen, presste Snoopy an mich und fragte mich, ob Mama je wieder nach Hause kommen würde.

Die plötzliche Erkrankung erschütterte uns zutiefst.

Als meine Mutter nach mehreren Wochen nach Hause kam, war sie verunsichert und kraftlos. Sie schlief, so schien es, mindestens genauso lange, wie sie weg gewesen war. In jenem Sommer fuhren meine Schwestern in ein Zeltlager, während ich bei meiner Tante und meinem Onkel in San Antonio blieb. Damals dachte ich, ich würde einfach die Ferien bei meinen Cousinen verbringen; erst später verstand ich, dass meine Mutter immer noch nicht in der Lage war, sich um uns zu kümmern.

Dieser Krankenhausaufenthalt war der erste von vielen. Manchmal sah ich meine Mutter wochenlang nicht und Gigi, Großvater und Papa flüsterten in der Küche miteinander.

„Erschöpfung.“

„Labile Verfassung.“

„Lindsay mutet sich einfach zu viel zu.“

Mit jeder Episode wuchsen die Sorgen. Großpapa, der Allgemeinmediziner war, zog Psychiater und Psychologen zurate. Doch Anfang der 1970er-Jahre fiel es diesen Ärzten nicht leicht, eine Bezeichnung für Mutters Zustand zu finden.

Nervenzusammenbruch. Schizophrene Form einer Psychose.

Es brauchte den richtigen Arzt, die richtigen Medikamente und die richtige Diagnose – bipolare Störung –, um meine Mutter wieder zu uns zurückzubringen. Und das würde sechzehn Jahre dauern.

Während dieser schweren Zeit kam Mutter auf genauso unerklärliche Weise wieder zu uns zurück, wie sie gegangen war. Mit jedem weiteren Krankheitsschub ging jedoch ein Stück mehr von ihr verloren.

Und jedes Mal empfand ich eine noch größere Wut in mir. Warum schlief sie so viel? Warum wachte sie nicht einfach auf?

Mit unserer Mutter verlor auch unsere Familie ihren Halt. Sie war doch das Band, das uns alle zusammenhielt, und jedes Mal, wenn sie uns für eine weitere Behandlung oder einen Klinikaufenthalt verlassen musste, fielen wir ein Stück mehr auseinander.

Eine Haushälterin namens Maria kam aus Juarez herüber und lebte bei uns. Sie überquerte den Fluss illegal und blieb wochenlang, bevor sie wieder die gefährliche Rückreise riskierte, um ihre eigenen zwei Kinder wiederzusehen. In Mexiko hatte Maria eine Ausbildung zur Sekretärin gemacht, doch in den USA konnte sie als Putzfrau viel mehr verdienen. Sie kümmerte sich sehr sorgfältig um den Haushalt, legte die Wäsche zusammen und machte unsere Betten, so als ob bei uns alles in Ordnung wäre. Aber um uns konnte Maria sich nicht kümmern. Sie sprach kein Englisch und so konnten wir uns nur mit Händen und Füßen mit ihr verständigen. In jenem Jahr ging ich in die erste Klasse und hatte angefangen, Spanisch zu lernen, aber ich fand nie eine gute Übersetzung für: „Ich will meine Mutter zurück.“

Gigis Haus wurde meine Zuflucht. Zwischen Minzschokolade-Stäbchen und dem rosa Tweed-Sofa fand ich einen Ort des Trostes, der mich in ein Gefühl der Geborgenheit hüllte. Unser Haus, diese perfekte mehrgeschossige Ranch, für die meine Eltern gespart hatten, damit sie darin unseren Traum von Familie leben konnten, war mit Traurigkeit erfüllt. Wenn Mutter deprimiert war, verstummten die Symphonien, die sonst aus ihrem Kassettenrekorder ertönten. Das Atelier blieb verschlossen und Staub sammelte sich auf ihren Pinseln, während sie schlief und versuchte, die Dunkelheit zu überdauern, die manchmal monatelang auf ihr lastete.

Während meiner gesamten Grundschulzeit bemühte ich mich, möglichst keine Bedürfnisse zu äußern. Mein Vater war überlastet mit seiner Anwaltskanzlei und mit der Fürsorge für meine Mutter, was für ihn eine neue Welt bedeutete. Ich strich mir meine Brote selbst, ging allein zur Schule, schrieb Einsen und ging wieder nach Hause. Die Schlafzimmertür meiner Eltern war für mich ein Zeichen, das ich genau beobachtete. Sie war das Erste, was ich überprüfte, wenn ich nach Hause kam. Wenn die Tür offen war, wusste ich, dass ich Mutter entweder malend im Atelier vorfinden würde oder draußen bei ihren Rosen. War sie geschlossen, wusste ich, dass ich mir selbst eine Kleinigkeit zu essen machen musste und Mutter rechtzeitig aufwachen würde, um das Abendbrot vorzubereiten. Das Abendessen wurde immer von Mutter gekocht. Das war die einzige Aufgabe, die sie nie Maria überließ – denn es bedeutete, dass immer noch sie die Mutter dieser Familie war.

Doch der Anblick der geschlossenen Schlafzimmertür, wenn ich nach Hause kam, wurde zu einer Wunde, die nicht verheilen würde. Ich wünschte mir so sehr, dass sie den Willen hätte aufzuwachen und mich nach meinem Schultag zu fragen. Nach dem Jungen, der mich auf dem Heimweg geärgert hatte. Nach dem Theaterstück, in dem ich mitspielen würde. Ich wollte unbedingt, dass sie wieder die tolle, heldenhafte Mutter wurde, die sie früher gewesen war. Aber mit jedem Zusammenbruch, der in der Klinik endete, schien unser altes Leben immer mehr den Fernsehsendungen zu ähneln, die wir regelmäßig anschauten. Es war, als hätte jemand in unserem Leben von einer Familienserie zu einem Thriller umgeschaltet und wir konnten die Fernbedienung nicht finden, um das wieder rückgängig zu machen.

Doch selbst als wir eine Bezeichnung für das hatten, was uns die Zukunft geraubt hatte – die manische Depression –, nannten wir es immer noch nicht beim Namen. Wir sprachen überhaupt nicht darüber. Weder mein Vater noch meine Schwestern und meine Großeltern. Wir trösteten uns nicht, wir weinten nicht über unseren unerträglichen Verlust, wir verfluchten die Krankheit nicht. Wir machten einfach so weiter. Vater ging jeden Morgen ins Büro und erwartete immer noch von uns drei Töchtern, dass wir gute Noten mit nach Hause brachten. Ich schrieb weiterhin Einsen und punktete in meinem Lebenslauf mit einem Amt in der Schülervertretung, mit dem Engagement in einer Schülervereinigung und mit der Herausgabe des Jahrbuches. Aber über die Situation zu Hause sprach ich nie mit meinen Lehrern. Ich sagte ihnen nicht, dass ich immer erst meine Mutter in der Psychiatrie besuchte, bevor ich meine Hausaufgaben machte. Ich gab meinen Freundinnen gegenüber nicht zu, dass ich sie deshalb nie zu mir nach Hause einlud, weil ich befürchtete, sie könnten sehen, dass meine Mutter mitten am Tag schlief oder, was noch unerklärlicher war, eine manische Phase hatte.

Genauso wie meine Familie stumpfte auch ich allmählich ab. Ich konnte nicht mehr weinen, wenn meine Mutter wieder in die Klinik musste. Es war einfach so. Und ich freute mich auch nicht übermäßig, wenn sie wieder nach Hause kam. Sie würde sowieso bald wieder weg sein. Das einzige Heilmittel gegen diesen Schmerz war anscheinend: nichts fühlen und auf nichts hoffen.

Als ich zur Highschool ging, musste ich diesem gestörten Familienleben irgendwie entkommen, und das tat ich, indem ich heimlich nachts rebellierte. Andrea, auch Goofy genannt, war immer noch meine beste Freundin. An manchen Wochenenden fuhren wir abends über die Grenze nach Juarez, um in Klubs zu feiern, wo man sich nur für unsere amerikanischen Dollars interessierte und nicht für unsere Personalausweise. Ich floh vor der verrückten Situation zu Hause und Andrea vor dem Krebs.