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Peter Ford und seine Familie sind unterwegs in den Urlaub nach Cornwall, als sie von einem heftigen Sturm überrascht werden. Auf der Suche nach einem sicheren Unterschlupf folgen sie einem verwitterten Wegweiser. Die einspurige Straße führt nach Underwood. Doch warum ist der Ort auf keiner Karte verzeichnet? Wohin hat es sie da verschlagen? Als sie am nächsten Tag in ihrem Auto aufwachen, fängt für die Reisenden der wahre Horror an. Sehr schnell dämmert es den Gestrandeten, dass am idyllischen Dorfleben etwas nicht stimmt. Welche abgekartete Rolle spielen die Vertreter der öffentlichen Ordnung, denen sie begegnen? Die Leute wirken abweisend und unfreundlich. Das hat Gründe. Übersinnliche, wie sich herausstellt. Kann Peter sich, seine Frau und die Kinder aus den Fängen eines dämonischen Kults retten? Gibt es überhaupt einen Weg aus diesem unheimlichen Ort? Underwood ist eine Parallelwelt, in der niemand ankommen und bleiben möchte. Auch wenn es noch so stürmt und eine kleine Abzweigung Abhilfe vom Stau verspricht. Es könnte die letzte Abzweigung sein, die man im Leben nimmt ... Englischer Horror vom Feinsten, der dir kalte Schauer über den Rücken laufen lässt!
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Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2021
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COLIN GRIFFITHS
UNDERWOOD
COLIN GRIFFITHS
UNDERWOOD
EIN WEG REIN.KEIN WEG RAUS.
Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Originalausgabe
1. Auflage 2021
© 2021 by Scream Time Publishing, ein Imprint der DelRay Publishing GmbH,
An der Dornwiese 2, 82166 Gräfelfing
Alle Rechte vorbehalten.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Vertreibung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Christiane Otto
Umschlaggestaltung: Julia Jund
Umschlagabbildung: © iStock/fotocelia
Satz: Satzwerk Huber, Germering
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
eBook by tool-e-byte
ISBN Print 978-3-9496360-3-5
ISBN E-Book (PDF) 978-3-9496360-4-2
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-9496360-5-9
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INHALT
UNDERWOOD
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
ÜBER DEN AUTOR
SCREAM TIME PUBLISHING
WEITERE TITEL VON SCREAM TIME PUBLISHING
Vielleicht klingt der Name einigen vertraut. Es ist der Ort, in dem ich aufwuchs und 40 Jahre meines Lebens verbrachte. Ein bemerkenswerter Ort mit bemerkenswerten Menschen.
Das Underwood, das in dieser Geschichte beschrieben wird, ist jedoch nicht das Underwood, in dem ich aufwuchs. Auch die Protagonisten entsprechen keinen wirklichen Personen, sondern sind reine Fiktion.
Ein Ort, den ich für immer in meinem Herzen bewahren werde.
Colin Griffiths
Das Gewitter schien nicht enden zu wollen. Irgendwie war es unheimlich, als wollten die Donnergötter denen, die sich hinauswagten, eine Botschaft senden. Der verdunkelte Sommerhimmel bot ein besonderes Naturschauspiel, und der Regen klatschte gespenstisch gegen das Auto, als würde ein dämonisches Wesen das Dach entlang huschen, um zu den Insassen vorzudringen, auf die es Jagd machte. Die Meteorologen hatten heftige Regenfälle vorhergesagt, aber nicht diese Sintflut, die sich vom Himmel ergoss. Der Wind heulte wie ein ganzes Wolfsrudel, während das Gewitter das Vereinigte Königreich ins Chaos stürzte. Die meisten Menschen blieben zu Hause, und wer unterwegs war, bereute es zutiefst. Einige benötigten Stunden, um ihr Ziel zu erreichen, andere erreichten es nie.
Diejenigen, die vom Gewitter überrascht worden waren, kamen nur langsam voran, denn die meiste Zeit stand der Verkehr völlig still, da die Highways verstopft waren von den Autos, die sich Stoßstange an Stoßstange auf ihnen vorwärtsschoben, ohne Ausweg, weil auch die Nebenstraßen entweder blockiert oder überschwemmt waren. Das Straßennetz des Vereinigten Königreichs schien sich in einen großen Parkplatz verwandelt zu haben.
Wie hatten sie sich nur derart irren können?, überlegte Peter, als der Himmel alle Schleusen öffnete und die Regenflut sich auf sie und alle anderen ergoss, die es wagten, in dieser unglückseligen Nacht unterwegs zu sein.
Von ihrem Haus in Sheffield hatten sie über vier Stunden bis zur Autobahn M5 in Birmingham gebraucht. Der Regen, der aus den sich immer stärker zusammenballenden Wolken herunterprasselte, zeugte von der Unberechenbarkeit des typischen britischen Sommers. Der Himmel war jetzt nur noch ein dunkles Laken, vor dem sich die Wolken, vom Donner durchgerüttelt, zusammenschoben und herumwirbelten. Die Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren gegen die Regenfluten an, kaum fähig, das zu leisten, wofür sie entworfen worden waren: für klare Sicht zu sorgen.
Mit voller Wucht trommelte der Regen gegen die Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer erweckten den Eindruck, als würden sie jeden Augenblick vom Toyota Avensis wegfliegen, während sie hektisch über die Scheibe wischten. Die Sicht war schlecht, die Straßen gefährlich und der Himmel schaurig dunkel. Wie gut, dass sie langsam fuhren, dachten alle vier Insassen. Die Felder und Straßen um sie herum glichen immer mehr einem Fluss.
Peter lutschte noch ein Werther’s-Sahnebonbon, schob es im Mund hin und her. Wenn das Bonbon seine Zähne berührte, entstanden kleine Geräusche. Er wünschte sich, sie wären früher losgefahren oder hätten das Ende des Gewitters abgewartet. Der Wetterdienst hatte zwar Regen vorhergesagt, aber nicht das Gewitter, das über ihnen tobte. Er erwog kurz, bei einer Raststätte Halt zu machen, doch auf den Zufahrten hatten sich so lange Schlangen gebildet, dass er dort unweigerlich stecken bliebe.
Er hatte wohl keine Wahl: Entweder sie versuchten, zu parken und das Ende des Unwetters abzuwarten, oder sie fuhren weiter und hofften auf Wetterbesserung. Er hatte beschlossen, lieber im Schritttempo weiterzufahren, und nicht stundenlang vor der Raststätte in der Warteschlange zu stehen, obwohl das KFC-Schild durchaus eine gewisse Anziehungskraft besaß. Er stellte sich vor, wie er herzhaft in einen Burger bisse, was etwas ganz anderes wäre als das süße Bonbon, das er gerade lutschte. Er war dankbar, dass Eileen Proviant für unterwegs eingepackt hatte.
Sie war diejenige, die gesunden Menschenverstand besaß, denn bei dem Proviant handelte es sich um gesundes Essen. Er jedoch zog Burger und Würstchen sowie Pommes und jede Menge Ketchup vor. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie außer seiner Packung Werther’s, die für seinen Geschmack viel zu schnell aufgebraucht war, nichts dabei gehabt. Er entdeckte jetzt ein Schild »Straßenarbeiten 5 Kilometer«. Das verstärkte noch seinen Frust. Knirschend zerkaute er sein Bonbon und schluckte es hinunter. Dann steckte er sich ein weiteres in den Mund.
»Das hat uns gerade noch gefehlt«, stöhnte er und erstickte fast an dem Bonbon. Eileen grinste ihn an. Sie merkte, dass er langsam die Geduld verlor. Geduld war nicht gerade Peters Stärke, aber oft brachte gerade seine Ungeduld sie zum Lachen, da sie sich durch geistreiche Ironie äußerte. Sein Gejammere, das sie lustig fand, gehörte zu den vielen Dingen, die sie zu ihm hinzogen. Er war nur glücklich, wenn er jammerte. Sie wusste, dass er kurz davor war, eine Schimpfkanonade loszulassen.
»Was spielt das schon für eine Rolle? Wir kommen doch nicht von der Stelle«, sagte sie, schob sich ein Pfefferminz in den Mund und genoss den starken Geschmack auf der Zunge.
»Darum geht es gar nicht«, erwiderte Peter. »Selbst wenn wir vorankämen, würden wir wegen der verdammten Straßenarbeiten in einen Stau geraten. Warum können sie die Straßen nicht in Ruhe lassen?«
Eileen schwieg, denn sie konnte seine Logik nicht nachvollziehen. Zudem war er so mürrisch, dass sie es nur noch schlimmer machen konnte.
Eileen war gerade 40 geworden und seit 18 Jahren mit ihrem Partner Peter liiert. Als sie sich kennenlernten, wohnten sie nur drei Kilometer voneinander entfernt. Sie hatten sogar dieselbe Schule besucht, konnten sich aber nicht aneinander erinnern. Sie trafen sich in einem Tanzlokal in Sheffield wieder. Peter forderte sie zum Tanz auf, und in jener Nacht, in der sie tanzten und lachten, verliebten sie sich ineinander. Es folgte ein zweites Date, ein drittes und schon bald waren sie unzertrennlich und verbrachten, wenn sie knapp bei Kasse waren, viel Zeit damit, in den Yorkshire Moors zu campen. Beide erinnerten sich vor allem an diese Zeit. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund hatten sie nie geheiratet. Es lag nicht daran, dass sie sich nicht liebten, denn ihre Liebe war groß, und sie sagten immer wieder, dass sie es irgendwann tun würden.
Sehr oft hatten sie abends zusammengesessen und ihre Hochzeit geplant, ja, sich sogar im Internet nach einem Lokal und nach einem Hochzeitskleid umgesehen. Sie sprachen über die Farbgestaltung und das Motto, wählten die Trauzeugen und Brautjungfern aus, nahmen sich vor, das Lokal zu reservieren und alles in die Wege zu leiten, taten es jedoch nie. Es lag nicht daran, dass sie es nicht beide gewollt hätten, es war einfach zu jener Zeit nicht so wichtig für sie. Wohl fanden sie die Gespräche über die Hochzeit und die damit verbundene Planung aufregend, aber sie schafften es nie, das Ganze in die Tat umzusetzen. Nach den Geburten von Lily und Nathan schienen jegliche Hochzeitspläne noch weiter in den Hintergrund zu treten.
Die Kinder bekamen Peters Nachnamen »Ford«, Eileen behielt ihren Namen Ryall. Eileen hatte kein Problem damit, nicht verheiratet zu sein, sagte, es sei ja nur ein Stück Papier, doch in ihrem tiefsten Inneren hoffte sie immer noch auf die glamouröse Hochzeitsfeier, von der sie immer geträumt hatte. Vielleicht wäre sie dann nicht mehr die schöne junge Braut, die sie sich vorgestellt hatte, aber dennoch eine schöne Braut. Nach wie vor traf sie in Gedanken Vorbereitungen und hielt Ausschau nach ihrem Traumhochzeitskleid. Gelegentlich, wenn Peter Überstunden machte und die Kinder bereits im Bett lagen, blickte sie auf ihre schlafende Tochter und überlegte wehmütig, dass sie wohl eher die Hochzeit ihrer Tochter als ihre eigene erleben würde.
Sie trug ihr mausgraues Haar zurzeit kurz, was ihrem schmalen Gesicht und den hohen Wangenknochen schmeichelte. Sie trug es sowieso meistens kurz, ließ es nur gelegentlich wachsen, aber nicht allzu lang. Ihr Vater hatte sie einen Wildfang genannt, was ihr nichts ausmachte. Eileen fand, dass dieses Wort zu ihr passte, ihre Persönlichkeit charakterisierte, aber sie wollte nicht, dass ihre Tochter als Wildfang bezeichnet wurde. Sie wünschte sich, dass sie zu einer schönen Prinzessin heranwüchse. Doch egal, wie Eileen ihr Haar trug, man sah sie nur in Jeans, T-Shirt und flachen Sandalen. Das war die einzige Kleidung, in der sie sich wohlfühlte. Ihrer Meinung nach waren Kleider für besondere Anlässe gedacht, wie zum Beispiel Hochzeiten.
»Gibt es denn keinen besseren Weg als die M5 entlang?«, brummte Peter, der diese Worte nur mühsam hervorbrachte, da er immer noch das Bonbon im Mund hatte. Er rutschte auf dem Fahrersitz hin und her und versuchte, die Durchblutung der Beine, die sich taub anfühlten, wieder anzuregen. Dabei trommelte er mit den Fingern auf das Lenkrad, was Eileen hasste.
»Es ist der Weg nach Cornwall«, bemerkte Eileen spöttisch. Sie grinste, da dies die Art von Kommentar war, die Peter von sich geben würde. »Hör auf, auf das Lenkrad zu trommeln«, forderte sie ihn auf.
Peter warf einen Blick zum Himmel, an dem sich ein Grauton an den anderen reihte, als erneut Donnergrollen zu hören war.
»Scheiße!«, brüllte er.
»Und hör auf zu fluchen«, herrschte ihn Eileen an.
»Verdammt, willst du, dass ich aussteige und zu Fuß weitergehe?«, fragte er.
»Vermutlich kämst du schneller voran«, spöttelte Eileen.
Jahr für Jahr hatten sie den Sommerurlaub an der Ostküste Englands verbracht. Von ihrem Haus in Sheffield, in dem sie lebten, seit sie beschlossen hatten, zusammenzubleiben, war es nicht weit bis dorthin. Gewöhnlich war ihr Ziel Scarborough oder Skegness. Einmal waren sie nach Filey gefahren, das an der Ostküste lag, aber die Kinder fühlten sich dort nicht wohl. Und ehrlich gesagt, Peter und Eileen auch nicht.
Ein Lieblingsort von Eileen war Whitby, schon allein wegen der faszinierenden Geschichte, die sich um Graf Dracula rankte. Gerne hätte sie eines der vielen Gothic-Wochenenden, die dort stattfanden, besucht. Doch abgesehen von der hübschen Szenerie gab es für die Kinder dort nicht allzu viel zu sehen. Dieses Jahr hatten sie das Gefühl gehabt, mal ein anderes Urlaubsziel als die Ostküste auswählen zu müssen. Ins Ausland würden sie allerdings nie fliegen, das kam für Eileen nicht infrage, denn davor hatte sie Angst. Nachdem sie sich wochenlang den Kopf zerbrochen hatten, beschlossen sie, nach Südengland zu fahren, nach Newquay in Cornwall, einem Urlaubsort, den sie schon lange im Auge hatten.
Die Anreise würde länger dauern, aber es war dort um ein bis zwei Grad wärmer, und es war ein Ort, an dem sie noch nie gewesen waren. Peter hatte so viel über das Bodmin Jail, ein ehemaliges Gefängnis, gehört. Er freute sich riesig darauf, es besichtigen zu können. Die Galgengruben waren immer noch da und faszinierten ihn. Die Geschichte und der finstere Ort zogen ihn an. Er mochte so etwas, was man nicht vermuten würde, da er meistens eine Frohnatur war.
Die Kinder und Eileen wollten vor allem das Eden Project, einen botanischen Garten, besichtigen. Sie hatten in der Schule sehr viel darüber erfahren, und als sie ihn googelten, musste Peter zugeben, dass er sehr beeindruckend war. Er verkörperte eine andere Welt unter einer Kunststoffkuppel. Peter bekam glänzende Augen, als er herausfand, dass man im Bodmin Jail sogar heiraten konnte. Eileen hoffte jedoch, er würde ihre Traumhochzeit nicht in irgendeinem Gefängnis voller Gespenster, vor den Augen all der Gefangenen, die dort gehängt worden waren, abhalten wollen. Sie hatte sich voller Panik vorgestellt, wie sie in ihrem Hochzeitskleid mit einem Strick um den Hals, geführt vom Henker, durch das Gefängnis schritt, um ihr Ehegelübde abzulegen. So sehr sie Peter liebte, es würde keine Hochzeit in einem gruseligen Gefängnis geben.
Plötzlich erhellte ein Blitz den Himmel, gefolgt von einem Donnerschlag. Die Straße unter ihnen schien zu beben. Einen Augenblick lang saßen sie alle vier mit offenem Mund da, als hätten sie noch nie zuvor ein Gewitter gesehen. Mit Sicherheit aber keines wie das, das sie gerade erlebten. Es machte sie nervös. Die Himmelsschleusen öffneten sich erneut und der Regen schoss springflutartig von der Straße hoch und klatschte gegen das Auto. Nathan fand als Erster die Sprache wieder.
»Es ist noch sechseinhalb Kilometer weg«, erklärte der Zwölfjährige. Er saß auf dem Rücksitz, spielte auf seinem Tablet Pflanzen gegen Zombies und war blind gegenüber den Gefahren der Außenwelt. Er fühlte sich in Anwesenheit seiner Familie hinten auf dem Rücksitz sicher. Er hatte die Minuten zwischen dem Blitz und dem Donner gezählt. Peter grinste, denn diese Technik hatte er einst von seinem Vater übernommen und beibehalten. Peter versuchte, sich daran zu erinnern, wann er es Nathan beigebracht hatte, was ihm jedoch nicht gelang. Doch er war sich sicher, dass sein Sohn es von ihm hatte.
Nathan hatte, genau wie sein Vater, dunkelbraunes Haar und trug es über die Ohren gekämmt, wann immer es ihm erlaubt wurde. Eileen hatte versucht, ihn dazu zu bewegen, es vor den Ferien schneiden zu lassen, aber dieses Mal hatte sich Nathan schlichtweg geweigert. Er argumentierte, dass die Schulferien die einzige Gelegenheit seien, das Haar lang zu tragen, da die Schule es Jungen allgemein verbot. Eileen hatte nachgegeben, ihn aber gewarnt, dass er es vor Schulbeginn schneiden lassen müsse.
Er war ein ruhiges Kind, oft verschlossen und nachdenklich, manchmal sogar ein Einzelgänger. Nathan war ein guter Schüler, hatte aber manchmal Schwierigkeiten, sich in größere Gruppen einzufügen. In Zweier- oder Dreiergruppen fühlte er sich noch wohl, in größeren Gruppen jedoch unbehaglich. Die Wahrheit war, dass Nathan lieber allein als mit anderen zusammen war.
»Vielleicht verzieht es sich bald«, sagte Eileen. Sie überlegte, dass sie, sofern die Theorie richtig war, bald im Zentrum des Sturms wären. Hoffentlich würde das Gewitter dann weiterziehen.
»Für anderthalb verdammte Kilometer brauchen wir fünfzehn Minuten«, sagte Peter. Frustriert schlug er mit den Händen aufs Lenkrad. »Aber nur, wenn es uns folgt«, fügte er hinzu. Er bezog sich auf Eileens Bemerkung über das Gewitter.
Doch der Regen ergoss sich weiterhin sintflutartig, als wollte er alles überfluten. Der Wind heulte wie ein wildes Tier und erneut erhellte ein beeindruckendes Wetterleuchten den Himmel und beleuchtete die Autobahn und die Autos, die sich auf dieser stauten. Die herumwirbelnden Wolken schienen sich in Gesichter zu verwandeln, die über sie spotteten und sie neckten.
Peter sehnte sich nach einer Zigarette, konnte seine Ungeduld nicht verbergen. Und zu alledem war seine Bonbontüte fast leer. Bald würde er nichts mehr haben, womit er die Gier nach einer Zigarette im Zaum halten konnte. Rauchen im Auto war ein absolutes No-Go. Als der Verkehr mal wieder stillgestanden hatte, hatte Peter das Fenster heruntergekurbelt, um den Kopf hinauszustecken und sich eine Zigarette zu gönnen. Doch in Sekundenschnelle regnete es ins Wageninnere und durchnässte alle. Unter heftigem Protest verzichtete er auf seine Zigarette und schob sich stattdessen ein weiteres Bonbon in den Mund, um nicht mehr an die Zigarette denken zu müssen. Hätte er doch bloß seine E-Zigarette mitgenommen! Sie hätte zwar sein Verlangen nicht völlig gelöscht, aber immerhin wäre sie ein Ersatz gewesen. Nur eine Zigarette, und mir würde es viel besser gehen.
Er lutschte sein Bonbon und umklammerte das Lenkrad.
»Ich muss Pipi machen«, erklärte Lily plötzlich, klemmte die Beine zusammen und rutschte unbehaglich auf dem Rücksitz hin und her. Peter mokierte sich darüber, überging die Bitte seiner Tochter. Eileen dachte bei sich, dass er dies allzu häufig tat.
»Bleib ruhig sitzen«, blaffte Nathan sie an und versetzte ihr einen Stups. Lily bedachte ihn mit einem Blick, den Nathan als erste Warnung erkannte, sie in Ruhe zu lassen.
»Ich habe dir doch vor unserer Abfahrt gesagt, du sollst aufs Klo gehen«, schalt Eileen, als hätte sich Peters Ungeduld auf sie übertragen.
»Mum, das war vor fünf Stunden«, maulte Lily. Eileen warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Es war jetzt 17:30 Uhr, fast fünf Stunden nach ihrem Aufbruch, und sie musste ebenfalls auf die Toilette und empfand Schuldgefühle, weil sie ihre Tochter gescholten hatte. Sie bedachte Peter mit einem Blick von der Seite, suchte nach Antworten, auch wenn sie nicht wusste, warum, da er nur selten auf derartige Fragen eine Antwort parat hatte. Aber dieses Mal sehr wohl.
»Ich werde auf dem Seitenstreifen halten müssen. Dann kann sie hinter dem Auto Pipi machen«, erklärte er und setzte die Blinker.
»Das tu ich bestimmt nicht«, schrie Lily, wild entschlossen, nicht in der Öffentlichkeit zu pinkeln. Da konnten irgendwelche Perverse herumlungern, sagte sie sich. Sie sackte auf ihrem Sitz zusammen, die Hände gefaltet, musste aber schon bald erneut die Beine übereinanderschlagen, um ihren Pinkeldrang zu unterdrücken.
»Dann musst du in die Hose machen«, sagte ihre Mutter. »Denn ich werde tun, was dein Vater vorschlägt.«
Und genauso machten sie es, wie so viele andere, die in diesem heftigen Gewitter mitten im Verkehr stecken geblieben waren.
Sie saßen jetzt beide im Auto, durchweicht bis auf die Haut, aber dankbar, die Blase entleert zu haben. Die Luft war immer noch feucht, und es war schwül. Peter fuhr wieder auf die Autobahn, und Eileen schaltete das Gebläse ein, in der Hoffnung, dass dadurch die Kleider trocknen würden. Der Donner grollte, und ein Blitz flammte auf, als wollte er ihnen dazu gratulieren, ihre Blase entleert zu haben.
»Noch nie bin ich beim Pipimachen so nass geworden«, sagte Lily, und sie fingen alle an zu lachen. Sogar Nathan. Einen Augenblick lang überlegte Lily, worüber sie eigentlich lachten. Bis ihr klar wurde, was sie gerade gesagt hatte, und sie stimmte in das Gelächter ein. In diesem Augenblick schien alles wieder in Ordnung zu sein. Nathan widmete sich erneut seinem Tablet, und alle vier freuten sich auf den bevorstehenden Urlaub, sofern sie es bis dorthin schafften.
Es war schließlich nur ein Gewitter, und es würde bald vorübergehen.
Zehn Minuten später hatte der Regen so weit nachgelassen, dass die Scheibenwischer wieder auf Normalstufe arbeiten konnten. Dies war eine gewisse Erleichterung, da das Geräusch der auf Höchststufe eingeschalteten Scheibenwischer allmählich allen Wageninsassen auf die Nerven ging. Als sie anhielten, hatte Peter sie ausgeschaltet, bis ihm bewusst wurde, dass er nicht erkennen konnte, ob sich der Wagen vor ihm bewegte oder nicht. Das Gefühl machte das Ganze noch schauriger. Vor ihnen war auf der Signalbrücke in Leuchtbuchstaben das Wort »Unfall« zu lesen. Sie kamen nach wie vor nur schrittweise voran, waren auch 20 Minuten später nicht wesentlich weiter. Allmählich machten sich die wachsende Angst und der Frust bemerkbar. Das Gewitter schien nicht nachzulassen, schien ihnen zu folgen. Peter wurde auf ein weiteres Hinweisschild aufmerksam: »M50 South Wales, Ausfahrt 5 Kilometer«. Er hatte jetzt genug von der M5. Im Radio wurde durchgesagt, dass meilenweit Verkehrschaos herrsche und der Verkehr zum Stillstand gekommen sei. Vor den Raststätten herrschte ein solches Gedränge, dass die Zufahrten, die zu ihnen führten, gesperrt werden mussten.
»Schnapp dir die Karte und schau mal, wie viel länger dieser Weg ist«, wies Peter Eileen mit dem Enthusiasmus eines Kindes an.
Eileen holte die Karte aus dem Handschuhfach und studierte sie eine Weile. Dann sagte sie: »Die Strecke ist etwas länger. Du fährst durch Monmouth, dann Richtung Newport, und wenn das Unwetter vorbei ist, über die Severn Bridge bis nach Bristol. Aber es heißt, dass es in Wales immer regnet.«
Peter verdrehte die Augen. »Das ist okay für mich«, sagte er. Er kurbelte die Scheibe herunter und zündete sich trotz allgemeiner Proteste eine Zigarette an. »Es sind jetzt verdammte fünf Stunden«, dachte er, »sie müssen es in Kauf nehmen, nass zu werden«, genauso wie die Zigarette nass wurde. Peter hielt sie aus dem Fenster, aber im Regen ging sie im Nu aus. »Scheiße«, fluchte er.
Die M50 war stark befahren, und sie benötigten eine halbe Stunde für die sechseinhalb Kilometer bis zur Ausfahrt. Offensichtlich hatten zahlreiche Autofahrer dasselbe vor, aber schließlich kamen sie mit einer Geschwindigkeit von 30 bis 50 Kilometern pro Stunde vorwärts. Im Vergleich zu der Geschwindigkeit, mit der sie bisher gefahren waren, kam ihnen dies unglaublich schnell vor. Der Regen hatte stark nachgelassen, aber der Himmel war immer noch düster und wirkte bedrohlich. Der Sprühregen war eine echte Plage, denn er machte die Straßen tückisch glatt.
Obwohl Peter nie viel Geduld hatte – auch an diesem besonderen Tag hatte er deutlich seine Ungeduld demonstriert –, war er ein guter Autofahrer, und sogar ein noch besserer, wenn seine Kinder dabei waren. Bevor er losfuhr, vergewisserte er sich immer, dass sie angeschnallt waren und bequem saßen.
Um 19:30 Uhr bogen sie, nachdem sie mühsam vorangekommen waren, von der M50 zu einer Raststätte ab, wofür alle dankbar waren. Ein Gefühl der Erleichterung machte sich bei allen breit. Sie hatten das Gefühl, als wären sie gerade im Ferienlager eingetroffen.
Sie bestellten warme Sandwiches sowie Pommes und heiße Getränke und verspeisten alles voller Heißhunger, als wäre es ihr erstes Essen überhaupt. Eileen achtete ausnahmsweise nicht auf gesunde Ernährung, als sie reichlich Ketchup über die Pommes schüttete. Peter rauchte in einer Raucherzone im Freien drei Zigaretten, eine nach der anderen, genoss die letzte genauso intensiv wie die erste. Er leckte sich die Lippen, als hätte er etwas Leckeres gekostet. Die Raststätte war brechend voll, doch es herrschte eine freundliche Atmosphäre, da alle über das grauenhafte Wetter sprachen. Peter fühlte sich mit vollem Magen etwas besser gelaunt, zumal er seine Nikotinsucht befriedigt hatte, zumindest vorerst. Für den Rest der Reise stopfte er sich die Taschen mit Süßigkeiten und Schokoladentafeln voll. Die Kinder taten es ihm nach. Und Eileen erhob keinerlei Protest Nachdem Lily mit dem Essen fertig war, verbrachte sie 20 Minuten in der Toilette. Sie bürstete ihr langes blondes Haar, wollte, dass es gepflegt aussah. Lily war ewig damit beschäftigt, es zu bürsten oder es auf die eine oder andere Weise zu kämmen. Mit 14 war sie bereits sehr hübsch, mit ein paar Sommersprossen um die Nase herum, die ihr gut standen. Während sie ihr Haar vor dem Spiegel bürstete, riss sie die Augen weit auf, und Eileen, die ihre Tochter beobachtete, stellte fest, dass Lily kein Kind mehr war und kein Wildfang mehr sein würde. Leider war sie jetzt nicht mehr ihr kleines Mädchen, was sie traurig stimmte, denn sie wollte, dass sie dies für immer bliebe. Eileen rieb sich die Augen, auch wenn sie keine Tränen wegwischen musste. Es machte ihr ein wenig Angst, dass ihre Kinder erwachsen wurden. »Wo nur sind all die Jahre geblieben?«, fragte sie sich.
Lily konnte leicht zwei bis drei Jahre älter geschätzt werden. Für ihr Alter war sie schon sehr reif und erinnerte Eileen stark an die Zeit, als sie im selben Alter gewesen war. Doch sie war damals noch nicht so weit wie Lily gewesen und auch nie so hübsch wie ihre Tochter. Sie erteilte sich selbst eine Rüge, weil sie so dachte, denn dies erweckte den Anschein, als wäre sie eifersüchtig auf ihre Tochter, wo sie doch in Wirklichkeit so stolz auf sie war. Lily war selbstsicher, vorlaut und entschlossen. In der Schule war sie mit allen befreundet, eines der beliebtesten Kinder der Klasse sowohl bei den Lehrern als auch den Klassenkameraden. Jeder wollte mit ihr befreundet sein. Lily war auch so gut, wenn nicht sogar besser in der Schule als Nathan, aber in jeder anderen Hinsicht das krasse Gegenteil von ihm. Eileen war sich bewusst, wie glücklich sie war, eine schöne Tochter zu haben.
»Meine Haare sind eine reine Katastrophe«, jammerte Lily und rümpfte im Spiegel die Nase. Eileen lachte und griff nach der Bürste.
»Lass mich mal«, sagte sie.
Nathan und Peter glichen sich im Aussehen wie ein Ei dem anderen, aber damit endete die Ähnlichkeit.
Peter war ein breitschultriger attraktiver Mann von 43 Jahren mit walnussbraunem Haar, das zu seinen markanten Gesichtszügen passte. Er war ein starker Mann, und in jungen Jahren waren alle Mädchen hinter ihm her gewesen, aber Eileen hatte gewusst, dass sie ihn bekommen würde. Nathan ähnelte ihm äußerlich sehr. Eileen stellte sich ihren Sohn mit 43 vor; er würde genauso aussehen wie Peter jetzt. Sie hatte Fotos von Peter in Nathans Alter gesehen, und sie glichen sich aufs Haar, obwohl Nathan nie die Statur seines Vaters haben würde und auch nicht dessen Selbstbewusstsein. Sie vermutete, dass Nathan unter einer gewissen Nervenschwäche litt, als wäre das Leben eine Last für ihn und jede Herausforderung, mit der ihn das Leben von Zeit zu Zeit konfrontierte, eine Herausforderung zu viel. Im Gegensatz dazu genoss sein Vater jede Herausforderung, vor die das Leben ihn stellte, und war entschlossen, sie erfolgreich zu meistern. Einst war er von Fußballclub Sheffield United umworben worden, hatte es aber letztlich doch nicht geschafft. Da hatte er beschlossen, sich Sanitäreinrichtungen zuzuwenden, war darin hervorragend gewesen und hatte sich nach oben gearbeitet. Er hatte nie wirkliche Schwächen gehabt, das heißt, abgesehen von der Schwäche für die drei Menschen, die mit ihm im Auto saßen. Seiner Familie gegenüber war er nachgiebig, liebte sie abgöttisch.
Kurz nach 20:15 Uhr verließen sie die Raststätte und fuhren durch Monmouth auf die A49. Auf einem Schild war zu lesen »Willkommen in Wales«.
»Aber ich habe meinen Pass nicht dabei«, erklärte Nathan, und alle fingen an zu kichern. Nathan begriff nicht, was sie amüsierte, bis Lily ihn aufklärte, dass Wales zum Vereinigten Königreich gehörte und man deshalb keinen Pass benötigte.
Mit vollem Magen fühlten sie sich viel besser, und Peters Verlangen nach Nikotin war verschwunden, zumindest vorerst.
Doch es regnete immer noch. Zum Glück hatte der Verkehr nachgelassen und war jetzt fließend. Trotz der Proteste der übrigen Insassen sang Peter die Songs im Radio laut mit. Er war zufrieden mit sich, weil er diesen Weg eingeschlagen hatte, und wollte es zeigen. Er kicherte in sich hinein, wenn er sich all die Autos vorstellte, die auf der M5 feststeckten. Er kaute ein Pfefferminz und hoffte, dass sich der Stau aufgelöst hätte, wenn sie zur M5 zurückkehrten, oder zumindest ein Weiterfahren möglich wäre. Doch die Radiosender berichteten nach wie vor von langen Staus, und es würde noch eine Weile dauern, bis sie in Bristol wären. Vielleicht hätte sich die Wetterlage bis dahin ein wenig gebessert. Zumindest war Monmouth ein netter Ort, soweit sie es aus dem Auto beurteilen konnten. Sie sahen ein paar Berge und Bäume und etwas, das nach einem Fluss aussah. Im Augenblick war alles in Ordnung, und ihre Urlaubsstimmung schien sich wieder einzustellen.
»Wales scheint gar nicht so übel zu sein«, bemerkte Peter, und alle stimmten ihm zu.
Etwas später war Nathan eingedöst. Lily war unruhig und beklagte sich, dass sie immer wieder die Verbindung zu Facebook verlor. Wie um Gottes willen sollte sie ohne ihr Facebook in Kontakt mit anderen bleiben? Trotz des scheußlichen Wetters hatte Eileen seit ihrer Abreise nie aufgehört zu lächeln, und trotz der gelegentlichen Seufzer ihres Liebsten und dem Gemaule ihrer Kinder freute sie sich auf den Urlaub mit ihrer Familie.
Sie wusste, dass die Kinder schon bald nicht mehr mit ihnen in Urlaub fahren würden, und das machte sie etwas traurig, aber sie war entschlossen, die Urlaube, die sie noch gemeinsam verbringen würden, so schön wie möglich zu gestalten. Ohne dass Peter es wusste, plante Eileen, künftig zweimal im Jahr Urlaub zu machen, und sie hatte vor, diesen Urlaub, komme was wolle, zu genießen, da sie ja nicht ahnen konnte, wann sie zum letzten Mal gemeinsam in den Urlaub fahren würden. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, nicht mehr mit den Kindern Urlaub zu machen, aber sie wusste, dass sie sich damit abfinden musste, denn vermutlich würden sie schon bald keine Lust mehr verspüren, mit den Eltern zu verreisen. Lily war jetzt fast schon eine junge Frau. Bald würde sie ohne ihre Eltern Urlaub machen. Plötzlich hatte sie einen genialen Einfall. Sie würde Lilys Freunde mitnehmen, womit das Problem für ein bis zwei Jahre gelöst war. Sie hatte aber nicht vor, es Peter jetzt schon zu sagen.
Der neue Plan der Familie war es, der A49 bis zum Coldra-Kreisverkehr direkt außerhalb von Newport zu folgen. Dann würden sie auf der M4 bis zur Severn Bridge weiterfahren. Peter grinste von einem Ohr zum anderen, als er herausfand, dass man die Mautgebühr nur in einer Richtung bezahlen musste und das Überqueren der Brücke sie nichts kosten würde. Nicht, dass er knauserig gewesen wäre, doch dies machte seine Entscheidung, einen Umweg zu nehmen, noch befriedigender. Es schien alles so einfach zu sein. Die Fahrt war lang und mühsam gewesen, und alle waren mit dem Umweg, den sie genommen hatten, einverstanden. Auch wenn auf diesen Straßen mehr Verkehr geherrscht hatte, hatte die Route mehr Abwechslung geboten als die M5. Zumindest ging es vorwärts, wenn auch manchmal sehr langsam. Bald würden sie wieder auf der M5 sein und in Richtung Cornwall fahren.
Sie hatten in ihrem Urlaubsquartier in Cornwall angerufen, um mitzuteilen, dass sie sich verspäten würden. Man sagte ihnen, dass es vielen anderen Urlaubern genauso erging. Wann auch immer sie dort ankommen würden, irgendjemand wäre da, um sie zu ihrem Wohnwagen zu führen. »Okay, der heutige Tag war ein Reinfall, aber die Vorhersage für die restliche Woche war gut.« Das Verlangen nach Nikotin schien Peter im Augenblick nicht zu quälen. Er schob sich beim Fahren immer wieder Süßigkeiten in den Mund und trällerte die Melodien aus dem Radio mit.
»Oh Mist«, fluchte Peter. Als sie zum Coldra-Kreisverkehr gelangten, zeigte ein Schild an, dass die M4 wegen eines Unfalls gesperrt war. Er überlegte kurz, wie viele Unfälle es an diesem Abend bereits gegeben hatte. Es war fast 21 Uhr und auf den Straßen war es erstaunlich ruhig. Anscheinend zogen die Menschen es vor, zu Hause zu bleiben, statt bei dem grauenhaften Wetter durch die Gegend zu fahren. Vielleicht hatten sie auch irgendwo Halt gemacht und sich für die Nacht einquartiert, bis das Gewitter vorüber war.
Er entdeckte einen riesigen Hotelkomplex namens Celtic Manor, der oben auf einem Hügel lag. Er erinnerte sich, dass dort Golfturniere veranstaltet wurden, war sich aber nicht ganz sicher, ob auch die British Open dort stattfanden. Einen kurzen Augenblick lang war er versucht, hier zu übernachten und am Morgen weiterzufahren, aber es waren sicher immer noch fünf Stunden bis zu ihrem Urlaubsziel, selbst bei gutem Wetter. Er wollte keinen weiteren Tag mit Fahren vergeuden, und wer wusste schon, wie die Straßen am nächsten Morgen aussehen würden. Vielleicht waren sie dann immer noch in einem schlimmen Zustand. Zumindest waren sie jetzt alle ruhiger, unheimlich ruhig, sodass er sich gegen die Übernachtung entschied.
Zumindest würden sie am Morgen in ihrem Wohnwagen aufwachen, wenn alles gut liefe. Ein kurzer Blick auf die Karte ließ hoffen, dass es gar nicht so schlecht aussähe. Wenn sie die Magor Road nähmen, wäre die Severn Bridge nur knapp 15 Kilometer entfernt. Sie beschlossen also, diesen Weg fortzusetzen. Sie waren schließlich auf dem Weg in den Urlaub, und nichts würde sie davon abhalten, ihren Urlaubsort zu erreichen.
Wie von der Straßenkarte empfohlen, fuhren sie die Langstone Road entlang. Peter hantierte am Navi herum, aber es wollte nicht funktionieren. Er fing an, sich nach dem Schild nach Magor umzusehen. Als sie weiterfuhren, öffnete der Himmel erneut seine Schleusen, denn ein heftiger Wolkenbruch entlud sich. Ein Blitz setzte den Himmel in Flammen, und der Donner schien die Straße unter ihnen ins Wanken zu bringen. Das Gewitter war mit aller Macht zurückgekehrt. Drei Kilometer weiter bogen sie rechts nach Magor ab. Peter entdeckte das Schild im letzten Augenblick. Sie kamen an einem Hotel vorbei, das günstige Zimmer anbot, doch Peter entschied sich erneut dagegen. Wenn sie irgendwo übernachten wollten, dann sollte es in der näheren Umgebung von Cornwall sein.
Peter überlegte, dass sie, sobald sie die Brücke hinter sich gelassen hätten, vielleicht doch an einem Travel Lodge Halt machen sollten, um dort zu übernachten. Die Sicht war sehr eingeschränkt, als sie in dem sintflutartigen Regen langsam weiterfuhren. Nathan und Lily wurden auf dem Rücksitz unruhig, und selbst die ewig fröhliche Eileen verlor allmählich ihre gute Laune. Sie wünschte sich, sie wären doch wieder nach Scarborough oder sogar nach Filey gefahren. Das wäre auf jeden Fall besser gewesen als die verheerende Lage, in der sie sich jetzt befanden.
»Verdammt, das gibt’s doch gar nicht«, sagte Peter, als er auf das Schild an der Straßenseite starrte, das er in letzter Minute entdeckt hatte. Er hatte angehalten und den Kopf in den Händen vergraben, als würden alle Probleme der Welt auf seinen Schultern lasten. Plötzlich hatte er unbändiges Verlangen nach einer Zigarette. Eileen wurde Peters Theatralik allmählich leid, und ihre Geduld war am Ende. Dieser Tag stellte sich allmählich als einer heraus, den sie lieber vergessen wollte.
»Dad«, sagte Lily tadelnd zu ihrem Vater. Sie hasste es, wenn er fluchte, das schien sich einfach nicht zu gehören.
»Die Straße ist wegen Überschwemmung gesperrt«, war auf dem Schild zu lesen. Peter hielt den Wagen an, stieg aus und wurde sofort vom Regen durchnässt. Er zündete sich eine Zigarette an und versuchte, sie vor dem Regen zu schützen, während er rauchte. Er blickte sich um, sah keine Straße, sondern nur eine Fahrspur. Obwohl die Nacht bereits hereingebrochen war, konnte er erkennen, dass sie sich inmitten von Feldern und Bäumen befanden. Unterdessen schien der Wind wieder an Heftigkeit zuzunehmen. Er fegte heulend um die Bäume, ließ sie weniger leblos erscheinen. Peter überlegte, was er als Nächstes tun sollte. Sollte er kehrtmachen und eine andere Richtung einschlagen?
Peter wusste, dass sie nicht mehr weit von der M4 und der Brücke entfernt waren, die sie zum Wasser und zur M5 führen würden. Dann bemerkte er ein kleines Schild am Straßenrand. Er ging darauf zu und las: »Underwood, nächste Straße rechts.« Er warf die Zigarette weg und stieg wieder ins Auto, klatschnass. Er studierte die Karte und sagte: »Ich kann kein Underwood finden.«
Eileen griff nach der Karte, um sich selbst ein Bild zu machen. »Ich kann es auch nicht finden«, sagte sie und verstaute die Karte im Handschuhfach. Sie dachte an Scarborough, an alles, was es zu bieten hatte.
»Dad, fahr einfach dorthin, ich muss pinkeln und hier raus«, erklärte ihm Lily. Sie dachten alle dasselbe. Peter zuckte die Schultern, erkannte, dass er wohl keine Wahl hatte. Es schien nicht genug Platz vorhanden zu sein, um zurückzustoßen und zu wenden. Wenn er nach rechts führe, könnte er vielleicht umkehren und zu dem billigen Hotel zurückfahren, das er entdeckt hatte. Die Idee gefiel ihm, also folgte er dem Schild, auf dem »Underwood« stand.
Er legte den ersten Gang ein, und sie fuhren langsam weiter, mitten durch die immer stärker anwachsende Überschwemmung. Peter bog schnell nach rechts ab, und sie kamen an einer Kirche sowie einem Friedhof vorbei. Er hoffte, sein treuer Toyota Avensis würde ihn jetzt nicht im Stich lassen, denn er wollte wirklich nicht am Friedhof, der ihn schaudern ließ, aussteigen. Nathan bedeckte die Augen, bis sie vorbei waren. Lily versuchte, in die andere Richtung zu schauen, blickte aber unwillkürlich immer wieder zum Friedhof. Eileen drängte Peter wortlos, schneller zu fahren. Sie bewegten sich nun eine Steigung hinauf, und eine Regenflut kam ihnen entgegen, platschte gegen das Straßenschild mit der Aufschrift »Underwood«. Doch sie entdeckten nichts als Bäume.
Nie zuvor hatte Peter eine derartige Nervosität und Angst empfunden. Sein Instinkt sagte ihm, er sollte umkehren, aber die Straße war zu schmal. Er musste seine Familie unbedingt ins Trockene bringen, in Sicherheit, bis der Regen aufhörte. Es war ihm egal, wo das sein würde, jeder Ort war ihm recht. Er wusste nicht, was falsch gelaufen war, wie er seine Familie in diese prekäre Lage hatte bringen können. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen, aber er war einfach zu nervös.
»Hast du dich verfahren?«, fragte Eileen. Ihre Stimme klang ängstlich, und sie kaute an ihrer Unterlippe. Sie wollte unbedingt verhindern, dass die Kinder ihre Angst bemerkten. Peter konnte es an ihrem Gesicht ablesen, und er betrachtete sie voller Zärtlichkeit. Er hatte sie in dieses Schlamassel gebracht, und er musste sie wieder daraus befreien. Er beugte sich zu ihr und griff nach ihrer Hand, versuchte, sie zu beruhigen. Ihre Blicke trafen sich, und Peter zwinkerte ihr zu. Eileen fühlte sich ein klein wenig besser, zitterte aber innerlich nach wie vor.
»Dad, mir gefällt es hier nicht«, quengelte Nathan mit ängstlicher Stimme.
Peter spürte erneut Unbehagen. Auch ihm gefiel es hier nicht. Er hatte das Gefühl, seine Familie enttäuscht zu haben, und das wühlte ihn innerlich auf. Sein Puls raste. Er konnte nichts hinter sich entdecken, um umzukehren, und auch vor ihm gab es anscheinend nichts anderes als Bäume. Eine innere Stimme sagte ihm, dass er diese Strecke nicht hätte wählen sollen. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, schien der Himmel durch einen Blitz zu explodieren, der die umgebenden Bäume hell aufleuchten ließ. In diesem Augenblick der Helligkeit schienen die Bäume ihnen zuzuwinken.
Nathan zuckte zusammen, und Lily schrie auf. Doch dann war der Himmel wieder dunkel. Das Heulen des Winds durch die Bäume wurde nur durch einen Donnerschlag unterbrochen. Der Regen ergoss sich in Strömen vom Himmel, prallte von den Bäumen ab, wenn sie sich hin und her bewegten. Er hämmerte auf das Metall des Toyotas, trommelte auf das Wagendach. Schon bald glich die Fahrspur einem Bach, und Panik ergriff sie. Erst jetzt erkannte Peter, was sie getan hatten, und er verfluchte sich und seine Dummheit. »Kein Wunder, dass es nicht auf der verdammten Karte steht.« Denn erst in diesem Moment begriff er, dass es sich bei Underwood um einen Wald handeln musste.
Lily und Nathan kauerten auf dem Rücksitz, eingehüllt in ihre Mäntel, obwohl es nicht kalt war. Die Nacht war feucht und stickig gewesen, hatte ihnen aber etwas Trost gespendet. Es war schon lange her, dass sie sich aneinander gekuschelt hatten, aber die Nacht verlangte regelrecht danach. Aus Angst kann man seltsame Dinge tun, wie zum Beispiel sich an den kleinen Bruder oder die große Schwester kuscheln. Sie fühlten sich dadurch sicherer angesichts der kleinen Kobolde, die in den Wäldern lauern mochten, oder vielleicht sogar anderer Monster, die über sie herfallen und sie verschlingen könnten, während sie schliefen.
Kurz nachdem der Regen nachgelassen und der Wind sich gelegt hatte, waren sie beide eingeschlafen. Sie hatten schließlich der Erschöpfung nachgegeben. Die Angst ließ nach, als sie alle erkannten, dass sie nicht fortgerissen und von einem Fluss verschluckt werden würden. Nein, das würde nicht geschehen. Sie brauchten sich jetzt nur wegen des Waldes Sorgen zu machen.
Eileen war schließlich auf dem Beifahrersitz eingeschlafen und fing schon bald an zu schnarchen. Gewöhnlich störte ihr Schnarchen Peter, aber im Augenblick tröstete es ihn auf eine seltsame Weise. Bevor sie die Augen schloss, hatte sie sich vergewissert, dass die Kinder eingeschlafen waren oder zumindest dösten. Eileen registrierte, dass ihnen die schreckliche Fahrt und die Tatsache, dass sie im Niemandsland gelandet waren, jegliche Kraft genommen hatte. Lily hatte versucht, es zu verbergen, während Nathans Gesicht vor Angst verzerrt war.
Peter wälzte sich hin und her, fand keine Ruhe, zergrübelte sich den Kopf, wie er so leichtsinnig hatte sein können, sich und seine Familie in eine solche Lage zu bringen. Doch er war dankbar, dass seine Familie nicht in Gefahr war, denn er hatte die Horrorvision gehabt, dass das Auto samt Insassen vom Wasser weggeschwemmt werden könnte. Er war der Einzige, der wach war, und in gewisser Weise war er froh darüber. Peter wusste, dass seine Familie Fragen stellen würde, auf die er im Augenblick keine Antworten hatte.
Seine eigene Sorglosigkeit hatte ihn verwirrt, und es schauderte ihn bei dem Gedanken, wie hoch der Preis hätte sein können. Er beobachtete, wie der Tag anbrach, und wusste, dass es in etwa 30 Minuten hell genug sein würde, um etwas zu sehen und aus dem Wald herauszukommen. Peter konnte immer noch nicht begreifen, wie sie überhaupt in diesem Wald hatten landen können. Als es aufhörte zu regnen, war er dankbar dafür. Trotzdem war ihm klar, dass sie tief in der Klemme steckten.
Peter blickte sich nach den Kindern um. Sie schliefen immer noch, und die Geräusche, die Eileen von sich gab, bestätigten ihm, dass auch sie noch schlief. In diesem Augenblick hatte er das Gefühl, der glücklichste Mann der Welt zu sein, mit der besten Frau und den besten Kindern, die man sich nur wünschen konnte. Aber ihm war immer noch flau im Magen, wenn er überlegte, was er ihnen zugemutet hatte. Nie würde er seine Angst vergessen. Peter war stolz darauf, wie seine Familie damit zurechtgekommen war. Und er schwor sich, dass er sie nie wieder in eine solche Lage bringen würde.
Er kurbelte die Scheibe etwas herunter, da ihm warm war. Frische Waldluft wehte ihm entgegen. Peter zündete sich eine Zigarette an und atmete tief ein und noch intensiver aus. »Was für eine Nacht«, überlegte er, holte sein Handy heraus, um die Wetter-App zu konsultieren. Doch er bekam kein Signal. »Jede Wette, dass man hier draußen rein gar nichts reinbekommt.« Er schwor sich, nie wieder nach Wales zu fahren. »Diejenigen, die Anspruch auf das Land erheben, können es behalten.«
Er warf die Zigarettenkippe aus dem Fenster. In diesem Augenblick stahl sich ein Sonnenstrahl durch die Bäume, was ihn leicht zusammenzucken ließ. Der Himmel sah jetzt heller aus als in den letzten 24 Stunden. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Noch eine Zigarette, dann weck ich sie auf.«
Nachdem er die Zigarette geraucht hatte, fühlte er sich wohler. Peter hoffte, sie könnten all dies hinter sich lassen und ihren Urlaub doch noch genießen. Er schwor sich, es wiedergutzumachen, dafür zu sorgen, dass sie einen besonders schönen Urlaub erlebten.
»Aufwachen, aufwachen, wir sind im Urlaub«, rief Peter. Nach seiner dritten Zigarette hatte sich seine Laune erheblich gebessert. Er blickte zum Himmel hoch; Blautöne vermischten sich mit Orange. Obwohl er müde war, verlieh ihm dies ein gutes Gefühl, und er konnte es kaum abwarten, weiterzufahren. Am Urlaubsziel angelangt, würde er sich eine Stunde Schlaf gönnen. Eileen und die Kinder konnten inzwischen den Park erkunden. Sie würden es ihm doch nicht übel nehmen, wenn er sie nicht begleitete? Breit grinsend klatschte er mit einer dramatischen Geste in die Hände. Sie waren auf dem Weg in den Urlaub.
