Unexpected - Von Liebe berührt - Alica H. White - E-Book

Unexpected - Von Liebe berührt E-Book

Alica H. White

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Beschreibung

Die Person, die dir begegnet, ist die richtige. Jeder Moment, in dem etwas beginnt, ist der richtige. Mit dieser Weisheit ihrer indianischen Vorfahren macht sich Grace auf den Weg nach New York, um ein neues Leben zu beginnen. Eigentlich hatte sie dafür der Männerwelt abgeschworen, doch sie hätte sich denken können, dass das nicht gutgeht. In ihrem neuen Job, als Osteopathin bei den Footballern der Tigers, hat sie es schließlich mit den heißesten Typen der Stadt zu tun. Die lange Durststrecke in Sachen Beziehung macht das Ganze auch nicht besser. Und schon am ersten Abend begegnet sie einem Mann, der sie schnell aus dem Konzept bringt. Zu allem Überfluss entpuppt er sich nicht nur als einer der Spieler, sondern auch als ihr erster Klient. Dylans Fall ist nicht ganz einfach. Da ist es fatal, dass es zwischen ihnen mehr als knistert. Affären zwischen Personal und Spielern sind aus gutem Grund verboten. Um ihr unangebrachtes Sehnen zu bändigen, lässt Grace sich auf ihren Chef ein, der an einer ernsthaften Beziehung interessiert ist. Doch das löst eine Welle verhängnisvoller Ereignisse aus, die über ihrem Kopf zusammenschlägt …   Über die Kraft der Liebe und die Ehrlichkeit, die man dafür braucht. Der prickelnde Liebesroman ist in sich abgeschlossen und gehören zu den New York Footballern der Autorin.   Leseprobe: Mein Klient ist Mister Sexy von gestern. Das konnte ich eben beim Training nicht erkennen, weil die Entfernung zu groß war. Mein Puls rauscht in den Ohren. Mein Atem stockt. Peinlich. Peinlich. Hoffentlich werde ich nicht rot. Ich hole tief Luft. »So sieht man sich wieder, hm?« Mein Gegenüber scheint ebenso etwas aus der Fassung, als er mich in meiner Dienstkleidung mustert. Seine tiefblauen Augen durchbohren mich. Heißkalte Schauer laufen über meinen Nacken. Den soll ich jetzt behandeln? Ausgerechnet den? Wie soll ich mich da konzentrieren? »Du möchtest eine Behandlung?«, frage ich und entlasse die Luft unauffällig. »Doktor Lozano sagte, du könntest mir bei meinen Kopfschmerzen helfen«, meint Mister Sexy, während er das duschnasse Haar verlegen nach hinten streicht. »Okay … dann … Dylan, richtig?« »Genau … Dylan Phillips. Leider haben wir uns bei unseren früheren Begegnungen nicht vorgestellt. Umso schöner, dich heute hier wiederzusehen.« Mein Kopf dürfte mittlerweile eine Tomate sein. Ich sollte seine Beschwerden besser auf der Liege erfühlen, so, dass er mich nicht sehen kann, sonst könnte es noch peinlicher werden. »Ähm … ich seh schon … deine Schultern sind ziemlich hochgezogen. Das könnten Verspannungen sein, unbewusste Anspannungen. Ich werde Behandlung und Anamnese zusammen vornehmen, okay? Bitte leg dich doch auf die Liege.« Dylans Augen werden groß. »Einfach so? Massage in Klamotten?« »Ja. Bei den sanften Techniken kann man die Kleidung anbehalten, wenn sie nicht zu dick oder steif ist.« »Okay …«, sagt er und zieht die Schultern noch weiter nach oben. Mit einer Rolle unter den Beinen liegt Dylan bequem, trotzdem sieht er so aus, als wäre ihm unbehaglich. Ich versuche, es zu ignorieren, und setze mich ans Fußende, um den craniosacralen Puls an den Füßen zu ertasten. »Ähm … ich habe Kopfschmerzen?« Seine Reaktion überrascht mich nicht. »Ja, und der Kopf sendet die Signale an die Füße. Ich prüfe, ob es da eine Blockade auf dem Weg gibt«, erkläre ich. »Deine Beine sind dein Kapital, oder?« »Du musst es ja wissen«, murrt er. Die Reihe New York Tigers beinhaltet: Band 1: Unexpected – Überraschend Liebe: Olivia & Jacob Band 2: Unexpected – Von Liebe berührt: Grace & Dylan Band 3: Unexpected - Hungrige Herzen: Erin und Caleb

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Alica H. White

Unexpected - Von Liebe berührt

Grace und Dylan

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Kapitel 1 Grace

 

Das Taxi hält vor einem schmucklosen Backsteinklotz mit kleinen Fenstern. Ich habe meine zukünftige Wohnung zwar schon auf Bildern gesehen und war auf den Anblick vorbereitet, doch an diesem trüben Tag, im Schatten der anderen Häuser, wirkt es noch trostloser.

»Wir sind da Ma’am«, sagt der Fahrer.

»Ja, danke«, antworte ich und bezahle ihn.

Er hilft mir noch, meine Koffer auszuladen, dann braust er davon und ich gehe schwer beladen auf das Gebäude zu. Die möblierte Wohnung liegt im dritten Stock – ohne Fahrstuhl, versteht sich. Sonst wäre sie nicht so preiswert. Mein alter Freund Gene hat sie mir besorgt. Sie steht nur Mitarbeitern der Tigers, die Footballmannschaft, für die ich ab morgen arbeiten werde, zur Verfügung.

Du wolltest es nicht anders, denke ich, als ich die winzige, möblierte Einzimmerwohnung betrete und die Koffer abstelle. Ich hätte auch in eine Wohngemeinschaft ziehen können, doch dafür liebe ich die Stille zu sehr. Vielleicht liegt es an meinen indianischen Wurzeln, vielleicht aber auch am weiten Land, in dem ich aufgewachsen bin.

Was erwarte ich für die günstige Miete?

Es riecht abgestanden, irgendwie nach Staub. Bevor ich mich hier wohlfühle, muss ich erst mal gründlich saubermachen. Ich sehe mich um. Der Bau stammt vermutlich aus den sechziger Jahren und ich frage mich, ob mein Zimmer seit dem schon einmal renoviert worden ist. Sicher war es immer nur eine Übergangsstation. Sollte ich hier länger wohnen, werde ich zumindest neu streichen. Die weiße Farbe der Tür ist vergilbt, stumpf und verschrammt. Fettiger Dreck umrahmt die altmodischen Lichtschalter. Durch das kleine Fenster fällt nur spärlich Licht, denn die Lücke zum nächsten Haus beträgt nur ein paar Meter. Der Drang zu lüften wird übermächtig.

Mit ein paar Schritten bin ich am Fenster und öffne es. Eine fahle Duftmischung mit Noten von Urin und Autoabgasen schlägt mir entgegen. Die Luft hier ist alles andere als frisch. Ich vermisse die würzigen, herbstlichen Düfte der Natur. Aber ich wollte es ja so! Gott sei Dank ist ein paar Ecken weiter ein Park. Den werde ich mir als Erstes ansehen.

Doch vorher werde ich die Koffer auspacken und mein Bett beziehen, das sich in dem Schrank befindet. Wenn es ausgeklappt ist, wird es mit den beiden Sesseln und dem kleinen Couchtisch ziemlich eng. Es ist nicht viel Platz für meine Habseligkeiten. Das meiste packe ich in die Kommode, auf der auch der Fernseher steht. Doch das stört mich nicht, ich brauche nicht viel.

Das Bad ist ebenso winzig, nur Klo, Waschbecken und eine enge Dusche. Ich werde mir schnellstmöglich einen neuen Duschvorhang besorgen, der hier ist schwarz vor Stockflecken, weil offensichtlich die Lüftung nicht richtig funktioniert. Hoffentlich gibt es einen Hausmeister, der dafür zuständig ist.

Neugierig inspiziere ich die winzige Küchenzeile, die mit zwei altmodischen Kochplatten und den nötigsten Gerätschaften ausgestattet ist. Hier ist sicher vorwiegend die Mikrowelle genutzt worden, New Yorker gehen bekanntlich gerne essen.

Ich sollte trotzdem etwas einkaufen – morgen. Der Kaffee und der Bagel, die ich mir am Flughafen noch besorgt habe, werden für heute noch reichen. Gegenüber von unserem Haus ist ein kleiner Frühstücksshop, den kann ich gleich morgen ausprobieren.

Gerade bin ich fertig mit dem Bettenbeziehen, als mein Handy klingelt.

»Mom?«

»Du wolltest dich doch melden, wenn du gut angekommen bist«, tönt es vorwurfsvoll am anderen Ende.

»Ich bin doch gerade erst da«, stöhne ich.

»Wie gefällt dir deine neue Wohnung?«, erkundigt sie sich unbeeindruckt.

»Wie einem eine winzige Stadtwohnung so gefällt.«

»Also, nicht so gut.«

»Ich bin auch nicht hierhergekommen, weil ich hier so gut wohnen kann, sondern weil einen neuen Abschnitt in meinem Leben beginnen werde. Du hast mir selbst dazu geraten.«

»Ja, sicher, aber muss es gleich so eine große Stadt sein?«

»Mein alter Freund Gene ist hier. Er hat mir die Stelle besorgt, sie ist eine echte Chance.«

»Wenn du meinst …«, erwidert Mom zögernd.

»Gene ist in Ordnung, ein guter Freund. Mach dir keine Sorgen. Du kennst ja die Weisheit. Die Person, die dir begegnet, ist die richtige. Jeder Moment, in dem etwas Neues beginnt, ist der richtige«, erinnere ich sie.

»Ja, schon …«

»Na, also. Ich drehe dir morgen ein Video über meine Wohnung und schicke es dir. Heute bin ich zu müde. Bye, Mom«, antworte ich schnell und schicke ihr ein paar Küsschen hinterher.

»Bye, Schatz«, erwidert sie seufzend.

Meine Mutter ist skeptisch, ob New York der richtige Ort für neue, positive Erfahrungen ist. Dabei hat sie selbst die besten Erfahrungen gemacht, als sie damals ihr Reservat verließ. Sie begegnete meinem Vater, einem Weißen, der sie aufrichtig liebte. Ihr ehemaliges Zuhause war ein trostloser Ort, mit einem Vater, der frühzeitig starb, weil die ärztliche Versorgung nach einem Schlaganfall zu spät kam und einer Mutter, die nie darüber hinwegkam.

Bei den Indianern sagt man: Die Blume braucht Licht, um eine Blume zu werden, der Mensch braucht Liebe, um ein Mensch zu werden. Für Mom hat sich durch die Liebe alles zum Guten gewendet.

Ich habe bisher leider nicht so gute Erfahrungen gemacht. Doch ich denke, dass das nicht nur an meinen hohen Wangenknochen, den schräg gestellten Augen und dem schwarzen Haar liegt, die meine Wurzeln erahnen lassen. Einen Menschen zu finden, der einen wirklich liebt, war schon immer und für jeden schwer. Außerdem bedeutet es deshalb ja nicht, dass es keine Liebe in meinem Leben gibt. Jede Art von Liebe macht das Leben reicher.

Jetzt wird mir wieder bewusst, warum ich diesen Neuanfang wollte und weshalb dieses mickrige Zimmer kein Problem ist. Nach dem Tod meines geliebten Vaters, über den meine Mutter und ich uns gegenseitig weggeholfen haben, ist es an der Zeit, meinen eigenen Weg weiterzugehen. Und damit meine ich die berufliche Richtung. In Sachen Partnerschaft hatte ich bisher nicht so viel Glück wie meine Mom. Aber das macht nichts, eine neue Liebe würde mich jetzt nur von meinen Zielen ablenken.

Ich schließe das kleine Fenster und freue mich auf einen Spaziergang. Danach werde ich ins Bett gehen und ein wenig fernsehen, bevor ich sicher wie ein Stein einschlafe. Die Reise war anstrengend und morgen folgt bestimmt wieder ein langer Tag.

 

Der kleine Park lässt mich ein wenig zur Ruhe kommen, ich atme die Luft mit dem vertrauten Duft des beginnenden Herbstes tief in meine Lungen. Die Sonne, die die ersten verfärbten Blätter zum Leuchten gebracht hat, verschwindet langsam hinter den hohen Bäumen.

Nach einem kurzen Regen sind nur wenige Menschen hier. Ich liebe die Ruhe und den Frieden, der jetzt hier eingekehrt ist. Bei uns sagt man: In der inneren Stille beginnt das Herz zu sprechen. Die Einsamkeit festigt die Liebe und macht sie einzigartig. Durch meinen Beruf habe ich schnell gelernt, wie viel Wahres daran ist.

Doch leider währt dieser Moment nicht so lange. Ein dünner, bleicher Mann mit dunklen Augenringen und ungepflegten Haaren kommt auf mich zu. Sein Blick ist leer, die Augen stumpf. Die vergrößerten Pupillen lassen auf Drogenkonsum schließen.

»Gibst du mir Geld?«, fragt er nervös.

Mein Puls pocht in den Schläfen. Ich ringe mir ein Lächeln ab und checke dabei die Umgebung.

»Ich hab keins dabei, tut mir leid.«

Mist! Es wird dämmrig, ich bin allein. Was habe ich, verdammt nochmal, an so einem Ort verloren? Es ist hier zwar nicht die schlechteste Gegend, aber solchen Typen kann man sicher überall begegnen.

Der Typ sieht mich abschätzig an. Er zittert, wahrscheinlich drohen ihm Entzugserscheinungen.

»Dann will ich dein Handy«, fordert er nervös.

»Das kann ich dir leider nicht geben«, erwidere ich mit möglichst fester Stimme.

»Natürlich kannst du das!«, knurrt er und streckt mir die offene Hand entgegen.

Er hat anscheinend keine Waffe. Es ist schwer, abzuschätzen wie gefährlich die Situation ist. Der Schreck macht das Denken langsam – hoffentlich nicht zu langsam.

»Verpiss dich!«, schallt es plötzlich von hinten.

Die tiefe, sonore Stimme lässt nicht nur den Junkie zusammenzucken. Der Drogensüchtige haut sofort ab.

Ich drehe mich um und sehe in ein verdammt attraktives Männergesicht, das mir klar macht, dass ich lange keinem heißen Kerl gegenüber gestanden habe. Auf dem kantigen Kinn sprießt ein Drei-Tage-Bart, dunkelblonde Locken und Grübchen in den Wangen vermitteln einen fröhlichen ersten Eindruck, der sich allerdings nicht in den tiefblauen Iren widerspiegelt.

Betrachte die Welt nicht voll Unruhe, dann strahlt das Licht aus deinen Augen, schießt mir ein Indianersprichwort durch den Kopf. Seine sind jedoch stumpf, als ob ihn etwas umtreibt. Trotzdem übt er eine merkwürdige Faszination auf mich aus.

Mein Beschützer stutzt und mustert mich durchdringend.

Starre ich ihn etwa an?

Mein Atem stockt, die Knie werden weich, was meinen Herzschlag nicht gerade beruhigt.

Seine zusammengepressten Lippen öffnen sich. »Alles in Ordnung?«

Ich nicke. »Ja, ich bin mit dem Schrecken davongekommen.«

»Sie sollten hier um diese Zeit nicht allein herumlaufen«, rät er mir schroff.

»Natürlich, das weiß ich auch. Ich habe die Zeit vergessen«, verteidige ich mich.

»Wenn’s dunkel wird, ist es hier nicht mehr sicher«, brummt er.

Ich schlucke und komme mir vor wie ein getadeltes Schulmädchen. »Ich wäre schon allein mit ihm fertig geworden.«

Er schnappt nach Luft, als ob er noch etwas sagen will, es sich aber verkneift.

Verschämt senke ich den Blick. Er muss denken, ich habe den Leichtsinn eines Teenagers. Warum gebe ich nur so etwas Dummes von mir?

Auf seiner Stirn bildet sich eine steile Falte. »Dann ist ja gut«, knurrt er und geht an mir vorbei.

Mit schnellen Schritt läuft er voran, als ob er vor etwas davonläuft.

Offensichtlich haben wir denselben Weg, ich hechte hinter ihm her.

»Es tut mir leid, okay? Es war dumm, zu sagen, dass ich allein zurechtkomme. Bitte, laufen Sie nicht vor mir weg. Ich möchte nicht ohne Begleitung zurückgehen. Danke, dass Sie mir geholfen haben«, entschuldige ich mich zerknirscht.

Er hält an. Seine Brauen liften sich, während er mich kritisch beäugt. »Warum müsst ihr Frauen eigentlich immer so dickköpfig sein?«

»Aus demselben Grund, aus dem ihr Männer chauvinistisch seid, schätze ich mal.«

Er schnaubt amüsiert und die Bedrücktheit schwindet für einen kurzen Moment aus seinem Gesicht. Er hat eine besondere Ausstrahlung, die mich sicher fühlen lässt. Aber das ist nur ein Teil der verwirrenden Emotionen, die sich in wilden Schauern durch meinen Bauchraum wühlen.

Was ist das? So kenne ich mich gar nicht.

Vor lauter Aufregung bringe ich keinen Ton mehr heraus, aber auch er sagt nichts. Der Kies des Weges knirscht unter unseren Füßen. Es fühlt sich gut an, schweigend neben ihm zu gehen. Es ist, als liebt er die Stille genauso wie ich.

 

Kapitel 2 Grace

Ich bleibe stehen und sehe mich etwas in dem großen Gebäudekomplex um, der das Trainingszentrum der New York Tigers beherbergt. Der Platz ist umrahmt von großen Häusern, die nicht nur die Mannschaftsgebäude mit dem Stadion beherbergt, sondern auch den Fanshop, Sportgeschäfte, Cafés und alles, was man sich sonst noch wünschen könnte. Es wirkt wie eine kleine Stadt in der Stadt.

Gerade weht ein rauer Wind um die Gebäude, ein früher Winter kündigt sich an. Meine Gedanken wandern vier Jahre zurück, als meine Großmutter starb. Ich war mit meiner Mom zu ihr ins Reservat gefahren, um sie beim Sterben zu begleiten.

In den Augen meiner Großmutter hatte meine Mutter nie den Stolz einer Native American, einer Indianerin, den sie haben sollte. Sie konnte es nicht verstehen, dass Mom einen Weißen heiratete und nicht viel auf Kultur und Traditionen gab. Ich bin in einem ganz normalen amerikanischen Dorf aufgewachsen, wie es patriotischer kaum sein könnte, und habe mich anfangs auch nicht mit meinen Wurzeln auseinandergesetzt. Ich fühlte mich zwischen den Welten.

Erst als ich mit dem Osteopathiestudium begann, rückte die Welt meiner Vorfahren näher. Denn die Osteopathie wurde von Andrew Taylor Still im neunzehnten Jahrhundert begründet. Der praktische Arzt hatte sich, nach Todesfällen in der Familie, enttäuscht von der Schulmedizin abgewandt und Alternativen dazu gesucht. Er setzte sich mit Vielem auseinander und war ein Querdenker seiner Zeit.

Irgendwann kam er zu einer Indianermission mitten in der weiten Prärie, dort arbeitete Andrew als Arzt und Farmer. Es sollte eine sehr prägende Zeit für ihn werden. Er erlernte die Sprache der Indianer und kam in Kontakt mit deren Heilmethoden. Durch Andrew Stills Impulse ist der osteopathische Doktor, der DO, entstanden, der letztendlich dem MD, dem allopathischen Mediziner, gleichgestellt wurde.

Und ich denke heute, dass dieses Erbe vielleicht unbewusst die Wahl meines Studiums beeinflusst hat. Vielleicht war ich so meinen Wurzeln etwas näher.

Die Ausbildung sensibilisierte mich für meine Fähigkeiten. Einige Leute meinten sogar, ich hätte schamanische Kräfte. Ich weiß nicht, ich glaube, so etwas steckt in allem. Es ist die Kraft der Liebe. Mein Volk glaubt an ein Gleichgewicht zwischen Geisterwelt, Natur und Mensch. In ihrer Vorstellung wohnt der große Geist in allem, in jedem Menschen, aber auch in der Natur, ja sogar in Dingen, denen die westliche Kultur keine besonderen Kräfte zuspricht. Bei uns sind auch Steine heilig. Das Bestreben meiner Vorfahren ging dahin, dieses Gleichgewicht nicht zu stören, geschweige denn zu zerstören. Und wenn es doch einmal passiert war, es wiederherzustellen.

So wurde es Andrew Still vermittelt und mit diesem Geist studierte ich. Leider konnte ich das Studium nicht abschließen, weil mein Vater erkrankte und mich nicht mehr unterstützen konnte. Deshalb fuhr ich nach Hause und unterstützte meine Eltern, bis mein Vater an Krebs starb.

Es ist seltsam, dass genau zu dem Zeitpunkt, als die Aufgabe in der Heimat erledigt war, mich Gene Lozano kontaktierte. Er ist jetzt Doktor der osteopathischen Medizin und Mannschaftsarzt bei den New York Tigers. Als er einen neuen Assistenten benötigte, hat er sich an mich erinnert und kontaktiert.

Ich atme tief durch, denn ich bin etwas aufgeregt, während ich zum Eingang gehe – die Pforte zu einem neuen Lebensabschnitt. 

Gene freut sich, mich wiederzusehen. Seine dunkelbraunen Augen unter den drahtigen schwarzen Haaren leuchten, als er mir mit einem warmen Lächeln die Hand drückt. Obwohl er nicht in meinem Jahrgang war, haben wir während des Studiums in Freundschaft zueinandergefunden. Wir hatten ein ganz besonderes Verhältnis. Vielleicht lag es an der Tatsache, dass wir beide People of Color sind, vielleicht aber auch daran, dass es eine Zeit lang ein »Plus« zwischen uns gab.

»Hallo liebe Grace. Hattest du eine gute Anreise?«, fragt er, während er mich herzlich umarmt.

Er benutzt immer noch dasselbe Rasierwasser, dessen vertrauter Geruch mich etwas beruhigt. »Hi, Gene. Ja danke. Die Busreise war lang, aber sehr entspannt – bis auf die Verspätung.«

»Gut siehst du aus«, verkündet er strahlend.

»Danke, du auch.«

»Bist du bereit, gleich ins Berufsleben hineingeworfen zu werden?«

»Aber klar. Vielen Dank, dass du mir eine Chance geben willst«, antworte ich lächelnd.

»Ich habe meinen Chef hinzugebeten und den Personalchef. Er wird gleich kommen. Da er viel von meinen Fähigkeiten hält, hält er auch automatisch viel von deinen«, informiert mich Gene augenzwinkernd.

Mein Herz schlägt ein bisschen höher, weil ich jetzt gleich Tiger kennenlernen werde. Dem berühmten, ehemaligen Wide Receiver, gehört das Team zusammen mit dem Wirtschaftsanwalt Ethan Wyatt.

»Setz dich. Möchtest du Wasser? Oder vielleicht Kaffee?«

Ich nehme Platz. »Ich bin ganz schön aufgeregt«, verrate ich Gene mit einem unsicheren Lächeln.

»Warum? Brauchst du nicht. Tiger hat sich schon so gut wie entschieden. Er ist immer offen für alles und ein wirklich netter Mensch. Nur bei einer Sache bekommt man Ärger mit ihm, wenn man nicht hundert Prozent gibt … oder sich die wilden Spieler mit dem Personal einlassen.«

Ich nicke und frage mich, warum er das gesagt hat. »Sind die denn so wild, die Spieler?«

»Einige schon. Dem Ein- oder Anderen steigt wohl der Erfolg zu Kopfe.«

»Okay …« Na, das kann ja heiter werden.

Nach kurzem Klopfen kommt Tiger ins Büro und nickt Gene freundlich zu. Reflexhaft springe ich auf, als der charismatische Riese das Zimmer betritt. Meine Knie werden weich, während er mir die Hand gibt und mich mit seinen intensiv blauen Augen mustert.

Wow, dem Mann könnte ich nur schwer widerstehen. Ich kannte bisher nur die Footballspieler bei uns an der Highschool, die waren ein anderes Kaliber. Ein Profi ist mir noch nie begegnet. Das ist aber kein Vergleich. Wenn hier alle meine Klienten so aussehen, dann kann ich verstehen, dass es schwer ist, einschlägige Angebote abzulehnen. Ich atme durch und sage mir, dass Profi Footballer auch nur Menschen sind.

»Guten Tag, Grace. Setz dich doch bitte wieder, du auch Gene.«

Wir alle setzen uns.

»Schön dich kennenzulernen. Gene hat schon viel von dir erzählt und dich in den höchsten Tönen gelobt. Wenn du auch nur die Hälfte von dem zuwege bringst, was er versprochen hat, wäre ich höchst zufrieden«, leitet er das Gespräch ein.

Was hat Gene nur erzählt? »Danke. Ich hoffe, Gene ist halbwegs auf dem Teppich geblieben bei seiner Schwärmerei«, antworte ich mit einem verlegenen Lächeln.

»Keinesfalls. Was hätte ich davon?«, wirft Gene entrüstet ein.

Mit jedem Satz, den er von sich gibt, werden meine Augen größer.

»Na, ja. Bei dieser Schamanensache bin ich ja wirklich skeptisch, aber man wird sehen«, sagt Tiger plötzlich.

Ich schlucke und schaue zu Gene. »Was hast du ihm versprochen?«

Er zuckt mit den Schultern. »Nur, dass du ganz besonders auf Menschen einwirken kannst. Und das ist die nackte Wahrheit.«

»Na ja … also … es gibt bestimmte Techniken … die bewirken eine Tiefenentspannung«, versuche ich abzuwiegeln, denn mir ist klar, dass es Richtungen in der Osteopathie gibt, die sehr umstritten sind. »Allerdings gibt es schon wissenschaftliche Ansätze, die versuchen, die Wirkung von Craniosacraler Therapie zu erklären.«

»Cranio … was?«, fragt Tiger irritiert.

»Oder was meinten Sie?«, erkundige ich mich verunsichert.

»Ich dachte an das Handauflegen.«

Ich nicke. »Ach so. Das wird aber sogar in Krankenhäusern angeboten. Die positive Wirkung ist belegt. Wunden heilen nachweislich schneller und es mindert die Beschwerden, sodass Schmerzmittel reduziert werden können.«

»Versuche ich ihm auch immer zu erklären. Er hat ja auch noch nicht einmal was vom Placeboeffekt gehört«, erklärt Gene grinsend.

Tiger grinst zurück. Es scheint hier eine lockere Arbeitsatmosphäre zu herrschen.

Ich entspanne mich etwas. »Man kann eben nicht alles wissenschaftlich erklären«, lenke ich ein.

»Also, ich bin ja bei diesem Hokuspokus immer skeptisch. Aber einrenken könnt ihr Osteopathen.«

Gene winkt ab. »Du weißt, ich mache kein Bonesetting. Was nicht heißt, dass ich die Philosophie dahinter nicht gutheiße. Aber es gibt eben Leute, die können es besser. So wie Grace. Sie ist eine Virtuosin.«

»Ja. Und da kommt der Punkt, an dem ich skeptisch werde. Wie will so ein zartes Persönchen unsere schweren Jungs verbiegen? Sollen wir nicht lieber noch zusätzlich nach einem männlichen Physiotherapeuten suchen?«

Oh, ehrlich ist er. Aber das mag ich. »Es gibt auch subtile Manipulationen, die eher die Selbstheilung anregen«, erkläre ich geduldig.

Tiger liftet die Augenbrauen. »Ah, da richten sich die Knochen wie von Zauberhand?«, fragt er grinsend.

»Genau, so ähnlich. Passiert ja manchmal sogar ohne Zauberhand. Wir geben Impulse für die körperliche Selbstregulation«, ereifert sich Gene. »Gib ihr wenigstens eine Chance.«

Mir wird mulmig. »Soll ich einen Physiotherapeuten ersetzen? Ich glaube, das ist nicht unbedingt dasselbe … Von den Bewegungstherapien verstehe ich zum Beispiel nicht so viel. Aber Gene meinte, ich könnte auch mental etwas bewirken.«

Tiger reibt sich nachdenklich am Kinn. »Ja, das stimmt schon. Tiefenentspannung sagen Sie? So etwas wie Hypnose?«

»Ja. Sie müssen sich das vorstellen wie einen Zustand zwischen normaler Entspannung und Hypnose. Da passiert viel im menschlichen Körper, der sich dann besser selbst regulieren kann.«

»Selbst regulieren? Klingt für mich ziemlich … seltsam.«

»Wie erkläre ich das jetzt?« Gene reibt sich am Kinn. »So etwas Ähnliches passiert ständig, doch wenn es Probleme gibt, braucht der Körper einen Hinweis. Das müsste dir doch einleuchten. Vertrau mir, Grace ist eine wunderbare Ergänzung für das Team.«

Tiger zieht die Stirn kraus. »Verstehen Sie auch etwas von diesen lächerlichen Kügelchen?«

Ich zucke mit den Schultern. »Davon habe ich schon einmal gehört, aber das ist eine Wissenschaft für sich.«

»Nadeln? Irgendwelcher anderer Aberglaube?«, legt Tiger nach.

Auf Genes Stirn bildet sich eine tiefe Falte. »Die Nadeln, die wir hier brauchen, setze ich. Frag mal deine Spieler, ob das Ergebnis Einbildung ist. Die Wirksamkeit ist ebenfalls in Studien nachgewiesen.«

Tiger hebt die Hände. »Schon gut. Schon gut. Ich will nicht provozieren, aber wer sagte noch mal, dass man keiner Studie trauen soll, die man nicht selbst gefälscht hat?«

Langsam scheint Gene seinen Ärger unterdrücken zu müssen. »Statistik. Es war Statistik und es war Churchill, aber darüber streitet man sich auch. Schon klar, früher hat man so was auch nicht gebraucht.«

»Genau«, antwortet Tiger grinsend.

Ich lächle. »Einen Skeptiker kann man nur mit einer Behandlung überzeugen und dann auch nur, wenn er bereit ist, sich darauf einzulassen.«

Tiger steht auf. »Na, da bin ich mal gespannt«, verkündet er.

»Vielleicht versuchst du es selbst mal?«, bietet Gene an.

»Ich weiß nicht … vielleicht später … irgendwann mal«, antwortet er mit einer abwinkenden Handbewegung.

»Du wirst sehen, dass es wirkt«, verspricht Gene und steht ebenfalls auf.

»Ja, das werde ich, auch ohne dass ich mich zum Versuchskaninchen mache. Ich habe ja mal eine Saison in Europa gespielt. Da haben die Deutschen einen guten Spruch: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. In diesem Sinne … Wann fangen Sie an?«, fragt mich Tiger mit einem gelassenen Grinsen.

Ich stehe ebenso auf und schaue zu Gene.

»Ich dachte an morgen. Die Trainer haben so ein paar Kandidaten im Auge, die ihre Fähigkeiten nicht ganz ausschöpfen«, antwortet er für mich.

Tiger nickt mir lächelnd zu und geht aus dem Raum.

Gene zuckt mit den Schultern. »Der ganz normale Wahnsinn … Warum sollte es hier anders sein als anderswo? Komm, ich zeige dir die Räumlichkeiten und dein Reich. Bei der Gelegenheit musst du noch ein paar Formalitäten erledigen. Danach fahren wir zu dem möblierten Zimmer, das ich dir besorgt habe.«

Wir gehen eine Zeit lang durch kalte Flure mit grauen Betonwänden, bevor Gene eine Tür öffnet.

»Hier ist dein Reich«, verkündet er.

In dem winzigen, weiß gestrichenen Raum befinden sich nur ein Stuhl, eine Liege und ein Regal mit ein paar Handtüchern. Nicht besonders gemütlich, aber immerhin ist es ein eigener Raum.

»Eine Möglichkeit, Musik abzuspielen, wäre nicht schlecht. Manchen hilft das«, sage ich, während ich mich umschaue.

»Stimmt. Besorg ich dir bis morgen. Hast du Musik?«

»Ja, klar.«

Er winkt. »Komm weiter, zur Kaffeeküche und dem Aufenthaltsraum für das Personal.«

Ich folge Gene durch die Flure.

»Tiger ist zwar nett, aber ich habe das Gefühl, dass er ziemlich skeptisch ist, was mich betrifft.«

»Das liegt vor allen Dingen daran, dass du eine Frau bist … unter wilden Footballern.«

»Und zu klein und schwach«, ergänze ich.

»Na ja, er kennt nur diese Männerdinge. Harte Behandlung für harte Männer. Du verstehst? Da musst du ihn einfach überzeugen, dann geht das schon. Seine Meinung ist nicht in Beton gegossen.«

»Nur überzeugen … pfft. Anscheinend hast du die Latte für mich ziemlich hochgehängt.«

Gene zuckt mit den Schultern. »Vielleicht. Aber du bist hier im absoluten Profisport und ich hätte es nicht gemacht, wenn ich nicht sicher wäre, dass du es kannst.«

Ich nicke nachdenklich.

»Du musst selbstbewusster werden, dann funktioniert das schon«, fordert Gene.

»Das sagst du so leicht.«