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Auftakt der brandneuen Thriller-Serie von Nr. 1-Bestsellerautor Arno Strobel: Luisa Menkhoff und Ramin Brunner sind die Cold-Case-Einheit! Medizinstudentin Luisa Menkhoff kennt die verschwundene Frau auf dem Flugblatt. Es ist Jahre her, dass sie sie gesehen hat. Aber trotzdem kann sie sich erinnern, als wäre es gestern gewesen. Nicole Klement war die Lebensgefährtin des Mannes, der Luisa als Fünfjährige entführt hat. Und damals ebenfalls in die Sache verwickelt. Luisa wendet sich umgehend an die Münchner Polizei und trifft auf Hauptkommissar Ramin Brunner, der gerade im Begriff ist, eine neue Cold-Case-Einheit aufzubauen, die alte Fälle mit modernen Mitteln aufklären soll. Als Luisa ihm die Umstände ihrer Entführung als Kind schildert, ist Ramin verblüfft. Luisa hat ein eidetisches Gedächtnis und erinnert sich an jedes Detail einer einmal erlebten Situation. Und alles, was sie sagt, deutet darauf hin, dass ihr damaliger Entführer - Dr. Joachim Lichner - jetzt Nicole Klement in seiner Gewalt hat. Luisa wird als externe Beraterin zu dem aktuellen Vermisstenfall hinzugezogen. Bis klar wird, dass sie sich getäuscht haben muss. Denn es gibt Hinweise, dass es Lichner nicht gewesen sein kann. Aber warum fühlt Luisa sich dann beobachtet? Zu spät erkennen sie und Ramin, dass sie etwas Entscheidendes übersehen haben, das allen Beteiligten zum Verhängnis werden könnte.
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2026
Arno Strobel
Thriller
Medizinstudentin Luisa Menkhoff kennt die verschwundene Frau auf dem Flugblatt. Es ist Jahre her, dass sie sie gesehen hat. Aber trotzdem kann sie sich erinnern, als wäre es gestern gewesen. Nicole Klement war die Lebensgefährtin des Mannes, der Luisa als Fünfjährige entführt hat. Und damals ebenfalls in die Sache verwickelt.
Luisa wendet sich umgehend an die Münchner Polizei und trifft auf Hauptkommissar Ramin Brunner, der gerade im Begriff ist, eine neue Cold-Case-Einheit aufzubauen, die alte Fälle mit modernen Mitteln aufklären soll.
Als Luisa ihm die Umstände ihrer Entführung als Kind schildert, ist Ramin verblüfft. Luisa hat ein eidetisches Gedächtnis und erinnert sich an jedes Detail einer einmal erlebten Situation. Und alles, was sie sagt, deutet darauf hin, dass ihr damaliger Entführer - Dr. Joachim Lichner - jetzt Nicole Klement in seiner Gewalt hat.
Luisa wird als externe Beraterin zu dem aktuellen Vermisstenfall hinzugezogen. Bis klar wird, dass sie sich getäuscht haben muss. Denn es gibt Hinweise, dass es Lichner nicht gewesen sein kann. Aber warum fühlt Luisa sich dann beobachtet? Zu spät erkennen sie und Ramin, dass sie etwas Entscheidendes übersehen haben, das allen Beteiligten zum Verhängnis werden könnte.
Auftakt der neuen Cold-Case-Serie von Nr. 1-Bestsellerautor Arno Strobel
Luisa Menkhoff und Ramin Brunner ermitteln in ihrem 1. Fall
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Arno Strobel liebt Grenzerfahrungen und teilt sie gern mit seinen Leserinnen und Lesern. Deshalb sind seine Thriller wie spannende Entdeckungsreisen zu den dunklen Winkeln der menschlichen Seele und machen auch vor den größten Urängsten nicht Halt.
Seine Themen spürt er dabei meist im Alltag auf und erst, wenn ihn eine Idee nicht mehr loslässt und er den Hintergründen sofort mit Hilfe seines Netzwerks aus Experten auf den Grund gehen will, weiß er, dass der Grundstein für seinen nächsten Roman gelegt ist. Alle seine bisherigen Thriller waren Bestseller, standen wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerliste.
Arno Strobel engagiert sich für den Opferschutz und ist Förderer des Weißen Rings e.V. Er lebt als freier Autor in der Nähe von Trier.
www.arno-strobel.de
www.facebook.com/arnostrobel.de
@arno.strobel
Außerdem bei FISCHER Taschenbuch erschienen:
»Der Trakt«, »Das Wesen«, »Das Skript«, »Der Sarg«, »Das Rachespiel«,» Das Dorf«, »Die Flut«, »Im Kopf des Mörders – Tiefe Narbe«, »Im Kopf des Mörders – Kalte Angst«, »Im Kopf des Mörders – Toter Schrei«, »Offline«, »Die App«, »Sharing«, »Fake«, »Der Trip«, »Stalker«, »Welcome Home«, »Mörderfinder – Die Spur der Mädchen«, »Mörderfinder – Die Macht des Täters«, »Mörderfinder – Mit den Augen des Opfers«, »Mörderfinder – Stimme der Angst«, »Mörderfinder – Das Muster des Bösen«
Bei Erfahrungen mit Gewalt oder Missbrauch können manche Passagen in diesem Buch triggernd wirken. Wenn es Ihnen damit nicht gut geht, finden Sie hier Hilfe: www.hilfetelefon.de oder www.weisser-ring.de.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Redaktion: Ilse Wagner
Covergestaltung und -abbildung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
ISBN 978-3-10-492326-0
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[Widmung]
[Motto]
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
[Hinweis auf Newsletter]
In Erinnerung an Bernd Menkhoff
Wirklichkeit ist eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige.
Albert Einstein
Luisa verließ den Campus an diesem Tag mit gemischten Gefühlen. Fünf Jahre an der medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München lagen nun hinter ihr. Ganze zehn Semester. Anatomie, Biochemie, Physiologie, Mikrobiologie, Pathologie, Radiologie, Humangenetik und, und, und.
Sie hatte alle Prüfungen inklusive des ersten und – wie sie an diesem Vormittag erfahren hatte – auch des zweiten Staatsexamens als Beste absolviert. Der Grund war nicht etwa der, dass Luisa mehr als ihre Kommilitonen für die Prüfungen gelernt hätte, ganz im Gegenteil. Sie hatte kaum eine der regelmäßig stattfindenden Fachbereichspartys ausgelassen. Nein, das Schicksal hatte es einfach gut mit ihr gemeint und ihr ein eidetisches Gedächtnis geschenkt. Das hatte sich, anders als es meist bei dieser seltenen Gabe geschah, nicht mit fortschreitendem Kindesalter wieder verflüchtigt, sondern war ihr erhalten geblieben. Diese oft auch fotografisches Gedächtnis genannte Laune der Natur führte dazu, dass Luisa sich Bilder, Texte oder Details einer Situation extrem genau merken konnte, gerade so, als hätte sie ein Foto davon in ihrem Kopf gespeichert. Wenn sie sich eine Seite eines Buches intensiv anschaute, konnte sie sie später jederzeit wieder abrufen. Sie sah dann nicht nur jedes Wort, sondern auch Farben und Formen wie ein Bild vor ihrem geistigen Auge. Diese Fähigkeit hatte ihr dabei geholfen, ihr Abitur schon im Alter von sechzehn Jahren in allen Fächern mit fünfzehn Punkten und damit einem Notendurchschnitt von null Komma neun zu machen und kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag mit dem Medizinstudium zu beginnen. Natürlich hatten während ihrer gesamten Schulzeit immer wieder Mitschülerinnen und -schüler sie als Freak oder Schlimmeres bezeichnet, meist diejenigen mit Noten im unteren Drittel. So hatte Luisa recht schnell gelernt, mit ihrer Gabe nicht hausieren zu gehen, sondern sie diskret für sich zu nutzen und, wenn sie auf ihre überdurchschnittlichen Leistungen angesprochen wurde, darauf zu verweisen, dass ihr das Lernen nicht nur Spaß mache, sondern auch leichtfiel. Was ja nicht gelogen war.
Jetzt hatte sie also das zweite Staatsexamen bestanden und damit den theoretischen Teil ihres Medizinstudiums hinter sich. Endlich. Aber bis zur Facharztausbildung zur Psychiaterin lag noch ein längerer Weg vor ihr. Zunächst würde sie im praktischen Jahr verschiedene Stationen durchlaufen und anschließend mit dem Bestehen des dritten Staatsexamens die Approbation als Ärztin erhalten. Und dann – sie spürte bei dem Gedanken ein Kribbeln im Bauch – wäre es so weit. Dann endlich würde sie …
Luisa blieb stehen, als sei sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Ihr Blick war starr auf das Blatt gerichtet, das auf Augenhöhe an dem Laternenpfahl vor ihr angebracht war. Die Ränder waren an einigen Stellen eingerissen, wurden aber von Klebestreifen zusammengehalten.
Vermisst seit dem 12. Mai, lautete die fett gedruckte Überschrift. Darunter ein verpixeltes Foto, bei dessen Anblick sich Luisa der Magen zusammenkrampfte. Obwohl es unscharf und die Frau darauf mittlerweile Mitte fünfzig sein musste, erkannte Luisa dieses zarte, von langen schwarzen Haaren eingerahmte Gesicht sofort. Sie hatte es zuletzt vor siebzehn Jahren gesehen, da war Luisa fünf gewesen. Und der Name darunter ließ keinen Zweifel: Nicole Klement.
Luisa hörte sich selbst aufstöhnen und hatte das Gefühl, ihre Beine würden jeden Moment nachgeben. Sie machte einen Schritt nach vorn und stützte sich mit der Hand an dem Mast ab, während die Bilder dieser letzten Begegnung in einer Klarheit vor ihr aufstiegen, als schaue sie sich einen Film an.
Die Hütte im Wald … Luisa sah jedes Detail des Innenraums vor sich, als säße sie in diesem Moment wieder an dem grob bearbeiteten Holztisch: die Wände aus ungehobelten Brettern, den Staub auf den wenigen Gegenständen, die sich im Raum befanden, den Schmutz auf dem Boden … Und zwei Meter neben ihr Nicole Klement.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war die riesengroße Angst wieder präsent, die damals ihr kindliches Denken wie der Schatten eines Monsters umhüllt hatte. Und dann war plötzlich ihr Vater aufgetaucht …
Luisas Erinnerung machte einen Sprung, tauschte das Bild aus. Jetzt kauerte sie vor der Hütte hinter einem Auto, beobachtete ihren Vater und diesen Mann, die sich gegenüberstanden. Sie hörte, was sie sagten, und verstand damals doch so wenig von alldem.[1]
Unter Aufbietung all ihrer Kraft riss Luisa sich von der Erinnerung los und besann sich auf die Gegenwart. Der Laternenpfahl, das augenscheinlich selbst gemachte Plakat. Nicole Klements Gesicht … Die Lippen wirkten schmaler als damals, härter. Aber sonst …
Luisa wusste nicht, wie lange sie so dagestanden und das Foto angestarrt hatte.
Endlich schaffte sie es, den kurzen Text unter dem Porträt zu lesen.
Hat jemand Nicole gesehen oder weiß, wo sie sich aufhält?
Bitte rufen Sie mich dringend an!
Dann folgte eine Mobilfunknummer.
Wie in Trance zog Luisa ihr Smartphone hervor und tippte die Nummer ein. Als sie sich daraufhin das Gerät ans Ohr hielt und dem monotonen Tuten lauschte, zitterte ihre Hand.
»Annika Köster«, meldete sich eine schüchtern klingende Stimme, als Luisa schon auflegen wollte.
»Hallo! Mein Name ist Luisa Menkhoff.« Sie hörte selbst, wie dünn ihre Stimme klang, und bemühte sich, deutlicher zu sprechen. »Ich … ich habe das Plakat gesehen. Wegen Nicole Klement.«
Stille. Vier Sekunden, fünf … Dann endlich sagte Annika Köster: »Wissen Sie, wo sie ist?«
»Nein, aber ich kenne sie. Von früher. Da war ich noch ein Kind, und ich …«
»Entschuldigen Sie«, fiel die Frau ihr ins Wort, ohne dabei hart zu wirken. »Dass Sie Nicole von früher kennen, ist interessant, aber sie ist seit vier Tagen verschwunden, und wenn Sie nicht wissen, wo sie ist …«
»Woher kennen Sie Nicole?«, unterbrach Luisa nun ihrerseits.
»Wir wohnen zusammen. Aber warum erzähle ich Ihnen das? Ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind.« Luisa hörte ein Schnaufen. »Danke für Ihren Anruf, aber wenn Sie nichts über Nicoles Verbleib wissen …«
»Ich kann vielleicht helfen.«
»Sie wissen also doch, wo sie stecken könnte?« Nun schwang wieder Hoffnung in der Stimme der Frau mit.
»Können wir uns treffen?«
»Warum?«
»Weil … es ist kompliziert, aber ich würde es Ihnen gern erklären und von Ihnen wissen, was genau geschehen ist. Was ist mit der Polizei?«
»Die unternehmen nichts. Aber bitte, noch einmal: Wissen Sie etwas, das mit Nicoles Verschwinden zu tun hat?«
»Können wir uns treffen?«, wiederholte Luisa, und als Annika Köster nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Bitte!«
»Also gut. Ich bin zu Hause.« Sie nannte Luisa eine Adresse in der St.-Cajetan-Straße, unweit des Ostbahnhofs.
»Danke, ich bin in etwa einer halben Stunde da.«
Luisa steckte das Telefon mit zitternden Fingern zurück in ihre Tasche und atmete tief durch. Ihre Beine fühlten sich noch immer seltsam weich an. Reflexartig strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, hielt dann aber inne. Ein seltsames Gefühl machte sich in ihr breit, aber es war nicht der albtraumhafte Schock, der sich mit dem Gesicht auf dem Vermisstenplakat und dem gerade geführten Telefonat in ihr ausgebreitet hatte.
Sie sah sich um, ließ den Blick über die Häuserreihe streifen, weiter zu zwei am Straßenrand parkenden Autos, und verharrte.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, neben einem geschlossenen Kiosk, stand eine Gestalt. Ein Mann. Er war schlank, trug weite Jeans und ein zu großes, dunkles Sweatshirt mit Kapuze. Ungewöhnlich angesichts der fast sommerlichen Temperaturen von deutlich über zwanzig Grad.
Das Gesicht war im Schatten des Schirms einer Basecap verborgen, aber Luisa spürte förmlich den Blick. Es war nicht der neutrale Blick eines Passanten, sondern einer, der verweilte. Prüfend. Abwartend … tastend. Es war, als berühre er ihre Haut.
Luisa wich instinktiv einen Schritt zurück, als könne der Laternenmast ihr Schutz bieten. Als sie mit dem Rücken dagegenstieß und sich kurz umsah, war der Mann verschwunden. Kein Hinweis auf die Richtung, in die er gegangen sein könnte. Ein Schauer lief Luisa über den Rücken.
Erneut suchte sie die Umgebung ab, doch da war niemand. War der Mann etwa nie dort gewesen? Vielleicht hatten der Schreck über das Plakat und die Erinnerung an die schlimmen Ereignisse der Vergangenheit sie phantasieren lassen? Vielleicht.
Aber etwas in ihr wusste: Diese Person war echt gewesen. Ebenso wie der Blick, mit dem der Mann sie angestarrt hatte.
Nachdem Luisa sich ein weiteres Mal vergewissert hatte, dass er nicht mehr zu sehen war, wandte sie sich ab. Es gab etwas Reales, um das sie sich kümmern musste. Die Vergangenheit holte sie gerade ein.
»Ich komme«, sagte die blechern klingende Stimme einer Frau durch die Sprechanlage, nachdem Luisa geklingelt und eine Weile gewartet hatte.
»Okay«, antwortete Luisa und fragte sich, ob der elektrische Öffner wohl defekt war.
Als die Tür des großen Mehrfamilienhauses nur Sekunden später aufschwang, war klar, dass die Wohnung im Erdgeschoss und in unmittelbarer Nähe des Eingangs liegen musste.
Die Frau, die Luisa gegenüberstand, war etwa Mitte vierzig und mit zirka einem Meter siebzig so groß wie sie selbst. Beim Anblick ihrer schlanken, fast zarten Statur sah Luisa kurz wieder Nicole Klement vor sich, die, zumindest zu dem Zeitpunkt, als ihre Wege sich viele Jahre zuvor gekreuzt hatten, eine ähnlich zierliche Erscheinung gewesen war.
»Sie hatten eben angerufen?«, fragte Annika Köster. Sie strich eine Strähne ihrer schulterlangen blonden Haare hinters Ohr, während sie Luisa mit braunen, seltsam leer wirkenden Augen ansah. Sie schien sich große Sorgen zu machen.
»Ja, das stimmt.« Luisa streckte ihr die Hand entgegen. »Ich bin Luisa Menkhoff.«
Annika Köster ergriff Luisas Hand mit einer fahrig wirkenden Bewegung und ließ sie schon im nächsten Moment wieder los. »Sie sagten, Sie kennen Nicole von früher. Wann haben Sie sie denn zum letzten Mal gesehen?«
Luisa zuckte mit den Schultern. »Das ist tatsächlich bereits siebzehn Jahre her und war …«
»Siebzehn Jahre«, wiederholte die Frau leise. »Dann können Sie mir wohl kaum sagen, wo sie sich im Moment aufhält. Ich verstehe nicht, was Sie von mir wollen.«
Luisa schloss kurz die Augen. Das Wissen, einer Frau gegenüberzustehen, die sich bis vor wenigen Tagen noch mit Nicole Klement eine Wohnung geteilt, die sie täglich gesehen und mit ihr gesprochen hatte, ließ sie frösteln.
Luisa sah sich nach beiden Seiten um, bevor sie sich wieder an Annika Köster wandte. »Darf ich reinkommen? Meine Begegnung mit Nicole damals war …« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Sie war so, dass ich nicht zwischen Tür und Angel darüber reden kann.«
Annika Köster sah sie eine Weile mit einem Blick an, den Luisa nicht deuten konnte, und sie befürchtete schon, dass sie im nächsten Moment zum Gehen aufgefordert werden würde. Doch schließlich nickte Annika Köster. »Also gut, kommen Sie rein.«
Die Wohnungstür befand sich tatsächlich wenige Schritte vom Eingang entfernt auf der rechten Seite und war nur angelehnt.
Luisa betrat hinter der Frau die Diele und sah sich schnell um. Gut die Hälfte des kleinen Vorraums wurde von einer Garderobe eingenommen, an der einige Jacken hingen. Auf dem Boden davor standen mehrere Paar Sneakers in verschiedenen Farben. Wie viele davon wohl Nicole Klement gehörten?
Als sie das recht geräumige, geschmackvoll eingerichtete Wohnzimmer betraten, fielen Luisa als Erstes zwei Dinge auf: die vielen modernen Gemälde, mit denen die Wände fast lückenlos behangen waren, und die große, gerahmte Fotografie in Schwarz-Weiß, die zwischen ihnen wie ein Fremdkörper wirkte. Sie zeigte Annika Köster und Nicole Klement, die sich, mit nacktem Oberkörper eng umschlungen, mit geschlossenen Augen innig küssten.
»Gefällt es Ihnen?«, fragte Annika Köster, die Luisas Blick bemerkt hatte.
»Ja, ich …« Luisa sah die Frau an. »Ich wusste nicht, dass Nicole …«
»Dass sie lesbisch ist?« Annika Köster zuckte mit den Schultern. »Wenn Sie sie das letzte Mal vor so langer Zeit gesehen haben, wundert mich das nicht. Sie hat erst vor ein paar Jahren entdeckt, dass Frauen ihr viel mehr geben können als Männer.«
Sie nahmen auf einer kleinen Sitzgruppe aus grünem Stoff Platz. Luisa dachte an all die schrecklichen Dinge, die Nicole erlebt hatte. Ihr Vater hatte ihr in den unzähligen Gesprächen, die er mit ihr über die damaligen Geschehnisse geführt hatte, davon erzählt. Vor allem, was dieser eine Mann – Lichner, der Psychiater –, dieses Monster in Menschengestalt, wie ihr Vater ihn genannt hatte, Nicole alles angetan hatte.
»Möchten Sie etwas trinken?«, unterbrach Annika Köster nach einigen Momenten Luisas Erinnerungen.
»Ein Glas Wasser bitte, gern aus der Leitung.«
Eine Minute später stellte Nicole Klements Mitbewohnerin und wohl auch Lebensgefährtin ein gefülltes Glas vor Luisa ab, setzte sich auf die Couch und verschränkte die Arme.
»Also, sagen Sie mir jetzt, warum Sie hergekommen sind?«
»Ja, sicher, aber darf ich Ihnen vorher noch eine Frage stellen? Seit wann wohnen Sie beide hier zusammen?«
»Seit etwa anderthalb Jahren, warum?«
»Ich frage mich nur, wann Nicole nach München gekommen ist.«
»Das muss vier oder fünf Jahre her sein. Ich bitte Sie, mir jetzt endlich zu sagen, was Sie von mir wollen.«
Luisa nickte. Sie hatte auf dem Weg hierher darüber nachgedacht, wie viel sie Annika Köster erzählen wollte, und beschlossen, erst einmal herauszufinden, ob Nicole ihrer Mitbewohnerin bereits etwas über ihr früheres Leben verraten hatte.
»Wissen Sie, dass Nicole mal mit einem Psychiater zusammen war?«
Kösters Brauen schoben sich nach oben. »Nein. Wir reden nicht über ihre Vergangenheit. Das möchte sie nicht, und ich akzeptiere das. Ich weiß nur, dass sie einige Romanzen mit Männern hatte, die ihr nicht gutgetan haben.«
Luisa dachte an ihren Vater und seine Beziehung zu Nicole und daran, dass auch er es trotz seiner tiefen Liebe zu ihr und allem Verständnis für ihre Situation nicht geschafft hatte, sie zu halten.
Sie beschloss, Annika Köster zumindest so viel von Nicole Klement zu erzählen, dass diese verstand, wie tief die Verletzungen waren, die Lichner ihr damals zugefügt hatte.
»Einer davon war mein Vater«, erklärte Luisa, und mit gesenktem Kopf fügte sie leise hinzu: »Aber da hatte ein anderer Mann ihre Seele schon so sehr verletzt, dass ihre Beziehung chancenlos war.«
»Das tut mir leid. Aber ich verstehe immer noch nicht …«
»Vielleicht hat das, was Nicole damals erlebt hat, auch mit ihrem jetzigen Verschwinden zu tun«, unterbrach Luisa sie. Dann begann sie zu erzählen.
[1]
vgl. Arno Strobel: Das Wesen, Fischer Taschenbuch 2010
»Bitte, nehmen Sie Platz!« Kriminalrat Wörner deutete auf die beiden Stühle, die vor dem Schreibtisch seines in typischer Behördenart nüchtern eingerichteten Büros standen.
Ramin setzte sich und versuchte, am Gesicht seines Vorgesetzten abzulesen, ob ihm ein angenehmes oder eher ein schwieriges Gespräch bevorstand.
»Herr Brunner«, begann Wörner, und die Tatsache, dass der stets auf förmliche Korrektheit bedachte Leiter des Kriminalkommissariats 14 ihn nicht mit seinem Dienstgrad ansprach, ließ Ramin hellhörig werden. »Sie haben mir gegenüber ja schon einige Male Ihr Interesse an der Aufarbeitung ungeklärter Kapitaldelikte geäußert.«
Ramin unterdrückte ein Grinsen. Der einundsechzigjährige Kriminalrat, dessen Hauptaufgabe die Bearbeitung von Vermisstenfällen und die Identifikation unbekannter Toter war, weigerte sich strikt, den Begriff Cold Cases zu verwenden, weil er den übermäßigen Gebrauch von Anglizismen und die damit, seiner Meinung nach, einhergehende Verstümmelung der deutschen Sprache nicht unterstützen wollte. Das hatte er Ramin bei einer Abteilungsfeier einmal erklärt.
»Das ist richtig«, antwortete Ramin, während die leise Hoffnung in ihm aufkeimte, dass das Gespräch vielleicht sogar einen sehr guten Verlauf nehmen könnte.
Wörner lehnte sich in seinem Stuhl zurück und strich sich über die millimeterkurzen grauen Haare, wie er es immer tat, bevor er etwas Wichtiges verkündete. Dann rückte er die dunkelrote Krawatte zurecht, die er zu dem für ihn obligatorischen weißen Hemd und einem dunkelblauen Anzug trug, und schüttelte den Kopf. »Nein, ich möchte das Gespräch anders beginnen.«
Er blickte Ramin intensiv in die Augen. »Darf ich Ihnen noch einmal die vierte QE ans Herz legen? Sie wissen, ich würde Sie entsprechend …«
»Darüber haben wir doch schon oft genug gesprochen«, unterbrach Ramin ihn kopfschüttelnd und war bemüht, sich seine Enttäuschung über den plötzlichen Themenwechsel nicht anmerken zu lassen. Wörner versuchte schon seit geraumer Zeit, ihn aufgrund seiner hervorragenden dienstlichen Leistungen zu dem Masterstudiengang zu überreden, der die Voraussetzung für den Einstieg in die Qualifikationsebene 4 war, die man früher den höheren Dienst genannt hatte. Nach Abschluss dieses Studiums und dem Bestehen der anschließenden Qualifikationsprüfung würde die Ernennung zum Kriminalrat anstehen und damit der Beginn einer Karriere, die in der Regel recht schnell vom operativen Dienst weg zu einem politischen Schreibtischjob führen würde. Und genau darauf hatte Ramin überhaupt keine Lust.
Wörner beugte sich nach vorn und legte die Hände auf den Schreibtisch. »Ja, das haben wir, und ich verspreche Ihnen, es ist das letzte Mal, dass ich dieses Thema zur Sprache bringe. Es schmerzt mich einfach, dabei zuzusehen, wie ein derart talentierter und kompetenter, analytisch denkender Kriminalbeamter wie Sie, der eine beispiellose Karriere mit großer Verantwortung vor sich haben könnte, sich lieber auf der Straße mit menschlichem Abschaum herumschlägt. Sie sind mit Ihren achtundzwanzig Jahren der jüngste Kriminalhauptkommissar der Hauptstadt, Herr Brunner, und das könnte erst der Anfang sein, wenn Sie …«
»War das alles?«, fiel Ramin seinem Chef erneut ins Wort, und nun bemühte er sich auch nicht mehr zu verbergen, dass er dieses Gespräch nicht führen wollte.
Nachdem Wörner ihn einige Sekunden lang angesehen hatte, als überlege er, wie er auf diese Disziplinlosigkeit reagieren sollte, nickte er schließlich und lehnte sich dann mit einem Seufzer erneut zurück.
»Also gut. Ich wollte es, wie schon gesagt, ein letztes Mal versuchen und habe verstanden, dass Sie sich partout dagegen entschieden haben und sich lieber um alte, ungelöste Fälle kümmern möchten.« Wörner machte eine Kunstpause, was er immer wieder in Gesprächen tat, weil es seiner Meinung nach die Spannung auf das erhöhte, was er anschließend zu sagen hatte.
»Da ich Sie trotz Ihrer bedauerlichen Weigerung, die Karriereleiter ganz nach oben zu klettern, für einen ausnehmend guten Ermittler halte, werde ich Ihrem Wunsch entsprechen. Der Kollege Rosewig vom KK11 ist gerade dabei, innerhalb seines Zuständigkeitsbereichs eine Unterabteilung auf die Beine zu stellen, die sich hauptsächlich auf ungelöste Mordfälle konzentriert. Und auch, wenn es für mich völlig unverständlich bleibt, dass man einer Abteilung innerhalb der bayerischen Polizeibehörde den englischen Namen Cold Cases geben muss, habe ich der Anfrage des Kollegen Rosewig zugestimmt, Sie in diese Einheit zu übernehmen. Falls Sie das möchten.«
»Krass!«, stieß Ramin verwundert aus. »Eine Cold-Case-Abteilung? Das ist ja interessant. Aber wie kommt Rosewig ausgerechnet auf mich?«
Wörner grinste säuerlich. »Ihr ausgezeichneter Ruf ist mittlerweile auch anderen zu Ohren gekommen. Deswegen wollte ich ja, dass Sie … aber lassen wir das.«
»Danke! Ich würde also zum KK11 wechseln?«
»Genau. Und Ihr neuer Vorgesetzter wäre der Erste Kriminalhauptkommissar Rosewig.«
»Und wer wird die neue Abteilung leiten?«
Wörner nickte, als habe er genau diese Frage erwartet. »Auch darüber habe ich mit dem Kollegen gesprochen, und wir sind uns einig. Der Leiter der Abteilung Cold Cases werden Sie sein.«
»Wow! Das kommt jetzt ziemlich überraschend, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll«, erwiderte Ramin.
»Nun, ein schlichtes Ja wäre zum Beispiel eine Option.«
»Wann würde es denn losgehen?«
»Sofort!«
»Sofort?«
»Ja. Wenn Sie zusagen, haben Sie in zwei Stunden einen Termin beim Kollegen Rosewig, der Sie, falls das Gespräch zu seiner Zufriedenheit verläuft, über alle Einzelheiten informieren wird.«
»Hm. Warum muss das alles so schnell gehen? Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, aber diese Eile erstaunt mich.«
Wörner nickte. »Nun, der Erste KHK Rosewig wartet schon lange auf die Genehmigung für die neue Abteilung. Jetzt hat er sie endlich bekommen und möchte direkt starten. Seiner Meinung nach ist es allerhöchste Zeit, dass diese alten Fälle wieder aufgerollt werden. Es gibt ja heute ganz andere Mittel und Methoden, um die vielen ungelösten Tötungsdelikte und Vermisstenfälle aufzuklären. Und je früher das geschieht, umso besser. Rosewig möchte, dass Sie gemeinsam mit ihm das Team zusammenstellen und dann gleich mit der Arbeit beginnen.«
»Ich kenne nicht alle Kolleginnen und Kollegen vom KK11, wie soll ich denn da …«
»Das müssen Sie mit Rosewig klären. Außerdem werden Sie jemanden von hier mitnehmen.«
Ramin stutzte. »Ach, und wen?«
Wörner griff zum Telefon, tippte zweimal darauf und sagte: »Schicken Sie ihn jetzt wieder rein.«
Sekunden später öffnete sich die Tür hinter Ramin. Als er sich umdrehte und die große, schlaksige Gestalt mit den dunklen, zotteligen Haaren sah, die das Büro betrat, riss er die Augen auf und sagte überrascht: »Grohmann!«
Kriminalkommissar Sebastian Grohmann war der Schrecken des KK14.
Er war Mitte dreißig, und dass er seit vielen Jahren nicht befördert worden und noch immer Kriminalkommissar war, lag daran, dass er nicht nur eine tiefe Abneigung gegen Bürokratie hatte, sondern es immer wieder mit Leichtigkeit schaffte, sich in Schwierigkeiten zu manövrieren. Dazu trug vor allem seine sehr individuelle, freizügige Auslegung der Dienstvorschriften bei. Dass er noch nicht von der Kripo zurück zum Streifendienst versetzt worden war – was Kriminalrat Wörner liebend gern getan hätte –, war dem Umstand geschuldet, dass er ein ausgeprägtes Verhandlungsgeschick im Umgang mit Kidnappern und Geiselnehmern bewiesen hatte. Selbst bei Einsätzen des Mobilen Einsatzkommandos war er schon als Verhandlungsführer hinzugezogen worden. Grund genug wiederum für Wörners Vorgesetzten, den leitenden Kriminaldirektor Bender, darauf zu bestehen, dass Grohmann zumindest innerhalb seiner Kriminalpolizeiinspektion blieb, der mehrere Kommissariate angehörten.
Ramin war alles andere als begeistert, als Grohmann sich nun auf den Stuhl neben ihm fallen ließ, denn außer seinem gestörten Verhältnis zu Vorschriften gab es noch etwas, das ihn unter den Kolleginnen und Kollegen nicht eben beliebt machte: Grohmann ging allen mit seiner schluderigen Art gehörig auf die Nerven. Es schien nicht viel zu geben, was er wirklich ernst nahm.
Für Wörner war dies nun die ideale Gelegenheit, Grohmann loszuwerden, ohne dabei den Weisungen seines Vorgesetzten offen zu widersprechen.
»Hi, Brunner«, grunzte Grohmann. »Ich habe gehört, du wirst mein neuer Chef. Ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll.«
»Ich auch nicht«, entgegnete Ramin wahrheitsgemäß.
»Kriminalkommissar Grohmann hat sich begeistert gezeigt von der Idee, an alten Fällen zu arbeiten, und ich bin sicher, sein Instinkt wird dabei von großem Nutzen sein.«
»Na ja, begeistert würde ich jetzt nicht gerade …«, setzte Grohmann an, wurde aber von Wörner unterbrochen.
»Hat einer von Ihnen noch Fragen?«
»Nein!«, antworteten beide fast gleichzeitig. Ramin hätte gern noch mehr dazu gesagt, verzichtete aber in Wörners Gegenwart darauf. Das würde er in einem Gespräch unter vier Augen mit Grohmann klären.
Der Kriminalrat nickte zufrieden. »Dann sind wir hier fertig. Sehen Sie zu, dass Sie um Punkt fünfzehn Uhr vor dem Büro von EKHK Rosewig stehen.«
Damit richtete Wörner den Blick auf seinen Monitor und runzelte demonstrativ die Stirn, das Zeichen, dass er sich anderen Dingen zuwenden wollte.
Ramin und Grohmann erhoben sich, und während Letzterer ohne Zögern das Büro verließ, blieb Ramin noch einen Moment stehen und sah nachdenklich zu Wörner. Er wusste, dass sein Vorgesetzter große Stücke auf ihn hielt und stolz auf seine Ermittlungsergebnisse war. Dass er ihn freiwillig in ein anderes Kommissariat wechseln ließ, konnte nur damit zusammenhängen, dass bei Wörner die persönlichen Interessen stets hinter dem Erfolg der polizeilichen Ermittlungen rangierten. Und wie es den Anschein hatte, sah Wörner den größeren Nutzen für die Polizei darin, dass Ramin sich von nun an um Altfälle kümmerte und möglichst viele davon aufklärte. Dass das davon abgesehen auch Ramins eigener Wunsch war, spielte für den Polizeirat vermutlich eine eher untergeordnete Rolle.
»Verschwinden Sie«, murmelte Wörner, der Ramins Blick bemerkt hatte, ohne vom Monitor aufzusehen.
»Danke!«, sagte Ramin leise, dann wandte er sich ab und trat aus dem Büro seines Noch-Vorgesetzten. Auf dem Gang wartete Sebastian Grohmann grinsend auf ihn. »Na, Trennungsschmerz?«
»Das weiß ich noch nicht«, entgegnete Ramin. »Zumal ich dich weiterhin an der Backe habe.«
Die Stille ist fast unerträglich.
Nicht die Dunkelheit, die ist ihr vertraut. Nicht das Warten, es wird irgendwann enden. Aber diese Lautlosigkeit, die so tief in den Raum dringt, dass sie fast greifbar wird – sie ist das, was am schwersten zu ertragen ist.
Ein Tropfen Wasser fällt irgendwo hinter ihr auf den Boden. Kaum hörbar, aber das leise Plopp lenkt sie für einen Moment von der lähmenden Stille ab.
Der Geruch von altem Holz, vermischt mit Eisen und dem fauligen Hauch vergorener Blüten, hängt in der Luft. Er ist nicht angenehm, aber unaufdringlich. Er ist einfach da, wie alles andere um sie herum.
Sie lauscht erneut, doch es gibt nicht das geringste Geräusch. Keinen Atemzug, der nicht ihr eigener ist. Einfach nichts außer der Ahnung, die in ihr aufsteigt und sie erdrücken will.
Ihre Finger liegen ruhig auf dem Tisch. Sie atmet flach, horcht in sich hinein und findet diesen Gedanken. Er ist klein, wie ein Flüstern. Und doch glasklar.
»Sie glauben, es ist vorbei.«
Die Worte hallen nach. Hat sie sie laut ausgesprochen?
Sie lächelt.
Natürlich glauben sie, es sei vorbei und der Albtraum sei zu Ende. Die Polizei mit ihren ernsten Gesichtern und den immerwährenden Fragen in ihren Blicken. Und auch das Mädchen. Bernd Menkhoffs Tochter.
Alle haben sie gesehen, was sie sehen wollten. Jede Lüge geglaubt, die sie mit sanfter Hand in den Raum geworfen hatte.
»Manipulation ist nicht das Spiel des Stärkeren«, hatte er ihr einmal gesagt. »Es ist das Spiel des Unsichtbaren.«
Hat er das wirklich gesagt? Oder ist es eine trügerische Erinnerung?
Ein Schauer läuft ihr über den Rücken bei dem Gedanken an seine Worte. Wie lange ist das her? Monate? Jahre? Oder nur Stunden? Die Zeit selbst scheint sich im Raum zu dehnen, flüssig und zäh wie Honig.
Er hat ihr oft gesagt, dass sie etwas Besonderes ist. Anders als die anderen.
Und irgendwann hat sie begonnen, ihm zu glauben. War es das, was er immer von ihr wollte? Ein Stück von ihr, das sie ihm freiwillig überließ?
Ist es wirklich sie, die die Kontrolle hat? Oder hat er ihr das immer nur vorgegaukelt und sie dabei wie eine Marionette geführt, ohne dass sie es bemerkt hat? Sie stößt ein kurzes Lachen aus, das die Stille wie ein Schwert durchschneidet.
Am Ende ist er derjenige, der manipuliert wurde. Dessen eigener Wille zu einer ferngesteuerten Illusion geworden ist.
Der Gedanke treibt ihr das Blut in den Kopf, und doch bleibt ihre Hand ruhig. Eine andere Erinnerung ist plötzlich wieder da: Das Messer. Der Schnitt. Das Blut. Und dann – die Stille.
Aber es meldet sich ein Hauch von Zweifel. Wie ein Schatten, der die Klarheit der Erinnerung verwischt.
Was, wenn er nicht tot ist? Was, wenn er … Mit einem Mal ist da ein anderer Gedanke. Eine Erinnerung? Oder doch eine Einbildung?
Du hast mich nicht besiegt!
Hat er das wirklich gesagt, oder ist es das Ergebnis davon, dass er sie immer wieder daran erinnert hat, dass sie es nie schaffen wird, sich zu befreien? Dass es keine Flucht gibt, nur einen weiteren Schritt, der sie tiefer in sein Netz führt?
Es ist ein leises Echo, das die Räume zwischen ihren Gedanken füllt. Ein Satz, der zu einer Drohung wird: Er selbst ist vielleicht tot, aber seine Fäden sind nicht verschwunden. Sie hängt immer noch an ihnen.
Wenn du die Wahrheit kennst, wird sie dich nicht mehr verletzen, hat er gesagt.
Und nun? Ist sie bereit, die Wahrheit zu sehen? Über sich selbst? Über ihn? Oder hat sie sie schon längst verstanden, aber sich geweigert, sie zu akzeptieren?
Die Stille in der Hütte scheint die Luft zu fressen. Kein Geräusch. Nur das Gefühl, beobachtet zu werden. Immer noch. Und immer wieder.
Sie stöhnt verzweifelt auf und vergräbt das Gesicht in den Händen. Diese Gedanken … so sprunghaft und seltsam, dass sie ihnen nicht folgen kann. Sie bereiten ihr Kopfschmerzen. Was ist nur mit ihr los?
Du hast mich nicht besiegt, flüstert sie zu sich selbst. Oder ist es seine Stimme? Sie kann nicht sagen, wo die Grenze zwischen den beiden liegt.
Ist sie wirklich frei? Oder ist sie weiterhin nur das Instrument in seinem Spiel? Die Marionette, die nie den Faden durchtrennen konnte?
Und in diesem Moment des letzten Zweifels, der sie nie verlassen hat, weiß sie eines:
Er ist nicht tot. Er wird nie sterben, denn er ist längst zu einem Teil von ihr geworden.
Ein Teil, der immer bleiben wird, auch wenn der Rest der Welt längst vergessen hat, was geschehen ist.
Das KK11 lag in einem anderen Flügel des historischen Gebäudekomplexes mit mehreren Stockwerken und Innenhöfen, in dem die einzelnen Kommissariate des Präsidiums verteilt waren.
Auf dem Weg dahin sah Ramin seinen Kollegen Grohmann von der Seite an. »Wolltest du wirklich freiwillig zum KK11 wechseln?«
»Ach, Schmarrn! Wörner hat offen gedroht, mich wieder auf Streife zu schicken, wenn ich nicht mitziehe. Er meinte, er findet Möglichkeiten.« Grohmann sah kurz zu Ramin und grinste. »Ich glaube, das zwischen Wörner und mir ist nicht wirklich echte Liebe.«
Ramin lächelte. »Ich schätze, du weißt auch, warum.«
»Ja, ja. Und gleich wirst du mir sagen, dass ich mich ab jetzt penibel an die Vorschriften halten muss und dass ich sonst …«
»Halt mal kurz die Luft an«, unterbrach Ramin ihn unaufgeregt. »Falls ich mit Rosewig einig werde und er tatsächlich bereit ist, dich zu ertragen, erwarte ich von dir, dass du einen verdammt guten Job machst und es dabei nicht übertreibst. Weder mit der Missachtung der Vorschriften noch damit, den Kolleginnen und Kollegen auf die Nerven zu gehen. Deal?«
Erneut grinste Grohmann, diesmal noch breiter. »Ich probier’s.«
»Schön, dass Sie hier sind«, begrüßte Rosewig, der Leiter des KK11, Ramin, erhob sich hinter seinem Schreibtisch und reichte ihm die Hand. Grohmann saß im Nebenraum und sollte später zu dem Gespräch dazukommen.
Rosewig war Anfang fünfzig und hatte volles braunes Haar, das zu einem modischen Kurzhaarschnitt frisiert war. Er trug Jeans und ein hellblaues Hemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte. Der Mann schien viel Sport zu treiben, denn im Gegensatz zu Wörners zwar schlanker, aber etwas schwammiger Statur war Rosewig muskulös. Die sehnigen Unterarme ließen darauf schließen, dass er regelmäßiger Gast im Fitnessstudio war.
»Bitte, setzen Sie sich.«
Rosewig beobachtete Ramin, während dieser Platz nahm, dann nickte er. »Ich habe mir Ihre Personalakte angesehen und bin beeindruckt. Studium, Laufbahnprüfung … alles mit Auszeichnung bestanden. Eine beachtliche Erfolgsquote bei Ermittlungen, folgerichtig jüngster Kriminalhauptkommissar Bayerns … Kriminalrat Wörner würde Sie gern in der Q4 sehen. Warum sitzen Sie stattdessen jetzt hier?«
»Ich möchte an der Aufklärung von Verbrechen mitwirken. Deshalb bin ich zur Polizei gegangen.«
»Das verstehe ich, aber die Polizei braucht auch kluge Köpfe, die Führungsaufgaben übernehmen. Die die Verantwortung für die strategische Ausrichtung, Koordination und Kontrolle unserer Maßnahmen tragen und komplexe Einsätze steuern. Und nicht zuletzt die Polizei gegenüber Politik und Öffentlichkeit vertreten. Das alles interessiert Sie nicht?«
Ramin ließ sich Zeit mit der Antwort. »Ich dachte, ich sei hier, weil Sie mich als Leiter Ihrer neuen Abteilung einsetzen wollen. Oder hat Kriminalrat Wörner mich zu Ihnen geschickt, damit Sie mich bearbeiten, doch noch den Weg einzuschlagen, auf dem er mich gern sehen würde?«
Die Andeutung eines Lächelns umspielte Rosewigs Lippen.
»Das beantwortet meine Frage nicht.«
Ramin zuckte mit den Schultern. »Mir ist bewusst, dass es Beamte geben muss, die diese wichtigen Aufgaben erfüllen, aber ich bin definitiv keiner von ihnen. Und um Ihre Frage direkt zu beantworten: Nein, es interessiert mich nicht. Ich möchte weiterhin operativ arbeiten.«
Rosewigs Lächeln wurde breiter. »Ich wollte lediglich selbst hören, warum Sie auf diese Karrieremöglichkeit verzichten. Das habe ich jetzt. Und wenn Sie einverstanden sind, möchte ich Sie ein wenig besser kennenlernen.«
Als Ramin nickte, tippte Rosewig auf der Computertastatur herum und blickte auf den Monitor.
»Gut, dann lassen Sie uns doch mit Ihrem familiären Background beginnen. Sie sind in München geboren. Ihr Vater, Jakob Brunner, stammt aus Erding, Ihre Mutter, Shohreh, aus dem Iran.« Er sah Ramin an. »Was für ein schöner Name.«
»Ja, von meiner Mutter kommt auch mein nicht eben typisch bayerischer Vorname.«
Rosewig nickte lächelnd, dann richtete sich sein Blick wieder auf den Monitor. »Sie ist selbständig und hat eine Praxis für Massage und Chiropraktik im Tal. Gute und teure Adresse.«
»Ja, die Praxis läuft recht gut. Aber meine Mutter arbeitet auch jeden Tag zehn bis zwölf Stunden.«
»Sie haben zwei Schwestern. Yasmin und Darya. Die eine zwei, die andere drei Jahre jünger als Sie. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihnen?«
»Ich musste recht früh die Verantwortung für sie übernehmen«, entgegnete Ramin. Als er weitersprach, lächelte er: »Damals haben sie mich, glaube ich, dafür gehasst. Aber mittlerweile verstehen wir uns sehr gut und sehen uns auch regelmäßig.«
»Ja, die Verantwortung …«
Ramin ahnte, worauf das hinauslaufen würde, und Rosewig enttäuschte ihn nicht.
»Ihr Vater war mehrfach im Gefängnis und sitzt aktuell eine längere Haftstrafe ab, die noch über fünf Jahre andauern wird.«
»Ist das ein Problem?«
Rosewig sah ihn an. »Nein, ist es nicht. Zumindest nicht für mich. Aber ich würde gern erfahren, wie sich die Sache für Sie darstellt. Hat der Lebensweg Ihres Vaters Ihren Entschluss beeinflusst, zur Polizei zu gehen?«
»Definitiv. Sagen wir, er war ein abschreckendes Beispiel.«
»Verstehe. Ihre Eltern sind seit achtzehn Jahren geschieden. Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vater?«
»Nein. Aber lassen Sie uns das abkürzen. Mein Vater hat sich nicht mehr um meine Schwestern und mich gekümmert, nachdem die Ehe mit unserer Mutter in die Brüche gegangen ist. Ich war der Einzige, der lange Zeit überhaupt noch Kontakt zu ihm hatte. Ein paarmal war ich als Jugendlicher selbst kurz davor, mich von ihm ins kriminelle Milieu hineinziehen zu lassen. Als mir schließlich bewusst wurde, dass mein Vater das immer wieder versuchen würde, habe ich den Kontakt zu ihm abgebrochen und beschlossen, nach dem Abitur zur Polizei zu gehen.«
»Verstehe«, erklärte Rosewig erneut und lehnte sich zurück.
»Gab es früher Gewalt in Ihrer Familie?«
»Sie meinen, ob mein Vater uns geschlagen hat? Nein, hat er nicht. Er war Alkoholiker und hat ständig irgendeinen Mist gebaut, der ihn ins Gefängnis gebracht hat, aber zum Glück war er nicht gewalttätig. Zumindest uns gegenüber nicht.«
»Ich habe gehört, die Kollegen haben Ihnen wegen Ihrer außerordentlichen Prüfungsergebnisse und Ihrer beachtlichen Ermittlungserfolge den Spitznamen Brain gegeben. Macht Sie das stolz?«
»Nein. Ich finde es eher witzig.«
Ramin dachte daran, dass es auch ein paar Kollegen gab, die ihm seinen Erfolg neideten und ihn das deutlich spüren ließen.
»Nun ja, so einen Spitznamen muss man sich …« Rosewig stockte, als sein Telefon klingelte. »Moment bitte«, sagte er und nahm das Gespräch an. »Rosewig! … Ja, er sitzt vor mir … nein, wir wollten gerade über die Stellenbeschreibung sprechen … Haben Sie keinen anderen Kollegen, der das übernehmen kann? … Also gut … Ja, ich sage es ihm … Gut.«
Rosewig legte auf und sah Ramin entschuldigend an. »Tut mir leid, aber Ihr Noch-Chef will, dass Sie sofort zum KK14 kommen.«
»Was? Aber warum das denn? Hat er es sich anders überlegt?«
»Nein, grundsätzlich bleibt alles so, wie wir es abgesprochen haben. Es geht um einen aktuellen Fall. Eine verschwundene Frau. Wörner meinte, er braucht Sie dafür noch einmal.«
»Na, super«, stieß Ramin aus und erhob sich.
Rosewig lächelte angesichts Ramins genervter Reaktion. »Wir sehen uns morgen Vormittag um zehn wieder hier. Dann besprechen wir alles. Schicken Sie mir doch bitte den Kollegen Grohmann herein, wenn Sie gehen.«
»Ja, okay«, sagte Ramin und verabschiedete sich von Rosewig. Er hatte sich mental auf die bevorstehende neue Aufgabe eingestellt und war alles andere als begeistert, nun zurück zum KK14 zu müssen. Andererseits erfüllte es ihn aber doch mit ein wenig Stolz, dass es offensichtlich etwas gab, wofür Wörner ihn brauchte.
Annika Köster hörte schweigend zu, als Luisa ihr von Nicole Klements traumatischer Beziehung zu Lichner, der damals ihr Psychiater gewesen war, sowie ihrer eigenen Entführung und Nicoles Rolle dabei erzählte. Am Ende zuckte sie aber nur mit den Schultern und sagte: »Es ist schlimm, was Sie und Nicole damals durchleben mussten, aber ich sehe keinen Zusammenhang zu Nicoles Verschwinden jetzt. Und eigentlich wollte ich auch nichts über ihre Vergangenheit wissen. Wenn es ihr Wunsch gewesen wäre, dass ich davon erfahre, hätte sie mir davon erzählt. Das Einzige, was mich interessiert, ist, wo sie jetzt steckt und ob es ihr gut geht.«
Luisa dachte kurz darüber nach, ob sie noch weiter versuchen sollte, mehr über Nicole zu erfahren, verwarf den Gedanken aber. Was immer da zwischen ihr und Annika Köster war, es erschien ihr seltsam.
»Ich verstehe Sie nicht«, gestand Luisa. »Auf der einen Seite hängen Sie in der ganzen Stadt Plakate mit Nicoles Foto auf, sogar vor der Uni, auf der anderen …«
»Vor der Uni habe ich kein Plakat aufgehängt.«
»Sie müssen sich irren. Ich habe es dort gesehen, bevor ich Sie angerufen habe.«
»Keine Ahnung, wie es dahingekommen ist.«
Luisa dachte an die eingerissenen Ränder des Blattes. So, als ob es irgendwo anders abgerissen und an dem Laternenpfahl vor der Uni neu angebracht worden wäre.
»Das ist ja seltsam«, murmelte sie, doch dann schüttelte sie den Kopf und wandte sich wieder an Nicoles Lebensgefährtin. Wahrscheinlich hatte die einfach vergessen, wo überall sie ihre kleinen Plakate angebracht hatte.
»Sie erwähnten, dass die Polizei nichts tue. Sie waren also schon dort.«
»Ja, ich habe versucht, eine Vermisstenanzeige aufzugeben.«
»Wo waren Sie?«
»Auf dem Polizeipräsidium am Adenauerring, das ist mit dem Auto etwa fünfzehn Minuten von hier.«
Luisa nickte und erhob sich. Sie beschloss, es selbst bei der Polizei zu versuchen.
Nachdem sie sich von Annika Köster verabschiedet hatte, blieb sie vor dem Haus stehen, bestellte ein Uber und wartete.
Es schien noch wärmer geworden zu sein. Die Luft war unbewegt wie in einem Gewächshaus.
Luisa versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, je wieder etwas von Nicole Klement zu hören. Und nun, nach siebzehn Jahren, tauchte sie plötzlich erneut in ihrem Leben auf. Luisa konnte nichts dagegen tun, dass ihre Gedanken zu ihrem Vater wanderten. Zu den vielen intensiven Gesprächen mit ihm. Zu seinem Tod.
Sie wurde durch eine Bewegung abgelenkt, die sie aus dem Augenwinkel auf der anderen Straßenseite wahrnahm, aber als sie den Kopf drehte, war außer einem Lieferwagen, der am Bordstein stand, nichts zu sehen.
Sie hörte Schritte hinter sich, drehte sich blitzschnell um – aber da war nur eine ältere Frau mit Einkaufstüten, die sie flüchtig musterte und dann wortlos an ihr vorbeiging. Luisa zwang sich zur Ruhe. Trotzdem hatte sie wieder dieses Gefühl, begleitet von einem leichten Druck in der Brust.
Diese Sache nahm sie mehr mit, als ihr lieb war.
Nachdem sie das Präsidium am Adenauerring erreicht und einem Beamten gegenüber Nicole Klements Verschwinden erwähnt hatte, winkte der ab und erklärte ihr, dass eine Kollegin die Vermisstenanzeige bereits aufgenommen habe, die Polizei aber nichts unternehmen würde, solange es keine konkreten Hinweise auf Nicoles unfreiwillige Abwesenheit gab. Diese Reaktion hatte sich schlagartig geändert, als Luisa erklärte, dass sie Nicole schon lange kenne und aufgrund ihres psychisch labilen Zustandes befürchte, sie könne sich selbst etwas antun oder angetan haben.
Der Beamte hatte zwei Telefonate geführt und ihr dann erklärt, sie müsse zum Kriminalkommissariat 14 in die Beethovenstraße und dass er sie von einem Kollegen dorthin bringen lassen würde. Der Kollege hatte sich als eine freundliche junge Beamtin herausgestellt, die mehrmals während der Fahrt versuchte, ein Gespräch mit Luisa zu beginnen, es aber schließlich aufgab, als sie auf ihre Fragen nur einsilbige Antworten erhielt. Luisa war zu abgelenkt, ihre Gedanken drehten sich fortwährend um Nicole Klement.
Gut eine halbe Stunde saß sie nun schon in einem nüchtern eingerichteten Raum und wartete, als endlich ein schlanker blonder Polizist in Zivil die Tür öffnete und ihr zunickte. Luisa schätzte ihn auf Ende zwanzig. »Mein Name ist Schröder. Kommen Sie bitte, der zuständige Kollege ist nun da.«
Sie stand auf und folgte dem Beamten durch den Flur zu einem größeren Büro drei Türen weiter. Dort saß ein Mann, bei dessen Anblick sie kurz stockte.
Er war Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig. Und er sah ziemlich gut aus. Seine Haut hatte einen sanften Karamellton, der zusammen mit den pechschwarzen, kurz geschnittenen Haaren einen interessanten Gegenpol zu seinen blauen Augen bildete. Er war durchtrainiert, und als er lächelte, blitzten ihr ebenmäßige weiße Zähne entgegen.
Zu einer gut sitzenden … zu seiner perfekt sitzenden Jeans trug er ein weißes T-Shirt und darüber ein sportliches blaues Sakko.
Mehr Klischee geht nicht, schoss es Luisa sofort durch den Kopf. Diese gut aussehenden Typen wussten, wie sie auf die meisten Frauen wirkten, und nutzten das in der Regel auch aus.
Noch während er sich erhob und ihr die Hand entgegenstreckte, errichtete Luisa eine innere Mauer. Sie hatte eine einschlägige Erfahrung mit so einem Typ Mann hinter sich, und ja, man konnte ihr vorwerfen, damals leichtgläubig und naiv gewesen zu sein, als sie seinetwegen von Aachen nach München gezogen war. Was man ihr aber nicht nachsagen konnte, war, dass sie denselben Fehler zweimal machte.
»Hallo, Frau Menkhoff«, sagte er und lächelte immer noch. »Mein Name ist Ramin Brunner.«
»Freut mich«, entgegnete sie sachlich. »Ich bin hier wegen des Verschwindens von Nicole Klement.«
»Ja, ich wurde darüber informiert. Bitte, nehmen Sie Platz.«
Nachdem beide saßen, ließ sich auch der junge Beamte nieder, der Luisa hergebracht hatte. Vor ihm lagen ein Block und ein Stift, den er nun in die Hand nahm, bereit, sich Notizen zu machen.
»Was lässt Sie vermuten, Frau Klement könne sich etwas angetan haben?«
»Das zu erklären, dauert ein bisschen.«
Brunner nickte und zuckte mit den Schultern. »Ich habe Zeit.« Sein offenes, einnehmendes Lächeln irritierte Luisa kurz. Es passte nicht zu der Situation, aber sie bemerkte, dass es ihn sympathisch machte. Daraufhin zog sie die Mauer in ihrem Inneren noch ein Stück höher.
»Gut. Könnte ich vielleicht ein Glas Wasser haben?«
Brunner nickte seinem Kollegen zu, woraufhin er sich erhob und den Raum verließ. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete Luisa tief durch und begann: »Ich wurde vor siebzehn Jahren von einem Psychiater namens Joachim Lichner entführt – einem Mann mit einer zutiefst gestörten Persönlichkeit, der sich an meinem Vater rächen wollte. Der war zu der Zeit Kriminalhauptkommissar beim KK11 in Köln, sein Name war Bernd Menkhoff.«
Luisa machte eine Pause und versuchte, in Brunners Gesicht ein Zeichen des Erkennens zu entdecken. Doch er kürzte das ab und erklärte: »Der Name sagt mir leider nichts. Aber wofür wollte dieser Psychiater sich an Ihrem Vater rächen?«
Der Beamte kehrte mit einem Glas Wasser zurück, stellte es vor ihr ab und setzte sich wieder an den Tisch.
»Lichner hatte viele Jahre zuvor ein kleines Mädchen ermordet, und mein Vater hat ihn überführt. Er hat fast vierzehn Jahre im Gefängnis gesessen und die ganze Zeit über behauptet, unschuldig zu sein. Nach seiner Version hat mein Vater Beweise manipuliert, um ihn zu belasten.«
Brunner nickte. »Verstehe. Die Gefängnisse sind voll mit Unschuldigen. Aber bitte, erzählen Sie weiter.«
»Zu der Zeit, als Lichner mich entführte, hatte er eine Lebensgefährtin. Eine ehemalige Patientin von ihm. Eine sehr zarte Frau mit psychischen Problemen, die ihm vollkommen hörig war. Lichner hat mich damals in eine Waldhütte gebracht und seine Lebensgefährtin bei mir zurückgelassen. Er hat ihr unter Hypnose befohlen, nach einem Messer zu greifen, das auf dem Tisch lag, sobald mein Vater die Hütte betreten würde. Lichner hat gehofft, dass mein Vater sie daraufhin erschießen würde.«
Auf Brunners Stirn zeigten sich Falten. »Er wollte, dass Ihr Vater seine Lebensgefährtin erschießt?«
»Ja. Weil er bemerkt hat, dass mein Vater sich … zu ihr hingezogen fühlte. Wenn Nicole wirklich versucht hätte, mir mit dem Messer etwas anzutun, und mein Vater hätte sie erschossen, wäre das für Lichner die perfekte Rache gewesen.«
»Puh!«
»Ja. Jedenfalls hat der Plan nicht funktioniert. Mein Vater und sein Partner konnten Lichner überwältigen, und er wurde verurteilt.«
»Und diese Lebensgefährtin von ihm war …«
»Nicole Klement.«
Brunner nickte nachdenklich. »Wie ist es danach weitergegangen? Sind Frau Klement und Ihr Vater zusammengekommen?«
»Ja, aber nur kurz. Sie war psychisch so angeschlagen, dass es nicht funktioniert hat.«
»Was ist dann mit ihr geschehen?«
»Das weiß ich nicht. Wir hatten später keinen Kontakt mehr zu ihr.«
»Und warum glauben Sie, ihr Verschwinden jetzt, nach so vielen Jahren, könnte etwas mit den Geschehnissen von damals zu tun haben?«
»Ich weiß nicht, ob es direkt mit dem zusammenhängt, was damals passiert ist, aber mein Vater hat mir erzählt, dass sie mit Depressionen zu kämpfen hatte. Sie hat selten gelacht, und in ihren Augen lag immer eine tiefe Traurigkeit. Das habe sogar ich als Kind gespürt. Alles, was sie sagte, klang hoffnungslos … Ich denke, es liegt im Bereich des Möglichen, dass sie sich etwas angetan hat oder es noch tun wird. Und das ist doch ein Grund für die Polizei, nach ihr zu suchen, oder?«
Erneut zeigten sich Falten auf Brunners Stirn. »Sie sagten, Ihre Entführung war vor siebzehn Jahren«, wich er aus. »Da müssen Sie ein kleines Kind gewesen sein.«
»Ich war fünf.«
»Und Sie können sich noch an die Details erinnern? Sie wissen, was Frau Klement damals gesagt hat, als sie zusammen in der Hütte waren?«
Luisa nickte und entschied, dass sie dem Polizisten gegenüber mit offenen Karten spielen sollte. »Ich kann mich an jedes Wort erinnern, das gesprochen worden ist.« Sie machte eine kurze Pause, ehe sie hinzufügte: »Ich habe ein eidetisches Gedächtnis.«
