Ungestraft unter Palmen - Hans Christoph Buch - E-Book

Ungestraft unter Palmen E-Book

Hans Christoph Buch

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Beschreibung

Das wilhelminische Deutschland gilt gemeinhin als rassistisch und fremdenfeindlich. Aber diese Sicht unterschlägt einen wesentlichen Aspekt: Berlin war ein Mekka der Wissenschaft, und Pioniere der Entkolonialisierung wie der philippinische Poet José Rizal, der amerikanische Bürgerrechtler Dubois und der japanische Arzt Mori Ogai studierten Medizin bei Robert Koch und trugen, von Deutschland inspiriert, zur Selbstfindung ihrer Völker bei. Auch Mark Twain und Rubén Darío aus Nicaragua, den Dichter des Modernismo, zog es damals nach Berlin. In der Auseinandersetzung mit dem Fremden wird der Blick für das Eigene geschärft, das Vertraute neu vermessen. Zu den verschütteten Traditionslinien, die dies anschaulich illustrieren und die Hans Christoph Buch in diesen Essays freilegt, gehören auch die journalistischen Arbeiten Daniel Defoes, der in London Auswanderer aus der Pfalz befragte, bevor er zehn Jahre später als Romanautor in die Geschichte eingehen sollte. Oder Goethes »Chinesische Gedichte«; der Bogen wird gespannt bis ins zwanzigste Jahrhundert, zu Joseph Brodsky.

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Hans Christoph Buch

Ungestraft unter Palmen

Wege zur Weltliteratur

zu Klampen

Hans Christoph Buch, geboren 1944, Erzähler, Essayist und Reporter, nahm 1966 als jüngster Teilnehmer am Treffen der Gruppe 47 in Princeton teil. Er studierte Germanistik und Slawistik an der TU Berlin und wurde 1972 promoviert. Lehraufträge an deutschen Universitäten folgten. Gastdozenturen führten ihn u.a. nach San Diego, Qingdao, New York, Austin, Hongkong, Havanna und Buenos Aires. 1984 wird er in Frankreich zum »Officier de l’Ordre de l’Art et des Lettres« ernannt, 2004 wird ihm der Preis der Frankfurter Anthologie verliehen, 2011 der Schubart-Literaturpreis, 2014 die Ehrendoktorwürde der Universität Bern. Neben zahlreichen Reportagen aus den Krisengebieten der Welt hat er Essays und Romane veröffentlicht, zuletzt »Elf Arten, das Eis zu brechen« (2016). Bei zu Klampen sind bisher von ihm erschienen: »Standort Bananenrepublik« (2004), »Black Box Afrika« (2006) und »Das rollende R der Revolution« (2008).

Inhalt

Cover

Titel

Der Autor

Zitat

Weltliteratur gestern und heute

I. Selbstfindung aus germanophilem Geist

Mori Ogai, Rizal, Dubois

Kachelöfen und Litfasssäulen

Reisen durch Sonne und Nebel

Mit Schiller gegen die Kolonialherren

II. Dichtung und Wahrheit

Die Geburt des Romans aus dem Geist der Reportage

Vom Lederstrumpf zum Saumagen

Erinnerungen an den Cargo-Kult

Robinson und Caliban

III. Chinesisch-deutsche Schattenspiele

Satt zu herrschen, müd zu dienen

Ein Renaissancepoet aus China

Ohne Meinungsfreiheit verkommt das Land

IV. Kreuz des Südens

Afrikas führender Feminist

Colonial Backwater

Humboldt und Haiti

V. Spanische Wände

Gespräch im Café Gijón über den abwesenden Herrn Vargas Llosa

Der Geschichtenerzähler

Von Seelow nach São Paulo

VI. Einem Schatten zu Gefallen

Gedenkblatt für Joseph Brodsky

Zensur und Selbstzensur

Eine Postkarte aus Rio

Epilog

Unterster Literaturschlamm

Impressum

Anmerkungen

»Wer den Dichter will verstehen,

muss in Dichters Lande gehen«

Goethe: »Westöstlicher Divan«

Weltliteratur gestern und heute

Ein Vorbericht

»Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein.« So lautet der erste Satz von Karl Mays Winnetou. Ein kurioser Romananfang, dessen Sinn sich erst erschließt, wenn man das Tertium comparationis mitbedenkt: Demzufolge galt das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert als kranker Mann am Bosporus, dessen Dahinsiechen Karl May mit dem Aussterben der Ureinwohner Nordamerikas verglich: »Man spricht von dem Türken kaum anders als von dem ›kranken Mann‹«, heißt es weiter, »während jeder, der die Verhältnisse kennt, den Indianer als den ›sterbenden Mann‹ bezeichnen muss.«

Der Autor charakterisierte sein an die hundert Titel umfassendes Romanwerk als Reiseerzählungen, ähnlich wie die etwa zeitgleich publizierten Voyages extraordinaires von Jules Verne, die den Leser zum Mittelpunkt der Erde entführten, auf den Meeresgrund oder auf den Mond. Aber obwohl seine ausschweifende Phantasie Karl May in exotische Länder trug, die er nie mit eigenen Augen sah, hatte er mehr Bodenhaftung als Jules Verne: Sein Romanheld Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi sowie dessen Gefährten Winnetou und Hadschi Halef Omar personifizieren Orient und Okzident, die dark and bloody grounds des Wilden Westens ebenso wie die Wüsten Nordafrikas und Arabiens. Amerikanismus und Orientalismus beziehen sich nicht einfach nur auf Weltregionen, sondern bezeichnen Denkfiguren, die Europa als Projektionsflächen dienten für unbewusste Wünsche und Ängste, wobei der Orient für tiefe Weisheit stand und jahrtausendealte Kultur, Amerika hingegen für Wildheit und ungezähmte Natur. Winnetou ist der edle Wilde, der seinen Freund Old Shatterhand an Treue und Rechtschaffenheit noch übertrifft, während Winnetous Feinde, die Komantschen, blutrünstige Primitive sind. Hadschi Halef Omar dagegen ist eine Plaudertasche und komische Figur, die schon durch den langen Namen, den viele Karl-May-Leser auswendig können, zum Lachen reizt: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.

Genau genommen handelt es sich in beiden Fällen um Phantasiegebilde, deren Realitätsgehalt gegen null tendiert und die mehr verraten über ihre Absender als über die Adressaten, wie Edward Said in seinem Standardwerk zum Thema Orientalismus dargelegt hat. Saids Kulturkritik hat nur einen Schönheitsfehler: Zu Recht entlarvt er den Orientalismus britischer und französischer Prägung als ideologisches Konstrukt, das, die koloniale Expansion vorwegnehmend, die Unterwerfung fremder Kulturen rechtfertigte und guthieß. Doch er ignorierte oder übersah dabei, dass Goethes Westöstlicher Divan, um nur dieses Beispiel zu nennen, lange vor der französischen Eroberung Algeriens und dem britischen Vordringen nach Ägypten erschien und frei war von kulturellem Dünkel und kolonialer Arroganz: Im Gegenteil, Goethe erkannte die ihm fremde Welt des Orients als gleichberechtigt an, ohne deshalb seine deutschen und europäischen Wurzeln zu verleugnen: Sein Beispiel nichthegemonialer Annäherung an eine fremde Kultur stellt, so besehen, eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen dar.

Von diesem Denkansatz führt ein direkter Weg zur Idee der Weltliteratur, die Goethe in seinen letzten Lebensjahren, angeregt durch die Lektüre der französischen Zeitschrift Le Globe und durch die englische Foreign Quarterly Review, aus verstreuten Vorarbeiten zu einem in sich schlüssigen Konzept entwickelte, das er so beschrieb:

»Wenn wir eine europäische, ja eine allgemeine Weltliteratur zu verkündigen gewagt haben, so heißt dieses nicht, dass die verschiedenen Nationen voneinander und ihren Erzeugnissen Kenntnis nehmen, denn in diesem Sinn existiert sie schon lange, setzt sich fort und erneuert sich mehr oder weniger. Nein! Hier ist vielmehr davon die Rede, dass die lebendigen und umgebenden Literatoren einander kennenlernen und durch Neigung und Gemeinsinn sich veranlasst finden, gesellschaftlich zu wirken. Dieses wird aber mehr durch Reisende als Korrespondenz bewirkt, indem ja persönliche Gegenwart ganz allein das wahre Verhältnis unter Menschen zu bestimmen und zu betätigen imstande ist.« (Zusammenkunft der Naturforscher in Berlin, 1828)

Goethe erinnert in diesem Zusammenhang an seinen literarischen Mentor Herder, der ihn mit der Poesie fremder Völker und Nationen bekannt machte, an Diderot, dessen Erzählung Rameaus Neffe er selbst übersetzte, an Lord Byron, den er zu seinem Geistesheroen erkor, sowie, nicht zuletzt, an Shakespeare, dessen Synthese aus Altertum, Mittelalter und Neuzeit Welttheater und zugleich Weltliteratur war und ist. Die ökonomischen Voraussetzungen dieses Prozesses, der sich nach Goethes Tod rasant beschleunigte – wir würden heute von Globalisierung sprechen –, haben Marx und Engels analysiert in einem Text, der, in alle Weltsprachen übersetzt, kanonische Geltung beansprucht, aber nur selten genau gelesen wird. Gemeint ist das Kommunistische Manifest von 1848, wo gleich zu Anfang von Weltliteratur im Goetheschen Sinn die Rede ist:

»Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.« (Hervorhebung H. C. B.)

Goethes gelehrigster Schüler war Alexander von Humboldt, der den Totalitätsanspruch der deutschen Klassik in tropische Gefilde verpflanzte, wo er die üppigsten Blüten und Früchte trug. »Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen«, heißt es in Goethes Wahlverwandtschaften, »und die Gesinnungen ändern sich gewiss in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind.« Und weiter: »Nur der Naturforscher ist verehrungswert, der uns das Fremdeste, Seltsamste mit seiner Lokalität, mit aller Nachbarschaft, jedesmal in dem eigensten Elemente zu schildern und darzustellen weiß. Wie gern möchte ich nur einmal Humboldten erzählen hören.«

Diese zum geflügelten Wort gewordene Devise wurde als Warnung vor Kolonialbestrebungen und Tropenreisen missdeutet, weil sich in jedem Paradies eine Schlange verbirgt. Doch der Text wirft ganz andere Fragen auf: Zum einen, weil Goethe seine Gedanken einer Romanfigur namens Ottilie zuschreibt, die sich vor Affen, Papageien und Mohren ekelt – in dieser Reihenfolge; zum andern, weil er im Kontext einer erfundenen Geschichte eine real existierende Person namens Alexander von Humboldt erwähnt. Dieser hatte bei mehr als einer Gelegenheit Goethe und Schiller Respekt bezeugt, obwohl letzterer mit seinen Schriften nicht viel anfangen konnte. Die folgenden Sätze aus einem Brief an Schillers Schwägerin Caroline von Wolzogen, geschrieben nach Humboldts Rückkehr aus Südamerika, sind nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch ein Echo der deutschen Klassik. Winckelmanns Formel »Edle Einfalt und stille Größe«, sowie Kants Diktum »Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir« hallen hier nach.

»In den Wäldern des Amazonenflusses, wie auf dem Rücken der hohen Anden erkannte ich, wie von einem Hauche beseelt, von Pol zu Pol nur ein Leben ausgegossen ist in Steinen, Pflanzen und Tieren und in des Menschen schwellender Brust. Überall ward ich von dem Gefühle durchdrungen, wie mächtig jene Jenaer Verhältnisse auf mich gewirkt, wie ich durch Goethes Naturansichten gehoben, gleichsam mit neuen Organen ausgerüstet worden war.«

Das ist deutscher Idealismus pur, und im Festhalten am Totalitätsanspruch von Goethe, der Altertum und Neuzeit, Kunst und Natur miteinander zu verbinden suchte, während die Wissenschaft längst getrennte Wege ging, lag Humboldts Größe, aber auch Beschränktheit. Er blieb stehen auf halbem Weg zwischen Linné und Darwin, dessen Evolutionstheorie er in vieler Hinsicht vorwegnahm. Aber Humboldt drang nicht von der Naturbeobachtung zum begrifflichen Denken vor im Sinne von Hegels Phänomenologie des Geistes: »Das Beschreiben der Dinge hat noch in dem Gegenstand selbst die Bewegung nicht; sie ist vielmehr nur in dem Beschreiben. Ist es nicht so leicht mehr, neue ganze Dinge zu finden, so muss zu den schon gefundenen zurückgegangen werden, sie weiter zu teilen, auseinanderzulegen und neue Seiten der Dingheit an ihnen noch aufzuspüren. Diesem rastlosen, unruhigen Instinkte kann es nie an Material gebrechen.«

Humboldts lebenslange Weiterarbeit an seinen Texten, die er, gestützt auf ein Netz weltweiter Korrespondenten, im Licht neuer Erkenntnisse permanent umschrieb, erweiterte und vertiefte, hat hier ihren Ursprung. Aber das empirische Herangehen war auch ein Vorteil, den Humboldt, mit Blick auf die philosophischen Abstraktionen Hegels, so auf den Punkt brachte: »Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.«

Alexander von Humboldt wurde steinalt, er starb 1859, und noch zu seinen Lebzeiten fächerte die von ihm angestrebte Gesamtschau des Kosmos sich in Teilgebiete auf, die seine Schüler bearbeiteten: Maximilian zu Wied erkundete Brasilien und später den Oberlauf des Missouri, Balduin Möllhausen durchstreifte die Prärien und Felsengebirge Nordamerikas und unterhielt den preußischen Hof mit seinen Abenteuern im Wilden Westen, die wiederum Karl May inspirierten; Robert Schomburgk vermaß das Grenzgebiet von Guyana und Venezuela sowie die Wasserscheide zwischen Amazonas und Orinoko, und die Gebrüder Schlagintweit durchquerten den Himalaya, Tibet und Turkestan. Dies sind nur einige Forschungsreisende, die, durch Humboldts Empfehlung und Beispiel ermutigt, schwer zugängliche Regionen des Globus kartographierten; allein die Liste deutscher Orientreisender und Afrikaforscher, von Barth bis Brehm und von Niebuhr bis Nachtigal, ergäbe ein eigenes Nachschlagewerk. Zu traditionellen Disziplinen der Geologie, Botanik und Zoologie, in denen Humboldt und Darwin brilliert hatten, traten neue Wissenschaften wie Meereskunde, Linguistik, Ethnologie und Psychologie hinzu.

Die Arbeitsteilung im Zeichen der Industrialisierung hält Einzug in die Literatur, die schon im 19. Jahrhundert in Belletristik und Gebrauchsliteratur zerfällt: Touristenführer und Ratgeber für Auswanderer oder Missionare, Kinder- und Jugendbücher, Kriminalstorys und Wildwestromane. Von Freiligraths Wüstengedichten (»Wüstenkönig ist der Löwe; will er sein Gebiet durchfliegen / Wandelt er nach der Lagune, in dem hohen Schilf zu liegen«) bis zu Wilhelm Raabes Abu Telfan und Fontanes Stechlin mit seinen Anspielungen auf deutsche Kolonialpolitik, während Karl May sich bei Möllhausen bedient und Berichte von Forschungsreisenden popularisiert. In der bildenden Kunst wiederum führt ein direkter Weg von den Kupferstichen zum Thema Sklaverei oder Zuckerrohr in Diderots Enzyklopädie über die Tropenbilder des Malers Moritz Rugendas, der, von Humboldt inspiriert, Südamerikas Menschen und Landschaften erstmals realistisch darstellte, bis zur ästhetischen Faszination durch afrikanische Masken und Skulpturen aus Ozeanien, die bei der Geburt der modernen Kunst Pate standen. Dahinter steckte ein kulturelles Missverständnis, das Maler und Dichter dazu trieb, ihr Unbehagen an der Zivilisation auf vermeintliche Urvölker zu projizieren: Exotismus und Primitivismus begründeten eigene Kunststile – Gauguin ist das bekannteste Beispiel dafür.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg reisten August Macke und Paul Klee nach Tunesien, Max Pechstein nach Palau und Emil Nolde nach Neuguinea, während Stefan Zweig, Hermann Hesse und Waldemar Bonsels Indien besuchten, das durch den Bau des Suez-Kanals aus exotischer Ferne in erreichbare Nähe gerückt war. Zur Faszination durch die »Negerkunst« gesellte sich das Interesse am Jazz, das Carl Einstein 1921 in seinen Essays über afrikanische Plastik so charakterisiert: »Hilflos negert der Unoriginelle.« In René Schickeles Roman Symphonie für Jazz ist vom »Niggersprung des weißen Mannes« die Rede. Im selben Jahr, 1929, erschien Afrika nackt und angezogen, ein Reisebericht von Kasimir Edschmid, der sich, als der Rassismus zur Staatsdoktrin wurde, den Nazis andiente und noch 1951 mit Fotos nackter Afrikanerinnen um Leser warb. Von hier aus ist es nicht weit zu Hubert Fichtes provozierendem Geständnis: »Ich ficke gern Neger«, doch ich habe nicht vor, politischer Korrektheit das Wort zu reden. Aufschlussreicher ist, dass und wie Fichte seine erotischen Obsessionen auf afroamerikanische Kulturen projizierte und gleichzeitig den Ethnologen Claude Lévi-Strauss als Rassisten zu entlarven versuchte. Hubert Fichtes Werk ist heute in aller Munde, während die Pionierarbeit von Janheinz Jahn, der im Anschluss an Leo Frobenius die Bantu-Kultur zu definieren versuchte, ebenso in Vergessenheit geriet wie dessen verdienstvolle Anthologie Schwarzer Orpheus, die karibische und afrikanische Poesie deutschen Lesern zugänglich machte.

Nach der Neugründung des Kaiserreichs wurde Berlin zu einer Kulturmetropole, die wie London, Paris und Wien nicht nur amerikanische Touristen anzog, sondern auch Intellektuelle aus Kolonialgebieten, die die Fortschritte der Medizin, verkörpert von Virchow und Robert Koch, an der Quelle studieren wollten; Ähnliches gilt für die Freudsche Psychoanalyse, Max Webers Soziologie und Einsteins Relativitätstheorie. Bakteriologen und Ethnologen schwärmten in alle Himmelsrichtungen aus, und Weltreisen, zu Lebzeiten Forsters und Chamissos ein kostspieliges Privileg, waren durch Vorträge oder Verlagsvorschüsse jetzt finanzierbar geworden. Magnus Hirschfelds Weltreise eines Sexualforschers zählt ebenso dazu wie das Reisetagebuch eines Philosophen des Grafen Keyserling, dessen Motto dem Großteil der hier behandelten Literatur voranstehen könnte: »Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum.« Hinzu kamen Nordpol- und Transatlantikflüge und Erdumrundungen mit Fahrrad oder Faltboot, Zeppelin oder Automobil, die zu sportlichen Herausforderungen avancierten wie Scotts und Amundsens Wettlauf zum Südpol.

Zwar waren und sind Reiseberichte ein Hauptstrang epischen Erzählens von Sindbad dem Seefahrer bis zu Bruce Chatwin und Paul Theroux. Doch Weltliteratur ist keine Reiseliteratur, auch kein Raritätenkabinett, das exotische Kuriositäten zur Schau stellt, und kein Anhängsel der Landeskunde, die Kenntnis von Sitten und Gebräuchen fremder Völker vermitteln will. So besehen ist der praktische Informationswert von Homers Ilias oder Odyssee gering: Bis heute streiten die Gelehrten darüber, wo Troja lag oder wohin es Odysseus auf seinen Irrfahrten verschlug. Aus Shakespeares Hamlet erfahren wir so gut wie nichts über Dänemark, abgesehen von der irrigen Annahme, Böhmen liege am Meer; Daniel Defoe verlegte die Robinson-Insel vom Südpazifik ins Orinoko-Delta, und Dino Buzzatis Tatarenwüste ist in keinem Atlas verzeichnet, so wenig wie Kafkas Schloss, das sich bei der Annäherung des Landvermessers K. immer weiter von diesem entfernt.

So weit, so gut – oder vielmehr so schlecht, weil die entscheidende Frage nach wie vor ungeklärt ist. Sie lautet: Gibt es ein Kriterium für die Weltgeltung der Literatur? Der Nobelpreis scheidet aus, denn der wird ebenso oft an Meisterwerke vergeben wie an Flops. Wer oder was aber bestimmt die Weltgeltung der Literatur? Die Zahl der Übersetzungen oder die Popularität der Romanhelden? Demnach gehören Superman und Tarzan zur Weltliteratur, weil ihre Abenteuer in alle Weltsprachen übersetzt und häufiger verfilmt wurden als Robinson Crusoe und Don Quijote? Warum nicht? Die Unterscheidung von Belletristik und Trivialliteratur ist obsolet, denn die Grenze zwischen beiden Bereichen war immer schon durchlässig. Doch darüber hinaus muss es ein Kriterium geben, das Alexandre Dumas’ Graf von Monte Christo von Becketts Warten auf Godot unterscheidet, und das ist keine quantitative Frage, sondern eine Frage der literarischen Qualität, deren Feststellung der Quadratur des Kreises gleicht.

PS:

Weltliteratur unterliegt nicht der Tagesaktualität. Vielmehr gilt für sie, was Shakespeare im 116. Sonett über die Liebe sagt: »Die Liebe stirbt nicht mit der Stunde Schlag / Sie bleibt beständig bis zum Jüngsten Tag. // Hat dies als Irrtum sich an mir erwiesen / So hat mein Vers die Liebe nicht gepriesen« (Übersetzung H. C. B.). Literatur von Weltrang ist zeitgebunden und zeitlos zugleich.

Deshalb habe ich ins vorliegende Buch auch Texte aufgenommen, die älteren Datums sind wie Exzerpte aus einer New Yorker Literaturdebatte mit Richard Sennett, Susan Sontag, Joseph Brodsky und Hans Magnus Enzensberger, deren Aktualität nicht eigens begründet werden muss.

I. Selbstfindung aus germanophilem Geist

Mori Ogai, Rizal, Dubois

Die wilhelminische Epoche war besser als ihr Ruf

Sich vom Eurozentrismus zu distanzieren, gehört fast schon zum guten Ton, aber ein Rückblick auf die Agenda des Jahres 2014 zeigt, wie selektiv unser kulturelles Gedächtnis war und ist. Zwar wurde bis zum Überdruss an 1914 erinnert, doch die Schlacht von Dien Bien Phu 1954, die Frankreichs Präsenz in Asien beendete, fiel ebenso unter den Tisch wie die 1884 von Bismarck einberufene Kongo-Konferenz, auf der Europas Großmächte Afrika wie eine Schokoladentorte aufteilten – die Sprach- und Siedlungsräume durchschneidenden Grenzen haben bis heute Bestand. Dass die damals Kolonisierten von der Peripherie ins Zentrum des Interesses rückten und heute ein wichtiges Wort mitzureden haben in Kunst und Literatur, spricht sich allmählich herum, aber dass Berlin in der Kaiserzeit zum Katalysator wurde für den Aufbruch der Dritten Welt, ist nur wenigen bekannt.

Hierfür drei Beispiele: Auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Bahnhof Friedrichstraße fährt die S-Bahn an einer Hausfassade der Gründerzeit vorbei, auf der in fernöstlicher Kalligraphie ein Name prangt, mit dem die meisten Berliner nichts anfangen können. Mori Ogai war ein japanischer Arzt und Schriftsteller, der von 1884 bis 1888 in Deutschland studierte, unter anderem bei Robert Koch an der Charité, und die moderne Medizin in Japan einführte. Es war die Zeit der Meiji-Reformen, in der Japan sich dem Westen öffnete und das jeweils Beste aus Europa übernahm, Scotland Yard beispielsweise oder die medizinische Forschung aus Berlin, weshalb japanische Ärzte bis vor kurzem Deutsch lernen mussten. Mori Ogai übersetzte beide Teile des Faust und schrieb in Deutschland spielende Novellen wie Das Ballettmädchen und Wellenschaum, auf deren Spuren japanische Touristen heute Berlin oder den Starnberger See aufsuchen. Der aus einer Samurai-Familie stammende Dichter war Obermediziner des Heeres im russisch-japanischen Krieg, und als die DDR siebzig Jahre später diplomatische Beziehungen zu Tokio aufnahm, richtete die Humboldt Universität an Ogais einstigem Wohnort, Luisenstraße 39, eine sehenswerte Gedenkstätte ein.

Nicht weit von hier, in der Jägerstraße 71, erinnert eine Bronzetafel an den Nationaldichter und Freiheitshelden der Philippinen José Rizal, der zur selben Zeit in Berlin seinen auf Spanisch geschriebenen Roman Noli me tangere publizierte. Hinter dem lateinischen Titel verbarg sich eine beißende Anklage gegen koloniale Arroganz und katholische Doppelmoral, die bis heute Pflichtlektüre an philippinischen Oberschulen ist. Der 1861 geborene Autor hatte chinesische Vorfahren und hieß mit vollem Namen José Protacio Rizal Mercado y Alonso Realonda. In Madrid und Heidelberg, in dessen Nähe man ihm ein Denkmal errichtete, hatte er Medizin studiert und trat 1887, als er Noli me tangere schrieb, der Berliner Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte bei. Nach Manila zurückgekehrt, wurde Rizal als angeblicher Agent Bismarcks sowie als Protestant und Freimaurer vor Gericht gestellt und im Schnellverfahren zum Tode verurteilt, obwohl er nur begrenzte Autonomie, nicht die Unabhängigkeit von Spanien gefordert hatte. Die letzten Worte seines Romanhelden: »Ich sterbe, ohne das Morgenrot über meinem Vaterland leuchten zu sehen«, sollten auch für Rizal selbst Gültigkeit beweisen, der kurz vor der Exekution seinem deutschen Freund Blumentritt schrieb: »Wenn Du diesen Brief erhalten hast, bin ich schon todt.«

Das ist mehr als eine Fußnote der Geschichte. Im Zusammenhang mit wegweisenden Dichtern und Denkern, die in ihren Herkunftsländern inzwischen wie Heilige verehrt werden, wäre last but not least William Edward Burghardt Du Bois zu nennen, der mit einem Stipendium der Harvard University 1892 bis 1894 in Berlin studierte, nachdem er in Eisenach Deutsch gelernt und sich in Dora Marbach, die Tochter seines Hauswirts, verliebt hatte. Du Bois (gesprochen Bo-iss) stammte von französischen Hugenotten und haitianischen Sklaven ab, die als freie Farbige in die USA gekommen waren, und hatte dort mit einer Rede auf Bismarck und einer Diplomarbeit über die Deutsche Reichsbahn Aufsehen erregt. Berlin war damals ein Mekka der Wissenschaft, und der 24-Jährige belegte Kurse an Robert Kochs Hygiene-Institut. Natur- und Geisteswissenschaften waren noch nicht durch eine Berliner Mauer getrennt; Dubois studierte Nationalökonomie bei dem »Kathedersozialisten« Gustav Schmoller, Soziologie bei Max Weber und Geschichte bei Heinrich von Treitschke und besuchte Theater, Opern und Konzerte. Obgleich rassistische und antisemitische Vorurteile in allen Volksschichten verbreitet waren, wurde Dubois nach eigenem Bekunden nicht diskriminiert, im Gegenteil: Der dunkelhäutige Dandy, der sich einen wilhelminischen Schnurrbart wachsen ließ und mit Korps-Studenten um die Wette soff, genoss die Narrenfreiheit eines Paradiesvogels. Er trug einen Zettel mit Namen und Adresse bei sich, damit Droschkenkutscher ihn betrunken nach Hause karren konnten, und schwängerte eine Deutsche, die er nicht heiratete, um ihr die Rassendiskriminierung in den USA zu ersparen. »Entbehren sollst du, sollst entbehren« lautete fortan das aus Faust entlehnte Motto des germanophilen Schwarzen, der die erste Panafrikanische Konferenz in London 1900 mit den Worten eröffnete: »The problem of the negro is the problem of the color line!«

Der schwer übersetzbare Satz – color line verweist sowohl auf die Rassenschranke wie auf die Grenze zwischen Nord- und Südstaaten – kehrt in Dubois’ 1903 publiziertem Hauptwerk The Souls of Black Folks wieder, das wie eine biblische Verheißung den Kampf der Afro-Amerikaner für Gleichberechtigung und Respekt vorwegnahm und bis heute begleitet. Dubois’ Thesen sind brennend aktuell, wie die neu aufgeflammten Proteste gegen Polizeibrutalität in den USA und die wachsende Zahl der von weißen Extremisten getöteten Schwarzen zeigen. Dubois’ Buch, eine Mischung aus Erzählung und Essay, beginnt mit der Reflexion darüber, wie man sich fühlt, wenn die eigene Identität von anderen definiert und zum Problem erklärt wird: was es heißt, ein Problem zu sein. Der Titel spielt an auf Fausts Diktum »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust«, in einem Sinn, den Goethe nicht vorausahnen konnte: »Das seltsame Gefühl des gespaltenen Bewusstseins, sich selbst mit den Augen der anderen zu sehen, in einer Mischung aus Mitleid und Verachtung. Neger und Amerikaner: zwei Seelen, zwei Denkweisen, zwei konkurrierende Ideale in einem dunklen Körper, den allein seine Muskelkraft vor dem Zerreißen bewahrt.« (Übersetzung H. C. B.)

Nicht nur Goethe und Schiller, auch Herder und Nietzsche haben deutlich erkennbare Spuren in Dubois’ Text hinterlassen, und Richard Wagner diente ihm als Geburtshelfer bei der Entdeckung der afro-amerikanischen Musik, die wir heute als Blues bezeichnen, so dass es nicht übertrieben ist, von einer schwarzen Renaissance aus dem Geist deutscher Kultur zu sprechen. Dubois’ Definition des Jazz war zukunftweisend in einer Zeit, als Louis Armstrong noch in der Wiege lag und Scott Joplin seine ersten Ragtimes komponierte: »Die Musik der Neger besteht aus rhythmisch klagenden Melodien und traurigen Mollkadenzen, die aller Karikatur zum Trotz, der schönste und originellste Ausdruck menschlichen Lebens und Strebens auf amerikanischem Boden sind.«

Max Weber war so beeindruckt von der Lektüre, dass er W. E. B. Dubois 1904 in Atlanta besuchte und sein Buch auf Deutsch herausbringen wollte, dessen nachhaltige Wirkung nur mit der von Onkel Toms Hütte vergleichbar ist. Dabei war Dubois alles andere als ein quietistischer Onkel Tom: Schon 1909 gründete er Amerikas älteste Bürgerrechtsbewegung, die noch heute aktive NAACP (National Association for the Advancement of Colored People). 1919 organisierte er den Weltkongress afrikanischer Völker in Paris, publizierte vielbeachtete Bücher und wurde 1959 mit dem Lenin-Friedenspreis geehrt, bevor er vor der antikommunistischen Hexenjagd des Senators McCarthy nach Ghana floh, dessen Präsident Kwame Nkrumah ihn als Ehrengast empfing. W. E. B. Dubois starb 1963 in Accra, am Vorabend von Martin Luther Kings historischer Rede in Washington (»I have a dream«), die dieser ohne sein Vorbild nicht hätte halten können.

Kachelöfen und Litfasssäulen

Mark Twain in Berlin

Vorspann1

Mein Name ist Samuel Langhorne Clemens, aber mein richtiger Name ist Mark Twain – nein, umgekehrt: Mark Twain ist ein Pseudonym, das ich mir zulegte als Lotse auf dem Mississippi, wo der Ruf Mark Twain!