Ungeteerte Straßen - Gérard Scappini - E-Book

Ungeteerte Straßen E-Book

Gérard Scappini

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7,99 €

Beschreibung

»Gérard Scappinis Gedichte sind assoziativ und gleichzeitig direkt. Ihr Sujet ist nicht Kindheit an sich, sondern, viel unmittelbarer, es sind schwingende Erinnerungen ans Kind-Sein, ein stroboskopisches Erleben, garniert mit Wahrnehmungen, die anschaulich von einer bestimmten Zeit erzählen. Keiner der Texte handelt von einem Später: Es sind ausschließlich heraufbeschworene Fragmente eines einstigen Jetzt.« (Else Laudan) In Scappinis Gedichten erlebt der Leser die Welt durch die Augen des Jungen Pascal, der in den 1950er Jahren in Frankreich aufwächst. Neben den Freuden der Kindheit wird auch deutlich, wie Pascal Armut und das konfliktbeladene Verhältnis der Eltern bewältigt.

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Seitenzahl: 58

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Gérard Scappini • Ungeteerte Straßen

Gérard Scappini

Ungeteerte

Straßen

Eine Kindheit in Frankreich

PENDRAGON

Die Erziehung ist meistens das Produkt eines verpassten Lebensinhalts, den man mit aller liebenden Gewalt seinen Kindern beibringen will, um seinem Leben noch ein Ziel, gar einen Sinn, zu geben.

1

Wir wohnen

in der Villa Marie Rose.

Im Parterre

mit einem Garten

und einer Terrasse, die Mama mit vielen

Topfblumen bepflanzt hat.

Unsere Wohnung besteht aus drei Räumen.

Hinter

ein an der

gereiht.

Vorne

das Wohnzimmer

mit einem großen Fenster mit Fensterläden,

das einzige für die Wohnung,

und einer Schlafecke mit meinem Bett.

In der Mitte

die fensterlose Küche

mit einem Waschbecken

für unsere Morgentoilette.

Dahinter

das Schlafzimmer,

getrennt durch eine Tür von der Küche,

mit zwei Dachluken

für Papa, Mama und Marie-Louise.

Zwischen Küche und Wohnzimmer

ein Durchbruch.

Mama hat, um die zwei Räume zu trennen,

einen dicken, rötlichen, zuziehbaren Vorhang

angebracht.

Das Klo,

im ersten Stock,

teilen wir uns mit der Nachbarin.

Der Garten,

eine Spielwiese

für Marie-Louise und mich.

Mama

ist in dieser Wohnung

nicht glücklich.

Sie redet

oft

mit Papa darüber,

aber

es wird sich nicht so schnell ändern,antwortet er,

einen Antrag

auf eine Sozialwohnung habe ich schon gestellt,

du musst dich gedulden …

Wenn es regnet,

kann ich mit Marie-Louise nicht

im Garten spielen,

lärmen unabsichtlich im Wohnzimmer

und ärgern Mama,

die in Ruhe ihr Buch lesen möchte.

Plötzlich

improvisiert Papa

ein Marionettenspiel

hinter

dem dicken, rötlichen Vorhang.

Er verknotet mehrere Mundservietten,

zerknüllt Zeitungspapier und Schuhlumpen,

knäuelt sie zu drei verschiedenen Gestalten

zusammen.

Dann schließt er im Wohnzimmer

die Fensterläden,

knipst in der Küche das Licht an,

klopft dreimal mit dem Besenstiel auf den Boden,

um die Vorstellung anzukündigen.

Ganz nah am Vorhang hocken wir,

Finger im Mund und harren voller Spannung.

Mama

setzt sich

zu uns

auf mein Bett

und wir schauen gespannt zu,

Marie-Louise

applaudiert und kichert,

nicht aufhören, schreie ich lachend,

mach bitte weiter, Papa …

Danach,

wenn Ruhe eingekehrt ist,

spielen wir

alle zusammen

Mensch ärgere Dich nicht

bis

Mama in die Küche geht

und das Abendessen

vorbereitet.

2

Im Frühjahr, schildert Mama,

werden Babys im Blumenkohl geboren.

Mit offenem Mund

höre ich zu.

Ein weißer Storch liest sie dann auf,

und deponiert sie vor der Tür frisch verheirateter

Paare, erzählt sie weiter.

Still

bleibe ich.

Marie-Louise

sagt auch nichts.

Und wenn das Paar dieses Kind nicht will?

Was macht dann der Vogel? will ich bange wissen.

Mama lächelt.

Eine Bestellung

muss der Vater schon aufgeben, Pascal,

beruhigt sie mich,

und manchmal dauert es lang.

Sie schaut mich an,

streichelt mir sanft den Kopf.

Aber

ich habe Glück

gehabt,

du

bist ziemlich

schnell zu uns gekommen, Pascal,

und schließt mich in ihre Arme.

3

Mit

Marie-Louise

trippele

ich

mit meinem Segelschiff

gerade durch den Garten.

Sie

mit ihrem Sandeimer, Schaufel, Rechen

und Schwimmreifen,

als

plötzlich

hinter uns

Tante Madeleine

stehen bleibt.

Margot, sagt sie, ich kriege meine Tage.

Brauchst du eine Monatsbinde?, fragt Mama

Nein, ich habe eine dabei

und rennt dann,

ohne sich umzudrehen,

ins Treppenhaus.

Verständnislos

schaue ich Marie-Louise an

Was ist mit Tante Madeleine los?

Ist sie verletzt?, frage ich Mama stutzig,

da

ich

auf dem Boden

einige rote Tüpfelchen

entdecke

und

beunruhigt bin.

Ist nichts passiert, Pascal, lächelt Mama,

Tante Madeleine

ist

nur indisponiert.

4

Eines kalten Winterabends,

während

Mama Kartoffeln schält,

Marie-Louise und ich

unsere Hausaufgaben

schweigend

erledigen,

werkelt Papa,

hörbar genervt,

an dem schönen Kohleherd,

Hochzeitsgeschenk

und zugleich

einziger weißer Fleck in dieser stickigen Küche.

Er beheizt

die gesamte Wohnung,

versorgt die Familie mit warmem Wasser,

trocknet baumelnde Unterwäsche,

die an einer Leine aus Schnur

darüber hängt

und in diesem Backofen

backt Mama wunderbare Apfeltorten.

Pascal, ruft Papa,

gibst du mir dein Boot?

Ich kaufe dir später ein neues,

stammelt er,

das Feuer will ich anzünden,

aber ohne Holz schaffe ich es nicht, verstehst du?

Still

bleibe ich,

schaue ihn an,

nicke,

hole mein Segelschiff,

das letzte Geburtstagsgeschenk Omas,

aus der Spielkiste

und händige es Papa wortlos aus.

Stolz

bin ich,

ihm helfen zu können

und beobachte schluchzend

wie mein Boot

knisternd

völlig verbrennt.

5

Die

Nacht

finstert

der Wind

rattert gegen die Fensterläden

der Winter

bemäntelt die Erde.

erzählt uns Papa …

Auf dem Küchenboden

ein zerbrochener Marmeladenkrug.

Als die Mutter

erbost

wissen will

wer …

Marie-Pierre und Jean-Pascal

beschuldigen

Noirot,

ihre kleine Katze

erzählt uns Papa

Abends,

sobald der Vater

müde von der Arbeit nach Hause kommt

und hört

was Noirot wieder

verbrochen hat,

wirft er sie

aus der Wohnung.

erzählt uns Papa

Am Tag darauf

entdecken

Marie-Pierre und Jean-Pascal

im Garten spielend

unter dem Feigenbaum,

vom Schnee vergletschert,

ihre kleine Noirot

leblos …

erzählt uns Papa

als wir

unsere Kürbissuppe

nicht auslöffeln

wollen.

6

Ohne

Mama zu wecken

schleiche ich mich ins Schlafzimmer,

stupse Marie-Louise wach,

um mit ihr zu spielen.

Die Sonne

scheint durch die Dachluken

und annonciert einen heißen Sommertag.

Mit Marie-Louise

blättere ich in ihrem Bilderbuch,

wir kichern,

sie presst häufig ihren Zeigefinger gegen den

Mund,

ermahnt mich ruhig zu bleiben.

Langsam

dreht sich Mama um,

öffnet

ihre Augen,

sieht uns beide in Marie-Louises Bett sitzen.

Morgen Mami, lächeln wir ihr entgegen.

Seid ihr schon lange auf?, fragt sie halbwach,

rappelt sich jetzt auf,

sitzt noch

auf der Bettkante

und öffnet ihr Nachthemd.

Gerade

schaue ich in ihre Richtung,

als

zwei weiße pralle Brüste

sich vor meiner Nase entblößen.

Mama blickt

mich erschrocken an,

verbirgt

blitzartig ihren blanken Busen,

ohrfeigt mich schimpfend mit voller Wucht.

Noch

verwirrt von ihrer Reaktion,

ohne zu verstehen

was gerade geschehen ist,

was ich falsch gemacht habe,

renne ich

schluchzend

aus dem Zimmer.

7

Oma hat

unserem Papa

ihren alten Rundfunkapparat geschenkt.

Er thront

jetzt auf dem dunkelbraunen

schmalen Tisch, darunter hat Mama

ein selbst gesticktes Deckchen gelegt

sieht schöner aus sagt sie.

Wenn ein Sprecher eine Meldung ankündigt,

oder eine Nachricht ansagt,

versuche ich

ihn mir vorzustellen.

Und woher diese Stimme kommt.

Tagsüber schaltet Mama das Radio an,

und trällert meistens mit

während sie spült, kocht oder bügelt

wenn Edith Piaf, Luis Mariano

oder Charles Trenet ihre bekanntesten Lieder

singen.

Abends beim Essen

hört Papa die Nachrichten und

sonntagnachmittags

die angebotenen Übertragungen

von verschiedenen Rugbyspielen.

Eines Samstags

komme ich gerade aus der Schule,

das einzige Fenster

unserer Wohnung weit offen

und nehme Akkordeonmusik

schon im Garten wahr.

Als ich ins Wohnzimmer hereinkomme,

sehe ich

wie Papa und Mama

engumschlungen tanzen.

Mama lacht,

und Papa

streckt mir seinen Arm entgegen,

um mich

mit ihm und Mama

zum Tanzen einzuladen.

8

In prasselndem

Regen

schachtet ein Mann die Straße aus.

Ich reiße mich

von Onkel Louis los und renne hin.

Die lockigen

schwarzen Haare des Arbeiters

triefen von Wasser

und die Arbeitsklamotten

sehen aus

wie nasses Löschpapier.

Monsieur,

Sie müssen sich unterstellen, rufe ich

und zeige

mit meiner rechten Hand

auf die

Bäckerei Bonneto.

Er winkt ab

und schaufelt weiter.

Monsieur!, rufe ich noch einmal,

können Sie mich verstehen?

In seinem offenen Mund blinken goldene Zähne.

Er stammelt

irgendetwas in einer Sprache,

die ich nicht verstehe,

und pustet

über die Hand

vor seinem Mund