Unheil - Josef Wilfling - E-Book

Unheil E-Book

Josef Wilfling

4,9
8,99 €

  • Herausgeber: Heyne
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Das ganz normale Böse: Warum Menschen morden - Unglaubliche Geschichten über die Abgründe der menschlichen Natur

Tagtäglich werden Menschen zu Mördern, von denen niemand geglaubt hätte, dass sie jemals zu solchen Taten fähig sein könnten – am allerwenigsten sie selbst. Josef Wilfling zeigt anhand von spannenden und unglaublichen Fällen, wie und warum Menschen morden, und geht der Frage nach, ob tatsächlich jeder von uns zum Mörder werden kann. Spektakuläre Verbrechen, faszinierende Tathintergründe und schockierende Einsichten in die Untiefen der menschlichen Seele!

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Seitenzahl: 286

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Josef Wilfling

UNHEIL

Warum jeder zum Mörder

werden kann

Redaktion: Johann Lankes, München

Copyright © 2012 by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Umschlagfoto: Andreas Müller, www.andreasmueller-fotografie.de

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN 978-3-641-06873-8

www.heyne.de

INHALT

Vorwort

Der Profi

Jeder kann zum Mörder werden: Der Baggerführer

Der Todesengel

Jeder kann zum Mörder werden: Der Mathematiker

Der Gutmütige

Jede kann zur Mörderin werden: Die Geliebte

KANN WIRKLICH JEDER MENSCH ZUM MÖRDER WERDEN?

Jeder kann zum Mörder werden: Der Freund

Das Miststück

Jede kann zur Mörderin werden: Die Friseurin

Der Nesthocker

Jeder kann zum Mörder werden: Der Gigolo

Das Inzestopfer

WENIGER MORDE – BESSERE MENSCHEN?

Der Scheißkerl

Vorwort

Warum Gewalt- oder Gewohnheitsverbrecher zu Mördern werden können, ist weitgehend bekannt. Es liegt an der hohen kriminellen Energie, die sich bei diesen Leuten meist schon von Kindesbeinen an aufgebaut hat, während sich die innere Hemmschwelle sukzessive abbaut. Und ist diese Hemmschwelle erst einmal überschritten, dann wird es von Mord zu Mord immer leichter. Dafür gibt es genügend Beispiele. Trotzdem fällt diese Gruppe bei uns in Deutschland, zumindest statistisch, nicht besonders ins Gewicht und ist auch im Hinblick auf die Erforschung seelischer Abgründe relativ uninteressant. Es mag sich zynisch anhören, aber zum einen gehen allenfalls 10 Prozent aller Tötungsdelikte auf das Konto dieser Leute, zum anderen bringen sie sich meist gegenseitig um. Das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung wird in solchen Fällen also nicht sonderlich tangiert. Jedenfalls ruft es wenig Mitgefühl und Beunruhigung hervor, wenn ein Zuhälter einen anderen ersticht oder wenn sich Mafiosi wechselseitig eliminieren. Bemerkenswert ist auch, dass sich die Tötungsarten in diesen Kreisen vielfach auf »kurz und schmerzlos« beschränken, sodass in der Regel nicht einmal das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt ist. Denn grausam handelt nur, wer dem Opfer aus gefühlloser, unbarmherziger Gesinnung heraus besondere Schmerzen und Qualen zufügt. Das aber erlebt man ausgerechnet dort, wo sich Menschen nahe, oft sogar sehr nahe standen und wo sich dennoch teuflische Mordpläne entwickelt oder negativ besetzte Emotionen entladen haben.

Während die Motivlagen bei Berufsverbrechern meist klar auf der Hand liegen und keine großen Rätsel aufgeben, ist man regelmäßig ratlos, wenn es sich bei Täterinnen oder Tätern um bislang unbescholtene, anständige Menschen handelt, denen man eine so schreckliche Tat niemals zugetraut hätte. Für Angehörige ist die Suche nach Antworten oft verbunden mit der quälenden Frage, ob sie die verhängnisvolle Entwicklung hätten erkennen oder sogar stoppen können. Nicht selten kommt es zu heftigen Vorwürfen oder Selbstvorwürfen. Was war es, das einen geistig gesunden, friedfertigen, mitten im Leben stehenden, erfolgreichen und eventuell sogar tiefgläubigen Menschen veranlassen konnte, vorsätzlich ein Menschenleben auszulöschen? Die Taten von Triebtätern oder psychisch kranken Menschen nehme ich hier ausdrücklich aus, weil mein Thema nicht Krankheiten, sondern Verbrechen sind.

In meinem Buch Abgründe habe ich die gesetzlich definierten Mordmotive anhand realer Fälle beschrieben. Der Vergleich mit den sieben Todsünden sollte aufzeigen, dass Habgier, Wollust, Mordlust, Eifersucht, Neid, Hass und alle anderen Bösartigkeiten seit Menschengedenken in jedem Winkel dieser Erde beheimatet waren und sind, unabhängig von Religion, Kultur oder sozialem Status. Es wird sie geben, solange es Menschen gibt. Die gesetzlich definierten Mordmotive sind also eine Art Allgemeingut und stellen lediglich eine grobe Einteilung dessen dar, was wir als besonders verwerflich betrachten. Es sind quasi unterschiedlich beschriftete Schubladen, in die sich die individuellen Taten einordnen lassen, wobei das Sortiment mit der Aufschrift »Habgier« am besten gefüllt ist – es sind jene Fälle, in denen es um rational geplanten, eiskalten Mord geht.

Im Bereich der emotionalen Motive dürfte dagegen die »Eifersucht« den Schwerpunkt bilden. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass selbst scheinbar gleich gelagerte Fälle gravierende Unterschiede aufweisen.

In diesem Buch möchte ich etwas tiefer in die Täterseelen eindringen und aufzeigen, dass ausgerechnet das schwerste aller Verbrechen in den wenigsten Fällen mit dem zu tun hat, was man als Wurzel allen Übels ansieht, nämlich frühkindliche Gewalterfahrungen, Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen oder der soziale Status. Diese Faktoren mögen zwar die Entwicklung krimineller Energie begünstigen, aber wenn es um das böseste alles Bösen geht, spielen sie eine eher untergeordnete Rolle, weil sogenannte anständige Bürger mehr Menschen umgebracht haben, umbringen und umbringen werden als alle Berufsverbrecher zusammen.

Täglich werden Menschen zu Mördern, von denen niemand geglaubt hätte, dass sie jemals zu solchen Taten fähig sein könnten – am allerwenigsten sie selbst. Das mag unfassbar klingen, doch für mich war es der Normalfall. Ich hatte es ständig mit Menschen zu tun, die Ungeheuerliches getan haben. Die Begegnungen mit diesen Tätern und den Verbrechen, die sie begingen, lässt letztlich nur einen einzigen Schluss zu: Jeder kann zum Mörder werden.

Um diese zugegebenermaßen provokante These zu veranschaulichen, habe ich mich um ein möglichst breites Spektrum spezieller Fälle bemüht, in denen es um die Tötung nahestehender Menschen ging. Die dabei aufgezeigten Hintergründe mögen vielen bekannt vorkommen. Manche werden sogar feststellen, dass sie selbst schon inmitten eines aufziehenden Unheils stehen.

Vielleicht hilft dieses Buch ja im einen oder anderen Fall, sich dessen bewusst zu werden und zu realisieren, dass Brutalität, Kaltblütigkeit und kriminelle Energie nicht auf einen bestimmten Personenkreis beschränkt sind. Jeder kann – spontan oder im Verlauf eines längeren Prozesses – in eine Lage geraten, aus der heraus sich bewusst und gewollt der Wille zu töten entwickelt.

Die moralische Bewertung der geschilderten Tathintergründe bleibt selbstverständlich dem Urteil des Einzelnen überlassen. Die Sichtweisen sind ebenso individuell wie die Taten selbst. Da ich weder Psychologe noch Psychiater bin und auch keine philosophischen oder gar theologischen Weisheiten von mir geben möchte, beschränke ich mich auf das, was meinem Status als Praktiker entspricht: Veranschaulichung durch Schilderung realer Fälle.

Denjenigen, denen die Einblicke in die Täterseelen nicht tief genug gehen, möchte ich die Äußerung eines renommierten Gerichtspsychiaters in Bezug auf die Grenzen psychologischer und psychiatrischer Prognosen zu bedenken geben: »Die Einzigen, die in einen Menschen hineinschauen können, sind die Rechtsmediziner.« Wobei wir Ermittler übrigens bei jeder Obduktion mit am Seziertisch stehen, den Ärztinnen und Ärzten über die Schultern schauen und ihnen Fragen stellen. Manchmal lässt sich in den Eingeweiden tatsächlich eine Antwort finden, obwohl die Seele unsichtbar ist.

Trotzdem habe ich mich jedes Mal, wenn ich vor dem geöffneten Leichnam eines Menschen stand, aufs Neue gefragt, wo eigentlich »das« geblieben ist, was dieses Wesen in seiner Kreativität und Individualität einst ausgemacht hat. Eine Frage, die ich mir bei der ersten Obduktion, der ich beiwohnte, ganz spontan stellte und die mich in all den Jahren nicht mehr losließ.

Als Ermittler wären für mich natürlich insbesondere die Gedanken des jeweiligen Mordopfers interessant gewesen, vor allem die letzten. Aber wie soll man Gedanken sehen?

Dass gerade Beziehungstaten an Grausamkeit und Brutalität nicht zu übertreffen sind, ist eine Tatsache. Trotzdem sind detaillierte Schilderungen aus Gründen der Authentizität vor allem im Hinblick auf die Täterpsyche unerlässlich. Dass dabei eventuell auch Voyeure bedient werden, ließe sich nur vermeiden, wenn überhaupt keine Romane, Sachbücher, Filme oder Presseberichte über Verbrechen mehr veröffentlicht würden. Aber das Böse ist nun einmal spannender und interessanter als das Gute.

Die geschilderten Fälle orientieren sich an echten Kriminalfällen. Aus juristischen Gründen mussten Namen, örtliche und zeitliche Gegebenheiten, Berufe oder individuelle Besonderheiten, die einen Rückschluss auf Täter oder Opfer zulassen würden, verändert, anonymisiert und durch fiktive Beschreibungen unkenntlich gemacht werden.

Josef Wilfling

München, im Januar 2012

Der Profi

Friedrich O. war mit Frau und Kindern aus dem Urlaub zurückgekehrt. Sein erster Gang führte ihn zur benachbarten Doppelhaushälfte, wo ihre Freunde Christine und Peter L. mit ihrer noch nicht sechsjährigen Tochter Lisa wohnten. Er wollte sich mit einer guten Flasche Wein, die er ihnen aus Frankreich mitgebracht hatte, dafür bedanken, dass sie während des Urlaubs ihre Katze gefüttert hatten.

Friedrich O. sah, dass die Haustür spaltbreit offen stand. Wahrscheinlich hat nur jemand vergessen, die Tür fest zuzuziehen, dachte er. Er läutete mehrmals, niemand reagierte. Also drückte er die Tür vorsichtig auf und rief nach drinnen.

»Hallo, ich bin es, Fritz. Wir sind zurück. Ist denn niemand zu Hause?«

Keine Antwort. Dann aber hörte er das Lachen und Kichern von Mädchen im Obergeschoss. Er kannte sich aus in dem Haus, ging hinauf und traf auf Lisa und ihre Freundin Nicole. Die vergnügten Kinder ließen sich nicht ablenken, und Lisa erklärte, sie wisse nicht, wo Papa und Mama seien. Vielleicht sei Papa beim Sport und Mama einkaufen, meinte sie unbekümmert.

Als Friedrich O. wieder nach unten gehen wollte, sah er, dass die Tür zum Büro weit offen stand, die Schreibtischschubladen herausgezogen waren und deren Inhalt auf dem Boden verstreut lag. Es sah aus wie nach einem Einbruch. Besorgt ging er ins Erdgeschoss, schaute in die Küche und entdeckte auch hier eine gewaltige Unordnung, die auf ein hastiges Durchwühlen von Schränken und Schubladen hindeutete. Besonders auffallend war eine Geldbörse, die aufgeklappt auf dem Küchentisch lag und offensichtlich hastig geleert worden war. Mein Gott, dachte Friedrich O., da muss eingebrochen worden sein! Aber wo sind Christine und Peter?

Friedrich O. trat vor die Haustür, nahm sein Handy und wollte gerade Peter L. anrufen, als er ihn aus der Richtung des Waldes herankommen sah – wie an jedem Abend um diese Zeit, wenn Peter nicht beruflich unterwegs war und im Perlacher Forst joggte. Als er schwitzend auf sein Haus zulief, erklärte ihm sein Nachbar aufgeregt, dass die Haustür offen gewesen und Christine nicht im Haus sei. Da habe er sich schon mal erlaubt, nach ihr zu suchen.

»Was, die Tür stand offen?«, fragte Peter L. sofort alarmiert. »Das gibt es doch nicht. Ich habe sie fest zugezogen, als ich loslief. Allein schon wegen Lisa. Und Christine ist nicht da?«, setzte er nach und wurde panisch. Peter L. stürzte ins Haus und rief nach seiner Frau. Er lief ins Obergeschoss und schaute im Büro nach, rannte wieder hinunter in die Küche und rief: »Das gibt’s doch gar nicht, da muss eingebrochen worden sein!«

Dann hetzte er abermals nach oben ins Arbeitszimmer, sodass der Nachbar Mühe hatte, ihm zu folgen, doch abschütteln ließ er sich nicht.

»Das war vorhin noch nicht, als ich losgelaufen bin, da war noch alles in Ordnung. Das müssen Einbrecher gewesen sein. Mein Gott, wo ist Christine?«, rief er mit fast weinerlicher Stimme und schaute seinen Nachbarn hilflos an. Er rannte abermals ins Erdgeschoss, nahm sein Handy, das er aus beruflichen Gründen auch beim Joggen immer dabeihatte, und rief seine Frau an. Deren Handy lag nicht wie üblich in der Küche, also musste sie es eingesteckt haben. »Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar«, ertönte eine Ansage. Das bedeutete, dass es ausgeschaltet war.

»Sieh doch mal im Keller nach«, schlug Friedrich O. vor, als Peter keine Anstalten machte, auch dort zu suchen.

»Ja klar, dort könnte sie sein«, antwortete dieser, öffnete die Tür zum Keller, die sich im Flur befand, und ging die Treppe hastig nach unten, wobei er mehrmals den Namen seiner Frau rief.

Der Bereitschaftsdienst der Mordkommission war bereits vor Ort, als ich in dem noblen Vorort Grünwald bei München eintraf.

Das Verbrechen hatte sich in der Nachbarschaft in Windeseile herumgesprochen. Vereinzelt standen Anwohner zusammen, während eine Gruppe der Einsatzhundertschaft bereits mit der Nachbarschaftsbefragung begann. Ziel der Aktion war, Zeugen, die sachdienliche Hinweise geben konnten, sofort zu den Ermittlern zu bringen.

Tatsächlich wollten mehrere Anwohner am späten Nachmittag südländisch aussehende Personen im Viertel gesehen haben, zwei oder drei Männer seien es gewesen, möglicherweise Angehörige einer vorwiegend herumziehenden osteuropäischen Volksgruppe. Sie seien aber nicht von Haus zu Haus gegangen, wie das Hausierer üblicherweise tun, sondern hätten eher den Eindruck gemacht, als würden sie etwas Bestimmtes suchen, möglicherweise eine Hausnummer.

Zu diesem frühen Zeitpunkt war dies die erste und einzige Spur. Ihr mussten wir sofort nachgehen. Wie meistens, wenn es um Informationstechnologie geht, wurden Spezialisten des Bayerischen Landeskriminalamtes hinzugezogen.

Bevor ich in den Kellerraum durfte, hatte ich mich in den obligatorischen weißen Overall gehüllt und mich etwas im Wohnzimmer umgesehen. Dort befanden sich Fotos, die eine glückliche Familie zeigten: einen gut aussehenden Vater, eine schöne Mutter und ein süßes Mädchen. Alle lachten fröhlich auf den Bildern und machten einen sorglosen, unbeschwerten Eindruck.

Die Tote im Keller bot einen schlimmen Anblick. Dass es sich bei ihr um jene attraktive Frau auf den Fotos handelte, hätte man nicht mehr erkennen können. Der Kopf war eine einzige blutige Masse ohne erkennbare Gesichtszüge, das ursprünglich hellblonde Haar klebte in Fäden oder Strähnen am Boden und war durch das viele Blut verkrustet und dunkel verfärbt. Wie immer, wenn ich vor einer so entsetzlich malträtierten Leiche stand, empfand ich tiefes Mitleid. Ich konnte nicht umhin, mir den Schmerz und die Todesangst vorzustellen, die dieser Mensch in den letzten Minuten oder Sekunden seines Lebens erlitten haben musste. Diese Frau hier starb jedenfalls eines grausamen Todes. Es war eines jener Tötungsdelikte, bei denen sich Mitleidlosigkeit und abgrundtiefer Hass im Zustand der Leiche widerspiegelten.

Grundsätzlich zeigte sich das klassische Bild einer Beziehungstat: einer Tat, bei der sich lange aufgestauter Hass explosionsartig entladen haben könnte, also im Affekt. Dafür sprach dieses sogenannte Übertöten, welches daran erkennbar ist, dass der Täter mehr getan hatte, als notwendig gewesen wäre, um das Opfer zu töten. Raubmörder, Auftragskiller oder Einbrecher beschränken sich gewöhnlich auf die bloße Tötung ihrer Opfer, da es ihnen in erster Linie darauf ankommt, Beute zu machen, einen Auftrag zu erfüllen oder sich bei Entdeckung der Festnahme zu entziehen.

Christine L. war offensichtlich beim Bügeln ermordet worden, da eine noch ungebügelte Bluse auf dem Bügelbrett lag. Darauf fanden sich zahlreiche Blutspritzer, die keine Zweifel daran ließen, dass die Tötungshandlung hier erfolgt sein musste.

Das Bügeleisen befand sich neben der Leiche am Boden und war offensichtlich mitgerissen worden. Allerdings war es längst erkaltet und das Kabel aus der Steckdose gezogen worden, die sich mindestens zwei Meter entfernt in der Wand befand. Am Stecker sah man Blutantragungen. Wer war da so besorgt, dass etwas in Brand geraten könnte? Und wann wurde diese Vorsichtsmaßnahme von wem durchgeführt?

In diesem Fall konnte man sowohl an der ausgedehnten Blutlache als auch den zahlreichen Blutspritzern an Wänden und am Boden erkennen, dass Auffindungsort und Tatort identisch sein dürften. Christine L. musste hier in diesem Raum überrascht und getötet worden sein. Diesen Rückschluss erlaubte schon die erste Inaugenscheinnahme, ohne den Rechtsmedizinern vorgreifen zu wollen, die auf das Lesen von Blutspurenbildern spezialisiert sind. Sie würden sogar Aussagen darüber treffen können, welche Positionen Opfer und Täter bei den jeweiligen Tatphasen innehatten, wie diese wechselten und wo und in welcher Reihenfolge jeder einzelne Tropfen oder Spritzer entstanden sein musste. Sie konnten auch einschätzen, ob es sich beim Täter um einen Links- oder Rechtshänder gehandelt haben könnte, aus welcher Richtung und mit welcher Intensität die Schläge geführt wurden und wie viele Personen im Raum gewesen sein mussten.

Peter L. hielt sich im Haus von Friedrich O. auf, wo er von Freunden aus der ganzen Nachbarschaft betreut wurde. Als ich das Haus betrat, war ich in einem Zustand erwartungsvoller Anspannung. Man hatte mir bereits mitgeteilt, dass Peter L. ein 39-jähriger Jurist war, der in einem internationalen Unternehmen arbeitete. Er saß im Wohnzimmer, und ein Kollege des Erkennungsdienstes nahm Spurensicherungsmaßnahmen an ihm vor. Momentan kratzte er ihm gerade die Fingernägel aus, weil er zum Spurenträger geworden war. Hatte er sich doch schreiend auf die Leiche seiner Frau geworfen, als er sie im Keller auffand.

Lisa befand sich derweil in Obhut der Familie ihrer Freundin Nicole, die gleich in der Nähe wohnte. Weil es keine engen Verwandten gab, sollte sie dort auch bleiben. Ein glücklicher Zufall, denn Lisa fühlte sich bei den liebevollen Eltern ihrer besten Freundin wie zu Hause.

Eine Kinderpsychologin übernahm anderntags die Aufgabe, dem Mädchen schonend beizubringen, dass seine Mama nicht mehr wiederkommen werde. Das geschah auf unsere Bitte hin, verbunden mit dem Wunsch einer vorsichtigen Befragung, ob sie etwas mitbekommen haben könnte von dem, was sich im Keller des Hauses zugetragen hatte. Gott sei Dank war das nicht der Fall. Wie sich herausstellte, bemerkten weder Lisa noch ihre Freundin Nicole irgendetwas von den schrecklichen Vorgängen.

Als Ehemann des Tatopfers und Auffindungszeuge war Peter L. unsere wichtigste Informationsquelle. Da seine sofortige, umfassende Vernehmung unabdingbar war und die Ermittler mit anderen wichtigen Dingen beschäftigt waren, übernahm ich diese Aufgabe.

Peter L. saß ganz ruhig da und ließ die Maßnahmen des Kollegen geduldig über sich ergehen. Er wirkte gefasst, was aber nicht als auffällig zu bezeichnen gewesen wäre. Menschen trauern unterschiedlich. Hunderte Male hatte ich das schon miterleben müssen, sodass mir keine Variation fremd war. Dem äußeren Anschein nach verhielt er sich so, wie man es von einem Mann, der gelernt hat, seine Emotionen im Griff zu behalten, in dieser Situation erwarten würde. Traurig, ruhig, in sich gekehrt und sichtlich betroffen. Oder angstvoll? Oder vorsichtig abwartend? Hatte er die Antennen ausgefahren?

Alles hätte möglich sein können, doch mir fiel nichts Besonderes auf. Oft erregen Täter allein durch auffälliges Verhalten unser Misstrauen. Gute Ermittler werden schnell misstrauisch und verfolgen diese Fährte hartnäckig. Deshalb wollen es die meisten Täter unbedingt vermeiden, bei der Auffindung der Leiche zugegen zu sein, denn dabei verraten sie sich leicht.

Bevor ich mit Peter L. zur Zeugenbefragung ins Präsidium fuhr, durfte er sich in einem separaten Raum umziehen. Da er sich auf die Leiche geworfen und dadurch zum Spurenträger und -verursacher geworden war, sollte seine Kleidung dem Erkennungsdienst übergeben werden. Friedrich O. lieh ihm einen Trainingsanzug.

Nun saß Peter L. auf dem Beifahrersitz meines Dienstwagens und wirkte sehr nachdenklich. Er habe schon viel von der hohen fachlichen Qualität der Münchner Mordkommission gehört, sagte er auf der Fahrt zum Polizeipräsidium. Er schätze unsere Arbeit sehr und sei zuversichtlich, dass wir alles tun würden, um diese Tat aufzuklären. Darauf könne er sich verlassen, versicherte ich ihm.

Mir saß ein Profi gegenüber, ein Jurist in einem großen Unternehmen mit sehr speziellen Aufgaben vorwiegend im Ausland. Obwohl sich der eloquente, ausgesprochen beherrscht wirkende, höfliche Mann während des kurzen Vorgesprächs sehr bescheiden gab und sein berufliches Engagement eher kleinredete, erfuhr ich erst viel später, welch bedeutende Stellung der Einserjurist innehatte. Momentan war er für mich Angehöriger eines Mordopfers. Und mit diesen Menschen geht man besonders behutsam um.

Inzwischen hatte ich Kaffee gekocht und eine Protokollführerin angefordert. Um 21.00 Uhr begann dann die schriftliche Vernehmung des Zeugen Peter L. Da gegen ihn kein Tatverdacht bestand, begannen wir sofort mit der schriftlichen Protokollierung.

Obwohl Peter L. Jurist war, belehrte ich ihn ordnungsgemäß als Zeugen. Ich wollte jeden Fehler vermeiden und wies ihn darauf hin, dass er zu wahrheitsgemäßen Angaben verpflichtet sei, dass er niemanden bewusst falsch beschuldigen und dass er auch nichts verschweigen dürfe. Gelassen, fast in sich ruhend, nahm er alles zur Kenntnis.

Dass sich diese erste Vernehmung bis 4.00 Uhr am Morgen des nächsten Tages hinziehen würde, war nicht absehbar, aber auch nicht ungewöhnlich. Vernehmungen bei der Mordkommission dauern in der Regel mehrere Stunden. Das hängt damit zusammen, dass jedes Wort sorgfältig protokolliert werden muss. So braucht man vor allem eines: Geduld.

Während der gesamten Dauer der Vernehmung wurde ich mit Informationen durch das Ermittlungsteam versorgt. Ich meinerseits teilte den Kollegen vor Ort neue Erkenntnisse mit, die sich aus der Befragung ergaben. Parallel zu dieser Befragung erfolgte eine ganze Reihe anderer Vernehmungen im Umfeld des Opfers. Zudem arbeitete der Erkennungsdienst auf Hochtouren. Bei aktuellen Mordfällen gibt es keinen Feierabend und kein Wochenende.

Ich schlug Peter L. vor, sofort zur Sache zu kommen und die Fragen zu den persönlichen Verhältnissen zurückzustellen. So begann ich mit jener Frage, mit der alle Vernehmungen dieser Art beginnen:

»Herr L., haben Sie einen bestimmten Tatverdacht?«

»Keinen konkreten. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass es mit ihren Handyverkäufen zu tun hat. Meine Frau arbeitete in leitender Position bei einer Telefonfirma und hatte ständig die neuesten Handys zur Verfügung, wobei sie die Vorgängermodelle behalten und verkaufen konnte.«

»Was ist daran so besonders? Wieso sehen Sie da einen Zusammenhang?«

»Sie inserierte in Zeitungen und zog damit immer wieder Interessenten an, die teilweise nicht sehr vertrauenswürdig wirkten.«

»Können Sie das etwas konkretisieren?«

»Mir war das gar nicht recht. Zu uns kamen immer wieder Leute an die Haustür, die teilweise aufdringlich und sogar aggressiv wurden, weil sie den Preis drücken wollten. Meine Frau war aber sehr energisch und konsequent. Manchmal wurde es laut an der Haustür. Ich habe sie oft gebeten, diese Verkaufsgeschäfte zu unterlassen, sie würde noch einmal eins über den Kopf bekommen. Ja, das habe ich wortwörtlich gesagt. Außerdem machte ich mir Sorgen, weil diese Leute damit unsere Adresse kannten. Ich bat sie, sie solle wenigstens an Lisa denken. Aber sie hörte nicht auf mich.«

»Wissen Sie, wie das heute war? Gab es da auch Angebote?«

»Ja, sie hatte vor ein paar Tagen wieder inseriert, und soweit ich weiß, waren irgendwelche Interessenten für heute angemeldet. Ich habe von den Nachbarn gehört, dass südländisch aussehende Männer im Viertel waren und etwas gesucht haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass die zu meiner Frau wollten. Es sollen Zigeuner gewesen sein.«

»Sie meinen wohl Angehörige einer reisenden Minderheit aus dem osteuropäischen Raum, oder?«

»Ja, entschuldigen Sie, ich wollte niemanden diskriminieren. Ich habe diesen Ausdruck nur wörtlich wiedergegeben, denn so wurde es mir übermittelt. Aus Gründen der Authentizität.«

»Wo ist das Handy Ihrer Frau? Trug sie es immer bei sich? War es immer eingeschaltet?«

»Meine Frau besaß zwei Handys. Ein rein privates und eines, über das sie ihre Verkäufe abwickelte. Ich konnte keines von beiden finden, und beide sind auch nicht eingeschaltet. Wobei sie ihr Geschäftshandy wegen der vielen anderen Anrufe von Interessenten, die ja teilweise noch tagelang und manchmal sogar mitten in der Nacht anriefen, sofort ausschaltete, sobald sie einen Verkaufstermin vereinbart hatte. Unsere Festnetznummer war tabu, unsere Adresse, vorerst zumindest, ebenfalls. Die Leute riefen an und meine Frau sagte ihnen, wo wir wohnen. Dann kamen sie oder auch nicht.«

»Wenn also heute Interessenten da waren, dann müssten die vorher irgendwann auf dem Handy Ihrer Frau angerufen haben. Andernfalls hätten sie ja nicht wissen können, wo Sie wohnen. Sehe ich das richtig?«

»Ja, das kann eigentlich nur so gewesen sein. Es sei denn, es waren Leute, die zufällig vorbeigekommen sind, weil sie die Adresse schon von früheren Käufen kannten. Inzwischen dürfte es ja Dutzende geben, die schon bei uns an der Haustür waren. Leider. Normalerweise müssten sich Interessenten bereits gestern oder im Laufe des heutigen Tages angemeldet haben. Nur so lässt sich erklären, warum das Handy ausgeschaltet war. Ihr privates war ohnehin nicht eingeschaltet, wenn sie zu Hause war.«

Eine ziemlich verwirrende Geschichte, das mit den Handys, dachte ich, und erstmals kamen leichte Zweifel in mir auf. Irgendetwas war hier nicht schlüssig. Da es aber momentan keine weiteren Erkenntnisse gab, wechselte ich das Thema und bat ihn, seine Frau, seine Ehe und das Familienleben zu beschreiben.

Peter L. begann zögerlich und schien sich jedes Wort genau zu überlegen. Umso mehr wunderte mich der erste Satz, denn der passte so gar nicht zu jener Familienidylle, die ich auf den Fotos zu erkennen geglaubt hatte.

»Christine konnte sehr kalt und auch sehr egoistisch sein«, sagte er leise und verstärkte noch den Eindruck tiefer Betroffenheit und Traurigkeit. Wobei mir momentan nicht klar war, ob sich diese Betroffenheit auf den Tod seiner Frau bezog oder auf ihre Gefühlskälte, die er im Folgenden ausführlich beschrieb. Es schien eher ein emotionaler Ausbruch zu sein.

Sieben Jahre seien sie verheiratet gewesen, zwei Jahre nach der Eheschließung wurde Lisa geboren. Die Tochter sei sein Ein und Alles, er liebe sie mehr als alles andere auf der Welt, berichtete er und bekam jetzt sogar feuchte Augen. Das war echt. Er sei beruflich leider sehr häufig unterwegs, vorwiegend im Ausland, das war wohl einer der Gründe, warum die Beziehung zu seiner Frau immer mehr erkaltete. Hinzu kam, dass diese beruflich nicht weniger ehrgeizig war als er. Sie wollte Karriere machen und machte sie auch. Christine war Leiterin einer Marketing-Abteilung bei einer großen Telefonfirma.

Er sei ein Einzelkind gewesen, in Kiel geboren und aufgewachsen. Seine Eltern waren beide vor über neun Jahren bei einem Autounfall auf der Autobahn ums Leben gekommen. Daraufhin ging er in eine Selbsthilfegruppe und lernte dort seine Frau Christine kennen und lieben, die das gleiche Schicksal erlitten hatte.

Auch sie war ein Einzelkind, auch ihre Eltern kamen bei einem Verkehrsunfall ums Leben, auch sie suchte Hilfe, um diesen Verlust verarbeiten zu können. Dieses fast identische Schicksal schweißte sie wohl zusammen. Sie gaben sich Halt und stützten sich gegenseitig. Es sei eine wunderbare Beziehung gewesen, und sie hätten sich sehr geliebt. Als schließlich Lisa geboren wurden, schien das Glück perfekt. Er habe nach Abschluss seines Studiums die freie Auswahl gehabt und schließlich eine Stelle bei jener Firma angenommen, bei der er auch jetzt noch arbeitete. Damit war seine Versetzung nach München möglich geworden, die sie beide nicht nur anstrebten, sondern über die sie hocherfreut waren. Sie liebten Bayern, die Berge, die Seen, den Freizeitwert. Es war ihrer beider Wunsch, nach München zu ziehen.

Seine Frau fand in München rasch eine Anstellung mit glänzenden Aufstiegschancen. Finanziell ging es ihnen prächtig, der Kauf dieser Doppelhaushälfte stellte kein Problem dar. Deshalb bestehe Gütertrennung, und es sei selbstverständlich ein Ehevertrag abgeschlossen worden. Das Haus war nahezu schuldenfrei, und die Restfinanzierung wurde eigentlich nur noch aus steuerlichen Gründen aufrechterhalten. Finanzielle Probleme waren es also nicht, die ihre Beziehung hätten belasten können.

Damit schied schon einmal das häufigste aller Mordmotive aus, nämlich Gier. Vorausgesetzt, es handelte sich um eine Beziehungstat. Aber dafür gab es momentan keinerlei Anhaltspunkte. Oder doch?

Denn Peter L. begann zu schildern, dass der krankhafte Ehrgeiz und die abweisende Art seiner Frau die Beziehung mehr und mehr infrage gestellt und sie sich mit zunehmendem Erfolg zum Negativen verändert habe. Soweit er wisse, sei sie an ihrem Arbeitsplatz wegen ihres autoritären Führungsstils ebenfalls äußerst unbeliebt gewesen. Bei einer Feier in ihrer Firma, zu der er eingeladen war, habe er deutlich spüren können, dass sie bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fast schon verhasst war. Auch zu Hause habe sich Christine zusehends verändert, ihre abweisende, teils arrogante Art habe schließlich sogar zur Abkühlung ihres Sexuallebens geführt. Das schien ihr nichts auszumachen. Am meisten habe ihn aber geschmerzt, dass sie sich auch Lisa gegenüber eher distanziert und nüchtern verhielt als liebevoll und zärtlich. Er könne sich nicht erinnern, wann sie Lisa letztmals in den Arm genommen oder ihr einen Kuss gegeben habe. Wenn er zu Hause war, sei er es gewesen, der die Kleine zu Bett brachte und ihr eine Geschichte vorlas. War er verreist, bekam Lisa keine Gutenachtgeschichte, weil ihre Mutter auch zu Hause noch am Computer arbeitete. Den Haushalt besorgte übrigens eine Zugehfrau, und wenn sie wieder einmal eine hochwertige Mahlzeit wollten, gingen sie zum Essen in ein Restaurant. Jedenfalls verhielt sie sich längst nicht mehr so, wie man es von einer warmherzigen, liebevollen Ehefrau und Mutter erwarten würde.

»Aber gebügelt hat Ihre Frau offensichtlich schon, wie wir feststellen konnten. Das passt eigentlich nicht zu dem, was Sie erzählt haben«, unterbrach ich Peter L.s Schilderung seines Familienlebens.

»Ja, gebügelt hat sie schon. Allerdings nur ihre eigene Wäsche und ihre teuren Blusen. Weil sie die nicht weggeben wollte. Alle andere Wäsche kam in die Wäscherei oder wurde von unserer Zugehfrau erledigt.«

»Wollten Sie sich trennen, gab es Scheidungsabsichten, Streit oder irgendwelche Übereinkünfte?«

»Ich habe immer wieder versucht, mit ihr zu reden und die Dinge ins Lot zu bringen, aber ohne Erfolg. Ja, wir haben vereinbart, uns zu trennen, sobald Lisa zur Schule geht. Das wäre im nächsten Jahr der Fall gewesen. Bis dahin wollte jeder weitgehend sein eigenes Leben führen, vernünftig und wie es sich für zivilisierte Menschen gehört.«

»Haben Sie eine andere Beziehung? Und wissen Sie, ob Ihre Frau eine hatte?«

»Ich selbst unterhalte keine Beziehung zu einer anderen Frau. Ich war nie untreu, und ich gehe davon aus, dass auch sie mich nicht betrogen hat. Mir ist auf alle Fälle nichts von einer anderen Beziehung bekannt. Ich glaube es eher nicht. Dazu ist ihr die Karriere zu wichtig. Mir ist jedenfalls nie etwas aufgefallen in dieser Richtung.«

»Sind Sie oft beruflich unterwegs?«

»Ja, ich bin mehrmals im Jahr für jeweils einige Wochen unterwegs. Dafür aber habe ich dann relativ viel Freizeit, wenn ich in München bin. Was auch seine Vorteile hat. Vorwiegend habe ich mich dann um Lisa gekümmert. Und natürlich um meine Frau, falls sie Zeit und Lust dazu hatte.«

»Wann hatten Sie letztmals Geschlechtsverkehr mit Ihrer Frau? Ich frage das, weil wir prüfen werden, ob sie eventuell sexuell missbraucht wurde.«

Mir war klar, dass dies sehr weit hergeholt war, denn auf eine Vergewaltigung deutete nichts hin. Die Kleidung des Opfers – Jeans und T-Shirt – sah ordentlich aus, und dass ein Sexualmörder sein Opfer nach dessen Tötung wieder komplett anzieht, ist mir nie begegnet. Aber ich sah es als Gradmesser für den derzeitigen Zustand einer Beziehung. Zumal ich immer noch nicht recht verstand, warum sich diese Frau von ihrem gut aussehenden, offenbar toleranten, intelligenten Ehemann distanziert haben sollte. Nur weil sie karrieresüchtig war? Muss man deshalb den Mann, den man einst aufrichtig geliebt hat, so vernachlässigen? Und das Kind dazu?

Wir haben vor etwa drei Wochen das letzte Mal miteinander geschlafen. Die Initiative ging von mir aus. Wie immer in den letzten Monaten. Ohne Austausch von Zärtlichkeiten lief das ab. Reiner Sex nach einigen Gläsern Rotwein.«

Irgendwie verstand ich das Ganze nach wie vor nicht. Eine intakte Familie war zerbrochen. Menschen, die alles zu haben schienen, was man sich wünschen konnte. Attraktive und gut bezahlte Jobs, Wohlstand, Gesundheit und familiäres Glück. Was war es, das diese einst große Liebe verschwinden ließ? Nur beruflicher Ehrgeiz?

Es ist unüblich, dass Angehörige von Mordopfern oder auch Selbstmördern von sich aus, ohne tatverdächtig zu sein, negative Verhältnisse und Spannungen innerhalb der Familie einräumen. Normalerweise werden diese eher verschwiegen. Selbst der Gesetzgeber hat dieser Tatsache Rechnung getragen und billigt allen Verwandten und Verschwägerten bis zum dritten Grad Seitenlinie ein Zeugnisverweigerungsrecht zu. Es hat einen sehr hohen Stellenwert in unserer Rechtsordnung und bedeutet, dass niemand gezwungen werden kann, Angehörige, sofern sie einer Straftat beschuldigt werden, belasten zu müssen. Damit verbunden ist das Recht, zu deren Gunsten sogar straflos lügen zu dürfen.

Jetzt aber saß mir jemand gegenüber, der keine Rücksicht auf irgendwelche Angehörigen nehmen musste, war doch die einzige Verwandte, die er noch hatte, seine kleine Lisa. Peter L. war als Zeuge nicht verpflichtet, sich selbst zu belasten. Ich wies ihn darauf hin, dass jedoch alles, was er aussagte, der Wahrheit entsprechen müsse – obwohl klar war, dass er die Rechtslage kannte und offensichtlich schonungslos die Wahrheit sagen wollte. Andernfalls hätte er wohl kaum die Eheprobleme so offen angesprochen. Es sei denn, er rechnete damit, dass wir es ohnehin herausfinden würden. Falls ja, musste es auch andere geben, die davon wussten. In diesem Fall wäre es tatsächlich unklug gewesen, uns zu belügen. Vielleicht hatte sich Christine L. jemandem anvertraut. Einer guten Freundin etwa, die ja bekanntlich häufig bestens informiert ist über die familiären Verhältnisse. Ob unser Tatopfer solch eine Freundin hatte, vermochte uns Peter L. allerdings nicht zu sagen. Es gebe einige Nachbarinnen, mit deren Familien freundschaftliche Beziehungen bestünden, inwieweit seine Frau aber mit einer dieser Damen enger befreundet gewesen sei, könne er nicht sagen. Oder wollte er nicht? Jedenfalls fand ich es eigenartig, wenngleich ich andererseits wusste, dass es tatsächlich Menschen gibt, die keine Freunde haben. Es schien ein wenig ergiebiges Umfeld zu sein, in dem sich Christine und ihr Mann Peter bewegt hatten. Blieben noch die Arbeitskolleginnen und -kollegen. Wir würden es herausfinden. Jetzt aber, so entschloss ich mich, würde ich am besten erst einmal zur Sache kommen.

Ihre Frau wurde offensichtlich im Keller angegriffen und getötet. Dafür spricht die Spurenlage. Können Sie sich das erklären?«

»Ich kann mir das nur so erklären, dass ich tatsächlich die Haustür nicht richtig zugezogen habe. Das ist mir schon ein paarmal passiert, die Tür schließt schwer. Man muss sie wirklich mit Kraft zuziehen, damit sie einschnappt. Lisa zum Beispiel schafft das gar nicht. Es kann nur so gewesen sein, dass die Täter ins Haus eindrangen, im Keller auf meine Frau stießen und sie dort töteten. Mein Gott, dann bin ja ich schuld.«

»Der Stecker für das Bügeleisen war herausgezogen. Haben Sie das gemacht?«

»Nein. Vielleicht sie selbst. Vielleicht hatte sie gerade aufgehört zu bügeln, als sie überfallen wurde, und den Stecker schon herausgezogen.«

»Mit blutigen Händen?«

»Das kann ich mir auch nicht erklären.«

Das war merkwürdig. Von wegen schwergängige Tür. Dem Nachbarn gegenüber hatte er noch versichert, die Tür fest zugezogen zu haben. Und welche Fremdtäter ziehen den Stecker aus der Sorge heraus, es könnte ein Brand entstehen? Das Gegenteil ist der Fall. Manche legen sogar Feuer, um Spuren zu vernichten. Den Stecker konnte nur jemand gezogen haben, der einen Brand vermeiden wollte. Um die Kinder im Obergeschoss nicht zu gefährden? Jemand, der Blut an den Händen gehabt haben musste. Und zwar schon vor Auffinden der Leiche. Danach konnte es nicht gewesen sein, weil es sonst der Nachbar, der sich bereits im Haus aufhielt, mitbekommen hätte.

Ich schöpfte plötzlich Verdacht. Jedenfalls hielt ich es für möglich, dass Peter L. die Tür absichtlich offen gelassen haben könnte. Weil es die einzige plausible Erklärung war, warum seine Frau nicht schon an der Haustür angegriffen und erschlagen wurde, sondern in ihrem Wäscheraum im Keller, wo sie – arglos bügelnd – überrascht wurde. Das wiederum war nur möglich, wenn die Kriminellen unbemerkt ins Haus gelangen konnten. Und ungehindert ins Haus konnten sie nur gelangen, wenn die Haustür offen stand.

Es waren zwei Stunden vergangen, und wir legten eine Pause ein. Peter L. ging auf den Flur hinaus und vertrat sich in den langen Gängen des Polizeipräsidiums die Beine. Ich nutzte die Zeit, um mit den Kollegen vor Ort zu telefonieren. Insbesondere führte ich ein längeres Gespräch mit dem Beamten, der den Nachbarn, unseren zweiten Auffindungszeugen, vernommen hatte. Ein Zeuge, wie man ihn sich besser nicht wünschen könnte. Als erfahrener Gymnasiallehrer war er geschult im Erkennen von abweichendem, auffälligem Verhalten. Was er aussagte, bestätigte meine Gedankengänge, verstärkte meinen Verdacht und sollte unseren Profi in arge Bedrängnis bringen.

Anschließend setzte ich die Befragung fort:

»Herr L., inzwischen wurde Ihr Nachbar vernommen. Daraus haben sich einige Ungereimtheiten ergeben, die wir klären sollten. Sind Sie dazu bereit?«

»Ja, selbstverständlich. Obwohl ich gleich sagen möchte, dass mein Nachbar fast genauso aufgeregt war wie ich.«