Unschuldig böse - Cécile de Saint-Pierre - E-Book
SONDERANGEBOT

Unschuldig böse E-Book

Cécile de Saint-Pierre

0,0
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Fall, der nie abgeschlossen wurde. Ein Vater, der schweigt. Eine Wahrheit, die niemand wissen darf. Zehn Jahre nach einem ungelösten Verbrechen kehrt Ex-Kommissar Arsène Dupin widerwillig in die Normandie zurück. Ein Ort, den er nie wieder betreten wollte. Doch die Vergangenheit wartet dort bereits auf ihn – geduldig und kalt. Der mächtige Senator de Beaucourt beauftragt Dupin, den Tod seiner Tochter Marlène zu untersuchen. Eine Frau, die Arsène kannte. Eine Frau, die ihn nie verlassen hat. Mit jedem Schritt, den er tiefer in die alte Geschichte eindringt, wird klarer: Hier spricht niemand die Wahrheit. Nicht der Senator. Nicht die Familie. Nicht einmal Arsène selbst. Ein Psychothriller über Schuld, Macht, zerstörte Loyalitäten und ein Schweigen, das tödlicher ist als jede Waffe. Atmosphärisch. Leise bedrohlich. Und unaufhaltsam. Für Leser*innen von düsteren, subtilen Thrillern, die Fragen stellen, die lange nachhallen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


PROLOG
ALLEIN
AUF IN DIE NORMANDIE
MONSTER
EINE BEGEGNUNG
VATER UND SOHN
EIN SCHÖNER TAG
EIN SELTSAMER AUFTRAG
DÉJÀ-VU
NACHDENKEN MIT EINEM ALTEN FREUND
RUHEPAUSE
ARSÈNE TRIFFT WEITERE BEKANNTE
CHARLÈNE
NACHDENKEN
CORINNE
CHARLES
PHILIPPE
LULU
CHARLÈNE AM MEER
DER BEFUND
OFFENE FRAGEN
CHARLÈNE UND ARSÈNE
BIZUTAGE
WIEDER ZU HAUSE
NACHDENKEN MIT GILBERT
ABENDESSEN MIT CHARLÈNE
CHARLES ALIBI
CHARLES WIRD BEFRAGT
BEIM SENATOR
CHARLÈNE BELASTET JACKY
GUTE LAUNE
CHARLÈNE
JACKY IN UNTERSUCHUNGSHAFT
STREIT MIT DEM SENATOR
CORINNE’S ANKUNFT
DAS ENDE
TRAUERFEIER
AUFBRUCH
EPILOG
SONGS UND ÜBERSETZUNGEN
NACHWORT
BUCHBESCHREIBUNG
ÜBER DIE AUTORIN

 

 

Unschuldig Böse

 

Cécile de Saint-Pierre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unschuldig Böse

Psychothriller

 

Cécile de Saint-Pierre

 

 

 

1. Auflage, 2025

© 2023 Cécile de Saint-Pierre

Alle Rechte vorbehalten.

Verlag: Cécile von Mutzenbecher

Schanzenstrasse 18, 4056 Basel

 

Umschlaggestaltung: © Copyright by Loredana Steiner Foto: »Mystical« by Sarah Walters from Getty Images, licensed by Canva Pro

 

Herstellung: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Herausgebers reproduziert oder in einem Abrufsystem gespeichert oder in irgendeiner Form oder auf irgendeine Weise elektronisch, mechanisch, fotokopiert, aufgezeichnet oder auf andere Weise übertragen werden.

 

 

 

»La vie, perdue dans la faute, se retrouve dans l’expiation.«

André Suarès

 

»Der Beginn der Sühne ist das Bewusstsein ihrer Notwendigkeit.«

George Gordon Byron

 

 

 

 

 

 

 

Für den Schweizer

 

 

 

 

Je remercie Madame Alexandrine Louise de Chevry pour son histoire, qui m’a inspirée à écrire ce livre.

Cécile de Saint-Pierre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

PROLOG

Die Leiche sei dort bei der Böschung. Er nickte und lief durch den Wald darauf zu. Er hatte ein ungutes Gefühl. Das Ziel schien unendlich weit entfernt zu sein. Er marschierte eine gefühlte Ewigkeit. Angekommen starrte er hinunter. Der Abgang war stark abschüssig. Lange schaute er hin. Außer einem roten Farbklecks konnte er nichts erkennen.

Was ist das? Kleidung?

Dann versuchte er die steile Böschung hinunterzusteigen. Verdammt ist das rutschig! Ein paar Mal drohte er das Gleichgewicht zu verlieren. Diese neuen Schuhe waren gänzlich ungeeignet, der Hang schlammig, es hatte nachts geregnet. Die letzten Schritte wurden zur Schlitterpartie.

Endlich unten.

Der Boden auch hier verschlammt, Gestrüpp und eng stehende Buchen. Wie Stäbe von einem Käfig, ›und hinter tausend Stäben keine Welt‹.

Er schaute sich um, hier war eine gute Stelle, um eine Leiche abzulegen, vom Weg aus nicht sichtbar. Doch ein Hund hatte sie entdeckt.

Jetzt konnte er den Körper sehen. Das Rote war eine Jacke, sie erinnerte ihn an eine andere Jacke. Er trat näher. Die Tote lag auf dem Bauch, das Gesicht von langem Haar verdeckt. Ihm war sofort klar, dass es eine Frau war. Warum hätte er nicht beantworten können. Jetzt stand er endlich vor der Leiche mit dem dunklen Haar. Angst kroch in ihm hoch, eine diffuse Angst. Irgendetwas kam ihm bekannt vor. Um sich zu beruhigen, machte er ein paar tiefe Atemzüge, es funktionierte nicht. Seine innere Unruhe wurde immer schlimmer. Die Jacke. Die knallrote Daunenjacke! Ein Erinnerungsfetzen kam hoch.

Es gibt viele rote Jacken! Es muss nicht die sein!

Lange nestelte er in seiner Manteltasche nach den Gummihandschuhen. Beim Überziehen wollten sie nicht passen. Verdammter Mist. Er versuchte es nochmals.

Erst in den Handschuh blasen, hatte man ihm mehrmals erklärt. Er befolgte den Rat, endlich funktionierte es. Er konnte nicht warten, bis die Spurensicherung kam, er musste Gewissheit haben.

Ihr Gesicht, ich muss ihr Gesicht sehen. Es ist die Jacke! Ich kenne die Jacke!

Langsam, wie in Zeitlupe beugte er sich über den toten Körper. Sachte, fast sanft berührte er ihre Schulter, nur um sie kurz anzuheben. Er ging in die Knie, hob ihre linke Schulter. Sein Herz pochte, dass es geradezu schmerzte.

Da erkannte er sie.

Er erstarrte.

Oh nein, nicht sie!

Erschrocken ließ er die Schulter zurückfallen.

Sie ist es!

 

ALLEIN

Ach nein, Sie sind allein an den Feiertagen? Mindestens zehn Mal hatte Arsène diesen Satz gehört. Wie armselig – so der Subtext. Schließlich waren nur Versager und Gestrandete an Weihnachten auf sich alleine gestellt. Er überlegte, in welche Kategorie er sich einreihen würde. Vermutlich in erstere.

Wie konnte es so weit kommen? Was ist schiefgelaufen?

Halt! Nicht darüber nachdenken. Das bringt doch nichts.

Lulu!

Er blickte auf die Straße. Leergefegt. Wen wundert's am Weihnachtstag! Und dann noch dieses Sauwetter. Endlose Fluten ergossen sich vom Himmel. Sturzbäche überfluteten den Gehsteig. Ein eisiger Wind fegte über die Boulevards.

Auf dem Balkon der gegenüberliegenden Wohnung blinkte eine aufdringliche Weihnachtsbeleuchtung und in seinem Kopf schwirrte der Song ›Jingle Bells‹ umher. Er hatte die Melodie beim Einkaufen aufgeschnappt. Und jetzt wurde er den Ohrwurm nicht mehr los. Dabei gefiel ihm dieses Lied gar nicht.

Arsène trat einen Schritt zurück und erhaschte sein Spiegelbild im Fenster. Ein großgewachsener, kräftiger Mann mit ungekämmtem dunklem Haar. Jetzt bin ich Ende fünfzig. Herrje, und man sieht es mir auch deutlich an.

Ihm gefiel nicht, was er sah.

Er riss sich los und lief in den Flur. Er fühlte sich wie ein gefangenes Tier. Wohin sollte er gehen? Wie konnte er vor sich entkommen? ›und hinter tausend Stäben keine Welt‹ wieder diese Zeile. Von wem war das Gedicht? Wie hieß es noch? Irgendwas mit einem Panther?

Während er darüber nachdachte, rückte er im Flur einige Gegenstände an ihren Platz. Den Schirm zurück in den Ständer, den Schal an die Garderobe, die Winterstiefel in den Schuhschrank.

Die leere Vase auf dem Beistelltisch deprimierte ihn. Er marschierte ins Wohnzimmer. Dort schnappte er sich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Stehend drückte er alle Sender durch. Nur Unterhaltungsshows oder erbärmliche Filme, um alleinstehende Menschen von ihrer Einsamkeit abzulenken. Kein Wunder, dass die Selbstmordquote an Weihnachten stieg, bei dem Programm. Er schaltete aus und knallte die Fernbedienung auf den Tisch. Phoebe, seine Hündin, erwachte von dem Krach und äugte verschreckt in seine Richtung.

»Alles in Ordnung, meine Kleine«, beschwichtigte er sie.

»Ich bin von diesem blöden Fernsehprogramm genervt. Sei ehrlich, wie hält das ein normaler Mensch aus? Das macht mich sauer, verstehst du?«

Sie streckte sich, gähnte und schloss wieder die Augen.

Ein Hund müsste man sein!

Er wandte sich ab und durchquerte mit zügigen Schritten das Wohnzimmer, tigerte durch den Flur, weiter zum Schlafzimmer und beendete die Tour in der Küche. Dort vollzog er eine Kehrtwende und marschierte das Ganze in umgekehrter Reihenfolge ab. Zurück am Ausgangspunkt ließ er den Blick durch den Raum schweifen, als würde er ihn zum ersten Mal sehen. Lange betrachtete er das geschmackvolle geblümte Sofa, auf dem Phoebe so gerne lag. Die ungeliebte Vitrine, ein Geschenk seiner Schwiegermutter. Die Bücherwand, mit vielen ungelesenen Krimis. Und zum Schluss den modernen Antistress-Ledersessel. Ein hässliches Ungetüm, das absolut nicht zur Einrichtung passte. Corinne hatte laut gelacht, als Arsène ihr seine neueste Errungenschaft präsentierte.

»Oh nein«, hatte sie gemeint, der sei aber scheußlich, den solle er postwendend zurückbringen.

»Sicher nicht«, hatte er pariert. Und etwas wie, der Sessel sei total entspannend, hinzugefügt. Bei der Vorführung des Monstrums drückte er auf einen falschen Knopf und die Lehne kippte unversehens nach hinten. Sein Oberkörper wurde mitgeschleudert. Corinne hatte sich kaputtgelacht.

Jetzt wirkte das Riesenteil wie ein Fremdkörper auf ihn, und er fand es kindisch, den Kauf durchgesetzt zu haben. Corinne hatte recht behalten. Wie so oft.

Er vermisste seine Frau. Wie lange war sie schon weg? Zehn Monate, rechnete er nach. Dabei hatte sie nur drei bleiben wollen.

»Aber nein, ich verlasse dich nicht«, hatte sie gesagt, doch für ihn hatte es genauso geklungen. Sie wolle unbedingt bei diesem Projekt mitarbeiten. Entwicklungshilfe, ein lang ersehnter Wunsch. Das müsse er doch verstehen? Und dann setzte sie zum Todesstoß an: »Das hat nichts mit dir zu tun.«

Dabei war vollkommen klar, dass sie log. Natürlich hatte es mit ihm zu tun.

Bleib, hätte er rufen können, doch er nickte nur verständnisvoll. Wie blöd muss man sein!

Er betrachtete weiter sein Wohnzimmer. An den Wänden hingen gerahmte Plakate von Ausstellungen, die Corinne und er besucht hatten. ›Bildungsprogramm‹ hatten sie solche Museumsbesuche genannt, schließlich wollte man mitreden können. Er rückte die Rahmen wieder zurecht. Rätselhaft. Welche Macht bringt Bilder immer wieder in Schieflage?

Das Geraderücken der Bilderrahmen zeigte keine positive Wirkung. Und überhaupt: Sein Wohnzimmer erschien ihm verlebt. Total deprimierend.

Wann wollte Corinne sich melden? Gegen zehn? Er marschierte in Richtung Schlafzimmer, um den Computer zu holen. Manchmal rief sie per Video an. Er malte sich aus, wie sie aus dem Notebook lächeln würde. Unterwegs legte er einen Zwischenstopp im Bad ein. Er kämmte sich und schaute kritisch in den Spiegel. Seine Augen erschienen ihm verquollen. Er zog am unteren Augenlid. Etwas gelb, oder? Habe ich es nun mit der Leber? Das war geradezu unmöglich, denn vor zwei Jahren hatte er den Alkohol komplett aufgegeben. Nach dem Infarkt, nein, Zwischenfall, so hatte es der Kardiologe genannt.

***

Wie viel Zeit ihm bleibe, hatte Arsène gefragt und sich bei dieser Frage wie in einem Film gewähnt. Der Held erfährt, dass er an der Schwelle zum Tod steht. Dabei verzieht er keine Miene und zückt eine To-do-Liste. Auf der stehen Dinge, die er noch abhaken will. Natürlich nur verrückte Sachen: Wie eine Bank überfallen, von einer Klippe springen, das ganze Ersparte in einer Nacht auf den Putz hauen oder so ähnlich. Was für Eskapaden genau auf seiner Liste stehen würden, war ihm unklar gewesen, aber der Gedanke erschien ihm verlockend. Der Kardiologe hatte gelächelt und Akten auf seinem Schreibtisch geordnet. Wie er das denn meine, hatte er schließlich erwidert.

»Wie lange noch?«, hatte Arsène wiederholt. Da hatte der Arzt seine Brille abgenommen und seinem Gegenüber direkt in die Augen geschaut.

Wer wisse das schon? Schulterzucken. Aber wenn die Frage lautete, wie lange sein Herz noch schlagen würde, so würde er mit gutem Gewissen bestätigen: Lange – lange genug. Er sei fast geneigt, zu behaupten, sein Herz würde ihn überleben. Er sei nämlich gut in seinem Job. Vorausgesetzt, der Patient halte sich an seine Vorgaben. Er wisse schon, nicht rauchen, gesund essen, keinen Alkohol und Bewegung, viel Bewegung …

Tatsächlich, hatte Arsène dazwischengefunkt, andererseits, ein Infarkt sei doch …

Er habe aber keinen Infarkt gehabt, wurde er vom Kardiologen belehrt: »Eher einen Zwischenfall, genau, nennen wir es einen Zwischenfall. Und jetzt läuft alles wieder rund. Wie bei einem Auto.« Er solle sich einen Motor nach einem Service vorstellen, der laufe anschließend noch runder, und er habe einen kompletten Service erhalten. »Kein Grund zur Sorge …«

Da beschlich Arsène fast so etwas wie Enttäuschung. Doch keine Wunschliste abhaken. Et merde!

»Na dann, wenn weiter nichts ist …«, hatte der Arzt die Sprechstunde beendet und professionell gelächelt. Er hatte es offenbar eilig.

Vom Gespräch mit dem Kardiologen behielt Arsène vor allem zwei Aussagen in Erinnerung: Genügend Bewegung und wenig Alkohol. Denn genau dies waren seine Schwachstellen. Er verabscheute Sport, und den Alkohol einschränken, fand er schwierig.

So entschied er, doch etwas Verrücktes zu tun. Er marschierte ins nächste Tierheim. Dort wurde er gefragt, was für ein Tier er denn gerne adoptieren wolle.

»Einen Hund«, hatte er zögernd geantwortet.

»Soso, einen Hund. Und was für einen Hund?«, hatte sich die Tierheimangestellte erkundigt.

Er zeigte ungefähr einen halben Meter zwischen den Händen. So groß müsse er sein.

»Also einen kleinen Hund?« Ob er denn hier in Paris lebe?

Er nickte. Sie überlegte. Habe er genug Zeit für einen Hund? Was er denn beruflich mache? Und lebe er alleine?

»Das ist ja ein richtiges Verhör«, erwiderte er. Er sei Kriminalkommissar, verheiratet und habe ein Kind. Und der Hund könne ihn überall begleiten.

Die Angestellte nickte beeindruckt und entschuldigte sich. Aber ihr Ziel sei, die Tiere nur in gute Hände abzugeben. Ob er eine Vorstellung habe, was für einen Charakter oder welche Eigenschaften der Hund haben sollte?

»Hm, klein?«

Sie lächelte, ja das habe sie verstanden. Aber was wolle er mit seinem zukünftigen Hund unternehmen? »Hundesport, Agility, Wandern, Jagen?«

Ob man nach solchen Kriterien einen Hund aussuche?

Sie nickte. Manche Menschen würden das tun!

Er schüttelte den Kopf. Nein, nein, das sei ihm alles egal. Er wünsche sich einen Gefährten, der ihn spazieren führt.

Sie schaute amüsiert. Dann habe sie möglicherweise genau das, was er suche. Eine Hündin, wenn das in Ordnung sei. Ein Sky-Terrier. Sie sei bereits acht Jahre alt und daher schwer zu vermitteln. Natürlich sei sie ein Terrier, aber da sie schon älter sei, dürfte es keine Probleme geben. Sie könne ihm die Hündin zeigen. Mit federndem Gang lief sie durch einen dunklen Flur. Dann öffnete sie eine schwere Tür, die ins Freie zu den Zwingern führte.

Arsène fand es traurig. Die armen Tiere, alle im Knast. Einzelhaft. Es wurde gewinselt und gebellt. Die Frau blieb stehen. Hier, das sei sie. Er erblickte ein kleines Fellknäuel mit vielen Haaren und seltsamen Ohren. Es saß hinten im Käfig. Er zeigte auf das Tier. Ob sie dieses da meine, fragte er zur Sicherheit nach.

»Ja, genau.« Ob sie ihm gefalle?

Er wisse nicht, wo sei denn das Gesicht?

Moment, sie würde sie rufen. »Fifi, komm her, na komm …«

Das Tier erhob sich, lief zum Gitter und wedelte mit dem Schwanz. Arsène trat näher heran. Der Hund wirkte interessiert.

Ob sie glaube, dass der Hund ihn möge?

»Sicher, sie ist wirklich sehr freundlich.«

Aber ob sie denn überhaupt etwas sehe, hatte Arsène besorgt gefragt.

Ja, keine Sorge, das müsse so sein. Das sei typisch für einen Sky-Terrier. Sie sei erst ein paar Tage hier, ihre Besitzerin sei verstorben.

Das Tier schnüffelte an Arsène herum. Die Hündin gefalle ihm, erwiderte er, was sie davon halte?

Wie sie bereits erwähnt habe, sei sie ein Terrier. Als ob ihm klar sein müsste, was das bedeuten würde. Ob er mit ihr spazieren gehen wolle?

Arsène nickte und nahm die Leine. Der kleine Hund lief, ohne zu zögern, mit. Sie marschierten, seltsam vertraut, auf dem Weg vor dem Tierheim auf und ab. Er hatte noch nie einen Hund an der Leine geführt, es gefiel ihm. Die Hündin lief gelassen nebenher und warf ihm ab und zu einen aufmerksamen Blick zu. Zumindest glaubte Arsène, ihre Augen hinter den vielen Fransen zu erhaschen. Zurück im Tierheim meinte er, dass er sie mitnehmen wolle.

Mein Gott, was das denn sei, hatte Corinne entgeistert gefragt und die Augen gen Himmel verdreht, als er mit Phoebe auf dem Arm nach Hause kam. Wozu er einen Hund brauche?

Na, dann müsse er regelmäßig raus. Das sei doch perfekt. Der Kardiologe habe gemeint, er solle spazieren …

Jaja, schon gut. Sie wisse genau, was Ärzte raten. Aber er habe doch gar keine Zeit. Und eines sage sie, sie würde sich nicht um den Hund kümmern. Um ihre Entschlossenheit zu demonstrieren, machte sie ihr Arzt-Gesicht: Zusammengezogene Augenbrauen und einen verkniffenen Mund.

»Sie heißt Phoebe und ist ein acht Jahre alter Sky-Terrier«, hatte er etwas trotzig geantwortet.

Wie sei ihr Name? Fifi?

Nein Phoebe, er habe erst auch Fifi verstanden.

»Ach so, Phoebe, das macht es natürlich besser», hatte Corinne mit ironischem Unterton die Diskussion beendet.

Die zweite verrückte Sache, die er nach dem Zwischenfall umsetzte, war die Abstinenz. Diese Maßnahme machte Corinne echt zu schaffen.

Nicht nur seine Frau reagierte seltsam auf diese Entscheidung. Auch Arbeitskollegen und Bekannte fanden sie befremdlich. Manchmal kam es sogar zu blöden Situationen, wenn ihn alle, bereits angesäuselt, zu einem Drink überreden wollten.

Höhepunkt der Abstinenzkrise wurde ein Abendessen mit Jean-Louis, Corinnes Studienkollege und bestem Freund. Arsène konnte ihn nicht ausstehen, er fand ihn laut, ungehobelt und seine Selbstüberschätzung unerträglich. Aber seine Frau sah das anders. An diesem Abend benahm sich Jean-Louis ausgesprochen unmöglich. Bereits vor dem Dessert hatte dieser Kerl, quasi alleine, zwei Flaschen Wein getrunken. Bei jedem Glas, das er in sich hineinleerte, murmelte er so etwas wie: »Komm alter Freund, trink doch einen mit.«

Als kein Wein mehr da war, verlangte er nach etwas Stärkerem. Corinne stellte eine Flasche hin. Und dann kippte Jean-Louis eine halbe Flasche Calvados achtlos runter. Ein wertvoller alter Calvados, notabene.

Mit jedem weiteren Glas schwafelte er mehr Unsinn. Offenbar sah er an diesem Abend seine Mission darin, seinen Gastgeber zum Trinken zu überreden. Bis Jean-Louis nur noch lallte und auf dem Sofa der Dupins einschlief.

Arsènes Wut auf diesen Blödmann war ungebrochen, denn genau mit ihm war Corinne nach Mali aufgebrochen.

***

Lange, was heißt lange, sinnierte Arsène über die Prognose des Arztes. Zehn Jahre? Oder mehr? Weniger? In zehn Jahren bin ich Mitte sechzig. Sicher, lange genug, um nicht hier zu versauern.

Er öffnete den Wasserhahn. Etwas kaltes Wasser, damit ich frischer aussehe. Ich darf auf keinen Fall jämmerlich wirken. Er straffte die Schultern. Sie sollte nicht denken, dass er ohne sie nicht zurechtkam. Mit entschiedenem Gang marschierte er ins Wohnzimmer, setzte sich zu Phoebe aufs Sofa und wartete auf den Anruf.

Eine Stunde später war Arsène in Rage. Ist es denn so schwierig, einmal eine Verabredung einzuhalten? Schon immer hatte ihn Corinnes leichtfertige Art, mit der Zeit von anderen Menschen umzugehen, geärgert. Aber das war die Höhe! Nicht mal an Weihnachten war sie pünktlich.

Als sein Telefon klingelte, maulte er ohne Begrüßung: »Ah, doch noch, nicht zu früh …«

»Wer? Ah, Claude, hallo! Du bist es, entschuldige, dich habe ich nicht erwartet.« Er rang um Haltung.

»Das ist wirklich aufmerksam, aber ich erwarte einen Anruf von Corinne und ehrlich gesagt, bin ich auch echt müde.« Er bemühte sich, Müdigkeit in seine Stimme zu legen.

»Silvester? Mal sehen. Danke und grüße deine Familie. Schön, dass ihr an mich gedacht habt.«

»Ja, salut.«

Sie legten auf. Arsène war gerührt. Die gute Claude, immer zur Stelle. Er hatte gerne mit ihr gearbeitet. Etwas versöhnlicher gestimmt, ging er kurz mit Phoebe vor die Tür. Von Corinne kein Lebenszeichen. Verdammter Mist.

Gegen Mitternacht legte er sich schlafen.

***

Er träumte.

Das Meer. Grün-blau. Wolkenverhangener Himmel.

»Schau mal, grand-mère, was ich gebaut habe«, sagt ein kleiner Junge und zeigt auf eine Sandburg.

»Jetzt schau doch endlich!«

Die Frau sitzt in einem Liegestuhl und trägt einen Strohhut. Auf ihrem Schoß liegt ein Buch. Endlich schaut sie in die angedeutete Richtung.

»Schön, mon grand, das hast du gut gemacht.«

Der Junge freut sich und hebt nun eifrig einen Graben um seine Burg herum aus.

Die Frau blickt aufs grünblaue Meer … Sie steht auf und fragt: »Soll ich dir ein Eis holen?«

»Oh ja, darf ich jetzt echt ein Eis essen?«

Sie nickt und lächelt, dann läuft sie zur Strandpromenade und verschwindet aus dem Blickfeld.

***

Als Arsène erwachte, war der Traum noch da.

Grand-mère, das Meer!

Er sprang hoch und erschreckte Phoebe, die auf dem Bett an seinen Füßen döste. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es noch früh war. Aber egal.

»Ha, ich hab’s. Weißt du was? Wir fahren in die Heimat. In grand-mères Haus, in unser Haus. Was meinst du?«

Der Hund schien nicht sehr begeistert. Arsène jedoch war Feuer und Flamme. Er stand auf und plapperte weiter: »Ja, ich gebe zu, Ende Dezember in die Normandie zu fahren, ist nicht so ideal, aber hör zu: Es ist ein hübsches Haus, gut, etwas verlebt, aber das ändern wir. Renovieren, das wollte ich schon immer mal machen. Und wenn wir nicht am Haus arbeiten, spazieren wir am Meer oder kaufen auf dem Markt ein. Lesen, das ist auch eine Idee, endlich alle Maigret-Romane. Oder die Abenteuer von Arsène Lupin. Na, was hältst du davon? Ich war schon ein paar Jahre nicht mehr dort. Und papa besuchen, das ist eine gute Idee. Du kennst ihn noch gar nicht. Es ist schön dort, du wirst sehen, es wird uns guttun. Die Ruhe! Das Landleben! – Überzeugt? Ich organisiere das heute.«

***

»Hallo papa?«, schrie Arsène ein paar Stunden später ins Telefon. Sein Vater war etwas schwerhörig. »Ja ich bin’s. Hast du schöne Weihnachten verbracht?«

»Wie geht’s Jules und Mimi?«

»Ja danke, bei mir ist alles in Ordnung …«

»… ja, bei Corinne und Marion auch, soweit ich weiß.«

»Du, hör zu, ich habe mir überlegt vorbeizukommen. Will aber sicher sein, dass das Haus leer steht … Du wolltest es doch vermieten.«

»Was?«

»Falsche Jahreszeit? Na wunderbar!«

»Wozu ich das wissen will? Eben, weil ich einziehen möchte.«

»Ja genau, ich habe ja nun Zeit und …«

»Nein, sie haben mich nicht entlassen, ich bin gegangen. Also, dass du immerzu davon anfängst. Sag schon, ist das mit dem Haus in Ordnung?«

»Warum willst du wissen, wie lange ich bleibe? Ist es doch vermietet?«

»Ah, nein! Eben, schließlich ist es mein Haus.«

»Nein, ich bin nicht gereizt, ich wollte es nur klarstellen!«

»Danke, gut, wir sehen uns in ein paar Tagen, ich ruf nochmal an.«

»Ja, bis dann …«

»… dir auch.«

Er legte auf.

»Ha! So meine Kleine, das wäre gefixt!«

 

AUF IN DIE NORMANDIE

Nach einer unruhigen Nacht verstaute Arsène gegen acht Uhr morgens sein Gepäck im Wagen. Als er unter der Dusche gestanden hatte, war ihm seine Idee, in die Normandie zu fahren, doch nicht mehr so gut vorgekommen. An manches wollte er nicht mehr erinnert werden. Er wog seine Optionen ab. Ich kann natürlich auch hierbleiben. Doch jetzt habe ich bereits alles mit papa vereinbart. Was soll’s, es ist viel Zeit vergangen seit dem Brand. Zehn Jahre! Vielleicht ist nun endlich der Moment gekommen, sich der Vergangenheit zu stellen. Das klang irgendwie … Marlène, ich kann nichts dafür! Oder? Ich war schließlich nicht da.

Arsène drehte das Wasser voll auf. Der kalte Strahl bestärkte seinen Entschluss. Um sich alle Möglichkeiten offenzuhalten, packte er großzügig. Zwei große Koffer mit Kleidung, eine Reisetasche mit Schuhen und eine Bananenschachtel voller Bücher. Eine Weitere mit Schallplatten und dem Kofferplattenspieler.

Es goss in Strömen. Phoebe flüchtete sich auf den Beifahrersitz. Madame hasste Regen. Der Wetterdienst hatte sintflutartige Schauer gemeldet und sich nicht geirrt.

Die Fahrt durch Paris dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Doch als er das Schild für die A14 Richtung Rouen erblickte, beglückwünschte er sich zu seinem Entschluss.

Auf in die alte Heimat. So sein Gefühl.

Obwohl er damals, vor fünfunddreißig Jahren, das Dorf nicht schnell genug hatte verlassen können. Der Anblick von Marlène und Jacky im Glück kotzte ihn an. Kaum auszuhalten, das frisch vermählte Paar immer wieder im Dorf anzutreffen. Er musste weg, so schnell es ging. Es fiel ihm schwer, das grand-mère mitzuteilen. Doch als er endlich den Mut fasste und sie mit seinem Vorhaben konfrontierte, wirkte sie nicht sehr überrascht. Ruhig hörte sie zu, bis er erwähnte, die Polizeischule besuchen zu wollen. Er meinte, so etwas wie Enttäuschung in ihrem Blick gesehen zu haben. Sie hatte sich eine andere Berufswahl für ihn erhofft, das wusste er.

»Aber warum Polizei?«, hatte sie gefragt und eine ihrer Slim-Zigaretten angezündet. Nun, wie sollte er ihr das erklären? Kriminalpolizei, klang nicht gerade glanzvoll.

Der Wunsch zu diesem Weg, war ihm während des Militärdienstes wie eine Erleuchtung gekommen. Plötzlich war er da gewesen. Der Wunsch, jedem Opfer eine Stimme zu geben. Vermutlich hatte es mit dem Gefühl der Ohnmacht zu tun, das ihn überfiel, wenn von Opfern die Rede war. Der Begriff ließ vergessen, dass es sich um Menschen handelte, mit einer Familie, einem Leben und einer Zukunft. Arsène bemühte sich, diese Gedanken seiner Großmutter darzulegen.

Sie hörte aufmerksam zu und kommentierte zum Schluss: »Ouimon grand, ich glaube, ich kann dich verstehen. Es ist der richtige Weg für dich.«

Erleichtert und glücklich umarmte er sie, drehte sich mit ihr im Kreis, und sie kreischte wie ein junges Mädchen. Sie war glücklich, das konnte er sehen.

***

Arsène überkam ein warmes Gefühl, als er die grüne, saftige Landschaft vor sich sah. Und erst der Himmel, immer in Bewegung. Wundervoll!

Gegen Mittag fuhr er auf der Landstraße Richtung Tessy.

»Jetzt ist es nicht mehr weit«, sagte er zu Phoebe, die auf dem Beifahrersitz thronte. In Tessy bog er links Richtung Moyon ab. Die paar Kilometer bis zu seinem Ziel führten ihn durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Ein, zwei Höfe und Felder, viele Felder. Und Kühe, normannische Kühe. Kräftige, braun-weiß gescheckte Tiere mit dichtem Fell. Unerschrocken trotzten sie dem strömenden Regen und grasten friedlich.

Kurz vor seiner Einfahrt setzte er den Blinker. Drei unterschiedliche Briefkästen zierten die Einfahrt. Neu war ein weißes Schild: Chez Max, maison d’hôtes.

Ah, da hat sich was getan. Er fuhr im Schritttempo die dreißig Meter bis zum Tor. Seinem Haus gegenüber, dem ersten rechts, stand das Ferienhaus der alten Engländer. Am Ende der Sackgasse, durch ein weißes Portal abgetrennt, befand sich das letzte Anwesen. Er stellte den Motor ab.

»Bleib du im Wagen«, wies er Phoebe an. Sie gähnte und machte keinerlei Anstalten, ihn begleiten zu wollen. Den Schlüsselbund fand er auf Anhieb im dritten Blumenkasten vor dem Tor. Schon grand-mère hatte ihn dort hinterlegt. Aber das Schloss klemmte. Verflucht nochmal. Nach einiger Anstrengung schaffte er es, den Schlüssel zu drehen, und öffnete das Tor. Er lief zurück zum Wagen und fuhr aufs Grundstück.

»So meine Kleine, jetzt heißt es aussteigen.«

Die Hündin rümpfte die Schnauze, tat aber wie geheißen. Sofort trippelte sie über den nassen und verschlammten Hof zum Hauseingang, um sich dort ausgiebig zu schütteln. Arsène folgte ihr und trat in eine Schlammpfütze.

»Mist, so ein Mist! Das fängt ja gut an«, schimpfte er und fühlte, wie das Wasser in seine Schuhe eindrang. Auch das Schloss zum Hauseingang klemmte. Endlich ließ sich der Schlüssel drehen. Im Flur knipste Arsène das Licht an. Phoebe flitzte an ihm vorbei in die Wohnstube. Ein muffiger Geruch schlug ihm entgegen und es war eiskalt. Um keinen Schlamm ins Haus zu tragen, zog er die Schuhe aus. Er durchwühlte das Schuhgestell unterhalb der Garderobe, denn dort waren immer Pantoffeln gewesen.

»Hier sind sie ja«, kommentierte er seinen Erfolg und schlüpfte mit durchnässten Socken in die Pantoffeln.

»Und du? Hast du dein Plätzchen schon gefunden? Auf grand-mères Sofa, hä?«, schmunzelte er, als er ins Wohnzimmer trat. Der Raum kam ihm größer vor als früher. Heute erschien er ihm geradezu luftig, Arsènes Blick fiel auf die offene Küche. Grand-mère hatte vor Jahren die Wand durchbrechen lassen und somit Licht und Platz gewonnen. Nun trennte nur noch eine Theke die beiden Räume.

›Cuisine americaine‹, hatte sie das genannt und war stolz auf ihre Idee gewesen. Sehr modern. Die Einrichtung hingegen war eher typischer Landhausstil. Üppig und farbig. Ein geblümtes Sofa, ein Beistelltischchen, auf dem ein uralter Fernseher stand. Weiter ein Esstisch mit vier Stühlen und an der Wand ein vollgestopftes Bücherregal. Vor dem offenen Kamin thronte grand-mères Sessel. Sie hatte das Ding geliebt, er sei noch von ihrer Großmutter, hatte sie behauptet.

Alles war noch genauso wie in seiner Kindheit. Arsène durchquerte die Wohnstube und öffnete die Tür zum Wintergarten, in dem sich seine Großmutter am liebsten aufgehalten hatte. Eisige Kälte strömte ihm entgegen. Er fröstelte. Als Arsène das Haus geerbt hatte, hatte er die Einrichtung seiner Großmutter übernommen und nie ändern wollen, das kam ihm nicht richtig vor. Es war schließlich ihr Haus. Er lief zum Kamin. Irgendjemand hatte für einen Holzvorrat gesorgt. Papa? Arsène baute einen Turm aus Holzscheiten. Mit einem Streichholz zündete er seine Konstruktion an. Rasch loderte das Feuer auf. Sofort legte er Holz nach.

Ich kann’s immer noch, dachte er, als die Flammen aufstoben.

»Ich hol unser Gepäck, ich brauche vor allem trockene Socken und andere Schuhe«, erklärte er seinem Hund. Phoebe sprang vom Sofa und schnüffelte aufgeregt an den Möbeln.

Im Hof hörte Arsène plötzlich Hundegebell. Er blickte sich um. Auf dem Anwesen des Nachbars hatte sich einiges verändert. Vier Autos im Hof. Auf der Weide hinter dem Haus grasten Schafe und Ziegen. Auch Hühner und Enten spazierten durch den Regen. Morgen schau’ ich mir das genauer an. Kalter Wind zog auf und fegte übers Grundstück, aber jetzt – nichts wie ins Warme.

Zurück im Haus setzte er sich zu Phoebe aufs Sofa und kraulte sie hinter den Ohren. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Mal sehen, ob der alte Fernseher noch funktioniert. Er drückte auf den roten Knopf der Fernbedienung und kurze Zeit später hatte er Bild und Ton. Ein gutes Omen.

Er ging in die Küche. Drehte die Gasflasche am Herd auf, schaltete den Kühlschrank ein und machte ein Feuer im Küchenofen.

Im Flur war es immer noch kalt. Arsène nahm die Koffer, und schleppte sie nacheinander die steile Treppe hoch. Natürlich musste Phoebe ihn begleiten. Im Obergeschoß befanden sich vier Räume. Grand-mères Schlafzimmer, zwei weitere Zimmer und eine Kammer. Links lag sein Kinderzimmer. Dort hatte er als Junge gelebt. Alles war noch wie früher oder fast alles. Als er mit Corinne zusammengekommen war, hatte grand-mère ein hübsches Bett gekauft. Arsène hatte dies als Zeichen ihrer Zustimmung zu seiner Wahl gedeutet. Das Bett stand vor dem Fenster. An der linken Wand ein zweitüriger Schrank und eine Kommode. Rechts gegenüber, der Ofen. Er stellte die Koffer hin und beschloss, auch hier einzuheizen. Danach trat er wieder in den Flur und öffnete alle Türen zu den anderen Räumen, um die warme Luft zirkulieren zu lassen. Sein Blick fiel in grand-mères Zimmer. Ein großer, luftiger Raum, südwestlich ausgerichtet mit Blick auf den Garten. Die Blumentapete hatte schon bessere Zeiten gesehen, trotzdem hatte der Raum eine gute Atmosphäre. Arsène trat ein. Er glaubte, ihren Duft zu riechen. Auf dem Sekretär standen viele gerahmte Fotos. Ah, hier war das Hochzeitsfoto seiner Eltern. Als Kind hatte er seine Großmutter immer wieder bekniet, ihm von dem Fest zu erzählen.

***

»Deine Eltern heirateten am 6. September 1960. In der Dorfkirche. Das ganze Dorf war versammelt. Ich saß ganz vorne auf der Kirchenbank. Wir waren so aufgeregt. Es war kühl, aber sonnig. Die Kirche war mit hübschen Blumen verziert. Der Priester stand vorne am Altar. Dein Vater und die Trauzeugen auch. Was für ein gutaussehender Schwiegersohn, habe ich gedacht. Dann blickte die ganze Gesellschaft in Richtung Kirchenpforte, sie erwarteten den großen Auftritt deiner Mutter. Plötzlich setzte die Orgel ein. Und die Kirche erstrahlte. Deine maman trat ein, geführt von grand-père. Sie liefen mit langsamen, aber bestimmten Schritten feierlich durch das Kirchenschiff. Die ganze Hochzeitsgesellschaft erhob sich von den Bänken, alle staunten. Deine maman war die schönste Braut, die jemals in diese Kirche getreten war. Ihr feines Chiffonkleid mit langer Schleppe hatten wir in Paris gekauft. Sie wirkte wie eine Prinzessin. Mit hocherhobenem Haupt schritt, nein, glitt sie an uns vorbei. Beim Altar übergab grand-père seine Tochter an deinen Vater. Als er sich zu mir setzte, hatte er Tränen in den Augen. Selbst der alte Priester Chapuis war so fasziniert, dass er den Faden verlor. Verwirrt blickte er in seine Notizen und räusperte sich. Dann begann die Trauung und deine Eltern schworen sich ewige Liebe. Es war wie im Märchen. Als die Messe vorbei war, versammelten wir uns alle vor der Kirche und da wurde dieses Foto gemacht. Siehst du, mon grand, wie glücklich deine Eltern in die Kamera blicken. Ja, es war wundervoll. Ach, mein lieber Arsène, wenn wir damals gewusst hätten, was noch passieren würde.« Sie lächelte traurig und legte die Hand auf seine Schulter.

***

Sechs Jahre später, am 18. August 1966, war das Glück vorbei und die Mutter tot. Dieselbe Kirche. Wieder war das ganze Dorf versammelt. Die Sonne schien, es war warm. Arsène klammerte sich an grand-mère. Sie weinte. Der Sarg seiner Mutter wurde in die Kirche getragen, die Gesellschaft folgte. Arsène war heiß, er hatte Durst. Er verstand nicht genau, was geschah. Papa hatte ihm ein paar Tage zuvor gesagt, dass maman im Himmel sei. Arsène überlegte, wie das denn möglich war, da sie in diesem Sarg lag. Das wusste er ganz genau, denn er hatte sie gesehen. Die Orgel setzte ein. Seine Großeltern führten Arsène zur ersten Kirchenbank beim Altar. Der Sarg, mit vielen Blumen geschmückt, wurde von den Trägern abgestellt. Papa setzte sich neben grand-mère. Der Priester sagte irgendetwas, alle erhoben sich. Arsène hatte immer noch Durst. Grand-père legte den Arm um seine Frau, sie schluchzte haltlos. Papa starrte auf den Sarg. Arsène überlegte, wie maman an zwei Orten gleichzeitig sein konnte.

Nach dem Gottesdienst standen alle vor der Kirche und schüttelten ihm die Hand, manche Menschen umarmten ihn auch. Es war ihm unangenehm, aber er bemühte sich, brav zu sein. Er wusste, dass etwas Schlimmes passiert war. Doch was genau, wusste er nicht. Maman ist im Himmel, dachte er und blickte in die Sonne, bis die ihn blendete, dann schloss er die Augen.

Am nächsten Tag, es war spät abends, lag Arsène in seinem Bett. Papa hatte seit der Trauerfeier kein Wort gesprochen. Arsène fühlte sich schuldig, vielleicht war maman wegen ihm weggegangen und papa war böse auf ihn. Er wusste, dass er nicht brav gewesen war. Er hatte sich in der Schule geprügelt und maman mochte das nicht. Obwohl sie nie die Stimme erhob, war sie wütend gewesen, das konnte Arsène an ihrem Blick erkennen. Es war sicher seine Schuld, dass sie in den Himmel gegangen war. Es tut mir leid, maman, sagte er leise. Er erhielt keine Antwort. Dafür polterte jemand wie verrückt an die Haustür. Arsène lauschte. Er erkannte die Stimme seines Großvaters.

»Öffne die Tür«, schrie die Stimme. »Sofort!« Er spürte sein Herz klopfen, er hatte Angst. War wieder etwas passiert? Er sprang aus dem Bett und lief runter zur Tür. Als er auch seine Großmutter erblickte, überkam ihn große Erleichterung. Grand-mère nahm ihn in die Arme und grand-père stürmte ins Haus. Er hörte, wie grand-père mit papa schimpfte. Worum es ging, konnte er nicht verstehen. Seine Großmutter wies ihn an, das Nötigste einzupacken. Er würde nun mit ihnen kommen, meinte sie. Für eine gewisse Zeit. Bis es papa besser ginge.

***

Arsène stellte das Foto seiner Eltern zurück auf den Tisch.

»Komm Phoebe, lassen wir die Vergangenheit ruhen. Jetzt wird nicht Trübsal geblasen, hörst du? Gehen wir einkaufen! Wir brauchen Proviant.«

Die kleine Hundedame sprang begeistert auf. Sie fuhren nach Tessy, dort gab es einen Metzger, einen kleinen Supermarkt und zwei Bäckereien. Oder waren es drei? Die Metzgerei hieß nun nicht mehr Bertrand, sondern Tout Tessy Bon und die Fassade war geradezu modern. Er überzeugte Phoebe, dass sie vor dem Geschäft auf ihn zu warten hatte, und betrat den Laden. Der junge, sehr freundliche Metzger bediente gerade zwei Damen gleichzeitig.

»Hier dieses Paket ist für Madame und dieses Paket ist für Sie, Madame. Zwölf fünfzig für Sie und vier dreissig für Sie. Na, wunderbar et à bientôt Mesdames.«

Dann wandte er sich Arsène zu.

»Bonjour Monsieur, was würde Ihnen denn Freude machen?«, fragte der freundliche Metzger beflissen. Arsène bestellte zwei Steaks, ein paar Würste, gratin maison, salade piemontese und gekochten Schinken. Der Metzger zeigte großes Interesse an seinem Kunden und fragte ihn geradezu aus. Er erkundigte sich, woher Arsène denn komme und was er hier mache.

»Ah, Sie sind ursprünglich aus der Gegend? Das ist ja schön. Und bleiben für längere Zeit? Aus Paris, sagen Sie? Na dann, willkommen zurück.«

Zum Abschied rief er Arsène hinterher: »Kommen Sie bald wieder.«

Draußen begrüßte ihn Phoebe, als ob sie jahrelang getrennt gewesen wären. Sie überquerten die Straße, um ins nächste Geschäft zu gelangen. Crèmerie, fleures et legumes, stand auf dem Schild. Hier durfte die Hündin mit rein.

Monsieur Pascal, der Besitzer, wirkte sehr erfreut, als er Arsène erblickte.

»Schön, Sie wiederzusehen, Monsieur le Commissaire, wir haben Sie vermisst.«

Arsène lächelte und plauderte ein paar Minuten mit Monsieur Pascal. Dann bestellte er Camembert, Rosenkohl und einen frischen Salat. Jetzt noch zum Bäcker und zum Supermarkt.

Zu Hause räumte Arsène seine Einkäufe ein. Das Haus war deutlich wärmer geworden. Er verspürte Hunger. Er blickte auf die Küchenuhr. Vier Uhr, das war zu früh fürs Abendessen. Er bereitete sich ein dickes Schinkenbrot zu, das er mit großem Genuss aß. Phoebe erbettelte sich auch ein Stück Schinken.

Der Kofferplattenspieler spielte das fünfte Brandenburgische Konzert von Bach. »Hm, jetzt fühlen wir uns besser. Was meinst du?«, sprach er mit dem dösenden Hund. Als er den Teller spülte, klingelte das Telefon. Er drehte die Musik leiser.

»Ja? Hallo?«

»Ach du bist es, ich habe die Nummer nicht erkannt.«

»Was?«

»Ah, ich verstehe.«

»Du hast dein Telefon verloren? Das ist blöd.«

»Ja, ich bin hier in Moyon.«

»Aber, wieso Sorgen …? Hör mal, wer hat an Weihnachten vergeblich auf deinen Anruf gewartet?«

»Hä? Ich versteh’ dich schlecht … was war passiert?«

»Ja, schon gut …«

»Darf ich dich daran erinnern, dass ich erwachsen bin?«

»Eben!«

»Nein, ich bin nicht giftig und ja, alles ist gut gegangen, ich bin nur in die Normandie gefahren und das nicht zum ersten Mal.«

»Was, mein Wagen ist Schrott? Nun, die viereinhalb Stunden Fahrt hat er durchgehalten.«

»Warum so lange? Regen, Baustellen und Stau, das Übliche.«

»Ja, ich habe an alles gedacht, und wie gesagt, ich bin hier in Frankreich und nicht wie andere in Afrika … Und wie läuft es bei dir? Das Impfprogramm?«

»Ah, gut …«

»Nein, mach dir keine Sorgen. Ich kann gut auf mich alleine aufpassen. In Paris musste ich das ja auch.«

»Eben. Siehst du.«

»Wieso überstürzt? Aber das stimmt nicht …«

»Nein, du hörst mir jetzt zu. Ich nehme eine Auszeit!«

»Was das heißen soll? Ich bin nun im Ruhestand und will es genießen.«

»Da hast du nichts dagegen? Das ist ja freundlich.«

»Nein, ich bin nicht aggressiv. Ich sage, was ich denke, das wolltest du doch immer. Also nochmals, ich habe ein Scheißjahr hinter mir und nun will ich meine Ruhe. Basta!«

»Ja, ist schon gut.«

»Tut mir leid, weiß gar nicht, warum ich mich so aufrege.«

»Du, stell dir vor, hier funktioniert alles, sogar der alte Fernseher.«

»Ja, Phoebe geht’s auch gut, sie ist glücklich, hier zu sein.«

»Wir haben bereits eingekauft.«

»Ja, ich achte auf meine Ernährung.«

»Unsere Wohnung? Na, der geht’s gut. Ich habe Madame Mercier den Schlüssel gegeben.«

»Ja, falls was ist.«

»Du, offenbar haben die McBeans das Haus verkauft, und wir haben hier neue Nachbarn … Soweit ich das bei diesem Sauwetter sehen konnte, hat sich einiges getan.«

»Was? Einunddreissig Grad? Ja, wer wollte denn nach Mali?«

»Ok, lassen wir das …«

»Marion? Nein, ich habe sie noch nicht angerufen. Sie könnte ja auch mal anrufen, oder?«

»Gut, ich sag nichts mehr.«

»Danke für deinen Anruf.«

»Pass du auf dich auf.«

»Ja, mach’s gut, dir auch.«

Bin doch kein Kind mehr. Was denkt die sich eigentlich! Erst lässt sie mich sitzen und dann will sie mich noch herumkommandieren. Ohne mich!

Verärgert setzte er sich in grand-mères Sessel. Phoebe sprang auf seinen Schoß und schnupperte an seinem Gesicht. »Hast ja recht, meine Kleine. Ich bin ein Idiot. Ja, das nächste Mal gebe ich mir mehr Mühe.«

Beschwichtigt beschloss er, seine Bücher und Schallplatten einzuräumen. Er räumte das vollgestopfte Bücherregal leer und staubte ab. Dann räumte er grand-mères schöne Bücher ein. Die Magazine und Taschenbücher verstaute er in einem Karton. Anschließend stellte er seine Bücher dazu. Es gab zu wenig Platz für all seine Sachen. Also ließ er die Schallplatten vorläufig in der Bananenschachtel. Er musste ein paar Möbel kaufen, das war schon lange fällig. Bücher machen einen Raum gleich behaglicher, hatte Corinne immer gesagt. Und recht hatte sie. Das schlechte Gewissen nagte an ihm.

Warum war ich so unhöflich vorhin? Ich werde sie bald anrufen und mich entschuldigen.

Arsène betrachtete die Bücherwand. Es sah gut aus, siebzig Maigret Romane. Endlich konnte er alle lesen.

Was will der Mensch mehr?

MONSTER

Die erste Begegnung mit seinem neuen Nachbarn fand nicht so statt, wie Arsène sich das gedacht hatte.

Gegen sechs Uhr morgens, er schraubte soeben die Kaffeemaschine zu, hörte er ein seltsames ›kling‹ und gleich danach ein ›plong‹. Hm, was war denn das?

Phoebe schlief friedlich, sie hatte nichts gehört. Er stellte die Kaffeemaschine auf den Herd und drehte das Gas an. Danach holte er die Milch aus dem Kühlschrank. Da, nochmals ›kling‹, das Geräusch kam von der Terrasse. Neugierig lief er zur Terrassentür und erstarrte vor Schreck. Augenpaare von gigantischen Tieren starrten durch die Scheibe. Wölfe? Aber hier gab es doch gar keine Wölfe. Er musterte sie genauer. Na sowas, das waren Hunde, keine Wölfe. Aber was für welche. Als die Tiere ihn erblickten, brachen sie in ein lautes Gebell aus. Sofort erwachte Phoebe und stimmte mit ein.

Dunkles Grollen von draußen und helles Gekläffe drinnen. Was für ein Konzert! Ratlos blickte er weiter durch die Scheibe, die Hundemonster machten ihm Angst. Er traute sich nicht, die Terrassentür zu öffnen. Die Monster gaben keine Ruhe und sprangen an der Scheibe hoch. Arsène hoffte, dass die alte Terrassentür diesen Anschlag überleben würde.

Wo kamen die denn her?

Sie sahen geradezu identisch aus, schwarzbrauner Schädel mit etwas Weiß. Mittellange Hängeohren. Das eine Monster schien etwas kleiner als das andere, dafür war es umso lauter. Von Weitem vernahm Arsène eine menschliche Stimme:

»Poooluuux!!! Poooolette! Hiiiiiierrrrrr!«

Ah, das muss der Besitzer sein, dachte Arsène erleichtert.

Aber die Hunde reagierten nicht. Sie klebten weiterhin mit starrem Blick an der Scheibe.

»Poooluuux!!! Poooolette!« Die Stimme kam näher.

Endlich ließen die Hunde von der Scheibe ab.

»Hiiiier! Kömmet do aaaane!« Unerwartet stand ein Mann auf der Terrasse. Arsène öffnete zur Sicherheit nur das Küchenfenster, er war immer noch von den Monstern beeindruckt. Der Mann winkte und sagte irgendetwas, aber Arsène konnte ihn nicht verstehen, Phoebe kläffte immer noch.

»Sei still!«, fuhr er Phoebe an.

»Guten Morgen«, hörte er den Mann sagen, »bitte entschuldigen Sie. Ich wusste nicht, dass jemand da ist.«

Er trat etwas näher.

»Guten Morgen, ich habe mich nur erschrocken. Kann ich rauskommen, ohne dass sie mich zerfleischen?«, erkundigte sich Arsène.

Der Mann nickte: »Aber ja, natürlich. Sie haben schon gefrühstückt!«

Er lachte laut über seinen eigenen Witz. »Nein, Spaß beiseite. Sie sind nur laut, aber nicht böse.«

Na, das ist ja beruhigend, dachte Arsène und lief zur Terrassentür. Er trat hinaus und schon wurde er vom kleineren Monster angebellt.

»Usss, sig still«, schimpfte der Mann. Er trug Tarnhosen, eine dicke Daunenjacke und hatte seine Mütze tief ins Gesicht gezogen. In der linken Hand glimmte eine Zigarette. Er sah nicht sehr vertrauenserweckend aus.

»Darf ich mich vorstellen? Ich bin Max, Ihr Nachbar, und nochmals: Bitte entschuldigen Sie den Überfall.«

Arsène nickte. »Ah, das sind Sie. Freut mich. Wir sind vorgestern angekommen. Habe schon gesehen, dass sich hier etwas getan hat. Ich wollte auch vorbeikommen. Aber Sie wissen, wie das ist, ich hatte einiges zu tun. Es ist kalt hier draußen. Kommen Sie doch herein. Darf ich Ihnen etwas anbieten?«

»Aber gerne. Und ihr bliiibet dooooo«, antwortete der Mann.

»Die Hunde können gerne mitkommen, wenn sie wollen.«

Plötzlich war es in der Küche sehr eng. Die zwei Monster schnüffelten aufgeregt umher und wedelten mit dem Schwanz. Phoebe freute sich über den Besuch.

»Kaffee? Tee? Oder heiße Schokolade?«

»Kaffee wäre schön.«

Arsène machte sich wieder an der alten Kaffeemaschine zu schaffen.

»Bitte setzen Sie sich, der Kaffee kommt gleich. Ich bin Arsène und die Kleine da ist Phoebe.«

Der Mann lächelte, ohne die seltsame Mütze sah er deutlich freundlicher aus. Er hatte blondes Haar und dunkelblaue Augen. Arsène fand ihn sympathisch.

»Arsène Lupin, wie der Meisterdieb? Oh, ‘tschuldigung das hören Sie sicher jedes Mal.«

»Ach, das macht nichts. Ja, meine Mutter hatte einen seltsamen Sinn für Humor, denn ich heiße Dupin mit Nachnamen. Arsène Dupin zum Verwechseln ähnlich. Aber ich hätte es schlimmer treffen können.«

»Ja, das stimmt. Arsène Lupin ist eine tolle Figur. Sind Sie auch ein Meisterdieb?«

»Nein, Ironie des Schicksals, ich bin oder ich war bei der Kriminalpolizei, jetzt im Ruhestand.«

»Das ist ja interessant. Kriminalpolizei.«

»Und Sie?«

»Nun, meine Frau und ich haben dieses Anwesen vor zwei Jahren gekauft und ich betreibe ein Gästehaus«, er unterbrach sich und rügte seine Hündin, die ihren Schädel auf dem Esstisch positioniert hatte. »Poooolette uss! Fetig jetzt.«

Die Hündin verzog sich beleidigt.

»Ich habe das Schild gesehen. Woher kommen Sie? Das ist eine lustige Sprache, die Sie mit den Hunden sprechen. Ist das flämisch?«

»Nein, Schweizerdeutsch. Wir sind aus der Schweiz.«

»Ah, Schweizerdeutsch. Und was sind das für Hunde?« Arsène zeigte auf die Monster.

»Das sind Große Schweizer Sennenhunde.«

»Hm, nette Tiere«, erwiderte Arsène und tätschelte dem Großen den Schädel. »Bloß etwas groß.«

»Ja, das sind sie. Nicht wie Ihrer«, flachste der Schweizer und beugte sich zu Phoebe runter, die mit dem Schwanz wedelte.

»Phoebe ist ein Sky Terrier.«

»Hübscher Hund. Und Sie machen hier Ferien?«

»Hm, ich nehme eine Auszeit. Das trifft es besser. Ich habe dieses Haus von meiner Großmutter geerbt. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Und vor kurzem habe ich entschieden, hierher zurückzukehren. Ein etwas spontaner Entschluss, wenn Sie meine Frau fragen. Aber ich hatte plötzlich genug von Paris, überfüllte öffentliche Verkehrsmittel, Streiks, Demonstrationen und überhaupt, ich sehnte mich nach Ruhe. Somit sind wir nun Nachbarn.«

»Ja, ruhig ist es hier, fast zu ruhig. Das ist schön, ich freue mich, dass Sie hier sind. Manchmal ist es schon etwas einsam. Und Ihre Frau kommt bald nach?«

»Nein, in absehbarer Zeit nicht. Meine Frau ist noch berufstätig. Sie ist Kinderärztin und arbeitet im Moment in Mali, für eine Hilfsorganisation. Was soll man machen?«

Der Schweizer nickte. »Wir haben dasselbe Schicksal, meine Frau ist auch oft aus beruflichen Gründen unterwegs. Wir sind beide Strohwitwer. Da muss man doch zusammenhalten, oder? Also, wenn Sie Hilfe brauchen, ich stehe gern zur Verfügung. Zögern Sie nicht. Kommen Sie einfach vorbei.«

»Achtung, ich komme sicher gerne darauf zurück. Ich kann sicher Hilfe brauchen. Danke! Auf gute Nachbarschaft und sag bitte du!«

Wie auf Kommando bellten alle Hunde zusammen.

»Wunderbar, jetzt ist es vorbei mit der Ruhe!«

EINE BEGEGNUNG

Silvester verbrachte Arsène beim Schweizer. Sie aßen zusammen Käsefondue und spielten anschließend Karten. Es war ein lustiger Abend und Arsène begab sich kurz nach Mitternacht beschwingt auf den Heimweg. Mit dem Telefon erleuchtete er den Weg. Gut gelaunt schrieb er Corinne noch einen Neujahrswunsch, bevor er ins Bett ging. Dann schlief er ein. Irgendwann später träumte er von der Böschung, der Leiche, sie liegt auf dem Bauch. Seine Hand auf ihrer Schulter, er dreht sie um und – erwacht.

Morgens stellte er sich benommen unter die Dusche, lange, sehr lange. Erst als er meinte, wieder einen klaren Gedanken fassen zu können, hörte er auf. Zähneputzen, rasieren und kämmen. Ein Haarschnitt wäre auch nicht verkehrt. Ob Catherine noch den Salon in Tessy führte?

Er trank drei Tassen Kaffee und drehte anschließend wie ein gefangenes Tier mehrere Runden in seinem Haus. Schließlich beschloss er, einen ausgiebigen Spaziergang zu machen.

Er fuhr zum Moyon-Wald und stellte den Wagen am Rande des Waldweges ab.

Mit großen Schritten marschierte er die einsame Landstraße entlang. Phoebe trippelte nebenher, auch sie schien Paris nicht zu vermissen. Manchmal musste sie ganz dringend wo schnuppern oder eine Kuh betrachten. Kühe hatten es ihr angetan, sie war fasziniert von diesen riesigen, ruhigen Tieren, die immerzu kauten. Und die Normannischen waren echt schöne Tiere mit stattlichen Hörnern.

Arsène atmete tief ein, ach diese Ruhe, herrlich, und diese Menschenleere, wundervoll. Wenn er an die permanent überfüllten Metros, die endlosen Staus und den Lärm dachte. Warum war er nicht früher hierhergekommen? Ja, das Landleben hatte durchaus Vorteile. Alles war so friedlich.

Auf einmal kam eine Gestalt mit Hund auf ihn zu. Er rief Phoebe zu sich, doch es war zu spät. Die Hunde sprangen aufeinander zu. Es gab ein ausgedehntes Begrüßungsritual. Umkreisen, schnuppern, verneigen, wieder umkreisen und was Hunde sonst noch so tun. Die Gestalt rief mit barscher Stimme ihren Hund zurück. Die Stimme – jetzt erkannte Arsène den Hundebesitzer.

»Bonjour Monsieur le Sénateur.«

»Ah, du bist es. Bonjour mon garçon, ich hörte schon, du seist wieder hier.«

Der Senator trug eine dunkelblaue Wachsjacke, einen grauen Wollschal und elegante Stiefel. Sehr gepflegt! Seine eisblauen Augen blickten immer noch wach unter buschigen Augenbrauen hervor. Er hatte volles, schneeweißes, fast schulterlanges Haar. Eine stattliche Erscheinung, er war ja sicher bereits über achtzig. Reichtum ließ Menschen besser altern.

»Und was machst du hier?«, erkundigte sich der Senator.

»Vermutlich dasselbe wie Sie, ich führe meinen Hund aus«, versuchte sich Arsène in einem Witz.

»Ja, natürlich, das sehe ich. Ich meinte, was hat dich aufs Land verschlagen?«

»Ich genieße hier meinen Ruhestand.«

»Du bist tatsächlich ausgestiegen? Und warum? Hat es mit der schlechten Presse zu tun, die deine Abteilung kassiert hat? Ach, vergiss es, es geht mich ja nichts an«, winkte der Senator etwas theatralisch ab, und Arsène nickte.

»Sie sehen gut aus, Monsieur le Sénateur. Das Landleben scheint Ihnen zu bekommen. Ich hoffe dasselbe für mich.«

»Ach, findest du? Nun ja, danke. Ich halte mich fit, wie du siehst …«

»Ja, einen schönen Hund haben Sie. Der ist aber noch jung.« Arsène strich dem Gorden Setter über das Haupt, dieser wedelte aufgeregt mit dem Schwanz.

»Das ist Cognac. Er braucht noch etwas Training, aber er wird ein guter Jagdhund werden. Aber du – mit Hund? Das ist ungewohnt, doch gefällt mir. Du hast eine gute Wahl getroffen mit einem Terrier, die sind sehr intelligent.«

Arsène freute sich über das Lob.

»Nun, mein Vater wird da anderer Meinung sein, er findet sie sicher zu klein.«

Der Senator machte eine wegwerfende Geste und seine Augen blitzten schalkhaft.

»Ach, dein Vater ist ja auch Milchbauer. Was versteht er schon von Hunden?«

Dass der Senator Sinn für Humor hatte, war Arsène vollkommen neu. Er lachte: »Ja, da gebe ich Ihnen Recht, von Kühen versteht er mehr.«

»Und geht es ihm gut, deinem Vater?«

»Ja ja, alles in Ordnung, er bewirtschaftet immer noch seinen Hof und denkt nicht ans Aufhören. Aber das wissen Sie ja sicherlich, ist ja Ihr Hof.«

Der Senator lächelte.

»Das ist unsere Generation, verstehst du? Wir können nicht anders.«

»Im Gegensatz zu meiner?«

»Aber nein, so habe ich das nicht gemeint. Ich habe nur von deinem Vater und mir gesprochen.«

»Ja, ich versteh’ schon. Und Ihnen, Senator, wie geht es Ihnen? Als ich das mit Madame erfahren habe, war ich untröstlich. Ich habe Madame immer sehr gemocht. Sie war so freundlich. Und ihr Apfelkuchen, legendär. Habe nie mehr so guten gegessen.«

Der Senator wirkte geschmeichelt, als ob er selbst den Kuchen gebacken hätte.

»Ich danke dir. Ja, ich vermisse Eloise sehr … Aber seit kurzem habe ich wieder Gesellschaft. Charlène, meine Enkelin, lebt nun bei mir … Du erinnerst dich an sie?«

»Aber natürlich! Wie alt ist sie jetzt? Sie muss etwas jünger als Marion sein, nicht wahr?«

»Ja genau, sie ist dreiundzwanzig. Und deine Marion ist fünfundzwanzig, wenn ich mich richtig entsinne. Dein Vater hat mir erzählt, dass sie beim Militär ist. Das ist großartig. Wirklich, sehr tapfer finde ich das.«

»Sie haben ein gutes Gedächtnis. Bewundernswert! Aber das mit dem Militär gefällt mir ganz und gar nicht.«

»Ich kann nachvollziehen, dass du dir Sorgen machst, aber Marion tut wenigstens etwas, nicht wie Charlène, die weiß noch überhaupt nicht, was sie will.«

Phoebe tänzelte aufgeregt umher.

»Natürlich, so gesehen. Et bien Monsieur le Sénateur, ich …«

»Nein, warte, mon garçon. Es ist gut, dass wir uns getroffen haben. Ich wollte dich sowieso kontaktieren. Denn ich müsste in Ruhe etwas mit dir besprechen. Kannst du zu mir nach Hause kommen? Es ist wichtig.«

»Ist es wegen der Pacht meines Vaters? Falls er Schulden hat …«

»Nein, nein, nicht wegen der Pacht«, meinte der Senator ungeduldig.

»Ja gut, aber wenn was ist. Sie würden es mir sagen, oder?«

Der Senator nickte.

»Es hat nichts mit deinem Vater zu tun, es ist persönlich.«

»Aha, aber natürlich, ich komme gerne, ich habe ja nun genug Zeit«, er lachte, »wann passt es Ihnen?«

»Freitag, gegen vier, da bin ich sicher alleine zuhause. Charlène hat Tanzstunde. Ist das in Ordnung? Es gibt auch Apfelkuchen, Amandine, meine Hausangestellte bäckt ihn nach Madames Rezept.«

»Ich freue mich. Bis Freitag, Monsieur le Sénateur.«

Der Senator rief Cognac bei Fuß und marschierte weiter. Arsène schaute ihm nach. Was könnte er nur mit ihm besprechen wollen? Sehr ungewöhnlich! Etwas Persönliches? Seltsam.

De Beaucour schritt mit festem Gang. Eine hochgewachsene, schlanke Person. Nie sah man ihm sein Alter an. Schon früher war er eine imposante Erscheinung gewesen. Als Kind war Arsène immer etwas eingeschüchtert vom Senator gewesen. Obwohl dieser nie die Stimme erhoben, oder sonst etwas Unangenehmes getan hätte. Nein, er war einfach unumstritten eine Autorität. Marlènes Vater. Und sie klagte auch manchmal über ihn, aber Arsène nahm es nicht allzu ernst, denn es war offensichtlich, dass der Senator seine einzige Tochter vergöttert hatte.

Grand-mère hatte immer eine gute Meinung über die de Beaucours gehabt. Sie wären so kultiviert, gebildet und erfolgreich. Vor allem vom Senator Hérbert de Beaucour schwärmte sie. »Was für ein prächtiger Mann«, meinte sie dann und lächelte etwas geheimnisvoll.

Typisch grand-mère!

Als Arsène zurück zum Auto lief, kam er an dem verlassenen Haus vorbei. Hier hatte er oft mit Marlène und Gilbert gespielt.

Neugierig lief Phoebe ins Haus. Um hinterherzukommen, musste sich Arsène durch das dichte Gestrüpp hindurchkämpfen. Er trat in den Hauptraum. Es gab immer noch zwei wacklige Schemel. Hier hatten sie als Kinder nach einem Schatz gegraben. Oder Räuber und Gendarme gespielt.

***

Marlènes Stimme:

»Du bist der Räuber«, kam es im Kommandoton und sie zeigte mit spitzem Finger auf Gilbert.

Darauf maulte dieser: »Warum immer ich? Ich will auch mal Gendarme sein.«

»Nein, du bist der Räuber, ich die Prinzessin und Arsène der Gendarme. So haben wir es immer gespielt. Also, der Räuber entführt die Prinzessin und …«

»Ich hab’ keine Lust mehr. Können wir nicht etwas anderes spielen?«, beschwerte er sich.

»Ach, ihr seid langweilig. Echt blöd. Was wollt ihr denn spielen?«, regte sich Marlène auf.

»Hm, Schatzsuche?«, kam es zögerlich von Arsène.

»Was ist das?«, wollte Gilbert wissen.

»Also, wir suchen einen seit Jahren verschollenen Schatz. Vielleicht von den Templern oder so …«

»Templer? Was ist das?«, fragte Marlène immer noch verärgert.

»Ich erklär’ es euch, grand-mère hat mir darüber ein Buch geschenkt. Die Templer waren ein berühmter Ritterorden. Sie haben sich etwa im Jahre 1108 zusammengeschlossen. Neun Ritter, die mit auf dem ersten Kreuzzug in Jerusalem gewesen sind, haben anschließend einen Orden gegründet. Sie nannten sich Templer. Und später erlangten sie enormen Ruhm und Besitz. Man sagt, sie hatten einen unfassbaren Schatz. Doch der ist verschollen. Das ist doch spannend? Sie könnten ja einen Teil hier vergraben haben.«

Marlène hatte sich auf einen wackligen Schemel gesetzt. Die drei hielten sich im Hauptraum des Hauses auf. Das Haus hatte keine Türen und Fenster mehr. Es war nur noch eine Ruine.

»Und wer bin ich in dem Spiel?«, fragte Marlène.

Arsène überlegte. »Du bist die Königin von Jerusalem. Das wird dir gefallen. Ich versuche, mich an ihren Namen zu erinnern, ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Melisende, so hieß sie, und sie war eine wichtige und mächtige Königin. Na, was denkst du?«

Marlène dachte kurz nach. »Das klingt gut! Ich bin Melisende, Königin von Jerusalem. Und Gilbert?«

»Gilbert ist auch ein Templer … Sind deine Großeltern nicht aus der Provence? Vielleicht stammen sie ja von Templern ab …«, fabulierte er und blickte zu Gilbert, der sich wohl gar nicht als Templer fühlte, er sah total erschöpft aus.

»Du, Arsène, noch eine Frage, was machte man so als Königin?«

»Na, regieren, verstehst du? Mit Herz und Verstand.«

»Ach so, klar. Regieren. Gut, dann mach’ ich das.«

***

Ein paar Jahre später küsste ihn Marlène hier zum ersten Mal. Es war an ihrem sechzehnten Geburtstag. Monsieur et Madame de Beaucourt hatten ein großes Fest für ihre Tochter ausgerichtet. Alles, was Rang und Namen hatte, war eingeladen. Sogar Gäste aus Paris. Marlène trug ein weißes Kleid, es war sehr heiß auch für Juli. Arsène beobachtete sie den ganzen Tag, hoffnungslos verliebt. Doch nicht nur er, sondern alle Jungen waren in Marlène verknallt. Immer wieder überlegte er, wie er ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken könnte. Doch ihm fiel einfach nichts ein. Wie ein zartes Vögelchen flog sie von Gast zu Gast, zwitscherte mit jedem, nur um ihn wenig später verzaubert stehen zu lassen. Auch Gilbert beobachtete die Szene.

»Hast du jemals ein so schönes Mädchen gesehen wie unsere Königin von Jerusalem?«, flüsterte Gilbert seinem Freund zu.

»Ist dir heiß?«, erwiderte Arsène. Gilberts Wangen leuchteten genauso rot wie seine Haare.

»Etwas, warum fragst du?«

»Du bist ganz rot. Komm, wir gehen in den Schatten.«

»Nein, dann kann ich sie nicht mehr sehen.«

»Jetzt hör auf, du kannst sie immer sehen, in der Schule, bei der Tanzstunde …«

»Ja, schon, aber heute ist sie ganz besonders hübsch.«

»Ja, das stimmt, sie ist wirklich eine Königin, aber du hast trotzdem einen Sonnenbrand. Jetzt komm mit«, befahl Arsène und zerrte seinen Freund unter einen großen Baum etwas am Rande des Parks.

Sie setzten sich hin und sahen dem Treiben von Weitem zu. Dann legte Gilbert sich hin. Kurz darauf schlief er tief und fest.

Arsène beschloss, sich etwas zu trinken zu holen, und lief in Richtung Terrasse, wo das Buffet aufgebaut war.

»Ah, da bist du ja«, sagte Marlène hinter ihm. »Ich habe euch überall gesucht.«

Er wandte sich um und konnte nun ihren Atem riechen. Pistazie.

»Ja, Gilbert war es zu warm, er hat einen Sonnenbrand. Er schläft nun.«

»Der Arme, er verträgt wirklich keine Sonne. Das sind die roten Haare.«

»Muss wohl so sein. Das ist ein wunderbares Fest. Ich habe auch ein Geschenk für dich, nichts Großes, aber …«

»Ach ja, das ist schön. Wo ist es?«

»Bei meiner Jacke.«

»Gut, dann holen wir es«, meinte sie und fasste ihn beim Arm. Bei der Berührung zuckte er zusammen. Sie schien nichts zu merken.

Die Garderobe war in der Eingangshalle links vor dem großen Salon des Anwesens. Arsène musste lange nach seinen Sachen suchen, es waren viele Gäste hier.

»Ah, hier«, sagte er.

Marlène schnappte sich das Päckchen und lief aus dem Haus. Er hinterher.

»Wo gehst du denn hin? Deine Gäste sind auf der Terrasse.«

»Das sind die Gäste meiner Eltern, zumindest die meisten. Komm, wir gehen zu unserem Haus. Da sind wir ungestört.«

»Ja, aber Gilbert?«

»Lass ihn, der schläft. Und wir bleiben auch nicht lange.«

Sie rannten den Weg runter zum verlassenen Haus.

Marlène trat ins Innere, dort war es ziemlich dunkel und kühl. Nach dem hellen Sonnenschein draußen konnte Arsène einen Moment lang nichts sehen. Er kniff die Augen zusammen. Sie saß auf dem Hocker und wickelte das Paket aus. Es war ein Abdruck aus dem Melisende-Psalter aus dem 12. Jahrhundert. Schön gerahmt. Sie staunte.

»Oh, wie schön. Was ist das?«

»Das gehörte Melisende, Königin von Jerusalem. Ihr Ehemann hat dieses Buch extra für sie anfertigen lassen. Aus Liebe.«

»Das ist das schönste Geschenk, das ich bekommen habe«, flüsterte sie glücklich und küsste Arsène auf die Wange. Er war ganz verdattert, dann fasste er sich ein Herz und küsste sie auf den Mund. Sie erwiderte seinen Kuss.

»Von nun an sind wir einander versprochen. Aber du darfst es niemandem sagen, auch nicht grand-mère.« Marlènes Augen funkelten. »Schwöre es!«, fügte sie dramatisch hinzu.

»Aber ja, ich schwöre. Nur, ich verstehe nicht, weshalb es niemand wissen darf.«

»Weil ich möchte, dass es unser Geheimnis bleibt. Auch wegen Gilbert, der wäre echt traurig, oder? Denn er ist doch in mich verliebt?«

Arsène lächelte. »Wer nicht, musst du fragen. Wer nicht?«

»Ja, sicher, aber es interessiert mich nicht, nur du bist wirklich wichtig. Doch mein Vater möchte nicht, dass ich vor achtzehn einen Freund habe. Ich habe es ihm versprochen, verstehst du, das kann ich nicht brechen, daher pst.«

»Ja gut, wenn du es möchtest. Niemandem sagen und warten, bis du achtzehn bist.«

Sie lachte und freute sich. »Wunderbar, du hast es verstanden. Wie Romeo und Julia, so romantisch …«

»Aber ab und zu ein Kuss geht, oder?«

***

Arsène trat wieder ins Freie. Er pfiff Phoebe zurück und setzte sich in sein Auto.

***

Natürlich klappte das nicht, mit dem Niemandem-Sagen, noch am selben Abend fragte ihn grand-mère, warum er denn so strahlen würde. Er versuchte auszuweichen, aber sie erriet, dass er verliebt war.

»Komm, sag mir, wer es ist, mon grand.«