Unser Wohlstand und seine Feinde - Gabor Steingart - E-Book
Beschreibung

Deutschland vor der Wahl: Bastardökonomie oder Wohlstand für alle?

Nach der Krise ist vor der Krise. Vor einem staunenden Publikum türmen sich die Milliarden zu Billionen: Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld? Kaum jemand kann noch verstehen, was mit unserer Wirtschaft los ist: Es geht uns gut, aber wir sind besorgt. Wir exportieren fleißig, aber die Verschuldung steigt. Wir helfen in Südeuropa, doch die Lage spitzt sich weiter zu. Wir tanzen in den Tempeln des Konsums und wissen längst, dass es so nicht weitergehen kann.



Gabor Steingart, Autor der Erfolgstitel „Deutschland, Abstieg eines Superstars“ und „Weltkrieg um Wohlstand“, hat Erklärungen, wo andere nur Besorgnis verbreiten. In seinem neuen Buch schildert er den fatalen Angriff auf unseren Wohlstand. Eine unglaubliche, leider wahre Geschichte, die sich vor unser aller Augen abgespielt hat und weiter abspielt: Wie Politiker, süchtig nach Anerkennung und Wählerstimmen, mit den Banken, die von der Kreditsucht der Staaten fürstlich leben, einen teuflischen Pakt geschlossen haben – wider den Wohlstand der Mittelschicht und gegen die Interessen der kommenden Generationen.

Er zeichnet die historischen Linien nach und erläutert, wie die sozial verantwortliche Marktwirtschaft, von Ludwig Erhard nach dem Krieg geschaffen, in eine Bastardökonomie – halb Staats-, halb Privatwirtschaft – verwandelt wurde. Und er zeigt, wie diese unheilige Allianz sich wieder auflösen lässt. Steingart ist ein Publizist, der genau hinschaut und der auch da nach Lösungen sucht, wo politisch korrekte Denkverbote herrschen.





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EPUB
MOBI

Seitenzahl:321


Gabor Steingart

Unser Wohlstand

und seine Feinde

Knaus

1. Auflage

Copyright © der deutschen Originalausgabe 2013

beim Albrecht Knaus Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Dokumentation: Dr. Jörg Lichter

Gesetzt aus der Sabon von Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-10812-0

www.knaus-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1

Urknall. Vom Entstehen des Kapitalismus und was ihn von der Marktwirtschaft unterscheidet

Kapitalismus und Marktwirtschaft– ziemlich entfernte Verwandte

Herzlosigkeit als Mitgefühl– die schwierige Rolle des Staates

Kapitalismus pur– von Monopolisten, Kartellbrüdern und Kriegsherren

Das Streben nach mehr– der »kapitalistische Mensch« entsteht

Die große Rücksichtslosigkeit und die Rolle der Banken

Der Kapitalismus als Wohlstandsvermehrer und Menschenschinder

Kapitel 2

Monopoly. Die Todsünden des Kapitalismus

Die »Große Depression«– Fundamentalkrise des westlichen Wirtschaftssystems

Hitler, Roosevelt und der »vergessene Mann«

Die Wirtschaft wird sekundär– wie sich das Primat der Politik durchsetzt

Kapitel 3

Wohlstand. Die »Stunde Null« der Marktwirtschaft

Ludwig Erhard und das Versprechen vom kleinen Lebensglück

Es lebe der Widerspruch– wie man ein paradoxes Ordnungssystem im Gleichgewicht hält

Kapital und Arbeit– aus Rivalen werden Partner

Real existierender Sozialismus und Planwirtschaft– Motivatoren wider Willen

Lyndon B. Johnson und Amerikas Weg zum Sozialstaat

Kapitel 4

Bastardökonomie. Das Wölfische kehrt zurück – wie Politiker und Banker unseren Wohlstand gefährden

Die Grenzen des Wachstums– warum Wohlstand dazugekauft wird

Die Gier nach Gegenwart– die Schuldenrepublik entsteht

Der Aufstieg der Banken als Ermöglicher von Politik

Immobilienspekulation auf Staatskosten– der große Sündenfall made in USA

Zukunft zu verkaufen– die Funktion der Notenbanken für die Bastardökonomie

Wer rettet wen?– wie die »Rettungspolitiker« die Gesetze von Marktwirtschaft und Demokratie außer Kraft setzen

Warum die Bastardökonomie die Marktwirtschaft verformt

Kapitel 5

Neustart. Wie sich die Bastardökonomie beenden und unser Wohlstand erhalten lässt

Die Bastardökonomie– eine Schadensbilanz

Entflechtung jetzt!

Alle Macht dem Volke– warum das Parlament sein Budgetrecht verwirkt hat

Ihr müsst euer Leben ändern– wie die Banker wieder zu Dienern der Gesellschaft werden

Warum wir die Vereinigten Staaten von Europa bauen sollten

Die Wirtschaftswissenschaften müssen sich selbst neu denken

Wohlstand oder Wachstum? Plädoyer für eine Politik der Entschleunigung

Literatur

Danksagung

Vorwort

Dieses Buch verdankt seine Entstehung dem Zustand der Verwirrung. Es ist die Verwirrung eines Autors, der entgegen den Gesetzmäßigkeiten seiner Zunft darauf keinerlei Exklusivitätsansprüche erhebt. Vielmehr fühlt er sich in bester Gesellschaft. Nach den vielfältigen Krisen von Banken, Währungen und Staaten sehen viele das Wohlstandsversprechen unseres Wirtschaftssystem in Frage gestellt.

Wird es unseren Kindern wirklich besser gehen können als uns heute? Überlebt der nach dem Krieg errichtete Sozialstaat die permanent gegen ihn gerichteten Angriffswellen, auch die seiner ihn überfordernden Freude? Kann die Krisenbekämpfungspolitik in Südeuropa den großen Knall verhindern? Und dann die wohl düsterste aller Fragen: Ist unser Modell von Demokratie und marktwirtschaftlicher Ordnung noch zukunftsfähig?

Dieses Buch versucht, Antworten zu geben. Wobei jene Leserinnen und Leser gewarnt seien, die sich an den Spielarten eines ökonomischen Fatalismus erfreuen oder der Sehnsucht nach Apokalypse verfallen sind. Sie werden hier nicht auf ihre Kosten kommen. Es geht in »Unser Wohlstand und seine Feinde« um Realismus, nicht um Pessimismus. Wir wollen die bedrohlichen wirtschaftlichen Zustände nicht an ihr Ende, sondern zum Anfang zurückdenken. Vor dem geneigten Leser liegt ein Beitrag zur wirtschaftlichen Evolutionsgeschichte der Welt, die erzählt und erklärt, wie wir dahin kamen, wo wir heute stehen.

Ohne diese historische Ortsbestimmung driftet die so leidenschaftlich geführte Debatte über die Zukunft unseres Wirtschaftssystems, das viele fälschlicherweise »kapitalistisch« nennen, ins Zufällige ab. Denn die Grundverwirrung rührt ja gerade daher, dass beide an unseren Universitäten vertriebenen Navigationssysteme, das sozialistische wie das liberale, zur Positionsbestimmung nicht mehr taugen. Die ihren Betriebssystemen zugrunde gelegten Algorithmen wurden von der Wirklichkeit widerlegt.

Das kapitalistische System fuhr nicht wie von Karl Marx geweissagt in die Hölle der Verelendung. Es gibt keinen tendenziellen Fall der Profitrate, so wenig wie der Unternehmer die ihm zugewiesene Rolle als »Totengräber« des Systems übernahm.

Adam Smith, dem geistigen Gegenspieler, ist es in der rauen Wirklichkeit nicht besser ergangen. Der Glaube an die »unsichtbaren Hände«, die unser Wirtschaftssystem einer natürlichen Balance zuführen würden, erwies sich als irrig. Nur die eiserne Hand des Staates konnte die Welt nach der Implosion des von deutschen Aussiedlern gegründeten Bankhauses Lehman Brothers vor Massenarbeitslosigkeit, Armut und politischem Radikalismus retten. Die unsichtbaren Hände hätten uns beinahe erdrosselt. Man fragt sich heute, wie wir diesen Unfug, alles würde von selbst seiner natürlichen Ordnung zustreben, jemals glauben konnten. Wenn es denn ein Wesensmerkmal unserer Wirtschaftsordnung gibt, dann ist es ihre ständige Neigung zur Unordnung.

Auch die neuzeitliche Volkswirtschaftslehre hilft uns nicht weiter. Sie betrachtet die Wirtschaft als eine große Maschine. Bildhaft wird sie gerne mit einer Lokomotive gleichgesetzt. Welche Lokomotive zieht die Weltwirtschaft? So lautet die Frage vor nahezu jedem G-20-Treffen der wichtigsten Staats- und Regierungschefs.

Das Bild von der Lokomotive besagt: Die Wirtschaftsmaschine erbringt unter gleichbleibenden Bedingungen gleichbleibende Leistung. Wer sie mit mehr Energie, sprich Geld, befeuert, erhöht das Tempo.

Das Beruhigende und Fatale an diesem Bild ist: Wenn das Umfeld sich verändert, arbeitet die Maschine gemäß ihrer Konstruktion und der in ihr angelegten Mechanik trotzdem weiter. Sie funktioniert. Im Zweifel verbraucht sie mehr Energie und ist weniger effektiv, aber, und darauf kommt es hier an, die Maschine bleibt eine Maschine. Kehrt das Umfeld wieder zum Normalzustand zurück, zum Beispiel nach einer Rezession oder einer Finanzkrise, stellen sich die alten Ergebnisse wieder ein. Die Wirtschaft laufe wieder rund, heißt es dann.

Doch diese mechanistische Sichtweise, bei der die Leistungen der Maschine mit mathematischen Modellen vorhergesagt werden können, bildet das ökonomische Geschehen nur unvollständig ab. In seiner Starrheit erinnert das Konzept »Wirtschaft= Maschine« an den frühen Glauben, alle Pflanzen und Tiere seien mit einem Donnerschlag, von der Kirche »Schöpfungsakt« genannt, entstanden. Erst Charles Darwin konnte mit seiner Theorie von der Evolution, bei der sich jede künftige Lebensform durch Mutationen oder Modifikationen aus heutigen Lebensformen entwickelt, so wie die heutigen aus vorherigen Lebensformen hervorgegangen sind, die Komplexität des Entstehens und Vergehens von Arten erklären.

Wir sollten »die Wirtschaft« ebenfalls weniger starr und mechanistisch betrachten. Sie ist– zumal sie im Kern aus nichts anderem als aus Menschen besteht, ihrer Arbeitskraft und ihren Ideen, ihren Bedürfnissen und Abneigungen– ein großer lebender Organismus, der, wie alle anderen Organismen auch, auf Veränderungen der Umwelt mit Verhaltensänderungen reagiert. Darwin würde von »Adaption« sprechen.

Gelingt dem Organismus diese Anpassungsleistung nicht oder zu langsam, so wie es den Dinosauriern im Übergang von der Kreidezeit zum Tertiär ergangen ist oder dem Malaria-Virus in Kontinentaleuropa nach der Entdeckung von Antikörpern, stirbt er aus oder führt ein Nischendasein. Jene Organismen aber, denen die Anpassung an veränderte Umstände am besten und schnellsten gelingt, werden belohnt. Sie vermehren sich häufiger als andere. Darwin nennt das »natürliche Selektion«.

Um die Welt der Ökonomie besser zu verstehen, sollten wir uns Darwins Bilder von der Evolution ausleihen. Die von ihm entdeckten Prinzipien von Adaption und natürlicher Selektion kennzeichnen nicht nur die Evolution von Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt, sondern auch die Art und Weise, wie unser Wirtschaftsorganismus sich entwickelt.

Verändert sich das Umfeld kaum, bleibt der Organismus stabil. Das trifft auf die westlichen Nachkriegsgesellschaften zu mit ihren anhaltend hohen Wachstumsraten und der stabilisierenden Wirkung der Blockkonfrontation zwischen Ost und West.

Wir leben heute in einer Zeit weltweit großer evolutionärer Dynamik, nicht erst seit der Finanzkrise. Die sowjetische Planwirtschaft, die nicht in der Lage war, ihre eigene Bevölkerung zu ernähren, musste weichen. Nicht Ronald Reagan oder Michail Gorbatschow haben der Sowjetunion das Todesglöckchen gebimmelt, auch wenn sie dafür vielerorts verehrt werden. Es war ein ökonomischer Auswahlprozess, der das entscheidende Wort sprach. Ein blühendes russisches Wirtschaftssystem hätte Reagan nicht totrüsten und Gorbatschow nicht preisgeben können.

Zugleich werden schnell lernende Systeme belohnt. Der chinesischen KP, die nach der pragmatischen Devise verfährt, »wenn etwas gut funktioniert, nennen wir es Kommunismus«, gelang es, ein Wirtschaftssystem neuen Typs zu etablieren. Der oft wiederholte Satz»nach dem Ende der Planwirtschaft fehlt dem Kapitalismus die Systemalternative« könnte falscher nicht sein.

In Wahrheit haben wir es mit einer nie da gewesenen Artenvielfalt der wirtschaftlichen Systeme zu tun. Von Putins Oligarchenwirtschaft über den Öl-Kapitalismus im Nahen Osten und in Venezuela bis zu den verschiedenen asiatischen Modellen einer dirigistischen Marktwirtschaft streut die ökonomische Variation.

Selbst innerhalb der westlichen Industriegesellschaften herrscht ein bunter Pluralismus. Man denke nur an die Unterschiede zwischen dem zentralistischen Frankreich und dem Deutschland des Föderalismus und des Mittelstandes. Oder an die Differenz zwischen Amerika und Europa. Darwins »Gradualismus«, der eine Veränderung des Lebens in oft kleinsten Schritten beschrieb, findet hier seine Entsprechung in der Welt der Wirtschaft.

Erzählt wird diese Evolutionsgeschichte in diesem Buch von allem Anfang an. Wir kehren zurück in die graue Vorzeit des Wolfskapitalismus, ziehen mit den Ölmagnaten, Industriebaronen und Börsenspekulanten an die frühen Siedlungsstätten unseres Industrialismus. Wir begegnen jener Zeit, als das System erstmals autoaggressive Verhaltensweisen zeigte. Über die Große Depression führte der Pfad zu Hitler und Roosevelt.

Von dort geht es in gleichermaßen dialektischer wie glorreicher Verkehrung des bis dahin Gewesenen zur Marktwirtschaft. In Deutschland schuf Kanzler Ludwig Erhard »Wohlstand für (fast) alle«, so wie sein amerikanisches Gegenstück Präsident Lyndon B. Johnson die »Great Society« begründete, die amerikanische Ausgabe eines Sozialstaates. Unter dem Eindruck steiler Wachstumsraten mutierte der kapitalistische Wolf zum marktwirtschaftlichen Haushund, der dem Menschen nahe und nützlich sein will. Viele glauben seitdem, die Domestizierung sei unumkehrbar. Und wer das nicht glaubt, der hofft zumindest.

Als sich die hohen Wachstumsraten der Nachkriegsjahre verabschiedeten, wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. Staaten und private Banken kamen sich nun näher, als Bürgern und Kunden recht sein konnte. Der Kredit führte sie zusammen. Er wirkt für beide Seiten wirklichkeitsvergrößernd. Bald schon kooperierten und kopulierten Bank und Staat, bis unklar war, wer hier eigentlich die Verantwortung trägt. Aus hybriden Verhältnissen entschlüpfte eine Bastardökonomie, die– halb Markt- und halb Staatswirtschaft– im Schatten der Globalisierung gezeugt worden war. Das Wölfische kehrte in das System zurück.

Nirgendwo im Westen ist der Staat noch der, als der er sich ausgibt. Er ist heute eine Art Doppelwesen, das tagsüber auf dem roten Teppich wandelt, umbraust von Militärkapelle und Nationalhymne, um sich des Nachts im Schattenreich der globalen Finanzmärkte seinen Nachschub an Geld zu besorgen. Von den dortigen Eliten lässt sich der Politiker bereitwillig die modernen Finanzmarktprodukte erläutern: das Leasing der Müllfahrzeuge, das Sale-and-lease-back der Sportplätze, die Kreditausfallversicherungen, das Hebeln von Staatsanleihen und die Devisenspekulation auf Optionsschein. Noch im kleinsten Rathaus der Republik kommen diese riskanten Instrumente zum Einsatz. So gelangten die Banken zu ihrer einzigartigen Machtposition im Staate.

Der private Kapitalmarkt ist heute der große Ermöglicher von Politik. Politische Macht gegen wirtschaftliche Sonderstellung, das ist das Tauschgeschäft, auf dem dieses historisch einmalige und in keiner westlichen Verfassung vorgesehene Zusammenspiel beruht.

Im atemberaubenden Wachstum der Deutschen Bank, dem größten Institut unseres Landes, findet die neue Zeit ihren Ausdruck. Entsprach die Bilanzsumme des Geldhauses 1990 mit 200 Milliarden Euro erst rund neun Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung, erreicht sie mit heute knapp zwei Billionen über 90 Prozent unserer gesamtdeutschen Wirtschaftskraft– ein Plus von inflationsbereinigt 640 Prozent. Es gibt keine zweite Institution, keine Partei, kein anderes Großunternehmen, das ein vergleichbares Wachstum vorzuweisen hätte.

Überall auf der Welt sehen wir dieses enthemmte Wachstum des Finanzsektors. Er löste sich aus der Rolle des Dienstleisters, sein Wachstum schoss deutlich über das Wachstum all seiner Kunden hinaus, er veränderte die Wirtschaftsordnung, der er entsprungen ist.

Der Finanzsektor gilt fortan als »systemrelevant«, was zur Folge hat, dass der Bürger für seine Banken haftet: Politiker retten Banken, Banker retten Staaten, und beide zusammen lassen sich ihre Flitterjahre von den Notenbanken bezahlen, die mit dem Gelddrucken kaum mehr nachkommen.

Das, was wir bis dahin »Marktwirtschaft« nannten und als »sozial« bezeichnet haben, verformte sich unter dem Druck der Ereignisse. Risiko und Verantwortung wurden entkoppelt. Die Gelehrten können sich schon auf den Befund– hat der Staat oder hat der Markt versagt?– nicht mehr einigen. Von den Rezepturen– mehr Markt, rufen die einen; gebt uns das Primat der Politik zurück, die anderen– gar nicht zu reden.

Die Gewissheitsverluste übersteigen mittlerweile die materiellen Verluste. Aktien, Anleihen und verbriefte Immobilienkredite wurde teilentwertet, doch die Entwertung der klassischen Volkswirtschaftslehre war radikaler. Aktien und Anleihen erholen sich nach derartigen Krisen, die Erkenntnisse der Klassiker aber sind unter dem Schutt der Weltfinanzkrise begraben.

Wer diese Bastardisierung der Verhältnisse durchschaut, versteht, warum Marktfundamentalisten und Staatsgläubige, Konservative und Progressive, Christ- und Sozialdemokraten derzeit so leidenschaftlich an der Sache vorbeistreiten. Und er bekommt eine Ahnung, warum dem politischen Liberalismus der Zeit mehr fehlt als ein charismatischer Führer. Seine Grammatik stimmt nicht mehr, weshalb die Schlachtrufe der politischen Elite wie das Echo einer vergangenen Zeit klingen. Markt- und Staatsversagen müssen heute zusammen gedacht werden.

An den Universitäten wird die Rückmeldung aus der Wirklichkeit vielfach ignoriert, zumindest von den Professoren. Viele junge Menschen sind weiter. Sie besitzen ein deutlich sensibleres Radarsystem für die Veränderung. Sie spüren die aufkeimende Leere und die Notwendigkeit, sie mit neuen Annahmen zu füllen. Nur wer weiß, wo er herkommt, weiß, wo er hinwill.

Wir sollten gar nicht erst so tun, als ob die Krise beendet und die Risiken für die Zukunft unserer Kinder gemeistert seien. Das sind sie nicht. Die ökonomischen Zustände unserer heutigen Welt sind weiterhin von Rauschhaftigkeit geprägt. Das Auto-Aggressive ist in unsere Wirtschaftsordnung zurückgekehrt. Die Pleite des Bankhauses Lehman, die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands und der Einsatz der Rettungsbillionen zur Stabilisierung der Weltwirtschaft waren nicht die Höhepunkte eines Dramas, sondern dessen Präludium.

Dieses Buch versucht, Komplexität zu reduzieren, aber nicht um den Preis der Simplifizierung. Deshalb wird die Entwicklung unseres Wohlstands nicht nur bis zum Krisenjahr 2008 zurückverfolgt, sondern bis zu seinen Quellen. Nur wenn wir durch das Fenster der Geschichte blicken, können wir den Charakter der krisenhaften Erscheinungen von heute verstehen.

In Kapitel 1 bis 4 schauen wir auf die Anfänge des Kapitalismus und die wesentlichen Treiber unserer Wohlstandsentwicklung. Wir gehen neben dem langen Fluss der Geschichte her bis zu jener Gabelung, an der wir heute stehen: Die Widersprüche der Marktwirtschaft aushalten oder den Verlockungen eines »staatlich-finanzwirtschaftlichen Komplexes« nachgeben? Die ausführliche Schilderung der Ereignisse in den USA– von der Großen Depression bis zum Immobilienprogramm der Präsidenten Clinton und Bush junior– ist dabei ein unverzichtbarer Bestandteil der Aufarbeitung. Denn hier nahm das neuzeitliche Unheil seinen Lauf. Ohne die abknickenden Wachstumsraten der siebziger Jahre und das besondere Verständnis der USA von einer privat finanzierten Sozialpolitik hätte die Immobilienblase niemals entstehen können. Ohne die Immobilienblase wäre es nicht zur weltweiten Bankenkrise gekommen. Ohne Bankenkrise kein Griechenland-Drama mit angeschlossener Euro-Rettung. Allerdings: Einer soliden Staatsfinanzierung in Europa hätten auch die Ereignisse in Übersee nichts anhaben können. So aber arbeiteten Europäer und Amerikaner mit vereinten Kräften und umso wirksamer am Zustandekommen einer bastardisierten Ökonomie als Grundlage des perfekten Angriffs auf unseren Wohlstand.

In Kapitel 5 werden die unbequemen, auch die schmerzhaften, vor allem aber die notwendigen Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen unserer Wohlstandsgeschichte gezogen.

Es steht mehr auf dem Spiel als die Stabilität der europäischen Währung. Wenn der Rückkehr des Wölfischen kein Einhalt geboten wird, dürften der Zusammenhalt der europäischen Gesellschaft, ihre freiheitliche Substanz, das Streben nach Demokratie und sozialer Gerechtigkeit einmal mehr einem historischen Stresstest unterzogen werden. »Die Geschichte selbst hat weder ein Ziel noch einen Sinn«, rief uns Karl Popper in »Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde« mit der ihm eigenen Deutlichkeit zu. Und fügte allerdings in tröstender Absicht hinzu: »Aber wir können uns entschließen, ihr beides zu verleihen.«

Daran will dieses Buch mitwirken.

Gabor Steingart, Februar 2013

Kapitel 1 – Urknall. Vom Entstehen des Kapitalismus und was ihn von der Marktwirtschaft unterscheidet

Glühbirne, Dampfmaschine und Telegrafenmast: Das Jahrhundert der Erfinder bringt Wohlstand und Wolfskapitalismus hervor. +++ Das Primat des Profits, und warum der Staat anfangs nur eine Statistenrolle spielt. +++ Kapitalismus erzeugt Krieg und zerstört die Konkurrenz, also auch sich selbst. +++ Was die Schlachthöfe im Chicago des 19. Jahrhunderts mit dem iPhone-Hersteller Foxconn in China verbindet.

Kapitalismus und Marktwirtschaft – ziemlich entfernte Verwandte

Um den Ruf unserer Marktwirtschaft ist es nicht gut bestellt. Die permanente Banken-, Euro- und Staatenrettung, bei zeitgleich sich beschleunigendem Dauerrisiko in der Arbeitswelt hat dem Ansehen unserer Wirtschaftsordnung nicht gutgetan.

Doch wir sollten der Treibjagd auf die Marktwirtschaft Einhalt gebieten, wenigsten für die Dauer der hier vorliegenden Lektüre. Plädiert sei für ein Moratorium, für einen zeitlich befristeten Empörungsaufschub. Denn mag unser Zorn auch berechtigt sein– und wer wollte das angesichts der zahlreichen Missstände ernsthaft bestreiten–, sorgen die feindseligen Emotionen womöglich für eine fehlerhafte Analyse. Denn Marktwirtschaft und Kapitalismus sind beileibe nicht dasselbe. Sie sind sogar höchst verschieden, stehen zueinander in einem ähnlichen Verwandtschaftsverhältnis wie der Haushund zum Wolf.

Der Wolf– canis lupus– ist das ewige Raubtier. Der Mensch und er sind, kaum dass man einander zu nahe kommt, Rivalen im Kampf um Lebensraum und Nahrung. Der Haushund– canis lupus familiaris– ist hingegen eine domestizierte Unterart des Wolfes. Er will dem Menschen nah und nützlich sein. Wolf und Hund entspringen zwar demselben Genpool, aber die Evolution hat sie einander entfremdet.

Der Kapitalist ist der Wolf der Weltwirtschaftsgeschichte. Auch wenn er in verschiedenen Weltgegenden in unterschiedlicher Ausprägung in Erscheinung tritt– so wie der Wolf als Polarwolf in Sibirien, als Buffalo-Wolf in den Rocky Mountains oder als Eurasischer Wolf in China–, so sind die Ähnlichkeiten der Kapitalisten in China, Russland, den USA und bei uns doch stets größer als die Unterschiede. Das von ihnen hervorgebrachte System ist totalitär, weil die ökonomischen Beziehungen allen anderen Beziehungen ihren Stempel aufdrücken.

Der Kapitalist ist ein Wesen, das einzeln oder im Rudel auftritt, vornehmlich um Beute zu machen. Bei aller Wohlerzogenheit, die nach Bedarf vorgezeigt werden kann, interessiert ihn doch vor allem eins: der Profit. Zuweilen tritt das Raubtierhafte seines Charakters deutlich zu Tage, wie wir mit einem Blick in die Chicagoer Schlachthöfe des 19. Jahrhunderts oder zu den 1,2 Millionen Arbeitern der heutigen Firma Foxconn, die in Südkorea unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen das iPhone von Apple zusammenkleben, erkennen können.

Die Spezies des Kapitalisten ist, da hilft keine Beschönigung, inhuman und von Gier gesteuert, auch wenn die Fabrikanten der Frühzeit uns mit dem Gebetbuch in der Hand und feiner Kleidung am Leib zu täuschen versuchten. Aber der Wolf bleibt ein Wolf, auch wenn er den Frack anzieht.

Im Zentrum des Denkens und Handelns dieser Spezies steht seit jeher das Geld, wie uns das Wort »Kapitalismus« ohne Umschweife mitteilt. Und die Überhöhung zum »Ismus« deutet darauf hin, dass wir uns im Tempel der Heilslehren befinden, wo eine Tapetentür immer auch zum Fanatismus führt. Hier wird Profitverherrlichung in all seiner Einfältigkeit gepredigt.

Kein zweiter Autor hat die frühe Morgenstunde des Kapitalismus vergleichbar einprägsam überliefert wie der Fabrikantensohn Friedrich Engels. Das »Geldmachen ist die Sonne, um die sich alles dreht«, schrieb er in seinem Werk »Die Lage der arbeitenden Klasse in England«. Und weiter:

»Mir ist nie eine so tief demoralisierte, eine so unheilbar durch den Eigennutz verderbte, innerlich zerfressene und für allen Fortschritt unfähig gemachte Klasse vorgekommen wie die englische Bourgeoisie. Für sie existiert nichts in der Welt, was nicht nur um des Geldes willen da wäre, sie selbst nicht ausgenommen, denn sie lebt für nichts, als um Geld zu verdienen, sie kennt keine Seligkeit als die des schnellen Erwerbs, keinen Schmerz außer dem Geldverlieren. Und wenn der Arbeiter sich nicht in diese Abstraktion hineinzwängen lassen will, wenn er sich einfallen lässt zu glauben, er brauche sich nicht als Ware im Markte kaufen und verkaufen zu lassen, so steht dem Bourgeois der Verstand still.«

Man wünschte, Engels hätte ins Polemische überdreht. Aber das hat er nicht. Der Kapitalismus seiner Zeit war im Kern ein Beherrschungsvertrag der Wirtschaft über die Gesellschaft. Auf dessen strikter Einhaltung haben die Unternehmer der frühen Stunde bestanden. Das Versprechen von Reichtum und die Drohung mit Armut lösten sie mit unbarmherziger Pünktlichkeit ein.

Wenn Bundespräsident Joachim Gauck heute sagt, der Mensch sei nicht primär durch seine Rolle im Wirtschaftsleben bestimmt, kann er den Menschen des Ur-Kapitalismus nicht gemeint haben. Denn der war zuerst und vor allem anderen durch seinen Rang im Machtgefüge des Produktionsapparates bestimmt. Die große ökonomische Prägemaschine hielt ihn zeitlebens zwischen ihren Pressbacken gefangen. Da zappelte er und funktionierte, wie es die Maschine für ihn vorsah. Und wenn er wirtschaftlich überflüssig oder nicht mehr ausreichend effektiv war, ließ man ihn auf den Boden plumpsen. Sollte er doch sehen, wie er klarkam. Armut und Armseligkeit galten als der angemessene Lohn für Lebensleistung.

Der Kapitalist war sich keiner Schuld bewusst. Er orientierte sich am Feudalstaat, der ihn hervorgebracht hatte. An der Wiege des Kapitalismus standen nun einmal Könige, Fürsten und Klerikale. Das Wort »Demokratie« war noch nicht in aller Munde.

So schwebte denn dem frühen Fabrikanten ein Feudalismus ohne Geburtsnachweis vor, in dem der Fabrikherr der neue König war. So geschah es dann auch: Der Ausbeuter wurde ein ökonomischer Feudalherr, der den Arbeiter als Untertan und jeden Widerspruch als Majestätsbeleidigung verstand. Der Volksmund sprach folgerichtig von »Industriefürsten« oder, herzhafter noch, von »Räuberbaronen«. Die Freiheit, die die Kapitalisten meinten, war nicht die Freiheit der anderen. Der Wohlstand, dem sie zustrebten, war ein Wohlstand nur für wenige. Die Wirtschaftsordnung dieses Ur-Kapitalismus konnte das Wölfische in ihrem Gencode nie verleugnen.

Der Marktwirtschaftler ist von anderer, deutlich friedlicherer Natur. Er ist der aus dem Wolf hervorgegangene Haushund. In einem langen Evolutionsprozess hat er sich durchgesetzt. Über die Wendeltreppe der Irrtümer führte der Weg zu Marktwirtschaft und parlamentarischer Demokratie.

Wie der ihr vorhergehende Kapitalismus ist aber auch die marktwirtschaftliche Ordnung womöglich nur eine temporäre Erscheinung. Denn wie die Evolution der Tiere und Pflanzen kennt auch die Wirtschaft keinen Endzustand. Alles Gegenwärtige wird durch den Lauf der Zeiten wieder in Frage gestellt. Dennoch bilden sich von Zeit zu Zeit Systeme heraus, deren Aggregatzustand fester und stabiler erscheint, deren Ablösung keineswegs wünschenswert ist. Die Soziale Marktwirtschaft gehört dazu. Sie ist nicht die Krönung der Entwicklung, kein Paradies auf Erden, sie verdient keine götzenhafte Verehrung. Aber sie ist das Beste, was die Evolutionsgeschichte der Wirtschaft den Menschen bisher zu bieten hatte. Es lohnt sich für sie, den Willen zu mobilisieren.

Das nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa und Amerika durchgesetzte Leitbild der marktwirtschaftlichen Ordnung folgt der Idee von der Freiheit. Schon das ist bemerkenswert. Die Marktwirtschaft blickt nicht mehr auf den Untertan, sondern schaut auf den selbstbestimmten Bürger. Auf den Märkten, jenen Orten, an denen Anbieter und Nachfrager, Bedürftige und Begünstigte, Gebildete und solche, die es erst noch werden wollen, zusammentreffen, sollen sie ihre Freiheit ausleben dürfen. Der Einzelne kann zur angebotenen Ware Ja, Nein oder gar nichts sagen. Die Marktwirtschaft ist kein Beherrschungsvertrag, sondern ein Koordinierungsvorgang zwischen freien Menschen. Der Marktwirtschaftler will nicht andere berauben, sondern anderen nützlich sein.

Die heutigen Marktwirtschaftler sind vor allem Pragmatiker. Sie wollen den friedlichen Wettbewerb, die Kooperation zwischen Kapital und Arbeit, und sie glauben nicht an die natürliche Neigung des Systems zum Selbstausgleich. Sie streben eine über den Preis vermittelte Harmonie an, wo der eine gibt, was der andere braucht. Aber sicherheitshalber hat der Marktwirtschaftler Institutionen erschaffen, die diese romantische Idee auch bewachen.

Die Marktwirtschaft, das zeichnet sie aus, nimmt den Menschen, wie er ist. Sie sieht im Innersten der Welt ein Prinzip wirken, das auf Freiheitsdrang und Entfaltungssehnsucht beruht, das den Trieb nach Wohlstandsvermehrung zugleich fördert und begrenzt, das um das menschliche Bedürfnis nach und die Befähigung zur Anteilnahme mit anderen weiß. Die Marktwirtschaft strebt eine Fortschrittsmechanik an, die in kleinen Schritten in Richtung eines guten Lebens voranschreitet. Deshalb wurde zwar nicht das Glück selbst, wohl aber »das Streben nach Glück« in der Verfassung der USA als Grundrecht jedes Menschen festgeschrieben.

Es gibt keine für alle gültige Vorstellung vom guten Leben. Man kann daher mit gutem Grund behaupten, der Marktwirtschaft fehle das Großformatige oder Großartige. Aber: wenn der tschechische Intellektuelle und einstige Berater von Václav Havel TomአSedláČek die zwei menschlichen Urängste richtig beschrieben hat– die Angst vor dem Animalischen, dem Triebhaften, und die Furcht vor dem Maschinellen, dem Roboterhaften–, dann muss die Marktwirtschaft sich hier nicht angesprochen fühlen. Beide Ängste sind ihr wesensfremd. Sie kennt nicht den einen großen Durchbruch, nur die vielen kleinen. Und in ihrem Innern wirken Menschen, nicht Maschinen. Sie will, das ist das Romantische an ihr, ein Gleichgewicht herstellen, einen Ausgleich zwischen Anbietenden und Nachfragenden. Während der Kapitalist vom Endsieg träumt, strebt der Marktwirtschaftler nach Balance.

Die Marktwirtschaft besitzt die sozialen Techniken, die dem Kapitalismus zeitlebens fehlten. Letzterer glaubte an die Beherrschung der Natur, die Allmacht der Naturwissenschaften, an Dampfmaschine, Hochofen und Atomspaltung, an die möglichst effektive Nutzung von Kohle, Dynamit und Elektrizität. Er sah sich als Vollstrecker der Naturwissenschaften, weshalb alles Menschliche beiseitezutreten hatte. Das Soziale war für ihn ein Kostenfaktor, keine Produktivkraft.

Die Marktwirtschaft aber weiß, dass erst die gemeinsame Anwendung von Naturgesetzen und sozialen Techniken die Wohlstandsvermehrung dauerhaft voranbringt. Wirtschaften bedeutet eben nicht nur ein rohes Gegeneinander auf den Märkten der Konkurrenz, sondern auch ein einfühlsames Miteinander. Wir müssen nur an die Zusammenarbeit der Mutterkonzerne mit ihren Tochterfirmen denken, an die Vertrauensbeziehung der Produzenten zu den Kunden, an das Partnerschaftliche von Betriebsleiter und Betriebsrat. Der Marktwirtschaftler kann zuhören und erklären, vermitteln und einlenken, derweil der Kapitalist das Wort »Kompromiss« nicht aussprechen mag. Er arbeitet am liebsten mit Hammer und Amboss. Der Marktwirtschaftler dagegen bevorzugt die Moderation. Er will alle zueinander bringen, Arbeit und Kapital, Bedürftige und Begüterte, Staat und Privatwirtschaft, Angebot und Nachfrage. Das Ausgleichende ist seine zweite Natur.

Herzlosigkeit als Mitgefühl – die schwierige Rolle des Staates

Die Marktwirtschaft erkennt an, dass es immer mehr als einen gibt. Der Kapitalismus liebt Monopole und strebt ihnen zu. Marktwirtschaft und Monopol dagegen sind zwei Begriffe, die sich abstoßen, so wie Marktwirtschaft und Knechtschaft auch. Wer »Marktwirtschaft« sagt, der sagt auch »Staat«.

Der Kapitalist sagt auch »Staat«, aber er sagt es in verächtlichem Ton. Er verlangt dessen Unterordnung. Während der Marktwirtschaftler den Staat als Partner auf Augenhöhe anspricht, klingelt der Kapitalist nach ihm als Diener. Sein heimliches Ideal ist die staatsfreie Zone. Er will die Gesellschaft aufspalten in viele Atome, und weil er ahnt, dass ihm das nie ganz gelingen kann, versucht er, Staatlichkeit und Gruppeninteressen aller Art zu marginalisieren und zu diffamieren. Nur ein Staat, der vor sich hindämmert, ist für den Erzkapitalisten ein guter Staat. Nur eine Gewerkschaft, die sich als Nostalgieverein zum Gedenken an verpasste Siege versteht, wächst ihm ans Herz.

Eine Ausnahme macht der Kapitalist allerdings schon. Er will den starken Staat, der sein Privateigentum schützt. Polizei, Armee, Überwachungsorgane– davon kann er nicht genug bekommen. Sein Eigentum, ob Fabrik oder Patent, vermag er nicht allein vor den vielen Feinden und Spähern zu schützen. Der Staat als Konservierungsmittel der Verhältnisse ist dem Kapitalisten recht.

Die Marktwirtschaft hingegen begreift sich als ein Ordnungsprinzip, in dem staatliche Instanzen immer wieder aktiv werden, um Anarchie, Massenarmut, Ungerechtigkeit und Monopole aller Art zu vermeiden. Die unsichtbare Hand des Marktes und die eiserne Hand des Staates gehören für ihn zum selben Körper. Die eine gleicht aus, was dem anderen misslingt.

Der Unterschied zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft wird am deutlichsten, wenn wir auf den sehr unterschiedlichen Umgang mit den Verlierern der Gesellschaft schauen. Der wölfische Kapitalismus ist das ökonomische Gegenstück zur jakobinischen Revolution, die keine Gefangenen machte. Beseelt von Stärke und Stringenz ihrer Gedankenwelt herrschte im Paris des späten 18. Jahrhunderts eine urwüchsige Kopf-ab-Mentalität, in der Mitgefühl als Willensschwäche und Armut als von Gott gewollt galten.

Der Kapitalist der frühen Industrialisierung war sich keiner Schuld bewusst. Er glaubte, dass im Kapitalismus ein archaisches Prinzip verwirklicht sei. Der Löwe fragt schließlich auch nicht die Gazelle, ob sie gejagt, gerissen und verspeist werden will.

Die Schlüsselbegriffe der kapitalistischen Heilslehre lauten Rivalität und Konkurrenz, Ungleichheit und Kampf. Der Schwache muss sich nach dem Starken strecken, nicht der Starke zum Schwachen hinunterbeugen. Hilfe würde den Menschen nur hilfloser machen, glaubt der Kapitalist, weshalb sie grundsätzlich zu unterbleiben habe.

So sprach sich der Kapitalist nicht nur vom moralischen Makel der Herzlosigkeit frei, sondern erklärte in einer schlitzohrigen Paradoxie seine Herzlosigkeit zum Ausdruck von Mitgefühl. Unglück wird zur Vorbedingung von Glück. Der Kapitalist kommt seiner Verantwortung für die Gesellschaft dadurch nach, dass er sich für nicht zuständig erklärt. In das »freie Spiel der Kräfte« eingreifen will er schon deshalb nicht, weil es ihm nicht gerecht erscheint. »Kapitalismus ist das, was Menschen tun, wenn man sie in Ruhe lässt«, sagt der Philosoph Kenneth Minogue.

Diese Härte richtete sich keineswegs nur gegen jene Bevölkerungsschichten, die man heute als die »sozial Schwächeren« bezeichnet. Sie richtete sich gegen alle, die nicht oben in der Nahrungskette stehen, also auch gegen die Zweitplatzierten. Der katholische Sozialkritiker Heinrich Pesch hat Recht, wenn er in seinem »Lehrbuch der Nationalökonomie« schreibt: »Die ungeregelte Freiheit ermöglicht die volle Ausnutzung der im Kapitalbesitz verbundenen Übermacht, darum Niederwerfung des Mittelstandes, Vernichtung minder kräftiger Konkurrenten, die Ausbeutung des Konsumenten wie des besitzlosen Arbeiters.« Man könnte auch sagen, das letzte Ziel des wölfischen Kapitalismus ist es, den Markt und jegliche Form der Freiheit abzuschaffen. Er besitzt Charaktereigenschaften, die sich als »autoaggressiv« beschreiben lassen.

Was auf den Märkten seinen Ausgangspunkt nahm, setzte sich im Zeitalter des Kapitalismus in der Sphäre des Staates fort. Hier wurde wirtschaftliche Stärke in politische Macht verwandelt. Wer die Verfügungsgewalt über Fabriken, Transportmittel und Energiequellen besaß, hatte im späten 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert auch politisch das Sagen. Und diese politische Macht setzte er vor allem dazu ein, die Verzinsung seines Kapitals zu erhöhen, notfalls auch mit den Mitteln der Diktatur.

Anders der Marktwirtschaftler: Privatwirtschaft wird von ihm nicht mit Privatangelegenheit übersetzt. Dem Marktwirtschaftler liegt auch die Welt »jenseits von Angebot und Nachfrage«, wie sich Wilhelm Röpke ausdrückte, am Herzen. Deshalb ist den marktwirtschaftlichen Theoretikern der Wettbewerb der Meinungen so wichtig wie der Wettbewerb der Waren. Nur dass jetzt nicht mit Geld abgestimmt wird, sondern mit dem Wahlschein. Der Marktplatz heißt in diesem Fall Parlament. Dort bieten Pragmatiker und Polemiker ihre Ware feil. Die Mehrheitsmeinung soll sich durchsetzen, aber nie so total, dass der Unterlegene gedemütigt ist oder gar im Kerker landet. Die Ablehnung eines wirtschaftlichen Monopols findet in der Ablehnung einer »Tyrannei der Mehrheit« (Stuart Mill) ihre Entsprechung.

Wenn im Kapitalismus das »Recht des Stärkeren« herrscht, steht in der Marktwirtschaft das Gesetz über dem Menschen, auch und gerade über dem starken Menschen. Der Reiche ist weiterhin reich, der Unternehmer noch immer Unternehmer, aber beide sind nicht mehr automatisch mächtig. Ihre Macht endet, wo das Interesse der Gesellschaft beginnt. In Marktwirtschaft und Demokratie geht es, der schottische Aufklärer und Ökonom Francis Hutcheson hat es vortrefflich formuliert, um »das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl«. Hier erkennen wir sehr deutlich den Marktwirtschaftler als den Haus- und Hirtenhund. Sein Glück ist das Glück der ihm anvertrauten Herde.

Marktwirtschaft und Aufklärung traten ihren Siegeszug gemeinsam an. Denn ohne den Abschied der Menschen von Glaube und Aberglaube, ohne das Ersetzen von Vorurteil und Ressentiment durch Vernunft und Bildung wäre es nicht so weit gekommen. Die Evolution der Wirtschaftsordnung ist daher auf das Engste mit der Verwandlung der Gesellschaften im 18. und 19. Jahrhundert verbunden. Die Selbstbefreiung des Bürgertums aus den Fängen von Klerus und Königshofwar die Grundbedingung auch für die Umwälzung der Produktionsverhältnisse.

Erst die Veredelung des Menschen in der Zivilgesellschaft konnte den Kapitalismus und zugleich den Keim seiner Überwindung hervorbringen. Ohne die Französische Revolution von 1789, ohne den erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Siedler gegen die britische Krone, ohne das Hambacher Fest im Jahre 1832, ohne all die aufklärerischen Mühen der sich entwickelnden Bürgergesellschaft hätte die Marktwirtschaft niemals das Licht der Welt erblicken können. An ihrer Wiege stand der zivilisierte Mensch, der Bildungs- und Staatsbürger, das sich seiner selbst bewusste Individuum, das nicht mehr als Befehlsempfänger und Untertan anzusprechen war. Die neue Selbstsicht der Menschen war das Kraftzentrum aller Veränderung, auch auf dem Feld der Ökonomie.

Nun dürfen wir allerdings nicht so tun, als würden sich Kapitalismus und Marktwirtschaft gar nicht kennen. In der Evolutionsgeschichte der Wirtschaft ist der Kapitalist der direkte Vorfahre des Marktwirtschaftlers. So wie im Wolf der Hund schon angelegt war, ist umgekehrt auch im Hund das Wölfische noch abgespeichert. Es wurde domestiziert, das haben wir eben gesagt. Nun müssen wir hinzufügen: Aber ausgerottet wurde es nicht. In jedem Hund steckt immer auch ein Wolf. Die eigene Vergangenheit steckt ihnen bildlich gesprochen noch in den Knochen.

Wer den Fortschritt verstehen will, den die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Marktwirtschaften für die Menschheitsgeschichte bedeuten, und wer zugleich ein Gefühl bekommen möchte für die Gefahren, die unserem heutigen Wohlstand drohen, sollte daher einen genaueren Blick auf den gemeinsamen Stammbaum von Kapitalismus und Marktwirtschaft werfen. Die Verwandtschaftsverhältnisse sind entscheidend. Sie helfen uns später, die neue Spezies zu verstehen, die unsere Gegenwart dominiert, die aus hybriden Verhältnissen entschlüpfte bastardisierte Ökonomie, von der noch ausführlich die Rede sein wird. Diese Spezies taucht in keinem Lehrbuch auf, wohl aber in unserem Leben.

Kapitalismus pur – von Monopolisten, Kartellbrüdern und Kriegsherren

Der erste Kapitalist betrat die Weltbühne im England des Jahres 1769. James Watt war sein Name. Er hatte die Dampfmaschine zwar nicht erfunden, wie ihm heute angedichtet wird, aber er hat es geschafft, sie industriell nutzbar zu machen. Zusammen mit einem gewissen Matthew Boulton gründete er die Firma »Boulton & Watt«. Der Partner brachte das Geld, Watt besaß die Ideen, geschäftstüchtig waren beide.

Sie wussten, was die Welt an ihrem Verfahren haben würde. Denn erstmals konnte jetzt im großen Stil Muskelkraft durch maschinelle Mechanik ersetzt werden. Die Arbeitsproduktivität in den britischen Textilmanufakturen explodierte durch den Einsatz der Dampfmaschine, die nun die Webstühle mit eiserner, aber deshalb auch besonders flinker Hand antrieb. Von dort sprang der Funke nach und nach auf alle anderen Branchen über. James Watt hat die Welt in Schwung gebracht wie niemand zuvor und wenige danach. Er war der Bill Gates der damaligen Welt.

Gewirtschaftet wurde schon vor Beginn des Industriezeitalters. Aber eben nicht so. Die Bauern rührten ihre Hände während der Vegetationsperiode von früh bis spät, waren im Winter aber nur wenig produktiv und im Wesentlichen mit Reparaturarbeiten und Saufgelagen beschäftigt. Die Händler, die man verächtlich »Pfeffersäcke« nannte, tauschten gemächlich ihre Waren, ohne auch nur das Geringste zu erfinden. Die Feudalherren in den Palästen und an den Höfen waren sich selbst genug. Man war protzig, aber man war nicht produktiv.

In der 150-jährigen Herrschaft der Fugger verharrte das Einkommen der einfachen Bevölkerung auf einem Niveau, das kaum mehr als die Versorgung mit den Gütern des Grundbedarfs sicherte. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das immerhin rund 800 Jahre währte, lebte die überwiegende Mehrzahl der Bauern und Handwerker von der Hand in den Mund. Eine schlechte Ernte reichte, um eine Hungersnot zu provozieren. Auch zu Zeiten von König Ludwig XIV. ist keine nennenswerte Steigerung der Volkseinkommen überliefert, wenn auch das Königshaus selbst nach unzähligen Eroberungskriegen in Saus und Braus lebte.

Katharina die Große mehrte zwar den Ruhm und die Kunstschätze Russlands, wie sie eindrucksvoll in der Eremitage von St.Petersburg dokumentierte, aber die einfachen Leute und auch die unteren Chargen des Staatsapparates profitierten davon kaum. Wie sollten sie auch: Das Wesen der Feudalherrschaft war über Jahrhunderte der ökonomische Stillstand. Es gab keine nennenswerten Erfindungen, die sich mit der Adelsherrschaft in Europa in Verbindung bringen lassen. Technologische Durchbrüche waren nur sehr vereinzelt zu vermelden. Abends saß man wie in all den Jahrhunderten zuvor bei Kerzenschein zusammen, die Menschen benutzten die Latrine, fuhren Pferdekutsche oder gingen auf »Schusters Rappen«.

Arme wie Reiche kämpften mit Flöhen und der Krätze, das Kindbettfieber raffte die Wöchnerinnen aller Gesellschaftsschichten dahin wie der Frost die Fliegen. Für das Jahr 1780 geht die Geschichtsforschung davon aus, dass 14 Prozent der Säuglinge unmittelbar nach der Geburt starben. Jedes dritte überlebende Kind verstarb bis zum Alter von 14 Jahren. Kindheit war noch nicht der Inbegriff von Unbeschwertheit, sondern die Chiffre für unverdientes Leiden, stumme Verzweiflung und frühen Tod.

Wohlstand konnte so nicht heimisch werden. Es scheint im Rückblick, als hätten zu jener Zeit große Teile der Menschheit geglaubt, ihr Kopf sei vor allem zum Tragen von Krone oder Soldatenhelm geschaffen. Man schaute mit religiöser Ehrfurcht nach oben, in Richtung Himmel, oder mit mystischem Entsetzen nach unten, wo man die Hölle vermutete. Nur nach vorn schaute kaum einer. Die meisten fühlten sich als demütige Gäste auf Erden, aber nicht als Herren ihres eigenen Schicksals. Das Leben war eng, kurz und vorbestimmt. So glaubte man. Und weil man es glaubte, war es auch so. Das Wort »Selbstbestimmung« hatte noch niemand erfunden.

Selbst die Eliten lebten nicht nach vorn, sondern für den Augenblick, wenn auch auf deutlich höherem Niveau als die Feldarbeiterinnen. Aber das Fehlen einer ökonomischen Antriebskraft einte die Gesellschaft. Der Feudalismus war eine weitgehend stationäre Veranstaltung, in der die Eliten durch Eitelkeit, Faulenzerei, Obszönitäten und Frivolitäten, Kriegslust und soziale Grausamkeit auffielen, aber eben nicht durch technologischen Erfindungsreichtum und gesteigerte wirtschaftliche Produktivität. Wenn sie Wachstum sagten, meinten sie erobern und rauben, nicht erwirtschaften. Außer auf dem Gebiet der Künste hat sich der Feudalismus nur in der Militärtechnik und anderen Fertigkeiten, die der Eroberung dienten– der Schifffahrt, der Kartenkunde und der Navigation–, historische Verdienste erworben.

Der Kapitalist war von anderem Kaliber. Im Vergleich zu allem Vorherigen zeigte er sich als Freund des technischen Fortschritts, als jemand, der die Allmacht des Verstandes entdeckt hatte. Die größte Produktivkraft, so die Erkenntnis, die zu Beginn des 18.Jahrhunderts wirkungsmächtig zu werden begann, schlummere im Innern des Menschen, der sich nur selbst von Mystik und Bequemlichkeit befreien müsse.

Der moderne, der aufgeklärte Mensch jener Zeit schaute nicht mehr nach oben oder unten, sondern endlich geradeaus, wie Egon Friedell in seiner »Kulturgeschichte der Neuzeit« erzählt. Er betrachtete die Welt nicht mehr als göttliche Gegebenheit, sondern »als einen Bauplatz für alles erdenklich Nützliche, Wohltätige und Lebensfördernde, ein unermesslich weites Operationsfeld für die Betätigung und Steigerung der Kräfte des reinen Verstandes, der sich alles zutraut, vor nichts zurückschreckt, durch nichts zu enttäuschen ist«.

Dieser angewandte Verstand denkt sich im 19. Jahrhundert durch alle Naturphänomene, versucht zu verstehen, zu entschlüsseln, nutzbar zu machen. Er sieht den Blitz und entdeckt den Strom. Er schaut auf das kochende Wasser und sieht plötzlich nicht mehr nur Dampf, sondern eine Energiequelle zum Betreiben von Maschinen. Im Innern der Erde vermutet er nicht mehr den Teufel, sondern Kohle und Eisenerz.

Auch wenn wir Pyramiden und Zikkurate, die Tempel Griechenlands und die Thermen Roms, die gotischen Dome und die Städte der Renaissance zu Recht bewundern, so entstanden doch 99 Prozent des heute gemessenen menschlichen Wohlstandes und dessen Basis– der Verbrennungsmotor und das Auto, die drahtlose Kommunikation, die Agrarchemie, die Produkte von Pharma- und Chemieindustrie, die Beherrschung von Licht und Welle– in weniger als einem Prozent der Menschheitsgeschichte.